Zwischen den beiden Erscheinungsformen (Diesseits und Jenseits) liegt die Kluft der Einordnung in die Formen, ohne die Erscheinung nicht möglich ist. In der Erscheinung läuft alles Geschehen nach einer kausalgesetzlichen Wirkungsordnung ab, während göttliches Erleben nur jenseits der Erscheinungsformen möglich ist.
Kausalgesetzliche Wirkungsordnungen lösen zum Beispiel durch die Wahrnehmung ein Denken oder Fühlen oder ein Wollen zur Tat aus. Dieses seelische Können zeigt uns, daß die Menschenseele befähigt ist, in solchem Geschehen beiden Welten (Diesseits/Jenseits) zuzugehören, bestätigt sozusagen die Jenseitsnähe. Aber diese Jenseitsnähe ist ja noch den Kausalgesetzen unterworfen und somit dem Erleben des Göttlichen noch nicht zugänglich. Hierzu dient als Brücke das Ich – ein über die Kausalgesetzlichkeit stehendes Jenseitsgut der Seele, das ein »erhabenes, freies Leben kennt, das wir ursprünglich', spontan' nennen« sagt Mathilde Ludendorff und fährt fort:
»Es könnte der Menschenseele zur Gefahr werden, dem Diesseits, der Welt der Erscheinungen zu entrücken, wenn eben nicht dafür gesorgt wäre, daß vorerst das Bewußtsein vorherrschend das Seelenleben ausmacht, während das Ich zunächst im Kind ein Eigenleben wählt, das zwar den Formen der Erscheinung Kausalität, Raum und Zeit wieder und wieder entgleitet, aber göttliche Wesenszüge oder gar Gotterkennen noch nicht zum bewußten Inhalt dieses Eigenlebens macht« (1, S. 138). Einerseits verwendet das Ich also für sein Gotterleben die kausal-gesetzlichen seelischen Fähigkeiten des Bewußtseins, wahrt aber andererseits sein über die Kausalität frei und spontan erlebbares Vorrecht.
Staunend begegnen wir immer wieder solchen Brücken. So beispielsweise beim göttlichen Wunsch zum Schönen, der dieses Weltall der Erscheinung zur Gottesoffenbarung für das Ich der Menschenseele werden lassen kann. Denken wir nur an die Farbenpracht, die einzig dem Menschenauge in so schwelgerischer Weise zuteil wird, so er sich dafür offen hält.
Wem oder was verdankt nun aber das Ich sein freies über die Wirkungsordnung erhabenes Eigenleben?
»Es ist der Stolz, den wir um der vielen Verzerrungen willen, mit denen das Bewußtsein des unvollkommenen Menschen dies Erleben bedenkt und recht töricht begründet, der Tatsächlichkeit entsprechend den Gottesstolz' genannt haben« (1, S. 144). Trotz der Verzerrungen hält Mathilde Ludendorff an dieser Wortgestaltung fest, weil diese Wortgestaltung »Wahrheit« kündet, denn die Macht dieses Gottesstolzes erreicht so unendlich vieles. Schon im unvollkommenen Menschen und erst recht im Ich der Seele, wenn dieses Ich sich zum Göttlichen hin entfaltete!
Jedes freie Eigenleben – geschenkt vom göttlichen Strahl des Stolzes – trägt, selbst wenn es noch nicht dem Göttlichen geweiht ist, zur Vollendung der Brücke vom Diesseits ins Jenseits bei, »weil es eben frei, spontan und völlig unabhängig von der Umwelt anheben, währen und abschließen kann und nicht auf äußere Ursachen angewiesen ist« (1, S. 145).
Dieser Stolz gibt dem Menschen die »wunderbare Haltung königlicher Würde in allen Schicksalsschlägen. Er gibt dem Menschenauge das unbeschreibliche, unvergeßliche Jenseitslicht. Ihm ist es zu verdanken, daß dieses Menschenauge schon so manches Mal Allsieger über das Schlechte wurde! Menschen wirken dann wie aus einer andern Welt kommend' auf Mitmenschen.« »Dieser göttliche Stolz, der aller Eitelkeit, aller Prahlsucht, aller Ruhmsucht so fern ist und den dies Ich wie sein königliches Anrecht auf sich nimmt, ist es, der uns trotz aller Greuel der Geschichte, trotz aller bittersten Enttäuschungen an Mitlebenden an das Menschengeschlecht der Erde und seine Zukunft noch glauben läßt. Das Aufflammen des Stolzes in dem Menschenauge ist die so sehr berechtigte Ursache der Hoffnung, die über allem Unglück besonders der Edelsten und ihrem Leid segnend lichtet. Dieser Gottesstolz ist heilige Wirklichkeit, die erst der Menschenseele das Jenseits erschließt, denn er schenkte dem Ich die göttliche Heimat, das Jenseits aller Kausalität, schenkte ihm den Wesenszug Gottes, der es überhaupt erst fähig macht, Göttliches bewußt zu erleben und zu leben, nämlich die Freiheit. Er also ist es, der den Menschen diese Freiheit als sein unantastbares, heiliges Anrecht beanspruchen und verteidigen läßt. Er ist es, der sogar auch unzählige, noch unvollkommene Menschen seit je entflammt hat, Freiheit zu verteidigen und zu retten. Er hat sie seit je dazu befähigt, sogar ihr Leben in Gefahr zu bringen im Kampfe um die Freiheit, wenn sie durch andere Menschen bedroht ward.
Ja, dieser Stolz ist fürwahr das Jenseitslicht im Auge des Menschen, « (1, S. 149/150).
Mit diesem Gottesstolz, » mit dieser Jenseitsgabe steht und fällt das heilige Amt des Menschen, Gottesbewußtsein werden zu können. Wehe also vor allem den Gottlehren der Religionen, die den Stolz der Menschenseele zur Sünde stempeln!
Ein einziger göttlicher Strahl also ermöglicht das Schöpfungsziel! Welch ein Wesenszug der Schöpfung offenbart sich uns hier! So wie alle Lebewesen dieses Sternes in ihrer Lebmöglichkeit von einem einzigen chemischen Stoff abhängig sind, der in der Pflanze das Sonnenlicht zum Aufbau verwerten kann, wie ohne ihn alles Leben erlöschen müßte, so ist die Erreichbarkeit des Schöpfungszieles, die Möglichkeit bewußten Erlebens des Göttlichen, auf den einen göttlichen Strahl, den Gottesstolz, der im Ich aufleuchtet, angewiesen! Er aber ist zugleich am allermeisten von allem göttlichen Innenleben durch unvollkommene Menschen bedroht. Gefahren türmen sich hier mehr als sonst für den Menschen. Mag die stolze Seele sie überwinden, kein anderes göttliches Erleben könnte ihr solche Kraft hierzu geben, wie eben dieser Stolz, der sie adelt!« (1, S. 151)
Aus: Mathilde Ludendorff: Der Mensch das große Wagnis der Schöpfung. 2. Auflage 1984, Verlag Hohe Warte Franz von Bebenburg KG, Pähl.