Von Gerd Rühle
Einige Tage nach den Anschlägen vom 11. September, als alle davon sprachen, erklärte gelegentlich eine junge Türkin aus meiner Heimatgemeinde, daß es in einer der beiden Moscheen der benachbarten Industriestadt seit geraumer Zeit zu Agitationen für den Heiligen Krieg des Islam gegen den Westen komme. Sie berichtete das ernst, doch so, als handele es sich für sie um eine Kuriosität, denn offensichtlich steht sie dem Islam fern; ihren Zuhörern erschien ihre Information glaubwürdig. Sie ist gekleidet wie ihre deutschen Altersgenossinnen, hat als Bildungsziel das Abitur und erwägt eine anschließende Ausbildung. Sie ist in Deutschland geboren und brave Tochter ihrer Eltern, denen offensichtlich die Integration gelungen ist.
Mit ihrer Distanz zum Islam ist die junge Frau für die Türken in Deutschland nicht repräsentativ, doch gerade deshalb erscheint ihre Begründung des zunehmenden Abstands zwischen den islamischen Ländern und der westlichen Welt überzeugend: Die Zeit des Islamismus sei entgegen anderslautenden Theorien keineswegs vorbei, sondern erlebe gegenwärtig eine Wiederbelebung; die Anschläge und die durchaus in ihrer Breite für uns nicht sichtbaren Sympathien für Bin Ladin in islamischen Ländern sprächen eine klare Sprache. Das gelte nicht zuletzt für Saudi-Arabien, aus dem schließlich 15 der 19 Attentäter stammen, mit einer Regierung, die sich vergeblich bemüht habe, sich durch großzügige finanzielle Unterstützung, radikale Kräfte freizukaufen. Etwa 80% der Türken in der Türkei sind gegen den Krieg der Amerikaner in Afghanistan; die Meinung der in Deutschland lebenden wird sich kaum davon unterscheiden, denn sie beziehen die gleichen Medieninformationen wie die in der Türkei. Begründet wird die Ablehnung vor allem mit den zivilen Opfern, die dieser Krieg fordere; eine direkte Sympathieerklärung für Bin Ladin unterbleibt dabei gewöhnlich. Vor allem ist die Ablehnung des Krieges Ausdruck für das Gefühl der Bedrohung, das Anhänger des Islam gegenüber der technischen Überlegenheit des Westens empfinden. Sie sind in ihrem Selbstwertgefühl und Stolz verletzt und erleben die materiellen Verführungen der westlichen Zivilisation, denen besonders ihre Eliten ausgesetzt sind, als existentielle Gefährdung, oft in Form einer Verführung zur Dekandenz. Diese Begründung läßt aber durchaus nicht den Schluß zu, diese Abneigung oder Feindschaft belege einen »Krieg der Kulturen«. Nicht die unterschiedlichen Kulturen selbst bieten den Konfliktstoff, sondern sie sind stets nur Vorwand für politische Ziele – was sich auch an den Ursachen der scheiternden Integration der Türken in Deutschland ablesen läßt.
Von den etwa 8 Millionen Ausländern in Deutschland sind 2,5 Millionen Türken, von denen inzwischen knapp 0,5 Millionen eingebürgert sind. Trotzdem ist das Ausländerproblem in Deutschland ein Türkenproblem. Dabei ist nicht die absolute Zahl dieser größten Minderheit und ihr rasches Anwachsen das Problem. Erst durch weitere Faktoren und die Betonung der kulturellen Unterschiede – und das sind in diesem Falle vor allem die der anderen Religion – wird es zu einem. Vor 40 Jahren begann für eine Zeitdauer von 12 Jahren eine Anwerbung von Gastarbeitern aus der Türkei vor allem für den Bergbau im Ruhrgebiet und für die Inselstadt Westberlin, doch während Italiener, Griechen, Spanier sich nach einigen Jahren mehr oder weniger integriert hatten, blieben die Türken unter sich, hatten es deshalb nicht so nötig, die deutsche Sprache zu erlernen. Der Integrationsdruck, der über die Spracherlernung ausgeübt wird, besteht ansonsten noch am Arbeitsplatz, wobei der Druck um so höher ist, je qualifizierter die Arbeit ist.
Anderen Ausländern gelang es häufiger, sich mit dem in Deutschland ersparten Geld in der alten Heimat eine Existenz aufzubauen. Dies hat seine Ursache in der für diese Art der Existenzgründung (Kleinhandel, Handwerk) oft fehlenden Voraussetzungen (z. B. Infrastruktur) in der Türkei. In den großen Städten Westdeutschlands blieben die Türken unter sich, 80% von ihnen leben in Städten über 100 000 Einwohner; in einzelnen Stadtvierteln Hamburgs, Kölns, Frankfurts oder Berlins haben sie inzwischen Bevölkerungsanteile zwischen 30 und 50%. (Die folgenden Daten entstammen in der Hauptsache der Darstellung von Stefan Luft, »Eine negative Dynamik«, FAZ vom 30. 10. 2001) In den Schulen dieser Viertel ist aufgrund der hohen Kinderzahl türkischer Familien der Anteil der türkischen Schüler noch höher; 72% von ihnen verfügen bei der Einschulung nur über unzureichende Deutschkenntnisse, so daß für alle, welche die Unterrichtssprache Deutsch beherrschen, ein Verbleib in Klassen mit hohem Anteil an türkischen Kindern ohne ausreichende Deutschkenntnisse eine Benachteiligung bedeutet, der man durch Schulwechsel zu entgehen versucht. Die Folge ist, daß die türkischen Kinder nicht nur im Viertel, sondern auch in der Schule unter sich bleiben, eine Integration also dort, wo sie am einfachsten wäre, nicht stattfinden kann. Dies ist einer von mehreren Gründen dafür, weshalb auch in der 2. und 3. Generation bei vielen Türken die Deutschkenntnisse mangelhaft bleiben. Ein Drittel der türkischen Schüler verläßt die Schule ohne Abschluß, in der Folge davon bleibt auch ein Drittel der jungen Ausländer zwischen 20 und 29 Jahren ohne Berufsabschluß.
Hier haben sich also seit längerer Zeit sich selbst verstärkende Prozesse herausgebildet: Die »Entmischung« von Schulen im Bereich von Vierteln mit hohem Anteil an türkischer Wohnbevölkerung schreitet voran, wie sich auch die »Entmischung« der Stadtteile in sozialer und ethnischer Hinsicht noch verstärkt. Dadurch und weil die Bevölkerungszunahme der Türken sehr hoch ist, (Im Jahre 2015 wird der Anteil der Ausländer unter 20 Jahren in Westberlin auf 52% steigen.) wird eine Integration immer weniger möglich. Sie ist aber nötig, um den zunehmenden sozialen Konflikt zu entschärfen, der längerfristig in allen westlichen Industrieländern mit wachsendem Anteil an nicht integrierbaren Ausländern zu einem ethnischen Konflikt führen muß. (Was bei uns in einigen großen Städten zu beobachten ist, vollzieht sich in niederländischen und belgischen Städten noch schneller.) Dieser Konflikt wird in den wirtschaftlich hochentwickelten Ländern Europas mit ihrer guten sozialen Absicherung gefördert, weil in Zukunft weniger Geld pro Kopf für Sozialhilfe zur Verfügung stehen wird, Spannungen also besonders bei den nicht in den Arbeitsprozeß integrierbaren Menschen entstehen werden. Die arbeitende Bevölkerung gerade in Deutschland muß immer mehr alte Menschen mitversorgen und außerdem Sozialleistungen für einen wachsenden Anteil von Menschen erbringen, für die es keine Arbeitsplätze gibt.
In einem Hochlohnland mit moderner Industrie und Dienstleistung gibt es zunehmend weniger unqualifizierte Arbeitsplätze, so daß jetzt schon die Arbeitslosenquote bei Ausländern mit einer im Schnitt schlechteren Ausbildung doppelt so hoch liegt wie die Gesamtquote, sie ist also mehr als doppelt so hoch wie bei der deutschen Bevölkerung selbst. Entsprechend stark ist der Anstieg der Sozialhilfeempfänger bei Ausländern. (So gab es in Hamburg in zehn Jahren eine Versechsfachung der anspruchsberechtigten Ausländer: von 1980 mit 7098 stieg die Zahl bis 1990 auf 46 566.) Diese Tendenz ist ungebrochen, sie wird noch verstärkt durch »Kettenmigration«, nämlich durch das Nachholen von Verwandten und Bekannten aus den Heimatländern. Die Städte und Kommunen werden 2001 zum ersten Mal mehr als die Hälfte ihrer Steuereinnahmen für Sozialhilfe ausgeben, womit sich die notwendigen Mittel zur Verbesserung der Infrastruktur, also der Wirtschaftskraft und damit der Schaffung von Arbeitsplätzen verringern. In diesem Fall bilden diese sich selbst verstärkenden Prozesse eine verhängnisvolle Spirale: Die Infrastruktur der Kommunen wird immer weniger den Anforderungen an einen modernen Industriestandort gerecht, weil immer mehr Geld benötigt wird, um nicht vermittelbare Arbeitslose zu unterstützen.
Die hohe Kriminalität bei jungen türkischen Jugendlichen hängt direkt mit den schlechten Berufsaussichten bei fehlendem Schulabschluß zusammen. »Mehr als doppelt so häufig wie ihre deutschen Altersgenossen werden sie zu Mehrfachtätern. Hinzu kommt: Je länger die Aufenthaltsdauer in Deutschland, desto häufiger geben die befragten türkischen Jugendlichen an, im Zeitraum der zurückliegenden zwölf Monate Gewalttaten begangen zu haben – am häufigsten, wenn sie in Deutschland geboren waren.« (Stefan Luft) Die sich hier spiegelnde Integrationskrise verweist auf die gleichen Ursachen, die zu einer Konzentration türkischer Wohnbevölkerung in bestimmten Vierteln geführt haben.
Zu Ghettobildungen ist es in Deutschland bisher nur bei türkischer Wohnbevölkerung gekommen, was seinen Grund weniger im sozialen Gefälle hat, sondern in den kulturellen Unterschieden, die durch solche der Religion verschärft werden. Eine ältere Untersuchung in den USA bezüglich der Familiengründung hat deutlich gemacht, daß ethnische Unterschiede leichter überbrückt werden als soziale und vor allem solche des Glaubens; Glaubensunterschiede bilden die bedeutendste Heiratsschranke. Der Islam legt nicht nur die Rolle der Frau anders fest als in der abendländischen Kultur, er gibt jungen türkischen Männern, Angehörigen eines alten und stolzen Eroberer- und Hirtenvolkes, gerade dann, wenn sie durch fehlende Qualifikation für einen Beruf eine (vor allem auch selbstverschuldete) schmerzhafte Demütigung erleben, die Möglichkeit, diese durch die Zugehörigkeit zu einer großen Männergesellschaft, nämlich der Betgemeinschaft, teilweise zumindest auszugleichen. Das ist der Grund für das Erstarken des Islam bei den in den westlichen Ländern lebenden Türken; hatte der Islam in den ersten Jahren bei den nach Deutschland kommenden Türken kaum eine Bedeutung, so ist das heute ganz anders geworden. Die islamische Glaubensgemeinschaft leistet das, was jede enge Gemeinschaft vermittelt, nämlich das Gefühl, daß die Mühseligen und Beladenen dieser Welt vereinigt eben doch stark seien – und sie seien um so stärker, je mehr sie sich gegen die »Anderen« abgrenzen – auch durch die Kleidung. Betonung des Andersseins und Provokation fließen ununterscheidbar zusammen.
Die selbstgewählte Kennzeichnung, einem anderen Glauben anzugehören und ein anderes Rollenverständnis zu praktizieren, betont die Abgrenzung von der deutschen Bevölkerung; besonders aber eine zur Schau gestellte Aggressionsbereitschaft von jungen ausländischen »Eckenstehern« trägt den Keim zu einem unfriedlichen Miteinander in sich. (Bekannt ist die ironisierende Nachahmung von als typisch empfundenen aggressiven Redewendungen junger Türken durch deutsche Jugendliche.) Besonders nach den Ereignissen vom 11. 9. sollte ein geschärftes Bewußtsein für die Gefahren bestehen, die sich längerfristig aus dem Scheitern der Integration ergeben; tatsächlich gibt es dieses Bewußtsein in der deutschen Öffentlichkeit auch, es findet allerdings wenig Beachtung durch die Medien bzw. die politische Klasse.
Im nationalen Rahmen wird sich in den Industrieländern des Westens der Konflikt wiederholen, der sich mit den Anschlägen in den USA angekündigt hat und der keineswegs dadurch zu lösen ist, daß Bin Ladin und seine Getreuen unschädlich gemacht werden. Aus einigen Stadtteilen britischer Städte mit hohem islamischen Bevölkerungsanteil sind junge Männer mit fehlender beruflicher und sozialer Perspektive, aber um so größerer Radikalität nach Afghanistan aufgebrochen, um Bin Ladin in seinem Kampf zu unterstützen.
In Deutschland gibt es keinen gesellschaftlichen Druck zur Integration, dies zeigt sich z. B. tendenziell in der Rechtsprechung, wenn nicht mehr von einer verbindlichen Leitkultur ausgegangen wird, sondern bei der Beurteilung des Falles das jeweilige Herkunftsland des Rechtbrechers mit seiner womöglich sehr anderen Rechtskultur berücksichtigt wird. Das Bewußtsein davon, daß es in jedem Land um des inneren Friedens willen eine »Leitkultur« geben müsse, ist gestört; und der in den Medien zur »Leitkultur« entbrannte Streit ist ein Indiz für eine gefährliche Gleichgültigkeit, die als Toleranz das bezeichnet, was ein Aufgeben wichtiger eigener Positionen »um des lieben Friedens willen« ist.
Es ist naheliegend, daß gerade die islamischen Glaubensgemeinschaften keinerlei Interesse an einer Integration der Türken in Deutschland haben, denn damit würden sie ihren eigenen Einfluß untergraben. Die einflußreiche »Islamische Gemeinschaft Milli Görüs« mit ihrem Vorsitzenden Mehmet S. Erbakan wirbt z. B. bei ihren Mitgliedern dafür, die deutsche Staatsbürgerschaft anzunehmen, aber nicht, damit sich diese integrieren, sondern um türkische Interessen in Deutschland um so eher politisch durchsetzen zu können. Eine Integration soll es nach Erbakan nicht geben, sie stelle eine abzulehnende Assimilation dar. So soll es z. B. in den Schulen, wo türkische Kinder eine Minderheit sind, es ihnen erleichtert werden, ihre Abgrenzung gegen andere Kinder aufrechtzuerhalten; es soll ihnen nämlich nicht mehr von ihren Eltern untersagt werden, an Klassenfahrten teilzunehmen, vielmehr sollten sich türkische Eltern als Begleitpersonen zur Verfügung stellen, um auf diese Weise unerwünschte Einflüsse zu verhindern.
»So ist die Wirklichkeit. Die Integration ist gescheitert. Wo sie geglückt ist, hat man die Ausnahme vor sich, nicht die Regel. Und das ist keine These, sondern ein Befund. Doch wer das Problem beim Namen nennt, wird sogleich behandelt, als habe er es verursacht – wie Friedrich Merz, der es wagte, in Deutschland von deutscher Leitkultur zu sprechen. ( ) Es geht nicht um das Hinundherschieben von Verantwortung. Aber wenn jetzt Deutsche und Türken aus verständlichen Gründen die Sorge formulieren, Deutschland könne infolge der internationalen Krise in einen Kampf der Kulturen hineingezogen werden, dann wird man zumindest die Überlegung anschließen dürfen, ja müssen, ob nicht in der geschilderten Segregation [dem getrennten Nebeneinander von Türken und Deutschen in Deutschland] eine Voraussetzung dieser Gefahr bereits besteht? England und Frankreich – wo das Problem auch tabuisiert wird – sind uns in der Härte ihrer ethnischen Konflikte vielleicht nur ein Jahrzehnt voraus. Oder weniger.« (Leitartikel der FAZ, 1. 11. 2001. Volker Zastrow: »Aus gegebenem Anlaß«). Es muß allerdings nochmals gesagt werden, daß es jetzt und auch in Zukunft nicht um einen »Kampf der Kulturen« geht, denn die Kultur ist immer nur der Hebel in einem politischen Interessenkampf, nicht die Ursache.
Zwar sind die genannten Schwierigkeiten der Integration vielen aus eigener Erfahrung bekannt, doch dies hat sich in den Gesetzesvorhaben von Innenminister Schily zur Begrenzung der Einwanderung mit Rücksicht auf dogmatische Überzeugungen vor allem bei den Grünen bislang nicht niedergeschlagen. Ein allgemein durch die Anschläge vom 11. 9. geschärftes Bewußtsein für Schwierigkeiten der Integration und Gefahren, die von radikalisierten Glaubensgemeinschaften ausgehen können, hat der Innenminister nicht nutzen können. »Schilys Plan, die Arbeitsmigration mit einem neuen Bundesamt und dessen Vernetzung mit der Arbeitsverwaltung sowie einem weisungsunabhängigen Sachverständigenrat zu steuern, erweckt nicht viel Vertrauen. Zu bekannt ist den Bürgern, daß aus Gastarbeitern, die vorübergehende Engpässe auf dem Arbeitsmarkt überwinden sollten, Millionen Daueranwesende mehrerer Generationen geworden sind. Deutsche Politiker sollten die Illusion aufgeben, dieser Staat und diese Gesellschaft hätten die politische Kraft, mit oder ohne Punktesystem ins Land geholte Leute nach Erledigung ihres Aushilfeauftrags wieder vor die Tür zu setzen. Die Unternehmen und ihre Verbände zumindest werden sich desto weniger daran beteiligen, je mehr Migranten sie selbst aus konjunkturellen Gründen in Wellen und auf Kosten der Sozialversicherung freisetzen.« (Georg Paul Hefty, »Auf Wiedervorlage zum Wahltag«, Leitartikel FAZ, 8. 11. 2001.) Wenn man die Augen vor absehbaren Entwicklungen verschließt, handelt man aus Schwäche, denn für das, was im Moment so leicht zu machen ist, wird in der Zukunft bezahlt werden müssen.