Von Hans Binder
Die Erkrankung an Krebs ist keine Besonderheit des Menschen. Krebs wird nicht seelisch ausgelöst und ist nicht seelisch heilbar. Er ist eine zwangsläufige biologische Folge des durch Gene kontrollierten vielzelligen Organismus und des unabdingbaren Mutierens seiner Gene. Er gehört deshalb zur Evolution und betraf und betrifft alle vielzelligen Organismentypen, die es Hunderte von Millionen Jahren vor dem Menschen schon gegeben hat. Die naturgesetzlichen Vorgänge, die zu Krebs führen und die charakteristischen Merkmale des Krebses sind jeweils gleich: Beispielsweise bei Schnecken, Würmern, Insekten, Fischen, Lurchen, Kriechtieren, Vögeln, Säugetieren – und beim Menschen. Krebs bei Pflanzen gehört ebenso dazu. Immer ist Krebs das unumkehrbare Ergebnis von Erbgutänderungen (Mutationen).
Es gibt bei diesen Organismenarten auch gutartige Tumoren. Krebs heißen die bösartigen. Zellen und Gewebe des Krebses haben neue Eigenschaften: Sie sind transformiert, nämlich genetisch umprogrammiert, haben die Fähigkeit verloren, sich bei irreparablen Schäden nach vorgegebenem erblichen Programm zu zerstören (Apoptose); Krebszellen vermehren sich unkontrolliert, sind in Aussehen, in ihrer Molekularbiologie und Funktion unumkehrbar verändert, können sich aus dem Gewebeverband lösen und, in Lymph- und Blutbahnen fortgetragen, in gesunden Organen ansiedeln und zum Ausgang sekundärer bösartiger Tumore (Metastasen) werden. Jeder Krebs – bei Pflanzen, niederen Tieren, Wirbeltieren und beim Menschen gleichermaßen – ist das Ergebnis von unumkehrbaren Mutationen – und von sonst nichts. Die Diagnose »Krebs« erfordert eine nur von fachlichen Experten zu leistende genaue Differenzierung und mikroskopische Untersuchung des Zellgewebes; zu Forschungszwecken kommen Genanalysen hinzu.
Mutationen sind chemische Veränderungen des Erbguts (chemische Bezeichnung des Erbträgers: DNS). Sie kommen sehr oft spontan als Folge normaler chemischer Reaktionen in der Zelle zustande. Zusätzlich mutationsauslösend wirken UV-, Röntgen- und radioaktive Strahlen, ferner 500 bis heute bekannte Substanzen, größtenteils aus der Natur und hier in meist unwirksam niedriger Konzentration vorkommend, teils aus der menschlichen Zivilisation. Hinzu kommt eine ganze Reihe von krebsauslösenden Tumor-Viren. Hormone können die Vermehrung der Krebszellen und das Wachstum des Krebses fördern, wenn sie die natürlichen anregenden Signalstoffe für das jeweilige Gewebe sind (folglich z. B. die Geschlechtshormone im Falle des primären Eierstock- bzw. Hodenkrebses.)
Die in Mensch und Maß Folge 2/2002 vorgestellte Hamers »Neue Medizin« über Krebs beim Menschen enthält nichts, was dem Wissen und Denken standhält. Hamers Behauptung: Krebs werde durch unvermittelt hereinbrechende seelische Konflikte ausgelöst, wobei die eigentlich schwere Krankheit in Psyche und Gehirn sitze und von dort aus, je nach Sitz, die Krebsentstehung in dem einen oder anderen Organ steuere. Psyche und Gehirn, so Hamer weiter, könnten den Krebs aber nach der vollbrachten Lösung des seelischen Konflikts auf geistigem Wege auch wieder heilen. Nach solcher Heilung, so Hamer, würden dann Viren, Bakterien und/oder Pilze aufgrund ihrer »ontogenetischen Zuständigkeit« für die unterschiedlichen Organe des Menschen den Krebs-Tumor wieder abbauen und benachbarte Schäden ausgleichen. Bekanntlich gibt es aber keine solche durch Ontogenese bedingte Zuständigkeit der genannten Mikroben und auch nicht die ihnen unterstellten Fähigkeiten. Außerdem weiß man aus der Gehirnforschung an Gesunden, Verletzten und Erkrankten schon seit den Anfängen dieser Forschungen, daß einzelne Gehirnteile nicht getrennt einzelnen Körperorganen funktionell zugeordnet sind. Die technisch kompliziert gewonnenen, aber sicher zu interpretierenden Ergebnisse der modernen Gehirnforschung über die Netzwerke des Gehirns beweisen erst recht das Gegenteil von dem, was Hamer in tollem Widerspruch zur gesamten Fachwissenschaft mit abenteuerlichen »Beweismitteln« über das Gehirn als seelisch-körperliche Geburts- und Heilungsstätte aller möglichen Krebs-Tumoren behauptet.
Das Wissen darüber kann nur aus der experimentellen naturwissenschaftlichen Forschung kommen, jeweils durch zahlreiche Forschergruppen weltweit kontrolliert und benutzt, so daß Fehler berichtigt und Wissenschaftsbetrüger – wie die international renommierten Krebsforscher Friedhelm Herrmann und Marion Brach 1997 – entlarvt und ihre Wissenschafts- und Hochschulkarrieren hart beendet werden. Das Wissen über Krebs ist durch die jahrzehntelange Forschung stark angewachsen. Wissenschaftliche Hypothesen, die vor weniger als 40 Jahren mangels Wissen noch in der Wissenschaft diskutiert werden mußten, sind längst durch weiteres Wissen überholt. Die Genforschung mittels Gentechnik hat die Wissensentwicklung auf diesem Gebiet explosionsartig erweitert. Das so auch über den Krebs aufgedeckte Wissen hat den Status von ingenieurmäßig anwendbarem Wissen, mit dem entsprechende Forschungstechniken verbunden sind.
Damit eine Zelle bei Tierarten oder beim Menschen zu einer Krebszelle wird, sind etwa sechs bis zehn Mutationen in dieser Zelle nötig. Das dauert bei menschlichen Zellen bis zu etwa zehn Jahren. Damit eine Krebszelle entsteht, aus der sich durch Zellvermehrung Krebsgewebe entwickeln kann, muß in der durch mehrere maßgebliche Mutationen veränderten Zelle noch ein Proto-Onko-Gen oder ein Tumor-Suppressor-Gen mutieren.
Aus dem Proto-Onko-Gen entsteht durch Mutation ein Onko-Gen. Bis heute sind etwa 40 verschiedene Proto-Onkogene bekannt. Sie codieren Proteine, die an intra- und interzellulären Signalvermittlungen mitwirken, die z. B. für die Zellvermehrung, ihre Kontrolle und ihren Stop notwendig sind. Wenn ein Proto-Onko-Gen zu einem Onko-Gen mutiert ist, codiert es nicht mehr ein solches Signalvermittlungs-Protein. Beispielsweise hat das besonders gut erforschte ras-Onko-Gen zur Folge, daß die Zellvermehrung nicht mehr stoppt: Damit erwirbt diese Zelle, die durch andere Mutationen schon verändert war, quasi potentielle Unsterblichkeit, erlangt eine abnorm gesteigerte Vermehrungsrate und wird so zum lebensbedrohenden Ausgangspunkt eines Krebszellen-Klons, eines bösartigen Tumors eventuell mit Metastasen, hervorgegangen aus einer einzigen genetisch umgewandelten Zelle (Karzinome der Bauchspeicheldrüse weisen in 80% der Fälle das ras-Onko-Gen auf.)
Die Mutation von jeweils einem Tumor-Suppressor-Gen führt in dieselbe Katastrophe, wenn die Krebsentstehung durch die anderen Mutationen vorbereitet ist. Tumor-Suppressor-Gene codieren normalerweise Proteine, die Genaktivitäten kontrollieren und dadurch z. B. die Zellvermehrung bremsen. Das bekannteste dieser Gene ist das p53-Gen. Es wird bei Zellschädigungen aktiviert. Sein Gen-Produkt ist das p53-Protein. Dieses kann 500 andere Gene anschalten. So stimuliert es die Reparatur von DNS-Veränderungen (Gen-Mutationen), für die weitere Gene erforderlich sind. Es unterbricht auch die Zellvermehrung, so daß die DNS-Reparatur überhaupt eine Chance hat. Falls die Zell-Defekte nicht mehr reparabel sind, leitet dieses p53-Protein in dieser Zelle die Apoptose (den genetisch programmierten Zelltod durch Selbsttötung) ein. Über diesen sinnvollen Zerstörungsmechanismus verfügen die Zellen der vielzelligen, dem Altern und Alterstod ausgesetzten Organismen. Sie befreien sich dadurch von Zellen, die geschädigt sind und geschädigt bleiben und zur gefährlichen Last des Organismus, schließlich auch zum Ausgangspunkt von Krebs werden würden (Der Sonnenbrand der Haut mit der Schälung der Haut ist auch die Folge einer Apoptose.) Wenn das p53-Gen in einer Zelle mutiert ist, ist sie zu einer Krebszelle geworden. In Krebs-Tumoren ist das mutierte p53-Gen das meistmutierte Gen (in den Zellen von 75% aller Dickdarmkrebse vorliegend). Infolge der Mutation des p53-Gens können keine Gen-Reparaturen mehr ablaufen, außerdem läuft infolge dieser Mutation die Vermehrung der betroffenen Zelle ungehindert weiter, und sie und ihre Tochterzellen können außerdem wegen dieser Mutation keine Apoptose mehr durchführen.
Weitere Genmutationen, die den ersten, zweiten Schritt zur Krebsentstehung leisten, betreffen die Gene für die DNS-Reparatur, ferner die Regulatorgene für die Apoptose und die Gene für die Steuerung der Individualentwicklung vom befruchteten Ei bis zum Körper des Heranwachsenden. Diese Steuergene sind evolutiv alt und blieben während der viele Jahrmillionen langen Evolution hochkonserviert, so daß z. B. Mensch, Maus, Fadenwurm und Fliege gleiche Entwicklungskontroll-Gene (neben gleichen DNS-Reparatur-Genen) haben und folglich durch dieselben Mutationen derselben Gene Krebs bekommen.
Jeder Mensch hat zahlreiche Zellen, die damit begonnen haben, jeweils eine Krebszelle und damit Ausgangspunkt für jeweils einen Krebs zu werden, die also jeweils ein paar mutierte Gene tragen, die für die Umprogrammierung zu Krebszellen wichtig sind, aber noch nicht ausreichen. Erst nachdem zusätzlich zu diesen Genen ein Proto-Onko-Gen oder ein Tumor-Suppressor-Gen mutiert, wird die Zelle zur Krebszelle, die sich unkontrolliert vermehrt und zum Ausgangspunkt von Krebs wird (Es bildet sich nicht, wie Hamer unzutreffend behauptet, ein Organ zu Krebs um).
Der menschliche Körper besteht aus etwa 100 Billionen Zellen. Auch im erwachsenen Körper laufen immer noch kontrollierte Zellteilungen (-vermehrungen) ab, vor allem in den Blutbildungs-, Schleimhaut-, Haut-, Knochen- und Bindegewebszellen. 10 Billiarden (1016) Zellteilungen erreicht somit das menschliche Leben ab der befruchteten Eizelle. Jedes der etwa 30 000 Gene mutiert währenddessen durchschnittlich 10 Milliarden (1010) mal. Aber warum ist dann Krebs nicht viel, viel häufiger? Dies hat drei Gründe:
Das Immunsystem schützt nicht in dem von vielen erhofften und oft propagierten Maße gegen die eigenen Krebszellen. Das liegt in der Wirkungsweise des Immunsystems begründet, das normalerweise Zellen, die dem eigenen Körper entstammen, als solche identifiziert und ungeschoren läßt, auch wenn sie zu Krebszellen geworden sind, weil diese immer noch die individualtypischen Oberflächen-Erkennungsmoleküle tragen. Eine Ausnahme bildet Krebs, an dessen Entstehung Tumor-Viren beteiligt waren, die die Krebszellen an ihrer Oberfläche für das Immunsystem deutlich als fremdartig kennzeichnen. Die wissenschaftlich nicht fundierte »Stärkung des Immunsystems gegen Krebs« mit verschiedenen Mitteln, stofflichen und seelischen, wird dennoch gerne angepriesen. Das ist menschlich und kommerziell verständlich, aber unredlich. Das Immunsystem, das mit Gehirn, Nervensystem und Hormonsystem mit Signalstoffen wechselwirkt, kann über Tätigkeiten des Großhirns und limbischen Systems (z. B. bei Streß oder Ruhe) nur im Falle von Allergien und bei Zielangriffen gegen Körperfremdes beeinflußt werden, z. B. gegen die Infektion mit manchen Viren, aber auch hier nur sehr begrenzt.
Die Vorstellung, Krebs lasse sich auf der »geistigen« Schiene in die Schranken verweisen bzw. auslöschen, geht genauso an der Wirklichkeit vorbei wie die Behauptung, Krebs entstehe auf psychischem Wege über das Gehirn. Die Ideen für das »geistige« Zustandekommen von Krebs oder auch von anderen Erkrankungen und für deren »geistige« Heilung bzw. Überwindung begegnen uns lange vor Hamers »Neuer Medizin« in zahllosen religiösen, sonstigen okkulten und magischen Lehren mit ihrem gestörten assoziativen Denken. Ein hierzulande prominentes Beispiel dafür ist die anthroposophische »Geisteswissenschaft« Rudolf Steiners, die auch eine eigene Krankheitslehre und Heilkunde einschließt.
Wird bei einem Patienten die pathologisch-histologisch gesicherte Diagnose »Krebs« gestellt (auf diesen fachlichen Nachweis kann in keinem Fall verzichtet werden), so trifft dies den Selbsterhaltungswillen dieser Menschenseele aufs Härteste. Schon die Sorge, diese Erkrankung könnte bevorstehen, regt den Selbsterhaltungswillen in den meisten Fällen mächtig an. Dies ist die Erklärung für alles, was unter der Steuerung des Selbsterhaltungswillens verständlicherweise erlebt, an Abwehr versucht und an Hilfe in Anspruch genommen wird, dabei oft dem Denken der Vernunft mißtrauend oder dieses Denken ausschaltend und Zuflucht zu der einen oder anderen Heilslehre suchend.
| Anmerkung der Schriftleitung: |
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Mit dem vorstehenden Beitrag werden die Darstellungen zur sogenannten »Neuen Medizin« von Ryke Geerd Hamer beendet. |