Von Gunther Duda
Schon vor bald achtzig Jahren schrieb Mathilde Ludendorff, daß die Zeit der Vernunftüberschätzung und der Wissenshöchstwertung überwunden ist. »Aber die Menschen scheinen das klare Licht der Weisheit nie zu ertragen. Haben sie sich glücklich aus dem Dämmerlicht eines Irrtums gerettet, so flüchten sie blitzschnell aus der blendenden Helle in den Schatten eines neuen Wahnes. Schon heute sehen wir die Anzeichen, daß sie gewillt sind, nun eine Zeit der Vernunft- und Wissensunterschätzung zu schaffen. Deshalb zeigen sie denn so gern und leichtfertig dem Wunderbau unserer Naturwissenschaft die Schulter und möchten mit leeren Händen zur Edda zurückeilen, weil diese tiefe Weisheit birgt, anstatt die herrliche Einheit von Wissenschaft und Gotterkennen, von Weisheit und Vernunft endlich zu erleben, für die unsere Zeit nach weiten Wegen, nach gewaltigen Geistestaten der Forscher reif geworden ist, als eine lange erhoffte, von unseren Ahnen lange verkündetre Zeit der Erfüllung.«
Es kam anders! Statt nur eines Dämmerlichts des Irrtums umfing die Völker auf fast allen Lebensgebieten dunkelster Wahn und - Abrichtung. Auch die Traumdeutung, durch den Einsatz des elektronischen Rechners auf die Höhe des technischen Zeitalters gebracht, überwucherte die Geistestaten der Forscher. Befriedigt verkündet ein Kieler Institut, schon 1989 in Zusammenarbeit mit Informatikern ein Traumanalyseprogramm fertiggestellt zu haben. Mit dieser Traumdatenbank war es möglich, über 20 100 Träume von 519 Frauen und Männer zu untersuchen. Die Ergebnisse veröffentlichte Holger B. Flöttmann in seinem Buch mit dem kennzeichnenden Titel, »Träume zeigen neue Wege - Systematik der Traumsymbole«. Die von ihm gesammelten und untersuchten Träume hätten zumeist krankmachende Konflikte gezeigt: An erster Stelle die fehlende Loslösung vom Elternhaus, dann Symbole und Handlungen aggressiven und geschlechtlichen Inhalts. Die erforschten über 900 Traumsymbole seien sehr ähnlich und von gleicher Bedeutung gewesen, auch bei unterschiedlichen Träumern.
»Wie sollte es auch anders sein, da die bewußte und unbewußte Wahrnehmung und Verarbeitung im Gehirn weitgehend nach festgelegten gleichen Mustern ablaufen? Viele Menschen sind zwar gebildet, können sich aber dem Bereich der Symbole selbst schwer erschließen, da sie eher verstandesgeprägt sind uns vor allem die Konflikte bisher verdrängt haben, die sich in ihren Träumen offenbaren. Sie stehen ratlos zum Beispiel vor dem Symbol Schnee. Deswegen ist es sinnvoll, sich der alten und neuen traumanalytischen Forschungsergebnisse von Wissenschaftlern zu bedienen. In dem Traumsymbol Schnee kann zum Beispiels eine schöne Winterwanderung zum Ausdruck kommen, es symbolisiert emotionale Kälte, aber auch Sexualität. Welche Bedeutung zutrifft, hängt vom ganz persönlichen Entwicklungsstand und der momentanen Erlebnis- und Konfliktwelt des Träumers ab.«
Diesem Leserbrief Flöttmanns an die FAZ vom 28. 3. 2001 seien die Ausführungen der Psychologin und Psychiaterin Mathilde Ludendorff über den Traumschlaf gegenübergestellt. In ihrem 3. Werk der Gotterkenntnis »Der Seele Ursprung und Wesen«, 2. Teil »Des Menschen Seele« von 1923/1982, unterscheidet sie die Bewußtseinsstufen: Unbewußtsein, Unterbewußtsein, Bewußtsein und Überbewußtsein von den Bewußtseinsgraden: Traum, Tiefschlaf, Bewußtlosigkeit und Tod. Diese führen den Abstieg vom Leben zum Tod und zeigen sich dem Beobachter gerade dadurch als unterschiedlich, daß jede von ihnen eine größere Unempfindlichkeit gegenüber den Eindrücken der Umwelt aufweist. Der Schlaf dient dem Ausruhen und der Entlastung des Bewußtseins. Beim Traum besteht noch eine Aufnahme, ja Verwertung mancher heftigen Eindrücke aus der Umwelt, beim Tiefschlaf werden selbst lebhafte Eindrücke nicht mehr wahrgenommen.
Im Tiefschlaf hat der Mensch eine innigere Beziehung zum Unterbewußtsein als im Wachzustand. Der mit dem Äther verbundene und dadurch vollkommene Selbsterhaltungswille des Unterbewußtseins kann deshalb wertvolle Entscheide bestimmen.
»Der Traumschlaf als die Übergangsform vom Wachzustand zum Tiefstand zeigt diese Einflüsse weit weniger. Er hat vor allem nur Beziehungen zu jener Übergangszone zum Unterbewußtsein, in welchem das bunte Gemisch unvollkommener Inhalte wiederholungsbereit liegt. Aus diesen Inhalten wird nun der Traum aufgebaut und oft in regelmäßigen Sprüngen mit dem ,Tagesrest' verwoben. Unter diesem aber sind jene Erlebnisse zu verstehen, die im Augenblick des Einschlafens noch nicht völlig abgeklungen sind. Aber nicht etwa wahllos alle Ereignisse eignen sich für die Traumverwebung, sondern merkwürdigerweise nur solche, die nicht etwa von starken Gefühlen oder lebhaften Empfindungen begleitet waren. So z. B. Ereignisse, die das Denken nur kurz und nebensächlich in Anspruch nahmen, die nur matte Gefühle und Empfindungen auslösten und endlich vor allem jene, die dank abgeblendeter Aufmerksamkeit kaum wahrgenommen wurden.
Deshalb können wir mit großer Gesetzmäßigkeit bei allen Menschen die Tatsache verwirklicht sehen, daß sie von einem sehr erschütternden Erlebnis des Tages nun nicht etwa träumen, sondern im Traum und Tiefschlaf davon ausruhen. Darum scheut sich der Mensch nach Erleben eines jähen und sehr schmerzlichen Ereignisses förmlich vor dem Einschlafen, weil er beim Erwachen das im Schlaf völlig entschwundene Ereignis nun noch einmal mit ganzer Wucht erleben muß. Ganz ebenso vergißt er im Schlaf und Traum natürlich auch ein großes Glücksereignis des Vortages und hat deshalb beim Erwachen, wenn das Gedächtnis das Ereignis erinnert, von neuem die freudige Überraschung.
Mit der gleichen Gesetzmäßigkeit beginnt ein solch starkes gefühls- und empfindungsbetontes Ereignis im Traum aufzutauchen, wenn es im Wachzustand am Abklingen ist. Man kann also mit Sicherheit sagen, daß der Mensch eines Schicksalsschlages (z. B. des Verlustes eines geliebten Menschen) Herr zu werden beginnt, wenn er anfängt, davon zu träumen...
In diesem Gesetz liegt ein tiefer... Sinn, denn bestünde es nicht, so wäre es dem Menschen ganz unmöglich, je von den stärksten Erlebnissen auszuruhen, da ja das Gesetz der Aufmerksamkeit diesen Scheinwerfer im Wachzustand immer auf ein solches Ereignis hinlenkt. Ebenso sinnvoll ist aber auch die Auswahl des Tagesrestes, welcher im Traum verwertet wird, denn wir können hier tatsächlich von einer Bevorzugung jener Ereignisse reden, die im Wachzustand selbst nur nebenbei wahrgenommen wurden, weil Aufmerksamkeit abgelenkt war, die aber ein erhöhtes Interesse wohl verdient hätten. So verhelfen sie sich im Traum zu ihrem Recht und haben so mehr Aussicht, hier verwoben zu werden, je näher vor dem Einschlafen sie sich ereignen.
Zu diesem Tagesrest, der im Traum verwoben wir, können gelegentlich auch Wünsche gehören, die mit den Gewissenforderungen im Widerspruch stehen und deshalb vom Selbsterhaltungswillen nicht berücksichtigt wurden, weil ihre Befolgung eine Gewissensunlust erzeugt hätte. Das ist der Grund, weshalb auch der Tram verschleierte oder offenherzige Sexualwünsche bergen kann. Dies ist das Körnchen Wahrheit der verhängnisvollen Irrlehre Freuds, daß der Inhalt der Träume Wunscherfüllung sei und meist sexuelle Wünsche symbolisch eingekleidet berge. Hierfür kann bestenfalls bei einem chronisch Überreizten der Anhaltsstoff gefunden werden. Die Deutungsgesetze aber dieser Freudschen Traumlehre sind ebenso lächerliche Willkür und Aberglaube wie alle Traumdeutbücher aller Zeiten...
Der Tagesrest, verdrängte Wünsche und die ganze Fülle jener wiederholungsbereiten Inhalte der Übergangszone zum Unterbewußtsein bilden also den Inhalt des Traumes, der ein um so mannigfaltigere sein kann, als er sich ja wenig um Raum, Zeit und Kausalität kümmert, werden doch z. B. wie wir wissen, Ereignisse, de sich über Stunden, ja über Wochen hinziehen müßten, in einigen Augenblicken im Traum erlebt. Von der Umwelt und dem eignen körperlichen Verhalten wird dieser Trauminhalt nicht immer, aber doch zeitweise in gesetzlicher Art beeinflußt. Da im Traum keine völlige Unempfänglichkeit für die Eindrücke auf die Sinneswerkzeuge besteht, wie in den tieferen Graden des Bewußtseins, so werden diese Wahrnehmungen im Sinn des Trauminhaltes umgedichtet. So sorgt der umfallende Stuhl für den Kanonendonner der Schlacht oder für ein Gewitter, das Umdrehen des Schlafenden auf die andere Seite wird zum Bergsturz oder Fall von der Treppe, das Hinabgleiten einer wärmenden Decke gibt Anlaß zu einer Skitour bei empfindlicher Kälte usw.
Wenn wir den gesamten Inhalt des Traumes und seien geringen Beziehungen zum Unterbewußtsein im Vergleich zum Tiefschlaf überschauen, so sehren wir, wie unsinnig die Bedeutung der Träume überschätzt wurde.«
Als kleines Korn Wahrheit bezeichnet Ludendorff die seltenen Vorkommnisse des räumlichen Hellsehens, bei dem im Traumschlaf, ähnlich wie im herbeigeführten unterbewußten Seelenzustand, ein Mensch zur »Antennen« für ferne Ereignisse wird. Voraussetzung dafür ist aber eine starke Gefühlsbindung zu dem fernen Menschen.
»Zusammenfassend erkennen wir also, ganz entgegengesetzt zu der herrschenden Meinung, daß dem Tiefschlaf dank der Einflüsse aus dem Unterbewußtsein unter Umständen eine hohe Bedeutung, dem Traumschlaf aber ein äußerst geringer Wert zukommt, die seltenen Fälle der Wahrträume ausgenommen. Wir haben aber wenig Hoffnung, daß die Menschen je an Stelle ihrer plumpen Vorstellungen von seelischen Gesetzen, wie sie in all dem Aberwitz der Traumdeutungen niedergelegt sind, die tatsächlichen, so überaus sinnvollen Gesetze der Seele schauern werden...
Fragen wir uns nun nach dem eigentlichen Wesen des Traumes für den Erlebenden, so ist dies um deswillen schon wichtig, weil wohl kein anderes seelisches Ereignis für den Beobachter so leicht vom Wachzustand zu unterscheiden ist, aber dem Erlebenden selbst oft große Schwierigkeiten der Trennung entgegenstellt. So haben denn auch manche tiefe Philosophen eine ganz erstaunlich mangelhafte Unterscheidung des Traumes vom wachen Erleben gegeben (siehe Schopenhauer, Kant usw.)...
Von den meisten, auch von Kant, wird der Traum vom Wacherleben dadurch unterschieden, daß der Zusammenhang der Vorstellungen nach den Gesetzen der Ursächlichkeit im Traum aufgehoben sei Dies ist nicht richtig, denn es läßt sich nachweisen, daß im Gegenteil dieses Gesetz der Kausalität, des Raumes und der Zeit zeitweise herrschen, dann wieder aufgehoben sind. Somit können wir den Traum zunächst dadurch kennzeichnen, daß eine ganz willkürliche Vernachlässigung oder Beachtung der Denkformen stattfindet. Es gibt Träume, die dem Kausalitätsgesetz, Raum und Zeit so sehr folgen, daß sie überaus wahrscheinlich sind und dadurch dem Wacherleben so ähnlich werden, daß wir nach dem Erwachen noch lange unter ihrem Eindruck stehen, als sein sie tatsächlich. Deshalb wird auch ein waches Erleben für uns um so traumähnlicher, je weniger es nach den Denkformen eigentlich von uns hätte erwartet werden können.
Mit dieser Kennzeichnung ist aber das eigenartige Wesen des Traumes noch nicht umschrieben. Es gibt Fälle, in denen umgekehrt der Mensch das Wacherleben traumartig nennt, und gerade sie lassen einen tiefen Einblick in das Wesen des Traumes gewinnen. Wenn ein überstark erschütterndes Ereignis uns trifft, so sehen wir unser Ich oft ganz merkwürdig gefühlsstumpf dem Erleben gegenüber stehen. Jähes Unglück und unerwartet großes Glück weckt in uns kaum ein stärkeres Gefühlsleben, als weit nebensächlichere Ereignisse dies vermochten, und eben dies Mißverhältnis, welches aus den oberen Grenzen unserer Gefühlsstärke zu erklären ist, macht auf uns den Eindruck einer Stumpfheit. In einem solchen Fall wirkt das Ereignis auf uns, wie ein Traum'. Wir handeln wie im Traum', wir stehen dann wie Beobachter neben dem Ereignis und unserem Tun.
Somit ist das Wesen des Wachseins im allgemeinen von dem des Traumes dadurch unterschieden, daß die Gefühls- und Empfindungsstärke, die ein Ereignis begleitet, der Bedeutung desselben entspricht, während im Traum diese Gefühls- und Empfindungsbegleitung im Verhältnis zu den Traumereignissen für gewöhnlich erstaunlich matt ist. Das Ich betrachtet als kühler Beobachter einschneidende Schicksalsschläge. Diese mangelhafte Beteiligung der Gefühle und Empfindungen an dem Trauminhalt zeigt sich, wie wir dies schon erwähnten. Auch dem Beobachter eines Träumenden. Dieses wesentliche Merkmal läßt auch dem Ich die Möglichkeit der Unterscheidung des Traumes vom wachen Erleben, manchmal sogar während des Traumes selbst. Daraus erklärt sich natürlich auch, daß nicht nur der vernünftige wahrscheinliche' Traum von uns oft noch ein Weilchen nach dem Erwachen mit einem Wacherlebnis verwechselt werden kann, sondern auch jener Traum, bei dem ausnahmsweise ein starkes Empfindungserlebnis statthatte, also der Angst- und Kummertraum. Hier steht der Mensch oft noch stundenlang lebhaft unter dem Eindruck des Traumes, als wäre er ein wahres Ereignis.
Das Wesen des Traumes beruht somit auf der willkürlichen Beachtung oder Vernachlässigung der Denkformen Raum, Zeit und Kausalität und auf der unverhältnismäßig matten Gefühls- und Empfindungsbeteiligung an den Traumereignissen.«
Auch angesichts der »wissenschaftlichen« Traumdeutung gilt Huttens Ruf: »Es lebe die Freiheit«. Weil sie Geist wie Seele fesselt, an die Lehre wie an den »Lehrer«!