(Fortsetzung und Schluß)
Von Uta Göllner
Zunächst dazu, in welche Lage hinein Kritik am Christentum heute fällt: In den letzten Jahrzehnten steigt bekanntlich – zumal in Deutschland – der Anteil der Konfessionslosen an der Bevölkerung in aufsehenerregendem Maße, dies vor allem unter der männlichen Bevölkerung, unter den Jüngeren, den Gebildeteren und unter den in großstädtischen Verhältnissen Lebenden. Man spricht zuweilen von einer Säkularisierung (Verweltlichung) der Kernländer der abendländischen Christenheit. Recht eigentlich handelt es sich um einen dramatischen Abbruch religiöser Traditionen:
Zwischen 1970 und 1987 stieg der Anteil der Konfessionslosen in Deutschland sprunghaft von 3,9% auf 10% der Bevölkerung. In Großstädten wie West-Berlin und Hamburg waren es gar 29% und 34%. Schließlich kam es insbesondere in den Jahren nach der Wiedervereinigung der beiden deutschen Teilstaaten zu einer regelrechten Kirchenaustrittswelle in Ost und in West. In den neuen Bundesländern bilden die Konfessionsfreien heute einen Anteil von rund 70%, die Protestanten befinden sich hier mit knapp 25%, die Katholiken mit 5% in der Diaspora. Dies kann nicht allein auf die historischen Vorbedingungen des materialistischen Systems der DDR zurückgeführt werden. Auch für den Westen Deutschlands stellen Soziologen eine »spontane Erosion christlicher Traditionen« fest. Hier sind zwar nur insgesamt 20% Konfessionslose gemeldet, jedoch ist auf Dauer hier wohl ein ähnliches »Kippen« der religiösen Statistik zu erwarten ist, wie im Ostteil der Bundesrepublik.1) 53% der Deutschen glauben nicht an ein Leben nach dem Tod, in den neuen Bundesländern sogar 76%.2) Laut »aktuelle Jugendstudien« ist die christliche Weltanschauung unter den jungen Deutschen nur noch gering verbreitet. Nur noch 9,5% der heutigen Jugend glaubt an einen christlichen Gott.3) In diese Lage hinein geschieht nun das zu Erwartende. Betrachten wir die zeitgenössische Kritik am Christentums im einzelnen:
Da wird zunächst einmal aufgeräumt mit den vernunftwidrigen sog. »Glaubenswahrheiten«, den unhaltbaren Dogmen des Apostolischen Bekenntnisses. Allerdings: Viele christliche Dogmen wurden ohnehin bereits klammheimlich aufgegeben: weder Kirchgänger noch Theologen streiten heute noch darüber, ob Jesus von einer Jungfrau geboren wurde, ob er Tote auferwecken und über Wasser wandern konnte, und selbst seine Himmelfahrt verteidigt kaum noch jemand – außer dem Papst. Blieb allein die Auferstehung. Obwohl auch an diese in Deutschland nur noch jeder Dritte glaubte, unter den Jüngeren gar nur jeder Fünfte – die Auferstehung sollte und mußte noch mühsam aber immerhin all das leisten, was früher die Evangelien insgesamt gaben: den Grund für den christlichen Glauben! Und nun ein Skandal:
Gerd Lüdemann, anerkannter Professor für evangelische Theologie (Kirchenhistoriker) in Göttingen, schreibt 1994 nach eigener Aussage »rücksichtslos ehrlich, keinem Zweifel ausbiegend, keine Lücke der Überlieferung oder des eigenen Wissens übertünchend« ein fachgelehrtes Buch, 222 Textseiten gestützt auf 713 Fußnoten, über »Die Auferstehung Jesu«. Und er kommt im Ergebnis zu einer sensationellen Erkenntnis für die Menschheit: Jesus starb, war mausetot und blieb es bis heute! Das Grab war voll! Jesus ist nicht aus seinem Grab gestiegen und gen Himmel gefahren! Sein Leichnam ist verwest! Die Auferstehung Jesu hat nicht stattgefunden! Und Lüdemann zog aus seiner wissenschaftlichen Arbeit auch die gnadenlose Konsequenz: Ostern fällt aus! – Wie sensationell diese Nachricht für Christen ist, begreift man erst, wenn man auch weiß, daß unter diesen Umständen nach der Bibel selbst der ganze christliche Glaube haltlos, die gesamte Verkündigung der Apostel – nämlich die Erlösung von Tod und Sünden – hinfällig ist, deutlichst von Paulus im ersten Brief an die Korinther (15, 12ff.) ausgesprochen: »Ist aber Christus nicht auferweckt worden, dann ist unsere Verkündigung leer und euer Glaube sinnlos. Wir werden dann auch als falsche Zeugen Gottes entlarvt dann ist euer Glaube nutzlos, und ihr seid noch immer in euren Sünden [dann] sind wir [Christen] erbärmlicher daran, als alle anderen Menschen.«
Hier konnte die Kirche wirklich kein Pardon mehr gewähren. Lüdemann erfuhr, was es heißt, in der Wahrheitsliebe innerhalb der Institution Kirche einen Schritt zu weit zu gehen. Vor allem, da er sich weigerte, seine Kirchenmitgliedschaft zu kündigen und somit darauf bestehen konnte, seinen theologischen Lehrstuhl an der Göttinger Universität weiterhin zu behalten. Mit dieser bodenlos-genialen Frechheit brachte Lüdemann so manchen Kirchenoberen zur Weißglut. Der damalige Hannoversche Bischof Hirschler sagte öffentlich über Lüdemann: »Dieser Mann will geschlagen werden.« Er warf ihm wissenschaftliche Inkompetenz vor, verweigerte sich jedoch ebenso wie andere einem theologischen Streitgespräch. Das niedersächsische Wissenschaftsministerium geriet gegenüber der Landeskirche in eine peinliche Lage, da Lüdemann auch von dort der freundlich-nachdrücklichen Aufforderung, doch in ein anderes »wesensverwandtes« Fach zu wechseln, nicht nachkam. Daraufhin machte man Lüdemann durch Aberkennung der Prüfungsberechtigung und drastische Mittelkürzungen die akademische Arbeit schwer. – Lüdemann veröffentlichte 1998 gleich mehrere neue Bücher. »Der große Betrug« legte dar, wie die historische Figur Jesu aus machtpolitischen Interessen heraus verfälscht wurde. Jesus war nicht einmal der Sohn Gottes, das Christentum ist im Ganzen ein Sammelsurium von Lügen, ein einziger »großer Betrug«. Und Lüdemann zog eine weitere Konsequenz: »Ich bezeichne mich nicht mehr als Christ. Denn: Wenn ich mich nicht mehr als Christ bezeichne kann man mich auch nicht einen Irrlehrer nennen.« Er prangerte von nun an die Scheinheiligkeit und Schizophrenie der Kirche an, das Totschweigen der historisch-kritischen Bibelforschung und das Belassen des Kirchenvolkes im Irrglauben. Das Verbleiben am Lehrstuhl rechtfertigte Lüdemann in dem Buch »Im Würgegriff der Kirche. Für die Freiheit der theologischen Wissenschaft.« Er gehe davon aus, daß es für die Studierenden nur von Vorteil sein könne, rechtzeitig eine Neuorientierung über den Inhalt des christlichen Glaubens vorzunehmen. Und: »Solange Theologie an der Universität bleibt, hat sie gefälligst zu forschen und zu informieren, nicht zu offenbaren und zu predigen, zur Mündigkeit in Sachen Religion zu erziehen und nicht zu Hörigkeit gegenüber einem alten Aberglauben zu verleiten, so modern der sich auch geben mag.«4) – Es ist schwer auszumachen, was Lüdemann aus seinen Erkenntnissen für Konsequenzen zieht. Eigentlich hat er selbst den christlichen Glauben ausgehöhlt, prangert sogar in seinem Buch »Das Unheilige in der Heiligen Schrift« (1998) die grausamen und anstößigen Moralvorstellungen der Bibel an, wendet sich gegen Verharmlosungs- und Ablenkungsversuche. Was setzt er anstelle seines bisherigen Glaubens? Lüdemann befreit die Christenlehre mit einigem Kampfgeist von ihrem Vernunftwidersinn und ihrer Unmoral, will aber zugleich das biblische Erbe gewahrt wissen und fordert eine Rückbesinnung auf Jesus, der ihm immer noch Maßstab jeglichen Gottesgedankens bleibt. Atheisten werfen Lüdemann Inkonsequenz, Denkblockaden und intellektuelle Kunstgriffe vor.5) Doch muß man Lüdemann zugute halten, daß ihn der Atheismus nach eigener Aussage nicht befriedigt, daß er am Transzendenten festhalten möchte, anerkennenswerterweise innerhalb der Grenzen der Vernunfterkenntnis. Daß er in seiner so aufgeklärten christlichen Religion keine Antworten auf letzte Sinnfragen findet, gibt Lüdemann immerhin zu und auch, daß er diese Antworten sucht und vermißt. Offenbar verspricht er sich diese von der von ihm nun angestrebten Schaffung unabhängiger religiöser Forschungsinstitute, die sich kritisch mit allen bestehenden Religionen befassen sollen. Er stellt sich nun, dem Existenzphilosophen Bertrand Russell folgend, die Frage: Wie ist denn der Seele »auf dem festen Grund unerbittlicher Hoffnungslosigkeit« eine sichere Wohnstatt zu bereiten? Dazu Lüdemann: »Um die Schwellenerfahrungen des Lebens wie Geburt und Tod zu überwinden brauchen wir Religion. Denn der Atheismus ist mir viel zu oberflächlich.«»Ob wir ein seines himmlischen Zieles beraubtes Leben ohne Unsterblichkeitsmythen aushalten können, wird zur Schicksalsfrage werden, die das nächste Jahrtausend der Menschheit bestimmt.«6) – Ob Lüdemann über die Gotterkenntnis Mathilde Ludendorffs wohl freudig überrascht wäre? Er erwähnt mit keinem (mir bekannten) Wort, die Bedeutung des Glaubens für das Volksleben oder wenigstens für unsere Gesellschaft als Gemeinschaft, für Recht, Wirtschaft, Kultur und Politik. Immer wieder müssen wir feststellen: Es fehlt an Gemütsbewegung, es ist die verschüttete Volksseele, die den Zugang zu diesen wesentlichen Fragen versperrt und somit auch ihre Beantwortung nicht zuläßt. Lüdemann zieht sich zurück in eine Kontemplation, deren Inhalt sein Geheimnis bleibt. (Soweit mir aus dem Internet erschließbar:) Er hat sich neuerdings der Gnosis zugewendet und verkehrt in entsprechenden gnostischen Gesellschaften. Wir werden gewiß noch von ihm hören.
Ein besonderer Fall ist der Religionswissenschaftler, Philosoph und katholische Theologe Hubertus Mynarek, der im November 1972 als erster deutschsprachiger Theologieprofessor überhaupt aus der Kirche austrat. Mit einem »Offenen Brief« an den Papst (Anrede: »Herr Papst«) forderte er die Aufhebung des Zölibats und die Demokratisierung der Kirche. Entsprechend wurde ihm die kirchliche Lehrbefugnis an der Universität Wien entzogen, Mynarek mit 43 Jahren pensioniert. – Mynareks Kritik am Christentum ergeht sich vor allem im Anprangern der politisch-kirchlichen Machtverhältnisse, so in seinem Buch »Herren und Knechte der Kirche« (1973), und in »Die neue Inquisition. Sektenjagd in Deutschland.« (1999), in welchem er die verschleierten Methoden der modernen Inquisitoren, der Sektenbeauftragten von Kirchen und Staat, und die geschürte Sektenphobie und -hysterie kritisiert. Besonders gern widmet sich Mynarek auch der Thematik sexueller Entgleisungen innerhalb des Christentums, sei es in seinem Buch »Eros und Klerus« (1999), oder in »Jesus und die Frauen. Das Liebesleben des Nazareners« (1999). Auch die Vernunftwidrigkeit, der Irrationalismus der Christenlehre sowie die »tragisch-komische Bodenlosigkeit« christlicher Moralvorstellungen wird von ihm mit einiger Polemik deutlich herausgestellt. Mynarek gilt unter Atheisten als »fundamentaler Religionskritiker«. – Bemerkenswert ist nun, was er dem Christentum als Weltanschauung entgegenhält. Da hat es mit Mynarek eine besondere Bewandtnis. In einem Interview vom Februar 2000 äußert er sich so: »Ich bin aufgrund eingehenden Studiums vieler Denksysteme zum Agnostiker geworden. Mein Credo: Wir können zwar unendlich viele ,letzte' Sinnfragen stellen, auch alle möglichen Antworten darauf geben. Es muß nur stets klar sein, daß keine Antwort unfehlbar wahr sein kann Ich muß noch hinzufügen, daß ich in meinem Buch ,Denkverbot'7) alle Unfehlbarkeiten, alle Offenbarungen aus angeblich metaphysischen Höhen als Inspirationen, Intuitionen, Projektionen und dergleichen mehr kritisierte.«8) – Jedoch was Mynarek noch selbst an Schrifttum verfaßt hat, wiederspricht eigentlich dieser Aussage. Er ist nicht nur empfänglich, sondern auch selbst produktiv hinsichtlich »metaphysischer Welterklärungen«. In den 70er Jahren hat sich Mynarek mit der »Deutschen Unitarier Religionsgemeinschaft DUR« und der Unitarischen Religion Sigrid Hunkes angefreundet.9)
Hier wird das religiöse Erleben als von Volk zu Volk verschieden und das Christentum als eine unheilvolle Fremdreligion bezeichnet. Sigrid Hunke, langjährige Vizepräsidentin der DUR, hatte in ihrem Hauptwerk »Europas andere Religion« (1969) die unitarische Weltanschauung dargelegt, die den nordischen Europäern als artgemäße germanische Religion dienen soll. Es handelt sich dabei um ein Gemisch aus sog. »germanischem Glauben«, mittelalterlicher deutscher Mystik nach Meister Eckhart, Schriften des Pantheisten Giordano Bruno und des deutschen »Idealismus« des 19. Jahrhunderts. Nach dieser Religion soll das vom Christentum zerstörte Prinzip der Einheit (lat. unitas, daher der Name »Unitarier«) wieder hergestellt werden. Sofern der Mensch nur in artgemäßer Religion lebe, verwirkliche er das Göttliche quasi automatisch und handele »an Gottes Statt«.
In dieser pantheistischen Mißdeutung des Wesens der Erscheinungen wird der Fremdglaube (Christentum) ganz allein für alles Unheil verantwortlich gemacht, auch z. B. für ökologische Krisen oder Drogensucht. Es bedarf keiner Selbstschöpfung des Einzelnen, es bedarf nur der artgemäßen Religion und der europäische Mensch wäre wie von selbst vollkommen. – Mynarek entwarf schließlich 1986 eine von der unitarischen Weltanschauung etwas abgewandelte sog. »Ökologische Religion«10), sein gleichnamiges Buch bezeichnet er selbst als sein Hauptwerk und bezieht sich darin insbesondere auf den Physiker und New-Age-Theoretiker F. Capra und dessen Werk »Wendezeit« (1982). Mynarek hält die künstlich gespaltene Einheit von Gott und Natur verantwortlich für Umweltkrisen, psychische Störungen, Moralverfall und sämtliche Übel der Zivilisation. Zur Abwendung dieser Übel fordert seine Ökologische Religion Naturverehrung und –bewunderung. Der sogenannten »ökoreligiöse Mensch« soll im »Frieden mit der Natur« leben, seinen »Naturauftrag« erfüllen, einen »unverklemmten Blick auf die Natur« haben. Und davon wird dann schließlich der »nächste Schritt der Evolution « versprochen. Unter anderem ist auch das Ende des Fleischkonsums Bedingung, ansonsten sei eine echte, ethische Höherentwicklung der Menschheit nicht möglich. Menschen, die diesen Weg nicht befolgen, nennt er »Irrläufer der Evolution«, und die gesellschaftlich-politischen Wertungen, die sich aus Mynareks Lehre ergeben, legen denkt man sie konsequent zu Ende – Vorstellungen von Herrenmenschentum und Zweiklassengesellschaft nahe.
Was Mynarek als neue Religion entwickelt und dem von ihm heftig kritisierten Christentum entgegenzusetzen hat, ist doch nur ein erneuter Vernunftwidersinn und zudem ein Verkennen der Entwicklungsgeschichte. Hinter all dem ökoreligiösen Tun steht der Zweck und Lohn, zu den Übermenschen zu gehören, die in der Gesellschaft der Zukunft die Mächtigen sein werden und sein sollen. Und man kann nicht umhin in solchen Zukunftsvorstellungen auch eine Art Ersatz für den christlichen Himmel zu sehen, ein Überbleibsel der christlichen Suggestionen bei Mynarek, der sich ein zweck- und lohnfreies, spontanes religiöses Erleben und Tun als Sinn für das menschliche Leben nicht vorzustellen vermag. Auch hier liegt insgesamt das Verkennen des Wesen der Erscheinung zugrunde. Mynarek erkennt zwar die Schöpfung (Natur, Kosmos) als gottdurchdrungen, aber in der Wendung gegen eine religiöse Naturverachtung schießt er (wie Hunke und Capra) weit über das Ziel hinaus. Dieser Pantheismus verkennt eben philosophisch die Erhabenheit des Göttlichen, seine Zurückhaltung in der Erscheinung, sein klares Jenseitsbleiben von Raum, Zeit und Ursächlichkeit. In moralischer Hinsicht muß daraus folgen, daß sowohl Freiheit als auch Verantwortung des Menschen verkannt werden, weil wahrlich nicht alles, was der Mensch tut und will, allein schon moralisch gut ist, solange es nur zu seiner Natur gehört und natürlich geschieht. Hier fehlt die Erkenntnis über den Sinn der Gottverhüllung in der Erscheinung, über den Sinn der Freiheit der Wahl und über die Würde, die solche Freiheit dem Menschen verleiht, sofern seine Vernunft das Göttliche nicht aus seiner Erhabenheit in die Erscheinung herabzerrt.
Der jüngste Fall einer Kritik am Christentum stammt von dem Berliner Professor für Philosophie, Herbert Schnädelbach.11) Vor knapp einem Jahr – anläßlich des päpstlichen »Mea culpa« zum »Heiligen Jahr« für die begangenen Sünden im Namen der christlichen Religion – zog Schnädelbach Bilanz über die kulturellen Leistungen des Christentums und veröffentlichte in der Wochenzeitung »Die Zeit« einen aufsehenerregenden Artikel mit dem Titel: »Der Fluch des Christentums. Eine Abrechnung.«12) Damit löste Schnädelbach eine Debatte aus, die bis heute in den Medien anhält.13) Auch er kritisiert nicht nur die äußere Seite des Christentums, denn »in die Falle ,Prinzip versus Realität' möchte ich nicht tappen,«14) sagt Schnädelbach. Vielmehr seien die Untaten im Namen des Christentums nicht trotz, sondern sogar gerade wegen der christlichen Prinzipien geschehen. Das Christentum sei ein Fluch, weil es sieben Geburtsfehler habe – eine bewußte Anspielung auf die »sieben Todsünden« – die in ihrer lebenspraktischen, d. h. wohl seelischen, Auswirkung gar nichts anderes erwarten lassen, als daß die Geschichte des Christentums eine Kriminalgeschichte ist. Damit liegt nahe das »mea culpa« des Papstes als reinsten Hohn zu betrachten. Ich fasse zusammen die sieben Geburtsfehler und ihre Folgen nach Schnädelbach:
Schnädelbach wendet sich gegen das ewige Argument der Neutestamentler, man sei naiv und denke unhistorisch, wenn man die Evangelisten und ihr Verhältnis zur historischen Wahrheit nach heutigen Maßstäben messe. Schnädelbach ist jedoch der Meinung, daß die ausdrückliche Beteuerung, die Wahrheit zu sagen, wie u. a. etwa » der das gesehen hat, der hat es bezeugt, und sein Zeugnis ist wahr; und dieser weiß, daß er die Wahrheit sagt, auf daß ihr glaubet« (Joh. 19, 34f.) zeuge sehr deutlich davon, daß den Evangelisten der Unterschied zwischen Wahrheit und Lüge wohlbekannt war.
Schnädelbachs Fazit: »Ich habe den Eindruck, daß das verfasste Christentum in der modernen Welt sein tatsächliches Ende längst hinter sich hat, aber ohne dies bemerkt zu haben. ( ) In Wahrheit haben die Kirchen nichts mehr zu sagen, was nicht auch ohne sie gesagt werden könnte; sie haben nichts spezifisch Christliches mehr zu sagen. ( ) Seine [des Christentums] positive Kräfte haben sich erschöpft oder sind übergegangen in die Energien eines profanen Humanismus.«15) Die neuzeitliche Aufklärung verbiete die Lüge im Glauben an Gott.16)
Was geschah daraufhin? Schnädelbach wurde weitaus weniger totgeschwiegen als Lüdemann. Man ging von vielen Seiten auf ihn ein, bezog Stellung, schriftlich, mündlich, ließ ihn selbst ausführlich zu Worte kommen im Radio und im Fernsehen. Sogar Horst Hirschler (der ehemalige Bischof der evangelischen Landeskirche Hannover, der Gerd Lüdemann gegenüber zu keinem Dialog bereit war), seit Sommer 2000 Abt des evangelischen Zisterzienserklosters in Loccum bei Hannover, scheute nicht ein öffentliches Streitgespräch mit Schnädelbach.17) Womöglich muß man dem Wiener katholischen Theologen Bertram Stubenrauch zustimmen: Schnädelbachs Rundumschlag ist für Theologen keine intellektuelle Herausforderung (wohl darum wagen sie es, auf ihn einzugehen), »dafür argumentiert er zu populistisch, zu salopp, zu schwach.« Das ist »nach den Diskussionen über Franz Buggles Buch ,Denn sie wissen nicht, was sie glauben' (1992) wenig originell.«18) Auch hatte Schnädelbach empfohlen, man solle zum aufgeklärten Judentum zurückkehren, denn alles Taugliche am Christentum sei ohnehin jüdisch. Doch das beeindruckte auch nicht. Es sei zwar »en vogue«, aber ganz sinnlos, das Judentum gegen das Christentum ausspielen zu wollen, denn diese beiden Religionen gehörten ohnehin zusammen »wie der Baum und seine Wurzel«.19) – Für sich persönlich bevorzugt Schnädelbach offensichtlich den »aufgeklärten Humanismus«, mit dem man sich in entsprechenden »Zirkeln« so gerne schmückt.
Von dieser »humanistischen« Art von Christentumskritik findet man zur Zeit verhältnismäßig viel im Internet. Erwähnenswert ist hier der Trierer Pädagoge Michael Schmidt-Salomon20), der eine aufwendige und interessante Homepage betreibt.21) In seinen zahlreichen Aufsätzen22) gegen den christlichen Glauben bezieht sich Schmidt-Salomon immer wieder anerkennend auf Franz Buggle und wendet sich auch sehr überzeugend gegen die sog. »humanistische Theologie« von Hans Küng, Eugen Drewermann, Dorothea Sölle u. a.: »Wie kann ich Humanist sein und gleichzeitig dem Vorbild Jesu folgen? ( ) [Es gibt nur einen Ausweg aus dem Dilemma], nämlich den Weg der intellektuellen Unredlichkeit. Intellektuell unredlich ist dieser Weg, weil hier die Ursprünge [des Christentums] schöngeredet ( ) und selbst das offensichtlich Inhumane auf eine Art und Weise umwolkt wird, daß es kaum noch in seiner eigentlichen, menschenfressenden Substanz zu erkennen ist. Dank eines ungeheuren, rational nicht nachvollziehbaren, exegetischen Salto mortale gelingt es theologischen HumanismusakrobatInnen, christliche Humanität selbst da noch zu erkennen, wo gegen jegliches Mindestmaß von Humanität aufs scheußlichste verstoßen wird. Hier muß die Bibel selbstverständlich – auf Teufel komm raus (im wahrsten Sinne des Wortes!) – so sehr gegen den Strich gebürstet werden, daß jedem unbefangenen Beobachter die Haare zu Berge stehen. Da wird Unsinn plötzlich Sinn und aus Leid plötzlich Freude, da verklärt sich das Verbrechen zur Heldentat und das Joch zum Siegessymbol.«23) Mit derselben bestechenden Rhetorik fordert Schmidt-Salomon nun eine »einheitliche, solidarische Weltkultur«, eine »Weltkultur des Zweifelns«, in der die Religion aus dem öffentlichen Leben verbannt sein soll und höchstens als individuelles Bedürfnis nach »Mystik«, »Flowerlebnis«, »Spekulieren und Träumen« noch Anerkennung findet. Aus Religionen sollen ausdrücklich keine gesellschaftlich relevanten oder bestimmenden Antworten abgeleitet werden. Schmidt-Salomon fordert strengste »transzendentale Enthaltsamkeit« im Bereich von Politik und Öffentlichkeit. Er fordert die Trennung von Politik und Religion, die – wie oben ausgeführt eine Unmöglichkeit in sich darstellt. Aber ein Agnostiker hält es eben gar nicht für möglich, daß man aus dem Bereich der Metaphysik wesentliche oder gar bahnbrechende Erkenntnisse gewinnen kann.
Im Gegensatz zu den bisher genannten Beispielen fand sich doch wenigstens ein erfreuliches im Internet. Eine nicht unbedingt wissenschaftlich angelegte Seite namens »kirchenkritik«, die einen Gedanken einbringt, auf den keiner der ehrwürdigen Professoren und Gelehrten je gekommen wäre24): Religion ist nicht dasselbe wie Glaube. Das christliche Glaubenssystem ist veraltet, beruht auf Indoktrination und ist aus so vielen Gründen abzulehnen. Ja, aber deshalb ist doch Religion an sich nicht verkehrt. Wir brauchen einen inneren Halt, einen Sinn unseres Lebens. Wir leben zusehends – wie der Autor sich ausdrückt – in einer »Ich-Welt«, es herrscht eine »Nach-mir-die-Sintflut«-Mentalität. Religion bietet dagegen die Rückbindung des Einzelnen in Umwelt und Mitwelt, das Bewußtsein Teil eines Ganzen zu sein. Religion vermittelt ein Bewußtsein bezüglich der Bedeutung des eigenen Tuns, sie vermittelt Freiheit und Verantwortung zugleich. Sie zeigt einen Weg zu innerer Zufriedenheit und Harmonie mit der Umwelt – und kann auf Gebote und Jenseitsversprechen verzichten. – Obgleich der Autor auf seinen Seiten den christlichen Glauben genauso gnadenlos kritisiert, wie alle übrigen Kritiker, ist er bemüht, nicht alles niederzureißen. Zudem enthält sich dieser Autor ganz bewußt irgendeiner konkreten Empfehlung. Hier taucht zum ersten Mal der Gedanke auf, daß Religion einen wichtigen Wert an sich darstellt, und das eben auch nicht nur für den einzelnen, sondern für menschliche Gemeinschaften und das Wohlergehen derselben.
Im 125. Stück von Nietzsches »Fröhlicher Wissenschaft« (1882) ruft der »tolle Mensch« triumphierend aus: »Gott ist tot! Gott bleibt tot! Und wir haben ihn getötet!«. Jedenfalls der »tolle Mensch« hat diesen Schritt für sich vollzogen, hat sich von der »Sklavenmoral« christlich-jüdisch-abendländischer Werte losgesagt und ist auf dem Wege zum »Übermenschen«, da Nietzsche an den ewigen Aufstieg glaubte. Als scherzhafte Antwort auf das Motto »Gott ist tot. (Nietzsche)« findet man auf Schulbänken gelegentlich die gekritzelte Antwort »Nietzsche ist tot. (Gott)«. Ironie der kindlichen Weisheit! Denn tatsächlich ist Gotterkenntnis möglich, sind sowohl Atheismus als auch Agnostizismus, also die reine Gottleugnung oder die Leugnung der Möglichkeit einer Erkenntnis über Gott, philosophisch längst überwunden. Der christliche Gott ist zwar tot – das ist jedenfalls der Ausruf der deutschen Religionsstatistik. Aber davon ist wohl nach den obigen Ausführungen zu urteilen noch kein baldiger Wandel in der Glaubensfrage zu erhoffen. Wir haben uns hier allerdings ja auch nur mit den Erkenntnissen von Geisteswissenschaftlern, Theologen, Psychologen, Pädagogen, Philosophen beschäftigt – und nicht mit den empirischen, experimentellen Naturwissenschaften. Diese haben zwar jahrhundertelang unter der Prämisse geforscht – »esti non daretur Deus« – als ob es Gott nicht gäbe. Aber gerade die moderne, theoretische Physik ist heute derart an die Grenzen des materiell Erforschlichen gestoßen und sieht sich so zu metaphysischem Denken genötigt, daß sie der Frage nach Gott und nach einem göttlichen Schöpfungsplan viel weniger abgeneigt gegenübersteht, als so mancher abtrünnige Theologe zu denken wagt. Womöglich ist ja von dieser Seite der zeitgenössischen Wissenschaft her mehr zu erwarten, als was wir soeben gehört haben? Ein Thema das eine Beschäftigung sicher lohnt.
Erich Ludendorff schrieb, nachdem er die Werke der Gotterkenntnis in sich aufgenommen hatte: »Wie ich am 9. November über die Feldherrnhalle hinausging, so auch nach ihm im Erkennen der wahren Grundlagen deutscher Volksschöpfung. Zur Erhaltung des deutschen Vaterlandes auf lange, lange Zukunft hinaus gehört nicht nur Macht, nicht nur ein Volk, das allein mit völkischem Wortschatz arbeitet, aber jene Grundlagen seiner Geschlossenheit noch nicht gefunden hat, sondern dazu ist ein Volk nötig, das diese besitzt und sich damit Unsterblichkeit sichert Es liegt stets etwas Tragisches um einen Kampf und ein Ringen für des Volkes und des Vaterlandes Freiheit und Bestehen, solange solche Erkenntnisse nicht gegeben sind und das heiße Wollen durch die Glaubenslehre vernichtet wird. Die Tragik aber schlägt in Schuld um, wenn solche Erkenntnisse da sind und beiseite geschoben werden «.25)