Das Alte Testament gestaltet erneut Weltpolitik

Von Heinz Erdt

Noch hat man die beschwörenden Beteuerungen der Kirchenbeamten unisono im Ohr: Nein, nein, Religionen morden nicht! Für den Anschlag auf das World Trade Center in New York und die anderen Mordtaten sind lediglich einige ihren Glauben radikal mißbrauchende Muslime verantwortlich. Diese Stimmen sind jedoch weit leiser geworden, ja, fast verstummt. Sie werden übertönt von dem frömmelnden Kriegsgeschrei des US-Präsidenten und seiner Verkündung der großen Schlacht des christlichen Westens gegen den radikalen Islam. Die kürzlich erfolgte Zustimmung der überwältigenden Mehrheit der Abgeordneten der amerikanischen Volksvertreter zur weiteren Ausrottung der palästinensischen »Terroristen« durch Scharons Israel ist nun einmal kein Friedensgesang. Hans Küngs Schlagwort: Ohne Religionsfrieden kein Weltfrieden, hat sich erneut bitter bewahrheitet. Sein »Weltethos-Entwurf« für den Weltfrieden ist Altpapier geworden.

Ein neuer Bund

Die Süddeutsche Zeitung titelte am 8.5.2002: »Jerusalems mächtige Lobby in Washington – Ein neuer Bund durch das Alte Testament – Amerikas religiöse Rechte wird zum Anwalt Israels und gibt damit die Richtung vor für die Nahost-Politik von Präsident Bush.«

Diese Meldung erklärt das bedingungslose Ja der überwältigenden Mehrheit des amerikanischen Repräsentantenhauses zur Resolution von Tom Lantos und Tom Delay. Damit versicherte Washington für alle Zeiten dem Staat Israel unverbrüchliche Unterstützung. Die Politik und das Morden von Ariel Scharon sind damit abgesegnet und Palästinenserführer Jassir Arafat, der, wie er sagt, den Völkermord an seinem Volk abwehren will, als unverbesserlicher Drahtzieher und Pate des Terrors gebrandmarkt. Möglich wurde dieser wohl einmalige Vorgang durch die »Politische Hochzeit« des puritanisch evangelikalen Christen (Evangelicals sind eine etwa 3,4 Millionen starke Gruppe innerhalb der anglikanischen Kirche, die das Erbe der Reformation und der Erweckungsbewegung betonen.) Tom Delay von den Demokraten und dem 74jährigen Holocaust-Überlebenden aus Ungarn, dem Republikaner Tom Lantos. Der gilt schon längst als treuester Sprecher Israels in den USA. Doch auch die puritanischen Christen wurden mittlerweile zu den einflußreichsten Fürsprechern des »Heiligen Landes« in den USA. Lantos bezieht seine Anschauungen unmittelbar aus der Bibel, genauer gesagt, aus dem Alten Testament. Der Jude Marshall Whitemann befand unlängst in der New York Times: »Was wir sehen, ist eine der interessantesten politischen Hochzeiten aller Zeiten zwischen den weitgehend jüdischen Neokonservativen und der religiösen Rechten.«

Whitemann verkörpert selbst die ganze Bandbreite dieses neuen Bündnisses, da er als jüdischer Konservativer zeitweise Lobby-Arbeit für die Christian Coalition betrieb. In dieser sind jene fundamentalistischen Christen vertreten, die – nach Ansicht von Präsident Bush – seinen Vater vor einem Jahrzehnt eine zweite Amtszeit kosteten. Offensichtlich hatte er zu wenig auf sie gehört. Der Bush-Sohn ist entschlossen, diesem Fehler nicht zu verfallen. Für sie hat er stets ein offenes Ohr. Ihr Einfluß auf die US-Politik habe auch stetig zugenommen. In gewisser Hinsicht seien diese Christen sogar wichtiger als die jüdische Lobby geworden. Diese unheilige »Hochzeit« ist also keine politische, sondern eine religiösmilitante, deren »Kinder« die Völker erschüttern werden.

Einer der wichtigsten konservativen Christen der USA sei Gary Bauer. Er steht der Gründung »Amerikanische Werte« vor und verbündete sich mit dem jüdischen Publizisten William Kristol, einem der einflußreichsten Intellektuellen des Landes. Bauers Einsatz für Israel sei aber nicht nur ideologischer, sondern ebenso religiöser Art. »Einerseits sieht er Israel und die USA als enge Verbündete in einer Art kalten Krieg zwischen radikalem Islam und westlichen Demokratien. Andererseits glaubt er als evangelischer Christ, daß sich die Bibel ziemlich klar ausdrückt über das gelobte Land; daß nämlich Gott einen Bund schloß mit den Juden, daß dies ihr Land sein sollte.« (New York Times)

»In der Tat drückt sich die Bibel nicht nur ziemlich klar, sondern erstaunlich detailliert aus. Im Buch Numeri (4. Mose) z. B. sind mit der Präzision eines Vermessungsspezialisten die Grenzen des gelobten Landes aufgezeichnet. Für Palästina, egal in welchen Grenzen, gäbe es da keinen Platz: ‚Die Grenze ziehe dann den Jordan hinab', heißt es unzweideutig in Num. 34, 12, ‚ihre Enden seien am Salzmeer.' Adieu, Westbank.« (SZ)

Evangelikale Christen als JHWH-Verbündete

»Unterstützung für Israel ist nicht neu unter evangelikalen Christen«, bemerkte auch Roberta Combe, die Präsidentin der Christian Coalition. »Ironischerweise scheint die christliche Unterstützung für Israel jene der jüdischen Unterstützer in Amerika zu übertreffen.« Als Gründe nennt sie, Christen seien dankbar »für den Einfluß des jüdischen Volkes bei der Gründung des Christentums.« Deshalb fehlten auch starke Proteste gegen die Belagerung der Grabeskirche in Bethlehem durch die israelische Armee.

Auch Kay Arthur, eine Bibelexpertin und regelmäßiger Gast in den Sendungen von Christian Broadcasting, einem Netz christlicher Sendungen im ganzen Land, erklärt: Ob Oslo oder Camp David, Dschenin oder Ramallah, all das ist bedeutungslos. Alles was man wissen müsse, befindet sich im Alten Testament: bei Ezechiel und Zacharias, in Genesis und Exodus. »Wir müssen aufhören, politisch korrekt zu sein, und anfangen, biblisch korrekt zu handeln … Wir als Nation müssen aufhören, zwischen beiden Seiten hin- und herzupendeln und müssen uns eindeutig auf die Seite Israels schlagen. Überall in der Heiligen Schrift hat Gott viel zu sagen über jene Nationen, die sich gegen Israel verbünden und darüber, was mit ihnen künftig geschehen wird. Zu Abraham hat er gesagt: Segnen will ich, die dich segnen, und wer dich verflucht, dem will auch ich fluchen.«

Israels Daseinsberechtigung und Politik sei also göttlich verbrieft:
»An jenem Tage will ich trachten, alle Völker, die gegen Jerusalem anrücken, zu vernichten.« (aus dem Buch Zacharias)

»Die alttestamentarischen Argumente haben freilich brandaktuelle politische Bedeutung. ‚Wahrscheinlich zum ersten Mal in der Geschichte der Republikanischen Partei gibt es eine bedeutsame israel-freundliche Gruppierung, welche die Aufmerksamkeit des Weißen Hauses auf sich zieht', formulierte es Marshall Whitmann. In der Vergangenheit konnten sich republikanische Präsidenten mehr Freiheit gegenüber Israel leisten, da die Mehrzahl der amerikanischen Juden traditionell demokratisch wählte und auch Spenden der jüdischen Lobby eher an die Demokraten gingen. Von Dwight Eisenhower bis zu George Bush dem Vater reicht die Liste republikanischer Präsidenten, die mit Israel in Konflikt gerieten.« (SZ)

An Stelle der Republikaner, die engere Verbindungen zu den arabischen Staaten verlangten, z. B. die John Birch Society oder der Kreis um Patrick Buchanan, ist nun die pro-israelische religiöse Rechte getreten. Das werde die Nahostpolitik Bushs maßgeblich prägen. Denn die frommen Fundamentalisten würden über seine Wiederwahl entscheiden. »Kaum hatte die Rechte gerügt, daß das Weiße Haus zu scharf mit Israel ins Gericht gehe, knickte Bush ein. Prompt wurde aus Israels Regierungschef Ariel Scharon ein ‚Mann des Friedens'«.(SZ)

Auch alttestamentarisch gesehen verantwortet der »Herr der Heerscharen«, Gott JHWH, den 11.9.2001, ohne den heute im Nahen Osten – vielleicht – eine Art Frieden herrschen könnte. Damit gewinnt Erich Ludendorffs Aufklärungskampf der 1930er Jahre, Religion ist stets Politik, noch nachträglich seine weltgeschichtliche Bedeutung.