(Fortsetzung und Schluß)
Von Karl Münch
Die »Philosophie der Erziehung«1) beweist uns, daß der seelische Abstieg für jeden Menschen eine naturgesetzliche Notwendigkeit ist. So muß der gottverlassene, weil unvollkommene Selbsterhaltungswille in jedem Menschenkind zunächst sein Herrschaftsgebiet über das Bewußtsein ausdehnen. Diese Versklavung ist eine notwendige Voraussetzung, um später die Freiwilligkeit der Entscheidung für oder gegen das Göttliche zu wahren. Wäre der Zustand dieser Unterjochung nicht irgendwann gegeben, wie sollte es dann jemals zu einer Entscheidung in freier Wahl für den Leitstern der Genialität kommen? Natürlich ist diese Freiheit ein Wagnis. Nicht wenige Menschen finden auf den Weg zur Heimkehr zum Göttlichen nicht zurück, dem sie in frühen Kindertagen schon so nahe waren, wenn auch nur unbewußt. Mathilde Ludendorff hat für diesen vielschichtigen Vorgang, bei dem sich der unvollkommene Selbsterhaltungswille zwischen das Ich der Seele und das Erleben des Göttlichen schiebt, ein anschauliches Bild gewählt: Sie schildert es als den Bau von Kerkermauern, die das Ich mehr und mehr umschließen. Allmählich werden die Mauern höher und dichter, bis schließlich das Ich von diesem Gefängnis vollständig in Enge umschlossen wird. Da von dieser Einkerkerung das Ich als Ganzes betroffen ist, wird es natürlich nicht nur von einem der göttlichen Wünsche abgeschnitten. Es verkümmert das Erleben des Wunsches zum Schönen ebenso wie das des Wunsches zum Guten. Auch das göttlich ausgerichtete Fühlen von Liebe und Haß bleibt hiervon nicht verschont. Wir werden im Rahmen dieser Abhandlung jedoch nur das Schicksal des göttlichen Wunsches zum Wahren betrachten können.
In Bezug auf den Wahrheitswunsch bemächtigt sich der unvollkommene Selbsterhaltungswille zunächst des Handelns und des Denkens. Unter dem Ziel, Leid abzuwehren und Lustempfinden für sich selbst zu vermehren, befiehlt er je nach Erfordernis ein Lügenwort, eine verstellte Mimik oder gar eine Tat, die die Umwelt täuschen soll. Dies geschieht in enger Verbindung mit den Denkleistungen der Vernunft, die nun auch in den Dienst der Lustverklavung gestellt werden. Sie soll ersinnen, wie der Selbsterhaltungswille am leichtesten seine Befriedigung erfährt. Und so muß auch die Aufmerksamkeit unter das Joch dieses Willens gezwungen werden. »Der Selbsterhaltungswille läßt nämlich die Aufmerksamkeit nur dann die Erscheinung oder ein innerseelisches Erlebnis belichten, wenn das Denken ,Zweck' hat, einen ,Nutzen', eine Lust verspricht oder ein Leid abwehrt.« So Mathilde Ludendorff. Und weiter: »Steht dies weder unmittelbar noch mittelbar in Aussicht, so wird das Denken gar nicht angewandt, die Aufmerksamkeit belichtet diese ,Aufgabe' nicht, und auf die Weise wird die Erkenntnis der Wahrheit mehr und mehr nur eine Möglichkeit.«2) Mathilde Ludendorff spricht sogar davon, daß dieser Zweckdienst die Vernunft allmählich mehr und mehr »verblödet«, da die unter den lustversklavten Selbsterhaltungswillen gezwungene Aufmerksamkeit eine Zuwendung der Gedanken zu solchen geistigen Aktivitäten unterbindet, die nicht unmittelbar seinen Gelüsten nützen.
Doch damit nicht genug. Schließlich bemächtigt sich der unvollkommene Selbsterhaltungswille auch noch des Denkens, indem die von ihm beherrschte Vernunft nach Scheinbeweisen sucht, die dem Ziel der Lustmehrung und Unlustvermeidung dienen. »Diese Tücken sperren das Ich immer rücksichtsloser von dem Wunsch zur Wahrheit ab, und im Verein mit jener Zweckverblödung machen sie ein wahres Wirrsal gottvergessener Verlogenheit aus der Vernunft, die der Wahrheit zu dienen hätte.«3) Endlich werden auch die Gefühle gegen den Wunsch zum Wahren abgeschirmt. Haß richtet sich nun nicht mehr im gottnahen Sinne gegen Unwahrheit und Heuchelei, sondern wird allein gegen das geleitet, was sich dem lustversklavten Selbsterhaltungswillen und seiner Befriedigung entgegenstellt. Genauso verhält es sich auch mit der Liebe. Sie wendet sich nur dem zu, was Lust verschafft bzw. Leid vermeiden hilft. Klares Denken wird hierdurch unterbunden, denn die Anwendung der Logik wird durch diese Gefühlsaufwallungen erschwert, sofern sie nicht schon ohnehin im Dienste der Lustversklavung steht.
Dann werden auch noch Vorstellungs- und Einbildungskraft in den Dienst genommen. Sie beflügeln normalerweise zu vielfältigem Erleben. »Der gottverlassene Selbsterhaltungswille«, so Mathilde Ludendorff, »der in seinem stumpfen Wollen gar manchmal gehemmt und gehindert wird durch das einbildungsreiche Träumen und die lebhafte Vorstellungskraft, darf nicht zulassen, daß das Ich sich solchem Können hingibt. Er duldet nicht dies Walten der Vernunft und will es nur für die seltenen Fälle verwerten, in denen keiner seiner Wünsche gefährdet, ja, wohl gar einer seiner Wünsche gefördert werden kann. Dadurch verarmt nun das Ich unendlich. So darf allmählich die Einbildungskraft nur noch das ausmalen, was ein Lusterleben vorspiegelt, die Vorstellungskraft nur noch das vorstellen, was ,Zweck' hat.«4)
Wir wollen es an dieser Stelle mit den Kerkermauern bewenden lassen, die der unvollkommene Selbsterhaltungswille auf der Ebene des Bewußtseins errichtet. Es sei allerdings noch erwähnt, daß dieser Wille mit Hilfe der Vernunft auch auf der Stufe des Unterbewußtseins sein Treiben entfaltet. Der ehrliche Ausdruck von Gefühlen und Empfindungen weicht einer verbergenden oder verstellten Mimik und Gestik, die mit dem Ziel aufgesetzt wird, Mitmenschen über das wahre Innere zu täuschen. Auch in Bezug auf das Rasseerbgut im Unterbewußtsein legt sich die vom unvollkommenen Selbsterhaltungswillen beherrschte Vernunft Mißdeutungen oder Zerrbilder zurecht. Und wo dies für die Ziele der Lustversklavung nicht erfolgversprechend ist, befiehlt dieser Wille ein Zuwiderhandeln oder Abwerten dieser Stimme aus dem Unterbewußtsein.
Doch genug der Theorie. Wir brauchen Beispiele, um uns die Auswirkungen solcher Verstöße gegen den Wahrheitswillen greifbar zu machen. Mathilde Ludendorff hat sie uns in der vielfältigen Gestalt der »Totenmasken« in ihrem Werk »Selbstschöpfung« auf beeindruckende Weise vor Augen geführt.5) Dabei fällt auf, daß selbst die dort beschriebenen Archetypen niemals an der Verkümmerung nur eines göttlichen Wesenszuges allein leiden. Immer ist es das Ineinandergreifen des Verlustes mehrerer Wesenszüge des Göttlichen, das zu dem jeweiligen Erscheinungsbild der seelischen Abgestorbenheit führt. Manches in ihrer Beschreibung mag uns nicht mehr ganz zeitgemäß erscheinen, aber wenn wir näher hinter die seelischen Ursachen blicken, läßt sich schnell erkennen, wie zeitlos die Bilder sind. Die Anlässe mögen sich gewandelt haben, die Ergebnisse sind die gleichen geblieben.
Noch immer treffen wir jenen »In-Feigheit-Verendeten«.6) Er wurde von der Philosophin einst als Menschen beschrieben, dem es an »Zivilcourage« fehlt. Unter dem Eindruck des Ersten Weltkrieges beschreibt sie diese Typen als jene Heldennaturen, die zwar im bewaffneten Kampf ihre »heldische Weihe« empfingen, aber im Frieden um des Daseinskampfes willen ihren heldischen Stolz zertraten. Was dies mit dem Wunsch zum Wahren zu tun hat? Nun, Mathilde Ludendorff bemerkt aus der Sicht des Jahres 1923, daß der Krieg von 1914-1918 »viele Jahre lang mit Waffen, dann mit Geld und List geführt« wurde. Und an dieser Umstellung vom bewaffneten Kampf auf den Listkrieg sind jene Naturen gescheitert. Wir lesen: »Sie schreiten durch das Helreich mit heldischen Schritten und heldischem Antlitz. Wir möchten sie ehren. Aber wenn wir ihnen länger in das Gesicht sehen, entdecken wir ein erschlagenes Auge. Sie verendeten im Frieden an der Feigheit, «7)
Der Listkrieg ist heute keinesfalls vorbei. Er wird unverändert nicht nur gegen unser Volk geführt, sondern gegen alle Völker der Erde. Die Zerstörung der Völkervielfalt als seelischer Urgrund aller gehaltvollen Kultur und damit Ausdruck der Mannigfaltigkeit göttlichen Erlebens ist Zweck dieses Kampfes. Die vom lustverklavten Selbsterhaltungswillen erdachten Dogmen und Ideologien wollen ihren Sieg gegen die transzendenten Werte davontragen. Statt aus dem göttlichen Erleben gestalteter Kunst mit geistiger Tiefe setzen sie an ihre Stelle die seelenlose, verarmte Massenkultur und hohlen Phrasen und geben statt geistiger Freiheit nur ihren engstirnigen Dogmenglauben. Aus freien und eigenständigen Menschen sollen unmündige und hilflose Sklaven werden. Zur Erreichung dieses Zieles ist den herrschsüchtigen Priestern und Ideologen jedes Mittel recht. Man muß nicht großartig betonen, daß die Wahrheit in diesem Kampf an vorderster Front den Angriffen durch die Lüge ausgesetzt ist. Nicht selten triumphiert in diesem Kampf das Widergöttliche über das Göttliche. Oft geschieht dies, weil geglaubt wird, man müsse den Gegner »mit seinen Waffen schlagen«. Dies gilt dem so Handelnden noch als vermeintlicher Sieg, den man davongetragen habe. Daß die Wahrheit dabei auf der Strecke bleibt, wird dann allenfalls am Rande zur Notiz genommen und als notwendiges Übel, als Preis des ausgefochtenen Kampfes betrachtet.
Vor der »Moral des Lebens«, wie sie in der Philosophie Mathilde Ludendorffs beschrieben ist, kann solches Verhalten jedoch nicht bestehen, denn hier wird » die Wahrhaftigkeit in ihrer restlosen, in ihrer absoluten Erfüllung allem in der Menschengemeinschaft herrschenden Lug, Trug und List gegenübergestellt. Es entspricht dabei dieser Moral, daß sie ,Ausnahmefälle', in denen eine Unwahrhaftigkeit zu rechtfertigen sei, vor allem auch die ,altruistische' Lüge zum Wohle des anderen ablehnt! im Reiche des Absoluten schmelzen alle die so beliebten Entschuldigungen, wonach Unwahrheit wegen der allseits herrschenden Verlogenheit der Volksgemeinschaft und der Völker untereinander notwendig sei, vor der Sonne göttlicher Ausschließlichkeit dahin.«8) Auch all jene Einwände, nach denen man allein mit der Wahrheit nicht weit komme, verweist die Philosophin zu den bequemen Schutzbehauptungen. »Denn Unwahrheit meiden ist ja mit Klugheit und Lebenserfahrung gepaart ein besserer Schutz vor Gefahr, als Lüge es je sein könnte. Sie täuscht nur so lange, als ihr Sprecher noch unberechtigtes Vertrauen genießt. Von dem Augenblicke an aber, da er in seiner Unwahrhaftigkeit erkannt ist, ist diese nicht nur eine Schlechtigkeit, nein, zugleich eine große Dummheit! Denn wie sollte sich solche Unwahrheit des als Lügner Erkannten überhaupt noch auswirken können, da er das Vertrauen zu sich schon längst zerstört hat und wie zu tauben Ohren spricht? Nein, die Tatsachen sind derart, daß auch in der verkommensten und allseitig verlogensten Umwelt, die sich ununterbrochen gegenseitig Lügen vorschwatzt und meist vergeblich versucht, sich hiermit gegenseitig zu überlisten, der Wahrhaftige sich erhalten kann. Wenn er seine Vertrauensseligkeit Unwürdigen gegenüber längst abstreifte und seine mit Klugheit gepaarte restlose Hingabe an den Willen zur Wahrheit innehält, so muß er dies nicht mit einer ,Unfähigkeit, sich durch das Leben zu helfen', büßen!«9)
Der Dichter Friedrich Hebbel formulierte: »Was du teurer bezahlst, die Lüge oder die Wahrheit? Jene kostet dein Ich, diese höchstens dein Glück!« Das Benutzen von List und Lüge führt zu einer Verkümmerung der Gottkräfte im Ich. Trefflicher als in diesem Dichterwort kann man den an sich selbst begangenen Seelenmord kaum zusammenfassen.
Wie heilsam sich die Wahrheit im Verkehr mit der Umwelt auswirken kann, wurde schon in dem vorhergehenden Abschnitt angedeutet. Doch die Philosophie Mathilde Ludendorffs zeigt, daß es hiermit nicht getan ist. Sie richtet den Blick auch auf die »bisher von den Morallehren der Menschen sehr vernachlässigte Wahrhaftigkeit gegenüber der eigenen Seele«.10) Denn, wie sie betont, führt jeder göttliche Wunsch, der nicht vollständig erfüllt wird, zu einer Schwächung des Ichs. »Die göttlichen Wünsche sind Offenbarungen des Jenseits, des Wesens der Schöpfung, Gottes, in dem Ich der Menschenseele und lassen sich nicht ,relativ' auf irgendeinen Teil der Ereignisse anwenden, auf einen anderen wieder nicht! Werden sie nicht ,absolut' von der Menschenseele in allen Fällen erfüllt, so ermatten sie im Ich der Seele.«11) So muß der Wille zur Wahrheit nicht nur gegenüber der Umwelt kompromißlos gelebt werden, sondern auch die Selbsteinsicht gegenüber der eigenen Seele muß bei der Prüfung des Denkens und Handelns vor dem absoluten Wunsch nach Wahrhaftigkeit Bestand haben. Eine Halbherzigkeit auf der einen oder anderen Seite führt seelengesetzlich zu einer Schwächung des Wahrheitswillens insgesamt.
Wird dieser Wille jedoch gelebt, ist er Hilfe zur Selbstveredlung des Menschen. Mathilde Ludendorff schreibt hierzu: »Jene allmähliche Veredlung durch Selbstprüfung in Stunden der Sammlung, die die Kraft der Charaktereigenschaften durch das Richten von Haß und Liebe auf sie wandelt und das Gewissen veredelt, ist bei dem Menschen meist der jugendliche Beginn im Aufstieg, die allmähliche Befreiung aus den Kerkermauern, welche die der Lustgier und Leidangst versklavte Seele sich selbst errichtet hat. Es läßt sich leicht erkennen, daß eine starke, unerbittliche, unbestechliche Wahrhaftigkeit hierbei zuverlässige Hilfe sein kann.«12) Aufstieg bedeutet hier nicht weniger als die allmähliche Befreiung von der Herrschaft des unvollkommenen Selbsterhaltungswillens bis hin zur Selbstschöpfung.
Natürlich erfordert die Bereitschaft zu einer solchen aufrichtigen und kompromißlosen Selbsteinsicht Mut. Doch gleichzeitig sind damit auch alle Hilfskonstruktionen, die die Vernunft sich zimmert, als feige Halbheiten entlarvt. Eine Trennung etwa in privates und berufliches Verhalten gibt es nicht. Wer bereit ist, im Daseinskampf die Forderungen der Genialität zu verraten, wird diesen Verrat früher oder später auch an anderer Stelle begehen. Die irrfähige Vernunft, unter die Kuratel des unvollkommenen Selbsterhaltungswillens gestellt, würde ihn erbarmungslos betrügen. Aber welcher Mut ist hier gefordert? Für den von der Sehnsucht nach dem Einklang mit dem Göttlichen Durchdrungenen ist der Verzicht auf jene Vorteile, die der zweckversklavte Daseinsstreiter gegenüber ihm erwirbt, kein wirklicher Verlust. Er sammelt seine Schätze im Jenseits und nicht durch die Mehrung von Besitz oder anbiedernde Liebedienerei. Ihm bedeutet all das nichts, was durch einen Verrat am Göttlichen erworben wurde. Und auch die Angst, als vermeintlich Verlorener in einer Welt von Lug und Trug untergehen zu müssen, ist unbegründet, wie uns die »Moral des Lebens« lehrt. Denn der vom Erleben des Jenseits geleitete » wird allmählich zu seiner Überraschung erfahren, daß die Unwahrhaftigkeit auch in allem Daseinswirken vollkommen gemieden werden kann, besonders, da es sich ja mit der Moral des Lebens so gut vereinigen läßt, die Augen sehr wachsam zu halten für List und Verlogenheit der anderen.« Weiter schreibt Mathilde Ludendorff: »Gerade unser unerbittlicher Dienst im Wunsche zur Wahrheit schärft unseren Blick in ganz wunderbarem Grade für alles Gemachte, alles Listige, alles Verlogene. Wir erkennen den flackernden Blick der plappernden Toten. Wir erkennen das Unwahrhaftige, wo es uns entgegentritt, und sind ihm überlegen. So sind wir ganz und gar nicht dem listigen Spiele der anderen preisgegeben, das seinen berechneten Sinn einbüßt, wenn es durchschaut wird. Wachsamkeit, Schweigsamkeit, Klugheit, Lebenserfahrung, Voraussicht, Weisheit paaren sich gern und willig mit dem göttlichen Willen zur Wahrheit. Wehrlos sind wir also wahrlich nicht; Sieg über List und Lug gelingt uns oft dabei, so schreiten wir aufrecht zur Höhe.«13) Es ist also keine Frage des Mutes, den heiligen Willen zur Wahrheit unbeirrt zu leben. Das Göttliche selbst in seiner gelebten Klarheit ist Waffe und Schild gegen die Unbill in einer gottwidrigen, ja bisweilen gottfeindlichen Umwelt. Und allein dieser vorbehaltlos gelebte Wahrheitswille, der unbestechlich gegen den Wankelmut des Selbsterhaltungswillens bleibt, kann auch Wandel in der Umwelt schaffen, indem er durch sein Beispiel befruchtet.
Und vor noch einem Selbstbetrug schützt der Wille zu klarer Wahrhaftigkeit. Es gibt keine »altruistische« Lüge oder Lüge zu einem guten Endzweck, die von der Moral des Lebens gedeckt wäre. Sie gründet sich entweder auf eine falsch verstandene Menschenliebe, die nicht an den Forderungen der Genialität ausgerichtet ist. Oder sie mißachtet jene Einsicht, nach der allein das Göttliche in seiner unbeirrt gelebten Absolutheit auf die Mitmenschen in positivem Sinne wirken kann.
Es gibt ein Sprichwort, das die vorgenannten philosophischen Überlegungen auf treffende Weise zusammenfaßt. Es lautet: »Selbsterkenntnis ist der erste Weg zur Besserung!«
Wir sind am Ende unserer Betrachtungen über den göttlichen Willen zur Wahrheit angelangt. Nun können wir die Bedeutung jener schlichten, aber von moralischer Tiefe geprägte Feststellung Friedrich v. Schillers ermessen, die er im Frühsommer des Jahres 1789 seinen Jenenser Studenten zurief: »Und was hat der Mensch dem Menschen Größeres zu geben als Wahrheit«! Das Werk Mathilde Ludendorffs hat dieser Ahnung ihre philosophische Begründung gegeben.
In der un- und unterbewußten Natur ist der Wille zur Wahrheit auf vollkommene Weise verwirklicht. Erst dem Menschen als freies und vernunftbegabtes Wesen ist es gegeben, mit seinem Denken im Forscherdrang den Wunsch nach Wahrheit bewußt zu erfüllen. Gleichzeitig hat er die Möglichkeit, befreit von den Zwangsinstinkten der unterbewußten Lebewesen, im Bewußtsein seiner selbst Wahrhaftigkeit walten zu lassen: Wahrhaftigkeit im Verkehr gegen andere und Wahrhaftigkeit im Urteil über sich selbst. Dabei erkennen wir, daß diese Wahrhaftigkeit nicht teilbar ist. Eine Unwahrheit bleibt eine Unwahrheit, egal ob sie mit einem guten oder schlechten Vorsatz gedacht wurde. Und genauso läßt sich die Wahrheit nicht zwischen seelischem Innenleben und dem Auftritt nach außen aufspalten. Ein Verrat an der Wahrheit zieht unweigerlich den anderen nach sich. Wer den Mitmenschen belügt, wird über kurz oder lang auch unehrlich gegen sich selbst sein und umgekehrt. So entlarvten wir all jene Versuche des unvollkommenen Selbsterhaltungswillens, sich durch Vernunftwerk eine Moral zu schaffen, die eine Aufweichung der Wahrhaftigkeit, sei es zur Erleichterung des Daseins oder vermeintlicher »höherer« Ziele, richtig heißen will.
Damit wurde uns die unbedingte, am Göttlichen ausgerichtete Wahrhaftigkeit, gepaart mit Klugheit und Lebenserfahrung ein wichtiger Wegbereiter zur eigenen seelischen Vervollkommnung, nämlich unser Denken, unser Fühlen und unser Handeln in Einklang zu setzen mit dem Göttlichen.