Verdi-Gedenken

Zum 100sten Todestag am 27.01.2001

Von Edith Stahl1)

Verdis hinreißende und schwungvolle Melodien werden vielen theaterfreudigen Besuchern oftmals noch in den Ohren klingen, denn: Jedermann weiß, daß z. B. Werke wie: Der Troubardour, Rigoletto, La Traviata zum festen Bestand der Theaterspielpläne in aller Welt gehören, daß gerade diese Opern schon zu Lebzeiten des Komponisten ihren Siegeszug antraten, nachdem er vor den künftigen »Standardwerken« gar manches zur Uraufführung gebracht hatte, das aber, mehr im »Zeitgeist« gedacht, nicht die Genialität der späteren Schöpfungen erreichte und trotzdem damals eine unglaubliche Begeisterung bei seinen Landsleuten hervorrief, aus Gründen, die wir noch kennen lernen werden. Ferner wissen wir, daß mit den Opern »Maskenball«2) und »Don Carlos«, besonders aber »Aida« und den großartigen Entwürfen zu »Othello«, die Verdi noch im Alter von über 70 Jahren zur Vollendung brachte, der Tonschöpfer sich in die Reihen der unsterblichen Großen gestellt hat. Wie spricht uns nun der Biograph Karl Holl von dem edlen Menschen und Künstler Verdi? Er sagt mit Recht:

»Der Künstler Verdi hätte solche Werke nicht schaffen können, hätte nicht der Mensch Verdi alle jene besonderen seelischen Kräfte und Eigenschaften besessen, die uns aus dem Klangbilde seiner Partituren entgegenströmen. Daß Verdi auch als Charakter eine imposante, trotz ihrer Eigenart merkwürdig gesunde Erscheinung des romantischen Jahrhunderts war und eine bleibende Spur hinterläßt, können wir heute freilich viel leichter und schärfer erkennen als seine Zeitgenossen, denen er jeden tieferen Einblick in sein persönliches Leben hartnäckig verwehrte ... Grundzüge im Wesen Verdis sind: seine Einfachheit, seine Verbundenheit mit dem eigenen Volkstum, seine Energie, seine Aufrichtigkeit und seine Bescheidenheit...«

Noch näher zu seiner edlen Seele führt uns ein wunderschönes Zeugnis seiner zweiten Frau, welche in ihrer großen Liebe und Verehrung zu Verdi an seinen Verleger schreibt:

»Nicht wahr, Giulio, in Verdi überragt der Mensch noch den Künstler? Es ist nun schon viele Jahre her, daß ich die Gnade habe, in seiner Nähe zu leben, und es gibt Augenblicke, in denen ich nicht weiß, ob meine Liebe oder meine Verehrung für ihn größer ist, für ihn, sein Herz und seinen Charakter.«

Schon durch diese wenigen »Dokumente« ist uns das vornehme, hochherzige Menschentum des Tondichters lieb geworden. Lassen wir daher nun einige seiner bedeutenden Aussprüche über Kunst, vor allem über Musik auf uns wirken, die sich vollständig mit seiner Wesensart decken. Der große Verehrer von Beethoven: »Vor diesem Namen haben wir alle uns in Ehrfurcht zu verneigen«, sagt uns:

»Ach, wenn doch die Künstler dieses Wort ,wahr' verstehen möchten, dann gäbe es nicht mehr Musiker der Zukunft und der Vergangenheit, nicht mehr puristische, realistische und idealistische Maler, nicht mehr klassische und romantische Dichter, sondern wahrhafte Dichter, wahrhafte Maler und wahrhafte Musiker...«

Der »Wille zur Wahrheit«, wie Frau Dr. Ludendorff in ihren Werken sich ausdrückt, war in diesem seltenen Menschen ganz besonders lebendig und war gepaart mit stolzer Ablehnung der »Musik-Wirtschaft«. Er kann keinerlei Kriecherei vertragen, deshalb antwortet er, als er wegen eines neuen Betätigungsfeldes in Paris darüber befragt wird:

»Zu welchem Ende? Um des Ruhmes willen? Ich glaube nicht daran. Des Geldes wegen? Ich verdiene das gleiche und vielleicht noch mehr in Italien. Und wenn ich es auch wollte ... es ist unmöglich. Ich liebe zu sehr meine Einsamkeit und meinen Himmel. Ich ziehe nicht meinen Hut vor Grafen und Marquis, vor gar niemanden. Schließlich bin ich kein Millionär und will die paar tausend Franken, die ich mit Mühe erworben habe, durchaus nicht für Reklame, für eine Claque und für ähnliche Schändlichkeiten ausgeben...« (Brief an Cl. Maffei)

Der Biograph erzählt uns denn auch:

»Nein, er ist nicht entzückt von diesem Paris und seinem Kunstbetrieb. Und er ist weit davon entfernt, hier ,Wurzelfassen' zu wollen. Er hat, im Gegenteil, sogar einen ,wilde Sehnsucht' nach Hause zu kommen...«

Der »tief im Wesen und in der nationalen Musikauffassung seines Volkes verwurzelte Verdi«, wie Karl Holl sich sehr treffend ausdrückt, gibt uns Gelegenheit, seine starke seelische Verbundenheit mit seiner Heimat und seinem Volke darzutun.

Er schreibt seinem Freunde nach eingehender Auseinandersetzung mit den Schriften Richard Wagners:

»Erinnern wir uns, daß wir einer Rasse angehören und eine Sonne haben, die, ich will nicht sagen, schöner oder häßlicher ist, aber verschieden von jener, die jenseits der Berge scheint. Verschieden ... verstehen Sie mich recht! ... Mit diesem Wort will ich sagen: Keine fremde Kunst, sondern eine uns eigene und eine Kunst unserer Epoche. Der Künstler, der sein Land repräsentiert und seine Epoche, wird notwendigerweise ein universaler Künstler, einer der Gegenwart und der Zukunft...« 3)

»Wenn der Genius der Nation in der Musik nicht deutlich hervortritt, ist sie ohne Reiz und Wert...«

Und ebenso klar weiß er, daß die Kunst zu allen Völkern spricht!

»Die Kunst gehört allen Völkern ... aber sie wird von einzelnen Menschen ausgeübt, und da die Deutschen andere Kunstmittel haben als wir, ist ihre Kunst von der unseren auch innerlich verschieden. Wir können nicht so komponieren wie die Deutschen oder sollten es doch nicht tun, und die Deutschen nicht so wie wir ... wenn man aber aus Mode, aus Sucht nach Neuem, aus angeblicher Wissenschaft auf das Eigene in unserer Kunst verzichtet, und unseren Instinkt verleugnet, die freie, natürliche Sicherheit unseres Schaffens, unser Fühlen, unser goldenes Licht - so ist das sinnlos und dumm.« (an Giulio Ricordi).

Durch die Aussage eines Genius bestätigt sich hier wieder einmal sonnenklar, daß das Problem der Volkseigenart auch in der Kunst durchaus nicht oberflächlich behandelt werden kann und darf. Wie der große Italiener schon aus »Instinkt« den richtigen Weg des »eingeborenen Erbgutes« einschlug, ohne dabei in Rassedünkel zu verfallen, welchen Verdi sehr verabscheute, so sind uns auch hier wieder Frau Dr. Ludendorffs Werke4) treffendster Beweis - an Hand von Erfahrung, Erkenntnis und philosophischer Schau geschaffen -, an welcher kein wahrhaft für Kultur Begeisterter, sei er aus welchem Volke, vorbeigehen dürfte, um sich zumindest davon zu überzeugen, daß hier Wahrheit und nicht als Wahrheit gegeben wird, die wie wir nun sehen, von dem großen Künstler Verdi ebenso hoch gewertet wird wie von der Philosophin. Auch die in jenen Werken so hoch gewertete, ja, als unerläßlich bezeichnete Zweckerhabenheit alles künstlerischen Schaffens kleidet der große Verdi in die Worte:

»... ,Fortschritt der Kunst!!' ein anderes Wort ohne Sinn! Diese Sache geht doch von selbst vor sich! Ist der Autor ein Mann von Genie, so läßt er die Kunst fortschreiten, ohne den Fortschritt zu suchen und ohne ihn zu wollen...«

Doch wollen wir nun des großen Künstlers Leben und aus ihm seinen Charakter noch vielseitiger kennen und lieben lernen. Der einfache Sohn eine Wirtshausbesitzers in Leeconcole, bei Busseto in der Tiefebene des Po, im Oktober 1813 (also im gleichen Jahr mit Richard Wagner) geboren, besaß eine tiefgehende Liebe zum Lande, auf dem er aufgewachsen war. Sein Hang zum Bauerntum und zur Landwirtschaft, sein verschlossenes Wesen, das später mehr und mehr einer liebenswürdigen Heiterkeit Platz machte, sollten ihm die Begleiter seines Lebens sein und oft mochte er zu Freunden gesagt haben, als er sich vom Ertrag seiner Einkünfte ein größeres Gut bei Sant' Agathà erstand und dies mit dem Eifer eines erfahrenen Landwirtes ausbaute: »Ich gehe auf meine Felder.« Er wußte manchmal tatsächlich nicht, welche Art der Betätigung ihm nun näher lag, ob die Kunst des Komponierens, oder die »praktische« Arbeit im Freien und im Hause, so stark war in ihm der »Landmann« ausgeprägt. In den Schaffenspausen zwischen zwei Werken, die sich länger hinauszogen, je großartiger das darauffolgende Werk sich gestaltete, wurde monatelang kein Instrument angerührt, ebensowenig wird über Musik gesprochen. Sein übriger Bücherbestand war größer als derjenige der Noten, da er sich am liebsten Musikstücke im Konzertsaal anhörte. Um die Ackerwirtschaft zu verbessern, führte er viele Neuerungen ein und verschaffte durch seinen Musterbetrieb, wobei er den wenigsten Nutzen für sich herauszog, hunderten von Menschen Arbeit und damit eine Existenz. Er war immer bedacht, sein Vermögen im sozialen Sinne zu verwerten. Er selbst machte sich, wie wir ja schon erfuhren, aus »Geld, Ruhm, Ansehen« nicht das Geringste, und dies soll durch einen kurzen Ausspruch des Künstlers nochmals bestätigt werden:

»Ich mache den Landmann im weitesten Umfange des Wortes. Ich mache den Architekten, den Maurermeister, den Schmied - ein wenig von allem ... wenn du ihm sagst, daß der ,Don Carlos' nichts taugt, so bedeutet das für ihn nicht die Bohne; wenn du ihm aber seine Fähigkeit bestreitest den Maurerlehrling zu machen, so nimmt er das übel...« (Brief an einen Freund).

Und der Biograph fügt sehr überzeugend hinzu:

»... Der Mann, der oft ganze Tage ,draußen' verbringt, gewinnt als schaffender Musiker immer wieder die volle Frische der Anschauungskraft und des Empfindens, die seine Kunst in Bezug auf Form und Ausdruck so eigenartig ergreifend kennzeichnet.«

Dieser große Musiker und Mensch, welcher dann in Perioden des Schaffens unermüdlich, ja fast Tag und Nacht von seinen Ideen besessen war, liebte, wie sollte uns dies bei ihm noch wundern, über alles seine Tiere, zumal seine Haushunde, die er auch beim Komponieren im Zimmer um sich haben mußte. So schrieb er einem toten Hündchen auf das Grabdenkmal: »Einem meiner besten und treuesten Freunde«. Aber in all seiner persönlichen Freude an Landarbeit beseelt ihn auch die tiefe Einsicht in die Bedeutung der Landwirtschaft für das Volk:

»Etwas weniger Komponisten, Advokaten, Aerzte usw. und ein bißchen mehr Landwirte: das wäre mein Wunsch für meine Heimat ... Ich habe einiges Geld ausgegeben, das vielen armen Arbeitern zu Essen gegeben hat, denn Ihr Bewohner der großen Städte müßt wissen, daß das Elend der armen Klassen groß ist, ich sage groß, sehr groß; wenn da nicht vorgesorgt wird, sei es von oben oder von unten, werden einmal sehr schwere Uebel daraus entstehen ... Wenn ich Regierung wäre, dächte ich nicht so sehr an Parteien ... als an das tägliche Brot ... das sind für mich unnütze Arbeiten, denn diese Betriebe bringen mir keinen Centesimo mehr Rente ein, aber allmählich nimmt das Volk etwas ein und in meinem Dorf gibt es keine Auswanderer...«

Eine sehr seltene Erscheinung, dieser Künstler, der so unegoistisch für sein Volk lebte und dachte, und die Italiener waren völkisch gesund genug, um sogleich herauszufinden, von welch großer Bedeutung Verdi, der einige Zeit sogar, wider seinen Willen, zum Abgeordneten gewählt wurde,5) für ihr Land war. Das Volk ging mit dem Freiheitsempfinden seines Helden mit, wie wir gleich erfahren werden. Nämlich anläßlich der Uraufführung seiner Oper »Die Schlacht bei Legnano« 6) 1849, in welchem Jahre es auch in Italien »gärte«, waren die Besucher des Theaters in einen derartigen Jubel ausgebrochen, daß während der Vorstellung das Publikum begeistert ausrief: »Es lebe Verdi, es lebe Italien!« Außerdem hören wir folgendes anläßlich der Aufführung des schon erwähnten »Maskenball«:

»Am Abend des 17. Februar 1859 muß der Schöpfer des ,Maskenball' in Rom mehr als dreißigmal an der Rampe erscheinen, und der Zuschauerraum des Apollo-Theaters hallt wieder von den Rufen der begeisterten Menge: ,Es lebe Verdi!' Vielleicht wäre der Beifall nicht ganz so heftig ausgebrochen, lebte man nicht wieder einmal in einer politisch erregten Stunde, in welcher die Italiener jede Gelegenheit wahrnahmen, um ihrem glühenden Wunsche nach Befreiung des Vaterlandes und ihrer Entschlossenheit zum Entscheidungskampf mit Oesterreich Ausdruck zu geben. Und doch wäre ihr Mut, wäre ihr Stolz wohl kaum in solchem Grade bestärkt worden, hätte nicht der ,Maestro della Revolutione Italiana' ihnen im ,Maskenball' ein weiteres Werk geschenkt, das trotz dem Ueberwiegen der rein menschlichen Empfindungen über das politische Moment neues Zeugnis für die moralische Kraft der Nation ablegt.«

Bei Verdi, einem Gegner jedes »Sektenwesens«, bei seiner Abneigung gegen »Pfaffen, Mönche und Heuchler«, ist dieser Grundzug eines starken Freiheitsbewußtseins immer wieder in seine Äußerungen und Schöpfungen zu finden. Wir wundern uns daher nicht, nach dem, was wir von der herrlichen Gesinnung Verdis erfahren haben, daß er auf das Tiefste Schiller und besonders Shakespeare verehrte, dessen Drama »Othello« durch des Komponisten Feder mit sparsamsten Mitteln und dadurch unmittelbarer Ausdruckskraft geschaffen zu einem der größten Meisterwerke der Tonkunst heranwuchs. Über die »Othello«-Aufführung sei kurz berichtet, daß auch hier wieder das italienische Volk voll und ganz seinen »Maestro« verstanden hatte. Verdi ist traurig über die Abgabe des Werkes. So völlig ist er mit ihm verwachsen: »Armer ,Othello' Nun wird er nicht mehr zurückkehren!!!...«

Verdis Leben war reich, aber auch leidvoll: Wer würde von uns je angenommen haben, daß der Meister der Tonkunst, als er in jungen Jahren um Aufnahme in das Mailänder Konservatorium bat, nach einer Prüfung glatt abgewiesen wurde, obwohl sein großes Talent gewiß schon unbedingt hätte zu erkennen sein müssen. So mußte er sich sein Studium mühsam erkämpfen, fand aber Hilfe und Teilnahme an einem väterlichen Freund aus Busseto, dem hochherzigen Kaufmann Barezzi, mit dessen Tochter er sich später verband. Doch wie bald darauf traf ihn der schwerste Schicksalsschlag, der einen Menschen treffen kann: Es wurden ihm beide Kinder im zartesten Alter und seine junge Frau durch schwere Krankheit entrissen. Er selbst war damals erst 27 Jahre und konnte nur ganz allmählich wieder zum Dasein zurückfinden. Die Kunst wurde ihm Rettung und Wegweiser, nachdem er sich fast selbst aufgegeben hatte. In viel späteren Jahren wurde ihm dann durch seine zweite Frau häuslicher Friede und Harmonie beschieden. Sie, ihm kongenial, musikalisch hoch begabt (sie war Sängerin gewesen), »gab ihm die seelische und leibliche Gesundheit zurück«, weiß Holl von ihr zu rühmen und teilt uns mit:

»Die Lebensklugheit dieser Gefährtin, schafft die Voraussetzung für ein stetiges selbständiges Wirken in periodischem Wechsel von schöpferischer Anspannung und ausgleichender, zugleich stählender Arbeit am eigenen Grund und Boden. Die künstlerische und geistige Kultur dieser Frau hilft den Gesichtskreis des Mannes an ihrer Seite erweitern. Sie glättet die rauhe Außenseite seines Wesens bis auf jenen Rest, den er zum Schutze seiner ursprünglichen Einfachheit und Unverstelltheit braucht und verteidigt. Sie begünstigt jede Verfeinerung seines Innenlebens, die mit dem tieferen Eindringen des genialen Künstlers in die Welt menschlichen Fühlens zwangsläufig verbunden ist. Perpinas religiöses und soziales Empfinden bestätigt Verdis eigenes Bedürfnis, gut, richtig und sinnvoll zu handeln. Nun können Meisterstücke entstehen, die jeden fühlenden Menschen angehen.«

Beider soziales Empfinden läßt in ihnen auch einmal den Wunsch entstehen, ein Altersheim für Musiker errichten zu lassen, »die Casa di riposo«, in dem gealterte Künstler einen würdigen Lebensabend zubringen können. Daher wird dieses Heim auch mit allen Bequemlichkeiten ausgestattet, denn es soll für die Künstler nicht den Anschein einer »Almosenanstalt« haben. Verdi opfert dafür einen großen Teil seines Vermögens (nachdem er die ihm Nächststehenden testamentarisch bedacht hatte), denn Mitleid für die vom Theater oder vom Konzertpodium sich zurückziehenden Musiker, die oft in großer Armut ihr Alter verbringen mußten, ließ ihn diesen Schritt tun.

Nachdem die Gattin Verdis auf ihrem Kranken- und Sterbebette7) einen Teil ihrer Einkünfte 50 armen Familien von St. Agathà vermacht hatte, war ihr letzter Wunsch ein ganz einfaches Begräbnis: »Ohne Blumen, ohne Reden, ohne Musik« - diesen selben schlichten Wunsch teilte auch der geniale Tondichter. In seinem Testament findet sich folgende Niederschrift: »... ich wünsche dringend, in Mailand begraben zu werden, neben meiner Frau, in der Kapelle, die in dem von mir gestifteten Altersheim für Musiker erbaut werden soll ... Ich bestimme, daß mein Begräbnis ganz bescheiden sei ... Ich wünsche keinerlei Bekanntgabe meines Todes mit den üblichen Formeln ... Am Tage nach meinem Ableben sollen an die Armen des Dorfes St. Agathà 1000 Lire verteilt werden.«

Doch hören wir, was uns der Biograph über die Bestattung Verdis mitzuteilen hat:

»Im Sinne dieser Anordnungen, mit denen Verdi die großzügig einfache Haltung seines ganzen Lebens besiegelte, setzten die Beauftragten die Bestattung auf den frühen Morgen des 30. Januar fest ... Keinerlei Schmuck, nicht einmal Kränze und Blumen ... Aber ein anderes gibt dem sang- und klanglos voranschreitenden Zuge das unverkennbare Gepränge des einmalig bedeutsamen und weithin wirkenden Ereignisses. Das Karree von Kavallerie und Fußsoldaten, das ihn einschließt, ist nur der unumgängliche Begleitumstand der einzigartigen Erscheinung, daß eine unübersehbare Zahl von Menschen aller Volksschichten seinen Weg umsäumt und schließlich hinter ihm herbrandet. Diese große Trauergemeinde wird von den Augenzeugen auf mindestens 200.000 Köpfe geschätzt. Schweigend zieht der Zug vorüber. In tiefsten Schweigen grüßt und begleitet ihn die Menge. Ein ganzes Volk nimmt von einem seiner Großen Abschied, von einem, der die politische ,Auferstehung' dieses Volkes mitbewirkt hat und dann als ein Vorbild unter ihnen lebte, bis die letzte Faser seines reinen, mutigen und gütigen Herzens verbraucht war.«

Verdis Persönlichkeit, »der sprechende Blick seiner grauen Augen«, wie ihn Bilder übermitteln, die hohe schlanke Gestalt, seine einfache, großzügige und charakterlich so vornehme innere Haltung ist uns tief eingeprägt, und sein schöner Wahlspruch, mit dem wir die Abhandlung beschließen wollen, klingt in uns lange, lange nach:

»solitudine e studio, ecco la mia vita« - »Einsamkeit und Sterben, das ist mein Leben.«


Fußnoten:

  1. Vor 50 Jahren von der Autorin veröffentlicht
  2. Ein ausgezeichnetes Werk! Es behandelt eigentlich das Thema der Ermordung Gustav III. von Schweden, auf Geheiß der Zensur mußten aber der Schauplatz der Handlung verlegt und die Namen geändert werden.
  3. Noch im Alter von fast 80 Jahren vollendete Verdi sein letztes fabelhaftes Werk »Falstaff«, und nicht vergessen sei das »Requiem«, welches viel im Konzertsaal aufgeführt wird und uns immer wieder ergreift.
  4. siehe »Die Volksseele und ihre Machtgestalter«, »Das Gottlied der Völker«
  5. Er äußerte zu dieser Zeit auch einmal: »Ein geteiltes Italien - wäre stets der Willkür und Protektion der anderen großen Mächte ausgeliefert, daher arm, schwach, ohne Freiheit und ,halb wild'.«
  6. Dasselbe geschah auch schon mit anderen Opern
  7. Sie erreichte das hohe Alter von 84 Jahren. Verdi folgte ihr nach zwei Jahren im Alter von 88 Jahren.