Der Neubuddhismus unterwandert Europa

Esoterische Gelehrte am runden Tisch

Von Arnold Cronberg

Hans Thomas Hakl fand es offensichtlich bedeutsam, über »Den verborgenen Geist von Eranos. Unbekannte Begegnungen von Wissenschaft und Esoterik. Eine alternative Geistesgeschichte des 20. Jahrhunderts« (Verlag scientia nova, Bretten 2001, 473 Seiten, 47 Abbildungen, Schweizer Franken 78,-), ein Buch zu schreiben. In der griechischen Antike verstand man unter Eranos (Spendensammlung) gemeinschaftliche Mahlzeiten, die vom ebenfalls sogenannten Beitrag jedes Mitgliedes bestritten wurden. In Athen entstanden aus diesen Tischrunden Kreise mit unterschiedlicher Zielsetzung, beispielsweise als politische Vereinigung, zum Vergnügen, zur gegenseitiger Unterstützung oder zu wirtschaftlichem Schutz.

Der Buchbesprechung dieses Buches (Neue Zürcher Zeitung 271/ 2001) von H. Zander ist zu entnehmen, daß Olga Fröbe-Kapteyn seit den dreißiger Jahren jährlich zu einem »Symposion« nach Ascona, Casa Gabrielle, Schweiz, einlud, eben in den Eranos-Kreis. Das Gästebuch der »lieben Verehrten Urmutter«, so der Indologe und Tantrist1) Prof. Heinrich Zimmer (1890–1943) von der Universität Heidelberg, und Verfasser von »Kunstformen und Yoga im indischen Kultbild« (1926), »Maya. Der indische Mythos« (1936) »Yoga und Buddhismus«, 1973, lese sich nach der NZZ wie eine Ehrentafel der dem Religiösen zugewandten Geistesgrößen des 20. Jahrhunderts: Leo Baeck (1873–1956, Rabbiner, B'nai B'rith); Martin Buber (1878–1965, jüdischer Religionsphilosoph), Henry Corbin (Islamist und Hochgradfreimaurer); Jean Daniélou (SJ, 1969, Kardinal, Verfasser von »Platonisme et theologie mystique«, 1944); Mircea Eliade (Religionsphilosoph, Indologe); Antoine Faivre (Esoteriker an der Sorbonne); Jakob Wilhelm Hauer (1881–1963, Indologe, Religionswissenschaftler, Förderer der Freimaurerei, ns-Deutsche Glaubensbewegung, Verfasser von »Dt. Gottschau« 1934, »Der Yoga«, 1953); Professor Friedrich Heiler (1892–1967, Ex-Katholik und Religionswissenschaftler, las den Eranisten mit Erwin Roussel, tantrisch-taoistischer Sinologe, die Messe, Verfasser von »Die buddhistische Versenkung«, 1918, »Christlicher Glaube und indisches Geistesleben«, 1926); Erik Hornung; Karl Kerényi, (Religionswissenschaftler); Louis Massignon (Islamist); Rudolf Otto (Religionswissenschaftler); Adolf Portmann (Verhaltensforscher); Hugo Rahner (SJ, Theologe); Tilo Schabert; Annemarie Schimmel (Islamistin, Mystikerin,); Gershon Scholem (Religionshistoriker, messianischer Jude und Kabbalaforscher). Außerdem verkehrten in Ascona G. R. Heyer, München; Ernesto Buonaiuti, Universität Rom; R. Bernoulli, Zürich; Sigrid Straß-Kloebe, München; C. M. v. Cammersloher, Wien; Swami Yatiswarananda vom Ramakrischa-Orden. Über allen aber thronte Carl Gustav Jung, (1875–1961), Psychiater und Psychoanalytiker. Er deutete lebenslang die Träume der »ehrwürdigen Mutter« und schuf mit seiner Lehre von den Archetypen eine dogmatische Grundlage für dieses, so der Philosoph Helmuth Plessner (*1892), »Bayreuth der Tiefenpsychologie«, die Lehre von den »zeitlosen Urbildern der seelischen Tiefenschichten«, die durch Bilder, Symbole wahrnehmbar werden und in Träumen, Visionen, Phantasien, Mythen und religiösen Vorstellungen auftreten sollen.
 
Die Eranos-Jahrbücher erhielten der Nachwelt zwar die okkulte Gedankenwelt dieses Esoterikerkreises, nicht jedoch sein inneres Leben: beispielsweise die verklärten mythischen Berichte und blühenden Gerüchte, die absolute Männervorherrschaft auf Anordnung der »großen Mutter«, die keine Göttinnen neben sich duldete, ihre Depressionen, die notwenigen Sponsoren … Hakl füllte jetzt diese Lücken, die auch durch die Zerstörung vieler Urkunden durch Fröbe-Kapteyn entstanden sind. Diese esoterische »Gralsrunde« pflegte auch die Theosophie Alice Baileys und andere asiatische Heilslehren, ohne jedoch westliche Irrlehren zu vernachlässigen.

Von 1933 bis 1945 glaubte der Kreis, eine Enklave des freien Geistes zu sein. Unter der Bedingung, daß Fragen von Meditation und Erlösung vorherrschen müßten, konnten der Jude Buber und der Nationalsozialist Hauer 1934 gemeinsam publizieren. Politische Themen aber ließ man außen vor. Doch die Hausherrin schwärmte schon 1936 von einem »Neuen Zeitalter« und vom »Übergang einer Weltanschauung in eine neue«. Bei Vorträgen waren nicht einmal Fragen zugelassen, und der innere Kreis tagte unter Ausschluß der Öffentlichkeit am berühmten runden Tisch.

»Vor 1945 korrespondierte das absolutistische Gehabe mehrfach mit Aktivitäten zugunsten autoritärer oder diktatorischer Systeme: Der Religionswissenschaftler Eliade war bei der rumänischen Eisernen Garde, der Zen-Kundige Suzuki intellektueller Unterstützer des japanischen Militarismus, der Tibetologe Giuseppe Tucci Anhänger des Faschismus, der Religionswissenschaftler Hauer aktiver Nationalsozialist und Mitbegründer der ‚Deutschen Christen'. Hakl stellt selbst die Frage, ‚warum so viele vom Mythos ‚Ergriffene' zu solchen heute politisch nicht mehr tragbaren Meinungen neigen'«.

Helmut Zander urteilt hier klarer:

»Das Programm der Philosophia perennis, der ‚ewigen Weisheit', ist ambivalent. Es kann alle Klassen und Kulturen transzendieren und egalitär wirken, aber auch den monokratischen Anspruch auf das eine, wahre Wissen tranportieren. Viele Eranos-Mitglieder haben wohl aus dem zweiten Grund in den Pakt mit autoritären politischen Vorstellungen eingewilligt.«

Diese »ewige Weisheit« war das pantheistische Herz der »esoterischen« Mitglieder und die Antwort darauf, was diese ungleichartige Gruppe von Individualisten einte. Kerényi behauptete, »im inneren Eranos-Kreis glühe die Sehnsucht nach Unmittelbarkeit jenseits der Interpretation«. Deshalb fehlten in der Casa Gabriella Historiker und Soziologen, die Vertreter des vermittelten Wissens. Und Scholem spottete, wenn auf dem Eranos Professoren »Ergriffene« sein wollten, »war sozusagen ein bißchen Schwindel dabei«.

Aufklärungskampf für Menschenwürde und Freiheit

Die dreißiger Jahre des verflossenen Jahrhunderts waren nicht nur politisch, sondern auch kulturgeschichtlich von unübersehbarer Bedeutung. Mit den Werken »Des Kindes Seele und der Eltern Amt« von 1930, »Die Volksseele und ihre Machtgestalter«, 1933, und »Das Gottlied der Völker«, 1935, legte Mathilde Ludendorff eine gültige Philosophie der Erziehung, der Geschichte und der Kulturen vor. Diese kultur- und völkerrettenden Erkenntnisse wurden seit 1928 von den durch sie befruchteten Abwehr- und Aufklärungsschriften des Hauses Ludendorff über die Weltfreimaurerei (1928), den Jesuitismus (1929), den Bibelglauben (1931) und die Okkultlehren mit ihrem Induzierten Irremachen (1933) flankiert.
 
Im Herbst 1935 begann im »Am Heiligen Quell Deutscher Kraft« vom 10.10.1932 auch der Abwehrkampf gegen eine weitere weltmachterstrebende Priesterkaste: die neubuddhistische Bewegung. Diese trat je nach Bedarf weltbürgerlich, panarisch oder indogermanisch unter verschieden Namen auf, als Mazdaznan des Meisters OTO, Hanisch (1844–1936), Theosophie, (Blavatsky (1831–1891), Annie Besant (1847–1933), Anthroposophie (R. Steiner) oder die buddhistisch-hinduistische Neugeistvereinigung seit 1894, gefördert vor allem durch theosophische Kreise Englands und Amerikas. Hierher gehörte auch die Eranos-Gesellschaft.

»Sie machte sich zur besonderen Aufgabe, uns mit Symbol und Yoga der indischen Religionen zu beglücken und noch weiter in verblödenden Okkultismus zu verstricken«.

Damals berichtete die Kölnische Zeitung vom 28.7.1935, ohne jedoch vor den seelenschädigenden Gefahren zu warnen:

»Die Eranosbewegung, die alljährlich in Ascona in der Schweiz tagt, gehört zu vielen Kanälen, durch die heute fernöstliches, vor allem indisches Denken in unsere europäische Geisteswelt eindringt. Sie stellt keine geschlossene Bewegung von sektenhaften Charakter dar, sondern es gehört ihr eine ganze Reihe der eigenwilligsten und originellsten Köpfe, besonders des deutschen Geistesleben an. Wir nennen: Dr. Erwin Rousselle, den Direktor des Frankfurter Chinainstitutes, Prof. Hauer, den Führer der Deutschen Glaubensbewegung, die Neubuddhisten Rhys Davids, Prof. F. Heiler, den Führer der hochkirchlichen Bewegung, und Martin Buber, den Führer der chassidisch-mystischen Bewegung im Judentum. Gemeinsam ist ihnen allen nur ein Interesse für die Welt der Symbole, der Religionen und Philosophien des Ostens, aus deren Kenntnis heraus sie eine Wiederherstellung der erstarrten abendländischen Geisteswelt erhoffen.«

Unter dem verräterischen Titel »Ost-Westliche Symbolik und Seelenführung« verkündet auch das Vorwort des Eranos Jahrbuches 1934:

»Unsere Befassung mit der östlichen Symbolik geschieht aus dem Bewußtsein heraus, daß wir selbstredend in unserer eigenen bodenständigen westlichen Symbolik« (vor allem der freimaurerischen) »wurzeln, daß aber ein unschätzbares Hilfsmittel und fruchtbare Bereicherung in den Symbolen des Ostens zur Verfügung stehen.«

Erich Ludendorff schrieb dazu:

»Hierauf wird ausgeführt, daß die östlichen Symbole2) studiert werden sollen, um ihre grundlegenden Gesetze festzustellen und dann zu sehen, welchen Wert sie für den Menschen haben, um den westlichen Heilsweg (das ist der moderne Ausdruck für die okkulten Lehren der Eranos-Gesellschaft und andere) aufzubauen. Dazu gehört ein Anstarren der Symbole bis zur Selbsthypnose, wie sie auch durch ‚Meditation' bewirkt werden soll, und der Yoga im Gefolge hat. Die Wege sind verschieden, das Induziertirresein ist das gleiche und damit ist das Gleiche die Seelenschädigung der Betroffenen.«

Im Jahrbuch 1934 heißt es dann weiter:

»Das wachsende Interesse unserer Zeit für die Probleme der Seelenführung« (der Führerstaaten) »hat uns veranlaßt, die verschiedenen Methoden des östlichen Yoga, seine Ziele und seine praktischen Resultate zu betrachten. Wir dürfen dabei nicht vergessen, daß der Westen in seinen Mysterienschulen immer eine eigene Tradition des Yoga gewahrt hat, und daß diese an bestimmten Punkten unserer westlichen Kulturgeschichte immer wieder durchgebrochen ist, Man braucht nur der Gnostischen, der Hermetischen und Pythagoräischen Schulen zu gedenken sowie der späteren Alchimistischen und Rosenkreuzerischen Traditionen, um zu sehen, daß der Strom geistiger Erkenntnis und der zu ihr führenden Disziplinen im Westen ebenso lebendig war und ist wie im Osten.

Für diejenigen, die unsere Zeit in diesem Sinne beobachten, liegt die Vermutung nahe, daß wir in der analytischen Psychologie2) von heute Anfänge eines modernen und westlichen Yoga besitzen, eine Methode der seelischen Orientierung, Führung und Disziplin, die dem Wesen des westlichen Menschen entsprungen zu sein scheint. Der Vergleich der Entsprechungen, der Parallelen und der Verschiedenheit zwischen Ost und West auf diesem Gebiet, so wie er in den Eranos-Tagungen versucht wird, kann uns Vieles klären, und uns das nötige Gleichgewicht in der Wertung östlicher Anregungen geben. Wenn sich diese Vermutung als begründet erweisen sollte, dann hätten wir damit die Anfänge eines Heilswegs für unsere Zeit aufgedeckt, der heute, inmitten der allgemeinen Desorientierung, des Suchens nach neuen Wertungen der alten ewigen Werte, besonders not tut. Damit wäre zugleich die Arbeit der Eranos-Tagungen gerechtfertigt, indem sie Wesentliches zu inneren und äußeren Gestaltung dieses westlichen Heilweges beitragen.«

Hierzu schrieb Erich Ludendorff:

»Aus dem Vorwort geht bereits eindeutig hervor, daß alle in Ascona aufgetretenen Redner Symbol und Yoga als Grundlage eines neuen ‚Heilweges', der auch zugleich ‚Heilsweg' ist, ansehen. Die Christenlehre mit ihrer Symbolik und seelischen Abrichtung hat noch nicht genügt, das Gotterleben des eigenen Ichs in Volksgeschwistern vollends zu ersticken, eine gefährliche Feststellung für die Priester. Darum müssen schärfere, seelisch krank machende Mittel herangezogen werden und – Wissenschaft reicht ihre Hand dazu!«

»Heilung durch Psychose«

C. G. Jungs Vortrag »Über die Archetypen4) des kollektiven Unbewußten« von 1934 zeigte klar, was man in Ascona gelten ließ und hegte, »nämlich die ausgeprägtesten Grade des Okkultaberglaubens, wie sie sich sonst nur in den Geheimbüchern der Okkultgesellschaften zu zeigen wagten«. Jung, so Ludendorff, kam

»… dem Rasseerwachen natürlich scheinbar entgegen, indem er sagt, daß im Unbewußten der Menschenseele alles, was je an Götter- und Dämonenglauben gelehrt wurde, als ‚Archetyp' wohne; das Bewußtsein habe dann diese Archetypen zu Dogmen ausgebaut. Diese Dogmen seien aber ein wichtiger Schutz gegen die Gefahren, die dem Menschen drohen sollen, wenn er sich diesem Unbewußten ohne Dogmenschutz oder Symbolschutz hingebe. Unter diesen Archetypen seien auch besondere Stammesarchetypen, das klingt ganz verlockend für die, welche Stammesbewußtsein in sich erwachen fühlen und zum artgemäßen Gottglauben heimwollen.«

Was C. G. Jung unter Archetypen versteht und als Wissenschaft und Weistum erachtet, verraten seine eigenen Worte:

»Die Nixe ist eine noch instinktive Vorstufe eines zauberischen weiblichen Wesens, welches wir als Anima bezeichnen. Es könne auch Sirenen und Waldfrauen, Huldinnen und Erlkönigstöchter, Lamien (Gespenster, oben Weib, unten Schlange) und Succuben sein, welche Jünglinge betören und ihnen das Leben aussaugen. Diese Figuren seien Projektionen von sehnsüchtigen Gefühlszuständen und von Phantasien verwerflicher Art, wird der moralische Kritiker sagen. Man kann nicht umhin, eine gewisse Berechtigung dieser Feststellung einzusehen. Aber ist es die ganze Wahrheit? Ist das Nixenwesen wirklich nichts als ein Produkt einer moralischen Erschlaffung? Hat es nicht schon längst solche Wesen gegeben und dies schon in einer Zeit, als das dämmernde menschliche Bewußtsein noch ganz naturgebunden war? Zuerst wohl waren die Geister in Wald und Feld und Wasserläufen, längst bevor eine Frage von Gewissen existierte.«

»Welche Wirkung«, so muß Erich Ludendorff hier fragen, »werden solche Worte aus dem Munde eines Professors der Psychiatrie haben, der Nerven- und Geisteskranke behandelt! Für alle die aber, welche freiwerdende Völker restlos in den krassesten Okkultismus führen möchten, ist das, was dieser Psychiater über die Symbole und ihre Wirkung verheißt, ganz besonders erfreulich.«

C. G. Jung suggeriert seinen Jüngern weiter:

»Im Erlebnis dieses Archetyps erfährt auch der Moderne die älteste Art des Denkens als einer autonomen Tätigkeit, deren Objekt man ist. Es ist eine sogenannte okkulte oder religiöse Erfahrung, kraft welcher z. B. der logos5) Göttlichkeit erlangte. Hermes Trismegistos oder der Thoth der hermetischen Literatur, der mystische Orpheus, der Poimandres und ihm verwandt der Poimen des Hermes sind weitere Formulierungen derselben Erfahrung. Wäre der Name ‚Luzifer' nicht schon präjudiziert, so wäre er wohl passend für diesen Archetypus. Ich habe mich deshalb begnügt, ihn als den Archetypus des alten Weisen oder des Sinnes zu bezeichnen …

Wenn man sich vom symbolischen Prozeß ein Bild machen will, so sind dafür die alchimistischen Bilderserien gute Beispiele, obwohl ihre Symbole in der Hauptsache traditionell, wenn schon dunkler Herkunft sind. Ein treffliches östliches Beispiel ist das tantrische Chakrensystem oder das mystische Nervensystem des chinesischen Yoga. Es hat auch allen Anschein, daß die Bilderserien des Tarok Abkömmlinge der Wandlungsarchetypen sind, wie mir das ein sehr einleuchtender Vortrag des Herrn Prof. Bernoulli bekräftigt hat.

Der symbolische Prozeß ist ein Erleben im Bilde und des Bildes, Der Fortgang des Prozesses zeigt in der Regel enantiotromische6) Struktur wie der Text des I Ging und stellt darum einen Rhythmus dar von Zerstörung und Aufbau, von Irrtum und Wahrheit, von Verlust und Gewinn, von Tiefe und Höhe …

Der symbolische Prozeß nämlich ist nur dann möglich, wenn das Ichbewußtsein in das jeweilige Bild eintreten läßt, d. h. wenn gegen das Geschehen des Unbewußten keine Obstruktion gemacht wird. Das bedeutet aber einen temporären Verzicht auf das Subjektsein. Man könnte deshalb den zum Prozeß nötigen Zustand auch als eine freiwillig eingeleitete Psychose bezeichnen.«

Mit Recht sagt dazu Erich Ludendorff:

»Hier gibt der Psychiater zu, daß die Übungen vor dem Symbol einen Zustand der Psychose, Geisteskrankheit einleiten, ein uns sehr wichtiges Zugeständnis. Aber das soll nach ihm Heilung sein, weil die Kluft zwischen Bewußtsein und Unbewußtsein dadurch überbrückt wird.
Denn er sagt«
:

»Indem das Bewußtsein nun dermaßen ein Objekt des unbewußten Geschehens ist, wird es in den Bereich der Bilder gezogen und veranlaßt, ja bisweilen gezwungen, diese darstellend zu erleben. Damit wird Bewußtes und Unbewußtes zusammengeschmolzen, wodurch eine erhebliche Veränderung des Bewußtseins zustande kommt. Deshalb nennen wir diesen Vorgang auch einen Prozeß der Wandlung. Zugleich wird die durch die Verirrung des Bewußtseins aufgerissene Kluft wieder aufgefüllt, womit die natürliche Ordnung auch wieder hergestellt ist.«

Die Symbole, welche derart die Menschen durch die eingeleitete Psychose »heilen« sollen, sind nach Jung:

»Die traditionellen Bilder des Initiationsweges sind von unerhörter Verschiedenheit wenigstens für die oberflächliche Betrachtung; der individuelle Verlauf dagegen zeigt vergleichbare Bilder trotz der individuellen Variation. In den Anfang des Prozesses gehören hauptsächlich Tiersymbole, wie Schlange, Vogel, Pferd, Wolf, Stier, Löwe usw. Die Schlange ist ein Kapitel für sich, in dem sie auch eine ausgesprochene mythische Verwandtschaft besitzt, wie den Drachen, das schwarze Schlamm- oder Kriechtier … das Krokodil, den Krebs (Diminutiv Insekten aller Art). Der Frosch dagegen steht auf höherer Stufe und gilt um seiner Anatomie willen, als Antizipation des Menschen auf der Kaltblüterstufe. Ebenso gehören hierher Keller, Höhle, Wassertiefe und Meer, sodann Feuer, Waffen und Instrumente. Das Feuer ist leidenschaftliche Erregung oder Triebausbruch, und ist ein Topf darüber gesetzt, so weiß man, daß die Wandlung im Tun ist. So ist auch die Küche ein Ort der schöpferischen Wandlung. Ganz am Anfang steht gelegentlich die kosmische Katastrophe. Waffen und Instrumente stellen den Willen dar …

Während das christliche Kreuz ein Anfangssymbol ist, tritt jetzt das gleichschenkliche Kreuz wie im frühen Christentum auf; sodann geometrische Symbole, Kreis, Quadrat, Vierzahl gegenüber der Dreizahl in allen möglichen Formen, Blume, speziell Rose, Rad, Stern, Ei, Sonne …

Ich bin mir nur allzusehr bewußt, wie unzugänglich diese rapide Übersicht über die Symbole des inneren Dramas ist. Jedes der erwähnten Symbole bedürfte eigentlich einer ausführlich dokumentierten Darstellung. So müssen Sie sich wohl mit der etwas gründlicheren Schilderung von Schatten, Anima und altem Weisen begnügen …«

C. G. Jung schließt die erschütternden Ausführungen, die einem anderen recht viel beschert haben könnten:

»Es scheint mir überhaupt bedenklich, zu viel von diesen dunklen Dingen ans Licht zu ziehen; aber manchmal ist ein Wanderer in der finsteren Nacht dankbar für den schwankenden gelben Schein einer einsamen Laterne oder für den blassen Streifen des ersten Morgenlichtes.«

Erich Ludendorff schließt seinen Beitrag: »Glaubensbewegung: Symbol und Yoga« mit den ernsten Worten:

»Mit den ‚blassen Streifen des ersten Morgenlichtes' vergleicht der Psychiater den Inhalt seiner Lehre über die Symbolik, die nicht hindern, daß er ein von aller Welt angestaunter Psychiater bleibt. Für uns ist es erschreckend zu sehen, wie dies möglich ist und Wissenschaft und Presse dies hinnehmen.

Übungen mit Symbolen und dem Yoga führen zum Induziertirresein und sind eine Verhöhnung des Gotterlebens. Sie sind kein Heilweg, kein Heilsweg, sondern ein Weg in geistige Umnachtung. Die Deutsche Aktion kann nicht scharf genug auf das Unheil solcher Wahnlehren hinweisen. Das Werk Dr. Mathilde Ludendorffs ‚Induziertes Irresein durch Okkultlehren' muß hinein ins Volk.

Wir fordern hier Schutz für die Seelen der Volksgeschwister, gegen bewußte Zerstörung. Den gleichen Schutz, der dem Körper zuteil wird.«

Der vom Okkultismus unterwanderte Staat Hitlers versagte, nicht anders als zuvor »Weimar« und heute »Bonn« und »Berlin«. Und das, obwohl der Artikel 1 GG grundrechtsbindend bestimmt:

»Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.«

Auch Artikel 2 des Grundgesetzes schreibt dem Staat vor, »die freie Entfaltung der Persönlichkeit« und »das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit« zu schützen. »Die Freiheit der Person ist unverletzlich.«

Oder verletzten hypnotische Verblödung und Induziertesirremachen nicht die Menschenwürde, die freie Entfaltung der Persönlichkeit und die Freiheit der Person?


Fußnoten:

  1. Von tantras, den heiligen Büchern der Shaktras, einer bunten Mischung mystisch-magischer Vorschriften des Hindu- und Buddhismus
  2. z. B. in »Der Schatten des Dalai Lama« von V. u. V. Trimondi, Patmos 1999
  3. siehe ihren Einsatz nach 1945 zur Entnationalisierung
  4. Urtypen, entnommen neuplatonischen Wahnvorstellungen über angeblich urtümliche Erlebnisinhalte seelischer Tiefenschichten
  5. Ursprünglich Wort, Rede, dann Weltgesetz. In der Stoa: Gott, bei den Neuplatonikern und Gnostikern wird die griechische Logos-Idee mit Jhwh verschmolzen, zu der ewig bei Gott wohnenden Vernunftkraft.
  6. Wechselseitige Überführung eines Stoffes von einer Zustandsform in eine andere.