Der göttliche Wunsch zum Wahren

Von Karl Münch

»Schwächlinge müssen lügen,
sie mögen es hassen, wie sie wollen.
Ein Drohblick treibt sie mitten ins Lügengarn.«
Johann Paul Friedrich Richter alias »Jean Paul«

Gewöhnlich bezeichnen wir als wahr, was mit der Tatsächlichkeit übereinstimmt. Es ist also wahr, daß ein Mark-Stück und noch ein Mark-Stück zwei Mark ergeben. Es ist wahr, daß der Leser diesen Aufsatz vor sich liegen hat. Auch ist es eine erwiesene Wahrheit, daß sich die Erde um die Sonne dreht. Doch schon an dieser Stelle begegnen wir den Schwierigkeiten, die Wahrheiten machen können. Noch vor geschichtlich nicht allzu langer Zeit wurde diese Wahrheit trotz vorliegender Beweise von der kirchlichen Inquisition auf das entschiedendste geleugnet und solche Forscher, die dennoch bei der Wahrheit blieben, mit Folter und Tod bedroht.

Beim Menschen hat die Wahrheit aber auch eine innere Seite, die das persönliche Seelenleben betrifft. So betet der gläubige Christ: »Ich glaube an … Jesus Christus … empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria … am dritten Tage auferstanden von den Toten, aufgefahren in den Himmel …« usw.1) Damit nimmt er als übereinstimmend mit der Tatsächlichkeit Dinge an, die nach gesichertem Wissen nicht der Wahrheit entsprechen können: Zur Zeugung eines Kindes bedarf es der Zusammenführung einer männlichen Samenzellen und der im weiblichen Körper zur Reife gelangten Eizelle. Der biologische Tod ist ein endgültiger und nichts kann einen gestorbenen Menschen wieder zum Leben erwecken. Werden hier Wahrheiten mehr oder weniger bewußt ignoriert, so gibt es schließlich noch den bewußten Widerpart der Wahrheit: die Lüge. So etwa, wenn das Kind von der Mutter gefragt wird, ob es vom Kuchen genascht habe und mit einem Nein antwortet, obwohl ihm der süße Geschmack im Mund noch gegenwärtig ist.

Die Feststellung, daß Wahrheit die objektive Übereinstimmung mit dem Tatsächlichen ist, kann man also recht schnell treffen. Doch in dem Augenblick, in dem man den Menschen mit den Bewußtseinsfähigkeiten seiner Seele einbezieht, wird die Sache schwieriger. Aufgrund seiner durch das Bewußtsein bedingten Willensfreiheit ist der Mensch in der Lage, auf die aus der Umwelt empfangenen Eindrücke mit verschiedenartigsten Willensäußerungen zu antworten. Und in seinem Ich der Seele hat er sogar die Möglichkeit, an der Genialität – am Göttlichen – durch Erleben bewußt teilzuhaben.

Mathilde Ludendorff nennt die Formen, in der sich diese Genialität im Ich widerspiegelt, das Erleben der »Göttlichen Wünsche«. Es sind dies die zeit-, raum- und ursachlos, also spontan im Ich aufblitzenden Wünsche zum Guten, zum Schönen und – zum Wahren. Weil ihr Charakter von raumzeitlichen Bedingungen losgelöst ist und dieses Wünschen, sofern es denn wirklich aus dem Ich kommt, ohne Nutzen- und Zweckgedanken verfolgt wird, nennt sie dieses Wünschen auch ein »absolutes«. Selten sind jedoch jene Menschen, die ihr Denken und Handeln im Leben allein an diesen, dem Ich entspringenden Wünschen ausrichten. Weit häufiger sind Zeitgenossen anzutreffen, die noch mit dem Widersacher ihres Ichs, dem unvollkommenen, allein auf Lustgewinn und Leidvermeidung ausgerichteten Selbsterhaltungswillen ringen oder gänzlich von diesem beherrscht werden. »Wahrheit«, fragen sie, »was nützt sie mir, wenn ich kein Kapital daraus schlagen kann?«

Wenden wir uns also nicht nur der philosophischen Frage nach der Wahrheit zu, sondern vor allem ihrem Schicksal in Verbindung mit dem Bewußtsein der Menschenseele.

Entwicklungsgeschichtliches Werden des Wunsches zum Wahren

Während der Milliarden von Jahren dauernden Entwicklungsgeschichte des Weltalls nimmt die Zeitspanne, seit der Mensch als einziges Bewußtsein dieses Universums die Bühne des Geschehens betreten hat, einen verschwindend geringen Teil ein. Schönheit durchzieht das Weltall von Beginn an. Wir finden sie verwirklicht in der Tiefe des Weltraums mit seinen Galaxienansammlungen, den Sternensystemen, in denen die Sonnen von Planeten in fester Gesetzmäßigkeit umkreist werden, und sehen auf der Erde nicht nur die großen Landschaftsbilder der Natur von ihr durchdrungen, sondern auch die Kleinodien der Pflanzen und Gesteine; ja selbst im Bauplan der Materie sehen wir sie angelegt. Wahrheit drückt sich in diesem unbewußten Stadium der Schöpfung als eine Selbstverständlichkeit aus: Alles Seiende ist, was es ist – und erfüllt somit in Vollkommenheit den göttlichen Wesenszug der Wahrhaftigkeit.

Erst als die unterbewußten Lebewesen entstehen, treten Willensäußerungen – wenngleich hier noch in der Form zwanghafter Instinktreaktionen – als gestaltende Antworten auf die Umwelt vermehrt in Erscheinung. »Aber ebenso, wie wir behaupten durften, daß alle Lebewesen unbewußt sich so schön gestalten, wie es nur eben die Selbsterhaltung zuläßt«, schreibt die Philosophin, »so sind sie so wahrhaftig, so ,echt', wie es der Kampf um das Dasein gestattet. List und Verstellung sehen wir nur als Retter aus der Todesnot verwertet. Und ganz ähnlich, wie die häßlichen Tiere die seltenen sind, sind auch die listigen die Ausnahmeerscheinung. Der vom menschlichen Standpunkt aus brutale, selbstische Kampf ums Dasein zeigt sich bei jedem Tier gewöhnlich ohne einen Versuch der Verhehlung der Absichten … Kurz, es zeigt sich bei allen lebenden Wesen – mit den seltenen Ausnahmefällen der List in der Todesnot – eine Übereinstimmung der Beweggründe mit dem Verhalten. Deshalb sind wir berechtigt zu sagen: Der Wunsch zur Wahrheit äußert sich als unbewußter Wesensbestandteil aller Lebewesen durch die Übereinstimmung der Willensantriebe mit dem wahrnehmbaren Gebaren.«2)

Mit den Eintritt des Menschen in die Schöpfung ist diese in der Natur herrschende Einheit zerstört. Um den Preis des Bewußtseins, die Willensfreiheit bedingt, war sie aufgegeben worden.

Anders als der Wunsch zum Guten, der sich an das Handeln wendet und der Wunsch zum Schönen, der die Wahrnehmungen anruft, zeigt der Wunsch zum Wahren eine tiefe Verflechtung mit dem Denken und der Vernunft. So trat dieser göttliche Wunsch in den Anfängen der Menschwerdung nur sehr matt in Erscheinung und zeigte zunächst noch eine große Nähe zu den Wünschen des Daseinskampfes. Ein Erkennen der Gesetze, nach denen die Umwelt funktioniert, bringt Erleichterung im täglichen Leben. Doch je größer der Erfahrungsschatz wurde, den die Menschheit im Laufe ihrer Geschichte ansammelte, um so mehr vervollkommnete sich das Vermögen der Vernunft, die Denkgesetze der Logik anzuwenden. Und so begann die Gelöstheit dieses Wunsches vom Zweckdenken erst allmählich klarer in Erscheinung zu treten. Es gibt jedoch ein weiteres Merkmal für die Wurzel des Wahrheitswunsches im Reich des Absoluten, denn »… er ist durchaus nicht … auf die Hilfe der Vernunft allein angewiesen. Ganz im Gegenteil«, fährt Mathilde Ludendorff fort, »erlebt er seine tiefsten Erkenntnisse nicht durch sie, sondern durch die innere Wahrnehmung, das Erlebnis des Ichs, das wir Intuition oder schöpferische Schau nennen. Zur reichsten Entfaltung gelangt dieser Wunsch nach Erkenntnis der Wahrheit nur dann, wenn die Vernunft hoch entwickelt, die Denk- und Urteilskraft also kristallklar, aber die schöpferische Schau kraftvoll ist.«3)

Wir haben uns bis jetzt nur einem Teilgebiet zugewandt, auf dem der Wunsch zum Wahren seine Wirkung entfaltet. Neben dem Sehnen nach Erkenntnisgewinnung über die Umwelt erstrebt dieser göttliche Wunsch aber auch Wahrheit und Klarheit über das Seelenleben. Die »Genialität des Denkens« fordert dabei die innere Wahrhaftigkeit, also die ungeschminkte Prüfung in Selbsterkenntnis und in der Erkenntnis über andere Mitmenschen. Mit Mathilde Ludendorff können wir daher feststellen: »Der Wunsch zur Wahrheit ist also der Wunsch, immer mehr Vorstellungen zu besitzen und anderen zu geben, die sich mit dem Tatsächlichen decken, und hierdurch in das Wesen der Dinge einzudringen. Die Sehnsucht nach solcher Erkenntnis durch das Denken ist aber nicht etwa auf das Erkennen der Gesetze der Erscheinungswelt (…) und das Erkennen des innersten Wesens des Lebens (…) beschränkt, sondern wünscht auch die Übereinstimmung der Vorstellungen über die eigene Seele, die wir und andere von uns haben, mit dem Tatsächlichen. Sie erstrebt Selbsterkenntnis und ,Echtheit' – im Gegensatz zur Heuchelei und Verstellung – und Wahrhaftigkeit in Wort und Tat gegenüber den andern.«4)

Diese Wahrhaftigkeit gegen sich selbst ist es, auf die in der »Moral des Lebens« eine herausragende Bedeutung fällt. Mögen Unwahrhaftigkeit, Lug und Trug unter den Menschen zu den gottfernen und gottwidrigen Erscheinungen im Leben gehören. Ungleich schwerer für das persönliche Seelenschicksal wiegt nicht etwa die Opferrolle, sondern die Täterschaft des Lügners und Betrügers selbst. Wir wollen dies im nächsten Abschnitt eingehender beleuchten.

(wird fortgesetzt)


Fußnoten:

  1. Das gemeinsame Glaubensbekenntnis der westlichen christlichen Kirchen in seiner Fassung von 1971: »Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde, und an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn, unsern Herrn, empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria, gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben, hinabgestiegen in das Reich des Todes, am dritten Tage auferstanden von den Toten, aufgefahren in den Himmel; er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters; von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten. Ich glaube an den Heiligen Geist, die heilige katholische/christliche/allgemeine christliche Kirche, Gemeinschaft der Heiligen, Vergebung der Sünden, Auferstehung der Toten und das ewige Leben. Amen.« (zitiert nach: Schweer, Thomas u. Braun, Stefan, Religionen der Welt, 3. Aufl., München 1995, S. 302
  2. Ludendorff, Mathilde, Triumph des Unsterblichkeitwillens, Pähl 1983, S. 182
  3. Ludendorff, Mathilde, Triumph des Unsterblichkeitwillens, Pähl 1983, S. 179 f.
  4. Ludendorff, Mathilde, Triumph des Unsterblichkeitwillens, Pähl 1983, S. 180