Königin Luise – ein vorbildliches Frauenleben in schwerer Zeit

Gedanken zu ihrem 225. Geburtstag

Von Adelheid Duppel

Es kam sehr selten in der Geschichte eines Volkes vor, daß eine Frau in seiner Erinnerung so lebendig blieb wie in unserer die preußische Königin Luise. Sie lebte über ihren frühen Tod hinaus weiter in schwärmerischen Gedichten, liebevollen Anekdoten und unzähligen Gemälden. Ihr wurden Denkmäler errichtet und nach ihr wurden Kirchen, Schulen, Stadtviertel, Stiftungen und sogar Orden benannt. Zahlreiche Legenden, Romane und Filme entstanden, in denen sie eine tragende Rolle spielte.

Je nach Zeitgeist änderte sich das Bild, das man sich von ihr gemacht hatte.

So wurde sie in den napoleonischen Kriegen als »Schutzgeist der deutschen Sache« von Theodor Körner gepriesen. Als ihr Sohn Wilhelm zum deutschen Kaiser ausgerufen wurde, verehrte man sie fast wie eine Heilige und stellte sie in Gemälden als preußische Madonna dar. In der Weimarer Republik schuf man das Bild einer ausschließlich für Mann und Kinder lebenden Frau, die »nie mit einem Schritte die Schranken übertrat, welche der alte deutsche Brauch ihrem Geschlechte setzt« (6/95), d. h., die sich nicht mit Angelegenheiten außerhalb ihrer vier Wände befaßte. In der Zeit nach dem 2. Weltkrieg begann man, an den Schulen Geschichte nicht mehr in ihren großen Zusammenhängen zu lehren, sondern sich auf bestimmte willkürlich oder absichtlich herausgegriffene Ereignisse zu beschränken. Auch lehnte man zunehmend ab, den Jugendlichen Vorbilder zu geben. Da geriet Königin Luise und die Geschichte Preußens mehr und mehr ins Vergessen oder beide wurden wie alle sog. preußischen Tugenden einfach lächerlich gemacht. In den kürzlich erschienenen Biographien über Königin Luise sucht man dagegen – wieder dem Zeitgeist entsprechend – in ihrem Leben nach Hinweisen, die sie als unterdrückte, nicht ihren eigenen Neigungen gemäß leben könnende Frau darstellen. Und man geht der Frage nach, ob sie nicht doch bewußt Einfluß auf die politischen Ereignisse der damaligen Zeit ausgeübt hatte.

Ihr Geburtstag am 10. 3. 1776 jährte sich im Jahr 2001 zum 225. Mal. Deshalb soll dieser Jahrestag dazu benützt werden, sich mit ihrer Persönlichkeit, ihrer Zeit und ihrem Auftreten in der Geschichte zu beschäftigen. Das Ziel ist, herauszufinden, ob hinter all der verklärenden Schwärmerei und den jeweiligen Deutungen ihres Verhaltens tatsächlich ein vorbildliches Frauenleben zu finden ist.

Luise Auguste Wilhelmine Amalie von Mecklenburg-Strelitz, in Hannover geboren, wuchs in einer unbeschwerten Umgebung mit ihren Schwestern bei ihrer warmherzigen Großmutter in Darmstadt auf. Denn die eigene Mutter und danach auch die Stiefmutter waren früh gestorben und der Vater war viel auf Reisen. Da nicht allzuviel Geld vorhanden war, blieben Einfachheit und Natürlichkeit die Grundzüge ihrer Erziehung.

Das Zeitalter der Aufklärung, in dem man die Vernunft so betont hatte, ging in das der Romantik über. Man begann, den Gefühlen und der Innerlichkeit wieder mehr Bedeutung beizumessen. Durch die politischen Zustände kam es auch zu einer stärkeren Besinnung auf das eigene Volkstum und die Geschichte. Der allgemeine Standpunkt, daß Politik ausschließlich Männersache sei, wurde nach wie vor beibehalten. Dazu hielt man Bildung bei jungen Mädchen immer noch für unwichtig und glaubte nicht nur, »Wissenschaft sei Gift für das weibliche Geschlecht, Lesen würde rote Augen machen und die liebenswerte Persönlichkeit würde darunter leiden« (Caroline von Fouqué), sondern man war auch der Meinung, daß zuviel Bildung zu einem Mangel an Empfindsamkeit führen würde, welche von Königin Luise in einem Brief »als höchstes Gut des Menschen« bezeichnet wird. Weiter schrieb sie damals: »Möge Gott mich davor bewahren, meinen Geist zu pflegen und mein Herz zu vernachlässigen.« (8/228). Wohl gab es damals schon eine Reihe sehr kluger Frauen, die sogenannte »Salons« führten. Dort trafen sich Leute, die etwas zu sagen hatten, wie Schriftsteller, Musiker, und Politiker. Diese Frauen wurden auch von der damaligen Gesellschaft anerkannt. Ebenso gab es die ersten Romane, die die Rolle der Frau – auch in der Ehe – als einer selbstbewußteren Persönlichkeit darstellten. Jedoch wurden die Mädchen immer noch ausschließlich auf ein Dasein als Ehefrau und Mutter hin erzogen, die sich nach dem Ehemann zu richten hatte. Dieser wurde immer noch von den eigenen Eltern ausgesucht, und seine Frau wurde nicht als ihm ebenbürtig angesehen. Selbst bei den zu jener Zeit bekannten Frauen war das so. Die Folgen waren – damals schon – viele unglückliche Ehen, eine hohe Zahl von Scheidungen, sowie eine ausgeprägte Mätressenwirtschaft in den adeligen Kreisen.

Luise selbst hatte – zumindest als junges Mädchen – keine Gelegenheit ausgelassen, dem Unterricht durch eine Erzieherin auszuweichen. Ihre Veranlagung zur Sprunghaftigkeit und Flüchtigkeit (von ihrer Großmutter wird sie »Jungfer Husch« genannt), ihr Mangel an Fleiß führen nicht dazu, daß sie in den Jugendjahren aus eigenem Antrieb mehr lernen möchte, als es damals üblich war. Vom Gesichtspunkt der Bildung her war sie also keineswegs auf ihre spätere Rolle als Königin ihres Landes vorbereitet. Dieser Mangel wurde ihr zum ersten Mal nach dem Kennenlernen ihres zukünftigen Mannes bewußt, der eine gute und gründliche Allgemeinbildung erhalten hatte. So gibt sie in ihren ersten Briefen an ihren späteren Mann zu, daß ihre Orthographie mangelhaft sei und warnt ihn vor ihren vielen Fehlern. Sicher möchte sie mit diesem Bekenntnis auch vermeiden, daß er sie zu sehr idealisiert und dann enttäuscht ist. Aber sie bittet dann ihren ehemaligen Religionslehrer, ihr noch etwas mehr Bildung zu verschaffen, jedoch bleibt dafür kaum mehr Zeit. Ihre mangelhafte Bildung und Ausdauer gleicht sie aber durch einen gesunden Menschenverstand, durch Lebensfreude, Warmherzigkeit, Anpassungsfähigkeit, psychologische Feinfühligkeit, Humor, durch Temperament, natürliche Ungezwungenheit und durch ein Erkennen der eigenen Grenzen sowie unbedingte Ehrlichkeit und Geradlinigkeit aus. So wehrt sie sich später auch gegen den Rat einer Freundin, Intrigen oder Kniffe anzuwenden, um bei ihrem Mann das Gewünschte zu erreichen.

Freiherr vom Stein, der sie sehr gut kannte, bezeichnete sie zwar als angenehm, aber auch als oberflächlich. Wie er als Politiker zu diesem Urteil kam, erfahren wir später. Es wird erst einmal gemildert durch einen Eintrag in das Tagebuch der Oberhofmeisterin Gräfin Voß, die da schreibt, daß »in ihrem Charakter etwas Verschlossenes« wäre und dem hinzufügt »und ich muß sagen, zum Glück und mit Recht eine große Zurückhaltung, die sie abhielt, sich gegen Personen, die sie nicht näher kannte, offen auszusprechen.« (1/12). Schon allein die Fähigkeit, eine solche Auswahl zu treffen, verbunden mit der großen Begabung, Freundschaften zu schließen, spricht gegen allgemeine Oberflächlichkeit. Allerdings hatte Luise, die anfangs sehr unter der Trennung von ihrer Familie litt, sehr schnell begriffen, daß sie »von Leuten umgeben war, die weitläufige Bekanntschaften und geheimes Interesse haben« und nicht davor zurückschrecken, ihre Briefe zu öffnen und zu lesen (8/68). So bittet sie auch ihren Mann in einem Brief zu Beginn ihrer Ehe (8/82), sich gegen niemanden auszulassen, sie selbst traue niemandem. Ihr Mann hatte nämlich in einem Brief an sie Kritik am Polenfeldzug geübt und damit Kritik an seinem Vater. Napoleon war später also nicht der erste, der ihre Briefe abfangen und lesen ließ. Auch eigene mißgünstig gesonnene Landsleute machten das schon vorher.

Wollte sie sicher sein, daß ein Brief nicht von Fremden gelesen wurde, mußte sie ihn vertrauten Freunden oder Familienmitgliedern mit auf die Reise geben. Mit ziemlicher Sicherheit können wir heute sagen, daß Luise eine intelligente junge Frau war, die in ihrer Jugend geistig nicht besonders gefordert und gefördert wurde, was sie in späteren Jahren nie mehr richtig nachholen konnte. Es mag ihr auch durch eine Neigung zu mangelnder Ausdauer erschwert worden sein. Andererseits hätte sie mit einer gründlicheren Bildung wahrscheinlich ihre Aufgaben nicht besser erfüllen können, die als Landesmutter, als Familienmutter und als Ehefrau eines Königs auf sie zukamen.

Befaßt man sich nun mit der Persönlichkeit ihres Mannes, dem sechs Jahre älteren Friedrich Wilhelm III., so ahnt man, daß die Ehe zwischen ihm und Luise keine einfache war.

Friedrich Wilhelm war – bedingt durch die schlechte Ehe seiner Eltern – in einer ungewöhnlich lieblosen Umgebung praktisch ohne Eltern aufgewachsen. Sein Vater, der selbst vor den Zornesausbrüchen seines Vorgängers, Friedrichs des Großen, gezittert haben soll, hat seinen Sohn mit der Anweisung erziehen lassen: »man breche ihm den Eigensinn und halsstarrigen Willen, der ihm nur von Nachteil sein kann« (2/16 ff.). Mit vier Jahren von seiner Familie getrennt, überwacht von Friedrich dem Großen, wurde er in seiner Entfaltung eher gehemmt und verstockt, als zum Leben und Regieren erzogen. Außerdem zog sein Vater, der ein notorischer Schürzenjäger war, seine unehelich geborenen Kinder den ehelichen vor. Friedrich Wilhelm und seine Geschwister sollen oft hungrig vom Tisch aufgestanden sein, weil der Vater ihnen gegenüber so knausrig war. Geburtstage wurden nie gefeiert. Seine Mutter, die die Lieblosigkeit und verständnislose Strenge des Vaters hätte ausgleichen können, war – enttäuscht und gedemütigt durch das Verhalten ihres Mannes – schrullig und menschenfeindlich geworden. Muttergefühle hatte sie offensichtlich nicht entwickelt. So war aus ihrem ältesten Sohn ein verschlossener, wortkarger, unausgeglichener, zu Pessimismus, Depressionen und Entschlußlosigkeit neigender Thronfolger geworden. Es fehlten ihm die Eigenschaften, die ihn zu einem Staatsmann gemacht hätten: Tatkraft und innere Sicherheit. Dringend notwendige Entscheidungen schob er oft zu lange hinaus. In manchem Brief redet Luise ihrem Mann zu, mehr Zutrauen zu sich selbst zu haben (8/292). Auf der anderen Seite besaß er Eigenschaften wie Besonnenheit, ein gutes Gedächtnis, Tapferkeit, unbedingte Wahrhaftigkeit und Bescheidenheit.

Damit unterschied er sich deutlich von seinem Vorgänger. Wie das häufiger geschieht, entwickeln seelisch wache Menschen, die in äußerst demütigender und abstoßend empfundener Umgebung aufwachsen, das Bedürfnis, anders zu werden. Dazu schreibt Mathilde Ludendorff in ihrem Buch über des Kindes Seele (S. 90, alte Ausgabe), daß »manche Kinder unwürdiger Erzieher früh fühlen, daß die Seelennahrung, die ihre Eltern bieten, Seelengift ist« und »diesen ihnen so gefährlichen Nahrungsstrom abbinden wie eine Nabelschnur«. Das Vorbild, das ihnen ihre Eltern geben, wird nur noch als abschreckende und warnende Lehre verwendet: »So kann aus dem Hause verkommener Eltern ein frühverwaistes, frühernstes, frühreifes, selten pflichttreues und gutes Kind hervorgehen, dessen brennendster Wunsch es ist, der Gegensatz dieser Eltern zu werden. In einem Alter, in dem andere Kinder ohne jede Sorge durch das Leben trällern, bannt es aus seiner Seele jede letzte Möglichkeit zu den furchtbaren Fehlern, an denen es seine Eltern zugrunde gehen sieht.« So sehnte sich der Sohn dieses verdorbenen Königs Friedrich Wilhelm II. nach Häuslichkeit und gelobte sich, wirklich nur eine Frau zu heiraten, die er liebte. Er verachtete die Liebesabenteuer anderer Familienmitglieder und hatte sich, aufgrund des Miterlebens der schlechten Ehe seiner Eltern vorgenommen, nur eine Frau zu heiraten, die er lieben und achten konnte. Diesem Vorsatz blieb er auch zeitlebens treu. Trotzdem würde ein Psychologe heute bei ihm eine durch die lieblose Jugend ausgelöste Persönlichkeitsstörung feststellen.

Das größte Glück seines Lebens war nun, daß er Luise kennen- und liebenlernte, und diese seine Zuneigung erwiderte. Eine Liebesheirat war zur damaligen Zeit in regierenden Kreisen äußerst selten. Daß diese Ehe eine gute wurde, das war sicherlich Luises Verdienst. Denn ihr Mann, der sehr stolz auf ihre Schönheit war, der sie gerne gut und modern gekleidet sah, der froh war, wenn alle Aufmerksamkeit nicht ihm, sondern seiner Frau galt, dieser Mann wollte aber, daß sie immer für ihn da war, wenn er es für notwendig hielt. Dann verbot er ihr auch zu lesen und schickte ihre Lehrer fort. So bescheiden und anspruchslos er sonst war, was Luises Dasein betraf, entwickelte er sehr eigensüchtige Züge. Auch ließ er immer dann, wenn schwere Entscheidungen ihn seelisch bedrückten, seine Frau seine schlechte Laune spüren. Ihr Bruder Georg, zu dem sie von all ihren übrigen Geschwistern das innigste Verhältnis hatte, vermutete so manches Mal, daß sie darüber unglücklich war. Sie hat sich aber selbst den vertrautesten Freunden gegenüber nie mit einem einzigen Wort beklagt. Sie resignierte auch nicht und lief nicht davon, sie entwickelte vielmehr die Fähigkeit zum Ausgleich: sie lernte Selbstbeherrschung den Launen ihres Mannes gegenüber, sie paßte sich seinen Wünschen an, ohne jedoch das Eigentliche ihrer Persönlichkeit aufzugeben. Sie bemühte sich, ihm immer zuzuhören, seine drückenden Stimmungen zu mildern, auszugleichen und ihn auch das ein oder andere Mal von der Dringlichkeit einer Entscheidung zu überzeugen. Dabei bewahrte sie sich aber das Besondere ihres Wesens. Somit hat sie etwas fertiggebracht, was fast unmöglich scheint. Eine ihrer Schwestern hat sie daher mit einem biegsamen, aber elastischen Rohr verglichen. Bekommen hat sie dafür die Liebe und Treue ihres Mannes, was gerade damals etwas Seltenes und Kostbares war. Denn ihr Mann war als Ehemann und Vater eine Ausnahmeerscheinung unter den preußischen Herrschern. Sie wußte schon bald um seine lieblose Erziehung, die sie umso stärker empfand als sie selbst aus einer sehr warmherzigen Familie stammte. Da sie ihn liebte, wollte sie all das an Zuwendung Versäumte an ihrem Mann wiedergutmachen.

Auch der Oberhofprediger Sack, der den bisherigen Lebensweg Friedrich Wilhelms gut gekannt haben muß, fügte seiner Traurede – vielleicht auch auf Wunsch des Kronprinzen – an: »Von Eurer Königlichen Hoheit erwartet der Prinz, für den Sie zu leben geloben, was Würde und Macht ihm nicht geben können: das heilige Glück der Freundschaft.« (2/56). Prinz Friedrich Wilhelm hatte nie einen Freund gehabt.

Deshalb ist man mehr als überrascht, wenn man seine schonungslose Beurteilung über seine Frau nach ihrem Tode liest: »So groß in meiner Frau auch das Bedürfnis nach höherer Bildung lag, so fehlte es ihr doch an dem dazu erforderlichen Fleiß … Mehr als einmal ließ sie wissenschaftliche Männer zu sich kommen, denen sie auftrug, ihr regelmäßigen Unterricht zu geben … Allein mannigfaltige Störungen und Unterbrechungen, Reisen usw. machten, daß nie etwas vollständiges, zusammenhängendes daraus werden konnte …« (2/60). Hierbei unterschlägt er, daß häufig er selbst für diese Störungen verantwortlich war, daß er sich über ihre Bildungsbestrebungen oft lustig gemacht hatte, daß die vielen öffentlichen Verpflichtungen und die zehn Schwangerschaften in etwas mehr als 16 Jahren ihr wirklich nicht allzuviel Zeit für Unterricht übriggelassen hatten.

Wahrscheinlich ahnte Luise die Beweggründe für das Verhalten ihres Mannes, denn sie sagte einmal zu ihrer Freundin Marie von Kleist (2/93): In Wirklichkeit fürchte ihr Mann, daß sie sich ändern könne und daß sie ihn weniger erträglich fände, wenn sie mehr Bildung hätte. Womöglich hätte er sich einer gebildeten Frau gegenüber mit seinem persönlich schwierigen Wesen unterlegen gefühlt.

Bei Luise kann man deutlich eine Entwicklung zur Reife feststellen. Bei ihrer Hochzeit war sie noch nicht 18 Jahre alt, also sehr jung. Sie war sich zeit ihres Lebens der Wirkung auf ihre Umgebung bewußt. Sie genoß es, geliebt und ob ihrer Schönheit und Anmut bewundert zu werden. Dies trug ihr auch den Vorwurf der Eitelkeit ein. Trotzdem scheint dies hauptsächlich dem Wunsch zum Schönen entsprungen zu sein, denn ihre Ehrlichkeit zu sich selbst und ihre Natürlichkeit scheinen verhindert zu haben, daß ihr die Bewunderung ihrer Umgebung zu Kopf stieg. Sie setzte ihr Äußeres nie als Mittel ein, um etwas zu erreichen. Koketterie lehnte sie ab (8/49).

Zunächst einmal genoß sie es, im Mittelpunkt zu stehen. Sie führte den bis dahin als unanständig geltenden Wiener Walzer am preußischen Königshof ein. Völlig frei erzogen, wehrte sie sich gegen die Bevormundung durch ihre Oberhofmeisterin, einer über 60 Jahre alten Dame. Später verstand sie sich allerdings gut mit ihr. Sie wollte sich nichts vorschreiben lassen und genoß das Vergnügen und auch die Verehrung anderer Männer, besonders das des Neffen ihres Mannes, Louis Ferdinands. Sehr schnell begann der Königshof, schlecht über sie zu reden. Auf die rüde Aufforderung des Königs an seinen Sohn, für ein besseres Benehmen seiner Frau zu sorgen (»er solle sie nur nach seiner Hand reiten und bisweilen die Sporen brauchen«), nahm dieser sie in Schutz. Eine Änderung brachte dann jedoch ein Ortswechsel. Ihr Mann mußte zu seinem Regiment nach Potsdam. Fern von der einerseits klatschenden und intrigierenden, andererseits kriecherisch schmeichelnden Hofgesellschaft, verbrachten beide einige Wochen ein einfaches Leben, ganz aufeinander angewiesen, ganz mit sich beschäftigt. Diese Wochen vertieften ihre Beziehung und führten bei Luise zu einer Reife und einem sittlichen Ernst, daß ihr Verhalten von da an zu einem Vorbild am preußischen Königshof wurde. So hat nicht nur sie auf ihren Mann eingewirkt, sondern auch er auf sie. Denn sie sagt selbst einmal: »Ich bin durch ihn besser geworden« (1/43).

Dieses neue Vorbild hatte der preußische Königshof auch bitter nötig. Johannes Scherr schreibt in seiner Deutschen Kultur- und Sittengeschichte (S. 461): »In Preußen war auf den Alten Fritz sein Neffe Friedrich Wilhelm II. (1786–1797) gefolgt, auf den straffen erleuchteten Despotismus eine schlaffe Serailsregierung, die in jeder Beziehung nach rückwärts deutete und strebte. Der König hatte eine ungenügende Erziehung erhalten, und die sittenlose Offiziersgesellschaft, in der er seine Jugend verbrachte, hatte seinen von Natur schwachen Charakter abgestumpft und verdorben. Auf den Thron gelangt, fiel er pfiffigen Obskuranten und Geheimbündlern, … in die Hände, die sich der Regierung völlig bemächtigten und mit dem Monarchen das schnödeste Gespensterspiel trieben.« (Bsp. die Kanonade von Valmy). In Meyers Lexikon wird er als hochbegabt, aber unselbständig und impulsiv bezeichnet.

Weiter schreibt Scherr, daß der König nach seiner Scheidung und Wiederverheiratung mehrmals noch andere Frauen morganatisch (d. h. eigentlich nicht rechtsgültig) ehelichte, die selbst und deren Familien von dieser Verbindung Vorteile hatten. Die Folge war eine ausgeprägte Günstlingswirtschaft. Jedenfalls war unter Friedrich Wilhelm II., in den elf Jahren seiner Regierungszeit, zwar die Kultur gefördert, aber der Staat moralisch/sittlich zerrüttet und finanziell ruiniert worden, was weitreichende Folgen haben sollte. Nahezu die gleiche Summe, die er von Friedrich dem Großen als Staatsguthaben geerbt hatte, gab er an seinen Nachfolger als Verschuldung weiter.

Doch nun zurück zu Luise. Nach gerade vier Jahren Ehe starb 1797 der regierende König. In Königsberg, der alten preußischen Krönungsstadt, wurde Luise und Friedrich Wilhelm III. mit 21 bzw. 27 Jahren das Schicksal ihres Landes in die Hände gelegt. Beide waren also noch sehr jung. Luise erfüllt ihre Pflichten als Landes- und Familienmutter auf eine Weise, die in Preußen neu war: gewissenhaft und anmutig (1/51) und mit vollem sittlich-moralischem Ernst. Das Wissen, daß sie sowohl von ihrem Mann als auch von ihrem Volk geliebt wurde, hat ihr sicher geholfen, diese Aufgaben so gut zu erfüllen, daß sie für lange Zeit zum »Vorbild für bürgerlich-patriarchalische Häuslichkeit« (1) wurde. Ein weiterer Grund dafür war auch, daß Preußen nach 46 Jahren zum ersten Mal überhaupt wieder eine amtierende Königin besaß. Denn Friedrich der Große hatte seine Frau vom Hof verbannt, und sein Neffe hatte seine Mätresse vorgezogen.

Friedrich Wilhelm III. erfüllte sein Amt eher mit Widerwillen als aus Berufung. Stein beurteilte seine Fähigkeit zum Regieren als »eine schwankende, zaudernde, allein auf momentane Erhaltung äußerer Ruhe berechnete Staatsklugheit«. Da er Entscheidungen so lange wie möglich aus dem Weg ging, kam es erst dann zu wirklichen politischen Entscheidungen und Reformen, als es eigentlich zu spät war, als Preußen durch den verlorenen Krieg gegen Napoleon und den folgenden demütigenden Friedensvertrag von Tilsit den Tiefpunkt seiner Geschichte erlebte. Des neuen Königs Losungsworte waren: »Das größte Glück eines Landes besteht zuverlässig in einem fortdauernden Frieden« und »Ordnung, Gerechtigkeit, Sparsamkeit.« (1/55). »Bündnistreue« hätte man noch hinzufügen können. Das waren Ideale, die sich erfreulich von denen der Vergangenheit abhoben, die aber in den schwierigen Zeiten, die auf das Land zukommen sollten, ohne taträftige Änderungen ihre Schattenseiten hatten. Viel zu spät kam es zu den längst notwendigen Neuerungen und Bündnissen.

Aber noch lebte das Land in Frieden. Preußen hatte 1795, also unter Friedrich Wilhelm II. mit Frankreich ein Neutralitätsabkommen geschlossen, den Basler Frieden, der ungefähr 10 Jahre halten sollte. In dieser Zeit konnten sich Kunst und Kultur zu hoher Blüte entfalten, während andere Länder unter den napoleonischen Kriegen litten (2/78). Noch unter Friedrich Wilhelm II. wurde Schadow Hofbildhauer, Mozart wurde 1789 nach Berlin eingeladen, Beethoven war da. Etwas später, 1804, wollte Luise auch gern Friedrich Schiller nach Berlin holen, dessen Dramen sie kennen- und schätzengelernt hatte. Sie hatte ihm die Stelle eines Prinzenerziehers und einen Platz in der dortigen Akademie angeboten. Der Dichter war auch nicht abgeneigt. Er schrieb in diesem Zusammenhang an Körner: »Berlin gefällt mir und meiner Frau besser, als wir erwarteten. Es ist dort eine große persönliche Freiheit und eine Ungezwungenheit im bürgerlichen Leben«. Er empfand den Gegensatz zur Spießbürgerlichkeit in Weimar. Jedoch wurde er krank und starb 1805 unter den uns bekannten Umständen.

Auf ihren Reisen lernte die Königin Herder, Schlegel, Jean Paul und noch viele andere damals bekannte Kulturschöpfer kennen. Auch wenn sie selbst kein eigentlicher Schöngeist war, kannte sie die damalige moderne Literatur und bat ihre Freundin Marie von Kleist, nie ohne ein neues Buch bei ihr zu erscheinen.

Als die Zeit für Preußen sehr ernst wurde, gab sie die immer wieder von ihrem Schwiegervater geforderte politische Zurückhaltung mehr und mehr auf. Ein Grund dafür war sicher, daß die zunehmend schwieriger werdende Lage ihren Mann bedrückte und er ihr nicht mehr gewachsen war. Sie wollte ihm und damit Preußen helfen. Es erleichterte ihn, wenn er erzählen konnte, was ihn bewegte, und er hörte auf ihr meist von gesundem Menschenverstand geprägtes Urteil. So legte er ihr auch Briefe zu Beurteilung vor, und Königin Luise konnte ihre Meinung erstaunlich sachlich begründen (8/338). Dazu wußte der König, daß er sich auf ihre absolute Verschwiegenheit verlassen konnte. Er hatte niemanden, dem er so vertraute wie ihr. Sie war ihm wirklich zur Freundin geworden.

Luise selbst erkannte in der folgenden schwierigen politischen Lage, daß ein Handeln, ein Eingreifen bzw. eine Änderung notwendig war, und sie drängte ihren wenig entschlußfreudigen Mann dazu. Zudem versuchte sie zwischen den verschiedenen Parteien, die sich am Hof gebildet hatten, zu vermitteln, um zu verhindern, daß durch gegensätzliche Meinungen Streitereien zustande kamen. Sie befürchtete, daß diese die Stellung ihres Mannes noch weiter schwächen könnten.

Sie setzte auch ihren Einfluß bei der Berufung des Ministers vom Stein und des Fürsten Hardenberg ein, die sie beide auf Reisen kennen? und schätzengelernt hatte. Mit dem Freiherrn vom Stein verstand sie sich, im Gegensatz zu ihrem Mann, gut. Der Minister war oft schroff und sagte die Wahrheit so unmittelbar heraus, daß der König sich beleidigt fühlte. Hardenberg dagegen war eher umgänglich, gewandt und suchte mit diplomatischem Geschick seine Ziele zu erreichen.

Einmal jedoch wurde Königin Luise von ihrem gesunden Menschenverstand und ihrer Menschenkenntnis im Stich gelassen. 1802 hatte das preußische Königspaar den neuen Zaren Alexander I. kennengelernt. Dieser besaß alle die Eigenschaften, die Friedrich Wilhelm nicht hatte: Selbstbewußtsein, eine für sich einnehmende, liebenswürdige Art, Energie und Überzeugungskraft. Darüber hinaus war er höflich und teilte mit Luise viele Neigungen. Sie war von ihm begeistert, beide schrieben sich schwärmerische und überschwengliche Briefe, in denen sie ihn als »Vollkommenen«, als »Sinnbild aller Tugend«, und als »die Redlichkeit selbst« bezeichnete (8/370). Dabei blieb Luise aber absolut ihrem Mann treu, und ihr Mann vertraute ihr diesbezüglich. Luise glaubte, den Zaren mit seiner politischen Macht durch ihre Freundschaft immer und ewig als Bündnispartner auf Preußens Seite zu haben. Auch Friedrich Wilhelm konnte sich dem liebenswürdigen Einfluß des Zaren nicht ganz entziehen und setzte in ihn die gleichen Hoffnungen, indem er ihm insgeheim zusicherte, immer auf seiner Seite zu stehen (2/140). Trotzdem weigerte er sich aus lauter Vertragstreue bis zuletzt, seine Neutralität aufzugeben und mit dem Zaren ein offizielles Bündnis einzugehen. So verlor Alexander an der Seite Österreichs bei Austerlitz gegen Napoleon. Erst als Napoleon seinerseits das Neutralitätsabkommen verletzte, entschloß sich Friedrich Wilhelm III. zu einer Kriegserklärung, stand nun aber politisch völlig isoliert einem Heer gegenüber, das bisher nahezu alle Schlachten gewonnen hatte. Da der Befehlshaber seiner Armee wieder der berühmt-berüchtigte Herzog Karl Wilhelm Ferdinand von Braunschweig war, der auch die Kanonade von Valmy zu verantworten hatte, liegt der Schluß nahe, daß nicht, wie von der offiziellen Geschichtsschreibung behauptet, Überalterung und Unfähigkeit die Gründe für die katastrophalen Niederlagen von Jena und Auerstedt waren, sondern freimaurerisches Wollen.1)

Vor allem in den neun Monaten zwischen dieser verlorenen Schlacht und dem Frieden von Tilsit zeigte es sich, daß der Zar Alexander trotz romantisch gestalteter Freundschaftsauftritte keine ernsthaften Versuche unternahm, seinem nun so viel schwächeren Leidensgenossen militärisch zu Hilfe zu kommen. Auch Preußen zeigte keinen geschlossenen Widerstandswillen. Das Verhalten Goethes war nur ein Beispiel dafür. Auch andere Gelehrte, Adelige sowie Bürger und Fürsten liefen scharenweise zu Napoleon über (3/205). Viele Festungen fielen nicht durch Schwäche, sondern durch Verrat in feindliche Hände.

Königin Luise, deren Anwesenheit der König bei der Schlacht gewünscht hatte, geriet durch die Niederlage mitten unter die flüchtenden Soldaten. Durch die nachrückenden Franzosen mußte sie die Flucht ergreifen. Diese führte sie unter abenteuerlichen Bedingungen über Weimar nach Berlin, wo sie ihren Mann wieder traf, dann weiter über Stettin und Königsberg nach Memel.

Worin bestand nun Luises Fehleinschätzung, und welche Folgen zog diese nach sich?

Sie hatte Alexander zu sehr idealisiert und sich dadurch zu sehr auf ihn verlassen. Sie hatte nicht erkannt, daß sein Charakter keineswegs so unfehlbar war, wie sie glaubte, und er auch eigenen Interessen nachging. Wahrscheinlich ging sie von der Eigenschaft ihres Mannes aus, der auch das meinte, was er sagte, der von unbestechlicher Ehrlichkeit und Geradlinigkeit war. Sicherlich versperrte ihr aber auch ihre eigene Emotionalität in diesem Fall den Blick für die Schwächen im Charakter des anderen. Denn bei einem gefühlsbetonten Menschen leidet bei innerer Betroffenheit das Urteil leichter unter Sachlichkeit, als bei einem nüchtern veranlagten Menschen. In einem solchen Fall bestimmen Gefühle das Handeln und nicht die Vernunft. Dies war sicherlich bei Königin Luise der Fall. Ihr aus diesem Umstand erklärbares Verhalten während der schlimmsten Notzeit Preußens führte dann auch zu Steins hartem Urteil über sie. Denn gegen seinen Ratschlag folgte sie einer Einladung Alexanders zur Weihnachts- und Neujahrsfeier 1808/1809 nach Rußland, die von ihrem Minister als zu kostspielig und politisch unnütz gehalten wurde. Er hielt ihr vor, daß das Reisegeld zur Linderung der Not im vom Krieg verheerten Masuren benötigt würde (6/53). Obwohl sie das Leid ihres Volk hautnah miterlebt und mitgelitten hatte, setzte sie sich nun gegen den anfänglichen Widerstand ihres Mannes und den Rat ihres Ministers durch und ging trotzdem auf die Reise.

Man kann zu Luises Entschuldigung anführen, daß sie auch hierbei sicher ein Opfer ihrer Zeit war. Gefühle spielten vor allem bei Frauen in dieser Zeit der Romantik eine übergroße Rolle. Man lebte sie in einer für uns heute sehr ungewohnten Weise aus, und man dachte in der Erziehung v. a. der Mädchen gar nicht daran, diese zu zügeln und sie zur Selbstbeherrschung zu erziehen.

Jedoch führt diese Reise des Königspaares dazu, daß Luise, die abermals von Zar Alexander enttäuscht wird, begreift, daß sein Charakter nicht dem Bild entspricht, das sie sich von ihm gemacht hatte. »Sie sei von einer gewissen Illusion geheilt«, und »ein Mensch, der nur Form und Farbe liebt, sei sehr wenig«, schreibt sie an ihre Vertraute Caroline von Berg (8/486), und sie richtet ab da ihre Briefe an die Frau des Zaren.

Steins Widerstand gegen die unnützen und hohen Ausgaben wird verständlich, wenn man weiß, daß es im Jahr vorher zu den für Preußen so demütigenden Friedensverhandlungen von Tilsit gekommen war. Bei diesen hatte Napoleon Alexander hofiert und Friedrich Wilhelm III. zunächst sogar ausgeschlossen. Der preußische König wurde nicht nur selbst laufend mißachtet, sondern sollte die Hälfte des preußischen Staatsgebietes teils an Alexander teils an Napoleon abtreten. Das Land wurde zu hohen Kriegskostenentschädigungen verpflichtet. Schenkungen von preußischen Staatsdomänen an napoleonische Marschälle und Generale mußten anerkannt werden, und das preußische Heer sollte in den nächsten 10 Jahren nicht mehr als 42 000 Mann unter den Waffen haben (3/237). Napoleon versuchte dabei deutlich, einen Keil zwischen Preußen und Rußland zu treiben. Alexander ließ das zu und setzte sich trotz Luises Bitten und ungeachtet aller Freundschaftsschwüre der Vergangenheit nicht bei Napoleon für eine Milderung der harten Friedensbedingungen für Preußen ein.

Es kam noch zu einem letzten Versuch, für Preußen weniger harte Friedensbedingungen zu erreichen. Preußische Minister baten Königin Luise, mit Napoleon zu sprechen. Dazu erklärte sich die 31jährige, mit ihrem 9. Kind schwangere Königin bereit, obwohl der Franzose bei der Besetzung Berlins ihre vertraulichen Briefe an den Zaren gelesen hatte. Obwohl der französische Kaiser sie in den Zeitungen ganz Europas als kriegslüsterne Amazone bezeichnet und ihr ein Liebesverhältnis mit dem russischen Zaren unterstellt hatte. Und obwohl sie ihn in ihren Briefen an Ehemann und Vater entsetzt als »Ungeheuer«, als »Quelle des Bösen«, als »Geißel der Erde« und als »Person, in der sich alles Gemeine, und Erniedrigende vereine«, bezeichnet hatte (8/354).

Sie traf sich zur Vorbereitung auf diese Verhandlung mit Hardenberg, der sie in die Vorschläge einwies, die sie für die Zukunft Preußens machen sollte. Diese brachte sie mit der ganzen ihr zur Verfügung stehenden Liebenswürdigkeit, Ausdrucksfähigkeit, Würde und Menschenkenntnis mit eigenen Worten vor. Sie ließ sich von dem Franzosen auch nicht durch Schmeicheleien ablenken. Dieser merkte nicht, daß es nicht ihre eigenen Forderungen waren. Er begegnete ihr und ihrem Mann mit großer Höflichkeit, wich aber leider keineswegs von seinen harten Bedingungen ab. Politisch war dieser Bittgang vergebens gewesen.
                                                    (wird fortgesetzt)


Fußnoten:

  1. Siehe »Der freimaurerische Kriegsverrat 1806«, Gerhard Gieren, Ludendorffs Verlag 1939