Von Dietmar Lange
Es ist eine große Ehre, an dieser Stätte sprechen zu dürfen, dessen bin ich mir durchaus bewußt, um so mehr, da mir fast auf den Tag genau vor 40 Jahren eine letzte persönliche Begegnung im Hause der Philosophin vergönnt gewesen war.
Aber wie an jenem denkwürdigen 6. Oktober 1961 empfinde ich stärker als das Bewußtsein zuteil gewordener Ehre ein in tiefster Seele erlebtes Dankbarkeitsgefühl, wenn ich mit Ihnen, liebe Freunde, heute wieder an der Grabstätte Ludendorff stehe und Worte dankbaren Erinnerns an Sie richten darf. Dem Gedanken, der sich an dieser Stätte geziemt wie an kaum einer anderen, hat Friedrich Schiller im Rahmen seiner Jenaer Antrittsvorlesung treffend Ausdruck verliehen:
»Was hat der Mensch dem Menschen Größeres zu geben als Wahrheit!«
Denn wer von uns vermag sich seine persönliche Lebensgestaltung noch ohne die durch weltanschauliche wie politisch-geschichtliche Klarheit vermittelte Wahrheit enthüllter Wirklichkeit, wie sie das Haus Ludendorff gab, vorzustellen? Für die geistige Befreiung des einzelnen, unseres deutschen Volkes und aller Völker der Erde gewirkt zu haben, bleibt das geschichtliche Verdienst des Feldherrn Erich Ludendorff und der Philosophin Mathilde Ludendorff, wie immer die betörte Umwelt darauf reagiert haben mag. Sich diesem Freiheitskampf angeschlossen, sich vom Wahrheitsgehalt der philosophischen Werke Mathilde Ludendorffs überzeugt zu haben aber bedeutet Vertiefung und Bereicherung des eigenen Daseins, bedeutet höchste Orientierung auch in einer immer komplizierter gewordenen, doch letztlich sich gleich gebliebenen Welt, bedeutet stolzes Wahrnehmen der damit verbundenen Verantwortung im Denken, Fühlen und Handeln. An der damit ebenso verbundenen Unbequemlichkeit ist jedoch auch mancher unserer früheren Weggefährten gescheitert, dessen Eltern ihm ebenso wie uns den klaren Weg der Erkenntnis gewiesen haben, dessen Beschreiten indes Willensstärke, Kraft und nicht selten Mut abverlangt. Die Entscheidung für das Wesentliche wird einem nicht abgenommen, sie ist persönlich zu leisten. Dennoch gilt an dieser Stätte Dankbarkeit auch gegenüber der Elterngeneration, die diesen Weg des Hauses Ludendorff für sich und ihre Kinder als den richtigen erkannten in schwerer Zeit, einer Generation, von der mancher einst ebenfalls zum stillen Gedenken an dieser Grabstätte weilte. Vergessen wir nicht: sie alle dachten und empfanden im Leben wie wir.
Dankbarkeit schließt somit Erinnerung ein an Gesinnungsfreunde, Mütter und Väter, denen der Name Ludendorff so viel bedeutete, weil das mit ihm verbundene Schaffen und Wirken ihrem eigenen Leben einst Richtung und Kraft verlieh. Lassen Sie mich daher auch des Mannes gedenken, der am 22. Julmond 1937 am Grabe Erich Ludendorffs vor den Trauernden und vor den Soldaten der damaligen Wehrmacht sprach. Nur wenige Jahre später wurde er selbst in den Kämpfen um Stalingrad vermißt. Aus der Ansprache des Gesinnungsfreundes Meyer-Dampen seien diese Worte ins Gedächtnis gerufen:
»Was der Tote als Feldherr der Deutschen im Weltkriege an gewaltigen Leistungen vollbrachte, will ich hier nicht zu würdigen versuchen. Dieser unsterblichen Taten und ihrer unüberschätzbaren Auswirkungen auf das Leben unseres Volkes zu gedenken, war heute Berufeneren anvertraut. Was ich in dieser Weihestunde zum Ausdruck bringen möchte, ist dies: daß wir heute in tiefer Erschütterung am Ende stehen dieses ehrfurchtgebietenden, an Taten und Schicksal so überreichen Lebens, keineswegs aber am Ende seines Wirkens und Gestaltens an Deutscher Gegenwart und Zukunft, daß über diesem Grabe der geheimnisvolle Zauber einer Wintersonnenwende liegt, eines erahnten Frühlings mit seinem Wachsen und Werden. Gerade wir vielleicht sind berechtigt, das zu sagen, die wir dem Toten in Verständnis und beglückender Gefolgschaft verbunden sein durften; denn wir haben an uns die tiefe Wirkung erfahren, die dieser Starke, Stolze, Gütige und von Grund auf Wahrhaftige auf alle die ausstrahlt, die wahre Größe zu erfassen vermögen
Wie aber sah die Wirklichkeit aus, der er sich gegenübergestellt sah, weil er sich selbst und seinem Volke die Treue bewahrte? Nicht, daß er einsam war, meine ich. Das ist das Schicksal jedes Großen, das gern ertragene, besonders für ihn, dem, als sein höchstes Lebensglück, diese Einsamkeit zu heiliger Zweisamkeit wurde an der Seite einer ebenbürtigen Gefährtin. Nicht, daß er Feinde hatte, meine ich; das ist das Schicksal eines jeden Kämpfers. Nicht, daß er keinen Dank erntete; er hat darauf nie gerechnet. Daß aber kein Wicht und keine Lüge zu erbärmlich waren, als daß man ihnen nicht willig geglaubt hätte, wenn sie nur des Feldherrn Leistung, Leben und Wollen verunglimpften, das ist so empörend. Und doch zugleich Anlaß zum Erahnen seiner ganzen, gottwachen Größe. Denn nie hat ihn selbst das an seinem Volke irre machen, ihn vergessen lassen können, was dem Feldherrn der Krieg unverlierbar einprägte, nämlich zu welcher Höhe sich der Deutsche zu erheben vermag, wenn statt fremden, gottfernen Wahns die Volksseele, das Ahnenerbgut, sein Handeln bestimmt.«
Welches Unheil religiöser Wahn auszulösen imstande ist, erfuhr die Welt entsetzt am 11. September, als eine Art »Rückkehr des Mittelalters« (SPIEGEL) mit anschließender Beschwörung der Kreuzzugsvorstellung. Sogleich ist aber auch vom »Mißbrauch der Religion« beschwichtigend die Rede, wird vom niedersächsischen Ministerpräsidenten Gabriel die These aufgestellt: »Terror hat keine Religion« (BZ vom 29. 9. 01). Dem widersprach Prof. Dr. Hartmut Heuermann in Folge 3 der Serie »Die Welt nach dem Terror« der »Braunschweiger Zeitung« vom 9. 10. 01 ganz entschieden und mit Recht. Daß es sich bei den Terroristen vom 11. September um religiös motivierte Täter handelt, »Wahnsinnige im Urteil aufgeklärter Menschen«, stehe außer Zweifel, denn nachweislich diente ihnen der Koran als Inspirationsquelle. »Historisch ist darauf hinzuweisen, daß der Prophet Mohammed keineswegs als sanftmütiger Pazifist agierte«, und Heuermann belegt das quellenmäßig. »Tatsächlich«, führt der Hochschulprofessor aus, »ist dem Koran ein gerütteltes Maß an Militanz und Zorn gegenüber den ,Ungläubigen' eingeschrieben: ,Wahrlich, wir werden in die Herzen der Ungläubigen Schrecken werfen, darum daß sie neben Allah Götter setzten, und ihre Wohnsstätte wird sein das Feuer '«. Auf der anderen Seite macht der Verfasser deutlich, daß die Christen keinerlei Veranlassung zur Selbstgerechtigkeit hätten. »Denn das Christentum hat selbst eine Blutspur in die Geschichte gezeichnet, die von den Kreuzzügen über die Vernichtung der Katarer, die Verbrennung von Hexen, die Abschlachtung der Hugenotten, den Völkermord an den Ureinwohnern Amerikas bis zu den Terrorakten im heutigen Irland reicht. Eine fünfbändige ,Kriminalgeschichte des Christentums' hat Karlheinz Deschner vorgelegt als traurige, bluttriefende Chronik der Morde und Metzeleien an Ungläubigen, Andersgläubigen, Ketzern und Renegaten im Namen dessen, der ,Friedensfürst' genannt wird.«
Prof. Heuermann fährt unnachgiebig fort: »Man lese die biblischen Bücher, bevor man selbstgerecht urteilt, zum Beispiel die Johannes-Apokalypse. Dort wird Qual und Vernichtung all denjenigen an den Hals gewünscht, die 'nicht mit dem Siegel des (christlichen) Gottes auf der Stirn' gekennzeichnet sind. Terror ist ein Markenzeichen apokalyptischen Denkens, ein typisches Merkmal religiöser Strafideologien.« Und damit kommt er zum Kern: »Religion ist älter als Politik, ihre psychohistorischen Wurzeln sind zäher und reichen tiefer. Hier finden Eiferer und Fanatiker den Nährboden, aus dem religiöse Ideologien als giftige Blüten archaischen Denkens hervorgetrieben werden.«
Und was folgt als »wichtigste Lehre vom 11. September«? Prof. Heuermanns zurückhaltend vorsichtig formulierte Antwort weist, wie man heute zu sagen pflegt, in die richtige Richtung, aber sie greift zu kurz. Er meint: »Wenn es nicht gelingt, Gott im religiösen Bewußtsein der Menschen zu ,modernisieren', das heißt, ihn seiner (vorgeblichen) Parteilichkeit zu entkleiden, wird es keinen Frieden unter den Religionen geben.« Es müßten sich daher »Verkündigung und Rezeption« der Texte ändern, »Gläubigkeit darf nicht unbesehen mit Wahrheit gleichgesetzt werden.«
Aber, so müssen wir fragen, was wissen »Theologen und Religionspädagogen, Kulturwissenschaftler und Publizisten«, die Heuermann glaubt in die Pflicht nehmen zu können, damit anzufangen?
Nein, die geforderte »Modernisierung« Gottes kann erst dann gelingen, wenn endlich die von der Philosophie erkannten Grenzen der Vernunft respektiert werden, wenn das »vom Wahn überschattete« Wort, wie Mathilde Ludendorff in Klarheit zeigt, wirklich als das wahrgenommen wird, was die Bezeichnung Erkenntnis verdient: »Denn Gott ist die tiefste, allerdings sinnvoll verhüllte Wirklichkeit dieses Weltalls, ist sein Wesen!« (M. Ludendorff, In den Gefilden der Gottoffenbarung, S. 21). Was also die »Modernisierung« Gottes betrifft, sie liegt mit dem Erscheinen des philosophischen Grundwerkes »Triumph des Unsterblichkeitwillens« seit immerhin 80 Jahren der Welt vor!
Solange jedoch die Weltreligionen an ihrem Machtstreben festhalten, um Weltherrschaft ringen, solange der Wahn von einem persönlichen, das Schicksal der Menschen gestaltenden »Gott« die Völker beherrscht, »wird es keinen Frieden geben.« Wohl sind aufgrund der menschlichen Unvollkommenheit grundsätzlich keine Wahnsinnstaten auszuschließen, doch diese »Inspirationsquelle« von der Verheißung ewigen Lebens, dieser Irrglaube, der die Katastrophe von New York ermöglichte, entfiele für alle Zeiten.
Unter dem Eindruck der entsetzlichen Anschläge in Amerika wurde uns, unabhängig von den politischen Hintergründen, wieder einmal bewußt, daß nur eine philosophisch fundierte, mit der Tatsächlichkeit übereinstimmende, den Sinn der Schöpfung vom Wesen der Erscheinungswelt her erfassende Gotterkenntnis, sich befreiend und friedvoll auswirken könnte. Wir erinnern uns der Verse im dichterischen Teil des Werkes »Das Gottlied der Völker«:
Und zum ersten Male steht, seit Menschen auf dieser Erde leben,
Dem Wahn der Religionen nicht nur der Wahn der Gottleugnung entgegen,
Aber auch nicht nur ein Ahnen, Vermuten, Meinen, Tasten und Suchen!
Nein, Gotterkenntnis stellt in das helle Licht unserer Sonne
Die Antwort auf die Rätselfragen der Völker, die Antwort,
Die Erfahrung der Menschen und alles Forschen nicht widerlegen können.
Und weil die klare Erkenntnis so tief im Einklange steht
Mit dem Wesen Gottes und so auch mit göttlichem Leben
All derer, die Gottlied schaffen oder empfangen und miterleben,
Wird an dem Zwiespruch, den sie nun mit den Religionen führt,
Die tiefe Kluft, der Abgrund des Irrtums, in die sie einst stürzten,
Allen Gottwachen der Erde klar erkennbar. (S. 73)