Der Darwinismus und seine Ismen

Von Dorothee Warnecke

Charles Darwin (1809–1882) hat die Evolution weder erfunden noch nachgewiesen. Seine Leistung war es, eine anerkanntere und plausiblere Erklärung dafür geben zu können, wie Evolution abgelaufen sein könnte, als es zum Beispiel ein halbes Jahrhundert zuvor der Franzose Jean-Baptist de Lamarck (1744–1829) tat.

Durch die Veröffentlichung seines Buches 1859 mit dem Titel: »Über den Ursprung der Arten durch natürliche Auslese oder die Erhaltung der begünstigten Rassen im Kampf ums Dasein« erregte er großes Aufsehen. Darwins Evolution der Arten widersprach »deutlich der Idee eines Schöpfungsaktes«(1), außerdem glaubte er auch einen »Mechanismus« gefunden zu haben, mit dem man Veränderungen erklären konnte. »Diese Theorie der ‚natürlichen Auslese' oder ‚Selektionstheorie' ist der wohl bemerkenswerteste und zugleich umstrittenste Beitrag zur Biologie« (1).

Wie stellte sich Darwin nun den Mechanismus der Evolution vor? Aus seinen Beobachtungen begründete er, daß alle Organismen dahin tendieren, sich in möglichst großer Anzahl zu vermehren; gleichzeitig aber – von kleinen Schwankungen abgesehen – in der Regel stabil bleiben; bedingt durch begrenzte Nahrungsmittelmengen und anderen lebensnotwendigen Aspekten. Da mehr Nachkommen gezeugt werden als überleben können, kommt es zum »Kampf ums Dasein« zwischen den Individuen einer Art. Nun gibt es gewisse erbliche Unterschiede zwischen den Individuen, von denen es abhängt, wie groß die Chancen zum Überleben sind. »Dieses unterschiedliche Vermögen zu überleben, das Darwin ‚natürliche Auslese' nennt, führt durch viele Generationen zur Evolution. Denn je besser ein Individuum an eine besondere Situation angepaßt ist, desto größer sind seine Chancen, zu überleben und Nachkommen zu produzieren« (1).

Kritische Anmerkungen zum Darwinismus

Darwins Theorie erschütterte das traditionelle Bild des Menschen von sich selbst in seinen Grundfesten. Die Vorstellung, daß die Menschen ihre geistigen Fähigkeiten und moralischen Überzeugungen durch die sogenannte »natürliche Auslese« erworben haben sollten, rief einst erbitterten Widerstand, aber auch Begeisterung hervor. »Gott ist tot!« jubelten die Menschen und verflachten materialistisch, andere, entwurzelt und entseelt in ihrem Glauben an Gott, irrten von einem Ismus zum anderen (2).

Die Philosophin Mathilde Ludendorff (1877–1966) schrieb 1921 in ihrem ersten Werk »Triumph des Unsterblichkeitwillens« (2) ein ausführliches Kapitel zum Darwinismus. Sie schreibt dort unter anderem: »Welchen Zweig unseres Glaubens und Wissens hat nicht dieser ‚erschöpfende' Einblick in die Ursachen der Entstehung der Arten ‚befruchtet', oder, besser gesagt, materialistisch verflacht! Und dies in so erschreckendem Grade, daß sich die tiefsten Denker mit Abscheu von dieser Lehre abwandten. Nur wer sich, durch Zufall gezwungen, näher mit der Entwicklungsgeschichte befaßt, der erlebt, welch reicher Einblick in unerhörte Wunder hier nur gänzlich falsch begriffen wurde, weil Innerlichkeit und Ehrfurcht vor dem Naturgesetz von platten Nützlichkeit- und Zweckmäßigkeitgedanken überwuchert waren, der ahnt, was die Entwicklunggeschichte unserer Kultur hätte geben können und auch heute noch geben kann. Wer immer, ganz unbeeinflußt von materialistischer Denkweise, sich diesem wunderbaren Gebiet hingibt, der wird gar bald erleben, daß es den Horizont unseres Geisteslebens noch in ganz anderm Grade erweitern kann als das kopernikanische Weltsystem und als Kants ‚Kritik der reinen Vernunft'« (2).

»Erst seit den 1940er-Jahren wird die Selektionstheorie im Rahmen der sogenannten synthetischen Theorie (s. Anmerkung) der Evolution allgemein anerkannt« (1). Gerade in heutiger Zeit, nachdem der Darwinismus und seine Ismen unsere Anschauungen mehr denn je geprägt haben und weiterhin prägen, müssen wir uns fragen, welche Folgerungen sind für unsere Gesellschaft und das Zusammenleben der Menschen zu ziehen, wenn die Selektionstheorie richtig ist? »Muß es Überbevölkerung, Hunger und Kriege geben, damit die Menschheit sich weiterentwickelt, und führt es umgekehrt zur Degeneration, wenn der Kampf ums Dasein beim Menschen durch die Medizin abgeschwächt wird? Und schließlich wurde auch die Frage aufgeworfen, ob man die Erkenntnisse der Selektionstheorie benutzen sollte, um die Evolution des Menschen zu beeinflussen. In der Tier- und Pflanzenzucht ist das längst zur Routine geworden …« (1).

Die Macht der modernen Biologie

Das Buch »Darwins gefährliche Erben. Biologie jenseits der egoistischen Gene« (2000) von Steven Rose (6), ist die Grundlage dieses Beitrages. Die hier angeführten Probleme sind, bedingt durch die Begrenzung des äußeren Rahmens, nach meinem Gutdünken herausgegriffen und weitestgehend einfach-verständlich, also weniger wissenschaftlich wiedergegeben.

Steven Rose  will in seinem Buch »Darwins gefährliche Erben« eine Alternative zu der, wie er sagt, »derzeit modernen, zutiefst reduktionistischen und deterministischen Betrachtungsweise« der Lebensprozesse, ja des Lebens selbst bieten. Er will einer Strömung entgegentreten in der »die populärwissenschaftlichen Veröffentlichungen dominieren und sogar die Seiten einiger großer Wissenschaftszeitschriften füllen.« Da Veröffentlichungen z. B. von Richard Dawkins (Soziobiologe) und dem Philosphen Daniel Denett als Bestsellerautoren kulturell sehr einflußreich seien und sie und ihre Anhänger die öffentliche Debatte mitentscheiden, könnten die Biologen es sich nicht leisten, sie zu ignorieren. Weiter will er aufmerksam machen auf »die gegenwärtige Welle … übereifriger Biotechnologie- und Genetikverkaufsgespräche, die uns zu verschlingen drohen, ignoriert oder unterdrückt werden.«

Steven Rose schreibt:
»Macht und Einfluß westlicher Wissenschaft, wie sie sich in den vergangenen drei Jahrhunderten entwickelt hat, basierten in erster Linie zunächst auf ihrer Fähigkeit, Aspekte der leblosen Welt mit Hilfe von Physik und Chemie zu erklären und später auch zu kontrollieren. Erst danach wurden die durch den Erfolg dieser beiden älteren Wissenschaften geformten Methoden und Theorien auch auf das Studium von Lebensprozessen angewandt. Die verschiedenen Wissenschaftsgebiete der heutigen Biologie befinden sich kaum sechs Generationen in der Entwicklung und haben sich allein im Laufe meines eigenen Lebens maßlos gewandelt« (6)

Nur drei Organismen aus der Vielzahl von Lebensformen, der Ratte, der Taufliege »Drosophila« und dem Darmbakterium »Escherichia coli, verdanken wir die meisten biochemischen und genetischen Verallgemeinerungen« (6). Trotzdem glaubten die Biologen »alles darüber zu wissen, was Leben im einzelnen ist, wie es entstand und funktioniert«(6).

Die Erfolge der verschiedenen Wissenschaftsgebiete der Biologie beruhten weniger auf Beobachtungen und Überlegungen als vielmehr auf aktiven Eingriffen in die Erscheinungsformen, für die man Erklärungen suchte. Bei chemischen oder physikalischen Vorgängen seien diese Eingriffe selten ein ethisches Problem, aber Eingriffe in die Lebensvorgänge stellten nicht nur die Forscher, sondern auch die Gesellschaft vor moralische Probleme. (Wie ja gerade in jüngster Zeit die Eingriffe in das Genom oder gar der Wunsch zum Klonen von Menschen zeigen; d. Verf.)

Steven Rose schreibt weiter: »Wir können unsere Augen nicht vor der Tatsache verschließen, daß die« in ein Geschehen eingreifende »Biologie, und hier vor allem die« Wissenschaft von den normalen Lebensvorgängen der Organismen, »eine Wissenschaft ist, die auf gewaltsames Vorgehen gründet, ‚mordet, um zu erkennen', und daß es bislang keine alternativen Möglichkeiten gibt, die – zumindest auf einer bestimmten Beschreibungsebene – das Leben ausmachen. Die« durch die Zurückführung eines Geschehens auf Einfaches ausgerichtete »Philosophie, die sich für Biologen als so verführerisch, in ihren Konsequenzen jedoch als so gefährlich erwiesen hat, scheint ein nahezu zwangsläufiges Produkt dieser« eingreifenden »und notwendigerweise gewaltsamen Methodik« (6).

Die Biologie greift in unser Leben ein wie keine andere Wissenschaft. Sie verändert unsere persönliche, soziale und natürliche Umgebung durch Pharmakologie, Gentechnologie, Agrarchemie und Agrarbiologie, und sie beansprucht zu wissen, »welche Kräfte die innersten Züge unserer Persönlichkeit formen und sogar, welchen Sinn unsere Existenz hier auf der Erde hat. Die Aussagen der Wissenschaft sind so einflußreich geworden, daß sie keinerlei Raum mehr für Diskussionen zuzulassen scheinen: Sie sind zum allgemein akzeptierten Blickwinkel auf die lebende Welt« aufgestiegen (6).

Reduktionismus als Ideologie

beinhaltet die Tendenz, »auf der Vorrangigkeit« vereinfachender »Erklärungen gegenüber allen anderen zu bestehen und die Betrachtung sehr komplexer Fragen tierischer – und in erster Linie eben auch menschlicher – Verhaltensmuster und Sozialstrukturen in jener gefahrenträchtigen« vereinfachenden Weise »anzugehen, bei der man mit einer sozialen Frage beginnt und mit einem Molekül – lieber noch mit einem Gen – endet« (6). In den dreißiger Jahren gab es ein Programm (die »Rockefeller Foundation«), dessen Ziel es war, eine »Wissenschaft vom Menschen« zu gründen, die gleichzeitig zu einer Wissenschaft der sozialen Kontrolle werden sollte (6).

Aber nicht nur die Sicht der Welt der Biologen und Wissenschaftler formt die Geschichte des Forschungsgegenstandes, sondern auch die vorherrschenden sozialen Erwartungen sowie das Verteilungsmuster bei den Forschungsmitteln. Es geht auch hier um die Macht, die Macht die Natur – und besonders die Natur des Menschen – kontrollieren und beeinflussen zu können. So verhinderte die mit vielen hundert Millionen Dollar gestärkte Rockefeller Foundation jedwedes alternative Biologieverständnis, indem zum Beispiel ein nichtreduktionistischer Ansatz zu Fragen des Stoffwechsels einem reduktionistischen, also einem auf Einfaches, Grundsätzliches zurückführendem Ansatz weichen mußte. Weiter verdanken wir dem Erbe der Rockefeller Foundation auch die zahllosen, wie Pilze aus dem Boden schießenden weltweiten Biotechnologiefirmen sowie das Human Genome Projekt. Hierbei handelt es sich um ein großes internationales Unterfangen zur Kartierung und Entschlüsselung des menschlichen Erbgutes. Ebenfalls ein Erbe der Rockefeller Foundation ist die Decade of the Brain in den neunziger Jahren, hier geht es um eine technologische Möglichkeit, Manipulationen vorzunehmen an Genen und Gehirnen, sowohl im Interesse der individuellen Gesundheit als auch im Hinblick auf einen verbesserten sozialen Frieden. Eine Möglichkeit der Manipulation also mit Auswirkungen von nicht vorhersehbaren Folgen!

»Doch diese Strategie zu verinnerlichen, als sei sie die einzige Möglichkeit, die Welt zu verstehen, ihre« deutlich »formulierten Ziele der sozialen Kontrolle und ihre stillschweigend« als Folge mit sich bringenden »eugenischen Anliegen zu ignorieren heißt, die Richtung zu verkennen, in die sie uns führt, und so zu tun, als sei moderne Wissenschaft über all die Ideologien hinausgewachsen, die sie in der Vergangenheit geformt haben. Die moderne Molekularbiologie ist« (…) »Erbe ihrer Vergangenheit und kann diese nicht einfach abschütteln. So sind die dramatischen wissenschaftlichen Fortschritte der vergangenen Jahrzehnte von der immer lauter werdenden Behauptung begleitet, die neue Genetik, Molekularbiologie und Neurobiologie seien im Begriff, das menschliche Wesen insgesamt erklären und es in naher Zukunft sogar« verändern »zu können. Womit die neue Ära einer, wie es ein leidenschaftlicher Befürworter der neuen Biologie vor ein paar Jahren einmal nannte, ‚psychozivilisierten Gesellschaft' eingeläutet sei:

‚… auf der Stirn eines jeden jungen Menschen sollte ein Symbol tätowiert sein, das den Besitz eines Sichelzellen-Gens oder anderer, ähnlicher Gene anzeigt … Ich bin der Ansicht, daß man auf dieser Linie – Pflichtuntersuchung vor dem Eingehen einer Ehe und irgendeine Form der öffentlichen oder halböffentlichen Kenntlichmachung eines entsprechenden Befundes – eine Gesetzgebung entwerfen sollte« (6).

Geäußert 1968 von einem Angehörigen der Antikriegsbewegung und alternativen Gesundheitsbewegung sowie zweimaligem Nobelpreisträger, zum einen im Fach Chemie und zum anderen für den Frieden: von Linus Pauling!

Die wesentlichsten Gentherapien

Genetik ist die Wissenschaft von den Grundlagen und Gesetzen der Vererbung von Merkmalen und Eigenschaften, Erbbiologie, Vererbungslehre.

Über die Möglichkeiten und Grenzen der Genforschung gibt es eine Flut von Informationen. Ernst Ludwig Winnacker, Professor und Leiter des Genomzentrums München schreibt, daß die Gentechnik heute national und global unentbehrlich und unverzichtbar sei. Dieser Technologie würde mit Argwohn und Sorge begegnet, woran ein mangelndes Vertrauen in die Wissenschaft und ihre Vertreter sowie eine versäumte und unzureichende Öffentlichkeitsarbeit schuld seien. Außerdem würde der Begriff Gentechnik für viele Menschen synonym für Eugenik stehen. Er bejaht die somatische Gentherapie, sie betrifft diejenigen Zellen unseres Körpers, die nicht Keimzellen oder deren Vorläufer sind, hält die Keimbahntherapie aber für verwerflich (7).

Bei der gentechnischen Veränderung in der Keimbahn wird »ein neues oder abgewandeltes Stück Erbfaden gleichsam« eingefügt, »eingespleißt, das dann an alle Folgegenerationen weitergegeben wird und in diesen zum Ausdruck kommt. Das ‚Einspleißen' geschieht ganz zufällig irgendwo im Erbgut; damit werden vorher unversehrte Stücke des Erbfadens unterbrochen und dort befindliche Gene unbrauchbar. Die Einspleißung des Transgens wirkt also wie eine durch radioaktive Strahlung oder Chemikalien verursachte Erbmutation, die ebenfalls in allen Folgegenerationen vorliegt und zur Wirkung kommen kann.

Überdies ist das neu eingefügte Transgen in seinen Wirkungen nicht auf das übrige Erbwissen abgestimmt. In der natürlichen Evolution wird diese Abstimmung durch die unablässige Überprüfung der Lebensfähigkeit über lange Zeiträume erzielt; infolge einer geringeren Nachkommenzahl verschwinden die unangepaßten Mutationen wieder«(8).

Diese Eingriffe in die Keimbahn, wie zum Beispiel bei der sogenannten »Onko-Maus«, brachten bis heute keine weiterführenden Erfolge. Gerade weil Leben und Lebensprozesse so vielschichtig und miteinander so eng vernetzt sind, ist es gefährlich, diese Prozesse zu reduzieren, getrennt zu beurteilen oder gewaltsam in sie einzugreifen, schaffen sie doch nur am Einzelobjekt einen einmaligen und nicht natürlich verlaufenden Zustand, der immer wieder anders ausgehen kann und somit kaum eine gemeingültige Aussage gibt.

Bei der somatischen Gentherapie werden mit Hilfe einer Gen-Fähre – auch Gen-Taxi oder Vektor genannt – intakte und möglichst günstigste genetische Informationen ganz gezielt in Zellen, Gewebe und Organe transportiert, die genetische Mängel aufweisen. Hierzu werden in speziellen Hochsicherheits-Laboratorien besondere Virenstämme gentechnisch angepaßt. Hinterher sind sie unfähig, sich im menschlichen Körper zu vermehren, können aber sehr wohl in bestimmte menschliche Zellen eindringen. Zusätzlich tragen die Viren jetzt intakte menschliche Gene, mit deren Hilfe defektes menschliches Erbgut ausgebessert oder sogar vollständig repariert werden kann.

Stammzellen sind Alleskönner. Sie besitzen die Fähigkeit, sich beliebig oft zu vervielfältigen. Das macht sie unsterblich, aber sie bleiben trotzdem einfach. Sinn bekommt das Ganze nur, wenn sie sich teilen und sich ihre Nachkommen differenzieren, d. h. sie entwickeln sich weiter und wachsen zu Zellen unterschiedlichster Spezialisierung heran. Stammzellen sind die Hoffnungsträger der Wissenschaft. Sie können im Labor gezüchtet werden – ein Ziel ist es, aus einem kleinen Häufchen Stammzellen zum Beispiel ein voll funktionstüchtiges menschliches Herz zu züchten. Das zweite Ziel strebt die Züchtung beliebig großer Mengen spezialisierter Einzelzellen an, wie zum Beispiel Gehirn-, Nerven- oder Zellen des Augenhintergrundes. Stammzellen können bei Erwachsenen aus Blut oder Rückenmark problemlos entnommen werden oder auch von Spendern abstammen. Umstritten ist die Gewinnung von embryonalen Stammzellen. (siehe auch 9)

Der biologische Determinismus

Die Vorliebe für eine biologisch vorherbestimmende Bewertung menschlichen Verhaltens fußt auf der früheren eugenischen Denkungsart, die insbesondere in den USA, in den dreißiger Jahren ihre Blütezeit hatte und erst in den Nachwehen des Krieges gegen das nationalsozialistische Deutschland und dessen rassistische Politik in Mißkredit geriet. Unter der Schirmherrschaft der UNESCO erklärten Ende des Krieges Genetiker, Anthropologen und Sozialwissenschaftler: die Wurzeln der menschlichen Ungleichheit seien in der Verteilung von Reichtum und Macht zwischen den Nationen, Rassen und Klassen begründet und nicht in den individuellen Genen.

Eine Folge davon waren in den sechziger Jahren die weltweit geführten Kämpfe gegen soziale Ungerechtigkeiten, die nationalen Befreiungsbewegungen und das Gleichberechtigungsbegehren der Frauen sowie die Gleichstellungsforderungen von Menschen verschiedener Hautfarbe. Und als Reaktion auf diese Bewegungen rückten alte, lange unterdrückte Standpunkte wieder in den Vordergrund: so zum Beispiel, »… daß die Intelligenz von Schwarzen und Angehörigen der Arbeiterklasse der von Weißen und den Angehörigen der Mittelklasse im Durchschnitt genetisch unterlegen« (6) … seien.

Ebenso griff die Anschauung, die patriarchalische Form der Machtausübung sei die unausweichliche Konsequenz genetischer und hormoneller Unterschiede zwischen Männern und Frauen.

Der biologische Determinismus wurde Mitte der siebziger Jahre fortan als Soziobiologie bezeichnet. Steven Rose spricht auch vom

Ultra-Darwinismus

Den Standpunkt gewisser Vertreter dieser Soziobiologie, gegen die sich Steven Rose's Kritik richtet, kann man mit der griffigen Phrase vom »egoistischen Gen« zusammenfassen. (Dies wird später verständlich.)

Steven Rose schreibt: Mit dem »Begriff« (Soziobiologie) »umschreibt man ein Gebäude aus Theorien und Hypothesen über Menschen, Kultur und Gesellschaft, dessen Fundament in der Überzeugung besteht, daß die Evolutionstheorie treffender als alles andere, besser als Soziologie, Ökonomie und Psychologie beschreibt, wie und warum wir so und nicht anders leben.«

»Der Ultra-Darwinismus und die soziobiologische Theorie fußen auf wenig überzeugenden«, (…) »Beweisen, fehlerhaften Voraussetzungen und unüberprüfbaren ideologischen Voreingenommenheiten bezüglich der sogenannten universellen Aspekte der ‚menschlichen Natur'«. Angesichts der Fortschritte auf den Gebieten der Genetik und der Hirnforschung und dem »aus dem Rinnsal ultradarwinistischer und biologistischer Behauptungen, ist im Laufe des vergangenen Jahrzehnts ein reißender Strom geworden« (6). Deshalb warnt Steven Rose davor, daß das wachsende Wissen über die Manipulation von Genen und Gehirnen Manipulationsmethoden Wirklichkeit werden lassen könne, die vor zehn Jahren noch Stoff für eine Sciencefiction-Erzählung gewesen wären!

Er schreibt weiter: »was ich als neurogenetischen Determinismus bezeichnen möchte, ist in unserem Denken inzwischen fest verwurzelt. Für jeden Aspekt unseres täglichen Lebens, vom persönlichen Erfolg bis hin zu existentieller Verzweiflung, sind ‚verantwortliche' Gene zur Hand: Gene für Krankheit und Gesundheit, Gene für Kriminalität, Gewaltbereitschaft und ‚abnormes' Sexualverhalten – sogar Gene für ‚Konsumzwang'. Und, wie gehabt, liefern Gene auch die Rechtfertigung für sämtliche sozialen Ungleichheiten, die unser Leben entlang ‚gewisser Linien' nach Klassen, Rassen, ethnischer Zugehörigkeit und Geschlecht aufspalten.« (So nach dem Motto: »Nicht ich war es, sondern meine Gene!«) »Und wo es Gene gibt, verheißen genetische und pharmakologische Technologien die rettende Hoffnung auf Heilung, eine Hoffnung, die Sozialwissenschaften und Politik längst aufgegeben haben« (6).

Das metaphysische Fundament des Ultra-Darwinismus

Was den Ansatzpunkt des Ultra-Darwinismus' über die Ursache des Seins anbelangt, so geht er davon aus:

Der Zweck allen Lebens bestehe in der Vervielfältigung der Gene, die in dem »,schwerfälligen Roboter' namens ‚Organismus'« eingebettet seien.

Zwei theoretische Grundannahmen begründen dies:
a) die Einheit allen Lebens sei das einzelne Gen und
b) den Vorgang der Anpassung.

Zur ersten Aussage: Die Gene der Ultra-Darwinisten sind nicht mehr die Gene des Molekularbiologen, jene ineinander verzwirbelten DNA-Stränge, die sich mit anderen zellulären Vorgängen dynamisch im Austausch befinden, nein, sie ähneln eher ein bißchen den anfänglichen Vorstellungen vom Atom: solide und undurchdringlich. »Die einzige Aktivität und das einzige Ziel dieser Gene besteht darin, entweder in eine Zelle eingepackt oder in Gestalt eines sich fortpflanzenden Organismus die geeigneten Bedingungen für (…) die Produktion identischer Kopien ihrer selbst sicherzustellen« (6). Daher auch der Name »egoistische Gene« (s. o.).

Gene steuerten zwar die Entwicklung und die physiologischen Funktionen des Organismus, aber kein Ereignis des Körpers in dem sie wohnten, könne laut Ultra-Darwinismus, auf sie zurückwirken. »Sobald ‚Information' im Protein verankert sei, gäbe es kein Zurück mehr« (6). Die zweite Annahme, die den Vorgang der Anpassung beschreibt lautet:

die in einem Phänotyp beobachtbaren Aspekte (seine Biochemie, seine Form, sein Verhalten) sind irgendwie angepaßt, abgeschliffen, selektioniert von den erbarmungslosen Kräften der natürlichen Selektion (6).

Nun werden aber nicht alle schädlichen Mutationen ausgemerzt, sondern sie bleiben in der Population erhalten, obwohl sie einen weniger vollkommenen Phänotyp zur Folge haben, wie dies am Beispiel der Hämoglobinanomalie bei der Sichelzellenanämie zu erkennen ist, die durch ein nicht in Erscheinung tretendes Gen verursacht wird. Die reinerbigen Träger jenes fehlerhaften Gens sind schwerst beeinträchtigt, während die mischerbigen Personen einen gewissen Schutz vor Malaria genießen (6).

Diesen Tatbestand, daß auch schädliche Mutationen oftmals erhalten bleiben, nahm nun Edward Wilson zum Anlaß, seine Hypothese bezüglich der »Gene für Homosexualität« zu begründen. Jene homosexuellen Gene blieben womöglich deshalb in einer Population erhalten, weil sich die Homosexuellen als Onkel oder Tanten besonders kooperativ bei der Aufzucht von Kindern in ihrer Verwandtschaft erwiesen, womit sie das Fortbestehen ihrer eigenen Gene indirekt sichern helfen. Dafür gibt es aber keinerlei empirische Beweise, wird aber in einer renommierten biologischen Zeitschrift veröffentlicht!

Die zwei Aspekte der genetischen Metaphysik

Hierbei handelt es sich um die Verknüpfung mit philosophischen Positionen, die schon älteren Datums sind.

Der erste Gesichtspunkt verknüpft die politischen Ansichten des Moralphilosophen Thomas Hobbens mit denen des Ökonomen Adam Smith.

Hobbens sah das Leben als elend, trist und als Krieg »Jeder gegen jeden«, das nur durch staatliche Kontrolle in den Griff zu bekommen sei. Auch die »egoistischen Gene« der Ultra-Darwinisten schaffen diesen Zustand des rücksichtslosen Konkurrenzkampfes. Wie aber kann sich da ein harmonischer Organismus entwickeln?

Hierzu bemüht Adam Smith nun die »unsichtbare Hand des Marktes« für eine Ordnung, indem er davon ausgeht: wenn jedes Einzelwesen im eigenen Interesse handele, münde dies oberflächlich betrachtet in eine scheinbar ungeregelte Gesellschaft, die aber dennoch so arbeite, daß sich alles zum Besten finde.

Auch die Ultra-Darwinisten sind der Ansicht, dies gelte für die »egoistischen«, nur sich selbst kopieren wollenden Gene, was nun sogar bei ihnen aus Individualismus Kooperation entstehen läßt (6).

Die zweite Aussage ist die wissenschaftlich umkleidete Neuformulierung einer der vielen christlichen Theologien: der Lehre von der Prädestination, der göttlichen Vorherbestimmung.

Danach sind wir das Produkt unserer Gene, die wiederum das Produkt der vorangegangenen usw. »Wir sind nichts als die Überbringer dieser kostbaren genetischen Essenz. Unsere Aufgabe ist es, sie unsererseits zu bewahren und weiterzugeben, doch wiewohl sie uns formt, so sind wir doch unfähig, sie zu verändern. Wir leben einzig ihre genetischen Anweisungen aus, …«(6)

Steven Rose meint: Aber »auch nur« im übertragenden Sinne »davon zu reden, daß DNA ein ‚Interesse' an ihrer eigenen exakten« (Vervielfältigung) »habe, hieße, die« Vielschichtigkeit »biochemischer Prozesse zu verleugnen und eine metaphysische Vorstellung von ‚dem Gen' zu kreieren, die die chemischen Strukturen der DNA Lügen strafen« (6).

Weiter erfahren wir von Richard Dawkins, einem Ultra-Darwinisten, daß »Ein Körper (…) in Wirklichkeit eine von ihren eigennützigen Genen blind programmierte Maschine (ist) …, aber wir haben die Macht, uns unserem Schöpfer entgegenzustellen. Als einzige Lebewesen auf der Erde können wir uns gegen die Tyrannei der egoistischen« Verfielfältiger ) »auflehnen«(11).

Woher nun diese Macht? fragt man sich. Laut Edward Wilson kommt das daher, daß »Gene Kultur zwar ‚an der Leine halten', dies aber ‚an langer Leine' tun« (12). Dies ist zutiefst unbefriedigend, meint Steven Rose, denn »entweder sind wir, wie alle anderen Lebensformen auch, das Produkt unserer Gene, oder wir sind es nicht« (6).

Wenn ja, dann müßten unsere Gene nicht nur egoistisch, sondern auch rebellisch sein, haben sie uns doch auch die Strukturen gegeben, die unserem Gehirn und unserer Kultur die Macht verleihen, den Anweisungen einiger anderer Replikatoren in unserem Körper zu widerstehen. »… da unsere Gehirne das Produkt von Evolution und weder unversehens vom Himmel gefallen noch durch einen höchst undarwinistischen dramatischen Mutationsprung hervorgebracht worden sind, steht zu erwarten, daß auch in den Genen unserer nächsten evolutionären Nachbarn noch mindestens ein Körnchen von Rebellentum vorhanden sein müßte. Damit hat sich die Lehre vom genetischen Egoismus in ihrer eigenen Schlinge gefangen« (6).

»Trotz Richard Dawkins' leidenschaftlich vertretenem Atheismus muß man ihm den Vorwurf machen, daß er (u. seine ultradarwinitischen Anhänger) bei aller Religionsfeindlichkeit ihr eigenes genetisches Argument nicht zu einer logischen Konsequenz führen, die da lauten müßte, daß es unsere Gene sind, die uns ‚frei' und zu ‚Rebellen' machen und uns somit auch die« Beschaffenheit »verleihen müßten, unsere Kultur zu beeinflussen, an welcher Leine auch immer sie gehalten sein mag« (6).

Wenn unsere Gene nun aber nicht rebellisch sind, was dann? Dawkins sagt es zwar nicht direkt, aber seine Argumente bringen es mit sich, »daß es eine nichtmaterielle, nichtgenetische Macht gibt, die unser eigenes Verhalten« verändert. Und so führen die Ultra-Darwinisten trotz aller Religionsfeindlichkeit durch die Hintertür wieder einen christlichen Dualismus ein, »frei nach Hamlets Erkenntnis, ‚daß eine Gottheit unsre Zwecke formt, wie wir sie auch entwerfen'. Man lese ‚Gene' statt Gottheit« (6).

(wird fortgesetzt)