Von Dietmar Lange
Wenn ein Autor mehrfach Proben seiner Unfähigkeit liefert, Buchtitel korrekt abzuschreiben und sachkundig wiederzugeben, dann könnte allein diese Tatsache zu der Vermutung führen, daß selbst seriöse Verlage inzwischen vor dem »gehobenen Analphabetentum« nicht mehr sicher zu sein scheinen. Im Wiener Ueberreuter Verlag publizierte unlängst Eduard Gugenberger ein Buch mit dem Titel »Hitlers Visionäre - Die okkulten Wegbereiter des Dritten Reiches« (2001).
Es ist nun nicht beabsichtigt, zu diesem den Kindern Iris und Oliver gewidmeten Opus eine Rezension zu liefern. Die Publikation interessiert hier nur insofern, als neben Jörg Lanz von Liebenfels, Rudolf von Sebottendorf »und der Mordsgesellschaft von Thule« und Erik Jan Hanussen, dem »Hellseher des Teufels« auch Mathilde Ludendorff und »ihrer rechten Gotterkenntnis« ein abstruses Kapitelchen »gewidmet« ist.
Über Zielsetzung und geistigen Anspruch der Veröffentlichung erfährt der Leser im Vorwort Dr. Roman Schweidlenkas, »Leiter des ESO-Info-Service« folgendes:
»Die ,Esoterisierung' unserer Gesellschaft, in den frühen 1980er-Jahren nur von einigen wenigen belächelten ,Propheten' prognostiziert, ist weit fortgeschritten. Während die einen die mangelnde Vernunft beklagen, die eine Blütezeit oft skurriler und bedenklicher Heilslehren ermöglichte, erfreuen sich die anderen an der Wiederverzauberung der Welt und dem Einzug des religiösen Pluralismus in unsere demokratischen Gesellschaften.
In dieser Atmosphäre esoterischer Zeitgeist-Angebote fühlt sich auch der okkulte Arm des Nationalsozialismus sichtlich wohl.« (S. 7)
Der Leser erwartet folglich Aufklärung über Esoterik und Okkultismus (»Die okkulte Seite des Nationalsozialismus«), ein ebenso ehrenwertes wie notwendiges Bemühen, wenn dazu vollmundig verkündet wird:
»Eduard Gugenberger gehört zu den Pionieren, die im wissenschaftlichen Bereich Verbindungen zwischen Esoterik und Politik, zwischen geschichtlichen Bewegungen und mythischen Rezeptionen ausgearbeitet haben. Die vorliegenden Biografien bedeutender Esoteriker, die im Sinne des Dritten Reiches wirkten, gehört zu den wenigen fundierten Arbeiten, die ein realistisches Bild der Ideenwelt und der Praxis nationalsozialistischer und ariergläubiger Okkultisten zeichnen.« (S. 8)
Dem vermeintlichen Aufklärungsanspruch muß indes mit begründeter Skepsis und zunehmender Verwunderung begegnen, wer die gegen alle Grundsätze wissenschaftlicher Arbeitsweise und Methodik verstoßenden, »mit wenig Witz und viel Behagen« dargelegten Ausführungen über Mathilde Ludendorff zur Kenntnis nimmt. Selbstverständlich erwartet man angesichts der grotesken Einordnung der Philosophin in diese Thematik nichts anderes als eine, wenngleich »wissenschaftlich« verbrämte Fortsetzung jener unendlichen Reihe verlogener wie boshafter Produkte permanenter Volksverdummung. Doch daß ein Autor mit dem Anspruch seriöser Forschungsbemühungen sich selbst derartig oft »ins Knie schießt« (um seine häufig saloppe Ausdrucksweise zu konterkarieren), war nicht unbedingt zu vermuten.
Es dürfte kein Zufall sein, daß ausgerechnet das Foto der SPIEGEL-Geschichte vom 17. 2. 1960 gewählt wurde, dem Kapitel über Mathilde Ludendorff ein Lichtbild beizufügen, wie auch sonst Rudolf Augstein als Gewährsmann bemüht wird, um den Tenor des Ganzen eindeutig zu bestimmen. Dann folgt eine ziemlich flegelhafte, im sprachlichen Duktus durchaus nicht wissenschaftlich wirkende biographische Abhandlung über »Mathilde« oder »Tilli«, auch darin dem SPIEGEL-Jargon angemessen (Originalton: »Zu schlechter Letzt starb dann am Weihnachtstag der seit längerem zunehmend verstörte, von seinem Pfarrersposten mittlerweile in den Ruhestand entlassene Vater.« S. 157)
Daß Gugenberger von der Gotterkenntnis, die angeblich Hitler einen Teil seiner Visionen gegeben haben soll, nichts begriffen hat, sei an dieser Stelle schon einmal angemerkt. Es grenzt jedenfalls an wissenschaftliche Hochstapelei, wenn jemand den Gegenstand, von dem er Querverbindungen zum Nationalsozialismus nachzuweisen trachtet, überhaupt nicht kennt. Einen ersten Hinweis auf die groteske Unwissenheit liefert bereits die Erwähnung Prof. Kraepelins. Gugenberger schreibt:
»Ihr wichtigster Lehrer wurde in der Folgezeit der Psychiater Emil Kraepelin, dessen Idee des induzierten Irreseins' sie mit Begeisterung aufnahm. Ins Spirituelle überhöht, sollte diese Idee später zum ideologischen Kernstück ihrer ,Gotterkenntnis' werden.« (S. 158)
Überflüssig, auf diese erstaunliche geistige Pirouette einmaliger Selbstenthüllung näher einzugehen. Deutlicher kann Unkenntnis kaum noch enthüllt werden, aber der Verfasser mag darauf vertrauen, daß dies seinen ahnungslosen Lesern ohnehin nicht weiter auffällt.
Ohne den von Mathilde Ludendorff verwendeten philosophischen »Jenseits«-Begriff erläutern zu können, zieht der Buchautor seine kühnen Schlußfolgerungen unter der (einzigen, allerdings zusammenhanglosen) Zitatverwendung aus dem Werk »Wunder der Biologie«, natürlich bei ungenauer Quellenangabe (Band I wird nicht erwähnt). Welchen haarsträubenden Unsinn er seinen in der Mehrzahl gewiß unkritischen Lesern zumutet, belegt die folgende Textstelle:
»Zwischen 1923 und 1927 folgten sodann ,Der Seele Ursprung und Wesen' mit den drei Teilen ,Schöpfungsgeschichte', ,Des Menschen Seele' und ,Selbstschöpfung'. In diesen Schriften wandelte sich Mathildens ,philosophische Weltschau' allmählich zur germanisch-christlichen ,Gotterkenntnis' auf der Grundlage eines ausgeprägten Weltverschwörungsdenkens« (S. 161)
Die begriffliche Sammelbezeichnung »Schriften« für philosophische Werke mag noch als Ausdruck von kleinkarierter Bosheit gelten, doch daß der Verfasser auch nur eins dieser genannten Werke in der Hand gehabt oder gar gelesen hat, kann mit Sicherheit ausgeschlossen werden. Was im übrigen die philosophischen Erkenntnisse Mathilde Ludendorffs mit »Weltverschwörungsdenken« zu tun haben, bleibt gänzlich unerfindlich. Allerdings sollte nachsichtig eingeräumt werden, daß die Fertigstellung des Buches vor dem 11. September 2001 und vor der SPIEGEL-Veröffentlichung »Der religiöse Wahn« (Nr. 41 / 8. 10. 2001) erfolgte.
Wen wundert es, wenn der Verfasser zusätzlich noch die Bücher über Freimaurerei und »Kriegshetze und Völkermorden« der Philosophin zuordnet, obwohl sie, wie allgemein bekannt, von General Ludendorff geschrieben wurden. Beide Veröffentlichungen bringt Gugenberger kurzerhand mit »ihren konspirationsgläubigen Ideen« in Verbindung und schreibt »Völkermorde« statt »Völkermorden«, die Sinnentstellung mit einem eigenwilligen Titelzusatz dreist verfremdend. Ebenso großzügig verfährt der Esoterikspezialist in seinem »fundierten« Buch mit den Belegstellen (z. B. Ludendorff, Ludendorff, S. 45), vermutlich um die Nachprüfbarkeit zu behindern, was bei keiner Seminararbeit geduldet würde.
Um die Einbeziehung Mathilde Ludendorffs in die Gesamtvisionen besser »begründen« zu können, mußte natürlich auch auf die uralte Methode der Geschichtsklitterung zurückgegriffen werden:
»Die Herrschaftsübernahme durch die NSDAP im Januar 1933 wurde von Mathilde Ludendorff zunächst begeistert gefeiert, doch zogen bald drohende Wolken am ,arteigenen' Horizont auf. In der NSDAP war Mathilde Ludendorff nämlich nach wie vor nicht unbedingt wohl gelitten und Hitler selbst sprach bisweilen ausgesprochen verächtlich von ihr.« (S. 165)
Hier handelt es sich wieder um die tolldreiste Mischung aus Lüge und Wahrheit. Obwohl Gugenberger durch den erwähnten SPIEGEL-Artikel von 1960 über das Telegramm General Erich Ludendorffs an den Reichspräsidenten Paul v. Hindenburg nach dessen Ernennung Hitlers zum Reichskanzlers informiert ist, nimmt er weder dieses noch andere Dokumente vom Kampf des Hauses Ludendorff gegen die NS-Gewaltherrschaft zur Kenntnis, da sie offenkundig nicht nur seinen unhistorischen Konstruktionen keinen Dienst erweisen, sondern geradezu hinderlich sind.
Erweist sich bereits die unwissenschaftliche Ausdrucksweise als entlarvend (»Nichtsdestotrotz flossen Mathildens gotterkennende Ideen nach wie vor unbeirrt «) (ebd.), so erübrigt sich im Grunde jede Einzelauflistung des dargebotenen Unsinns. »Der Seele Wirken und Gestalten« wird törichterweise umgedichtet in »Der Seele Ursprung und Gestalten«. »Erlösung von Jesu Christo« nimmt Gugenberger als »Kleinschrift« wahr, indirekt auch hierdurch signalisierend, daß er das Buch überhaupt nicht in der Hand gehabt hat, um wenigstens das ungefähre Gewicht abschätzen zu können. Gleiches gilt für »Der Siegeszug der Physik«.
Bei so viel Verwirrung fiel dem Verfasser natürlich auch der Widerspruch zwischen seiner tendenziösen Darstellung und den wahren Verdiensten der Philosophin nicht mehr auf, wenn er nach Erich Ludendorffs Worten selbst zitiert, daß Mathilde Ludendorff dem Machtstreben der Priesterreligionen und »okkulten Wahnvorstellungen« (sic!) die klare Gotterkenntnis entgegenzustellen vermochte. »Spottet seiner selbst und weiß nicht wie« (Goethe, »Faust«, Erster Teil). Und weil er nicht ein einziges philosophisches Werk Mathilde Ludendorffs gelesen hat, nennt er die Gotterkenntnis »obskur«, »nichtsdestotrotz« gewissermaßen.
Verwirren dürfte den unvoreingenommenen Leser die »nach wie vor unverhohlene Abneigung« des Diktators Hitler, die dieser »der Religionsstifterin« entgegenbrachte (S. 166). Ja, wie hätt' ma's denn? Abneigung gegen eine angebliche »okkulte Wegbereiterin« des Dritten Reiches?
Mit einer solchen »complexio oppositorum« (Vereinigung von Gegensätzlichem) kommt der Autor mühelos zurecht und bringt selbst die nach dem Kriege erschienenen philosophischen Werke Mathilde Ludendorffs irgendwie mit dem toten Diktator in Verbindung. Deshalb verfährt Gugenberger wiederum bei der Titelangabe großzügig, da ohne jede Kenntnis philosophischer Zusammenhänge. So wird aus dem Werk »Das Hohelied der göttlichen Wahlkraft«, vermutlich von einer Verlagsankündigung falsch abgelesen, sinnloserweise die Eigeninspiration des Verfassers »Das Hohelied der göttlichen Wahrheit«. Schließlich fiel es dem Spezialisten in Okkultismusfragen noch schwerer, den Titel »In den Gefilden der Gottoffenbarung« richtig abzulesen", macht er doch daraus, christlichen Vorstellungen verhaftet, eine »Gottesoffenbarung«.
Aber nicht nur Fragen philosophischer Gehalte bringen den Autor in Schwierigkeiten, sondern auch einfache Tatsachen werden falsch wiedergegeben, wenn er behauptet:
»Das Verbotsurteil wurde zunächst durch sämtliche Instanzen bestätigt, am 23. März 1971 jedoch auf Grund gemäßigterer neuer Satzungen vom Bundesverfassungsgericht wieder aufgehoben.« (S. 170). Der wahre Grund für die erst nach 15jährigem Rechtsstreit erfolgte Verbotsaufhebung wegen Verfassungswidrigkeit der Willkürmaßnahme paßte offenbar nicht in die Konzeption des »fundierten« Buches.
Ein letztes Bonmot (geistreiche Wendung) der heiteren Art sei unseren Lesern nicht vorenthalten. Gugenberger bringt es immerhin fertig, Herrn Franz Karg von Bebenburg zum Leiter des Verlags für ganzheitliche Forschung in Viöl zu ernennen. (S. 170) Ein weiterer eklatanter Beweis für die Oberflächlichkeit dieses als »fundiert« gepriesenen Machwerks. Nicht einmal banale Sachverhalte wurden sorgfältig recherchiert.
Eine der wissenschaftlich fundierten Wahrheit verpflichtete Diskussion konnte gar nicht das Ziel der Veröffentlichung sein. Zielsetzung war einzig und allein die bewußte, in den Dienst des Zeitgeistes gestellte Diffamierung einer unerwünschten Geisteshaltung. Deshalb wurden die »Visionen« bemüht, auch um den Preis der Bloßstellung eigener Ignoranz und Unzulänglichkeit, »nichtsdestotrotz« um den Preis offenbarter Nichtswürdigkeit.