Von Adelheid Duppel
Am 29. Januar 1999 hatte sich der Geburtstag Katharina von Boras zum fünfhundertsten Mal gejährt. Sie war eine der ersten aus einem Kloster geflüchteten Nonnen, die dann später die Ehefrau des ehemaligen Mönches Martin Luther wurde. Lucas Cranach, der Ältere hatte sie gemalt und nach seinen Skizzen auch Tizian, der Hofmaler Kaiser Karl V. Die Bundespost gab ihr zu Ehren in diesem Jahr eine eigene Sondermarke heraus. Allen Pastorenfrauen dient sie noch heute als Vorbild für vielfältige soziale Tätigkeiten.
Nun fragen wir uns, ob sie es lediglich ihrer Stellung als Luthers Frau zu verdanken hatte, daß sie nie vergessen wurde, oder ob sie selbst Anteil am Wirken ihres Mannes hatte und er vielleicht ohne sie nicht in dem Ausmaß hätte arbeiten können, wie er es getan hatte. War sie vielleicht schon zu einer Zeit innerlich selbständig und unabhängig, als von einer Emanzipation der Frau noch lange keine Rede war?
Katharina von Bora entstammte einer verarmten Ritterfamilie. Die Biographen sind sich uneins in der Frage, wann Katharina in ein Kloster kam. Manche meinen, sie wäre dort mit sechs Jahren eingetreten, andere mit zehn oder sechzehn Jahren. Dann hätte sie bei ihrer Flucht eine Nonnenzeit von 14 bzw. 18 Jahren hinter sich gehabt.
Mit Sicherheit hat sie mit 6 Jahren die Klosterschule in Brehna, mit 10 Jahren die des Klosters Nimbschen besucht, aber wahrscheinlich nur als Schülerin und nicht als Nonnenanwärterin. Denn gegen eine schon im Kindesalter beginnende Klosterzeit spricht ein von Kurfürst Friedrich dem Weisen am 18. Februar 1495 erlassenes Verbot der Aufnahme von Kindern in den Novizinnenstand (1/20). Natürlich wissen wir nicht, inwieweit dieses Verbot immer befolgt wurde.
Gegen die lange Klosterzeit spricht auch Katharinas selbstbewußtes und tatkräftiges Verhalten, das sie bei ihrer Flucht und später vor allem an Luthers Seite zeigte.
Denn wir wissen heute, wie das Leben einer Nonne im Mittelalter aussah und welche Auswirkungen es auf ihre Persönlichkeitsentwicklung hatte:
Wiederkehrende Fastenzeiten, unterbrochener Nachtschlaf, nach genauer Vorschrift ausgefüllte Stunden, täglich mehrmaliges Beten, auch nachts, das Verbot, das Kloster zu verlassen, kaum Verbindungen zur eigenen Familie, Verbot von Eigentum, Zensur der Briefe (8/72) sowie ständiges Beichten und Androhen von Strafen ließen die Nonnen ein freudloses, ganz auf den Dienst an ihrem Gott und ein vermeintliches Leben nach dem Tode hin ausgerichtetes Dasein erleben. Eine solche Lebensweise führt zwangsläufig im Laufe der Zeit zu einer Wesensveränderung.
Denn wenn man bedenkt, daß ein sechsjähriges Kind – und so alt soll Katharina v. Bora ja nach einigen Biographen gewesen sein – unbedingt noch eine kleine, vertraute und überschaubare Gemeinschaft, wie sie eine Familie darstellt, braucht, um in der nötigen Geborgenheit und Sicherheit aufzuwachsen, kann man sich vorstellen, daß die Zustände, wie sie in den damaligen Klöstern herrschten, seine Entwicklung stören, in eine ganz andere Richtung lenken und seelische Schäden nach sich ziehen mußten. In einer Zeit, in der die logische Denkfähigkeit eines Kindes noch nicht entwickelt ist, in der es selbst noch kaum eigene Urteile fällen kann, wird es pausenlos Beeinflussungen ausgesetzt, die einer Entwicklung zum selbständigem Denken geradezu entgegenstehen. Ein Tag, der so ausgefüllt ist mit Gebeten, kirchlichem Unterricht und Arbeiten, läßt den Betroffenen keine Zeit zum Nachdenken. Durch die Abgeschiedenheit wird ihnen jede Möglichkeit genommen, etwas anderes kennenzulernen oder Vergleiche mit der Umwelt zu ziehen. Häufig kam noch ein Sprechverbot dazu, womit Freundschaften und der Austausch von Erfahrungen verhindert und so jede Art von Gemeinsamkeit unterbunden werden sollte. Statt dessen wurden Intrigen gefördert und Spitzeldienste belohnt. Jede Novizin oder Nonne sollte sich innerhalb der menschlichen Gemeinschaft allein und nur ihrem persönlichen Gott verbunden fühlen.
Auch mit dem Abschneiden der Haare beim Eintritt ins Kloster, der Beschlagnahmung jeden persönlichen Eigentums, sowie dem Ablegen des eigenen und dem Annehmen eines fremden Namens soll der Teil der Persönlichkeit aufgegeben werden, der für die Unterschiedlichkeit durch Eigenarten, Vorlieben und Erinnerungen verantwortlich ist. Die natürliche unendliche Vielfalt in der Ausprägung der einzelnen Persönlichkeiten wird zerstört und durch eintönige Gleichförmigkeit im Denken, Fühlen und Handeln ersetzt. Das Gelübde zum Gehorsam zerstört restlos jeden Antrieb zu eigenem selbständigem Tun (8/69). Denn es wird absoluter Gehorsam gegenüber der Oberin, dem Beichtvater oder jedem anderen vorgesetzten Geistlichen verlangt. Der Gehorsam diesen Leuten gegenüber ist derselbe wie der ihrem Gott gegenüber (8/66). Er führt also zu einer Vergöttlichung der Vorgesetzten, ohne nach der Sittlichkeit eines Befehls oder dem Charakter dieser Leute zu fragen. Die später heilig gesprochene Nonne, Maria Magdalena von Pazzi forderte den vollkommenen Gehorsam, denn dieser verlange »eine Seele ohne Willen und einen Willen ohne Urteil«.
Liebe oder Zuneigung zu Verwandten wurde als überflüssiger Aufwand bezeichnet, den sich eine Nonne nicht mehr leisten dürfe, da alle Liebe ihrem Bräutigam Jesus Christus gehören solle. Hatte man doch schon früh gemerkt, daß Verwandte, die außerhalb dieses Zwangssystems standen, dieses kritisch sahen und alle klösterlichen Bemühungen zu einer Abhängigkeit wieder zunichte machen konnten. So behauptete man, diese würden sich dem geistigen Fortschritt entgegenstellen und erzog die Nonnen zu Gleichgültigkeit oder sogar zu Haß auf die eigene Familie einschließlich der eigenen Eltern.
Das Armutsgelübde sollte nicht nur den Wohlstand und damit die Macht der Kirche mehren, sondern diente ebenfalls der Beseitigung jeglicher persönlicher Unterschiede. Kein liebgewordener Besitz, und sei er auch noch so klein, wurde gestattet. Jede persönliche Erinnerung an eine Zeit vor dem Eintritt in das Kloster wollte man damit vernichten.
Besonders die ständigen Drohungen mit Hölle und Teufel bezwingen bei Novizen im kindlichen Alter irgendwann ihre Eigenwilligkeit und die innere Abwehr. Gewiß kann ein Kind, wie es Mathilde Ludendorff in »Des Kindes Seele« beschreibt, bei bestimmten Einflüssen – guten wie schlechten – die Aufmerksamkeit abschalten, sich in sein ureigenes Reich der Phantasie zurückziehen und träumen. Sie spricht dann von der »schirmenden Hülle«, die das Kind um sich herum aufrichtet. Aber diese Fähigkeit ist keine Gesetzmäßigkeit, auf die man sich verlassen könnte. Der Rückzug in die eigene Traumwelt erfolgt willkürlich und wendet sich leider manchmal auch gegen richtige und notwendige Erziehungsmaßnahmen. Und selbst wenn ein Kind seine schirmende Hülle gegen die Einflüsse in einem Kloster aufrichten sollte, so ist diese der ständigen Beanspruchung nicht gewachsen, bricht im Laufe der Zeit zusammen und ist dann kein Schutz vor Beeinflussung mehr.
Bedingungsloser Gehorsam, der noch dazu den Gottesstolz eines Kindes mit Füßen tritt, sowie Glaubensgrundsätze, die der Vernunft widersprechen, können oft nur durch das Androhen von Strafen erzwungen werden. Diese sollen Angst erzeugen und Anordnungen werden nur deshalb erfüllt, weil der Betroffene die Folgen fürchtet, die ein unerwünschtes Verhalten nach sich zieht. Sitzt die Angst einem Kinde erst so richtig in der Seele, erreicht der Lehrer, der Erzieher oder der vorgesetzte Priester von ihm alles, was er will. Das setzt sich fort bis ins Erwachsenenalter. Angst lähmt den eigenen Willen und macht auf diese Weise gefügig. Je länger ein Kind solchen seelen- und willenschädigenden Einflüssen ausgesetzt ist, desto tiefer haben sich diese in seine Seele eingegraben, desto stärker ist seine Willenslähmung, wenigstens auf dem Gebiet, auf dem die Kirche besonderes Interesse hat: Gehorsam, Glaube und Befolgung christlicher »Gebote«.
Je besser das gelingt, desto zuverlässiger reagieren diese abgerichteten Kinder auch als Erwachsene und desto ausgeprägter ist der Verlust dessen, was die eigene Persönlichkeit mit ihren besonderen Eigenschaften ausmacht. Es entsteht ein Heer von gleichartig denkenden, fühlenden und handelnden Menschen, die noch dazu die Fähigkeit verlieren, auf sich selbst gestellt, mit einer Wirklichkeit außerhalb der Klostermauern fertigzuwerden.
Daniel March faßt das in seiner Schrift »Geheimnisse des Beichtstuhls« folgendermaßen zusammen (8/69):
»Die Gelübde einer Nonne sind eherne Ketten. Um die Nonne ist eine unsichtbare Mauer errichtet, so hoch, daß sie sie nicht durchstoßen kann. Wenn sie das Kloster verläßt, verläßt sie die einzigen Freunde, die sie kennt. Die Jahre, die sie im Kloster verbracht hat, haben alles andere aus ihr gemacht, als ein Wesen, das mit der Wirklichkeit fertig werden kann; denn sie haben sie zu einem Wesen ohne eigenen Willen gestempelt.«
Auch wenn Katharina von Bora zeitlebens eine tief religiöse Frau geblieben ist und sich ebenso wie ihr Mann nie von einer gewissen Furcht vor dem Teufel frei machen konnte, waren die Einflüsse aus ihrer Klosterzeit nicht derart, daß sie ihre Willensstärke und Tatkraft im Alltag gelähmt hätten. Höchstwahrscheinlich war sie den eben beschriebenen Seelenschädigungen nicht lange genug ausgesetzt. Denn ihr selbstbewußtes Auftreten, das wir noch kennenlernen werden, widerspricht einer fast 20 Jahre dauernden strengen Klosterzeit.
Ebensowenig ist es vorstellbar, daß eine Frau, die nichts als diese ränkesüchtige, gefühllose und die Seele abtötende Umgebung kennengelernt hat, fähig wird, als Ehefrau und Mutter ihrer Familie Liebe, Nestwärme und Geborgenheit zu vermitteln, wie es Katharina von Bora offensichtlich gelungen ist.
Als Nonne gehörte Katharina von Bora zu den wenigen für damalige Verhältnisse gebildeten Frauen. Wohl hatte sie ihre Kenntnisse hauptsächlich aus der Bibel und der Kirchengeschichte, aber sie hatte sich aus eigenen Wissensdrang und dem Bedürfnis, helfen zu wollen, darüber hinaus auch mit der Heilkunde beschäftigt. Diese war damals noch eng mit dem Aberglauben verbunden. Selbst der berühmte Arzt, Philosoph und Naturforscher, Theophrastus Paracelsus, ein Zeitgenosse Katharina von Boras, war nicht frei davon. Seine Erkenntnisse waren zwar bahnbrechend für die moderne Medizin, denn er begann, den Zusammenhang von Ursache und Wirkung zu untersuchen und chemische Arzneimittel einzuführen. Aber er bezeichnete neben Chemie und Tugend immer noch Kabbala und Magie sowie die Astrologie als die vier Hauptsäulen der Medizin (6/361).
Die Beschäftigung mit der Heilkunde – Katharina von Bora war von einer sogenannten Siechenmeisterin im Kloster angelernt worden – ermöglichten ihr gelegentlich Besuche außerhalb des Klosters entweder, um Kranke zu besuchen oder, um sich Zutaten für Heilmittel zu besorgen. Möglicherweise hatten diese Besuche für die Entwicklung Katharinas auch eine größere Bedeutung. Denn die Verbindungsmöglichkeiten nach draußen könnten ebenfalls verhindert haben, daß sie weltfremd und für ihr späteres Leben untauglich wurde.
Sicher ist, daß die 16jährige Katharina von Bora am 8. Oktober 1515 als Nonne im Kloster Nimbschen bei Grimma eingesegnet wurde. Vermutlich war dies nicht ihr eigener freiwilliger Entschluß gewesen. Denn üblicherweise bestimmten die Eltern über die Töchter, vor allem dann, wenn sich kein Ehemann eingefunden hatte. Warum dies bei Katharina von Bora der Fall war, kann man nur erraten. An ihrem Aussehen kann es nicht gelegen haben vielleicht aber an ihrem für die damalige Zeit zu selbstbewußten Wesen.
Höchstwahrscheinlich wollten ihre Eltern sie versorgt wissen. War ein Mädchen in einem Kloster untergebracht, mußten sie sich nicht mehr um sie kümmern und nicht mehr für ihren Lebensunterhalt aufkommen. Außerdem erhoffte sich so manch eine Familie eine Verminderung ihres Sündenkontos, wenn sie ein Mitglied im Kloster hatte, das dann für ihr Seelenheil betete. Dies beruhigte ihr christliches Gewissen und war eine Art selbstsüchtiger Sündenablaß, der damals neben dem finanziellen so üblich war. Auch Luther hatte das bei seinem Aufenthalt in Rom für seine Familie bezweckt (4/60). Doch später lehnte er diese Art Sündenabrechnung ab.
Sieben Jahre nach ihrer Einsegnung entschloß sich Katharina von Bora mit acht anderen Nonnen aus dem Kloster zu flüchten. Zuerst hatte sie sich ebenso wie ihre Mitschwestern mit der Bitte an ihre Eltern gewandt, sie aus dem Kloster nach Hause zu holen. Der Hauptgrund dafür waren die zunehmenden Bauernunruhen. Einige Klöster waren schon von aufständischen Bauern überfallen und den Nonnen übel mitgespielt worden. Jedoch alle Eltern lehnten dies ab. Für sie hatte ein einmal geleistetes Gelübde ein Leben lang zu gelten, ganz gleich, ob es freiwillig erfolgt war oder nicht.
Ein weiterer Grund für den Wunsch, das Kloster verlassen zu dürfen, sind sicherlich Luthers Schriften gewesen, in denen er sich unter anderem gegen die Ehelosigkeit von Nonnen und Mönchen wandte. Diese waren in den Klöstern verboten. Ihr Besitz zog schwere Strafen nach sich, da sie nicht nur deren althergebrachte Ordnung und Existenz angriffen, sondern überhaupt die Autorität der katholischen Kirche in Frage stellten. Aber wie das häufig im Leben ist, reizt gerade das Verbotene. Die Klosterinsassen kannten viele von Martin Luthers Flugblättern. Seine Ablehnung der Ehelosigkeit bei Mönchen und Nonnen hatte sicherlich in der einen oder anderen die Mütterlichkeit geweckt, ein Trieb, der restlos unterdrückt worden war. So entstand in vielen damals der Wunsch, wieder am Leben teilzunehmen, vielleicht eine eigene Familie zu gründen und Liebe, Geborgenheit sowie Fürsorge zu erleben.
Da eine Nonne, die nach geleistetem Gelübde aus einem Kloster geflüchtet war, mit schwersten Strafen bis hin zum Tod belegt werden konnte, wenn sie von den Klosterknechten wieder eingefangen wurde (3), kann man beurteilen, welche Willensstärke und Entschlußkraft Katharina besessen haben muß, als sie sich zur Flucht entschloß. Wohl hatte sie Luther um Hilfe gebeten, da ihr diese von ihrer eigenen Familie verweigert worden war. Dieser hatte dann auch ihre Flucht mit den anderen zusammen in die Wege geleitet, aber sie hatte nun nichts als Ungewißheit vor sich, mußte mit dem Unverständnis ihrer Umgebung rechnen und war auf die Hilfe fremder Leute angewiesen.
Übrigens hatte Luther seine Schrift: »Daß Jungfrauen Klöster göttlich verlassen mögen« erst später als Rechtfertigung für seine Beihilfe zur Flucht und die des Kaufmanns Koppe geschrieben. In dieser heißt es (5/45), daß
Luther fühlte sich nun für die entflohenen Nonnen verantwortlich. Einige brachte er doch noch bei ihren Familien unter, für andere fanden sich in der nächsten Zeit Ehemänner. Von Katharina sagte Luther, nachdem er sie kennengelernt hatte: »Es wird schwer sein, sie unterzubringen, weil sie recht hoffärtig ist«. Das sollte heißen, sie hatte eine eigene Meinung, sie wollte auch nicht jeden Mann nehmen, nur um versorgt zu sein. Sie war einfach nicht so fügsam und demütig, wie es damals Frauen zu sein hatten.
Dies ist auch deshalb erwähnenswert, da zu jener Zeit eine Frau ohne Mann rechtlos war. Dazu kam, daß sie keine Möglichkeit und keine Ausbildung hatte, um ihren Lebensunterhalt auf einer ihrem Bildungsgrad entsprechenden Ebene zu verdienen. So bedeutete eine Heirat sowohl materielle als auch rechtliche und soziale Sicherheit.
Katharina von Bora wollte diese aber nicht um jeden Preis. Eine erste Liebe ging in die Brüche, möglicherweise, weil die Familie des jungen Mannes keine entflohene Nonne in ihrer Familie duldete und der junge Mann sich danach richtete. Einen weiteren Bewerber um ihre Hand lehnte sie ab, weil sie ihn nicht mochte und Zweifel an seinem Charakter hatte.
So lebte sie zwei Jahre erst in der Familie des Magisters Reichenbach, dem späten Bürgermeister und Ratsherren von Wittenberg, und bei dem Maler Lucas Cranach. Beide waren Anhänger Luthers und so riß ihre Verbindung zu diesem nie ganz ab. In dieser Zeit lernte sie das Leben außerhalb von Klostermauern kennen und wie man einen Haushalt führt. Außerdem konnte sie ihrem Interesse für Heilkunde nachgehen, da Lucas Cranach eine Apotheke besaß. Obwohl sie zunächst versorgt war, machten sich Luther und ein Teil seiner Freunde Gedanken um ihre Zukunft.
Nikolaus von Amsdorf, der noch einmal als Werber zu ihr geschickt worden war, erhielt auf seinen ärgerlichen Schlußsatz: »Es entspricht nicht dem Willen des Herren, wenn ein Fräulein wie Ihr ledig bleibt, nur weil es gerade den einen nicht gekriegt hat, den es wollte«, folgende Antwort: »Wer sagt Euch denn, daß ich ledig bleiben will? Euch zum Beispiel, oder auch den Herrn Luther würde ich gerne zum Mann nehmen«. Luther scheint darüber erst lachend mit den Worten hinweg gegangen zu sein: »War es der Jungfer Käthe wirklich ernst mit ihrem Antrag?«, aber ihre Antwort saß fest wie ein Widerhaken, den er nicht mehr los wurde.
Wie sehr ihn die ganze Angelegenheit beschäftigte, kann man daran erkennen, daß er diese Worte von Nikolaus von Amsdorf schriftlich festhalten ließ (1/88). Natürlich können wir heute nicht mit letzter Sicherheit feststellen, wie ernst Katharina ihre eigenen Worte wirklich gemeint hatte. Vielleicht wollte sie damit nur Luthers Freund zum Schweigen bringen. Leichtfertigkeit und eine Neigung zu Scherzen sind ihr jedoch nie nachgesagt worden, wenn man auch heute weiß, daß sie nicht auf den Mund gefallen war. Vielleicht wollte sie mit ihren Worten aber auch zum Ausdruck bringen, daß sie nur jemanden heiraten wollte, der ihr etwas bedeutete, der ihr und dem sie geistig gewachsen war.
Ihre Entscheidung, Luther zu heiraten, zeigte auch eine weitgehende Unbekümmertheit um die damaligen gesellschaftlichen Gepflogenheiten. Denn es bestand ein Standesunterschied. Sie war adlig. Luther kam aus einer Bauernfamilie, aus der sich sein Vater als Bergmann und dann als Besitzer eines eigenen Unternehmens hochgearbeitet hatte, und der seinen Sohn studieren ließ. Katharina von Bora wird geahnt haben, daß es in einer Ehe viel mehr auf geistige Ebenbürtigkeit als auf ein Herkommen aus dem gleichen Stand ankommt. Ein Leben, das man so eng mit einem anderen Menschen teilt, erfordert die Fähigkeit, dem anderen bei seinen Gedanken und Vorstellungen folgen zu können, sie zu verstehen und sich mit diesen auseinanderzusetzen. Erst dadurch entsteht eine seelische Gemeinschaft, die dann zu einer dauerhaften Bindung führen kann. Dabei ist es gleichgültig, auf welcher Ebene sich diese bewegt. Katharina von Bora muß das klar gewesen sein.
Ebenso muß ihr auch klar gewesen sein, daß in ihrem Fall eine Ehe kein sorgloses Leben bedeuten würde. Denn sie kannte das Wittenbergsche Schwarze Kloster gut, in dem Luther lebte, und das in einem derart heruntergekommenen Zustand war, daß es so nicht zum Lebensunterhalt beitragen konnte. Erst sieben Jahre später bekam es Luther als Eigentum von seinem knausrigen Kurfürsten überschrieben. Dieser verband damit die Absicht, Luthers Gehalt zu sparen, indem er ihm eigene Einkünfte ermöglichte. Ihre Eheschließung gab Katharina von Bora also erst einmal keine finanzielle Sicherheit.
Auch hatte sie Martin Luthers Persönlichkeit schon so weit kennengelernt, daß sie wußte, daß er einen ausgeprägten Egoismus besaß, einerseits aufbrausend war, andererseits zu Depressionen und zu extremem Verhalten wie Fasten und Völlerei neigte. Sie war bei der Eheschließung 26, er 42 Jahre alt, »ein Naturereignis von einem Mann«, wie er von seinem Freund und Weggefährten Melanchthon bezeichnet wurde, dem eine Anpassung an einen anderen Menschen nicht leicht fallen würde.
Ihr war auch klar, daß ihr Mann zwar sehr bekannt war und von vielen einflußreichen Freunden – wie seinem Kurfürsten – geschätzt wurde. Sie wußte aber auch, daß er sich durch seine Angriffe auf den Papst und die katholische Kirche mächtige Feinde geschaffen hatte, die ihm mit Sicherheit auch nach dem Leben trachteten. Die Rechtsprechung des 16. Jahrhunderts gab ihm keinen Schutz. Sie war eher gekennzeichnet von Roheit, Gefühllosigkeit und Willkür als von Gerechtigkeit (6/356). Auch versuchte die Kirche immer wieder, ihr Recht über das weltliche zu stellen.
Zudem konnten manche von Martin Luthers Freunden seinen Schritt, eine Ehefrau zu nehmen, nicht verstehen. Sie befürchteten, der Kampf um eine Neugestaltung des Glaubens würde unter seiner Eheschließung leiden, da er sich nicht mehr mit seiner ganzen Kraft dafür einsetzen könne. Sie warfen Katharina vor, ihn umgarnt zu haben, und einige seiner Gegner prophezeiten sogar, daß aus der Verbindung eines entsprungenen Mönches mit einer geflohenen Nonne nur mißgestaltete Kinder entstehen könnten. So wurde die Geburt ihres ersten Kindes von diesen Abergläubischen mit einer gewissen Spannung erwartet. Andere warfen Luther sogar vor, ein Bündnis mit dem Teufel eingegangen zu sein.
Katharina von Bora, die keineswegs eine weltfremde Frau war, müssen all diese Schwierigkeiten und Vorbehalte bekannt gewesen sein. Für sie war die Eheschließung mit Luther eine Herausforderung, von der sie nicht wissen konnte, wie sie ausgehen würde, die sie sich aber zutraute.
Zu Beginn ihrer Ehe war, wie Hellmut Diwald in seiner Lutherbiographie schreibt, bei Martin Luther mit Sicherheit keine Liebe im Spiel, lediglich Achtung und Mitleid auf seiner Seite, wie er selbst einige Male Freunden gegenüber betont hatte. Umso erstaunter waren daher Zeitgenossen und Nachfahren, daß sich diese Ehe zu einer glücklichen entwickelte. Vor seiner Eheschließung hatte Luther viel über das eheliche Leben geschrieben. Danach äußerte er nur noch: »Es ist ein großes Ding um die Gemeinschaft zwischen Mann und Weib«.
Mit diesen wenigen Worte umschreibt er das große Geheimnis der Liebe und seiner Ehe und zeigt, daß er es erlebt hatte. Daß er nie mehr über sein Leben mit seiner Frau geschrieben hatte, weist darauf hin, daß er dieses als seine ureigenste Angelegenheit betrachtete, nicht für die Öffentlichkeit bestimmt und nicht beschreibbar, dadurch aber sorgsam gehütet.
(wird fortgesetzt)