Quandoquidem populus … vult decipi, decipiatur

»Buddha kommt vom 11. bis zum 23. 10. 2002 nach Graz«

Von Arnold Cronberg

Dieses 1556 dem Kardinal Carlo Caraffa in Rom zugesprochene Wort, »da die Gesellschaft betrogen werden will, mag sie betrogen werden« entstammt einer alten Volksweisheit. Belegt ist sie schon 1494 im »Narrenschiff«, einer Sammlung gereimter Predigten gegen menschliche Schwächen von Sebastian Brant, einem Satiriker und Humanisten der Huttenzeit. Treffender und bis zur Stunde gültig, gab sie Sebastian Franck in seinen 1554 erschienenen »Paradoxa« wieder: »Die Welt die will betrogen und belogen sein und nur mit Wahn geäfft und regiert werden, wie jener Mönch sagt, der für sein Thema hält Mundus vult decipi darumb bin ich hie, dem man zu Lohn alle Säcke voll stieß.«

Für das, was der 14. Dalai Lama vom 11. bis zum 23. Oktober 2002 in der Landeshauptstadt der Steiermark abziehen will, dürften jedoch die Bezeichnungen betrügen und belügen kaum mehr zutreffend sein. Denn hier wird der tibetische Gottkönig selbst den Höhepunkt des Lamaismus, das »Kalachakra-Tantra-Ritual«, zelebrieren: Mit Tausenden von Menschen, Hollywoodgrößen, 140 Medienberichterstattern aus mehr als 60 Staaten und sogar unter der Schirmherrschaft der UNESCO, der Organisation für Erziehung, Wissenschaft und Kultur der Vereinten Nationen. Dieses »Friedensevent« der heutigen »Glücks«- und »Trendreligion« und ihrem »Bekenntnis zur Friedfertigkeit« (Der Spiegel) erfreut sich schon jetzt der persönlichen Teilnahme und großzügiger Spenden der österreichischen Bundesregierung mit der Vizekanzlerin und ehemaligen FPÖ-Vorsitzenden S. Riess-Passer, des Landes Steiermark und der Stadt Graz, aus Steuergeldern von Christen, Juden und Nichtchristen. Flotte Werbefeldzüge suggerieren: »Buddha kommt 2002 nach Graz«.

Der Offenbarungseid der Religionen

Das Kalachakra-Tantra (Zeit-Lehrsystem) gilt laut den Trimondis als letzte und jüngste aller offenbarten Tantratexte etwa aus dem 10. Jahrhundert v. d. Ztr., aber auch als der »höchste aller Wege des Vajrayana und Gipfel aller buddhistischen Wahnsysteme. Es unterscheide sich von den früheren Tantras durch seinen allumfassenden Charakter. Man nannte es im Westen die am meisten komplexe und profunde Darstellung (des Buddha) zu Fragen der Spiritualität und weltlicher Angelegenheiten. Diese Geheimlehre dürfte die Summa Theologia des buddhistischen Tantrismus darstellen.

Trotz der elitären Auslese suggerieren die Texte, jedem Menschen stünde es offen, diese höchste Erleuchtungsstufen in einem einzigen Leben zu erreichen. Die Wirklichkeit sagt aber das Gegenteil. Von Hunderten der öffentlichen Veranstaltungen (wie in Graz) wird wohl nur einer anschließend sein tägliches Gebet sprechen. Von Tausenden nur einer mit der für dieses Tantra eigentümlichen Yogapraxis beginnen und davon wird nur eine Handvoll in die geheimsten Initiationen eingeführt. »Da nach offizieller Version der zelebrierende Guru das Kalachakra-Ritual unter anderem zur ‚Befreiung der gesamten Menschheit´ und zur ‚Aufrechterhaltung des Weltfriedens´ durchführt, nehmen sowohl die dem Schauspiel beiwohnenden Massen als auch die einzelnen Initianden an diesem hohen ethischern Zielsetzung teil.«

Es ist nicht nötig im einzelnen auf diese furchtbaren Verblödungstechniken einzugehen. Man wähnt hier spezielle Energien und Einsichten von einem Priester auf eine Person, die darum bittet, übertragen zu können. Es werden aber nicht nur die »guten Eigenschaften einer Person« um sie zu vergöttlichen entwickelt, sondern folgerichtig und voll bewußt alle seine »Persönlichkeitsaggregate«, um an deren Stelle das Bewußtsein des initiierenden Gurus und der diesem unterstellten Gottheit zu setzen. Der Schüler hat sich mit Geist und Seele, Haut und Haaren dem Guru und seinen Göttern darzubringen. Kurz gesagt, sie ernähren sich an seinen Lebensenergien. Die Sexual- und Samenmagie und der entsetzliche Mißbrauch der Mädchen und Frauen im Alter von 11 bis 20 Jahren in den »geheimen Einweihungen« kann hier nur angedeutet werden. Dadurch wähnen die Priester weltliche und spirituelle Macht zu transformieren. Durch die suggestiv-hypnotische Dauerabrichtung wird das auch möglich, natürlich nur in den Hirnen der Täter wie der Opfer.

Der Shambhala-Mythos

Dieser Mythos liegt dem Kalachakra-Tantra zugrunde. Viele Hunderttausende sind durch den 14. Dalai Lama seit über 25 Jahren in dieses Ritual »eingeweiht« und dadurch mehr oder minder hörig geworden. Es hat einen öffentlichen und einen streng geheimen Teil. Auch das Grazer Ereignis wird etikettenschwindlerisch als würdiger Beitrag zum Weltfrieden, interkultureller und interreligiöser Dialog sowie Kulturentwurf für das neue Jahrtausend induziert. Im RM 36/2002 nehmen die Trimondis dazu wie folgt Stellung:

»Wer sich jedoch mit den Originalschriften des Kalachakra-Tantra-Rituals und seinen traditionellen wie modernen Exegeten auseinandersetzt, gewinnt ein ganz anderes Bild. Das Kalachakra ist keineswegs pazifistisch, sondern es beschwört einen blutigen Religionskrieg zwischen Buddhisten und Nicht-Buddhisten, die in einer Weltbuddhokratie endet. In der kommenden ‚Shambhala-Schlacht´ richtet sich die buddhistische Kriegsführung weder nach den Grundsätzen des Völkerrechts noch nach den friedlichen Maximen des Ur-Buddhismus, sondern er wird ‚gnadenlos´ und ‚grausam´ sein, und ‚die äußerst wilden (buddhistischen) Krieger werden die barbarische Horde niederwerfen´ und ‚eliminieren´ (Shri Kalachakra I 163/165). Mit einer befremdlichen Begeisterung fürs Detail schildert das Tantra die mörderischen Superwaffen, die gegen die ‚Feinde der Lehre´ zum Einsatz kommen (Shri Kalachakra I 128/142).«

Zeitgenössische Lama-Jünger ergehen sich hier in willkürlichen Vergleichen mit Atomwaffen und Ufos. Alle Teilnehmer an einer Kalachakra-Initiation, also auch die in Graz, erhalten die hohe Ehre als Shambhala-Krieger wiedergeboren zu werden, um in der prophezeiten Endschlacht mitkämpfen zu können. Schon jetzt sind hohe Lamas für den Generalstab bestimmt. Nach einer Vision (optische Trugwahrnehmung) soll der reinkarnierte Dalai Lama selbst als »zorniger Raddreher« die buddhistischen Kriegsheere anführen, »um (ebenfalls) alles Böse im Universum« zu unterwerfen.

Feinde des Dharmas – der Lehre Buddhas

Die Shambhala-Schlacht gilt natürlich ebenfalls als ein »Heiliger Krieg« und wird wie der islamische Dschihad im »Inneren« wie im »Äußeren« ausgefochten. Im Inneren ringt der Krieger mit seinen schlechten Charakterzügen, im Äußeren gegen die »Feinde des Dharmas«. Deswegen kommt der vom 14. Gottkönig  vorgesehene Deuter des Kalachakra-Tantras, Alexander Berzin, zu dem Schluß: »Die Kalachakra-Darstellung des Shambhala-Krieges und die islamische Diskussion über den Dschihad zeigen bemerkenswerte Ähnlichkeiten.« Aufschlußreich ist, daß »Israels Geheimvatikan« ebenfalls ein großes Morden vor dem Erscheinen des Messias erwartet oder vorbereitet, die freimaurerisch-marxistische »Internationale« die »Verdammten der Erde« zum »letzten Gefecht« aufruft und das Christentum an ein Weltgericht und »das neue Jerusalem« glaubt.

»Entsprechend zum Märtyrerkult muslimischer ‚Gotteskrieger´ wird auch der während der Shambhala-Schlacht Gefallene mit dem Aufenthalt in einem buddhistischen Paradies belohnt. Es gibt im Kalachakra-Tantra bestimmte Riten und meditative Praktiken, die den Untergang der Welt simulieren sollen. ‚Was ist Kalachakrayana?´ (der Weg des Kalachakra), fragt einer der besten Kenner auf dem Gebiet des Tantrismus, der Inder Shashi Bhusam Dasgupta, und antwortet: ,Das Wort Kala bedeutet Zeit, Tod und Zerstörung. Kalachakra ist das Rad der Zerstörung.´«

In den Urschriften gibt es keine ökumenischen Gedanken. Im Gegenteil, als Feinde des Buddhismus werden ausdrücklich die »Führer« der drei monotheistischen Religionen, Judentum, Christentum und Islam, also die »alten Mächte« des vorigen Jahrhunderts genannt: »Adam, Henoch, Abraham, Moses, Jesus, der im weißen Gewand (Mani), Mohammed und Mathani (der Mahdi)«. Gewiß zählen hierzu auch die jahwistischen Hilfstruppen wie die Freimaurerei. Das Tantra nennt sie »die Familie der dämonischen Schlangen«.  Entgegen dem Aushängeschild buddhistischer Gewaltlosigkeit beschwört dieser Text einen globalen Religionskrieg, in dem die Anhänger Mohammeds als Hauptgegner den buddhistischen Armeen gegenüberstehen. Wir lesen, daß das »machtvolle, gnadenlose Idol der Barbaren, die dämonische Inkarnation« in Mekka lebt.

Nach der alten Regel, sei der Freund des Feindes deines Feindes, werde das antisemitische Tantra auch von rechtsextremen Kreisen als rassistische Werbung eingesetzt. Seit Jahren pflegen lamaistische Sekten mit militärischen Sprüchen und Übungen die Gleichsetzung von Buddhismus und Krieg. Die Einweihung der »Shambhala-Krieger« sei durch Uniformen, Paraden und Lager bestimmt.

»Die im Kalachakra-Tantra formulierte Staatslehre ist ,buddhokratisch´. An der Spitze herrscht der buddhistische ,Chakravartin´ (Weltenherrscher), die unmittelbare ,Inkarnation´ oder ,Emanation´ des höchsten Buddha (Adi-Buddha). Als absolutistischer ,Gott- und Priesterkönig´ vereinigt er die religiöse, politische, juristische und militärische Gewalt in Personalunion. Eine ,bürgerliche Gewaltenteilung´ ist hier unbekannt. Wer die staatsrechtliche Position des Dalai Lama im traditionellen Tibet kennt, der weiß, daß das Amt des tibetischen ‚Gottkönigs´ dem eines Chakravartin en miniatur entsprach.«

Folgerichtig fordern westliche Lama-Schüler eine »Buddhokratie« als Gegenstück zum »dekadenten« Westen: »Ich liebe es nicht, von Theokratie zu reden, weil dies eine Zuordnung zum Heiligen Römischen Reich herstellt (…), weil es die Kompetenz von einem autoritären Gott hat, der das Universum kontrolliert«. (A. F. Thurman, Vater der Hollywoodschauspielerin Uma Thurman auf der Tibetkonferenz 1996 in Bonn)

Die initiatorische Abrichtung  erfolgt wie in anderen Geheimorden »durch extreme mentale und physische Exerzitien«, der in einen wachhypnotischen Zustand jenseits von Gut und Böse versetzt. Die Urtexte fordern deswegen sogar zu Untaten auf, symbolischen wie tatsächlichen.
 
»Dies alles steht im krassen Gegensatz zum angekündigten Grazer ,Kalachakra für den Weltfrieden´ und zu den ökumenischen Beteuerungen des Dalai Lama. Beängstigend ist es, daß gerade der Shambhala-Mythos extrem aggressive Visionen und megalomanische Verschwörungstheorien im religiösen Neofaschismus ausgelöst hat. ‚Shambhala´ wird dort als die Heimat einer ‚mythischen SS´ angesehen und als ein Reich, aus dem heraus sich ein neuer Hitler inkarnieren wird, um nach einem mörderischen dritten Weltkrieg das ‚Vierte Reich´ zu errichten. Das Kalachakra-Tantra gilt in rechtsextremen Milieus als Initiationsritus in einen sakralen Kriegsorden. Schon das SS-Ahnenerbe, die Ideologieschmiede Heinrich Himmlers, zeigte reges Interesse an diesem Ritual.«

Abwehr des Okkultwahnes

Nach zu langem Schweigen häufen sich nun die kritischen Stimmen. Der Münchner Psychologe, Sektenforscher und Verfasser einer Dalai-Lama-Lebensbeschreibung, Colin Goldner, (s. MuM 1998, S.867) befand:

»Der Dalai Lama wird dort das bedeutendste Kultspektakel des Vajrayana-Buddhismus (…) veranstalten, ein Ritual mit allerlei Geister- und Dämonenbeschwörung, mit dem er die Buddhisierung Europas  vorantreiben will.«

Auch der Schweizer Theologe Bruno Waldvogel-Frei, der in einem demnächst erscheinenden kritischen Buch (»Und der Dalai Lama lächelte …«) das Tantra kenntnisreich hinterfragt, kommt zu dem Ergebnis:

»Erneut wird etwas als Ritual der Toleranz, Versöhnung und Mitmenschlichkeit ausgegeben, was im Kern etwas ganz anderes ist – nämlich das genaue Gegenteil. Und das beschäftigt mich enorm.« Der ehemalige Buddhist und Schriftsteller Martin Kamphuis, ein reger Streiter gegen den Grazer Okkultrummel, spricht von einer Bedrohung europäischer Werte. Daß das Haus Ludendorff und seine Bewegung schon 1937, nämlich durch Beiträge im »Am Heiligen Quell Deutscher Kraft« und dann 1941 in einer eigenen Schrift leidenschaftlich vor dem freiheits-feindlichen Okkultwahn Asiens warnte, auch davon scheint man heute nichts mehr zu wissen. Zum Leidwesen der Lebenserfüllung der Menschen! Seit 65 Jahren hätten sie nämlich wissen können, daß die »asiatischen Priesterkasten ebenfalls die Kollektivierung der Menschen und Völker erstreben« und das »Einbruchstor« dieses religiösen Okkultismus Yoga, Wiedergeburtslehre und das Induziertirremachen heißen. General Erich Ludendorff schrieb am 20.3.1937:

»Die buddhistische Priesterkaste auf dem ‚Dach der Welt´ ist die älteste der zur Zeit auf Erde bestehenden Priesterkasten. Sie wähnt sich als Trägerin des okkulten Wahnglaubens des Altertums und zugleich als übergeordnet dem jüdischen Levitentum und dem Priestertum der Christenlehre und des Mohammedanismus… Heute ist es dem Buddhismus gelungen, sich an die Spitze vieler Geheimorden zu setzen.«

Jetzt sind es Victor und Victoria Trimondi, die mit ihren wichtigen Werken »Der Schatten des Dalai Lama – Sexualität, Magie und Politik in tibetischen Buddhismus« von 1999 und soeben »Hitler – Buddha – Krishna – Eine unheilige Allianz vom Dritten Reich bis heute« (Überreiter Verlag Wien 2002, 29,90 Euro) sowie ihrem Aufsatz im Rheinischen Merkur 36/2002 »Äußerst wilde Krieger« die »Hauptabwehrschlacht« der dreißiger Jahre gegen die »asiatischen Priesterkasten«, ihre Wahnlehren und deren Menschenversklavung weiterführen. (www.trimondi.de und www.kalachakra-graz.at)

In der Tat, die »Debatte« wäre längst fällig gewesen. Endlich rühren sich nun einige Blätter gegen die lamaistische Machtversammlungen in Graz, z.B. das christliche »Factum« und die Nachrichtenagentur »Idea« sowie die Evangelische Allianz Österreichs. Der Grazer Bischof riet seinen Christen sogar nachdrücklich von ihrer Teilnehmer ab. Es handele sich hier nicht um eine reine Kulturveranstaltung, sondern um die »Initiation« in ein Religionssystem, das in mehreren Punkten christlichen Glaubensvorstellungen widerspreche. Das ist alles! Wer denkt da nicht an die Frage der Philosophin und Seelenärztin Mathilde Ludendorff in der erwähnten Schrift von 1941: »Nur Wechsel der Tyrannen?«

Möge die Kalachakra-Tantra-Massenversammlung in Graz dazu beitragen, daß die menschliche Denk- und Urteilskraft angesichts dieses Großangriffs auf die Seele der Menschen durch die trügerischen und krankmachenden »östlichen Weisheiten« wieder erwacht.