Von Uta Göllner
Die Bedeutung der Glaubensfrage für das Völker- und Menschenleben zu erkennen, heißt zugleich auch den Freiheitskampf des Hauses Ludendorff verstehen. Man wird nicht begreifen, worum dieser Freiheitskampf bis heute weitergeht, sofern die Bedeutung von Religion an sich nicht erfaßt ist. Ohne dies ist allerdings eine Religionskritik selbst genauso wenig fruchtbar, wie eine Kritik an der herrschenden Religionskritik. – Im folgenden geht es nicht um Kritik an der Institution Kirche, sondern es geht um zeitgenössische Kritik am christlichen Glauben. Es geht um einen Vergleich von Anspruch und Wirklichkeit. Was sollte eine Kritik am christlichen Glauben eigentlich leisten? Welchem Anspruch sollte sie gerecht werden? Und wie sieht an diesem Anspruch gemessen die Wirklichkeit zeitgenössischer Christentumskritik aus?
Kritik ist das Hinterfragen von Bestehendem, das Kundtun von Mißständen und damit die Grundlage für ihre Änderungen. Eine verantwortungsbewußte Kritik muß auf klaren Vorstellungen beruhen, eine überzeugende Religionskritik auf einer klaren Erkenntnis über Bedeutung und Sinnhaftigkeit von Religion an sich. Vollziehen wir nach, auf welchem Weg der Erkenntnis Erich Ludendorff in dieser Frage zu Klarheit gelangte:
Seinen Lebenserinnerungen entnimmt man, wie aus tiefer Anteilnahme am Schicksal des Volkes und aus dem allmählichen Durchschauen des politischen Intrigenspiels sich für Erich Ludendorff die Einsicht vertiefte, daß es dem Volk an Geschlossenheit und Gemeinschaftssinn fehlte, an einem klaren Wollen mangelte. Als er um die Jahreswende 1918/19 aus Schweden zurückkehrte, fand er ein Volk wieder, das ihn in dieser Hinsicht befremdete.
Er schreibt: »Das Straßenbild Berlins trug noch revolutionäres Gepräge. Massenaufzüge bewegten sich in den Straßen. Durch Zufall kam ich in einen solchen Massenzug, der von nationaler Seite veranlaßt war, als ich aus einer Nebentür des Hotels Adlon in die Wilhelmstraße hinaustrat. Ich wurde erkannt und mit einem Sturm der Begeisterung begrüßt. Mir fielen dabei leidenschaftliche Gesichter auf, deren Züge verzerrt waren, Speichel trat aus den Mundwinkeln hervor, die Massenpsychose wurde mir erkennbar. Ich trat wieder in das Hotel Adlon zurück. Auch Aufzüge von kommunistischer und sozialdemokratischer Seite bewegten sich durch die Wilhelmstraße. Sprechchöre stießen von Zeit zu Zeit ihr ,Nieder, nieder, nieder' hevor; völlig verblödete Menschen bewegten sich in den Zügen neben solchen mit den gleichen fanatischen Gesichtsausdrücken, wie ich eben erwähnte. Armes, verblödetes, irregeführtes Volk!«1)
Selbst bei den nationalen, vaterländischen und völkischen Gruppen vermißte Ludendorff ein klares Wollen: »Was wollte nun aber eigentlich der nationale Wille; wie war es um ihn bestellt ? Das klar zu legen scheint mir nicht möglich. Ich selbst rang damals für mich um Klarheit über diesen nationalen Willen, konnte sie aber nicht finden ( ) Daß ich nach Klarheit ringen mußte, führte ich auf die Tatsache zurück, daß ich durch meine überaus starke Inanspruchnahme der Vorkriegs- und Kriegszeit nicht genügend in viele innerpolitische und wirtschaftliche Fragen eingedrungen war Wenn ich jetzt an meine Umgebung [in der ich damals stand] zurückdenke, so weiß ich, daß sie unter dem Einfluß verschiedener Richtungen der überstaatlichen Gewalten stand und nun noch durch sie in ihren Ansichten uneinheitlicher erschien, was naturgemäß auch jede Betätigung des an und für sich so unklaren nationalen Willens erschweren mußte. Das Wort ,national' sollte für mich recht bald den guten Klang verlieren.«2)
Zwischen 1919 und 1925 bewegte sich Ludendorff in den sog. rechten und konservativen Kreisen der Weimarer Republik und dabei bestärkten ihn Erfahrungen und Begegnungen der verschiedensten Art in obengenannten Gedanken. Die zahlreichen Kriegerdenkmalseinweihungen z. B., bei denen alle Toten als Helden gefeiert wurden, während man die Leistung der Lebenden vergaß, wo man des »unbekannten Soldaten« gedachte, womöglich gar mit wehleidigen Darstellungen der Opfer für das Vaterland, wozu Ludendorff einigermaßen verständnislos feststellt: »Uns war der deutsche Soldat kein unbekannter, er war uns bekannt!« – Ludendorff fand, es galt doch gerade der bekannten Eigenschaften des Soldaten zu gedenken, seine Tapferkeit zu zeigen, und es galt den Wehrwillen zu erhalten.
Auch in den völkischen Kreisen tat sich für Ludendorffs feines Gespür die Zerrissenheit des Volkes auf: Mangel an Wehrwilligkeit und Geschlossenheit übertüncht von äußerlichem, zuweilen lautstarken Auftreten; unklarer Hurra-Patriotismus, dem es an Gehalt mangelte; Dünkel und Eigenbrötelei. Immer wieder die unerfreuliche Einsicht: Es herrscht kein deutscher Gemeinschaftsgeist. Manneszucht und Eide allein können kein Heer zusammenhalten; ebenso wenig können Diktatur und Patriotismus kein Volk geschlossen halten. Das war die Schlußfolgerung Ludendorffs aus seinen Beobachtungen der frühen 20er Jahre.
Gleichzeitig stellt er sich immer wieder die Frage, wie denn dem Volk und den deutschen Menschen wirklich – grundlegend – zu helfen sei. Was ist ihnen zu geben an Stelle von leeren Versprechungen? Wodurch können die Deutschen in ihrer Gesamtheit wieder wehrwillig werden, sich zu einem Volk zusammenfinden, dessen Geschick nie wieder durch einen derartigen Zusammenbruch gefährdet ist? Ludendorff hatte zwar zu dieser Zeit schon die Religionen als politische Macht erkannt, er lehnte sie ab, sofern z. B. die römisch-katholische Kirche durch Priestermacht und -einfluß eines Nuntius Pacelli und eines Kardinal Faulhaber Priesterpolitik betrieb, die überstaatlichen Machtinteressen diente, welche dem Wohl des deutschen Volkes zuwiderliefen. Aber, so schreibt er im September 1923, »mir war damals der Gedanke noch nicht gekommen, daß mit [beiden] christlichen Kirchen ein deutscher Freiheitskampf nicht zu führen war.«3)
Bei den vaterländischen Feierstunden hörte Ludendorff auch die üblichen Reden evangelischer Pastoren und katholischer Priester, wenn auch kaum angetan von ihrem Inhalt. » ich war noch der Gewohnheit nach Christ, auch wenn ich innerlich von dem Christentum recht wenig berührt war und mich mehr und mehr von ihm entfernt hatte. Ich sprach von Gottes Segen und Hilfe, wie das bei besonderen Gelegenheiten nun einmal selbstverständlich war. Ich hielt auch die Christenlehre im Gegensatz zu dem sich immer schärfer breitmachenden Materialismus und der unerhörten Versumpfung unseres öffentlichen Lebens und des Abgleitens des Schulunterrichts für sittliches Gut. Tatsächlich gab ja auch die Christenlehre unendlich Vielen einen Halt, und ich selbst konnte noch nichts an die Stelle des Christentums setzen ( ) ich hatte ja immer noch an dem Irrtum festgehalten, daß die Religionen zu politischen Zwecken mißbraucht werden können.«4)
Ludendorff hatte die Bedeutung der religiösen Frage für seine Ziele noch nicht erkannt. »Ich fühlte«, so schreibt er später, »daß mir in den Grundlagen für die völkische Lebensgestaltung, über die ich nachsann und sprach, doch ein letztes Erkennen fehlte.«5) Was die Glaubensfrage für die Rettung des Volkes aus den Händeln unseliger und leichtfertiger Politik bedeutete, für die Verklarung und Einigung völkischen Wollens zur Abwehr der erkannten Gefahren – was die Glaubensfrage hier bedeutete, war ihm, dem General und Politiker, bisher nicht aufgefallen, denn über Religion an sich hatte er sich noch kaum grundlegende Gedanken gemacht.
Das änderte sich im Herbst 1923 als Ludendorff durch Gottfried Feder mit Frau Dr. Mathilde von Kemnitz bekannt wurde. »Ende Oktober gingen die Wogen des politischen Lebens in München hoch. ( ) In diesen Tagen erhielt ich einen Besuch von Frau Dr. von Kemnitz und Gottfried Feder. ( ) Frau Dr. von Kemnitz war in Mitarbeit mit völkischen Vorkämpfern getreten. Sie hatte sich aber, wie ich, stark gegen die separatistische Bewegung Roms in Bayern und gegen dieses selbst gewandt. Gottfried Feder machte mich zudem auf ihr Werk ,Triumph des Unsterblichkeitwillens' und dessen grundlegende, die Christenlehre umstürzende Erkenntnisse aufmerksam. ( ) Im Lauf der Unterhaltung führte [Frau Dr. von Kemnitz] aus, daß zur Gewinnung der Grundlage der völkischen Bewegung und des Neuaufbaus eines Staates klares völkisches Erkennen auf dem Gebiete des ,Glaubens', dieses Wort war damals noch an Stelle des Wortes ,Gotterkennen' üblich, geboten sei. ( ) Ich horchte auf und war von der hier von Frau Dr. von Kemnitz gegebenen Wahrheit betroffen. Sollte hier das liegen, was mir bisher für die völkische Lebensgestaltung gefehlt hatte?«6) – »Es war das erstemal, daß ich in dieser Form auf die Bedeutung des Glaubens im Zusammenhang mit völkischem Wollen hingewiesen und gebeten wurde, meinen Einfluß in dieser Richtung geltend zu machen. Ich war mir auch sofort über die Bedeutung dieses Wunsches klar. ( )«7)
Wenden wir uns nun also den Erkenntnissen auf dem Gebiete des »Glaubens«, der Religion, dem »Gotterkennen« zu. Davon ausgehend, daß die Religionen den Menschen darüber belehren wollen, wie er sich die Welt mit ihren Erscheinungen zu erklären habe, welchen Sinn das menschliche Dasein in dieser Welt hat und wie dieser Sinn zu erfüllen sei – stellt sich zuerst einmal die Frage, welche Möglichkeiten dem Menschen eigentlich zur Verfügung stehen, um über solche Fragen Erkenntnis zu gewinnen.
Dazu die Philosophin: »Unsere Welt will, um mich zwar philosophisch fehlerhaft, aber volkstümlich auszudrücken, von ,zwei Seiten' erfaßt werden. Wir sehen eine unendliche Mannigfaltigkeit von Erscheinungen um uns, und diese Erscheinungen haben ein inneres Wesen. Wollen wir also die Welt begreifen, ihren Sinn erkennen, so müssen uns die beiden Seiten, die Erscheinung und das innere Wesen, beide erreichbar sein. Dies ist nun tatsächlich der Fall, da wir zweierlei Erkenntnis-Instrumente in unserer Seele besitzen, von denen das eine: die Vernunft, uns die Erscheinung begreiflich machen muß, von denen das andere aber: das bewußte Icherleben, das Wesen aller Erscheinung erkennen kann. ( )
Auf diese Weise gelangt [die Vernunft] zu einem immer besseren Begreifen und Verstehen der Erscheinungen der Umwelt und all ihrer Gesetze. Ja, da sie alles Erworbene auch durch Wort und Schrift den Mitlebenden und der Nachwelt überliefern kann, so muß die Erfahrung über die Erscheinungen und ihre Gesetze sich immer mehr bereichern, je länger Menschengeschlechter auf dieser Erde leben, die sich dies Gut des Wissens übermitteln. ( ) Es entsteht so eine sichere gefestigte Naturerkenntnis und allmählich ein Gesamtbau der Naturwissenschaft. Durch das Erforschen der Kräfte, die aus diesen Erscheinungen heraus auf die Umwelt wirken, berührt die Vernunft hier das andere Erkenntnisgebiet, das die zweite, die ,innere' Seite der Welt, das Wesen der Erscheinungen, erkennen will. Hierfür verfügt die Menschenseele auch über ein Erkenntnis-Instrument, nämlich das bewußte Erleben des ,Ichs'. Dieses Ich in der Menschenseele erlebt das Wesen der Erscheinung, erlebt das Göttliche, das die Kräfte aus allen Erscheinungen des Weltalls ausstrahlen läßt. So kann dieses Ich durch ureigenstes Erleben und auch angeregt durch Menschenworte, Taten und Kunstwerke und vor allem durch die Wahrnehmung der Natur und ihrer Gesetze das göttliche Wesen aller Erscheinungen kennenlernen. Auch diese Erfahrung kann durch Worte, Werke und Taten den Mitlebenden und kommenden Geschlechtern übermittelt werden, aber immer nur im Gleichnis, im Bilde, das dem anderen Erkenntnisinstrument, der Vernunft, entlehnt ist, sobald wir es in Worte fassen.
Ja, im Unterschiede zur Wissenschaft, die die Vernunft gewinnt, ist diese Erkenntnis über das Wesen der Erscheinung niemals erlernbar, kann niemals durch Belehrung allein erworben werden. Das eigene Erlebnis erst ist ausschlaggebend, und so muß diese Erkenntnis denn in jedem einzelnen Menschen selbst durch Erlebnis erworben sein. Im Gegensatz zur Wissenschaft über die Erscheinungen und ihre Gesetze ist andererseits dieses Erleben ganz unabhängig von jedweder Belehrung, jedem Menschen an sich möglich und wird durch Belehrung oder Kunst und Naturanregung nur gefördert oder gestärkt. Der ,Ungebildetste' kann es erfahren ( )«. Und außerdem: »Die Irrfähigkeit der Vernunft verleitet zunächst jeden Menschen, die beiden Erkenntnisorgane ganz am unrichtigen Ort zu verwerten. Auf dem Gebiete der Naturgesetze der Erscheinungen kann nur und muß auch stets die Vernunft angewandt werden. Sie darf hier nicht gelähmt werden durch Vorstellungen, die ihren Gesetzen widersprechen. Andererseits darf sie sich nicht erdreisten, das Wesen der Erscheinungen ihren Denkformen von Raum, Zeit und Ursächlichkeit einzuordnen. Diesem krassen Irrtum sind alle Religionsstifter erlegen, und sie haben ihre Gläubigen hierin bestärkt. «8) –
Glaube, Religion oder Gotterkenntnis müssen also unabhängig von ihrem Inhalt zunächst einmal folgende Bedingungen erfüllen: Der Glaube muß an den Grenzen der Vernunfterkenntnis einsetzen. Außerdem müssen religiöse Vorstellungen klar getrennt sein von den Kausalzusammenhängen der Erscheinungswelt, die Vernunft muß sich hier zurückhalten, insbesondere darf sie höchstens im Gleichnis das Wesen der Dinge wörtlich umschreiben. Schließlich muß das überkausale Religiöse auch klar getrennt werden von antikausalem Unvernünftigen. Selbst die überkausalen Zusammenhänge, die der Vernunft nicht begreifbar sind, dürfen nicht im Widersinn zur Vernunfterkenntnis stehen. Wahrheit und Wahn sind in religiösen Vorstellungen klar zu trennen. – Sind diese Kriterien nicht erfüllt, verliert der Glaube entweder an Überzeugungskraft und führt zum Allesbezweifeln, zu Rationalismus und Materialismus oder er lähmt die Denk- und Urteilskraft der Gläubigen und wird Gefahr seelischer Erkrankung. Alle uns bekannten Religionen, insbesondere das Christentum, erfüllen diese Kriterien seit langem nicht mehr, da sie entweder schon zur Zeit ihrer Entstehung oder im Laufe ihrer Geschichte von der Naturwissenschaft widerlegt wurden.
Nun könnte man den Schluß ziehen, daß der einzelne Mensch mit seinem heute hochentwickelten Grad der erkennenden Vernunft es sich an dem Reichtum seines inneren Erlebens genügen lassen kann. Sofern er um seine Erkenntnismöglichkeiten von Vernunft und Icherleben weiß und die klare Trennung von Kausalem und Antikausalem beachtet, sofern er ehrfürchtig alle Versuche unterläßt, Überkausales in Vernunftbegriffe zu fassen – könnte er sich daran genügen, mit Freude aus dem inneren Born seines Erlebens zu schöpfen, sein Gotterleben als innere Angelegenheit seiner einzelnen Seele betrachten, als Versenkung in das Göttliche. Würde eine solche »Kontemplation« genügen, wenn sie zudem womöglich dem Gotterleben noch Formgestaltung verleihen kann in Baukunst, Malerei, Dichtung und Musik? Kann demnach nicht darauf verzichtet werden, daß Gotterkennen begrifflich formuliert wird und Wortgestaltung findet? –
» Gotterleben ist auch ein Handeln, ein Schaffen, ein Gestalten dieses Erlebens des Göttlichen auf allen Gebieten des Volkslebens: Kultur, Recht, Wirtschaft, Politik. Sie alle werden von der Gotterkenntnis und dem Gotterleben gestaltet, und ein gesamtes geordnetes und geklärtes Bild der Weltanschauung schafft hier erst die Klarheit des Einklangs. Noch immer hat eine Wortgestaltung des religiösen Erlebens, die nicht im Widerspruch stand zu der jeweiligen Erkenntnisstufe der Vernunft, dem göttlichen Wollen der Menschen eine gewaltige Kraft verliehen.«9) – Neben dem Einklang des inneren, »kontemplativen« Icherlebens mit der Vernunfterkenntnis, bedarf Gotterkenntnis einer Wortgestaltung, die das religiöse Erleben in Klarheit und Fülle wiedergibt und so eine Brücke bietet, die durch nacherlebtes, eigenes Erleben zu dieser Gotterkenntnis gelangen läßt. Fehlt eine wortgestaltete Gotterkenntnis, dann ist der »Materialismus unserer Zeit weit weniger eine Krankheit als eine traurige Notwendigkeit; denn ein Volk, das mit unendlichem Wahrheitsdrang die Natur in ihren Gesetzen gründlicher erforschte, als je die Völker der Vergangenheit es vermochten, verlangt vor allen Dingen von seinem Glauben Einklang mit dem Wissen, ja, es verlangt auch von der Wortgestaltung des Gotterlebens, der Sinndeutung und Morallehre im Einklang mit dem ererbten Gotterleben und Erbcharakter. Ist dieser Einklang durch Fremdreligion zerstört, so muß ein Volk der tatsächlichen ,Gottlosigkeit' und somit dem Untergang verfallen, dies sogar unabhängig von Wert und Unwert der gebotenen Lehre.«10)
Auch die Erkenntnis über das Wesen der Erscheinungen, die Philosophie, ist – wie die Naturwissenschaft – ein Gebiet, auf dem nicht jeder einzelne Mensch für sich selbst auf der Stufe der Steinzeit beginnen muß. In den Werken der Philosophin Mathilde Ludendorff liegt eine Gotterkenntnis vor, die aufbauend auf den Ergebnissen der Naturwissenschaft und der vorhergehenden intuitiven Ahnung großer Philosophen wie Plato, Kant und Schopenhauer, den Sinn der Erscheinungen tatsächlich restlos erfassen läßt. Ihr Werk »Triumph des Unsterblichkeitswillens« läßt erstmals den Sinn des Todesmuß begreifen, dessen bisherige Mißdeutung die Grundlage der meisten Religionen der Vergangenheit ist. Es enthüllt das Rätsel des Todeszwanges, der angeborenen Unvollkommenheit und hierdurch schließlich den Sinn des Menschenlebens. Und es zeigt, wie die Entwicklungsgeschichte den Horizont unseres Geisteslebens noch in ganz anderen Grade erweitern kann als die kopernikanische Wende und Kants »Kritik der reinen Vernunft«. Es enthüllt alle Irrlehren von persönlichen, die Schicksale der Menschen bestimmenden Göttern, rettet vor einem gottleugnenden Materialismus, der die Völker entwurzelt und entseelt an den Gräbern ihres Glaubens zurückläßt oder sie anschließend in noch plumperen Aberglauben stürzt. Es erklärt den Unsterblichkeitwillen der Menschenseele und enthüllt das göttliche Wollen und Wünschen zum Schönen, Guten und Wahren » als wunderbaren Weg und wunderbare Weise, das unsterblich Göttliche vor dem Tode bewußt zu erleben und somit einer höheren Art der Unsterblichkeit teilhaftig zu sein, als alle jene einzelligen, potentiell unsterblichen Wesen.« Es zeigt wie im Menschen ein Wesen geschaffen worden ist, »das durch seine Vernunft das Bewußtsein aller Erscheinungen ist und durch sein Erleben des Göttlichen in seinem Ich das Bewußtsein des Wesens aller Erscheinung werden konnte. Ja, nur werden konnte, denn dem Menschen, der solch Hohes erleben kann, wird nicht der Zwang hierzu auferlegt.« Damit ist auch die Frage gelöst, »wie die Seelenverkümmerung so vieler Menschen zustande kommt, ja zustande kommen muß, als unweigerliche Auswirkung der Notwendigkeit, da ein erzwungenes Gotterleben undenkbar ist und so der Mensch das einzige Lebewesen der Natur ist, das sich selbst umgestalten kann! Aus all dieser Erkenntnis ergab sich die Gotterkenntnis und aus Sinn und Amt des Menschenlebens im besonderen ergab sich die Moral.«11)
An dieser Stelle läßt sich jetzt die Frage beantworten, welche Bedeutung die Glaubensfrage nicht nur für das seelische Schicksal des einzelnen Menschen, sondern auch für das Schicksal eines Volkes hat. Da das Gotterleben an den Wertungen des Gewissens jedes Einzelnen, an der aus dem Gottglauben geborenen Weltanschauung mitgestaltet und die moralischen Wertungen für das Handeln des einzelnen im Volk gibt, ist nämlich der Einfluß des Gotterlebens (der Religion) auf die Geschichtegestaltung ein überragender.12) Gesetze und Bestimmungen über die wirtschaftlichen und rechtlichen Regelungen, politische Entscheidungen, Sitten und Gewohnheiten sind ja Ausfluß der Willensgestaltung entsprechend der Weltanschauung. »Somit wird jede Weltanschauung, wie immer sie auch geartet ist, sich vor allem auf den Gebieten der Geschichte als Wille entladen. Nichts ist daher törichter und irriger, als einer Religion einen Vorwurf daraus zu machen, daß sie auch ,Politik', Machtgestaltung nach innen und außen, treibe. Sie kann gar nicht anders, als sich auch in allem Erleben und Handeln eines Volkes durchsetzen zu wollen. Nur ein Volk, das in krankem Zustand lebt, das aus artgemäßem Gotterleben verdrängt und zu einer Fremdlehre gezwungen ist wie die christlichen Völker, kann auf den an das Lächerliche grenzenden Gedanken kommen, daß Weltanschauung von Wirtschaft, Recht und Geschichte und aller Kultur eines Volkes zu trennen sei.«13) –
So gelangt man zu weiteren Prüfsteinen, die den Wert einer Religion bestimmen. In ihrem Werk »Die Volksseele und ihre Machtgestalter« zeigt Mathilde Ludendorff, wie im Unterbewußtsein jedes Menschen eines Volkes die Volksseele dem Gotterleben eine einzigartige Weise der Gemütsbewegung schenkt, die Anteil an seinem bewußten Erleben hat. Daher kann nur ein diesem Erbgut entsprechendes Erleben das Gemütserleben überhaupt bewegen, während nur dieses Gemütserleben wiederum die Gotterhaltung im Volk und schließlich die Erhaltung des Volkes selbst sichern kann. Ein Fremdglaube kann – zunächst ganz unabhängig von seinem inhaltlichen Wert – diese Aufgabe nicht erfüllen. Ein Fremdglaube kann die Volksseele und ihre segnenden Wirkungen auch für Selbstschöpfung und Sinnerfüllung des einzelnen Menschen nicht lebendig und wirksam erhalten. Ein Fremdglaube ist daher eine Gefahr für die Gotterhaltung im Volk und für sein Bestehen.14)
Erich Ludendorff erkannte in den Werken der Philosophin das, was ihm bisher als Grundlage völkischer Lebensgestaltung gefehlt hatte, das was dem Volk zu geben war an Stelle von leeren Versprechungen. Er erkannte nun die tiefen Ursachen für die Zerrissenheit des Volkes und die Antwort auf seine drängende Frage, wie das Volk und die deutschen Menschen grundlegend vor einem erneuten Zusammenbruch bewahrt werden könnten. Er stellt fest: »In religiösen Dingen ,glaubt' der Deutsche, ohne sich zu überzeugen, ja, ohne sich überzeugen zu dürfen, was eigentlich in den Quellen seiner Lehre steht; in der ,Politik' verfährt dagegen jeder Deutsche ungemein kritisch. Er hält es hier für selbstverständlich, daß er sich seine eigene Meinung bildet. Eine größere Lebenserfahrung läßt er nicht gelten, obschon diese zu einer richtigen Beurteilung politischer Zusammenhänge nun doch einmal ohne Zweifel gehört. Ich wünschte, daß der Deutsche umgekehrt verführe: In politischen Fragen das als ,wahr' annimmt, was ihm Deutsche mitteilen, die über Lebenserfahrung verfügen und ungebunden sind, in Glaubenssachen aber, die sein eigenstes Wesen und seine eigene Entwicklung betreffen, nicht ,glaubt', sondern im tiefen Nachdenken und ernsten kritischen Forschen in den Quellen und in deren Beurteilung eine eigene religiöse Überzeugung gewinnt.«15)
Aus dieser Erkenntnis ergibt sich folgerichtig, daß und warum für die Befreiung der Menschen von der Suggestivbehandlung christlicher Priester und für die Rettung aller bisher christlichen Völker vor Zerrissenheit, Zusammenbruch und Untergang, ja letztlich für Gotterhaltung und Lebenssinnerfüllung jedes einzelnen Menschen dieser Völker – ein Ringen gegen die Christenlehre notwendig wurde. Denn das Christentum reißt die seelenmörderische Kluft auf zwischen Glauben und Wissenschaft, anstatt Einklang zu bieten. Es reißt auch die seelenmörderische Kluft auf zwischen Heilslehre und Volksseele hinsichtlich moralischer Wertungen. Es verkennt völlig die Gesetze der Selbstschöpfung und stellt der Selbstschöpfung zur Vollkommenheit durch seine gelehrten Heilswege schwerste Hindernisse entgegen. Und um all diesen Tatsachen zum Trotze die Herrschaft über die Seelen zu behalten, wird die christliche Lehre schon Kindern durch Suggestivbehandlung beigebracht und oft auch noch durch Erzeugung eines »induzierten Irreseins« gefestigt und aufgezwungen.16)
Ein Ringen gegen das Christentum wäre jedoch ein ganz unseliges Unterfangen, würde es sich auf die Aufklärung der Vernunfterkenntnis beschränken. »Wer nichts Besseres geben kann«, so der gewissenhafte Hinweis Mathilde Ludendorffs, »der kann nicht, ja sollte nicht niederreißen. Dies gilt auf allen Gebieten, bei einer Kritik an der Wirtschaft so gut wie am Recht, gilt aber nirgends so sehr wie auf dem Gebiete der Gotterkenntnis ( ) Und ebenso wie bei dem Neuschaffen auf dem Gebiete der Moral die Begründung der Wertung, muß auch bei der kritischen Betrachtung einer schon geschaffenen die Begründung der Ablehnung der gegebenen Bewertung eine unantastbar sichere sein, sonst ist weit mehr Unheil angerichtet als geholfen.«17)
So wenig also eine entseelende, allein vernunftgemäße Aufklärung Segen bringen kann, so wenig ist demnach der Abwehrkampf gegen die Christenlehre mit Unduldsamkeit gegenüber gläubigen Christen zu führen, so wenig auch durch ein sog. »Gegenmissionieren« in Kreisen überzeugter Gläubiger. Die Kritik des Hauses Ludendorff am Christentum wendet sich in gewissenhafter Duldsamkeit nur an diejenigen Christen, die sich innerlich schon vom Glauben entfernt haben und entgültig lossagen möchten.
So schlug denn auch im Frühjahr 1931 eine Anklage wegen »Religionsvergehens« gegen Mathilde Ludendorff fehl, die mit dem §166 der Weimarer Reichsverfassung, dem sog, Ketzerparagraphen, begründet werden sollte. Auch erließ die schwarze Regierung Brüning im März eine Notverordnung, die weit über diesen Paragraphen hinaus die Behandlung religiöser Fragen in Wort und Schrift beschränkte. Aber selbst unter dieser verschärften Rechtslage bot das kurz zuvor eilig fertiggestellte Buch »Erlösung von Jesu Christo« keinem Staatsanwalt eine Handhabe, weder die Verfasserin eines Religionsvergehens zu überführen, noch das Buch zu verbieten.18)
Von unschätzbarem Wert ist das Werk »Erlösung von Jesu Christo«, weil es so ganz und gar den idealen Anspruch einer Religionskritik erfüllt – »Erst muß man geben, ehe man das Überwundene in das helle Licht stellt« – weil es in diesem Geben ausgehend von der klaren Gotterkenntnis über die Moral des Lebens und das Sittengesetz nicht nur die Ablehnung von Weltanschauung und Wertvorstellungen des Christentums tief begründet, sondern weil es diesen zugleich ebenso tief begründet und überzeugend die Weltanschauung und die moralische Wertung gegenüberstellt, welche sich aus der tatsächlichen Erkenntnis des Wesens der Schöpfung ergaben. Ohne sich aufzudrängen, bietet dieses Buch eine kritisch-vergleichende Gegenüberstellung, und ermöglicht somit dem Leser für sich selbst die Wahl zu treffen, in welcher der beiden Welt- und Wertanschauungen er sich selbst wiedererkennt. Dieses Werk könnte wohl eingehend und gründlich davon überzeugen, daß ein absolut harmonischer Einklang zwischen dem vernünftigen Wissen über die Naturgesetze und den Gemütswertungen der Volksseele und dem bewußten Icherleben des inneren Wesens der Erscheinungen nur die Gotterkenntnis bieten kann – während die Christenlehre nicht nur diesen harmonischen Einklang überhaupt nicht bietet, sondern auch in jeder der genannten Hinsichten für sich allein genommen, für Vernunft, Gemüt und Gotterleben, eine offensichtlich herbe und bittere Enttäuschung für die Menschenwürde darstellt.19)