Die augenblicklichen katastrophalen Überflutungen ganzer Landstriche in Deutschland und das damit einhergehende Leid der Menschen – ausgelöst durch die rigorosen Eingriffe und Belastungen der Natur – müßten nun endlich, endlich ein verändertes Verantwortungsbewußtsein möglich werden lassen. Gedanken dazu schrieb schon im Juli 1979 der Philosoph Hans Jonas nieder, für die er zwar weltweit Anerkennung erlangte, aber die Trägheit der Institutionen, die Abhängigkeit der Politiker und die Gedankenlosigkeit aller waren, wie meistens, das große Hemmnis. Ich zitiere aus:
Versuch einer Ethik für die technologische Zivilisation
von Hans Jonas
| Ungeheuer ist viel, und nichts |
| ungeheurer als der Mensch. |
| Der nämlich, über das graue Meer |
| im stürmenden Süd fährt er dahin, |
| andringend unter rings |
| umrauschenden Wogen. Die Erde auch, |
| der Göttlichen höchste, die nimmer vergeht |
| und nimmer ermüdet, schöpfet er aus |
| und wühlt, die Pflugschar pressend, Jahr |
| um Jahr mit Rössern und Mäulern. |
| Leichtaufmerkender Vögel Schar |
| umgarnt er und fängt, und des wilden Getiers |
| Stämme und des Meeres salzige Brut |
| mit reichgewundenem Netzgespinst – |
| er, der überaus kundige Mann. |
| Und wird mit Künsten Herr des Wildes, |
| des freien schweifenden auf den Höhen, |
| und zwingt den Nacken unter das Joch, |
| den dichtbemähnten des Pferdes, und |
| den immer rüstigen Bergstier. |
| Die Rede auch und den luft'gen Gedanken und |
| die Gefühle, auf denen gründet die Stadt, |
| lehrt er sich selbst, und Zuflucht zu finden vor |
| unwirtlicher Höhen Glut und des Regen Ge- |
| schossen. |
| Allbewandert er, auf kein Künftiges |
| geht er unbewandert zu. Nur den Tod |
| ist ihm zu fliehen versagt. |
| Doch von einst ratlosen Krankheiten |
| hat er Entrinnen erdacht. |
| So über Verhoffen begabt mit der Klugheit |
| erfindender Kunst, |
| geht zum Schlimmen er bald und bald zum |
| Guten hin. |
| Ehrt des Landes Gesetze er und der Götter |
| beschworenes Recht – |
| hoch steht dann seine Stadt. Stadtlos ist er, |
| der verwegen das Schändliche tut. |
| Chorlied aus Sophokles' Antigone |
»Diese beklommene Huldigung an des Menschen beklemmende Macht erzählt von seinem gewaltsamen und gewalttätigen Einbruch in die kosmische Ordnung, von der verwegenen Invasion der verschiedenen Naturbereiche durch seine rastlose Klugheit; aber zugleich auch davon, daß er mit den selbstgelehrten Vermögen der Rede, des Denkens und des sozialen Gefühls ein Haus für sein eigentliches Menschsein erbaut – nämlich das Kunstgebilde der Stadt. Die Vergewaltigung der Natur und die Zivilisierung seiner selbst gehen Hand in Hand. Beide bieten den Elementen Trotz, die eine, indem sie sich in diese vorwagt und ihre Geschöpfe überwältigt, die andere, indem sie in der Zuflucht der Stadt und ihrer Gesetze eine Enklave gegen sie errichtet. Der Mensch ist der Schöpfer seines Lebens als eines menschlichen; er fügt die Umstände seinem Willen und Bedürfen, und außer gegen den Tod ist er niemals ratlos.
Dennoch ist ein verhaltener und sogar ängstlicher Ton in diesem Preislied auf das Wunder des Menschen hörbar und niemand kann es für unbescheidenes Prahlen halten. Was ungesagt, aber für damals selbstverständlich dahinter steht, ist das Wissen, daß aller Größe seiner schrankenlosen Erfindsamkeit ungeachtet der Mensch, gemessen an den Elementen, immer noch klein ist: eben dies macht seine Ausfälle in sie so verwegen und erlaubt es jenen, seinen Vorwitz zu dulden. Alle Freiheiten, die er sich mit den Bewohnern des Landes, des Meeres und der Luft herausnimmt, lassen doch die umgreifende Natur dieser Bereiche unverändert und ihre zeugenden Kräfte unvermindert. Ihnen tut er nicht wirklich weh, wenn er sein kleines Königreich aus ihrem großen herausschneidet. Sie dauern, während seine Unternehmen ihren kurzlebigen Lauf nehmen. So sehr er auch die Erde Jahr um Jahr mit seinem Pfluge plagt – sie ist alterslos und unermüdbar; ihrer ausdauernden Geduld kann und muß er trauen und ihrem Zyklus muß er sich anpassen. Und ebenso alterslos ist das Meer. Kein Raub an seiner Brut kann seine Fruchtbarkeit erschöpfen, kein Durchkreuzen mit Schiffen ihm Schaden tun, kein Abwurf in seine Tiefen es beflecken. Und für wie viele Krankheiten der Mensch auch Heilung finden mag, die Sterblichkeit selbst beugt sich nicht seiner List.
All dies gilt, weil vor unserer Zeit des Menschen Eingriffe in die Natur, so wie er selbst sie sah, wesentlich oberflächlich waren und machtlos, ihr festgesetztes Gleichgewicht zu stören. (Die Rückschau entdeckt, daß die Wahrheit nicht immer so harmlos war.) Auch ist weder im Antigone-Chorlied noch irgendwo sonst eine Andeutung zu finden, daß dies erst ein Anfang sei und daß Größeres an Kunst und Macht noch bevorstehe – daß der Mensch in einer endlosen Laufbahn der Eroberung begriffen sei. Gerade so weit ist er gegangen in der Bändigung der Notwendigkeit, gerade so viel hat er ihr durch seinen Witz abzuringen gelernt für die Menschlichkeit seines Lebens, und nachsinnend darüber überkam ihn ein Schauer über die eigene Verwegenheit.«
Die ethische Bedeutung betraf früher den direkten Umgang von Mensch zu Mensch. Ethik hatte mit dem Hier und Heute zu tun. Gut war, wer mit Tugend und Weisheit den zwischenmenschlichen Dingen im privaten wie öffentlichen Leben begegnete und sich im übrigen mit dem Unbekannten abfand. Durch die moderne Technik aber haben unsere Handlungen eine neue Größenordnung, mit neuartigen Objekten und neuartigen Folgen. Die Mahnung an den Einzelnen, die Gesetze zu ehren, sei heute nicht mehr genug. Wir müßten unser Umdenken über die Ethik auch ausdehnen auf die Metaphysik.
Heute gelte nicht mehr der Kantsche kategorische Imperativ: »Handle so, daß du auch wollen kannst, daß deine Maxime allgemeines Gesetz werde.« Dieser Imperativ war auf das Individuum gerichtet. Heute müßte er lauten: »Handle so, daß die Wirkungen deiner Handlungen verträglich sind mit der Permanenz« (ununterbrochenen Dauer) »echten menschlichen Lebens auf Erden.«
Durch das technische Eingreifen des Menschen sei die Natur sehr viel verletzlicher geworden, eine Verletzlichkeit, die nicht vermutet wurde, bevor sie durch Schaden erkennbar war. Man müsse heute die gesamte Biosphäre des Planeten als Ganzes und in Teilen in die Verantwortlichkeit mit einbeziehen, weil wir Macht darüber haben. In der früheren Ethik (außerhalb der Religionen) habe es dafür keinen Platz gegeben.
Auch die Unumkehrbarkeit unseres Tuns, im Verein mit ihrer Größenordung, führe einen neuartigen Faktor der moralischen Gleichung ein. Hinzu käme noch der kumulierende (summierende) Charakter: das anfängliche Handeln sei zunehmend verschieden vom Ergebnis. Das schon Geschaffene erzwinge immer neuen erfinderischen Einsatz. »Wenn nichts so gelingt, wie das Gelingen, so nimmt auch nichts so gefangen, wie das Gelingen.« Die Ausdehnung der Macht binde mehr und mehr die Kräfte des Menschen und sei »begleitet von einer Schrumpfung seines Selbstbegriffs und Seins«.
Das Zugrundegehen des Ganzen durch Taten der Menschen – seien sie nun gerecht oder ungerecht – seien eine Möglichkeit geworden. Fragen der Gesetzgebung, die früher nicht gegeben waren, treten nun auf.
Da die Taten mehr und mehr kollektiver (umfassender) Art seien und mehr die unbestimmte Zukunft als den zeitgenössischen Raum betreffen, müsse deshalb auch eine andere sittliche Forderung gelten, und das schon im Bereich des Herstellens – sie muß dies in Form der öffentlichen Politik tun! Das veränderte Wesen menschlichen Handelns verändere das Grundwesen der Politik.
Diese gerafften einführenden Sätze mit noch vielen interessanten und zu bejahenden Gedanken von Hans Jonas gibt es wie gesagt schon seit 1979. Nur wenig ist geschehen. Die Naturkatastrophen jetzt zeitigen eine großartige Welle der Hilfbereitschaft der Menschen untereinander. Der Wille zur schnellen Hilfe bei den Politikern ist auch vorhanden – aber der Wille zum verantwortlichen, vorausschauenden Handeln müßte noch größer sein als der Wille zur finanziellen Hilfe. Und vor allem der Mut zum Verzicht auf alles Machbare!
Heide Weiß