Arminius – »Liberator Germaniae«

Zu einer herausragenden Neuerscheinung

Von Dietmar Lange

»Er war zweifellos der Befreier Germani-
ens, und zwar ein Mann, der das römische
Volk nicht, wie andere Könige und Heer-
führer es taten, in seinen ersten Anfängen,
sondern auf der Höhe seiner Macht an-
zugreifen wagte. War er auch in der ein-
zelnen Schlacht nicht immer erfolgreich,
so hat er doch nie einen Krieg verloren.«

Dieses Urteil des größten römischen Geschichtsschreibers Tacitus (um 55–120 n. Ztw.) läßt ermessen, welche Bedeutung dem Geschichtegestalter Arminius, dem Sieger in der Varus-Schlacht, tatsächlich zukommt. Was jedoch nach fast 2000 Jahren in (west-)deutschen Geschichtsbüchern davon bewahrt wurde, zeigt ein aufschlußreicher Vergleich verschiedener Ausgaben der letzten Jahrzehnte.

Das »Geschichtliche Unterrichtswerk für höhere Lehranstalten«, Bd. 1 Oberstufe, erschienen 1956 im Schroedel Verlag Hannover, würdigte immerhin noch die Entscheidungsschlacht im Jahre 9 n. Ztw.:

»Gegen … Varus kam es zu einer geheimen Verschwörung der Germanen unter der Leitung Armins. Im Spätherbst 9 n. Chr. gelang es diesem im Teutoburger Wald … die drei Elitelegionen des Varus in dreitägigem Kampfe nicht nur zu schlagen, sondern zu vernichten. (…) Germanien blieb frei und das Germanentum als selbständige Größe neben der römischen Welt erhalten.« (S. 165)

Überhaupt erscheint die Darstellung der Zeit und der geschichtlichen Gestalten ausgewogen, verglichen mit den wenigen Zeilen, die der Befreiungstat in Kletts »Geschichtlichem Unterrichtswerk für die Mittelklassen«, Ausgabe B, Bd. 1 (1961), gewidmet sind:

»Arminius bereitet den Befreiungskampf heimlich vor. Dann werden im Teutoburger Wald drei Legionen Roms von den Truppen des Arminius überfallen und niedergemacht. (…) Germanien ist wiederum frei bis zum Rhein.« (S. 140)

Ausgabe C desselben Unterrichtswerkes von 1970 (2. Auflage) vermerkt nur knapp:

»Der Cheruskerfürst Arminius überfiel und vernichtete in der Schlacht am Teutoburger Wald drei Legionen des Statthalters Varus. Varus stürzte sich ins Schwert.« (S. 136)

Kein Wort über die geschichtliche Bedeutung dieses Ereignisses hinsichtlich der Zukunft Germaniens, nicht einmal der Ausdruck »Befreiungskampf« wird bemüht.

»Zeiten und Menschen«, das »Geschichtliche Unterrichtswerk« Ausgabe B von Schöningh und Schroedel, Bd. 1, führte 1983 immerhin noch aus:

»Der dort (in Germanien) mit drei Veteranenlegionen … stehende Feldherr Publius Quintilius Varus hatte sich von den Germanen unter Führung des Cheruskerfürsten Arminius in den Teutoburger Wald locken lassen, war dort von allen Seiten überfallen und schließlich mit seinem ganzen Heere samt der Reiterei nach dreitägigem Kampfe in Schluchten und Sümpfen zugrunde gegangen. (…) Augustus verzichtete darauf, die Elbgrenze zu gewinnen, und begnügte sich mit der oberen Donau und dem Rhein als Grenzlinien. Germanien östlich des Rheins blieb frei.« (S. 167)

Der 1986 vom Klett Verlag herausgebrachte TEMPORA-Band »Geschichte und Geschehen« für die Klassenstufe 7, einer mehr strukturalistischen Geschichtsbetrachtung verpflichtet, widmet dem Befreiungskampf der Germanen nur anderthalb Zeilen:

»Die Niederlage der Römer in der Varus-Schlacht (9 n. Chr.) bewirkte, daß das Imperium nur den Süden Germaniens einbezog …« (S. 131)

Gewissermaßen »das Ende der Fahnenstange« ist mit Diesterwegs strukturalistisch angelegtem Unterrichtswerk »Unsere Geschichte«, Bd. 1, 1987 erreicht: weder Arminius noch Varus-Schlacht noch Tiberius oder Germanicus werden für erwähnenswert gehalten, sieht man von dem »Lesetip« auf S. 115 ab (W. Völker: Ein gewisser Arminius, Neunkirchen 1982, ein Jugendbuch). Eine zeitliche Annäherung an die Ergebnisse der PISA-Studie dürfte deutlich erkennbar geworden sein.

Im letzten Jahrzehnt führte die neuere Diskussion um die Lokalisierung der Varus-Schlacht seit den archäologischen Funden von Kalkriese bei Osnabrück zu zahlreichen wissenschaftlichen Abhandlungen, die allerdings eins nicht vermögen: die geschichtlichen Gestalten der damaligen Zeit für das öffentliche Bewußtsein wieder lebendig erscheinen zu lassen. Und genau das ist das große Verdienst einer hier vorzustellenden Neuerscheinung aus der Edition Grabert Tübingen. Das 2001 erschienene Buch von Ernst A. Schomer trägt den Titel »Arminius ,Liberator Germaniae'« und wird in einer ganz neuartigen Darstellung der großen Persönlichkeit des Germanenherzogs Armin gerecht.

Der herausragende Text-Bild-Band im Großformat ist das Werk einer jahrelangen Beschäftigung des Verfassers mit den historischen Überlieferungen, schildert die geschichtlichen Abläufe um die römischen Eroberungsbemühungen und zeichnet das Charakterbild des Cheruskerfürsten ebenso wie die Persönlichkeiten der anderen handelnden Gestalten beider Seiten. Vor dem Leser wird die gewaltige Aufgabe, die Armin zu leisten hatte, und somit die Verantwortung, die er vor seinem Volke auf sich nahm, anschaulich dargestellt.

Eine Besonderheit des großartigen Buches liegt vor allem darin, daß der als Kunsterzieher tätig gewesene Verfasser das historische Geschehen textbegleitend in eine Fülle von Zeichnungen und Skizzen eingefangen hat, jedoch detailgetreu nach fachwissenschaftlichen Erkenntnissen. Somit entstand ein informativer Bildband über die damalige Zeit, der den Zugang zur geschichtlichen Wirklichkeit zumal jugendlichen Lesern wesentlich erleichtern dürfte.

Armins Tat gilt mit Recht als Voraussetzung für das Werden eines deutschen Volkes aus verschiedenen germanischen Stämmen, sie verhinderte das Vordringen der Römer nach Germanien, und schließlich gelang dem Cheruskerfürsten in den folgenden Jahren (14 bis 16), alle Versuche des römischen Imperiums, den Machtbereich bis zur Elbe auszudehnen, erfolgreich abzuwehren. Deutschland blieb das Schicksal der Romanisierung erspart, die deutsche Sprache konnte sich selbständig entwickeln, germanische Kultur sich ins Mittelalter einbringen. Als erste große Heldengestalt steht Armin an den frühesten Anfängen deutscher Geschichte, denn ihm gelang das bis dahin Unvorstellbare: Rom auf dem Höhepunkt seiner imperialen Macht in die Schranken zu weisen, zugleich erstmals die individualistischen, freiheitsliebenden germanischen Stämme für einige Zeit zu einigen. Nach der vollständigen Vernichtung dreier Elitelegionen des Feldherrn Varus vermochte Arminius dann noch die jahrelang (14–16) mit großer Übermacht durchgeführten Vorstöße des Germanicus erfolgreich abzuwehren.

»Allein seinem außergewöhnlichen politischen Weitblick, seinem gewinnenden Verhandlungsgeschick, seiner beeindruckenden Überzeugungskraft und seinem strategischen wie taktischen Genie bei der Ausnutzung vorhandener Gegebenheiten verdankt Germanien seine Freiheit.«

Im Vorwort seines Buches macht der Verfasser entsprechend bewußt: »Die germanischen Kernlande blieben von da an frei von römischer Beherrschung. Das muß als ein unschätzbares Verdienst dieses größten Freiheitskämpfers unserer frühen Geschichte gewürdigt werden. Sein Sieg hat grundlegend auf das Schicksal vor allem jenes Raumes eingewirkt, der später ,Deutschland' heißen sollte.« (S. 7) Für ihn galt weniger die Frage der genauen Örtlichkeit. »Mir lag vielmehr daran, eine Aussage zu treffen: So könnte es sich ereignet haben! Das mag in einer Zeit überraschen, wo ,Geschichte' ganz allgemein – und deutsche Geschichte im besonderen – kaum noch als Schicksal begriffen und als die wirkliche Lehrmeisterin betrachtet wird. Trotzdem: Ich hab's gewagt!« (S. 8)

Erinnert wird ebenso an den heute oft mißachteten Grundsatz des Historikers: »Auf jeden Fall sollte man sich hüten, heutige Denkweisen und heutige Maßstäbe auf jene Zeiten zu übertragen. Dies führt mit Sicherheit zu Fehlschlüssen oder irrigen Verzerrungen geschichtlichen Geschehens. Man muß die damaligen Akteure und deren Handlungsweisen allein aus dem Geist ihrer Zeit sehen und niemals in den Vorstellungen unseres Zeitgeistes.« (S. 8) Bei seiner Forschungsarbeit blieb er sich stets der Problematik des Umgangs mit den Quellen bewußt, »denn die Überlieferung aus germanischer Sicht wurde nach der Christianisierung weitgehend ausgetilgt oder verfälscht; übrig blieben Sagen und Bodenfunde sowie die ebenfalls in mancherlei Hinsicht vernichtete oder verfälschte Überlieferung aus römischer Sicht.« (S. 9)

Der Wert dieser Geschichtsdarstellung wird nicht zuletzt durch den geistigen Standort des Verfassers bestimmt, durch die innere Unabhängigkeit von Zeitgeistvorgaben:

»Zugleich haben wir seit den Zeiten des Arminius eine ständig wachsende Höherentwicklung, Bereicherung und Vielfalt im philosophischen, wissenschaftlichen, künstlerischen und wirtschaftlichen Bereich erfahren. Doch die seelische Wesensart des Menschen, die Richtung seiner Ziele und Eigenschaften, seine Fähigkeit zum freien Entscheid für oder wider das Gute, Wahre und Schöne, das ist geblieben, ebenso wie seine Bedrohung durch ideologische Wahnsysteme, seelische Manipulation und das Bestreben bestimmter Gruppen nach unumschränkter Herrschaft. (…)

Geblieben sind auch die hohen Werte, für die Arminius lebte und kämpfte.« (S. 9)

In dem Kapitel »Wo fand die Varus-Schlacht statt?« würdigt der Autor die archäologische Sensation der Grabungsfunde bei Kalkriese im Osnabrücker Land und kommt zu dem Ergebnis:

»Die hohe Anzahl von Fibeln für das Sagum, den Kapuzenumhang der Legionäre, und die bis 1996 festgestellte seltene Dichte von rund 2800 Einzelfunden ist so auffällig, daß der Schluß auf ein umfangreiches Militärereignis naheliegt. Daß dort eine einzige große Schlacht, die VARUS-Schlacht schlechthin – wie vielfach angenommen – stattgefunden hat, ist wenig glaubhaft; denn gerade der in die Länge gezogene ,Heerwurm' bot ja erst die Voraussetzung und einzig mögliche Chance für das Gelingen von Armins taktischem Plan: stoppen – aufsplittern – einzeln zerschlagen.

Ein Angriff auf drei technisch hochgerüstete Elite-Legionen in voller Schlachtordnung, mit Plänklern, tiefgestaffeltem Gros im Zentrum, flankierenden Kavallerieeinheiten, Wurfartillerie, Reserven usw. wäre für die germanischen Bauernkrieger reiner Selbstmord gewesen. So hätte Armins gesamtes ,Unternehmen VARUS' nur scheitern können, denn auf einen Sieg in einer einzigen großen Schlacht konnte er niemals hoffen. Sein Sieg war nur möglich durch eine zermürbende Guerillataktik bei optimaler Ausnutzung für ihn günstiger Geländeverhältnisse, wie beispielsweise vermittels einer ,Todesfalle' zwischen Berg und Moor bei Kalkriese.« (S. 121)

Unter militärischen Gesichtspunkten kann nach Schomer mit zwingender Logik nur ein mehrtägiges Kampfgeschehen entlang des Rückweges in Form einer ganzen Reihe von Einzelgefechten angenommen werden, »ob nun in den sumpfigen Tälern des Teutoburger Waldes oder weiter im Norden. Davon sprechen auch ganz eindeutig die römischen Berichte.« (S. 122) Nach seiner begründet dargelegten Überzeugung bleiben daher alle Spekulationen über die unbestreitbaren Kalkrieser Ausgrabungserfolge »vorläufig noch problematisch, denn bislang kann es sich nur um Bruchstückhaftes handeln – bestenfalls um Spuren aus den Kämpfen des Jahres 9 oder danach.« (S. 118)


Das Hermannsdenkmal bei Detmold

Zum Schluß erfährt der Leser noch Wissenswertes über die antiken Quellen, die dem Werk zugrunde liegen. Wichtig erscheint in dem Zusammenhang eine Kenntnis der zeitlichen Einordnung aller römischen Geschichtsschreiber, die zur Überlieferung beigetragen haben: Cornelius Tacitus, Velleius Paterculus, Dio Cassius, Strabon, Suetonius, Florus.

Wenn selbst Tacitus es tragisch findet, »daß das Leben und Wirken des Arminius auch in unserer Zeit (fast hundert Jahre nach den Ereignissen vermerkt) keine angemessene Würdigung erfahren hat,« so wird nach Schomers Worten auch in unserer modernen Zeit »diesem außergewöhnlichen Mann nicht die nötige, ihm gebührende historische Würdigung zuteil.« (S. 317)

Völlig unabhängig von sämtlichen Diskussionen um die »eigentliche« Örtlichkeit der Varus-Schlacht trifft der Autor mit Recht eine Feststellung, die von größerem Gewicht sein dürfte, wenn er schreibt:
»Hätte nicht der Bildhauer Ernst von Bandel in beispiellos entbehrungsreicher Arbeit volle 37 Jahre seines Lebens daran gewandt, das würdige und ausdrucksstarke ,Hermannsdenkmal' aus dem Geist des von Freiheits- und Einigungsgedanken beseelten 19. Jahrhunderts zu schaffen, es wäre schlecht um das Andenken an Arminius bestellt … Ernst von Bandel ist es vor allem zu danken, daß der Cherusker für die gesamte deutsche Nation zu einer lebendigen und bleibenden Wirklichkeit wurde.« (S. 317)

Dem mit dieser allgemeinverständlichen, wissenschaftlich erarbeiteten Würdigung vorliegenden Gesamtkunstwerk »Arminius – ,Liberator Germaniae'« von Ernst-A. Schomer ist weiteste Verbreitung zu wünschen.