Das weltanschauliche Bekenntnis Felix Dahns

(Fortsetzung und Schluß)

Von Dr. Gundolf Fuchs

Doch noch einmal zurück zu Julians »Bekenntnis«. Die Abstufungen, die Julian in der »Göttlichkeit« macht, sind verwirrend und so muß Julian von seinen beiden Zuhörern niederschmetternde Beurteilungen hören. Er befürchtet das schon, als nach seinen Ausführungen eine »tiefe, lange, in ihrer Dauer peinliche Stille« entstand, die Julian selbst beenden muß, indem er ausruft: »Menschen, Freunde, ich habe euch ( – euch zuerst, euch allein! – ) mein Innerstes, mein Bestes, ja mein alles gegeben ( – die Frucht des Grübelns von sieben Jahren! – ), und ihr – ihr habt kein Wort darauf? Ich bitte euch, ich flehe euch an, redet! Nur nicht dies starre Schweigen! Sprich, Jovian, mein Jovian, was hast du mir darauf zu sagen?« (S. 463). Der kann nur bekennen: »Ich – ich hab' es nicht verstanden!« Merowech will den Freund nicht verletzen, aber auch nur die Wahrheit sagen. So sind seine ersten Worte: »Armer Freund!«, und als Julian unwillig fragt: »Was soll das heißen?«, faßt er sein Urteil mit Bedauern so zusammen. »O zürne nicht, daß ich die Wahrheit sage. Das Ganze. O Julian, ist dein eigenstes Hirngespinst. Aber auch nur dir eigen! – Dichtung, Philosophie, Mystik und Aberglaube. Kunstvoll und glänzend zusammengesponnen. Es schimmert wie in Tau und Sonnenschein ein Spinngewebe. Aber es verträgt wie dieses nicht die leiseste Berührung! Du bist und wirst bleiben dein einziger Bekehrter. Du bist zugleich dein Oberpriester und deine ganze Gemeinde.« (S. 464) Und dann legt er die Gründe für sein Urteil im einzelnen dar: »Den Philosophen muß deine mystische Phantastik abstoßen, den frommen Heiden deine Verflüchtigung der altgeliebten Götter in bloße Symbole, den Juden, den Christen schon deine Vielgötterei, während doch der Begriff der Gottheit die Mehrzahl ausschließt. Was also bringst du? Wissenschaft? Von Beweisen hast du nicht die Spur eines Schattens eines Scheins! Religion? O Freund, soll die Mutter, deren Kind in toddrohendem Fieber liegt, zu deiner ‚Idee‘ beten oder zu Gott ‚Helios Nummer eins‘ oder zu ‚Helios Nummer zwei‘? Soll der Blinde diesem deinem Helios danken? Welches deiner Göttersymbole hat ein Ohr, ein Herz für Hoffnung, Wunsch und Furcht? Und damit willst du das Christentum und das Heidentum ersetzen? Armer Freund! Du bist verloren.« (S. 464)

Die Erschütterung des Julian tat den beiden Freunden leid, und Merowech wollte die Wirkung seines Urteils abmildern, indem er sagte: »Vergib Julian! Ich war zu derb: bin ich doch ein Barbar! Und dann bedenk'! Ich kann mich ja irren – irren über die Wahrheit deiner Gedanken. Und über ihren Erfolg bei den Menschen.« (S. 465) Damit will Merowech nicht nur den Freund trösten. Er will auch den Gedanken, seine Urteile müßten unfehlbar sein, nicht aufkommen lassen. Das greift Julian zur Rettung seines Selbstwertgefühls dann auch begeistert auf. Bald ist er auch fähig, Merowechs Bekenntnis zu hören, von dem er nach der Kritik an seinem Bekenntnis allerdings auch Hartes, vielleicht sogar Unheimliches erwartet. Er fordert Merowech mit den Worten: »Doch nun genug von mir und meinen Gedanken. Die d e i n e n möchte ich endlich kennenlernen.« auf, sein weltanschauliches Bekenntnis darzulegen und Merowech beginnt: »Also die Welt ist. Sie ist nicht bloß ein Schein, wie eure Skeptiker und Sophisten lehren. Da sie aber ist, ist sie ewig. Das heißt anfangslos, endlos.« (S.469) und später versucht er den Gedanken an einen Schöpfergott zu widerlegen. »Viele Religionen und viele Philosophien stellen einen Gott als Schöpfer des Seins auf. Unmöglich! Denn er ist ja selbst: er kann doch nicht sein eigener Schöpfer sein. Andere Religionen – so die meiner Stammgenossen und andere Philosophien lassen Gott oder Götter erst aus dem ewigen Urstoff erwachsen. Ebenso unmöglich! Denn das ewige Sein bleibt auch hierbei unbegreiflich.« (S. 470)

Diese Gedanken scheinen der Erkenntnis Mathilde Ludendorffs, daß eine Schöpfung stattfand, daß die Erscheinungswelt einen Anfang und ein Ende habe, genau entgegengesetzt zu sein. Aber Dahn verweist seine Aussagen selbst in das Reich des Bedingten, des Relativen, indem er feststellt: Bei der Behauptung »anfangslos« und »endlos« »stehen wir schon an der Grenze unseres Denkvermögens. Wir müssen die Ewigkeit denken und können sie doch nicht denken. Also werden wir die Welt nie begreifen.« (S.469) Aber dann wagt er eine noch tiefere Aussage: »Jenes ewige Sein ist selbst das, was die Leute Gott nennen oder vielmehr: das ewige Gesetz dieses ewigen Seins ist Gott.« (S.470) »Ewigkeit« kann man auch wirklich nicht denken, nur erleben. Die Vernunft kann allerdings auch bei der Betrachtung so unermeßlicher Zeiträume wie der des Bestehens dieses Weltalls nicht anders als ein »Davor« und ein »Danach« denken, wenn von einer zeitlichen Begrenzung dieses Weltalls die Rede ist. Bei der philosophischen Erkenntnis, daß die Erscheinungswelt durch Eingehen göttlicher Willenskräfte in Raum, Zeit und Ursächlichkeit entstanden ist, erweist es sich aber als sinnlos, außerhalb dieser Erscheinungsformen überhaupt noch Zeitbegriffe zu benutzen. Wichtiger als das Umsinnen der Frage »anfangslos« und »endlos« ist es, den Forscher- und Wahrheitswillen bei Dahn, der wie bei Lessing stark ausgebildet ist, zu betrachten. So heißt es: »Aber so lange Menschen denken, werden sie die Wahrheit suchen. Sie müssen. Sie müssen sie suchen im Gemüt, im Glauben, das heißt die Religionen sind notwendig: sie enthalten alle die Eine Wahrheit, daß das Ewige ist. Und sie enthalten daneben alle – Irrtum. Die Menschen müssen aber auch das Ewige suchen im Begriff. Das heißt die Philosophien sind notwendig: auch sie enthalten alle jenes Wahre. Und alle daneben – Irrtum.« (S. 470)

Auch diese Erkenntnis finden wir bei den Großen unseres Volkes, z. B. in Schillers Sinnspruch: »Welche Religion ich bekenne? Keine von allen, die du mir nennst. Und warum keine: Aus Religion«, wenn man unter dem letzten Wort »Religion« das Erleben des Göttlichen, unter »allen genannten« Religionen die einzelnen Lehren versteht. Das Weiterschreiten aus von Irrtum behafteten religiösen Vorstellungen zu höherer Stufe zeigt uns auch Theodor Storm in dem mit »Neuer Glaube« benannten Gedicht, in dem es unter anderem heißt »Aus dem seligen Glauben des Kreuzes bricht ein and'rer hervor, selbstloser und größer, dessen Gebot wird sein: Edel lebe und schön, ohne Hoffnung künftigen Seins und ohne Vergeltung, nur um der Schönheit des Lebens willen«.

Auf die Tatsache, daß an den alten Religionen festgehalten wird, weil sie »alle die Eine Wahrheit, daß das Ewige ist« enthalten, hat Mathilde Ludendorff an verschiedenen Stellen ihrer Werke immer wieder hingewiesen. Gleich im ersten Sang der Dichtung zu dem Werk »Triumph des Unsterblichkeitwillens« wird dieser Gedanke umsonnen. (S. 12)

»Ein Strahl dieses Lichts,« (der Erkenntnis) »den die Träumer erfaßten,
Er warf schon so hellen, so allverklärenden Schein
In irrender Völker trostlose Nacht,
Daß sie nun glaubten – die Träumer! –
Sie hielten die ganze strahlende Sonne der Weisheit
In ihren gläubigen Händen! –
Der Mythos aber, der bildreiche,
Er wurde den Gläubigen lieb, so heilig und lieb
Um dieses einzigen Strahles willen,
Und gab ihrem Leben Reichtum und Inhalt
Durch dieses einzigen Strahles Kraft.«

Aber noch einen anderen Gedanken über die »Notwendigkeiten der Religionen« gilt es hierbei zu beachten. An anderer Stelle heißt es bei Merowech (Dahn) nämlich: »Ferner fordert das menschliche Herz ein Gottesherz, an das es im Gebet sein Fürchten und Hoffen legen mag und sein Schuldbewußtsein.« Das Fürchten und Hoffen kann allerdings auf ganz unterschiedlicher moralischer Stufe stehen. Um Wahnvorstellungen handelt es sich dabei natürlich in jedem Falle. Alle an ein solches »Gottesherz« Glaubenden stünden jedoch in der Gefahr, in Gottleugnung, in Gottlosigkeit abzusinken, wenn die Wahnlehre gestürzt würde, bevor tiefere Erkenntnis des Göttlichen gewonnen ist. Mathilde Ludendorff hat ja auch die ernste Verantwortung erkannt, den religiösen Wahnlehren, in erster Linie dem Christentum, erst dann entgegenzutreten, als sie eigene Einsichten in die Wesensfragen des Lebens schenken konnte. Da Dahn wußte, daß er letzte Klarheit noch nicht besaß, obwohl er der Erkenntnis ahnend schon nahte, ließ er den »Erlösungsbedürftigen« auch ihr Hoffen. Doch davon später noch.

Als nächsten Gedanken erwähnt Merowech die Vermenschlichung der Götter und nennt sie an einer Stelle sogar Gotteslästerung. Er sagt: »Tief verhaßt ist mir die unwürdige Vermenschlichung der Götter, gerade weil ich ‚fromm‘ bin! Das heißt von tiefster Ehrfurcht für das Göttliche erfüllt«. »Welche Gotteslästerung! Gott nach dem Bilde der Menschlein hier – auf diesem winzigen Teil des Alls – zu gestalten! Aber freilich: überall haben die Menschen ihre Götter nach ihrem eigenen Bilde geschaffen.« Die Frage nach der Bedeutung des Menschen als einem verglichen zur Erdmasse völlig unscheinbaren Stäubchen, wobei die Erde selbst wiederum nur ein winziges Stäubchen im All ist, ist ja von manchem umsonnen worden. Die einen leiten daraus ab, daß dem Menschen bei dieser Kleinheit keine hohe Bedeutung zukommen, er nie Krone oder Ziel der Schöpfung sein könne. Mathilde Ludendorff hat dagegen eine ganz andere Antwort auf diese Tatsache gegeben, indem sie dem Menschen die hohe Verantwortung bewußt macht, die in der Erkenntnis vom Menschen als einzigem möglichen Gottesbewußteins in diesem Weltall liegt. Die Betonung liegt allerdings auf dem Wort möglich, denn nur in eigenem frei gewählten Entscheide kann ein Mensch das Göttliche in seiner Seele erleben, zu dem werden, was der »Krone der Schöpfung« würdig ist. Wenn Dahn Merowech so klein von den Menschen sprechen läßt, daß ein Vergleich mit dem göttlichen Wesen dieser Schöpfung Gotteslästerung bedeutet, so hat er dabei sicher nicht an Menschen wie Teja oder Merowech, den er diese Gedanken aussprechen läßt, gedacht, sondern an den noch weitgehend unvollkommenen Regungen und Willensrichtungen verhafteten Durchschnittsmenschen, von den Verkommenen ganz zu schweigen.

Dahn macht auch wesentliche Unterschiede zwischen den Gottvorstellungen, ob sie nur Phantasiegebilde der menschlichen Seele sind, daß eine irgendwie geartete überirdische Stelle Hilfe in der Not leisten könne, oder ob recht unvollkommene eigene Verhaltensweisen auf einen vorgestellten Gott übertragen werden. Es heißt »Von der Vermenschlichung unterscheidbar ist aber die Verschuldung: alle Leidenschaften der Menschen tragen sie in ihre Götter hinein: Liebe und Haß, Rache, Eifersucht, Zorn: so sprechen Juden und Christen von ihrem zornigen, eifersüchtigen Gott, von Vatermord und Ehebruch Jupiters zu schweigen. Aber diese zahlreichen und arg vermenschlichten Götter befriedigen nicht mehr das Menschenherz und den Menschengeist: sie empören beide.«

Die Ausflucht, daß es einen Obergott gäbe, der die unvollkommenen anderen überwache, weist Merowech auch zurück: »Nun versucht man Zeus, Jupiter, Wodan als den allein mächtigen und als heiligen Gott als ‚Allvater‘ hinzustellen. Ach, er findet keinen Glauben. Wenn Frau Hera Zeus in Liebesseligkeit einschläfert und während seines Mittagsschläfchens allerlei Unfug anstellen kann, – was hilft seine Obmacht? Und soll man von Zeus dem Stier, dem Schwan, dem Goldregen, Schutz der Keuschheit, der Ehe erhoffen?« »Fort darum mit all den vielen von Leidenschaften hin- und hergetriebenen Göttern«, ruft das Bedürfnis nach Einheit, nach gesetzlicher Notwendigkeit, das des Philosophen; »fort mit den schuldigen Göttern«, schreit das Sittliche, das Gewissen im Menschen. Und dann berichtet er von beginnender Überwindung des vermenschlichten Götterglaubens durch weitsichtige und edeldenkende Germanen: »Bei uns Germanen aber ist in leisem Beginn eine wunderbare Lehre: – viel zu tief und zu heldenhaft großartig, als daß sie bei euch hätte entstehen mögen. Ihr Hellenen und Römer behaltet eure vielen liederlichen Götter und ( – ausgenommen wenige! – ) desgleichen Göttinnen in alle Ewigkeit, so daß sich ernste philosophische, sittlich strenge Männer schon bald ein halb Jahrtausend lang vom Glauben des Volks abwenden. Wir Germanen, – mein Schwager brachte aus dem Nordland die Anfänge dieser noch geheimen Lehre! – wir haben all unsre Götter und Göttinnen zum Tode verurteilt, weil die schuldig gewordenen unserm sittlichen Ernst nicht mehr genügen. ‚Götterdämmerung‘ nennen sie das im Norden. Es ist eine großartige Tat! Denn wir verurteilen darin ja – uns selbst: nein, viel mehr als uns selbst: – unsere Wunsch- und Traumbilder, unsere Selbstverherrlichung. Denn was sind Wodan und Donar und Paltar und Frigg und Freya anders als wir selbst: – ich sagte es schon! – ins große gemalt und verherrlicht.« (S.472)

Hier treten uns zwei ernste Gedanken entgegen. Als erstes sei noch einmal auf die eingangs erwähnten Gedanken zurückgekommen, welche Menschen »geeignet« sind, letzte Erkenntnis zu gewinnen. Die Wortwahl, die wir hierzu bei Merowech fanden, enthält ja eindeutig Wertungen, wenn er davon spricht, daß eine germanische Lehre »viel zu tief und heldenhaft ist, um bei Römern und Hellenen zu entstehen.« Die Aussage ist gefühlsbetont, aber das Gefühl hat einen sachlichen Hintergrund. Die beiden genannten Völker waren nämlich bereits Mischvölker und diese sind von der Veranlagung her für das Hinfinden zu letzter Erkenntnis gar nicht begünstigt. Zu beachten ist jedoch, daß Merowech betont, ernste Menschen unter den Römern und Hellenen haben sich seit langem von dem Glauben des Volkes an die liederlichen Götter gelöst. Damit ist bestätigt, daß jedem Einzelmenschen unabhängig von seinem Erbgut die Freiheit der Wahl für oder wider Gott, wie es Mathilde Ludendorff nennt, gegeben ist. Ob unter den Ernsten, die sich von den vorgestellten, mit argen menschlichen Schwächen bedachten Göttern abwandten, nun nur reinerhaltene germanische Einwanderer oder auch Mischlinge waren, wird bei Dahn nicht näher ausgeführt. Die Aussage von der Freiheit der Wahl gilt aber auch für letztere! Durch diese Erkenntnis Mathilde Ludendorffs kann die so oft gefühlsbetont unter Leugnung unerwünschter Tatsachen geführte Auseinandersetzung über Rassefragen auf den Boden der Sachlichkeit und des ruhigen Beurteilens zurückgeführt werden.

Nun zur Frage abzulehnender Selbstverherrlichung. Es ist allerdings abzulehnen, eigene Fehler zu verherrlichen – und das tut man, wenn man seine Eigenart als Ganzes zum Göttlichen erheben will und nicht die zu überwindenden Schwächen im Erbgut erkennt, aber gerade die Begriffe »Wunsch- und Traumbilder« können ja auch bedeuten, daß die Menschen das Wertvolle, das in ihrer Art liegt, als Vorbild in eine Göttergestalt hineinlegen. Dann führte zur Überwindung des Mythos, zur Götterdämmerung, weniger, daß er unzulässige Selbstverherrlichung enthält, sondern, daß es sich eben nur um Wunsch- und Traumgebilde handelt, die vor dem Wahrheitswillen keinen Bestand haben. Daß die Wahrheitsliebe auch bei Dahn das Ausschlaggebende ist, das geht aus den folgenden Worten Merowechs hervor: »Ich sag' euch: wer mit solcher Liebe und mit solchem Ernst wie ich seines Volkes Götter erfaßt hatte, mit so glühender Begeisterung und sie dennoch zuletzt als holde Traumgebilde fallen lassen mußte, – den können auch die Geheimnisse des Serapis, die Wunder Moses und des Jungfrauensohnes und auch, o Julian, dein Helios, – dieser Hälbling von Mystik und Philosophie! nicht mehr gewinnen.«

Dahn geht dann auf die Frage nach dem Sinn einer Gottsuche ein. Merowech fragt: »Wenn nun aber alle Religionen und alle Philosophien Gott nicht zu fassen vermögen, – warum ihn suchen?« Und die Antwort lautet: »Weil wir müssen. Gott selbst werden wir nie begreifen: wohl aber Stücke seines Waltens im Rauschen des Waldes wie der Schlacht. Und diese Stücke müssen wir gierig suchen: der kleinste Splitter genügt, uns im frommen Schauer der Ehrfurcht das unausdrückbar Erhabene Gottes ahnen zu lassen. Und wie waltet Gott? Durch Gesetze, durch Notwendigkeiten, die sich so unvermeidlich vollziehen, wie der Donner dem Blitz folgt, wie der Schleuderstein endlich zur Erde fällt. Daher ist auch die Freiheit des Menschen nicht Willkür, sondern Notwendigkeit. Frei sein! Was ist's? Es ist: seine Eigenart darleben können. Unfrei sein, in ihr gehemmt werden. Die geträumte Freiheit – als reine Willkür – unterbricht die ununterbrechbare Kette von Ursache und Wirkung durch das Wunder.« Neben dem Anklingen des der Vernunft unfaßbaren Erlebens des Göttlichen finden wir auch hier zwei wesentliche Gedanken. Der eine betrifft eine Klärung des Freiheitsbegriffes, der andere die als »Notwendigkeit« bezeichnete kosmische Gesetzmäßigkeit, die auch das Menschenleben bestimmen soll. Wie die häufige Betonung des »Müssens« in bezug auf Erfüllung göttlicher Wünsche zeigt, ist Dahn die letzte Freiheit seelischer Entscheidung noch nicht ganz klar, aber dennoch führt seine Wegweisung zu beachtlicher Höhe. Und wir dürfen uns an den hohen Gedanken mit kleinen philosophischen Einschränkungen ebenso freuen, wie Mathilde Ludendorff sich einst über die auf Fichtes Wirken zurückgehenden Worte Albert Matthäis freute:

»Du sollst an Deutschlands Zukunft glauben,
An deines Volkes Aufersteh'n
Laß' diesen Glauben dir nicht rauben,
Trotz allem, allem was gescheh'n.
Und handeln sollst du so, als hinge
Von dir und deinem Tun allein,
Das Schicksal ab der deutschen Dinge
Und die Verantwortung wär' dein.«

und nur in Gedanken die Worte »du sollst« durch »ich will« ersetzte.

Sehr schön ist die Abgrenzung der Freiheit gegen die Willkür und die Erkenntnis, daß sich der Mensch nur frei entfalten kann, wenn ihm nicht seine Eigenart genommen wird, und daß umgekehrt, die sog. Befreiung von den »Fesseln der Eigenart«, der Schritt zum »Nur Mensch«, zum nicht mehr Angehöriger eines Volkes zu sein, in Wirklichkeit Unfreiheit bedeutet. Das erkennt man später auch noch aus der Antwort auf die Frage von Jovianus: »Warum lebst du dann?« bei so wenig Hoffnung und so viel Entsagung. Die Antwort lautet u. B.: »Mich freut es, meinem alten Vater helfen, meinem Volke, meinen Freunden dienen zu können. Es beglückt mich, das Wackre zu tun. Ich lebe nicht für mich, ich lebe für die Meinen. Aber nicht für die Menschheit: die ist ein hohler Schall! Der Mensch dient der Menschheit, indem er seinem Volke dient. Einen Menschen im allgemeinen hab' ich noch nicht gesehen.«

Zu diesem »Dienst am Volke« gehört für Dahn auch die Wahl eines gleichrassigen Ehepartners. Das erfahren wir in dem Abschnitt, in dem Merowech von der Bewährung seiner weltanschaulichen Einstellung im Leben berichtet. Er beginnt diese Betrachtung mit einer Grundsatzaussage: »Ich bin nicht euer Herakles: aber gleich ihm hab' ich in der Jugend schon zwei Schlangen gewürgt: den Aberglauben und die Todesfurcht.« Und sagt nicht: »Der hat jetzt gut reden. Trifft ihn der Augenblick des Schmerzes, der Gefahr, klammert er sich doch an irgendeinen Trost. Nein, meine Freunde. Ich sagte euch schon einmal: ich liebte ein herrliches Geschöpf. Das höchste Glück, das mir im Leben gewinkt hatte, ich schlug es aus, um der Pflicht, um meines Volkes willen. Es tat weh. Aber nicht einen Augenblick hab' ich geschwankt. Und als ich dort – bei Straßburg vom Rosse stürzte – die Wunde schmerzte sehr! – Ich dachte im nächsten Augenblick zu sterben: mein ganzes Leben zog da wie im Fluge noch einmal durch meine Gedanken: Da sagte ich mir: Und es war doch schön. Und es reut mich nicht. Und obwohl ich jetzt der Vernichtung anheimfalle, für ewig – ich sterbe für mein Volk, so sterb' ich gern. Ich bin so zufrieden mit meinem Lose, als glaubte ich daran, die Walküre trägt mich jetzt in Walhalls ewige Wonnen.« (S. 477)

Wenn Dahn hier den Fall des Verliebtseins in ein rassefremdes Mädchen schildert, das als »höchstes Glück« empfunden wird, und bemerkt, daß die Entsagung »weh tat«, dann spiegelt sich darin wohl sein eigenes Empfinden, aber auch seine hohe Lebenseinstellung wider. In ihm flossen ja, wie er selbst schreibt, 25 von Hundert französischen, also »welschen Blutes«, über dessen Auswirkung auf seine Lebensgestaltung er oft nachsann. Die erklären einmal, daß die Richtkraft des Erbgutes, das Minnebegeisterung auf den Gleichrassigen lenkt, nicht so kraftvoll ausgeprägt war. Auf der anderen Seite zeigt es aber auch Kraft und Willen, das für das Volk Ungünstige zu meiden, auch wenn es das Opfern persönlicher Wünsche erfordert. Bei Kraft zur Entsagung einer Liebesbeziehung um der Volkserhaltung willen und bei ruhigem Erwarten des für sicher gehaltenen Todes ohne Hoffnung auf ein irgendwie geartetes Weiterleben nach dem Tode kann man schon von einer Bewährung der weltanschaulichen Überzeugung sprechen.

An dieser Stelle sei noch berichtet, daß Merowech als reifer Mann doch noch ein spätes Eheglück mit der »goldlockigen Rigunthis« fand und beider Söhne und Nachkommen für mehr als zwei Jahrhunderte ein blühendes Frankenreich errichteten.

Den Gedanken, für sein Volk zu leben und zu sterben, drückt Dahn in dem tiefgründigen Vierzeiler aus:

»Deutsch sei dein Geist, dein Lied, dein Wort,
Dein Volk dein Stolz und höchster Hort.
Und deutsch, was droh'n und kommen mag,
Dein Herz bis zu dem letzten Schlag«

Wie ein über das Volk der »Menschheit zu dienen«, aussehen kann, das hat Mathilde Ludendorff u. B. in dem Aufsatz: »Was sagt unsere Weltanschauung zu ‚Pan-Europa‘« aus dem Jahre 1949 (s. Mensch und Maß, Folge 9, 32. Jahrg., vom 9.5.1992) aufgezeigt, nämlich unter Erhaltung der Eigenart Zusammenarbeit der Völker in wichtigen Lebensfragen, insbesondere in der Abwehr überstaatlicher Machenschaften, die darin bestehen, die Völker zunächst mit nationalistischen Parolen zu ihrer Schwächung gegeneinander zu hetzen und sie später, wenn die Völker nach gegenseitiger Zerfleischung abwehrärmer gemacht sind, als »Menschheitsbrei« versklaven zu können.

Doch nun zum Begriff oder Gedanken der »Notwendigkeit«, der bei Dahn immer wieder auftaucht, wenn es um die Frage nach dem Sinn des Menschenlebens geht. Auch dieser Begriff ist stark mit dem Gedanken »du mußt« behaftet. Dort, wo er die Forderungen des Sittengesetzes betrifft, ist ein Zwang ja auch gerechtfertigt, ja sogar zur Sicherung des Gemeinschaftslebens unerläßlich. Aber dieser Gedanke geht bei Dahn noch stärker als der »kategorische Imperativ« bei Kant, über die Forderungen des Sittengesetzes hinaus. Das Ahnen des Göttlichen, dessen Gesetzen sich der Mensch zu fügen habe, schwingt in diesen Gedanken zwar mit, aber es ist zu unklar, um alle Möglichkeiten des Menschseins voll zu erschließen. So liegt etwas heldenhaft Entsagendes in der Dahnschen Vorstellung von der Notwendigkeit, wobei der Wert der Einzelpersönlichkeit zu weit in den Hintergrund geschoben wird. Natürlich geschieht das bei Dahn nicht so kraß wie in dem Wort: »Du bist nichts, dein Volk ist alles«, das den Menschen zu einem Wesen wie in einem Ameisenstaat herabwürdigt. Es wird ja die Freude des Menschen an Handlungen für die Gemeinschaft und für Edles und Großes herausgestellt, die ein »Nichts« gar nicht erleben könnte. Das werden wir auch in einem Gedicht erkennen, in dem Merowech seine Suche nach Gott und dem Lebenssinn zusammengefaßt hat.

Zunächst wollen wir aber noch der Frage nachgehen, weshalb Dahn und z. B. auch Friedrich der Große die Aufgaben für die Gemeinschaft besonders betonen. Auch Friedrich der Große stellte nämlich fest: »Unser Leben führt uns mit raschem Schritt von der Geburt bis zum Tode. In dieser kurzen Zeitspanne ist es die Bestimmung des Menschen, für das Wohl der Gemeinschaft, deren Mitglied er ist, zu sorgen.« Das geschieht, weil bei den meisten Menschen die Ichsucht sehr vorherrschend ist und daher das sich Verantwortlichfühlen für das Allgemeinwohl als Tugend schlechthin erscheint. So wichtig letzteres auch ist, so darf sich das Leben eines Menschen nicht darin erschöpfen. Die Ichsucht wird auch in den meisten Religionen als das Hauptübel angesehen und es werden zu deren Überwindung »altruistische« Lehren aufgestellt, die ein an Selbstaufgabe grenzendes Hinopfern preisen. Aber durch Befolgung der Lehre wird die Ichsucht meist nur scheinbar überwunden, denn für einen Verzicht auf die Befriedigung eigener Lustwünsche im Erdenleben wird mehr Lust in einem Leben nach dem Tode verheißen. Ist eine Schwäche, hier die Ichsucht, in der Menschenseele aber nicht wirklich überwunden, sondern ist sie nur durch Verheißung einer anderen Lust, der »ewigen Seligkeit«, zum Verborgensein verurteilt, dann wird sie, wie Mathilde Ludendorff nachweist, in der Menschenseele im Verborgenen nur umso ärger toben und unter Selbsttäuschung auch Wege zu ihrer Befriedigung im Erdenleben finden. So wird die Ichsucht trotz verstandesmäßiger Anerkennung einer für das »Diesseits« Altruismus fordernden Lehre häufig Entscheidungen im Leben bestimmen.

Merowechs dichterisch zusammengefaßte Lebensweisheit lautet:

»Entsage ganz: so bist du frei von Schmerzen
Zerbrich der Selbstsucht schnöde Zwingherrschaft,
Begreife das Notwend'ge und sei frei.
Dem Gott, dem Ew'gen diene treu und stark.
Dem Ganzen opf're dich, dem du gehörst,
Das höchste Gut des Mannes ist sein Volk,
Ihm sollst du leben, sollst du sterben auch!
So wird der Friede zieh'n in deine Seele:
Wunschlos versöhn'st der Welt du dich und Gott,
Und lebst und stirbst, ein jeder Zoll ein Held.«

Aber das ist noch nicht die tiefste Einsicht in sein Gottahnen. Nachdem Merowech die Frage: »Diese bunten Spiele der Einbildungskraft,« (die religiösen Lehren) »sollen sie den quälenden Drang des Menschen nach dem Wissen, nach dem Begreifen von Gott und Welt genügen?« mit »Unmöglich!« beantwortet hat, fährt er fort: »Bei den Völkern und bei allen einzelnen von uns, die solcher Entfaltung fähig sind, wird die Religion so notwendig ersetzt oder doch ergänzt durch die Philosophie, wie auf die Blüte, wenn sie nicht verkümmert, die Frucht folgt. Aber neben dem Wissen bleibt die Ahnung, für jenen, ach nur allzu großen Rest des Göttlichen, den auch der Wissende nie, niemals erreichen wird. Und wehe dem, der solcher Ahnung spottet! Er ist seicht: und die ewigen Sterne finden nicht Tiefe genug in ihm, sich darin zu spiegeln.« (S. 473)

Wenn Dahn unter »Wissen« das Vernunfterkennen versteht, dann hat er recht, daß letzte Erkenntnis über das Wesen Gottes auf diesem Wege »nie, niemals« zu erreichen sein wird. Mathilde Ludendorff hat uns aber – wie bereits erwähnt – die Erkenntnis geschenkt, daß es neben der Vernunft noch ein zweites Erkenntnisorgan, das gotterfüllte Ich gibt, daß sich der Mensch also nicht mit einem unklaren Ahnen in Wesensfragen zu begnügen braucht. Diese Möglichkeit des Gotterkennens und Gotterlebens ist es ja, die dem Einzelmenschen unabhängig von seiner schon erwähnten Verantwortung für die Gemeinschaft einen so hohen Eigenwert geben kann. Sie gibt ihm diesen hohen Wert, wenn er nicht seicht dahinlebt, wenn »die ewigen Sterne« »Tiefe genug in ihm« finden, »sich darin zu spiegeln«.

Kosmische Verbundenheit spricht aus diesem Bild, die auch Mathilde Ludendorff auf ihrem Weg zur Gotterkenntnis begleitete. Felix Dahn hat sich besonders mit dem Bekenntnis des Merowech in dem Roman »Julian der Abtrünnige« in die Reihe tiefgründiger »Gottsucher« wie Lessing, Schiller und Storm eingereiht. Und so möchte ich mit der Schlußaussage von Merowechs Bekenntnis schließen: »Götterglauben ist kindlich. Gott leugnen ist Wahnsinn. Gott suchen ist alles«; eine Feststellung, die Wahnvorstellungen und die Gefahr der Entseelung beiseite räumte und den Weg zum Gotterkennen vorbereitete.