Von Dr. Gundolf Fuchs
Wenn man über das weltanschauliche Bekenntnis eines bedeutenden Schriftstellers und Rechtsgelehrten einen Vortrag hält, dann werden darin zwangsläufig viele philosophische Gedanken beleuchtet. Ein solcher Vortrag sollte aber so gestaltet sein, daß auch Menschen etwas davon haben, denen Philosophie nicht so liegt. Daher ist es ein Ziel dieses Vortrags, philosophische Gedanken in einer Form vorzutragen, die erkennen läßt, daß Philosophie keine »Geistesspielerei« zu sein braucht, sondern daß philosophische Überlegungen – so sie allein von Erkenntnisdrang und Wahrheitswillen geleitet sind – segensreich für die Lebensgestaltung des Einzelnen wie der Völker sind.
Felix Dahn hat in seinen vielen historischen Romanen die »Glaubensfrage« stark in den Vordergrund gestellt und die einzelnen religiösen Überzeugungen mit einem unbedingten Gerechtigkeitswillen geschildert. Er hat aber nicht nur geschildert, sondern er hat auch seine Urteile darüber gefällt, hat »gültige Aussagen« gemacht, die er, das kann man an der Art der Darstellung erkennen, auch gegen Anfeindungen verteidigt hätte. Ob er wegen seiner Stellungnahmen zu religiösen Fragen angegriffen wurde, ist mir nicht bekannt. Wo Dahn jedenfalls Halbheiten und Unmoral in einer Lehre fand, hat er das klar herausgestellt, aber er hat ebenso selbstverständlich immer anerkannt, wenn Vertreter einer Lehre den Willen zum Guten zeigten oder Wahnvorstellungen in anderen – vielleicht sogar insgesamt höherstehenden – Lehren erkannten und begründet ablehnten. Er unterschied derartige Ablehnungen genau von solchen aus Glaubenshaß, den er scharf verurteilte. Immer aber, wenn er Menschen schilderte, die zu höchstem »Geistesflug« ansetzten, sich um tiefste Einsichten in den Lebenssinn bemühten und ungelöste Rätselfragen umsannen, dann waren es Germanen, und zwar solche, die über den mythischen Asenglauben hinausgewachsen waren, ohne sich vom Christengotte einfangen zu lassen. Und das war kein Zufall, wie man einer Aussage in dem später ausführlich zu behandelnden weltanschaulichen Bekenntnis eines Germanen, Merowech-Serapio, entnehmen kann. Dieser Germane hatte die Gedankenströmungen in allen Teilen des römischen Weltreiches kennengelernt, sich aber von keiner Wahnlehre einfangen lassen. Er führte einem Römer gegenüber aus, daß die Römer und Hellenen nicht tiefgründig genug seien, um eine erhabene Lehre hervorzubringen, wie sie bei den Germanen im Reifen begriffen war. Wir kommen auf diese gerade bei der heutigen Sucht, Gerechtigkeit nur da sehen zu wollen, wo Gleichheit herrscht, noch zurück.
Immer aber klingt bei Dahn auch an, daß letzte Erkenntnis noch nicht gefunden wurde. Oft wird der Gedanke ausgesprochen, daß der Mensch nie zu letzter Erkenntnis kommen werde, er allerdings immer aufgefordert sei, sich um weitere Erkenntnis zu bemühen. Weil Dahn noch nicht klar war, daß der Mensch neben der Vernunft noch ein zweites Erkenntnisorgan, das Icherleben besitzt, wie das Mathilde Ludendorff aufgezeigt hat, kann man die Überzeugung, daß letzte Einsicht nie gefunden werde, auch als Ausdruck des Ahnens oder Wissens um die Grenzen der Vernunft werten. Wir werden später noch Überlegungen Dahns zu dieser Frage beleuchten, aus denen mit großer Wahrscheinlichkeit geschlossen werden kann, daß Dahn die Grenzen der Vernunft zumindest sicher ahnte.
Zunächst einmal aber noch ein Wort zu der Tatsache, daß Dahn immer Germanen zu letzter Weisheit vordringen läßt. »Kritische« Leser könnten befürchten, Dahn sei eben einer Vergottung, zumindest Überbewertung der eigenen Rasse, des eigenen Volkes erlegen. Das ist aber ein falscher Verdacht. Der Gegenbeweis wird allein schon dadurch geliefert, daß Dahn Fehler der Germanen schonungslos aufzeigt, ja auch darstellt, wie an sich edle Eigenschaften im Erbgut bei unwürdigem persönlichen Entscheide zu besonders unwürdigen Handlungen, ja häßlichem Verbrechen führen. Eine Klärung der Gedanken über unterschiedliche Eignung der einzelnen Rasse, zu Wesenserkenntnissen zu gelangen, ist aber so wichtig, daß wir hierzu eine Aussage Mathilde Ludendorffs weiteren Betrachtungen voranstellen wollen, in der es um die Beziehung zwischen Erbgut und Kultur in den beiden großen Rassegruppen geht. Es heißt in dem Werk »Das Gottlied der Völker«:
»,Schachtlehre bewirkt, daß der einzelne im Alltag fest verwurzelt im Erbgut steht und sich daher zäh in der Geschichte erhält. Kultur ist ihm eher Gefahr, dem Erbgut zu entgleiten. Seine Religion gibt ihm die Lehren als unantastbare Wahrheit, der er sich fügen möge, und sein Erbgut läßt ihn Scheu vor Gott und Gehorsam zu den Geboten, die man ihm gibt, als sinnvoll erleben. Fest verwoben bleibt der einzelne in einem solchen Volk mit seiner Volksreligion, so fest, daß ihn auch ein Hinlauschen, ja, ein Aufnehmen von Kulturgütern nicht entwurzeln kann. ,Lichtlehre im Erbgut aber schafft drohende Fährnis der Entwurzelung im Alltag; Kultur in all' ihren Gütern ist Halt und Hilfe in diesen Gefahren. Ein Wissen wohnt in den Seelen dieser so leicht im Alltag entwurzelten Rassen, daß sie die Wahrheit noch nicht erkannten. Und Forscherdrang führt solche Rassen näher und näher hin zur Erkenntnis. Mord an den Völkern solchen Blutes, so erkannten wir, wird alles Fremdwerk der ,Schachtlehren, und diese Gefahr gesellt sich noch zu den anderen, die diesem Blute drohen. Blühende Völker der ,Lichtlehren erlagen daher den Völkern, die gottfern genug waren, ihre ,Schachtlehren ihnen aufzuzwingen durch die Gewalt. Vorschrift auf dem Gebiete des Gotterlebens verschließt die Seelen dieser Freiheit fordernden Rassen und Völker leicht den Religionen und lockert auch da, wo sie Volksreligion sind, die Verwebung mit der einzelnen Seele. So öffnet sich früh der Weg für das Forschen nach Wahrheit. Mögen blühende Völker solcher Artung in Fülle der Vernichtung erliegen, die überlebenden schreiten hin zur Erkenntnis, der fernen, viele Jahrtausende lang von ihnen ersehnten!
Da nun die Gottwachen jener Völker der Schachtlehren, wie dies das Werk ,Selbstschöpfung schon zeigte, sich sehnend hingedrängt fühlen zu der Kultur der ,Lichtlehren und Weisheit aufnehmen können, ohne der Gefahr der Entwurzelung zu erliegen, so sehen wir all' diese Eigenart der beiden großen Gruppen der Rassen in ihrem letzten Geheimnis nun uns deutbar geworden. Hunderttausende von Jahren der Menschengeschichte lebten die Rassen in sinnvoller Eignung für jenen gesegneten Tag der Erkenntnis. Die einen sind wohlgeartet, um zur Gotterkenntnis einst hinzugelangen, die niemals mehr den Eigensang des eigenen oder der anderen Völker antasten will, die anderen sind sinnvoll geeignet, dereinst durch die Gottwachsten ihres Blutes das Geschenk der Gotterkenntnis der anderen zu empfangen, ohne dabei der Gefahr der Entwurzelung zu erliegen.« (S. 391)
Auch diese klaren Worte müssen tief umsonnen werden, damit auch der letzte Hauch des Verdachts rassistischer Überbewertung verfliegt, der durch den Gleichheitswahn genährt wird. Sind wir aber ganz in die Tiefe gedrungen, dann hat sich uns wieder einmal das Wunder enthüllt, wie trotz so stark unterschiedlicher Rasseeigenart über die Edelsten, die Seelenwachsten in den Völkern eine Befruchtung in Bezug auf das Gotterkennen möglich ist.
Ein Beispiel für den verhängnisvollen Einfluß falscher, meist von Neid diktierter philosophisch-ideologischer Vorstellungen ist der geistige Angriff auf das Erbrecht, den ein Mann mit dem vielsagenden Namen »Tugend« hat unter der Fahne der Gleichmacherei führt. Er hat z. B. gemäß einem Leserbrief eines Rechtsanwaltes in der FAZ vom 1.11.1995 »Nach dem Bodenreform-Urteil ist das Erbrecht gefährdet« »in seinem letzten Werk ,Vorlesungen über Ethik (Frankfurt 1993) dargestellt, wie er sich die ideale Gleichheit der Menschen vorstellt. Er fordert das Recht auf gleiche Ausgangsbedingungen, das er als ein durchsetzbares Menschenrecht apostrophiert. Dieses Menschenrecht könne aber nur dadurch Wirklichkeit werden, daß das Erbrecht abgeschafft werde.« Nun kann man natürlich meinen, mit solchen Ideen kommt ja keiner durch. Da ist es beachtenswert, daß, wie der Titel des o. g. Leserbriefes zeigt, ein Rechtswissenschaftler erkennt, welch gefährliche Ansätze zu solcher neuen Rechtsordnung bereits in dem umstrittenen von Nichtbetroffenen viel zu wenig beachteten Verfassungsgerichtsurteil über die Enteignungen in der damaligen sowjetischen Besatzungszone zwischen 1945 und 1949 stecken.
Neidregungen, die in jedem Menschen – in Abhängigkeit von der Veranlagung natürlich in unterschiedlicher Stärke – mit zunehmendem Vernunfterkennen zunächst wachsen und nur in freiem Entscheide überwunden werden können, verleiten den Menschen, auf Gleichheitsparolen zu lauschen, obwohl die Vernunft in der Lage wäre, zu erkennen, daß Gleichheit nur auf einer sehr niedrigen Stufe erreichbar ist. Es gibt nun einmal eine Reihe von Menschen, deren geistige Fähigkeiten auch bei ausdauernden Ausbildungsversuchen nicht dazu ausreichten, ein Auto zu entwerfen und einigermaßen kostengünstig herzustellen. Sie wollen aber gern Auto fahren. Gönnen sie aber den zur Herstellung Fähigen keinen angemessen höheren Verdienst, so wird deren Leistungswille im Regelfall bedeutend herabgesetzt und der von allen begrüßte Fortschritt in der Beweglichkeit würde wegfallen. Das ist natürlich nur ein Beispiel für die grundsätzliche Herabsetzung des Leistungswillens bei Gleichheitsforderungen. Die traurigen Wirtschaftsverhältnisse in den Staaten mit Gleichheitsideologie, in denen es trotzdem, und hier sogar meist unverdient (!) Bessergestellte gab, haben das Gleichmachungsbestreben doch auch klar als eine Wahnvorstellung erwiesen. Ganz schlimm ist, wenn der Gleichheitswahn sich dann auch noch an das Gerechtigkeitsgefühl der zu Überzeugenden wendet. Da wird dann das Feststellen von Unterschieden in der Veranlagung als Überheblichkeit des einen oder Miß- bis Verachtung des anderen bezeichnet. Und damit kann dem Feststellenden selbst schon leicht ein Schuldbewußtsein eingepflanzt werden, wenn er für seine richtige Anschauung keine feste philosophische Grundlage besitzt und erst recht ist ihm erschwert, anderen Verführten aufzuzeigen, welcher Fehlbeeinflussung sie erlegen sind. Das ist ein Beispiel für den »praktischen Nutzen« philosophischer Erkenntnis. Da wahre Philosophie aber wie die Dichtkunst eine »Himmelstochter« ist, wird ihr Segen nur dem zuteil, der sich aus Wahrheitsdrang zu ihr hingezogen fühlt und in ihr nicht nur ein nützliches Instrument sieht.
Nun zurück zu Felix Dahn.
Ganz besonders steht die Glaubensfrage in dem Roman »Julian der Abtrünnige« (»Apostata«) im Vordergrund. Zur Zeit des Titelhelden (um 350 n. d. Zeitrechnung) herrschten im Bereich des römischen Weltreiches eine Vielzahl von Religionen und Sekten. Von besonderer Bedeutung waren die beiden sich tödlich befeindenden christlichen Religionen, die Arianer und die Athanasianer, von denen die arianische im römischen Mutterland herrschte. Weiterhin gab es die heidnisch-nordische Götterwelt, vertreten durch Rom dienende Germanen, und die in vielerlei Kulte aufgespaltene heidnisch-griechische Götterwelt, zu der insbesondere ein »Helios-Glaube« zählt und schließlich auch noch ägyptische Mysterien. Die grauenvollen Auswirkungen christlichen Glaubenshasses und Alleinvertretungsanspruches hatte Julian in Gestalt der Vertreter beider christlichen Richtungen am eigenen Leibe zu spüren bekommen, sowohl durch den weltlichen Herrscher, der mit der Lehre hauptsächlich seine eigene Machtgier befriedigen wollte, als auch durch den zunächst verehrten »Heiligen Vater«, dessen salbungsvolles Geschwätz sich sehr schnell in haßerfüllte Scheltworte umwandelte, wenn ein »Untertan« über unmoralische Ansinnen des »Stellvertreters Gottes« Erschütterung zeigte oder gar Einspruch dagegen erhob. Die Verlogenheit und Verkommenheit der Priesterwelt erlebt der junge Klosterzögling Julian, weil ein ihm vorgesetzter »Verräterpriester« ihn zu den geheimen Orten des Lotterlebens oder des Ränkeschmiedens der »christlichen Obrigkeit« führt. Dieser vorgesetzte Priester ist in Wirklichkeit Anhänger eines verbotenen »Helios-Glaubens« und will den begabten, bisher treu christgläubigen Julian als Jünger gewinnen.
Dieser Priester, Lysias, der aus Ägypten stammt, ist aber von gleicher Unduldsamkeit wie die von ihm gehaßten Christenpriester und er erweist sich später auch sonst noch als von niederer Moral. Doch diese Unduldsamkeit bleibt Julian so lange verborgen, wie beide unter dem christlichen Joche stehen, denn die Einwände und Abwehrmaßnahmen gegen eine herrschende seelenversklavende Religion können ja zum überwiegenden Anteil anerkannt werden, auch wenn sie für einen Fanatiker einer anderen Lehre hauptsächlich getätigt werden, um selbst die Macht zu erringen. In schwerem Ringen löst sich Julian zunächst von den christlichen Kindheitssuggestionen, wächst aber später auch über die starre, ebenfalls von Fanatismus durchsetzte Lehre seines »Befreiers vom Christentum« hinaus. Er bleibt allerdings weniger plumpen, aber nichtsdestoweniger wahnhaften Hoffnungen auf »persönliches Geleitetwerden« durch den Gott Helios verhaftet. Ein Grund hierfür ist seine Eitelkeit, die ihn bei allem Tun und Lassen auf irdischen und überirdischen Beifall schauen läßt So glaubt er auch gern, von einem Gotte, hier also Helios, zu besonderen Taten ausersehen zu sein. Er haßt diese Schwäche zwar selbst und möchte sie überwinden, – das zeigt sich bei häufigem Selbsterkennen und in der Art, wie er Vorhaltungen ihm gutgesinnter Freunde aufnimmt, aber er kann diese Schwäche nicht ganz überwinden.
König Konstantius, ein Mann ohne große Fähigkeiten mit umso größerer Angst, wegen Unfähigkeit vom Thron gestoßen zu werden, hatte nach seiner Thronbesteigung unter seinen Verwandten ein Blutbad angerichtet, um mögliche Gegenkönige zu beseitigen. Julians Vater, er war Konstantius Onkel, Julian also sein Vetter, war unter den Opfern. Die Mutter, Julian mit Bruder Gallus und Schwester Juliana konnten in Sicherheit gebracht werden, bis das unmittelbare Morden zu Ende war, wurden aber danach durch Konstantius unter scharfe Bewachung gestellt, waren also praktisch seine Gefangenen. Als Konstantius einen Feldherrn zur Wiedergewinnung Galliens und der Nordprovinzen, in denen Germanenstämme gegen das römische Joch aufgestanden waren, benötigte, fiel seine Wahl aus merkwürdigen Gründen auf Julian. Konstantius hatte Angst vor einem zu mächtigen Feldherrn, der nach einem Siege an der Spitze des erfolgreichen Heeres ihm die Imperatorwürde streitig machen könnte. Seinen Vetter Julian hielt er einmal nicht für einen so glänzenden Feldherrn, für den seine Truppen durchs Feuer gehen, ihm also auch als Empörer noch folgen würden. Zum zweiten hielt er ihn auch nicht für so »empörungswillig«, und zum dritten meinte er, Julian fest in der Hand zu haben, weil dessen Mutter praktisch seine Geisel war. Konstantius drohte dann auch für den Fall der Untreue Julians mit der Blendung von Julians Mutter. Bei dem Gespräch mit Konstantius über die Betrauung mit der Feldherrnschaft kommt für den inzwischen zum Nichtchristen gewordenen Julian noch einmal eine schwere Lage, in der er sich verstellen muß. Es war im damaligen Rom üblich, beim Christengott Treue zu geloben. Im Laufe des Gespräches entfährt Julian bei einer feierlichen Beteuerung der Ausruf »Beim Helios«. Konstantius horcht auf und merkt, daß Julian sich zumindest auch noch den verbotenen Göttern verbunden fühlt, also kein echter Christ sein kann. Konstantius warnt ihn dringend vor solchen ketzerischen Äußerungen. Die Warnung erfolgt nicht, weil Konstantius ein so gläubiger, fanatischer Christ ist, den eine andere religiöse Anschauung sehr unangenehm berührt. Nach außen hin muß er jedoch so tun, und muß streng über die christliche Gesinnung besonders seiner führenden Untertanen wachen. Würde beim Volk nämlich der Verdacht erweckt, daß er es mit der Religion nicht so fanatisch ernstnehme, wie die Priester lehren, wäre seine Machtstellung gefährdet. Julian persönlich gegenüber glaubt er noch genügend andere Druckmittel als die Bindung durch einen christlichen Eid zu besitzen, u. a. Julians Mutter. Schließlich gibt es auch noch ein Horoskop, das Konstantius bestimmt, Julian als Caesar, wie die Oberfeldherren damals bezeichnet wurden, auszuwählen. Es lautet, Julian wird als Caesar nicht aus Gallien zurückkehren. Konstantius legt diese Weissagung als Vorhersage des nahen Todes Julians aus, was der Julian zugetane Sterndeuter auch bezweckte. An die Möglichkeit, daß Julian nach dem Spruch auch als Imperator zurückkehren könne, dachte Konstantius nicht.
Trotz der erwähnten Eitelkeit denkt Julian nicht im Traum an Empörung gegen den Imperator, sondern nur an die vermeintlichen Rechte Roms, die Dinge in aller Welt zu Roms Vorteil regeln zu dürfen. Deshalb nimmt er den Auftrag begeistert an, und freut sich auf die »Züchtigung« aller Widerstrebenden. Die Ehre als »Caesar« genügt ihm vollauf. Als Julian dann hauptsächlich wegen der Fahrlässigkeit der Germanen glänzende Siege erringt, bangt Konstantius trotz Treueides und Geiselstellung der Mutter bei einem endgültigen Siege Julians in Gallien um seinen Thron. Daher beruft er ihn mit dem Hauptteil des Heeres aus Gallien ab, weil die Truppen angeblich für einen Kampf im Nahen Osten dringend gebraucht würden. Einige Zeit vor diesem aus Angst geborenen Befehl hatten sich die hauptsächlich germanischen Hilfstruppen der Römer von Konstantius zusagen lassen, daß sie nicht außerhalb Galliens eingesetzt würden. Die Zusage wurde gegeben, aber die Unterführer mißtrauten dieser einfachen Zusage des Imperators und wollten sich besser absichern. Sie forderten Julian auf, die Zusage des Imperators durch einen Eid seinerseits an die Truppen zu bekräftigen, um Zweifel an den Ernst der Zusage zu beseitigen. Im Vertrauen auf das Imperatorwort und nicht ahnend, daß Konstantius aus ganz unbegründeter Furcht vor seinem Caesar seine Zusage brechen und einen für die römische Sache so unheilvollen Entschluß fällen werde, hatte Julian seinen Truppen den gewünschten Eid geschworen. Durch den Bruch der Zusage durch Konstantius stand Julian nun zwischen zwei Feuern, d. h. zwischen seinem Treueid gegenüber dem Imperator und dem an seine Truppen.
In dieser ausweglosen Lage wollte sich Julian zunächst von seinen aufgebrachten Truppen erschlagen lassen, wozu es auch fast gekommen wäre, als er den Befehl des Imperators verkündete, denn er wollte sein Leben lieber beenden lassen, als vor der Weltgeschichte als Empörer und damit als Eidbrüchiger dazustehen. Im Heere waren die Stimmen, die Julian an seine hohe Verantwortung für das Römerreich mahnten, das durch den unsinnigen Befehl des Konstantius stark gefährdet war, aber stärker und eindringlicher als die Stimmen, die Rache für Eidbruch den Truppen gegenüber forderten. Die Überzeugung, daß nur er, Julian, das Römerreich in dieser Lage durch Annahme des Imperatortitels retten könne, gab bei ihm den Ausschlag, den erstgenannten Stimmen zu folgen. Die Überzeugung war durchaus richtig, nur hatte die Eitelkeit nicht unerheblichen Anteil an seinem Entschluß, denn es schmeichelte ihm, daß, wie er meinte, sein Gott Helios ihn zu einem so großen Werke ausersehen habe. Das wird bei einem späteren Streitgespräch mit dem christlichen Eiferer Athanasius erkennbar, der ihm den Treubruch vorwirft. Nach christlicher Auffassung hätte Athanasius einen Eidbruch aus Todesangst noch für verzeihlich gehalten, obwohl er selbst, wie viele fanatisierte Christen, für seinen Glauben eher den Foltertod erlitten hätte, als abzuschwören. Aber er verdammt Julians Entschluß zum Treubruch aus Eitelkeit bzw. aus Sendungsbewußtsein scharf. Und da diese bei Julian am Entschluß mitbeteiligt waren, trifft ihn die ansonsten unberechtigte Anklage schwer.
Mit seinem Entschluß beabsichtigte Julian nicht nur, die weltliche Macht Roms zu festigen, sondern auch den christlichen Glaubenszwang zu beseitigen und die alten Griechen-Götter wieder in ihre »Rechte« einzusetzen. Die bisherige Staatsreligion, die arianische Richtung des Christentums, sollte zu einer nur noch geduldeten Religionsgemeinschaft herabgestuft, der »heidnisch-griechischen« sollte dagegen wieder der erste Rang eingeräumt werden. An »Strafe« sollte den bisher herrschenden Christen nur eine Wiedergutmachung für die Beraubung und Zerstörung der griechischen Göttertempel auferlegt werden. Die Rachsucht der bisher verfolgten Priester der Griechen-Götter verhinderte aber den gutgemeinten, auf Verständigung hinzielenden Plan Julians, denn deren »Kühlen der Rachsucht« schuf bei den entmachteten Christen berechtigten Unwillen und gab »Märtyrerkraft«. Die christlichen Priester hetzten ihre Gläubigen aber auch ohne Unrechtshandlungen von Regierungsseite gegen den Herrscher zu geradezu selbstmörderischem Widerstand, ja sogar zu Untaten auf, nur weil der Herrscher ein »Ungläubiger« war. Das forderte natürlich Abwehrmaßnahmen des Herrschers heraus, die die Feindstellung der Christen gegen diesen nur verstärkten, also eine Art Teufelskreis in Gang setzten.
Das waren zwei Gründe, weshalb die von Julian erstrebten Änderungen nicht von langer Dauer sein konnten. Daneben scheiterte Julians Werk auch daran, daß seine Gedanken für das Volk viel zu hoch waren. Obwohl auch Julian – wie erwähnt – noch dem Glauben an eine in die Geschicke der Menschen eingreifende Gottesperson verhaftet war, befriedigte seine Lehre nicht den »Bedarf« der Massen, sich auch bei kleinem Kummer an ein helfendes Wesen »wenden« zu können. Auf diesen Gedanken kommen wir später noch zurück. Schließlich schleicht sich bei einer Schicksalsgläubigkeit Zweifel an der Richtigkeit des eigenen Vorhabens ein, wenn ein Mißerfolg nach dem anderen eintritt. Dann lähmt der Gedanke, daß der vorgestellte Gott seine schützende Hand abziehe, und man daher zum Scheitern verurteilt sei, die Abwehrkraft. Bei Julian führt das zuletzt dazu, daß er bei Eintritt in seine letzte Schlacht alle Abwehrteile der Rüstung ablegt, um zu erkunden, ob sein Gott Helios ihn wirklich auserwählt habe und schütze, oder ob er seiner nicht mehr bedürfe und er falle. Dieses Handeln ist zwar auf eine Wahnvorstellung begründet, aber es entbehrt nicht einer gewissen Größe und Bescheidenheit im Denken. Wenn die Hilfe Gottes ausbleibt, so will Julian daraus nicht einfach den Schluß ziehen, daß es den Gott nicht gäbe, oder daß dieser nicht mächtig genug sei, ihn zu schützen, sondern er sucht den Grund bescheiden bei sich, daß er eben nicht für das große Werk berufen sei.
So war Julians Streben, das Volk von christlicher Entmündigung zu befreien, trotz ehrlichen Wollens und Mühens doch zum Scheitern verurteilt.
Das war eine kurze Einführung in die geistig-seelische Lage im römischen Reich zur Zeit Julians.
Nach der letzten Schlacht in Gallien findet Julian den klügsten, beherrschtesten, fähigsten und weitschauendsten Führer der Germanen schwerwund auf dem Schlachtfeld liegen und hört den dem Tode Nahen, den Namen Helios aussprechen. Dieser Germane, es war der eingangs bereits erwähnte Merowech-Serapio, war mit kaum 15 Jahren, also sehr jung in das Römerreich gekommen und hatte dort Gelegenheit gehabt, 15 Jahre in allen Teilen des Weltreiches Religionen und Philosophien zu studieren. Er hatte sich aber durch keine betören lassen, hatte in jeder Aberglauben, oder Halbheiten, ja sogar Unmoral oder alles zusammen entdeckt. Er blieb seiner Art treu, kehrte in seine Heimat zurück und nahm an dem Befreiungsversuch der germanischen Stämme gegen das Römerjoch teil. Julian ließ diesen Germanen gesundpflegen, ja er kümmerte sich selbst um seine Genesung, weil er so erfreut war, den Namen seines Gottes Helios aus des Germanen Munde zu vernehmen. Nach der Genesung schließen die beiden einen Bund, daß Merowech so lange Julians treuer Gefolgsmann sein werde, wie dieser lebe. Nach Julians Tode, wenn Merowech ihn überlebe, dürfe er nach Germanien zurückkehren und erneut versuchen, das Römerjoch abzuschütteln. Während ihres Zusammenseins, meist auf Feldzügen, führen die beiden, durchaus in gegenseitiger Achtung, ein zähes geistig-seelisches Ringen um weltanschauliche Einzelfragen, wobei der verschlossene Germane immer wieder durch eine Unabhängigkeit von persönlichen Wünschen auffällt. Er kommt Julian und besonders dessen biederem, weder philosophisch geschulten noch erkenntnisbegierigen Stellvertreter, Jovianus, dabei oft unheimlich vor. Endlich kommt dann eine Stunde, in der Julian und Merowech in Anwesenheit von Jovianus ihre weltanschaulichen Gedanken als religiös-philosophisches Gesamtweltbild vortragen. Julian hat sich folgendes geistreich, aber nicht überzeugend zu nennendes Weltbild aufgebaut:
»Schön gegliedert senkt sich das Göttliche von seiner höchsten Sphäre herab bis zu der Körperwelt, die uns umgibt. Das oberste ( – erstens! – ) ist die Idee, die Eine, Ewige. Aus ihr entströmt ( – zweitens! ) – eine ganze Welt von Ideen: – jene Ideen, die Plato gelehrt. Hier walten die Götter des Geistes, unkörperlich, unveränderlich, unsichtbar. Diese senkt sich herab ( – drittens! ) – in die Welt des Sichtbaren, beherrscht von sichtbaren Göttern, das heißt von den Sternen und von den unzählbaren Göttern, Halbgöttern, Nymphen, Satyrn der Völker. Diese sichtbaren Götter haben die Welt wie sie ist, geschaffen, indem sie die Ideen ( – oben Nummer zwei! – las er ab) dem Weltstoff, der Materie einprägten. Die uns umgebende Körperwelt ist das vergängliche Nachbild des unvergänglichen Nachbildes der Ideen. Beide Welten aber ( – ,Nummer zwei und drei – ) zusammen sind Ein beseeltes Wesen voll Seele und Bewußtsein. Beide beherrscht als Haupt und Leiter Gott Helios, der unbesiegte, der in der Sonne sein leuchtend Abbild hat. Er vermittelt beide Welten. Aber er ist selbst ein doppelter.
Als der g r o ß e Gott Helios ist er ( – erstens – ) der oberste der Götter, er hat die Herrlichkeit des nur Guten: er teilt durch seine ewige Tochter Pallas Athene, Pronoia, die Vordenkende, allen Einzelgöttern ihre Kräfte zu: Zeus die Kraft, Äskulap die Heilkunst, Apollo die Schönheit. Zugleich aber ist der große allgemeine Helios ( – zweitens! – ) auch der Einzelgott Helios am sichtbaren Himmel, sein eigenes Abbild! Sein Licht verleiht die Gabe, zu sehen und gesehen zu werden. Er erhält das Leben des Alls durch den Wechsel von Tag und Nacht und den ganzen Kosmos durch den von ihm geordneten Kreislauf der Planeten um ihn selbst als ihren König. So geht alles Gute, unmittelbar oder mittelbar, von ihm aus. Deshalb, weil stets das Gute das Schlechte überwindet, ist er der Unbesiegte ,Unbesiegbare. Der Mensch jedoch soll stets durch die Einzelgötter hindurch dem obersten, ihm in Gedanken erreichbaren Gott Helios dienen: er soll sich durchläutern, durchsonnen, dem Sonnengott selber ähnlich werden!« (S. 463)
Die Gedankenwelt Julians enthält gewiß einige richtige Ansätze. Besonders die Ahnung, daß der Mensch aufgerufen ist, sich »durchzuläutern«, also durch Überwindung menschlicher Unvollkommenheit, Gott ähnlicher zu werden. Sie enthält aber auch den Wahn, den Schiller in seinem Gedicht »Worte des Wahns« bereits zerstört, daß es eine goldene Zeit geben werde, »wo das Rechte, das Gute wird siegen« Schiller erkannte, daß für das Gute und Wahre immer gerungen werden müsse. Zu der Erkenntnis, daß das Gute durchaus nicht immer siegt, war auch Teja, der weiseste Gotenführer in dem Roman »Ein Kampf um Rom« bereits gekommen. Vor der letzten Schlacht der Goten gegen die byzanthinische Übermacht spricht er mit dem jungen Edling Adalgoth über Schicksal und Schicksalsgestaltung. Totila hatte ein »Gottesurteil« herausgefordert, und zwar sollte der Ausgang einer Schlacht, die Behauptung beweisen oder widerlegen: »Es lebt ein Gott, drum siegt die gute Sache.« Nach dem Verlust der Schlacht, in der Totila fällt, stellt Teja fest: »Kein Gott im Himmel hat, wie jener Edle wähnte, in gerechter Waage unser Schicksal gewogen.« Im Gegenteil, die Schlacht ging durch gemeinen Verrat eines angeblichen Freundes verloren. Auch Merowech widerlegt in seinem später näher zu behandelnden Bekenntnis dieses Wunschdenken, das sich in Religionslehren oft in Gestalt des Glaubens an einen »Schutzengel« niederschlägt, der den Guten und Reinen vor Unheil bewahrt. Da diese falschen Aussagen von Religionen in den Bereich des vernunftmäßig Nachprüfbaren fallen, ist die Vernunft auch berechtigt, sie zu widerlegen. Merowech stellt bei seiner Widerlegung einleitend einen hohen Maßstab auf: »Nicht das Erwünschte, das W a h r e gilt es zu suchen. Und, ist es denn wahr, daß auf Erden stets das Gute siegt? Hat Gott nicht zugelassen, daß euer Römervolk etwa ein Jahrtausend lang alle anderen Völker mit jedem Mittel der Gewalt und List geknechtet hat? Was hatte dein Vater verbrochen, Julian, was die andern Opfer jener blutigen Mainacht? Gestern trug man zu deinem Oribasius ein reizendes Kind, das unter den furchtbarsten Qualen im Sterben lag: eine Schlange hatte es gebissen, da es für die Mutter Blumen pflückte. Wo blieb da der Schutzengel, der ungesehen kein Haar von unserem Haupte fallen läßt. Heute ward ein armes Geschöpf von 16 Jahren vor deinen Richter gestellt. Wegen Kindsmords. Das unschuldige Mädchen war, da es im Walde Reisig sammelte, von einem Räuber vergewaltigt worden. Und die Engel ließen es zu! Ja, sie ließen sogar das Gräßliche zu, daß sie von dem verabscheuten Unhold ein Kind empfangen und in Schmerzen gebären mußte, ganz ebenso wie ein Eheweib von dem geliebten Gemahl. In Verzweiflung darüber hat sie das Neugeborene erwürgt. Wohl hast du sie begnadigt: aber Gott hatte keine Gnade für sie gehabt. Sie hat doch das Scheußlichste erdulden und neun Monate fort schleppen müssen. Und unversehrt lebt der Schurke und freut sich der geraubten Lust. Wo ist da die gerecht waltende Vorsehung?« Auf seinen einleitenden Gedanken zurückkommend fügt er noch an: »Wollen wir die Wahrheit nicht sehen? Dann laßt uns doch das Denken aufgeben.« (S.475)
Schonungslos wird hier mit einer Wahnvorstellung aufgeräumt. Auch das wohlweisliche Verlegen der »ausgleichenden Gerechtigkeit in das Jenseits« kann die Wahnvorstellung nicht retten, denn wozu dann im Diesseits überhaupt ein Schutzengel, wenn im »Jenseits« alles ausgeglichen wird?
(wird fortgesetzt)