Von Agnes Miegel
Der warme Feldwind fährt sausend über den Kamm des langgezogenen Schlangenbergs. Der Laubwald rauscht über den tiefen, lehmigen Schluchten, über Schlehdorn und Haselgebüsch. Die rosaroten Pechnelken, die zarten Grashalme neigen sich am Hang, Tau tropft vom breiten Blatt des Frauenmantels. Noch dampft die warme Feuchte des Gewitterregens aus dem langen Roggenfeld, das in silbrigen Wellen bis an die Wiesen unten wogt.
Dort, wo sie sich breiten wie ein grünes Tuch, glitzerte einst der Spiegel des Drausensees. Weitab liegt er nun, verschilft und verwuchert, von Vogellärm durchkreischt, mummelüberwachsen. Keiner weiß, daß er einmal bis hier reichte, daß hier die letzte Haffbucht war. Damals, als die Nogat noch anders mündete, als alle kleinen Flüsse und Bäche hier vor Wasser überquollen und ein uraltes Tief die Nehrung in der Mitte zerschnitt.
Damals, als die hochbordigen, bunten Drachenschiffe der Nordleute von Schweden, von Bornholm und Gotland über See und Haff kamen und stromauf in diese Bucht ruderten, wenn von allen Hügeln Kind und Kegel ihnen entgegenlief und ihre Wimpel grüßte, wenn ihr Kiel knirschend zwischen den andern Booten und Fischerkähnen auflief, wo Muscheln, Fischreste, Algen und Schilfreste auf dem nassen Sand dunsteten. Frauen sahen vom Netzeflicken auf, Kinder sprangen wie kleine Frösche hin und her – und überall schrie den Nordleuten wohlvertraute Rede entgegen. Denn um die breite Drausenbucht, auf allen Hügeln bis tief in den Wald, stand Germanengehöft an Gehöft, hingen die Grützkessel überm runden Herd und tranken Gotenkinder die Milch aus den glatten, dunklen Töpfen, die ihre Väter brannten.
Unter den tiefen Reetdächern ging mit dem lieben Alltagsgeklöhne von Haus, Hof und Nachbar und allem, was die immer wiederkehrenden Seeleute von zu Hause Neues berichteten über Tod, Geburt, Fischfang und Fahrt, das bunte Gefabel der Waterkant, der Skandinavien und Irenmeer vertrauter waren als Rom es ahnte. Das Rom der Cäsaren, von dem man sich Wunderdinge erzählte an dieser Bucht – ein Gespinst aus wilden Seemannsabenteuern, aus dem Geprahle fremder Bernsteinhändler, die auf dem Landweg vorüberzogen nach dem Eschengebirg oder den Stromschnellen und von einheimischen Prophezeiungen, Werwolfmärchen und Gespenstergeschichten.
Eine Mischung wurde das, an der man sich in der hellen Vorfrühlingszeit, wenn man untätig wartete, daß das Eis endlich aufging, und Nacht für Nacht die Schwäne und wilden Gänse, Kraniche und Reiher schreien hörte, schlimmer betrank als an frischem Birkenmet und altem Honigschnaps. Bis all diese blonden, starken, gesunden Menschen davon erfaßt wurden wie ein Bienenvolk vom Schwarmfieber.
Ein Mißwachsjahr, ein Hungerwinter mit wenig Schnee und spätem Frost, ein schlechter Fischzug unterm Wintereis eine mit angstverstörten Flüchtenden gekommne Schauermär von gräßlichen, reitenden Feldgeistern von Osten, deren Pfeile töteten und die kleine Kinder fraßen –, und jeder nahm, was er fassen und schleppen konnte, und machte sich auf, auf den Weg nach Rom! Fort von diesen lehmgelben Schluchten, diesen Eschen und Eichen da oben, von den Stubbelweiden und dem Röhricht am Ufer, von Gras und Wassergeruch, vom Qualm der Räuchergruben, vom warmen Herdrauch und dem Grützkessel im kleinen viereckigen Haus unterm Reetdach – auf den langen, mühseligen, unaufhaltsamen Weg nach Rom! Um nie seine goldnen Dächer zu sehn, sondern in einer sonngedörrten Heide im Sand zu sterben, oder an einer rotblonden Suebin hängenzubleiben. Oder allen Wanderns satt, an einem römischen Meilenstein, einen Legionärsspeer in der Lunge, im weißen Kalkstaub zu verrecken. Aber ein Teil kam doch über die schrecklichen Berge, geduldig und zäh, verlief sich wie Feldhühner in diesem gesegneten Land und nährte sich von seinem Überfluß.
Ja, da lag man nun, hieß nicht mehr Widimer, Widigers Sohn, sondern Vitellius – reich und dick geworden, alt und kahl, in der aus allen Ländern zusammengestoppelten Prunktracht auf einem römischen Bett im Terrassengarten unterm Feigenbaum, hörte den Brunnen in der Grottenwand rinnen und starrte mit den müden Augen auf die staubigen Rebengehänge unter den schwarzdunklen Ulmen und auf die weißen, breitgehörnten Ochsengespanne Etruriens. Wenn dann das Fieber die alten Glieder schüttelte, die Hitze den zahnlosen Mund dörrte, dachte man, wie frisch die Luft da oben im Norden über die Bucht wehte, wie es nach Schilf und Rohr und Fischen roch! Tausenderlei war wieder da: das Brausen des Wassers in dem bösen Frühling, als der alte Damm brach und die Leute unten aufs Strohdach krochen, ihre Schweinchen im Arm. Die alte Esche – wo gab's hier solche Bäume? – über des Urvaters Haus. Das Steingrab auf dem Schlangenberg, und wie der Ahn im letzten Jahr hinaufstieg am Frühlingstag, um noch einmal mit den erblindenden Augen Walvater strahlen zu sehn über Wasser und junger Saat! Und das letzte Sonnwendfeuer, knisternd, qualmend und sprühend unterm klaren, hellen Nachthimmel, über das man laut kreischend mit den anderen braunbeinigen Flachsköpfen sprang, toll und voll vor Lebenslust, sorglos, gesund und daheim!
Jetzt hörte man nichts mehr von dort oben. Ausgelöscht schien alles mit der letzten Herdglut, die man im rissigen Topf über das endlose Land mitgeschleppt hatte und die gerade an dem großen See erlosch, der so an zu Hause erinnerte, wo man das kleine Jungchen begraben mußte, das der heiße Wind tötete, der über die Berge kam – die hohen Berge mit den Schneekappen, vor denen der Kleine sich noch im Sterben fürchtete. Sie hatten ihm den Topf mit der Asche in das Grab am Seeufer mitgegeben.
Und später, viel später, als schon die verfallne römische Villa so schön hergerichtet war, da hatte man dem alten Goten, der nach der Kaup zurückwandern wollte, um dort zu sterben, die schöne Kanne mit dem geschweiften Bronzehals mitgegeben und alles genau beschrieben, weil er versprach, am Drausen anzusprechen. Sie sollten doch wissen, die andern, die nicht den Mut fanden mitzuwandern, wie gut es einem hier ging. Vielleicht schickten sie wen herüber.
Aber nichts war geschehen. Der alte gepidische Bettler mit den vielen Narben hatte mal erzählt, da oben wäre es leer geworden. Nur ein paar alte Leute hausten noch in den Höfen am Wald, ein paar Junge lebten noch auf dem Hügel. Und drüben an der anderen Seebucht, auf des Oheims Hof, säße ein Aistenhäuptling. Aber der Alte schwafelte gern, wenn er Wein bekam – er hatte ein breite Schmarre überm Kopf. Und Thidarik, der sich da unten in der Villa bei Ravenna eingeheiratet hatte und Sätze drechselte wie ein Rhetor, tat taub, wenn man davon anfing, wollte nichts hören – als hätte man nie mit ihm zusammen im Drausen Stichlinge gefangen!
Ja, es war vorbei mit den Gotenhöfen da oben, mit dem lustigen Geschrei der breiten ostgermanischen Zunge von Boot zu Boot.
Aber allgemach rauschten die bunten Drachen aus Schweden und Haithabu wieder in die Bucht – nicht immer so fröhlich begrüßt wie früher, und auch nicht immer mit der Absicht, bloß friedlich zu handeln.
Aber sie alle kauderwelschten gewandt in der Sprache, die jetzt hier herrschte, und wunderten sich, was es so östlich von Jomsburg für merkwürdige Leute gab! Das sah aus wie man selbst, höchstens einen Schein weißblonder, ganz und gar nicht wie die starrgesichtigen Wendenheiden oder Finnen und sprach so was Gottverlaßnes. Aber dafür gaben sie gern und reichlich zum Besten an Essen und Trinken und wohnten in etwas, was einer Stadt ganz ähnlich sah, in festgefügten Balkenhäusern, in denen große kantige Herde qualmten. Geschickte Leute waren es, die hübsche Krüge mit dicken Ringwülsten brannten, sie webten bunte Bortengürtel, gut zum Mitbringen für die Frauen, und brauten einen Honigschnaps, von dem einem warm wurde vom Ilfing bis zur Schlei.
Wo man, alter Fahrensmann zwischen Haithabu und Witland, nun hier in der nach Kien und Räucherfisch, Fellen und saurem Bier stinkenden Kneipe des ausgerückten wendischen Klosterhörigen dem dicken Wulfstan – diesem alten Fuchskopf aus Birka, mit dem man hier bei dem verfluchten Ostenwind eingefroren war – Wunderdinge erzählte von Truso. Von den Häusern mit den Vorlauben, von den gastfreien Leuten, von ihren großen Metgelagen beim Häuptlingszarm mit Wildschweinsbraten, Elchleber und riesigem Hecht am Spieß. Von der schönen, weißblonden Häuptlingstochter mit dem vor Alter rotbraunen Bernsteinhalsband, wie sie an der in aller Herbstglut steifgefrornen Leiche ihres Vaters klagte. Von der großen Pferdehatz um die verschilfte Südbucht des Drausen, wo alle Enten, Wildgänse und Möwen aufflatternd kreischten, als ihre Brüder die Schöne samt Bernsteinschmuck, Pferden, Haus und Hof verloren. Ja, schön ist's da oben! Wulfstan, alter Räuber, Bruderherz, fahr nach Truso.
Und Wulfstan fuhr nach Truso.
Wieder nach Haithabu zurückgekehrt, traf er dort – nicht in der Kneipe des Klostersassen, sondern in der Gästestube der Burg, wo die Tonampel ihr Flackerlicht über die vornehmen Schiffsführer der Friesenbischöfe und der Sieben-Königreiche streute, wo man Äle trank aus Trondheimer Silberbechern – den Othar. Othar, der im finnischen Weißfuchspelz überm gestickten Seidenhemd, mit den roten weichen Stiefeln und den großen silbernen Ohrringen sehr viel mehr nach einer Byzantinerexzellenz aussah als nach des ehrgeizigen König Alfreds ehrgeizigstem Kapitän.
Aber dieser schlanke Angelsachse war freigebig wie ein Prusse. Er ließ Äle bringen und süßes, schwares Bremer Bier, schenkte es zusammen in die Silberbecher, lehnte sich in den Wolfsfellsessel und lächelte ermunternd mit den bartlosen dünnen Lippen, daß man seine langen Zähne sah.
Immer mehr wollte er von Truso hören, über diesen einfachen Weg:
»Immer mit dem Westenwind an Wendenland hin. Am Feuer von Jomsburg ein bißchen nach Norden, dann weiter, bis du die Salzpfannen von Kolberg rauchen siehst. Dann kommen Waldberge und du mußt einen großen Bogen um den Dünenhaken machen, zu der Bucht von Wislamünde. Das ist noch ein Fluß – bei Sankt Olafl Und dann gleich hinterm Aistenmeer, da liegt Witland. Fahr hin und sieh! Haus an Haus – eine richtige Stadt. So was sahst du nicht bei deinen Pelzfinnen. Nette Leute, forsche, lustige Leute. Und gastfrei ei! Sehr tapfer, wenn sie wütend werden. Die werden deinen versoffenen Liten schön auf den Kopf spuken, wenn ihr ihnen so großspurig kommt – da hat dein Alfred nichts zu sagen! Die werden noch mal mit ihren dicken Schiffchen zu euch fahren, wenn's Thor will« – – –
»Wie Gott will!« murmelte Othar, bekreuzte sich, schenkte wieder Äle ein und beugte sich vor, daß die Ottermütze vom schmalen Sachsenkopf glitt. »Erzähle weiter, Wulfstan! Fünfhundert Meilen lang ist das Aistenmeer?«
Und Wulfstan erzählte mit immer schwererer Zunge, bis der Schlaf ihn übermannte. Aber Othar lag lange wach unter den Felldecken in seiner Kaijüte und dachte an alles, was er über Truso gehört und wie er seinem König Alfred davon berichten wollte.
Der Tag kam bald, daß Othar erzählte. Aber nicht so wortwörtlich im biedern Kapitänsplatt, sondern in der wohlgesetzten Rede des Hofmanns, der in der Königshalle aufwuchs. Der kleine Schreiber mit der Mönchstonsur auf dem breiten Waliserschädel schrieb alles sorgsam auf und malte das Pergament schön aus mit Mennigrot und leuchtendem Blau, mit Grün und Gold, mit verschlungenem Rankenwerk voll Drachenhäuptern und Meerweibchen, daß es lustig zu lesen war für die Jungen Sachsenedelinge, zu Seefahrt und Heerzug lockend.
Aber es ist niemand mehr nach Truso gefahren von König Alfreds Hof. – – –
*
Als die deutschen Ordensherrn in den weißen Mänteln mit dem schwarzen Kreuz an die verschilfte, verwucherte, vogeldurchkreischte Bucht des Drausensees kamen, stand nichts mehr am moorigen Ufer, war der Wald vom Hügel hinabgewandert über Schluchten und Hänge, verspannen Hopfengerank und Brombeerwildnis alte Wege.
Nur auf der Weklitzburg im Nordosten saß noch ein alter Prussenhäuptling mit seinen Söhnen – langen, ranken, hellblonden Jünglingen, von denen ihre Leute sagten, daß sie von den ersten Göttern auf dem Schlangenberg stammten. Die wollten nichts von Kreuz und Unterwerfung wissen und wehrten sich noch auf ihrem Hügel, als im Hockerland schon alles wieder gemächlich hinterm Holzpflug schritt. Bis dann nach verzweifeltem Kampf Herr und Knecht, Pferd und Hund untergingen in Blut und Brand.
Siedler kamen von Westen, Deiche wurden aufgeworfen, Ziegel gebrannt, Sumpf wurde Wiese, Brache Acker. Weitab lag der Drausen. Weitab das Haff. Ein fester Sandwall, gürteten es die Nehrungsdünen. Im Norden lag das neue Tief. Klein und verschilft, verwachsen und vogeldurchschwirrt, verlandete der Drausen.
Aber einmal, in einem März, als die Wildgänse schrien, da brachen die Nogatdämme und das Wasser flutete ins Land, bis an die Lehmhänge des Schlangenbergs. Bis dort, wo es einmal gespült hatte, als es die bunten Drachen der Nordleute getragen hatte.
Über den Kamm des Hügels, durch die verwachsenen Wipfel des Laubwalds fährt der warme Sommerwind. Die rosenroten Pechnelken, die Grasrispen neigen sich und geben die dampfende Ackerfurche frei. Scherben blinken darin, noch vom Gewitterregen gefüllt. Blanke, schwarze und rötliche Topfscherben mit zierlich geritztem Muster unterm Wulstrand. Aber verflogne Eschensämlinge und winzige Eichen sprießen aus dem lehmigen Boden und Brombeergewirr greift herüber und will Furche und Scherben bedecken.