Neuartige revolutionäre Erkenntnisse?
Von Heinz Basler
Die Philosophin Mathilde Ludendorff unterzieht den Darwinismus in ihrem ersten grundlegenden Werk, »Triumph des Unsterblichkeitwillens« (1), einer eingehenden Kritik. Nicht den Entwicklungsgedanken, die Entstehung aller heutigen Lebewesen aus einfachsten Vorstufen, lehnt sie ab, sondern die materialistische Erklärung, die Darwin dafür gab.
In der Biologie sind dagegen grundlegende Aussagen Darwins bis heute weitgehend anerkannt. So wird mancher Freund der Gotterkenntnis Ludendorff mit Interesse ein Buch zur Hand nehmen, das entgegen der vorherrschenden Meinung eine Unterstützung der Philosophie verspricht.
Es handelt sich um das Buch »Darwins Irrtum. Vorsintflutliche Funde beweisen: Dinosaurier und Menschen lebten gemeinsam« (2) des Solinger Bauingenieurs Dr. Hans-Joachim Zillmer, das großes Aufsehen erregte und sich einer regen Anteilnahme in den Medien erfreut. Auf einer eigenen Seite im Weltnetz (www.zillmer.com) liefert der Autor viele Informationen über seine Person, seinen Kampf gegen die herrschende Weltsicht, weitere Buchveröffentlichungen und Buchbesprechungen.
Nach Ansicht des Autors sind es zwei grundlegende Theorien, auf denen sich unser heutiges Weltbild begründet:
Beide Gleichförmigkeitslehren lehnten daher jede globale Erdkatastrophe kategorisch ab. Sein Ansatz: »Beweist man, daß die sich angeblich hintereinander entwickelten Arten zeitgleich existierten ), kann es keine Evolution gegeben haben, denn in diesem Fall stellt der Darwinismus per eigener Definition ein Luftschloß ohne reales Fundament dar«. (S. 10)
Diesem Weltbild stellt er sein eigenes entgegen: Die Erde sei erheblich jünger als bisher angenommen (wie alt, läßt er offen). Damit stünde für die Entstehung der Arten viel zu wenig Zeit zur Verfügung. Dieser Widerspruch könne nur durch die Annahme einer Schöpfung bzw. eines Schöpfers gelöst werden. Die Fossilienfunde und zahlreiche andere geologische Erscheinungen ließen sich am besten mit einem katastrophalen Großereignis, nämlich dem Einschlag eines Himmelskörpers auf der Erdoberfläche vor höchstens 10 000 Jahren erklären. Die Sintflutgeschichte des Alten Testaments und die Mythen vieler Völker wüßten von diesem Ereignis. Damit teilt Zillmer viele Argumente mit den Kreationisten, welche die biblische Schöpfungsgeschichte der Evolutionstheorie vorziehen.
Am Paluxy River in Texas kommen angeblich Fußspuren von Menschen und Dinosauriern in der gleichen geologischen Schicht vor. Ebenfalls in dieser Gegend wurde ein Hammer gefunden, der von einem massiven Gesteinsstück umschlossen war, das mindestens 140 Mio. Jahre alt sein soll (nach anderer Meinung sogar 400 Mio. Jahre alt). Angeblich stellten Geologen und Paläontologen übereinstimmend das hohe geologische Alter des Gesteinsstückes fest. Als Beleg wird ein Vertreter der »Creation Science Foundation«, also einer Einrichtung der Kreationisten, genannt. Diese Befunde widersprechen der gängigen Lehrmeinung, nach der Dinosaurier bereits seit vielen Millionen Jahren ausgestorben waren, ehe die ersten Menschen auftraten. Letzteres wiederum geschah erst viele Mio. Jahre nach dem Zeitpunkt, an dem der Hammer von dem Gestein eingeschlossen worden sein soll.
Die Kritiker Zillmers halten dem Hammer-Beweis entgegen (zusammengefaßt nach Richter ): 1. Der Hammer wurde nicht an der Fundstelle überprüft, was sehr wichtig gewesen wäre, da sich aus der Fundumgebung oft Rückschlüsse auf die Entstehung und Herkunft von Fundstücken ziehen lassen. 2. Der Hammer ist tatsächlich von einem Ablagerungsgestein umgeben. Es ist allerdings aus geologischer Sicht keinesfalls unwahrscheinlich, daß sich solche Gebilde durch Verhärtung löslicher Mineralien innerhalb von 100 oder 200 Jahren bilden. 3. Der Hammer entspricht seinem Aussehen nach solchen Werkzeugen, wie sie die Bergarbeiter im 19. Jahrhundert verwendeten. 4. Über angebliche in einem Laboratorium vorgenommene Untersuchungen zur Zusammensetzung des Hammers und dessen Alter liegen keine offiziellen Berichte vor.
Zillmer druckt allerdings ein Diagramm ab, das einen unter heutigen Erdbedingungen nicht mehr erreichbaren hohen Eisengehalt des Hammerkopfes von 96,6% belegen soll. Nach seiner Auskunft wurden die Ergebnisse mit einem »hochentwickelten Elektronenmikroskop« erzielt. Das stimmt nachdenklich, ist doch ein Elektronenmikroskop ein Gerät zur Sichtbarmachung äußerst kleiner Strukturen, aber kein Analyseinstrument zur Bestimmung der chemischen Zusammensetzung von Metallen oder anderer Materialien. Eine unabhängige Untersuchung des Hammers ist derzeit nicht möglich, da er von den Kreationisten unter Verschluß gehalten wird.
Nach Richter (3) sind im Dinosaurier Valley State Park bei Glen Rose in Texas tatsächlich zahlreiche Fußspuren von Dinosauriern erhalten geblieben. 1938 begann der Paläontologe Roland T. Bird sie genauer zu untersuchen. In den fünfziger und Anfang der siebziger Jahre gab es einen großen Wirbel, als Kreationisten einige der Spuren als menschliche Fußabdrücke »erkannten«. 1979 nahm sich Glen Kuban noch einmal die Abdrücke vor, um den endgültigen Beweis für die biblische Schöpfungsgeschichte zu erbringen. Seine Ergebnisse waren allerdings überraschend und zeugen von der Wahrheitsliebe des Forschers: Er erkannte, daß es sich um die Teile eines Fußabdruckes von einem zweibeinigen Dinosaurier handelt. Die Belege waren so überzeugend, daß der Geologe des »Institute for Creation Research« sein kreationistisches Buch aus dem Buchhandel zurückzog. In der Folge fanden Kreationisten wie Carl Baugh neue »Beweise« (u. a. einen Trilobitenfund sowie Säbelzahntiger- und Menschenspuren), die jedoch von Kuban und anderen Paläontologen allesamt widerlegt wurden. Auch von gefälschten Menschenspuren wird berichtet. Führende Kreationisten zogen daraufhin Ihre Publikationen zurück.
Der Leser fragt sich erstaunt, wie es Zillmer fertigbringt, alle diese Untersuchungen mit Stillschweigen zu übergehen und statt dessen die Frage zu stellen: »Warum werden entsprechende Fundstätten nicht auf einer größeren wissenschaftlichen Basis untersucht?«
Der schottische Geologe Charles Lyell gilt als der Begründer des Aktualitätsprinzips. Dieses besagt, daß in der Vergangenheit der Erde dieselben Phänomene in derselben Stärke wirkten bzw. genauso langsam abliefen, wie sie heute zu beobachten sind. Der Aktualismus stand im Widerspruch zur Katastrophentheorie, die unter den damals lebenden Wissenschaftlern verbreitet war. Die Anhänger der Katastrophentheorie behaupteten, nur große Katastrophen könnten die heutige Gestalt der Erdkruste hervorgehoben haben und die Erde sei nur etwa 6000 Jahre alt. Die meisten Wissenschaftler glaubten daran, daß die Katastrophentheorie mit der in der Bibel beschriebenen Erschaffung der Welt in Einklang stehe. Heute wird das Aktualitätsprinzip zwar grundsätzlich als gültig, im Einzelfalle allerdings etwas differenzierter, betrachtet. Dies betrifft z. B. plattentektonische Vorgänge im Präkambrium oder die in den letzten Jahren verstärkt diskutierten Katastrophenszenarien durch gewaltige Meteoriteneinschläge.
Ungeachtet dieser differenzierten Beurteilung Lyells aus heutiger Sicht stürzt und »stützt« sich Zillmer dagegen unentwegt auf den schottischen Geologen, da er von der uneingeschränkten Gültigkeit der Lyellschen Annahmen bis auf den heutigen Tag ausgeht. So würde man z. B. bis heute annehmen, daß sich das Erscheinungsbild der Erde im Laufe der Erdgeschichte nur sehr geringfügig geändert habe. Eine Behauptung, die angesichts der globalen Veränderungen, wie sie die Theorie der Plattentektonik beschreibt, grundfalsch ist. Diese Theorie erklärt, wie Kontinente »verschluckt« werden, aufeinander »prallen« und zu kilometerhohen Gebirgen aufgetürmt werden, wie Ozeane verschwinden und wieder entstehen. Alles nur geringfügige Änderungen? Allerdings: All dies geschah und geschieht nicht über Nacht, sondern im Laufe von Jahrmillionen. Trotzdem sind diese Veränderungen aktuell beobachtbar: Die Alpen heben sich noch heute deutlich meßbar und die Ozeanböden der Weltmeere verbreitern oder verschmälern sich jedes Jahr um mehrere Zentimeter.
Unermüdlich schreibt Zillmer gegen die »Gleichförmigkeitslehren« nach Lyell und Darwin an, obwohl auch globale Erdkatastrophen längst Einzug in Geologie und Biologie gehalten haben. So gibt es z. B. viele Belege für einen gewaltigen Meteoriteneinschlag an der Kreide-Tertiärgrenze vor 65 Millionen Jahren, der die Ursache für ein Massensterben sein könnte, dem auch die Dinosaurier zum Opfer fielen (4). Erst auf Seite 179 gibt Zillmer plötzlich zu, daß sich die Wissenschaft durchaus mit solchen katastrophalen Großereignissen wie Einschlägen von Himmelskörpern auf die Erdoberfläche befaßt. Damit hebt er selbst einen erheblichen Teil seiner vorher genannten Vorwürfe vom Dogma einer gleichförmigen Entwicklung und eines darauf beruhenden Darwinismus wieder auf.
Im folgenden sollen beispielhaft einige Behauptungen und Argumentationsweisen Zillmers genauer betrachtet werden. Auch auf die Gefahr hin, sich dem Vorwurf der einseitigen Auswahl auszusetzen, muß allein aufgrund der großen Zahl an Fehlern auf Vollständigkeit verzichtet werden. Im übrigen ist grundsätzlich festzuhalten: Es kann nicht die Aufgabe der Wissenschaft sein, jede neue Theorie auf Ihre Richtigkeit hin zu überprüfen. Wer glaubt, Umwälzendes entdeckt zu haben, hat auch die Argumente dafür zu liefern und die mutmaßlich neuen Erkenntnisse aus Sicht der bisherigen Kenntnisstandes zu beleuchten.
Ein wesentlicher Mangel des Buches ist die Aneinanderreihung von Behauptungen, ohne sie durch nachvollziehbare Begründungen zu stützen. Bereits der erste Satz des »Prologes« ist ein treffendes Beispiel dafür: »Es war einmal ein wissenschaftlich exakt bewiesenes Weltbild, das 200 Jahre alt war. Es gab nur noch wenige Dinge zu erforschen, und das Wissen war geradezu allumfassend « (S. 9) Mit den Ausführungen aus dem vorigen Abschnitt ist dem entgegenzuhalten: Es gibt kein heutiges Weltbild, das 200 Jahre alt ist (das heutige wissenschaftliche Weltbild stützt sich eben nicht nur auf Lyell und Darwin und ist daher nicht 200 Jahre alt), es gibt kein exakt bewiesenes Weltbild dieses Alters (beide Forscher lieferten kein exakt bewiesenes Weltbild) und es gibt noch viel zu tun für unzählige Forschergenerationen, wie ein Blick in beliebige Fachschriften unschwer erkennen läßt.
So könnte man kurzgefaßt eine häufige Vorgehensweise Zillmers bezeichnen. 1. Er stellt einen scheinbar außergewöhnlichen Tatbestand vor, z. B. »Unglaublich. Dieses Material [des Hammerkopfes] besteht aus fast absolut reinem Eisen!« (S. 19), 2. diskutiert dann ein paar Möglichkeiten über dessen Ursachen: Meteoritenmaterial?, unbekannte irdische Lagerstätte?, und 3. kommt schließlich zu dem Ergebnis, daß es nur so gewesen sein kann: »Da keine dieser Möglichkeiten in Betracht kommt, bleibt nur die Konsequenz, daß dieser Hammer durch ein uns nicht bekanntes technisches Verfahren unter grundsätzlich anderen atmosphärischen Voraussetzungen hergestellt wurde.« (S. 22) (zum Verständnis: vor der Sintflut sollen nach Zillmer auf der Erde völlig andere Umweltbedingungen geherrscht haben als heute). Entscheidend dabei ist: Zillmer bleibt den Beweis schuldig, daß es das behauptete außergewöhnliche Phänomen überhaupt gibt! Erst wenn die außergewöhnliche Zusammensetzung tatsächlich belegt wäre, ließe sich sinnvoll über eine Erklärung diskutieren. Zillmer führt außerdem Scheindiskussionen, da er häufig weder ihn stützende Argumente noch widersprechende Fakten (sofern er solche überhaupt nennt) durch Originalquellen belegt.
Kennzeichnend für die vorurteilsbehaftete Deutung von Funden durch Zillmer sind auch die riesigen »Menschenspuren« in Glen Rose, die eine Länge von 54,61 cm und eine Breite von bis zu 20,32 cm aufweisen. Wissenschaftlich vorzugehen hieße hier, nach der »sparsamsten« Erklärung für die rätselhaften Spuren zu suchen, d. h. nach jener, die die wenigsten Widersprüche zum herkömmlichen Wissen aufweist und daher mit den wenigsten neu aufzustellenden Hypothesen auskommt. Man käme dann unweigerlich zu dem Schluß, daß es sich wahrscheinlich nicht um Menschenspuren handeln kann, da weder aus heutiger Zeit noch aus früheren Zeiten so große Vertreter des Homo sapiens bekannt sind. Entsprechend lautete dann auch das Ergebnis paläontologischer Untersuchungen: Es handelt sich um Fußspuren von Sauriern. Anders Zillmer: Gerade die Größe dient ihm als Argument für die Echtheit der Fußabdrücke, denn: Welcher Fälscher wäre schon so dumm und würde, wenn er Fußspuren von Menschen nachbilden wollte, solche großen Abdrücke machen?
Ein beliebter Trick: Dem Gegner eine Meinung unterschieben, um sie dann widerlegen zu können und so den Gegner ins Unrecht zu setzen, ungeachtet der Tatsache, daß der Gegner die behaupteten Äußerungen überhaupt nicht vertritt. Oder in abgewandelter Form: Man widerlegt die Aussagen einer Lehre, ohne zu erwähnen, daß sich die Lehre durch neuere Forschungsergebnisse längst weiterentwickelt hat. Also auch hier Scheinkämpfe und Scheinsiege. So fordert Zillmer ein offenes, flexibles Weltbild, in das neue Erkenntnisse problemlos integriert werden können: »Man geht jedoch den umgekehrten Weg, verteidigt die veralteten Ideen der Biologen und Geologen aus dem letzten Jahrhundert und versucht die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse in die kleine Schachtel des Bewußtseins dieser ,antiken' geistigen Kapazität zu pressen.« Wie oben am Beispiel von Lyell gezeigt wurde, ist es gerade umgekehrt: Zillmer bekämpft einen Forschungsstand aus dem vorletzten Jahrhundert, ohne die gewaltigen Fortschritte der Wissenschaft gerade im 20. Jahrhundert wahrzunehmen.
»Beispielhaft« ist hier auch Zillmers Kampf gegen das »Biogenetische Grundgesetz« von Ernst Haeckel (1834–1919). Er behauptet, bei den Darwinisten seien Zweifel an dem Grundgesetz ausgeschlossen, ja gar nicht erst erlaubt und betont sogar ausdrücklich diesen Begriff: »Ich möchte das Wort Grundgesetz unterstreichen, « (S. 256). Was er verschweigt: Es gibt kein Lehrbuch, in dem nicht darauf verwiesen würde, daß heutzutage wegen der eingeschränkten Gültigkeit nur noch von »Grundregel« und nicht mehr von »Grundgesetz« die Rede sei. Die Wissenschaft ist eben doch nicht immer so dogmatisch, wie es deren Gegner gerne hätten.
Sich auf das Magazin Focus stützend, verwirft Zillmer außerdem die Lehre Haeckels als Betrug, da dieser seine Skizzen von der Ähnlichkeit der Embryos verschiedener Tierarten gefälscht habe (S. 256). Ungeachtet der Frage nach dem Wahrheitsgehalt dieses Vorwurfs ist festzustellen: Die »biogenetische Grundregel« in ihrer heutigen Form stützt sich keineswegs nur auf die Forschungsergebnisse Haeckels oder gar nur auf diese eine Skizze.
Welcher Darwinist die Meinung vertritt »Durch Zufall entstand aus einer Aminosäure ein Einzeller.« (S. 9) bleibt ein Geheimnis von Zillmer. Eine solche Aussage ist unsinnig, da eine Aminosäure nur ein Grundbaustein eines Eiweißes (Proteins) darstellt, während eine Zelle ein hochkomplexes Gebilde ist, das nicht nur Eiweiße, sondern auch zahlreiche andere Molekülarten wie Fettsäuren, Zuckerverbindungen und Nukleinsäuren enthält.
Zillmers Versuche, die Evolutionstheorie zu widerlegen, sind eine bunte Mischung aus Tatsachen, Halbwahrheiten und Unsinn. Nicht nur zur Zeit der Sintflut sollen Mensch und Dinosaurier nebeneinander vorgekommen sein, sondern dies sei auch heute noch so. Einigen Fischern soll vor Sumatra ein merkwürdiges Fundstück ins Netz gegangen sein. Für Zillmer ist die Sachlage klar: »Die angereisten Wissenschaftler identifizierten dieses Fundstück als Überbleibsel eines Schwimmdinosauriers.« (S. 41) Seine Beweisführung: Kein Name, kein Datum, keine Fundstelle, keine Quelle: nichts! Bei einem ähnlichen Fall ergeht sich Zillmer zwar in zahlreichen Spekulationen, verliert aber kein Wort über die Wissenschaftler, die den merkwürdigen Fang als Überreste eines Wales erkannten, dessen Äußeres im halbverwesten Zustand am Schiffskran hängend, eine gewisse Ähnlichkeit mit einem Plesiosaurier zeigte (5). Natürlich wird auch das fabelhafte schottische »Nationaltier« Nessie als heute noch lebender Saurier ins Feld geführt, ohne neue, überzeugendere Argumente als die bisher bekannten, für dessen Existenz zu liefern. Im übrigen ist unklar, was Zillmer mit diesen angeblichen Saurierbeobachtungen beweisen will. Es gibt auch im Jahre 2002 noch Bakterien und Algen, obwohl diese lange vor den Säugetieren und den Menschen entstanden. Wenn also noch unbekannte Dinosaurierarten leben sollten, so unwahrscheinlich das auch ist, dann hieße das nur, daß eben nicht alle Vertreter dieser Riesenechsen ausgestorben sind. Die Grundlagen der Evolutionstheorie berührt dies nicht.
Zu den Klassikern der Kreationisten gehört der Hinweis auf den Affen, der durch bloßes Herumhacken auf einer Schreibmaschine zufällig ein bestimmtes mehrbändiges Werk erzeugt, was natürlich extrem unwahrscheinlich ist. Genauso unwahrscheinlich sei die Entstehung des Lebens durch bloßen Zufall (S. 253). Verschwiegen wird das Gegenargument der Darwinisten (6). Das Beispiel mit dem Affen beschreibt nämlich keineswegs den angenommenen Evolutionsablauf. Bliebe nämlich jeder zufällig richtig getippte Buchstabe erhalten (entsprechend einer Mutation, deren Träger sich fortpflanzt), stiege die Wahrscheinlichkeit, das Ziel innerhalb eines bestimmten Zeitraumes zu erreichen, stark an (kumulative Selektion). Allerdings: Dieses Gegenargument widerlegt nur das genannte Affenargument, es beweist nicht, daß Zufall und Selektion zur Erklärung der Evolutionstheorie ausreichen.
Ein Schnabeltier habe keinen Grund sich wegen seines Schnabels zu einer Ente weiterzuentwickeln. »Warum auch?« fragt Zillmer. Die Frage ist berechtigt, denn das wäre in der Tat ziemlich unwahrscheinlich. Nur: Wer fordert so eine Entwicklung? Die Darwinisten jedenfalls nicht. An einem völlig untauglichen Beispiel versucht er hier vermutlich klarzumachen, daß der Darwinismus grundsätzlich eine rein kausal erklärbare Entstehung von Arten mit neuen Bauplänen aus ganz anders aufgebauten Arten bejaht.
Er behauptet weiterhin, » viele Tiere der gleichen Gattung – ein bekanntes Beispiel sind die Spinnen – sind untereinander nicht fortpflanzungsfähig« (S. 260). Dies ist in doppelter Hinsicht falsch: Zum einen sind nicht »viele« Tiere der gleichen Gattung untereinander nicht fortpflanzungsfähig, sondern bei strenger Anwendung der Definition von Arten als Fortpflanzungsgemeinschaften überhaupt keine und zum andern gehören Spinnen nicht alle der gleichen Gattung an, sondern werden üblicherweise in mehrere Ordnungen mit verschiedenen Gattungen eingeteilt.
»Junge Embryos von einem Fisch, Salamander oder Schwein unterscheiden sich von denen des Menschen angeblich nicht«, so hat Zillmer nach eigener Aussage in der Schule gelernt. Dieses Beispiel zeigt treffend, daß die Biologie dazugelernt hat (sofern es tatsächlich so gelehrt wurde), Zillmer dagegen nicht, denn die zitierte Behauptung entspricht nicht mehr heutigem Wissen.
Geologen und Darwinisten sehen sich dem Vorwurf des Zirkelschlusses ausgesetzt: Die Darwinisten behaupteten, einfache Lebensformen kämen nur in alten geologischen Schichten vor und die Geologen beriefen sich wiederum bei der Altersbestimmung ihrer Gesteine auf die Fossilien der Darwinisten. Richtig ist dagegen, daß sich die geologische Altersbestimmung auf mehrere Methoden stützen kann, die auf unterschiedlichen Grundlagen beruhen und sich gegenseitig ergänzen und bestätigen. Alles zusammen, einschließlich der Leitfossilien, ergibt ein weitgehend schlüssiges Gesamtbild. Im übrigen ist die Behauptung, nach Darwin dürften einfach gebaute Organismen nur in alten Schichten vorkommen, falsch. Auch wenn in der Erdgeschichte zuerst einfache und dann komplizierter aufgebaute Organismen auftraten, schließt das nicht aus, daß bis auf den heutigen Tag Vertreter solcher einfachen Organisationsstufen, z. B. Bakterien oder Schwämme, leben.
Grundlegende Kenntnisse in Geologie und Paläontologie läßt der Autor leider ebenfalls vermissen. So beispielsweise, wenn er behauptet, sehr alte Fossilien dürften keinesfalls auf der heutigen Erdoberfläche vorkommen. Auf die einfache Erklärung, daß die jüngeren Schichten abgetragen wurden, und daher im Laufe der Jahrmillionen auch sehr alte Ablagerungen ans Tageslicht gelangen können, kommt er nicht oder er verschweigt sie. Er verwechselt hier einfach »oben« mit »jung«!
Er behauptet, die aus Kalkgestein bestehenden Gebirge mit ihrer typischen Schichtung seien innerhalb kurzer Zeit durch kurz aufeinanderfolgende Überflutungen entstanden. Kein Wort zu den die verschiedenen Gesteinsschichten kennzeichnenden Leitfossilien, die belegen, daß Ablagerung mit unterschiedlichen Leitfossilien aus verschiedenen (z. T. viele Millionen Jahre auseinanderliegenden) Epochen stammen müssen. Selbstverständlich muß Zillmer die vorstehende Argumentation nicht teilen, aber sie einfach mit Stillschweigen zu übergehen, legt den Verdacht auf fehlende Gegenargumente nahe.
Zillmer versucht u. a. anhand von Karten des türkischen Generals und Kartographen Piri Reis, die aus dem Jahr 1531 stammen sollen (also einem Zeitpunkt, an dem die Antarktis noch nicht entdeckt war), zu belegen, daß dieser Kontinent vor der Sintflut eisfrei war. Erst durch den Meteoriteneinschlag und die Sintflut sei es zu der Vereisung gekommen. »Da die Karte also einen Wissensstand dokumentiert, den man damals noch gar nicht erreicht haben konnte, ergibt sich von selbst, daß die Karte echt sein muß – oder gab es damals Hellseher?« (S. 98), so seine Begründung. Ohne weitere schlagende Belege ist der umgekehrte Schluß der wahrscheinlichere, da er zu weniger Widersprüchen mit dem bisherigen Wissensschatz führt: Gerade aus dem Umstand, daß die Karten einen zur Zeit Ihrer Erstellung unbekannten Zustand dokumentierten, weist auf einen Entstehungszeitpunkt hin, an dem dieses Wissen bereits vorhanden war.
Zillmer geht richtigerweise davon aus, daß der Südpol irgendwann einmal eisfrei war (nämlich in erdgeschichtlicher Vergangenheit) und das Alter der Urzeichnung der Karte begrenzt sein muß (eine Karte, so sie denn wirklich existiert, muß irgendwann erstellt worden sein, folglich ist deren Alter begrenzt). Da aber das Alter begrenzt ist,
»
kann man bei der Schätzung von vielleicht 10 000 Jahren von einem maximalen Zeitraum ausgehen.« (S. 103) Richtig: kann man, man kann aber auch 20 000, 3 Milliarden, 600 000 oder 653 Jahre nehmen. Ohne weitere Begründung (und eine solche wird nicht geliefert) ist das eine so wahrscheinlich wie das andere. Warum nimmt Zillmer gerade 10 000 Jahre? Weil seine Sintflut eben zu diesem Zeitpunkt abgelaufen sein soll. Eine Karte mit eisfreiem Südpol als Beleg für die Sintflut und das Alter der Sintflut als Beleg für das Alter der Karte: Das ist ein klassischer Zirkelschluß!
Zillmer läßt die Erde sich mehrfach überschlagend durch das Sonnensystem irren (S. 166), die Kontinente binnen weniger tausend Jahre auseinanderdriften (S. 200) und Flutwellen bis zu den Achttausendern des Himalaja aufbranden (S. 205). Eiszeiten? Gab es nie! Statt dessen aber zwölf Planeten in unserem Sonnensystem (S. 173).
Von völliger Unkenntnis der Glazialgeologie zeugt die Vorstellung, die Gletscher hätten nach Meinung der herkömmlichen Wissenschaft die Findlinge vor sich hergeschoben. Richtig ist dagegen, daß die Gletscher die Felsbrocken, die von den Felswänden auf sie herabstürzten, schlicht und einfach getragen haben! Dieses Wissen ist heute selbstverständlich Allgemeingut der Geologie.
Nur der Vollständigkeit halber sei noch erwähnt, daß auch die Physiker ihr Fett abbekommen. Da wird munter über uns unbekannte radioaktive Elemente zu Zeiten der Urerde spekuliert, über schneller ablaufende radioaktive Zerfallsprozesse (Zillmer braucht schneller ablaufende Zerfallsreihen, da er eine junge Erde beweisen will) und so weiter und so fort. Das alles, versteht sich, ohne Angabe von Fachliteratur, ohne exakte mathematisch-physikalische Beweisführung.
Zillmer stützt sich fast ausnahmslos auf Sekundärquellen oder populärwissenschaftliche Veröffentlichungen. Als Belege dienen u. a. das Magazin PM (wird von Zillmer als »Wissenschaftsmagazin« bezeichnet, ist im besten Falle jedoch populärwissenschaftlich zu nennen), die Bildzeitung (S. 149) und das Magazin Focus. Bei seiner Widerlegung der gängigen Eiszeittheorie zieht er wissenschaftliche Quellen aus den Jahren 1802, 1824 und 1857 heran. Bei allem Respekt vor der Leistung früherer Forschergenerationen sollte man den Wissenszuwachs nachfolgender Generationen nicht gänzlich außer acht lassen, zumal dieser gerade im 20. Jahrhundert nicht ganz unerheblich war!
Auch der »Präastronautiker« Erich von Däniken gehört zu Zillmers Gewährsleuten, zum Beispiel für die Behauptung »Das Alter dieses Abdruckes wird auf 160 bis 195 Millionen Jahre geschätzt.« Däniken ist zwar berühmt, aber auch berüchtigt (als rechtskräftig verurteilter Betrüger), in jedem Fall aber kein geowissenschaftlicher Fachmann.
Wie viele Vertreter von Außenseitermeinungen, sonnt sich auch Zillmer im Schicksal Giordano Brunos, um sich als Kämpfer gegen die Unterdrücker der Wahrheit darzustellen.
Gegen Ende des Buches läßt Zillmer vollends alle naturwissenschaftlichen Hemmungen fallen. Stützte er sich bisher auf die Genesis im Alten Testament, so bricht er nun zu neuen Ufern auf. Erich von Däniken läßt ahnen, wohin die Reise geht: Mit dem Ufo der Präastronautiker zum Heimatplanet der Anunnaki, den außerirdischen Schöpfern der Menschen. Das zugehörige Schlagwort lautet »Paläo-SETI-Hypothese« (dahinter verbirgt sich der Versuch, die Anwesenheit Außerirdischer auf der Erde in der Vergangenheit zu beweisen).
Die Studiengemeinschaft Wort & Wissen, die in Deutschland auf vergleichsweise hohem wissenschaftlichem Niveau kreationistisches Gedankengut vertritt, meint zu »Darwins Irrtum« (7): »Trotz Sympathie mit dem Anliegen des Autors, für eine junge Erde und gegen Evolution zu plädieren, kann das Buch ( ) nur negativ bewertet werden. Den einzelnen in die übliche geologische Abfolge nichtpassenden Funden sollte jedoch nachgegangen werden. Aufgrund von Anfragen sei noch angemerkt, daß keine Kontakte zwischen Zillmer und der Studiengemeinschaft Wort und Wissen bestehen. Aus einem uns zugleiteten ) Brief des Autors geht hervor, daß er den Ansatz der Studiengemeinschaft ablehnt und sich deutlich von Wort und Wissen distanziert. Uns kann das angesichts der Aussagen über Außerirdische als Schöpfer und des Umgangs mit geologischen Befunden, wie er in Zillmers Buch zum Ausdruck kommt, nur recht sein.«
Von Interesse für die Leser dürfte auch die Beurteilung von »Darwins Irrtum« durch Heribert Illig sein, der durch seine Theorie vom erfundenen Mittelalter ebenfalls eine vielbeachtete Außenseitermeinung vertritt. Illig beanstandet u. a. die ungenügende Darstellung der Fundumstände am Paluxy River und einige andere Erklärungen Zillmers zur Geologie. Auch hat er Schwierigkeiten mit der Vorstellung eines außerirdischen Schöpfers. Trotzdem teilt er in weitem Maße die grundsätzliche Kritik am heutigen geologischen und evolutionsbiologischen Weltbild. Er schließt seine Beurteilung Zillmers mit den Worten: »Er hat den Mut, Kreationisten, PaläoUfologen, Katastrophisten und mainstream-Forscher an einen Tisch zu bringen, um antiquierte Modelle in der Rumpelkammer zu verstauen. Diesem Mut ist Referenz zu erweisen.« (8)
Dieser, trotz einiger kritischer Anmerkungen, im Ganzen recht wohlwollenden Beurteilung kann leider nicht zugestimmt werden. Bleibt zu hoffen, daß Illig bei seinen eigenen Forschungen strengere Maßstäbe anlegt.
Es erstaunt immer wieder das krasse Mißverhältnis zwischen mangelhafter Beweisführung einerseits und ungeheurem Selbstbewußtsein verbunden mit glühendem Überzeugungswillen andererseits. Zillmer: »Da die hier beschriebenen Erkenntnisse und eigenen Erfahrungen kaum auf Irrtümer zurückzuführen sein können, muß sich die Wissenschaft gewaltig und grundlegend irren.« (S. 39) Dieser Realitätsverlust zeigt sich noch einmal deutlich im Epilog, wo er feststellt, daß sich in Biologie und Paläontologie ein Sinneswandel zu vollziehen beginne, der seine Überlegungen stütze und sie in dem Licht erscheinen lassen, das sie verdienten: als »harte Realität«. Davon kann selbstverständlich keine Rede sein. Als Beleg stützt er sich (ausnahmsweise) auf die namhafte Fachzeitschrift »Nature« (392/1998), wonach Säugetiere bereits wesentlich früher existierten als bisher angenommen und damit Zeitgenossen der Saurier waren. Bisher ging die Forschung davon aus, daß erst gegen Ende der Saurierzeit Säugetiere auftraten. Das erregte in der Fachwelt Aufsehen. Aber: Warum sollte dieser neue Wissensstand ein Widerspruch zur Evolutionslehre sein? Die Zeiträume, um die es hier geht, sind Welten von den Vorstellungen Zillmers entfernt und die ersten Säugetiere waren keine Menschen. Von ähnlicher Beweiskraft sind die weiteren »Bestätigungen« auf Zillmers Seiten im Weltnetz.
Zillmer tritt an, unser heutiges Weltbild über die Entstehung der Erde und des Menschen, das nach seiner Ansicht auf Charles Darwin und Charles Lyell beruht, zu widerlegen. Er bedient sich dabei zahlreicher unbewiesener Behauptungen, verschweigt wichtige Gegenargumente, widerlegt erfolgreich Anschauungen aus dem vorletzten Jahrhundert, die Geologie und Biologie längst hinter sich gelassen haben und bekämpft angebliche Argumente seiner Gegner, die diese nie vertreten haben. Vorsintflutlich sind nicht die Funde, sondern allenfalls Zillmers Argumente.
Warum dann der Aufwand für die vorliegende Abhandlung? Zillmer weist selber auf eine der Gefahren seiner Bücher hin (bezeichnet sie aber selbstverständlich nicht als solche, sondern als Bestätigung seiner These): Die Einführung der biblischen Schöpfungsgeschichte in den Lehrplan der Schulen, entweder als alleinige Lehre oder als gleichberechtigte Lehre neben der Evolutionstheorie. Es wäre nicht das erste Mal, daß Deutschland mit den Segnungen aus »Gods own Country« beglückt würde, wo dieser drohende Zustand in einigen Bundesstaaten schon Wirklichkeit ist.
Zillmer ist nicht der einzige, der abwegige Theorien aufstellt und v. a.: Es sind nicht die einzigen, die auf fruchtbaren Boden fallen. Das zeigt die Erfahrung, leider auch im Freundeskreis. Ein Grund dafür mag sein: Wer erkannt hat, wie die öffentliche Meinung manipuliert, die Geschichte gefälscht, Sitte und Moral auf den Kopf gestellt, kurz: Politik gemacht wird, der betrachtet herrschende Lehren zu Recht mit einem gewissen Mißtrauen. Und da die Masse der Bevölkerung dieses Mißtrauen nicht teilt, im besten Falle gleichgültig ist, steht der kritische Geist alleine auf weiter Flur. Da verleitet die Freude über einen neuen vermeintlichen Mitstreiter dazu, dessen Anschauungen weniger gründlich zu prüfen als die herrschenden Lehren. Deshalb gilt es den Blick zu schärfen, um die entlarvenden Argumentationsstrategien und das brüchige Fundament hinter dem selbstsicheren Auftreten zu erkennen.
Selbstverständlich dürfen und sollen auch scheinbar festgefügte Theorien in der Wissenschaft kritisch hinterfragt werden, auch der Darwinismus und die Evolutionstheorie. Das führt aber nur dann weiter, wenn die neuen Argumente nicht schlechter sind als die alten! Es bedarf dazu mehr, als 304 Seiten Papier mit schwarzen Zeichen zu bedrucken. Sich darauf zu stützen, hieße der Philosophie eine Bärendienst erweisen. Über den Wahrheitsgehalt des Darwinismus sagt die vorliegende Betrachtung allerdings nichts aus. Sie zeigt nur ein Beispiel, wie man ihn nicht widerlegen kann. Über bessere Argumente, naturwissenschaftliche und philosophische, soll an anderer Stelle berichtet werden.