Katharina von Bora – eine emanzipierte Frau?

(Fortsetzung und Schluß)

Von Adelheid Duppel

Luthers Verhältnis zu einer Frau, seine Einstellung zu ihr und ihrem Verhalten kann man besonders aus seinen Briefen an sie und aus seinem Testament herauslesen. Ihre Briefe sind leider nicht erhalten.

Zuerst brachte Katharina Ordnung in Luthers Leben. Sie versuchte, ihm den notwendigen von allem Alltagskram befreiten Freiraum zu schaffen, damit er ungestört seiner Arbeit nachgehen konnte.

Die wichtigste Erkenntnis der ersten Zeit wird die gewesen sein, daß sie selbst die Sicherung des Lebensunterhaltes für ihre Familie in die Hand nehmen mußte. Denn Luther weigerte sich beharrlich, für seine gedruckten Werke Geld anzunehmen. Er lehnte sogar eine Jahrespauschale von 400 Gulden ab, die ihm seine Drucker angeboten hatten (1/149). »Ich will umsonst predigen und schreiben in Verachtung der Welt, damit sie sieht, daß einer etwas Gutes tun kann nicht aus Hoffart, sondern weil er ein Christ ist«. Überhaupt lehnte er es ab, sich mit Geld oder Geldverdienen zu beschäftigen. »Gott wird's wohl wiedergeben«, mit diesem Satz wies er alle Klagen seiner Frau über seine mangelnde Sparsamkeit und die nie ausreichenden Mittel von sich und flüchtete in seine Arbeit. Seiner Frau erschwerte er das Haushalten sehr. Denn er gab jedem Hilfsbedürftigen etwas, der ihn darum bat – und das waren damals viele – oder nahm ihn in seinem Kloster auf, ohne daran zu denken, wovon das bezahlt werden sollte.

Nach hartnäckigem Fordern – und sicherlich erst auf das Drängen seiner Frau hin – erhielt er für seine Pastoren- und Professorentätigkeit von seinem Kurfürsten dann doch ein Gehalt von 200 Gulden im Jahr. Das war damals sogar eines der höchsten Gehälter, die es gab. Professoren anderer Fakultäten bekamen weniger.(6) Auch erhielt er von Freunden große Mengen an Naturalien, aber seine schrankenlose Hilfsbereitschaft und Großzügigkeit zwangen seine Frau, selbst etwas zu unternehmen und sich nicht wie ihr Mann aus Gottes- und Schicksalsgläubigkeit darauf zu verlassen, daß sich alles schon irgendwie regeln werde.

So ließ sie mit viel Geschicklichkeit, Weitblick und einer gewissen Begabung für kaufmännische Angelegenheiten zuerst das Wittenbergische Kloster renovieren, ließ Obst- und Gemüsegärten anlegen sowie Felder und Teiche für die Fischzucht. Sie kaufte nach und nach weitere Güter dazu, betrieb Viehwirtschaft mit Pferden, Kühen und Ziegen, legte sich eine Bienenzucht zu und begann Bier zu brauen.

Sie versuchte all die riesigen Mengen von Lebensmitteln, die sie brauchte, selbst zu erzeugen. Sie wurde zur Gutsherrin, die beinahe täglich mehr als 30 Gäste zu versorgen hatte. Nebenbei – so kann man fast sagen – bekam sie noch sechs Kinder und nahm sich Zeit, an Luthers Tafelrunde teilzunehmen. Luther selbst hatte zwei bis drei Diener, die ihm beim Schreiben halfen (4/373). Verwandte, die mitarbeiteten, Lehrer ihrer Kinder und deren Zöglinge, vertriebene Priester sowie entlaufene Nonnen und Mönche fanden sich ein. Ebenso lebten eine ganze Reihe Studenten dort, die aber nur ein mageres Kostgeld zahlten. So entstand ein für unsere Begriffe riesiger Haushalt. Wohl gab es keine echte Not bei ihnen, aber Bargeld in ausreichender Menge fehlte ständig (4/374). Allerdings war dieses damals überhaupt selten und hatte dadurch größeren Wert als heute.

Ein kläglich gescheiterter Versuch Luthers ist uns überliefert, einmal Einkünfte gegen Ausgaben aufzurechnen: »Ich mag nicht mehr rechnen, es macht einen gar zu verdrossen, es will zu hoch steigen, ich hätte nie gedacht, daß auf einen Menschen so viel gehen sollte«. Und weiter: »Ich bin zur Haushaltung sehr ungeschickt und fahrlässig. Ich kann mich in das Haushalten nicht richten. Ich werde von einem großen Hauswesen erdrückt« (4/375).

Daß er nicht erdrückt wurde, dafür sorgte seine Frau. Sie richtete ihm ein behagliches Leben ein, das ihn von Existenzsorgen befreite und von weiteren strengen Fastenkuren abhielt. Sie pflegte ihn fachkundig, wenn er krank war, und das war er bei seinem ungesunden Lebenswandel oft. Manchmal hat er sich gegen die Fürsorge seiner Frau gewehrt. Dies kommt in seinen Briefen zum Ausdruck, die er seiner Frau auf seinen zahlreichen Reisen schrieb. Wir wissen nicht, ob das berechtigt war. Denn wenn sie auch immer ihrem Mann »nichts als eine gehorsame Dienerin, eine Magd« sein wollte – vielleicht weil sie wußte, daß er sie für hoffährtig gehalten hatte – so war sie doch alles andere als eine fügsame Frau. Manche Biographen werfen Katharina deshalb vor, herrschsüchtig gewesen zu sein. Dabei beziehen sie sich auf einen Brief, in dem Luther klagt: »Wenn ich noch einmal freien sollte, wollt ich mir ein gehorsam Weib aus einem Stein hauen, denn ich bin verzweifelt an aller Weiber Gehorsam«. Außer einigen wenigen Klagen von Zeitgenossen über Luthers Frau, die sich aber meistens über sie geärgert hatten, weil sie nicht das erreichen konnten, was sie wollten, gibt es keine weiteren Hinweise für eine Herrschsucht. Auch wenn bei einer derartigen Verantwortung, wie Luthers Frau sie hatte, die große Gefahr besteht, daß daraus ein gewisses die anderen unterdrückendes Verhalten entsteht (und gerade Frauen sollen besonders dazu neigen), so möchte man in diesem Falle eher darauf schließen, daß ihre notwendigerweise aus ihren Lebensumständen heraus entwickelte Entschiedenheit, Eigenverantwortlichkeit und Zielstrebigkeit zu diesem harten Urteil verführten. Sie hatte einfach keine Zeit für Umwege, und vielleicht auch nicht immer für diplomatisches Verhalten. Sie war einfach anders als die meisten Frauen ihrer Zeit, und das verstand nicht jeder. Denn zu jener Zeit wurde eine Frau wie ein unmündiges Kind angesehen, und ihr Ehemann besaß noch das Züchtigungsrecht. Eine Frau, die so selbstbewußt wie sonst nur ein Mann auftrat, war den anderen unangenehm und nicht ganz geheuer.

Liebevolle Nachsicht, aber auch Anerkennung ihrer Leistung und Tüchtigkeit kann man aus den verschiedenen Anreden herauslesen, mit denen Luther seine Briefe an seine Frau beginnen ließ: z. B. »gelehrte Frau Doktorin«, »Herr Käthe«, »Herzenskäthe«, »Frau Sorge«, »meiner gnädigen Jungfrau Katharina Lutherin von Bora und Zülsdorf gen Wittenberg«, »meinem Liebchen«, »meiner herzlieben Hausfrau«, »Katharina Lutherin, Doctorin, Bauerin und Richterin, Brauerin und Gärtnerin«, aber auch »Frau auf dem neuen Saumarkt« – da hatten Luthers nämlich gerade ein Grundstück gekauft – oder kürzer »Saumarkterin«, auch »meiner gnädigen Frau zu Händen und Füßen, und was sie mehr sein kann«. Wäre sie wirklich herrschsüchtig gewesen, dann hätte er sich bei seiner oft derben unbekümmerten, aber treffsicheren Ausdrucksweise sicher andere weniger liebevolle Anreden einfallen lassen.

Für Luther war Katharina durchaus eine Lebensgefährtin, ohne deren Mithilfe und deren Sicherung des Lebensunterhalts hätte er nicht in der Weise wirken können, wie er es tat. War sie nun damals schon so etwas wie eine emanzipierte Frau?

In Meyers Enzyklopädischem Lexikon liest man, daß Emanzipation im römischen Recht die Entlassung aus der Hausgewalt des Vaters ist. Später wurde sie die allgemeine Bezeichnung für die Befreiung aus einem rechtlichen, politischen oder sozialen Abhängigkeitsverhältnis. Von dieser Definition her konnte sie keine emanzipierte Frau gewesen sein. Sie war absolut entweder von ihrem Vater, oder von ihrem Ehemann oder von der Kirche abhängig. Damals gab es keine Möglichkeit, sich unabhängig davon einen eigenen menschenwürdigen Weg zu suchen. Sie brauchte den Schutz von Personen oder Einrichtungen, weil ihr die damalige Rechtssprechung einen solchen nicht gab. Katharina von Bora hat im Rahmen der Möglichkeiten, die ihr die damalige Zeit bot, für sich das Beste herausgeholt. Sie hat unter Luthers Schutz sich zu einer innerlich selbständigen Persönlichkeit entwickelt, die selbst denken und urteilen konnte und einen eigenen Standpunkt entwickelt hatte. So war sie fähig, am geistigen Leben ihres Mannes teilzunehmen, ihm auch einmal einen Ratschlag zu erteilen und tatkräftig für den Lebensunterhalt ihrer großen Familie zu sorgen. Sie hatte für sich selbst eine kleine Insel geschaffen, auf der sie so arbeiten und sein konnte, wie sie es mit ihrer ausgeprägten Persönlichkeit wollte. Dies ist umso anerkennenswerter, als ihre Entwicklung der der Umgebung genau entgegenlief. Denn damals waren die Frauen so rechtlos wie nie zuvor und später nie mehr. Sie wurden zunehmend der kirchlichen Willkür ausgesetzt, denn die Zeit der Hexenverfolgungen hatte begonnen. Wie leicht konnte damals eine Frau, die sich anders verhielt als die anderen, über die man sich geärgert hatte, die einem im Weg stand oder deren Vermögen man schon vor ihrem Tod haben wollte, als Hexe angeklagt werden. Die Anklagen mußten nicht einmal bewiesen werden und konnten jeder Widerlegung so angepaßt werden, daß damit immer die Schuld, d. h. die Verbindung mit dem Teufel bewiesen wurde. Und spätestens unter der Folter gestanden die Angeklagten. Es gab so gut wie keine Möglichkeit, seine Unschuld zu beweisen. Auch die Reformation bot diesem Treiben keinen Einhalt. Vielmehr wurde es durch Luthers Teufelsgläubigkeit noch gefördert. Hatte er doch selbst einmal eine Begegnung mit dem »Leibhaftigen« gehabt und ihm bei dieser Gelegenheit ein Tintenfaß nachgeworfen. Auch empfahl er, mißgebildete Kinder ins Wasser zu werfen, denn diese seien aus einer Verbindung mit dem Teufel entstanden (6/389).

Der »Hexenhammer«, eine Schrift, die von Dominikanermönchen als Hexenprozeßordnung verfaßt worden war, gab seit 1480 der Kirche die willkommene »rechtliche« Grundlage zur Verfolgung, Anklage und Verurteilung von Frauen, also ein weiteres Mittel in die Hand, mehr Macht auszuüben. Der Hexenhammer sei, so schreibt Johannes Scherr in seiner »Deutschen Kultur- und Sittengeschichte« mit dem Geifer eines vor Fanatismus, Habsucht, Wollust und Henkerslust wahnsinnig gewordenen Mönches geschrieben. Er galt mit seiner ganzen Unmenschlichkeit über zwei Jahrhunderte lang. Hierbei maßte sich die Kirche an, über Leben und Tod eines Menschen zu bestimmen. Dazu hatte sie sich mit den Juristen verbündet. Das Denunziantentum wurde gefördert und selten verloren die Ankläger und Richter dabei die Vermögensverhältnisse der Angeklagten aus dem Auge. Denn bei einer Verurteilung – und die gab es fast immer – stand jedem von ihnen ein Drittel dessen oder deren Eigentums zu (Scherr).

So wäre es ein Leichtes für Luthers Gegner gewesen, seine Frau ob ihrer verdächtigen Tüchtigkeit, als Hexe zu denunzieren. Gelegentlich klang auch diesbezüglich ein leiser Verdacht an. Jedoch schützte Luther sie durch die Bedeutung seiner Persönlichkeit (und vielleicht auch durch sein Fachwissen über den Teufel?). So wie sie ihm den nötigen Freiraum für sein Schaffen besorgt hatte, verschaffte er ihr kraft seiner Autorität den ebenfalls notwendigen Schutz für ihr selbständiges Wirken.

Die Art, wie sie ihr Leben gemeistert hatte, läßt einen darüber nachdenken, ob Emanzipation wirklich nur von einer äußeren rechtlichen Gleichstellung abhängt. Diese bietet zwar allen Frauen, also nicht nur den vom Schicksal begünstigten, die Möglichkeit, sich entsprechend ihrer Vorstellung zu entwickeln. Aber ohne eine sich ihrer Wesensart ganz bewußten inneren Selbständigkeit wird keine Frau ein erfülltes Leben führen können.

Worin besteht diese nun aber, und inwiefern unterscheidet sie sich von der sehr viel selbstverständlicheren Selbstbehauptung des Mannes?

Nachdem man es lange Jahre nicht wahrhaben wollte, erkennt man heute an, daß es tatsächlich angeborene überwiegend weibliche und männliche Begabungen und Schwächen gibt. Trotz eines einigermaßen gleichen Angebotes entwickeln z. B. mehr Mädchen Interesse am Schicksal von Personen und am Konkreten, die Jungen eher am Sachlichen und Allgemeinen. Bei vielen Mädchen ist das psychologische Einfühlungsvermögen ausgeprägter, bei der Mehrzahl der Jungen das sachlichlogische Denken und der Bezug zur Wirklichkeit. Das Mädchen wird sich leichter selbstlos für eine Sache einsetzen als ein Junge, der dabei eher aus Eigennutz handelt. Mädchen nehmen bereitwilliger Unangenehmes auf sich, Jungen versuchen eher, sich solchem zu entziehen. So waren es z. B. fast immer Frauen, die über Jahrzehnte hinweg in unendlicher Hingabe mit Tiergemeinschaften gelebt und deren Verhalten in freier Wildbahn beobachtet haben. Sie nahmen dafür die primitivsten Verhältnisse in Kauf. So kamen sie vielfach zu anderen überraschenden Ergebnissen als ihre männlichen Kollegen, die die Tiere oft nur in Gefangenschaft oder in Labors beobachtet hatten. Dian Fossey und Jan Goodall waren nur die bekanntesten, es gibt eine ganze Reihe solcher Verhaltensforscherinnen.

Die unterschiedlichen Interessensrichtungen und Wesensarten von Mann und Frau dürfen jedoch nicht zu deren schrankenlosen und einseitigen Ausnutzung führen.

So sollte jede Frau darauf achten, daß ihre Veranlagung zur Selbstlosigkeit und Hilfsbereitschaft sich nicht hindernd auf ein Selbständigwerden ihrer Kinder sowie hindernd auf die Entwicklung ihrer eigenen Persönlichkeit auswirkt. Die Versuchung, seinen Kindern jede Pflicht abzunehmen, ist naturgemäß bei Müttern, die immer um sie herum sind, viel größer als bei solchen, die noch einen weiteren Beruf ausüben oder eine große Familie zu versorgen haben. Denn schon allein dadurch werden sie gezwungen, ihre Arbeit zu Hause zu verteilen. Katharina von Bora ist durch ihren großen Haushalt und die Fülle ihrer Aufgaben sicherlich selten in Versuchung geraten, ihre Kinder zu verziehen. Dies wurde ihr zwar nach dem Tod ihres Mannes vorgeworfen, als sie – gemäß Luthers Testament – Vormund ihrer Kinder werden wollte. Aber man muß wissen, daß man damals unter einer strengen Erziehung eine mit vielen Prügeln verstand. Diese Art Erziehung haben beide Luthers abgelehnt, er vor allem deshalb, weil er seine eigene Kindheit diesbezüglich in keiner guten Erinnerung hatte.

Inwieweit sich Katharina von Bora in ihren 21 Ehejahren einmal Zeit für sich selbst genommen hatte, das wissen wir nicht. Natürlich muß ein solches Bedürfnis in gewissen Zeiten der Pflicht untergeordnet werden, aber gerade dann, wenn die Kinder größer werden, sollte sich jede Frau davon wieder etwas zurückholen, um vorhandene Begabungen nicht verkümmern zu lassen, sich einen Ausgleich zum Alltag zu verschaffen und auch etwas für die eigene geistige und seelische Bildung zu tun. Die Zeit des Kindererziehens ist nur ein Lebensabschnitt im Leben einer Frau.

Eine gute Berufsausbildung, die es zu Katharina von Boras Zeiten überhaupt nicht gab, ist heute für jedes Mädchen selbstverständlich und genauso wichtig wie für einen Jungen. Und zwar nicht nur zur Absicherung des eigenen Lebensunterhaltes oder der Familie, wenn der Vater als Hauptverdiener ausfällt, sondern auch, um mit eigener Lebenserfahrung dem Mann ebenbürtig zur Seite stehen zu können. Ein paar Jahre Berufserfahrung vor der Ehe und der Geburt der Kinder helfen, sich selbst, seine Belastbarkeit, seine Stärken und seine Schwächen kennenzulernen sowie das Leben außerhalb der eigenen Familie. Auch heranwachsenden Kindern kann diese Mutter eher mit Klugheit und Verständnis zur Seite stehen, als eine Frau, die keine Ahnung hat, was in der Welt draußen geschieht.

Warum sollte sich auch eine glücklich verheiratete Frau nicht manchmal fragen, ob sie ihr Leben mit all seinen Schwierigkeiten auch alleine meistern könnte? Ob sie sich durch die Sicherheit ihrer Ehe nicht vielleicht doch zur Bequemlichkeit verführen läßt und ob sie ihre Entscheidungen noch unabhängig von der Meinung ihres Mannes trifft? Ob sie genügend über das Notwendige nachdenkt und sich um ihre vorhandenen Begabungen kümmert? Läßt sie sich von Familie und Haushalt über die notwendige Pflicht hinaus zu sehr versklaven oder gebraucht sie diese vielleicht sogar als Ausrede, um nicht etwas für sich selbst tun zu müssen? Es gibt ja so etwas wie Opfersucht. Ist sie überhaupt noch ein überzeugendes Vorbild einer selbstbewußten und selbständig denkenden und handelnden Frau, die ihre Tochter einmal werden soll? Denn ihre Tochter soll doch genauso zu verantwortungsbewußtem Handeln erzogen werden wie ihr Sohn, damit sie später nicht tatenloses Opfer irgendwelcher Umstände wird, sondern jede Entscheidung bewußt trifft und für die Folgen einsteht. Keine noch so gute Theorie ersetzt hier das Vorbild der Eltern, die einander achten und ergänzen, die beide selbständig denken und urteilen können und trotz zermürbendem Alltag sich selbst und ihre Begabungen nicht verkümmern lassen.

Naturgemäß müssen sich Frauen, die voll und ganz im Berufsleben stehen, die einen Beruf aus Neigung und nicht aus Notwendigkeit ausüben, diese Fragen viel seltener stellen, als Frauen, die zu Hause sind. Sie haben es leichter, wirklich »emanzipiert« zu sein, da ihre Tätigkeit dies oft schon von ihnen fordert. Genaugenommen war Katharina von Bora eine berufstätige Frau. Wahrscheinlich wird sie auch deshalb als Vorbild hingestellt. Denn sie hat das fertiggebracht, worum heute so viele Frauen kämpfen, und was uns von der Öffentlichkeit immer als das erstrebenswerte Ziel einer emanzipierten, modernen, mit der Zeit gehenden Frau vor Augen gehalten wird: Berufstätigkeit trotz Kindern.

Luthers Frau hatte jedoch viele Hilfskräfte, die ihr Arbeit abnahmen: Verwalter ihrer Güter, Knechte und Mägde für ihren Haushalt, sowie Verwandte zur Aufsicht ihrer Kinder. So konnten die Kinder in der vertrauten Umgebung und weitestgehend in dem Einflußbereich ihrer Eltern bleiben. Diese Möglichkeiten haben Frauen heute nicht mehr, weil Hilfskräfte für den Haushalt schlicht und einfach unbezahlbar geworden sind. Dafür stehen ihnen jetzt Kindergärten und Horte zur Verfügung, die ihr die Betreuung ihrer Kinder abnehmen.

Was auf den ersten Blick wie eine für emanzipierte Frauen ideale Lösung aussieht, sollte jedoch auch einmal von der Seite der Kinder aus betrachtet werden: Sie werden von ihren Müttern heute viele Stunden lang staatlichen Einrichtungen mit berufsmäßigen Erziehern überlassen, oft nicht einmal aus Notwendigkeit, sondern nur, um »sich selbst zu verwirklichen«. Dabei besteht diese Selbstverwirklichung häufig nicht einmal aus einer anspruchsvollen Tätigkeit, sondern dient als Ausrede für das Streben nach mehr Wohlstand. Das Kind wird dazu in einem Alter von drei Jahren oder noch früher aus seiner überschaubaren, vertrauten Umgebung herausgerissen und in ein größere Gruppe gegeben. Es muß sich nun ständig mit vielen Personen abgeben, daß es kaum noch Zeit hat, ungestört zu spielen und seiner Phantasie freien Lauf zu lassen. Es wird gezwungen, sich mit seiner vielfältigen Umgebung tagtäglich auseinanderzusetzen und dabei viel zu früh die nötigen Fähigkeiten für den Daseinskampf zu entwickeln. Es lernt bald, seine Vernunft einzusetzen und sich zu behaupten. Es wird vielleicht sogar bei den Müttern Neid erregen, die ihre Kinder unbewußt vor einer derartigen Entwicklung bewahrt hatten, deren Kinder sich aber in den ersten Schuljahren sehr schwer tun, sich bei ihren Mitschülern durchzusetzen, die das ja schon von klein auf gründlich gelernt haben. Aber diese Mütter wissen nicht, wieviel Gutes sie doch für die Seele ihres Kindes getan haben, wenn sie sie zu Hause in der überschaubaren unverplanten Geborgenheit aufwachsen ließen. Sie haben ihr ein sehr viel reichhaltigeres Erleben geschenkt, das ihm als Erwachsenem zugute kommen wird. Ein fernes Erinnern an eine unbeschwerte und unbekümmerte Kinderzeit kann dazu beitragen, nicht ein Mensch zu werden, der in allem und jedem nur seinen Vorteil sieht sowie nur nach Nützlichkeitserwägungen handelt. Sehr viele Mütter wollen eigentlich nicht, daß ihre Kinder solche nur noch eigennützig handelnde Erfolgsmenschen werden, aber sie sind sich nicht darüber im klaren, daß gerade eine Erziehung von klein auf in großen staatlich gelenkten Gruppen eine solche Entwicklung fördert.

Auch ist leider vielen Hausfrauen und Müttern nicht bewußt, daß sie in hohem Maße unersetzliche Kulturarbeit leisten, und zwar in mehrfacher Hinsicht. Denn »Kultur ist die bewußte Pflege und Erfüllung des Wunsches zum Guten, Wahren und Schönen in unserer Seele und deren Gestaltung in Wort, Werk und Tat« (7b/120).

Selbst wenn eine Frau kein schöpferischer Mensch ist, kann sie diesen Wunsch zum Schönen z. B. in der Gestaltung und Pflege ihrer Wohnung verwirklichen. Schon ein Strauß Wiesenblumen verschönt die Umgebung. Das ist keinesfalls eine Frage des Geldbeutels. Denn schon mit kleinen Dingen und einer gewissen Gepflegtheit erreicht sie die für uns Deutsche so geschätzte Gemütlichkeit. Dazu gehört nun einmal auch das Putzen, das man wirklich nicht zu den anspruchsvollsten Tätigkeiten zählen kann. Aber jede Hausfrau möge sich doch einmal selbst dabei beobachten. Sie wird feststellen, daß sie selten mit ihrer ganzen Aufmerksamkeit bei dieser Arbeit ist. Vielmehr gehen ihre Gedanken spazieren. Sie kann in dieser Zeit über mehr Dinge nachdenken, als eine berufstätige Frau, deren Arbeit ihre volle Aufmerksamkeit erfordert. Wahrscheinlich ist dies sogar eine Art Selbstschutzmaßnahme der Seele, die so bei anspruchslosen und eintönigen Beschäftigungen durch eine regere geistige Tätigkeit vor seelischer Verarmung schützt.

Auch bei der Erziehung ihrer Kinder leistet eine Mutter Kulturarbeit denn sie sorgt dafür, daß das arteigene Gemütserleben angesprochen wird. Das ist heute umso wichtiger, als das in den Schulen nicht mehr stattfindet bzw. bewußt vermieden wird. Das Gemüt eines Menschen, d. h. bestimmte Bereiche im Unterbewußtsein seiner Seele, werden durch eigene Volkslieder, Volkstänze, Werke eigener Volksdichter und durch die Volkskunst angesprochen und dadurch gestärkt. So kann durch eine gemütsmäßige Bewegtheit oder Begeisterung bei einem Kind die Ansprechbarkeit für Fremdes herabgesetzt werden. Dadurch wird nicht nur althergebrachtes Kulturgut vor dem Vergessen bewahrt, sondern dessen Erhaltung und Pflege kann das Zugehörgkeitsgefühl zum eigenen Volk stärken. Diese Kulturarbeit ist nicht nur für ihre Familie wertvoll, sondern bereichert auch das seelische Erleben der Frau selbst. Das kann ihr dann helfen, Alltag und Daseinskampf erträglicher werden zu lassen.

Doch nun zurück zu Katharina von Bora. Mit Luthers Tod brach ihre mühsam aufgebaute Sicherheit zusammen und der Rechtsschutz, den sie als verheiratete Frau hatte, fiel weg. Zunächst einmal war es Martin Luthers Schuld, der sein Testament ohne Berücksichtigung der damaligen Rechtslage abgefaßt und die gesetzlichen Vorschriften auf seine Weise ausgelegt hatte. So wurde es trotz der Zeugen, die mitunterschrieben hatten, sofort angefochten. Damals gab es nämlich überhaupt noch keine Witwenrente (3/390), der Ehemann mußte vor seinem Tod versuchen, für eine finanzielle Sicherheit seiner Frau nach seinem Tod vorzusorgen. So wollte Luther seiner Frau ein »Leibgeding« oder »Weibgeding« überschreiben, ein »Erbdächlein« oder »Herdlin«. Nach Sachsenrecht hätte sie nach dem Tod ihres Mannes nur einen Stuhl und einen Rocken, d. h. ein Spinnrad haben sollen. Martin Luther interpretierte den Stuhl als Haus und den Rocken als Nahrung und verknüpft damit die dafür jeweils notwendigen Güter. Diese Deutung erkannten die Juristen nicht an, und gerade diejenigen, die mit Luther und seiner Frau schon zu seinen Lebzeiten nicht zurechtgekommen waren, versuchten nun, seiner Witwe das Leben so schwer wie möglich zu machen.

Ihre beiden jüngsten Kinder waren beim Tod ihres Vaters erst 12 und 14 Jahre alt. Nach Martin Luthers letztem Willen sollten die Kinder von seiner Frau als Vormund erzogen werden (5/75). Auch daraus spricht das Vertrauen, das Luther zu den Fähigkeiten seiner Frau hatte. Nur berücksichtigte er dabei nicht, daß seine Frau nach der gängigen Rechtsprechung selbst einen Vormund benötigte. Unter dem Vorwand, der riesige Haushalt müsse verkleinert werden, versuchen ihre Gegner, ihr die Kinder wegzunehmen. Ein weiterer Vorwurf, der dieses Ansinnen unterstützte, war der, daß sie ihre Kinder nicht ordentlich erziehen würde. Wir wissen heute jedenfalls, daß jedes ihrer vier erwachsen gewordenen Kinder erfolgreich seinen Weg gegangen ist. Auch wenn das nicht unbedingt der Verdienst ihrer Mutter sein muß, so können wir doch aus ihrer Lebensgeschichte annehmen, daß ihnen nicht durch ein Verwöhnen und Verzärteln die Zukunft erschwert worden war.

Katharina von Boras Gegner versuchen nun mit allen Mitteln, ihr das wegzunehmen, worin sie so tüchtig gewesen war: ihre Güter, ihre Kinder und ihre Selbständigkeit, um sie nun doch noch in eine Abhängigkeit hineinzuzwingen. Selbst ihre Versuche, den Kindern eine gewisse finanzielle Sicherheit zu erhalten, wurden sofort als Habgier ausgelegt. Nach vielen aufreibenden Kämpfen erreichte sie wenigstens, daß sie die Kinder behalten sowie einen Teil ihrer Güter weiter bewirtschaften durfte. Selbst um das Wittenbergsche Kloster mußte sie kämpfen, das ihr und ihren beiden ältesten Kindern seinerzeit vom Kurfürsten genauso überschrieben worden war wie ihrem Mann. Unmittelbare eigene Entscheidungen konnte sie aber nicht mehr treffen. Sie brauchte für alles und jedes die Zustimmung ihres eigenen Vormundes oder des Vormundes der Kinder, oder die eines der Nebenvormunde. Sie erhielt zwar die gewünschten Vormunde für sich und die Kinder, aber sie mußte ständig um Erlaubnis fragen und das mühselige Überzeugen der anderen kostete sie viel Kraft. Sie war nun von Männern abhängig geworden, die zwar Freunde ihres Mannes gewesen waren, die aber nicht immer eindeutig ihre Interessen vertraten, sondern glaubten, daß sie besser wüßten, was für sie gut sei (3/398).

Gerade, als sie dachte, daß sie ihr Leben wieder einigermaßen geregelt hätte, brach der Schmalkaldische Krieg aus. Der Schmalkaldische Bund, 1531 gegründet, war ein Zusammenschluß von protestantischen Reichsständen und ursprünglich zur Verteidigung des evangelischen Glaubens geschlossen. Ein erbitterter Gegner dieses Bundes war unter anderen der deutsche Kaiser Karl V. Diesem Bund hatten sich im Laufe der Zeit noch andere, nicht-protestantische Fürsten angeschlossen, denen es nicht um die Wahrung des protestantischen Glaubens, sondern vielmehr um ein Zurückdrängen der Habsburger ging, des Herrscherhauses, dem auch Karl V. angehörte.

15 Jahre nach seiner Gründung, in Luthers Todesjahr, brach nun ein Krieg zwischen beiden Parteien aus. Ein Jahr später kam es zur Niederlage des Schmalkaldischen Bundes. Katharina von Boras Besitz lag in einer vom Kriegsgeschehen betroffenen Gegend. Als Martin Luthers Witwe befürchtete sie, mit ihren Kindern Ziel von Überfällen zu werden und flüchtete nach Braunschweig. Nach zwei Monaten kehrte sie in ein unbeschädigtes, aber restlos geplündertes Zuhause zurück. Wieder mußte sie mit der Sicherung ihres Lebensunterhaltes von vorne beginnen. Der im Exil lebende König Christian von Dänemark unterstützte sie zwar weiter, aber die Schwierigkeiten, die ihr durch die Umwelt bereitet worden waren, sowie die Auswirkungen des Schmalkaldischen Krieges, hatten sie zermürbt.

Als dann erneut die Pest in Wittenberg ausbrach, fehlten ihr Mut und Kraft, um – wie noch zu den Lebzeiten ihres Mannes – dazubleiben, und die Kranken zu pflegen. Auf einmal fürchtete sie sich vor einer Ansteckung. Wieder flüchtete sie, verunglückte aber auf der Flucht und starb dreiundfünfzigjährig in Torgau an den Folgen dieses Unfalls. Sie hatte ihren Mann nur um sechs Jahre überlebt.

Für uns ist sie eine beeindruckende Persönlichkeit, die sich tapfer in einer Zeit behauptet hatte, die es ihr nicht leicht gemacht hat. Der Übergang vom 15. Zum 16. Jahrhundert wird zwar als das Ende des Mittelalters bezeichnet, die Welt war durch die Entdeckung Amerikas größer geworden, Kopernikus schickte sich an, durch seine Forschungsergebnisse die Weltanschauung zu revolutionieren. Aber wegen eben solcher naturwissenschaftlicher Erkenntnisse mußten damals Menschen noch ihr Leben lassen. Katharina von Bora hatte in einer Zeit gelebt, in der selbst noch ihr Mann die Vernunft als »Hure des Teufels« bezeichnet hatte und in der Frauen weiter als jemals zuvor von der Erkenntnis einer anderen Wesensart oder gar Gleichberechtigung entfernt waren.

Und in dieser Zeit hat sie uns das Leben einer tatkräftigen, selbstbewußten und selbständigen Frau vorgelebt und damit mehr geleistet, als manch eine Frau heute unter sehr viel leichteren Bedingungen.


Literatur:

  1. Marianne Wintersteiner: Luthers Frau Katharina von Bora
  2. Eva Zeller: Die Lutherin
  3. Ursula Sachau: Das letzte Geheimnis, das Leben und die Zeit der Katharina von Bora
  4. Hellmut Diwald: Luther
  5. Martin Luther: Vom ehelichen Leben
  6. Johannes Scherr: Deutsche Kultur und Sittengeschichte
  7. Mathilde Ludendorff: a) Des Kindes Seele und der Eltern Amt,
    b) Das Weib und seine Bestimmung
  8. Schwester Mary Ethel: Frauen hinter Klostermauern