Auch der Hinduismus drängt nach Europa

Eine Bereicherung?

Von Heinz Erdt

Nun wurde er eingeweiht, der größte Hindutempel auf dem europäischen Festland. In Hamm-Uentrop im Ruhrgebiet, am Rande des östlichen Reviers und zu Ehren der angebeteten Muttergöttin Sri Kamadchi Ampal. Ein 13-stündiges Fest mit elf indischen Gurus lockte (zahlen-kabbalistisch?) mehrere tausend Gläubige und neugierige Besucher an.

Sri Pakaran hat damit seine »Vision« unter Beihilfe auch der Stadtväter, welche den Hindubrückenkopf »fortschrittlich« als »kulturelle Bereicherung« feiern, trotz (anfänglichen) Widerstandes der Bürger nun erfüllt. 1989 begann der tamilische Hindupriester und »Bürger-kriegsflüchtling« mit einem Andachtsraum im Keller seiner Mietwohnung. 1992 richtete er den ersten Tempelraum ein, sicher ähnlich »religionsstrategisch« (Ringgren/Ström, Die Religionen der Völker) wie einst schon der Brahmane Shankaram, 1788–828. Der gründete nämlich in jeder der »vier Ecken Indiens« ein Kloster.

Mit dem Tag der magischen Tempelweihe können nun regelmäßige Götterdienste zur »Verinnerlichung« beginnen, zu denen zweimal tägliche Andachten, Jahresfeste und ein jährliches Tempelfest mit farbenprächtigren Umzug zählen. Von einer Beobachtung durch den Verfassungsschutz, wie bei der Mun-Sekte wegen der Grundgesetztreue beispielsweise nach Art. 1 und 2, berichteten die Zeitungen und das Fernsehen nichts.

Der neue Tempel stehe natürlich allen Menschen offen, wie der gewinnende und liebenswürdige Heilige gemäß seinem einweltlerischen religiösen Auftrag verkündete. Diese aber teilweise in Indien verpönte Mission unserer häufig geistig-seelisch entmündigten Bevölkerung führte seit den 60er Jahren immer wieder solche Gurus aus dem Subkontinent nach Europa. Hinduistische Kulte wurden heute zu einer neuen »Modereligion«. Die Zahl der Bekehrten schwanke zwischen 30 000 und 60 000.

Auch hier wird eifrig religiöse Werbung betrieben, letztlich zwanghaft, wie das bei indoktrinierten Gläubigen oder Süchtigen gleich welcher Art so oft zu beobachten ist. Bei den Zeugen Jehovas gilt sie sogar als »Gottesdienst« und Pflicht, anderswo als »gottwohlgefälliges« Tun. Schauspieler und Musikanten treten ebenfalls gern als Verführer auf, beispielsweise der ehemalige Beatle George Harrison mit seinem »My sweet Lord« (Gott). Synkretistisch treten hier nacheinander, dann miteinander – aber teilweise durchaus zu Recht – Jesus und die hinduistischen Gottheiten Krischna und Schiva auf. Wie einst auf dem Theater der Jesuiten leisten wie auch anderswo Bühne und Bild ihre suggestive »Überzeugungsarbeit«, farbenprächtig und ungewohnt. Der Reiz des »Neuen« wirkt. Auch Hermann Hesses Roman »Siddharta« von 1926 wird als Kultbuch wiederbelebt.

Der Hinduismus

Unter Hinduismus versteht man jene indischen Anschauungen, etwa zu Beginn unserer Zeitrechnung, die sich nach der Absonderung des Buddhismus und des Jainismus auf der Grundlage der Veden bzw. der Upanischaden aus dem achten vorchristlichen Jahrhundert herausgebildet haben. Zu ihm bekannten sich 1998 über 80% der etwa 930 Millionen Inder.

Die Bestimmung des Hinduismus sei keineswegs leicht. P. J. Nehru meinte 1946:

»Als Glaube betrachtet ist der Hinduismus unbestimmt, vielseitig, alles für alle. Es ist fast unmöglich, ihn zu definieren oder auch nur genau zu sagen, ob er eine Religion im gewöhnlichen Sinne des Wortes ist oder nicht … Seine eigentliche Seele scheint ‚leben und leben lassen' zu sein.«

Die Forschung (s. o.) führt ihn unter indogermanischen Schriftkulturen. Seine einflußreichste philosophische Schrift ist das Brahmasutra und seine bedeutendste heilige Schrift die Bhagavadgita. Die Hindus selbst verstehen ihre Religion als arya dharma, als »die arische oder edle Ordnung« und neuerdings als »sanatana dharma«, »die ewige Ordnung«. Das spreche dafür, daß hier eine umfassende Welt- und Lebensanschauung vorliegt, die Religion, Gesellschaftsauffassung und Naturbetrachtung in sich schließt. Hierher gehört der Glaube an die Wiedergeburt, das Karma, abhängig vom Handeln. Nach diesem Gesetz von Ursache und Wirkung entscheidet der Mensch mit seinen guten und schlechten Taten selbst über sein Schicksal heute und im künftigen Leben. Das ethische Handeln hat ein einziges Ziel: das möglichst große eigene Glück. Dieses Streben nach Glückseligkeit beinhaltet das Streben nach Genuß, kama durch die fünf Sinne, nach Nützlichem: Besitz, Freunde, Wissen oder Macht. Das dharma bedeutet Streben nach dem Guten und Rechten, das heißt, Gutes zu tun, um sich selbst als gut zu erweisen.

Außer der Heilighaltung der Kuh sind die Unterschiede des Hinduismus auch örtlich so groß, daß sie oft das Gemeinsame verdunkeln. Das Kastenwesen ist ebenfalls sehr verschieden. Ansonsten umfaßt der Hinduismus »die widersprechendsten Anschauungen, von abstrakter philosophischer Spekulation bis zum krassen Dämonenglauben, vom Abscheu gegen alles Körperliche bis zum gröbsten Sexualkult, vom Gebot des Nicht-Tötens bis zu ausgedehnten blutigen Opfern, vom Glauben an einen einzigen Gott bis zum Gebrauch unendlicher Götterlisten. Der Hinduismus ist außerordentlich tolerant. Er hat keine festgelegten Lehrsätze, empfiehlt keine gemeinsame Lebensführung und hat kein sammelndes Gemeinschaftsleben. Die indische Tradition ist aber so stark und sonderbar zeitlos, daß trotz allem eine gewisse Einheitlichkeit hervortritt.« (s. o.)

Hier leben auch die Grundgedanken und die Erlösungswege der alten vedischen Religion, z. B. der karmamarga oder »Weg der Werke«. Opfer und ethischer Wandel erflehen Gesundheit und irdisches Glück, Reichtum und Nachkommenschaft, Frieden und seliges Dasein nach dem Tode. In Meditationen besonders der Upanischaden, die wohl älteste philosophische Sammlung des Menschen, sucht man »den Weg der Erkenntnis« zu gehen, den Schleier des Daseins zu durchdringen und das Wesen der Dinge, satyasya satya, »das Seiender des Seienden« und damit den Sinn des Daseins zu erfahren.

Schon früh entwickelte sich der Bhaktimarga, »der Weg der Hingebung«, die Lebensform der persönlichen Gottesliebe. Er verlieh dem Hinduismus im besonderen Maße sein Gesicht. Eine Reihe gelehrter oder volkstümlicher Lehrer hat diese Richtung ausgestaltet und gefördert.

Unitarische Strömungen gab es zu verschiedenen Zeiten in Indien. Schon Kaiser Akbar, das heißt der Große, 1556–1605, einer der größten Herrscher des Subkontinents, hatte versucht die verschiedenen religiösen Bekenntnisse, vor allem Hinduismus und Islam zu einer Religion zu verschmelzen. Ram Mohan Rai, 1773–1833, führte viele Bengalen zum Christentum und gründete eine synkretistische Gemeinde. Ein und derselbe Gott werde in allen Religionen angerufen. Diese Vorstellung bietet man heute als einzig weltrettendes Überlebensmittel wie sauer Bier an, durch den »Dialog aller Religionen«, als »Weltethos«. Auch Ramakrischna, 1834–1886, nannte alle Religionen gleichwertig, jeder solle bleiben, wo er ist. Alle Mission sei vom Übel.

Um die Abendländer zu gewinnen, versuchten besonders S. Vivekananda, S. Radhakishnan, S. D-Sharma oder S. Nikhilananda ihnen die hinduistischen Anschauungen zugänglich zu machen. Die wichtigsten Gedankengänge der Gebildeten seien:

Die Welt hat immer existiert. Sie hat weder Anfang noch Ende. Kein Gott hat sie geschaffen.

Gott ist die Welt. Wie ein Schlafender einen Traum erlebt, so existiert das Weltall in Gott. Er ist das Gewisse und Handgreifliche, und das Dasein ist wie ein Traum oder seine Vorstellung. Gott ist unpersönlich … Der Glaube an einen persönlichen Gott ist eine niedrigere Gottesvorstellung. Viele nach hinduistischer Auffassung tieferstehende Religionen, wie z. B. das Christentum und der Islam, hegen diesen Glauben.

Die Seele (atman) ist das Unvergängliche in den Geschöpfen, das alle zusammenhängenden Erfahrungen körperlicher und seelischer Art Vereinigende. Im Gegensatz zu Buddha glaubt der gebildete Hindu an die Seele als eine ewige und unveränderliche Größe. Die Seele ist etwas anderes als das Bewußtsein, das ebenso veränderlich ist wie der Körper … Auch die Tiere haben eine Seele …

Das Böse der Welt wurzelt im Menschen. Niemand anders ist die Ursache alles Bösen. Das kommt daher, weil er völlige Freiheit hat, selbst sein Schicksal zu gestalten … Die Seelenwanderung hat ihren Grund in dieser Sünde der Unwissenheit …

Erlösung bedeutet Befreiung von der Unwissenheit. Sie wird folgendermaßen beschrieben: »Der Mensch muß aus dem engen Gefängnis seiner eingeschränkten Individualität ausbrechen und seine unbegrenzte, universale Natur wiederentdecken.« (…) Die Erlösung vollbringt man also selbst … Vivekananda beschreibt sie: »Wenn ein Mensch die Stufe erreicht hat, wo … er einen jeden liebt und bereit ist, sein Leben für ein Tier zu geben, ohne Belohnung zu wünschen, dann ist sein Herz gereinigt.« Dann ist man erlöst und frei von Samsara, dem Rad des Seins, des Kreislaufs der Existenzen von Geburt zu Tod und neuer Geburt. Das ist Ziel dieser Erlösungsreligionen.

Die Moral ist ganz von dieser Auffassung abhängig. Man soll moralische Gesetze und Gebote einhalten, um seine Einheit mit dem Weltgeist und der All-Einheit zu erleben. Der Hindu sieht in allen Menschen eine Widerspiegelung eines unpersönlichen Gottes.

Religion bedeutet Glauben an das Göttliche im Menschen, an die Offenbarung des Allgottes im Menschen selber, Religion besteht darin, sich selbst zu glauben … Die Religion besteht ganz und gar in Erlebnis und Erfahrung. »Der ausschlaggebende Beweis für die Existenz Gottes ist das Erlebnis«, das Gefühl der Einheit mit dem All …

Die Hindu-Götter werden ebenfalls unterschiedlich verehrt. Varuna wurde ein Wassergott, Indra ist nur dem Namen nach Himmelsherrscher, Agni und die Ashvins sind ohne Bedeutung. Brahma genießt die geringste Verehrung, Vishnu gilt als gute und freundliche Gottheit und Rama als menschlicher Held. Schiva, ein Hauptgott, der vedische Rudra, ist der Gott der Meditation, des Yoga, der Ekstase und der Zeugungskraft. In seinem wirbelnden Tanda-Tanz soll die Welt einmal untergehen. Auch hier also die biblische Apokalypse. Shivas Gattin, Uma, ist die vornehmste aller Göttinnen des heutigen Indiens. Sie tritt auch als schwarze, schreckenerregende Kali auf. Krischna wurde, so Ringgren/Ström, in alten Zeiten bald als Gott, bald als Held aufgefaßt, im Hinduismus herrschen jedoch die göttlichen Züge vor. Dieser Mythos der Welterlösers und Weltheilands Buddha und Krischna drang auch zu den Mittelmeerländern vor und wurde hier durch Juden zum Christos-Mythos abgewandelt. Die Legenden der übernatürlichen Empfängnis der werdenden Mutter, die Geburt des Krischna-Christos, die Verfolgung durch den König, die Versuchung durch den Teufel, die Aussendung der Jünger, die Weissagung des Todes und das Versagen der Jünger, die Verklärung, das Abendmahl, der Tod des Gottessohnes, seine Auferstehung und Himmelfahrt u. a. finden ihre Belegstellen im wesentlich älteren indischen Schrifttum. Näheres in »Der Mythos von Krischna-Christos« in Mathilde Ludendorffs »Erlösung von Jesu Christo«.

Zurück zum Hinduismus und seiner praktisch gelebten Frömmigkeit, nun auch in Deutschland. Sein Kult ist erstaunlich vielfältig. Gemeinde? Gottesdienst zu bestimmten Zeiten gibt es nicht, die Priester oder Gläubigen verehren die Götter zu jeder beliebigen Zeit. Das alte Opfer yajna hatte seit ältesten Zeiten die denkbar größte Bedeutung. Es war ein Bittopfer, nie ein Dankopfer. Man bat, wie gesagt, um Gesundheit, Reichtum, Vieh, Kinder und günstiges Leben. »Indogermanischer Sitte gemäß gab es keine Tempel«, die Opfergaben wurden vielmehr im heiligen »Opferviereck« auf den Boden gelegt. Heute ist yajna durch puja ersetzt worden, durch die Verehrung der Götter durch Ausstrecken der Hände, Singen von Lobgesängen, Rezitieren heiliger Texte und Darbringung von Blumen, Girlanden, Obst und Kokosnüssen, in den Häusern auf kleinen Altären und oft in gewaltigen und reich geschmückten Tempeln. Hinzu kommen Feste, Wallfahrten, heilige Bäder … Bei der täglichen puja der Priester werden die Götterbilder geweckt, gewaschen, angezogen, sie erhalten Nahrung und werden in Prozessionen geführt. Immer noch kommt sakraler pantomimischer Tanz vor, während die Tempelprostitution im Aussterben ist.

Der Hinduismus war eine Volksreligion gewesen und ist es heute mit wachsender politischen Bedeutung des Landes mehr denn je. Inhaltlich gehört er aber zu den Weltreligionen. Mit Swami Vivekanandas hinduistischer Propaganda im Religionsparlament 1893 in Chicago begann auch die hinduistische Weltmission und durch zahlreiche Nachfolger in den verschiedenen Ländern, der religiöse Imperialismus. Seit Jahren kommt es nun auch im Subkontinent zu Gewalt gegen Andersgläubige. Mit »dem Ozean der Liebe« des Werkes Bhagavatapura und einer grenzenlosen Toleranz ist es heute wohl nicht mehr weit her, auch wenn der Hinduismus stets bereit war, Gedanken und Normen anderer Glaubensformen in sich aufzunehmen.

Gefahr für die Kultur

Wie jede andere Religion gefährdet auch der Hinduismus Eigenart und Sinnerfüllung der Menschen. Seine fromme Ichsucht kümmert sich nicht um die Belange der mannigfaltigen Gemeinschaften. Verängstigung, Dämonenfurcht, Kult und Aberglaube rauben die innere Freiheit. Der Seelenmißbrauch mit geisteskranken Anweisungen zur Meditation und zum Yoga macht Denken, Urteilen, Fühlen, Wollen, Aufmerksamkeit und Wahrnehmen krank. Die unseligen Irrlehren der Kasten, mit deren Hilfe der indische Gesetzgeber Manu sein Volk vor der Vermischung behüten wollte, lösen in edlen Menschen immer wieder Abscheu aus. Ganze Teile der Bevölkerung galten und gelten immer noch als unreiner Auswurf, dem sogar die Erlösung abgesprochen wurde. Als Antwort lehrte Krischna den Kampf mit dem Schwert, selbst innerhalb der Sippen, als Pflicht. Auch predigte er die Gleichheit aller Menschen und wahllose Liebe untereinander.

»Die Lehre von der Wiedergeburt nach dem Tod in verschiedenen Stufen, je nach Handeln, macht das Leben der Menschen zu Strafanstalten Gottes und läßt sie … alle Schicksalsschläge ihrer Geschichte als ‚Strafe Gottes' abwehrarm hinnehmen. Darin vor allem liegt das völkervernichtende Gift dieser Lehre.« (Mathilde Ludendorff, s. o. S. 451)

Die wenigen Spuren indogermanischer Weltanschauung, z. B. die Lehre der Selbsterlösung, die Unterscheidung von Sein und Wesen oder die religiöse Duldsamkeit dürften meist im Irrwahn ersticken. Eine »kulturelle Bereicherung« unseres Volkes ist der Hinduismus also keineswegs. Im Gegenteil! Das schließt selbstverständlich nicht aus, daß es auch hier wie anderswo trotz aller Irrtümer edle Menschen gibt. Denn nach der Gotterkenntnis kommt es beim Werten eines Menschen nicht so sehr darauf an, was einer alles glaubt, sondern was er daraus macht.