Ein Beitrag zur »Schuld« am 30jährigen Krieg des 20. Jahrhunderts

Zum 137. Geburtstag des Feldherrn Erich Ludendorff am 9. 4. 2002

Von Gunther Duda

Wie Kriege »gemacht« werden, erfuhr die noch lebende ältere Generation nun zum dritten Mal. Wenn die Völker als ihre meist ahnungslosen Opfer nicht völlig in ihren Untergang stürzen wollen, müssen sie aus der Geschichte lernen. Tun sie es nicht, treten sie ihren Lebenswillen und die ihnen allein zustehende Staatsgewalt (Grundgesetz Art. 20 Abs. 2) an die herrschenden Glaubensmächte ab.

Die »französische Fälschung (1913) der Denkschrift Erich Ludendorffs von 1912 (vor 90 Jahren) über den drohenden Krieg« liefert für die Kriegsvorbereitungen seit 1889, dem Jahrhunderttag des Ausbruchs der Französischen Revolution, ein belehrendes Geschichtsbeispiel. Hierzu zählt vor allem die Sabotage der von dem deutschen Generalstab als notwendig erachteten Aufrüstung1) des Kaiserreiches. Die Fälschung der allein dem Frieden dienenden Denkschrift von 1912, wies Ludendorff 1919 überzeugend zurück. Er schreibt:

»Die Gedankengänge sind nicht in deutschem Hirn geboren. Sie entsprechen jedenfalls in keiner Weise der Auffassung des damaligen Chefs des deutschen Generalstabes, General v. Moltke. Meines Erachtens handelt es sich um eine grobe Mystifikation, der auch die französische Regierung zum Opfer gefallen ist, da sie der in Frankreich über unser Denken herrschenden Anschauung Rechnung trug.

Von mir ist eine andere Denkschrift verfaßt. Die Erkenntnis, daß uns der Krieg mit unerbittlicher Gewalt aufgezwungen würde, veranlaßte mich im Herbst 1912, als Chef der Aufmarschabteilung des Großen Generalstabes, eine Niederschrift zu verfertigen, in der ich unsere militär-politische Lage und unsere Machtmittel im Vergleich mit den feindlichen eingehend erörterte und zu dem Schluß kam, daß das deutsche Volk erhebliche Opfer bringen müsse, wenn wir der Zukunft ruhigen Herzens entgegen gehen wollten. General v. Moltke unterzog die Niederschrift in ihrem ersten Teil einer Durcharbeitung. Der zweite blieb unverändert bestehen, …

Die … Denkschrift ging im Dezember 1912 an den Reichskanzler und den preußischen Kriegsminister. Sie hat« (aus Raummangel hier gekürzt) »folgenden Wortlaut:

I.
‚Die militärpolitische Lage Deutschlands
Dem bewaffneten Zusammenstoß zweier der großen Militärmächte Europas wird, bedingt durch die wechselseitigen Verträge, der Ausbruch eines allgemeinen europäischen Krieges folgen. In einem solchen verfügt die Triple-Entente über die gesamten Land- und Seestreitkräfte Frankreichs, soweit erstere nicht in Nordafrika gefesselt sind, über die englische Seemacht und das englische Expeditionskorps und über die Kräfte Rußlands in Europa mit Ausnahme einiger Heeresteile, die wahrscheinlich zur Unterdrückung innerer Unruhen zurückgehalten werden müssen.

Diesen Kräften der Triple-Entente gegenüber verfügt der Dreibund über das gesamte deutsche Heer und die deutsche Flotte, sowie mit nachstehenden Einschränkungen, über die Land- und Streitkräfte Österreich Ungarns, Italiens und wohl auch Rumäniens.

Solange eine endgültige Entspannung zwischen Österreich-Ungarn und Serbien nicht eingetreten ist, wird ersteres gezwungen sein, bei einem Krieg gegen Rußland, Truppen an seinen Balkangrenzen zurückzulassen …

Der Dreibund« (als Staatenbund) »ist als Defensivbündnis geschlossen worden. Er trägt alle Schwächen eines solchen in sich. Wird einer der drei verbündeten Staaten angegriffen, so müssen die beiden anderen für ihn eintreten, also, ohne selbst angegriffen zu sein, in einen Krieg ziehen, für den vielleicht in der Nation weder Neigung noch Verständnis vorhanden ist. Nur dann aber, wenn das gesamte Volk in der Erkenntnis durchdrungen ist, daß mit der Schädigung der Bundesgenossen auch eigene Lebensinteressen gefährdet sind, wird die Opferwilligkeit in ihm aufleben, deren jeder Staat in unserer Zeit, die keine Kabinettkriege mehr will, bedarf, um einen energischen Krieg führen zu können.

Ebenso wie der Dreibund bezeichnet sich die Triple-Entente als ein Defensivbündnis, aber während der Gedanke der Abwehr dem Dreibundabkommen in ausgesprochenster Weise zugrunde liegt, sind in der Triple-Entente starke offensive Tendenzen vorhanden, d. h. positive Ziele, deren Erreichung den in ihr vereinigten Staaten erstrebenswert erscheinen muß. Rußland hat den begreiflichen Wunsch sich durch Niederwerfung Österreichs als slawische Vormacht hat in Europa durchzusetzen, durch Vermittlung Serbiens sich den Weg zur Adria zu öffnen. Österreich hat das defensive Interesse, dies zu hindern.

Frankreich hat den Wunsch, die verlorenen Provinzen wiederzugewinnen, und Revanche zu nehmen für die Niederlage von 1870. Deutschland will dagegen nur seinen Besitzstand wahren.

England hat den Wunsch, sich mit Hilfe seiner Verbündeten von dem Albdruck der deutschen Seemacht zu befreien. Deutschland denkt nicht an eine Vernichtung der englischen Flotte, auch hier will es sich nur verteidigen. Überall also offensive Ziele auf der einen, defensive auf der anderen Seite …

Wir werden, wenn sich die politische Lage Europas nicht ändert, der zentralen Stellung Deutschlands entsprechend immer genötigt sein, nach mehreren Seiten Front zu machen und daher uns nach einer Seite mit schwächeren Kräften defensiv verhalten müssen, um nach der anderen offensiv werden zu können. Diese Seite kann immer nur Frankreich sein. Hier ist eine rasche Entscheidung zu erhoffen, während ein Offensivkrieg nach Rußland hinein ohne absehbares Ende sein würde …

Ist es so einerseits nötig, die aktive Wehrkraft des Deutschen Reiches wesentlich zu erhöhen, so springt andererseits die Wichtigkeit der Verstärkung unserer Befestigungen an der Ostfront, also dort wo wir gezwungen sein werden, uns defensiv zu verhalten, in die Augen …

Die Notwendigkeit einer Steigerung unserer Wehrkraft und einer Verbesserung unserer Landesverteidigung glaube ich in den vorstehenden Erwägungen nachgewiesen zu haben. Mit unabweisbarem Zwang werden sie durch die politische Lage gefordert. Gewiß sind es große personelle und pekuniäre Opfer, die von der Nation bei Erfüllung der hierdurch hervorgerufenen und im Teil II der Denkschrift im einzelnen dargelegten Forderungen verlangt werden. Sie werden aber immer noch erheblich hinter denjenigen zurückbleiben, die wir im Falle eines verlorenen Feldzuges zu leisten haben werden.

Es muß darauf hingewiesen werden, daß unsere Nachbarn ebensolche Opfer zur Festigung ihrer Wehrkraft zu leisten haben werden und bringen.

Frankreich stellt weit höhere personelle Anforderungen an seine Bevölkerung als wir …

Rußland verlangt und erhielt von seiner Volksvertretung im laufenden Jahre für Heereszwecke eine Milliarde dreihundertachtzig Millionen Mark.

England hat in den letzten Jahren sehr groß Mittel für die Durchführung der Haldaneschen Reformen aufgewendet …

Österreich ist unter dem Druck der politischen Spannung genötigt gewesen, sehr hohe Kredite für die nur all zu lange versäumte Ausgestaltung seines Heeres anzufordern …

Auch Deutschland wird Opfer bringen müssen. Das Programm … muß mit aller Energie bald durchgeführt werden, damit Deutschland auch in der Zukunft, auf die eigene Kraft vertrauend, der politischen Leitung des Landes einen Rückhalt geben kann, der stark genug ist, um allen Möglichkeiten gewachsen zu sein.

II. A. Heeresverstärkung
Menschenmaterial steht in hinreichender Menge für eine Heeresverstärkung zur Verfügung … Schon der Hinweis auf Frankreich müßte genügen, um uns von der Notwendigkeit einer größeren Inanspruchnahme unserer Diensttauglichen vor Augen zu führen. Frankreich stellt 82% seiner Wehrpflichtigen in das Heer ein, Deutschland etwa 52% bis 54%. Spannen wir im gleichem Umfange wie Frankreich unsere Volkskraft an, so kommen wir bei der Durchführung der allgemeinen Wehrpflicht ohne weiteres zu einer Erhöhung des Rekrutenkontingents von 150 000 Mann, unsere Friedenpräsenzstärke von 300 000 Mann. Eine Heranziehung der jüngeren Jahrgänge ist schon eine soziale Pflicht. Man würde dann die älteren Jahrgänge, in denen zahlreiche Familienväter vorhanden sind, entlasten und ihre Verwendung vor dem Feind hinausschieben.

Die Heeresverstärkung, die gefordert werden muß, wird sich in … vier Richtungen zu bewegen haben… 1. Etatsverstärkungen; 2. Heeresvermehrung; 3. Verbesserung der Formationen 2. Linie: 4. Ergänzung und Verbesserung der Heeresausrüstung …'

Der Unterschied zwischen der Denkschrift des französischen Gelbbuches und der meinigen ergibt sich ohne weiteres von selbst. Jeder Kommentar ist unnötig. Sprache und Inhalt sind andere. Die apokryphe Denkschrift sucht den Krieg und befürwortet ein Losschlagen mit weiten politischen Zielen und in schwunghaften Worten. Die Denkschrift des Generalstabes ist nüchtern, rein militärisch abwägend und politisch zurückhaltend. Alles andere als eine Aufmunterung zum Krieg! Der Reichskanzler schloß sich den Gedankengängen der Denkschrift an und beauftragte den Kriegsminister v. Heeringen, unverzüglich eine Heeresvorlage vorzubereiten … Die Denkschrift bildete die Grundlage für die Milliardenvorlage. Die drei Armeekorps wurden nicht gefordert und ich kam nach Düsseldorf.2)

General v. Moltke und ich waren uns in der Ansicht einig, daß die Vorlage nur der Abwehr diene, daß diese aber angriffsweise geführt werden müsse …3)

Ich zweifle nicht, daß die Lüge, der preußische Militarismus habe zum Kriege getrieben, endgültig beseitigt werden wird.

So wird es allen Lügen ergehen, die über das Wirken dieses Militarismus und meiner Person ausgesprochen werden. Der preußische Militarismus und seine Vertreter haben stets klar und folgerichtig gehandelt, um nicht das Vaterland dem Vernichtungskrieg seiner Feinde ausgeliefert zu sehen.

Unser Streben hat keinen Widerhall in der breiten Volksmasse gefunden und – Deutschland ist vernichtet.

Berlin, den 27. Juni 1919. Ludendorff.«


Fußnoten:

  1. Vegetius, 3. Jh. v. d. Ztr. Si vis pacem, para bellum – Willst du Frieden, halte dich kriegsbereit. (Schriftleitung)
  2. Anmerkung der Schriftleitung: strafversetzt!
  3. Angriff ist die beste Verteidigung (Schriftleitung)