Erfurt und das große Entsetzen

Von Dietmar Lange

»Deutschland trauert über ein unfaßbares Geschehen«, kommentierte Bundespräsident Johannes Rau den schrecklichen Amoklauf eines 19jährigen Schülers im Erfurter Gutenberg-Gymnasium vom 26. April 2002. Sechzehn Menschenleben wurden sinnlos ausgelöscht – Lehrer, Schüler und ein Polizist –, unsagbares Leid den Familien der Opfer sowie des Täters zugefügt. Bundesinnenminister Otto Schily (SPD) befand: »Wir müssen uns die tiefer gehende Frage stellen, was in unserer Gesellschaft eigentlich los ist, wenn ein junger Mensch auf diese Weise solch ein Unheil anstellen kann.«

Mit der Feststellung »Erfurter Blutbad kommt nicht aus heiterem Himmel« weist der Leitartikel der »Braunschweiger Zeitung« (BZ) vom 27. April 2002 unter der Überschrift »Saat der Gewalt« auf die Frage hin: »Wer ist für diese Entwicklung verantwortlich?«

Die Antworten, die Politiker, Medien und Soziologen nach derartig schrecklichen Ereignissen geben, gleichen sich erfahrungsgemäß stets bis in den Wortlaut. Der Weg zum friedlichen Zusammenleben »erfordert ein Umdenken in der Gesellschaft«, faßt der Leitartikler in der BZ zusammen, denn das Erfurter Blutbad sei »eine Warnung für eine Gesellschaft, die Gegenwehr dringend lernen muß.«

Doch schon mehrfach haben tödliche Attacken gegen Lehrer in Deutschland in den vergangenen Jahren Schlagzeilen gemacht.

Am 9. November 1999 erstach in Meißen (Sachsen) ein 15jähriger Gymnasiast seine Lehrerin. Am 30. November desselben Jahres verhaftete die Polizei in Metten (Bayern) drei Jugendliche, die Mordpläne gegen ihre Schulleiterin und eine Lehrerin geschmiedet hatten. Am 21. Februar 2000 wurde in Müncheberg (Brandenburg) eine 16jährige Gymnasiastin festgenommen, die in ihrer Schule ein Handgranatenmassaker geplant haben soll. Am 16. März 2000 schoß ein 16jähriger Schüler, weil er am Vortag von seinem Realschulinternat in Brannenburg (Bayern) verwiesen wurde, auf den Leiter der Anstalt und verletzte ihn tödlich. Am 19. Februar 2002 erschoß ein 22jähriger Täter aus Rache und Haß in einer Berufsschule in Freising (Oberbayern) den Direktor und verletzte einen Lehrer schwer. Zuvor hatte er in einer Firma zwei ehemalige Kollegen erschossen.

Das kaltblütige und berechnend durchgeführte Massaker von Erfurt löste neue Debatten aus, Debatten über Waffenrecht und Sicherheitsmaßnahmen, über die Rolle von gewaltverherrlichenden Videos, Fernsehprogrammen und Computerspielen auf den Märkten der Freizeit- und Spaßgesellschaft. In das Blickfeld geriet selbstverständlich ebenso die Rolle der Schule.

Im SPIEGEL Nr. 19 vom 6. Mai 2002 konnte man über »Tugendwächter unter sich« im Rahmen der Trauerfeier auf dem Erfurter Domplatz lesen: »Kanzler Schröder reißt die Gewaltdebatte an sich, Herausforderer Stoiber kontert mit einer Wertediskussion.« Währenddessen denkt Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn über Konsequenzen für die Schulpolitik nach und fordert ein »lernfreudigeres Klima«. »In erster Linie«, so ist jetzt im SPIEGEL zu lesen, »brauchen wir eine neue Schulkultur … Ich schlage eine Task Force Gewaltfreie Schule vor.« (Nr. 19, S. 27). Worauf es also ankommt: »Wir brauchen für die Pädagogen im Bereich Konfliktbewältigung und Gewaltprävention eine bessere Weiterbildung.« (Bulmahn, ebd.)

Aktionismus scheint angesagt, obwohl gerade im Gutenberg-Gymnasium Erfurt ein älterer Kollege, der Geschichtslehrer Heise, bewiesen hat, daß besonnenes, entschlossenes Handeln ebenso eine Frage der Persönlichkeit und nicht unbedingt der »besseren Weiterbildung« sein kann. Zum erstenmal wurde ein Amoklauf durch die mutige Tat eines weiteren potentiellen Opfers beendet, allein durch die Aufforderung, ihm in die Augen zu sehen.

Indes ist im Bemühen um die »gewaltfreien Schulen« künftig mit »Streitschlichter-Programmen«, »Anti-Aggressionstraining« und »sozialpädagogischer Kärrnerarbeit« in weit höherem Maße zu rechnen. Im Bereich der inneren Sicherheit geht es um die Verschärfung des Waffenrechtes, denn dem Gewalttäter von Erfurt wurde es zu leicht gemacht, an gefährliche Waffen zu kommen, da die Politiker unter dem Druck der Waffenlobby verhindert haben, fällige Lücken zu schließen. »Kaum eine Interessengruppe ist so gut organisiert wie die der Waffenliebhaber.« (SPIEGEL; Nr. 19, S. 30)

Aber damit sind die eigentlichen Probleme ohnehin nur am Rande erfaßbar. »Zwischen Erfurt und Pisa« betrachtet DIE ZEIT Nr. 19 vom 2. Mai den Thüringer Amoklauf zwar als Einzelfall, der »dennoch das selektive Schulsystem« (sic!) infrage stelle. Nun ist Thüringen das einzige Bundesland, in dem ein Schulverweis kurz vor dem Abitur den Weg zu einem Schulabschluß überhaupt verbaut. Die ZEIT beanstandet jedoch, daß »allgemein in Deutschland das Prinzip der Selektion« gelte, daß Schüler »früh nach Leistung sortiert« würden. Der Vorwurf gipfelt in der Feststellung, das »selektive System« entlasse aus der Verantwortung, »sich um schwierige, abweichende und eigensinnige Schüler zu kümmern.« Damit werde in den Schulen »schleichende Verwahrlosung produziert.« (S. 31). Wir erinnern uns an die »faulen Säcke«, von denen Gerhard Schröder als niedersächsischer Ministerpräsident in Bezug auf die Lehrer sprach.

Die Verwahrlosung macht den Schulen immer mehr zu schaffen, und hier sollte die Ursachenerforschung einmal ansetzen, doch das wird tunlichst vermieden.

Denn anders als DIE ZEIT empfiehlt »müßte der Fall Erfurt auch Anlaß zu grundlegenderem Nachdenken geben.« Aber der Wochenzeitung fällt schließlich nur das ein, um das die Schulen ernsthaft und seit Jahrzehnten, und zwar nicht ohne Erfolg, bemüht sind: »die Zusammenarbeit von Lehrern, Eltern und Schülern«. Und ausgerechnet eine der Gesamtschulen, deren Leistungsanforderungen bekanntlich nicht gerade als Antwort auf die Pisa-Studie taugen, wird als mustergültig angeführt, wenn der höfliche Umgang miteinander als »gewöhnungsbedürftig« neu entdeckt zu werden scheint (S. 31).

»Er kam nicht von einem anderen Stern«, der die Bluttat ausführte und dessen Morde die ZEIT als »Menetekel« betrachtet, weshalb sie zur Thematik noch den Sozialwissenschaftler Wilhelm Heitmeyer von der Universität Bielefeld zu Wort kommen ließ mit der Erkenntnis: »Der Mörder kämpfte um Anerkennung«. Auf Seite 4 ist zu lesen: »Zentrale Normen wie die der Unantastbarkeit menschlichen Lebens respektiert der Betroffene nur noch, wenn er sich selbst von den anderen ausreichend anerkannt fühlt.« Also »die anderen« tragen grundsätzlich die Verantwortung. »Um in die Tiefe zu gehen, muß man bei den Bedingungen ansetzen, unter denen Jugendliche heute aufwachsen.« Gewiß, doch in die Tiefe wird nicht gegangen. Der Autor leugnet im Gegenteil jeden »Werteverfall« und spricht stattdessen von »Wertepluralisierung«, da wir es mit einem »vielfachen Nebeneinander von Werten« in der heutigen Gesellschaft zu tun hätten. Die Begriffsverwirrung gehört zum Konzept der Herrschaft durch Sprache, wenn zwischen wahren Werten im Sinne ethischen Denkens und Handelns einerseits und den in einer korrumpierten Gesellschaft als »Wert« erachteten, von egoistischen Antrieben gesteuerten Ziel- und Normvorstellungen kein Unterschied mehr wahrgenommen werden soll. Damit reduziert sich das Problem dann auf die Frage: »Wie Schulen besser mit Verlierern umgehen können«. (S. 31)

Deshalb bietet dieselbe ZEIT-Ausgabe im Feuilleton (S. 37) einen Beitrag unter der Überschrift »Wenn der Druck steigt«. Trotz Leistungsverweigerung und »Null Bock«-Haltung gelten »Erfolg und Leistung« als »die letzten Maßstäbe dieser Gesellschaft«, in der »Tradition keine Bindekraft mehr« hat. Doch dann taucht in dem Beitrag ein Name auf, der geradezu eine Schlüsselfunktion ankündigt, ohne daß dem weiter nachgegangen wird. Der Name steht jedoch für ein Programm, das in der gesamten Debatte keinesfalls ausgeklammert werden dürfte beim »grundlegenderem Nachdenken«. Die Rede ist von Max Horkheimer.

Max Horkheimer (1895–1973), Theodor W. Adorno (1903–1969), Herbert Marcuse (1898–1979) und Jürgen Habermas (geb. 1929) zählen neben anderen zu den führenden Vertretern der sog. Frankfurter Schule, die maßgebend den geistigen Umbruch der sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts beeinflußt hat. Nach dem erfolgreichen »Marsch durch die Institutionen« gelang es ihrem Anhang in Politik, Medien, Justiz und Erziehungs- und Bildungswesen die gegenwärtige deutsche Politik und gesellschaftliche Situation zu bestimmen.

»Durch ihre Forderung nach Kritik aller bestehenden, als Unterdrückungsverhältnisse behaupteten Beziehungen, nach Demokratisierung und Emanzipation, nach Abbau aller Bindungen und Verpflichtungen, nach Sexualisierung des Lebens und Umwälzung aller politischen Verhältnisse gab diese Schule die theoretische Begründung und wurde dann der Wortführer in Westdeutschland für die Auflösungserscheinungen in Staat und Gesellschaft seit den fünfziger Jahren.«1) Daß dazu die Zerstörung des Volks- und Heimatbegriffes ebenso gehörte, sei am Rande vermerkt.

Die sog. »Kritische Theorie« war ursprünglich der Tarnbegriff für marxistische Theorie, die in den Vereinigten Staaten dem emigrierten Horkheimer nicht ohne Vorbehalt abgenommen worden wäre. Zum Neo-Marxismus der Frankfurter Schule kommt noch der Neo-Freudianismus hinzu, der letzten Endes den hemmungslosen Hedonismus (Glück als einziges Lebensziel) förderte. Das Hauptziel bestand in der Veränderung der Gesellschaft und damit der Auflösung von Volksgemeinschaften überhaupt.

»Mit scheinhumanitären Forderungen wie Demokratisierung der Gesellschaft, Aufhebung der Herrschaft des Staates, bestmögliche Meinungsbildung durch Aussprache (Diskussion), Befreiung (Emanzipation) von allen Zwängen und Unterdrückungen (Pressionen), Zerschlagung aller Ordnungen, Abbau aller Herrschaftsstrukturen, Durchsichtigkeit (Transparenz) aller Entscheidungen, Schaffung unterdrückungsfreier (repressionsfreier) Räume, Chancengleichheit, Optimierung des Glückes des Einzelnen, Nivellierung der Leistungs- und Einkommensverhältnisse … wurde die Wirklichkeit des politischen und gesellschaftlichen Lebens vernebelt, und es gelang, viele unbedarfte und geschichtlich unwissende Mitläufer wie jugendliche Idealisten zu gewinnen.«2)

Von der »großen Verweigerung« (Marcuse) führte der Weg schließlich konsequent zur heutigen Spaß- und Genußgesellschaft eines mehr oder weniger hemmungslosen Individualismus. Der »Ego-Shooter« mit seinem aggressiven Computer-Spiel erscheint nur als letzte Ausformung eines frühverkommenen Seelenzustandes.

Die Auswirkungen der Frankfurter Schule reichen von Traditionszerstörung und Auflösung von Ordnungen wie gewachsenen Bindungen, Kulturzerstörung. Zersetzung von Staat und Institutionen, Abbau von Autorität, Konflikttheorie gegen die Familie unter bewußter Verschärfung des Generationenkonfliktes, Sexualisierung des öffentlichen und privaten Lebens und schließlich zur sog. »emanzipatorischen Pädagogik«. Deren Konzept verdient im Hinblick auf Erfurt eine genauere Betrachtung.

Der Begriff »emanzipatorische Pädagogik« wurde 1968 in die deutsche Erziehungswissenschaft eingeführt, um im Anschluß an die Kritische Theorie der Frankfurter Schule »Erziehung ganz aus ihrem emanzipatorischen Interesse heraus zu begründen.« 3)

Für die verderbliche Entwicklung im Schulwesen ist die geistige Urheberschaft des Kreises um Horkheimer keineswegs zu leugnen. Die Jugend wurde als Mittel zu politischen Zwecken mißbraucht, denn die emanzipatorische Pädagogik brachte naturgemäß Unzufriedene, Entwurzelte und Entfremdete hervor, wie die Gegenwart erneut schrecklich beweist. Mit dem Anspruch, den jungen Menschen zu »befreien« (emanzipieren), hat die Art der Erziehung, die maßgeblich auf Habermas zurückgeht, in Wahrheit die Aufgabe, »in der heranwachsenden Generation das Potential gesellschaftlicher Veränderungen hervorzubringen.«4)

In den »Thesen zur emanzipatorischen Pädagogik« läßt Johannes Beck sich deutlich vernehmen:

1. Emanzipatorische Erziehung ist kein pädagogischer Grundbegriff, sondern … die Theorie und Praxis des politischen Kampfes. […]
3. Freiräume emanzipatorischer Erziehung können in dieser Gesellschaft primär in den Bildungsinstitutionen geschaffen werden … die Gesamtschule ist die zentrale Basis emanzipatorischer Erziehung. 4. In den geschaffenen repressionsarmen Freiräumen kann die Vorbereitung auf den Kampf gegen die autoritäre Leistungsgesellschaft … geschehen. 5)

In den 70er Jahren warnten bereits Erziehungswissenschaftler vor den verheerenden Auswirkungen der linken »Reformpädagogik«, so Prof. Wolfgang Brezinka (Konstanz) in »Erziehung und Kulturrevolution – Die Pädagogik der Neuen Linken«. Manches Schulbuch wies gefährliche Tendenzen in Form eindeutig marxistischer Indoktrination auf.
 Rolf Kosiek stellt in dem Zusammenhang fest:

Nach einer Generation sind heute die Ergebnisse der emanzipatorischen Pädagogik überall zu sehen. Die neurotische Verwahrlosung der Jugend … hat, durch die linke Reformpädagogik gefördert, erschreckende Ausmaße angenommen; die Leistungsverweigerung als Ausfluß Marcuseschen Geistes stellt ein echtes Problem für die Zukunft unserer auf hohe Leistung in allen Bereichen angewiesenen Gesellschaft dar; Staats- und Volksbewußtsein sind durch die zersetzende Kritik der Frankfurter Schule auf einem unfaßbaren und auf der ganzen Welt wohl einmaligen Tiefstand angelangt. Mangels echter Vorbilder gleiten Jugendliche in das Hooligan-Milieu ab und werden zunehmend kriminell. 6)
 Abschließend zu diesem Kapitel warnt der Autor:

Unsere Gesellschaft lebt in der gefährlichen Illusion, sie könne dauernde Attacken auf fundamentale Werte unserer Lebensordnung amüsiert hinnehmen, sie vielleicht sogar als »Unterhaltung« genießen – ohne daß die Fundamente unserer Lebensordnung auf Dauer untergraben würden.7)
Wie bemerkte doch DIE ZEIT im Hinblick auf den Mörder von Erfurt so zutreffend?

»Er kam nicht von einem anderen Stern.«


Fußnoten:

  1. Rolf Kosiek, Die Frankfurter Schule und ihre zersetzenden Auswirkungen. Tübingen 2001, S. 15
  2. a.a.O., S. 24
  3. Kröners Wörterbuch der Pädagogik, Böhm 1982, S. 150, zit. nach Kosiek, a.a.O., S. 147
  4. Klaus Mollenhauer, FAZ 16. 12. 1982, zit. nach Kosiek, a.a.O., S. 148
  5. FAZ 16. 12. 1982, zit. nach Kosiek, a.a.O.,S. 148
  6. Kosiek, a.a.O., S. 156
  7. Kosiek, a.a.O., S. 157