Unzeitgemäße Bemerkungen (2. Fortsetzung und Schluß)
Von Hans-Jürgen Dietrich
Ein in den letzten Jahrzehnten friedlichen Wohlergehens, ja im Überfluß aufgewachsener Zeitgenosse vermag sich nur mit Phantasie auszumalen, wie ärmlich und karg das Leben in Deutschland vor 300 Jahren für den gewöhnlichen Sterblichen war. Nur die Älteren, die Krieg und Nachkriegszeit durchgestanden haben, können sich einen rechten Begriff davon machen. In den von der Natur durchaus nicht bevorzugten, rauhen und kargen Gebieten Preußens war beispielsweise eine Mißernte immer eine kleine Menschheitskatastrophe. Der Stand der Bewirtschaftung der Ackerflächen war zu Anfang des 18. Jahrhunderts kaum über das Mittelalter hinaus gekommen; eine Wissenschaft der Anbaukultur gab es nicht und es gab keine regelrechte Vorratshaltung von Staats wegen; Hungersnöte waren nicht selten; man lese, um nur ein Beispiel zu nennen, Berichte aus der damaligen Zeit, wie zerriebene Baumrinde wintertags mit in das Brot verbacken werden mußte, um halbwegs satt zu machen. So – aus heutiger Sicht – »rückständig« wie die Landbevölkerung, die damals über 80% der Einwohner ausmachte, lebten auch die Städter. Eine Industrie gab es noch nicht. Das System des »Merkantilismus« – wie die damals fortschrittlichste Wirtschaftsform genannt wurde – steckte noch in seiner Entwicklung. Die preußischen Könige griffen hier zu Besserung ein, mehr oder weniger gewaltsam, d. h. durch Anordnung, obrigkeitlichen Befehl; man darf, um kritischen Vorhalten zu begegnen, fragen, ob es damals wohl anders hätte gehen können? Friedrich Wilhelm I. nahm sich in seiner unerschöpflichen Energie auch dieser Probleme an. Er setzte ein Programm zur Verbesserung der wie wir heute sagen: Infrastruktur der Provinzen in Gang: Landstraßen und Kanäle wurden neu angelegt; Manufakturen wurden in den Städten eingerichtet, um nach dem Wort des Königs »in Anbetracht der Armut der kleinen Leute Unterhalt zu schaffen«. Aus den königlichen Gütern, den Domänen, wurden Musterbetriebe, um zu zeigen, wie man fortschrittlich Ackerbau und Viehzucht betreibe. Es wurden, um Hungersnöten vorzubeugen, Lagerhäuser mit Getreidevorräten angelegt. Das Geld sollte nach Möglichkeit im Lande bleiben; daher förderte der König, sich auch hier um alles kümmernd, den Ausfuhrhandel und wehrte ausländische Konkurrenz durch Schutzzölle ab. An der Universität Halle ließ er einen Lehrstuhl für »Kameralwissenschaften« (heute sagen wir: Staats- und Volkswirtschaftslehre) einrichten, den ersten in Europa. »Wenn eine General-Calamität« (also ein Notstand) »ist, da Gott vor sey, will Ich sie (die Untertanen) als ein treuer Vater unter die Arme greifen«. Nach diesem Wort handelte der König; es gab – sieht man von Kriegszeiten ab – seitdem keine Hungersnot mehr in Preußen.
Als Kronprinz hatte der Große Friedrich geäußert: »Bin ich König, werde ich König der Geusen (Bettler) sein«. Daß dies keine Phrase war, sondern einem echten Anliegen entsprach, zeigte sich nach 1740. Schon das Auflisten seiner zur Hebung des Landes und Beseitigung der Armut unternommenen und zum guten Ende geführten Maßnahmen, geht über den Umfang dieser Darstellung hinaus. Daher kann nur einiges herausgegriffen werden: Das Trockenlegen der Brüche und Sümpfe in der Mark, z. B. im Rhinluch, in der Neumark um Warthe und Netze, die Riesenarbeit der Kultivierung des Oderbruchs, von der er sagte, daß sie ihn am meisten freue, weil er hier dem Staate eine Provinz auf friedliche Weise gewonnen habe, die Urbarmachung der »Wüsteneyen« im Fürstentum Ostfriesland. Der Siebenjährige Krieg war kaum beendet, als der König, um die Schäden auszugleichen und die größten Mängel zu lindern, aus den Militärmagazinen Korn und Mehl verteilen ließ und für die bäuerlichen Gespanne 35 000 Militärpferde zur Verfügung stellte. An finanziellen Hilfen gewährte er u. a. der Provinz Schlesien 3 Millionen Taler, 1 400 000 Taler der Neumark und Pommern, 800 000 Taler an Ostpreußen, 100 000 an Kleve, usw. Die während des Kriegs erhöhten Steuern wurden wieder gesenkt, in einigen Provinzen für geraume Zeit ausgesetzt, damit Land und Bürger sich schneller erholen konnten.1) »Wenn ich das Unglück des Krieges wieder gut mache, werde ich zu etwas gut gewesen sein, und damit begnügt sich mein Ehrgeiz«, schrieb er seinem Freund, dem Marquis d'Argens. Es versteht sich bei diesem König von selbst, daß er allem wissenschaftlichen Fortschritt in der Ökonomie aufgeschlossen war und von seinen Beamten das Studium der Veröffentlichungen und deren Umsetzen in die Praxis verlangte.
|
Wie kundig und zugleich energisch der König dabei verfuhr, hat Theodor Fontane in seinen Wanderungen durch die Mark Brandenburg literarisch verewigt durch die Wiedergabe des Berichts über eine Inspektion des Königs im Dossebruch. Hier war auf Befehl des Königs ein riesiges Sumpfgebiet des Flusses trockengelegt und kultiviert worden; 15 000 Morgen Land waren gewonnen, 25 neue Dörfer und Ortschaften gegründet. Nach Beendigung der Arbeiten inspizierte der König. Auf der Fahrt durch das Fehrbelliner Revier begleitete ihn der Oberamtmann Fromme, er zeichnete | Friedrich der Große |
die Unterhaltung nach Art eines Gedächtnisprotokolls später auf.2) »Wer bewirkt, daß dort, wo bisher ein Halm wuchs, nunmehr zwei Halme wachsen, der hat mehr für sein Volk getan als ein Feldherr, der eine Schlacht gewann« – dieser Spruch des Königs wurde ein geflügeltes Wort. Nachdem der König festgestellt hatte, daß die damals in Deutschland noch so gut wie unbekannte Kartoffel auf den mageren Böden der Mark einschlug und sich außerdem gut bevorraten ließ, wurde Preußen nach seinem Willen ein »Kartoffelland«. Die Kartoffel war jetzt neben dem Korn das wichtigste Grundnahrungsmittel. Die Nachbarn lachten zunächst darüber, so wie die Bayern noch vor hundert Jahren die Preußen als »Kartoffelfresser« verspotteten. Als in den siebziger Jahren des 18. Jahrhunderts nach schlimmen Mißernten beim Getreide in Sachsen und auch woanders Hungersnot sich ausbreitete und »der alte Fritz« mit seinen Kartoffelvorräten rettend aushalf, lachte man nicht mehr.
Dem Aufbau der nach der ersten polnischen Teilung zu Preußen gelangten Gebiete (hauptsächlich Westpreußen) widmete sich der König intensiv. Das Land war unglaublich verrottet; man lese zeitgenössische Berichte darüber, in welch jämmerlichem Zustand die ausgesogene Bevölkerung auf den Dörfern in ihren armseligen Hütten regelrecht vegetierte, die Menschen in den heruntergekommenen Städten nicht minder. Bis zum Tode des Königs, d. h. binnen 14 Jahren, war die Provinz auch dank der Tatkraft herbei gerufener deutscher Siedler, 12 000 an der Zahl, die im großen zeitlichen Abstand die Kulturarbeit des Deutschen Ordens fortsetzten, nicht wiederzuerkennen und hatte einen Zustand erreicht, wie er niemals unter polnischer Herrschaft gewesen war. Die ansässigen Polen hat das bald mit dem neuen Staat, dem sie jetzt angehörten, und auch mit den Zugewanderten versöhnt; auch sie wurden, wie die anderen, in ihrer Mehrheit »Preußen«. Fontane hat das in seinem Roman »Vor dem Sturm« veranschaulicht.
Es überrascht nach alledem nicht, daß eine »Revolution« nach dem Vorbild der französischen, die ihre Ursache auch in der wirtschaftlichen Rückständigkeit, der Verarmung des Landes, seinen schreiend ungerechten sozialen Verhältnissen unter unfähigen Herrschern hatte, in Preußen niemals hätte Fuß fassen können. »Soziale Gerechtigkeit« im heutigen gleichmacherischen Sinne (oder was man darunter versteht) gab es zwar in Preußen nicht. Es hieß: »Jedem das Seine« – das war der Wahlspruch des vom ersten König Friedrich gestifteten Schwarzen Adlerordens – nicht »Allen dasselbe«, welche utopistische Forderung im übrigen Tag für Tag den heutigen Sozialstaat der nicht beseitigten Armut und der immer klaffender werdenden Unterschiede in Einkommen und Vermögen Lügen straft. Wer in Not war, dem wurde geholfen. Wer fähig und fleißig war, konnte sogar die Standesschranken überwinden. Aber einen notorischen Faulpelz oder Asozialen, der die elementarste Menschenpflicht der Daseinsvorsorge für sich selbst ablehnt, aus der Staatskasse durchzufüttern und auszustatten, wäre in Preußen niemandem eingefallen.
Mit dem neuen, dem 19. Jahrhundert, das zu Beginn das Unglück der napoleonischen Kriege zu erfahren hatte, ist in Preußen das soziale Werk des Königs mit anderen Mitteln fortgesetzt worden. Was unter seinem »Genie« das Wirken eines Einzelnen war, mußte jetzt auf viele Schultern verteilt werden. Die Rede ist von den Reformern und ihrem Werk, das hier nur insofern gestreift wird, als es zum Thema Beziehung hat. Die herausragenden Leistungen der Reformzeit waren die Verankerung der Selbstbeteiligung der Bürger an der Verwaltung des Landes und die Aufhebung der Erbuntertänigkeit der Landbevölkerung. Diese hatte schon der große König auf seinen Domänen beseitigt; sie dem grundbesitzenden Adel aber nicht auferlegen wollen, weil er in ihm das Rückgrat des Staates sah: im Offizierskorps seiner Armee. Die sogenannte Bauernbefreiung ging nicht ohne Widerstand vonstatten, wie man sich denken kann. Es war aber auf der Seite des Adels nicht immer nur reines Standesdenken um Privilegien im Spiel. Die »Junker« hatten – Fontane hat es in seinem »Stechlin« so formuliert – manchmal doch mehr Sozialdemokratie im Leibe, als sie wahrhaben wollten. In seinen Lebenserinnerungen kritisiert ein damaliger Oppositioneller, der General Ludwig von der Marwitz, den Reformer Stein: Der habe die »von Gott eingeführte Ordnung« mit Hilfe der als schädlich erwiesenen französischen Theorien beseitigen wollen.
»... als ob bis dahin irgendwo in unserem Lande Sklaverei oder Leibeigenschaft existiert hätte! Letztere fing vielmehr alsbald zu entstehen an, nämlich Leibeigenschaft des kleinen Besitzers gegen den Gläubiger, der Armen und Kranken gegen die Polizei und Armenanstalten, denn mit der Pflichtigkeit war natürlich die Verpflichtung des Schutzherrn zur Vorsorge aufgehoben...«.3)
Diese Sätze nehmen Bezug auf das durch Betreiben Steins am 9. Oktober 1807 verkündete königliche Edikt, welches die bisher ihrem Dienstherrn pflichtigen (erbuntertänigen) Bauern zwar zu freien Eigentümern ihres Besitzes machte, ihnen andererseits aber die Ablösung ihrer bisher dem Gutsherrn geschuldeten Leistungen in Form von Jahresrenten oder anderweitig auferlegten. Marwitz offenbart hier typisches preußisches Denken: Das Recht erwächst aus der Pflicht; der Berechtigte ist zunächst einmal der Verpflichtete, er steht als Herr gegenüber dem Dienstleistenden in der vollen Verantwortung der Fürsorge. Diese Auffassung, die man die »gutsherrliche«, patriarchalische nennen kann, hat noch die spätere Sozialpolitik Bismarcks zu Ende des Jahrhunderts nach der Reichsgründung geprägt. Obwohl die von ihm initiierten Gesetze zur Versorgung der Alten, Hinterbliebenen und Unfallopfer für die damalige Zeit neu, vorbildlich und ohne Vergleich in Europa waren, haben sie im Kampfgetümmel der sozialen Frage nicht diejenige Bedeutung gewinnen können, die ihnen tatsächlich zustand. Die »Preußen« – wenn man Bismarck hier stellvertretend für alle diejenigen nimmt, welche das staatliche Denken maßgeblich beeinflußten – waren befangen in ihrem wohlmeinenden Patriarchentum; sie begriffen nicht, daß es in der damals sich formenden Massengesellschaft (und wie ist es erst heute!) nicht allein darauf ankam, das Gute zu tun, es mußte den Massen auch verdeutlicht, und es durfte nicht als eine Gewährung königlicher Huld und Fürsorge, es mußte als das Resultat eingeforderten Rechts lauthals verkündet werden! Dazu vermochte man sich in Preußen nicht zu verstehen, begreiflicherweise, wie darzustellen versucht wurde; ein Preuße machte keine Propaganda! Aber die Demagogen der anderen Seite, die im Besitz der Macht der Masse auch nicht mehr, sondern eher weniger zu gewähren vermocht hätten, sie hatten leichtes Spiel im Heruntermachen, und die betörten Arbeiter und kleinen Leute sahen nicht, daß dahinter letztendlich das politische Fernziel der Beseitigung des Königtums stand, um selbst regieren zu können.
Wir erleben derzeit in Deutschland einen schmerzlichen Niederbruch des Schulwesens; die Allgemeinbildung ist auf dem Tiefstand, wovon erschreckende Beispiele zu berichten wären; Ideologen haben das einst vorbildliche deutsche Erziehungssystem ruiniert, eine Arbeit von dreihundert Jahren in wenigen Jahrzehnten fast vernichtet. Besorgte Eltern stellen die Frage, ob die öffentlichen Schulen in ihrer heutigen Verfassung ihrem Bildungsauftrag noch gerecht werden können. Sieht man auf die Resultate, kann die Frage nicht mehr mit einem unbedingten Ja beantwortet werden. Mutmaßlich ist zur Zeit die Zahl der Analphabeten in Deutschland größer als vor 200 Jahren. War es noch vor 50 Jahren selbstverständlich, daß ein gewöhnlicher Volksschulabgänger richtig schreiben konnte, ist das für einen Abiturienten inzwischen zum Härtefall geworden. Und das ist nur ein Beispiel von vielen.
Dabei hatte es so vielversprechend in Preußen angefangen. Bald nach Regierungsantritt führte König Friedrich Wilhelm I. die allgemeine Schulpflicht ein (1717). Das konnte unter den damaligen Verhältnissen nicht flächendeckend sein; es war aber der Anfang gemacht und am Ende der Regierungszeit Friedrich Wilhelms gab es in Preußen ungefähr
2 000 Volksschulen, eingerichtet nach dem Vorbild des von Hermann Francke instruierten »Halleschen Schulwerks«.
König Friedrich führte das Werk seines Vaters fort und – wie könnte es anders sein – übertraf es. Als Anhänger der vordringenden Geistesrichtung seines Jahrhunderts, der Aufklärung mit ihrem positiven Menschenbild, sah er in der Erziehung, im Bildungswesen einen Schwerpunkt staatlichen Auftrags. In seinen pädagogischen Schriften (neun an der Zahl), seinen Schulreglements, in zahlreichen Kabinettsordres und Randbemerkungen gab er seine Überzeugung kund von der Erziehbarkeit der Menschen zu Trägern von Bildung und Kultur, unbeschadet ihrer Grenzen und wohl wissend um das in ihnen schlummernde »wilde Tier«, das zu zügeln sei. »Keine Sorge ist des Gesetzgebers würdiger als die um die Erziehung der Jugend. Die guten Bürger sind das beste Bollwerk des Staates«, so oder ähnlich heißt es da. Der König ließ es nicht bei schönen Worten bewenden. Er schuf in den Einzelheiten kann das hier nicht belegt werden durch seine zahlreichen Schulreglements, unterstützt durch begabte Helfer wie Julius Hecker, Eberhard von Rochow, Abraham von Zedlitz, den Schweizer Georg Sulzer, einen neuen Typus, sowohl der Schule als auch des seit den siebziger Jahren auf Seminaren ausgebildeten Lehrers. Es sollten nicht nur Wissen und Kenntnisse wie Lesen, Schreiben, Rechnen, Fremdsprachen usw. vermittelt werden; die Schule war zugleich Anstalt der Erziehung, sie hatte neben der Ausbildung der Verstandeskräfte auf die Entwicklung der jungen Persönlichkeit, ihren guten Geschmack und die Entfaltung bürgerlicher Tugenden hinzuwirken. Hier wird der direkte Einfluß der Erkenntnisse und Lehren des Preußen Kant auf das öffentliche Leben seines Staates sichtbar. Das preußische (deutsche) Gymnasium, einst weltweites Vorbild, war die Frucht dieser Bemühungen.
Mit den Wissenschaften standen die preußischen Könige auf besonders gutem Fuße. Vom ersten König Friedrich, dem Gatten der Freundin des Philosophen Leibniz, Sophie Charlotte von Hannover, ist zu vermelden, daß er schon als Kurfürst gegründet hatte: 1694 die Universität Halle, 1696 die Akademie der Künste und kurz nach seiner Thronbesteigung als »Sozietät« die Akademie der Wissenschaften, deren erster Präsident Leibniz wurde. Auf Wunsch Friedrichs wurde im Stiftungsbrief ein Abschnitt über die deutsche Sprache eingefügt und darin bestimmt, daß sich die Sozietät um die Erhaltung der deutschen Sprache »in ihrer anständigen Reinheit« zu kümmern habe. (Ein für uns heute wieder sehr aktuelles Anliegen!).
Indem ich den ersten Nachfolger König Friedrichs, den Soldatenkönig übergehe, will ich mich nicht der oft geäußerten Ansicht anschließen, dieser habe für die Wissenschaften, »das Geistige«, nichts übrig gehabt und nichts getan. Gewiß, dieser Mann war seiner nüchternen, aufs Praktische zielenden Natur nach kein Schöngeist;4) was aber für seinen Staat brauchbar war, förderte er auch im Bereich der Wissenschaften; das Schulwerk Franckes in Halle konnte immer seiner Unterstützung gewiß sein; von der Einrichtung des Lehrstuhls für Volkswirtschaft in Halle war schon die Rede.
Es versteht sich von selbst, daß der Große König, selbst Schriftsteller mit ausgeprägter philosophischer Neigung, ein Förderer der Wissenschaften auf allen Gebieten war, mit Ausnahme der Theologie, die er nicht für eine solche hielt, an der er aber, weil für den Staat in Gestalt der Religion notwendig, nicht rütteln wollte, so sehr er die Theologen in seinen Schriften auch verspottete.5) Als Erzieher seiner Untertanen waren sie ihm wichtig, sogar die Jesuiten, die er auch dann noch begünstigte und weiter unterrichten ließ, nachdem Papst Clemens XIV. den Orden (1773) aufgehoben hatte. Das entsprach seiner Auffassung von religiöser Toleranz: Katholiken waren ihm gleich lieb wie Protestanten. Französisch sprechend und schreibend (des Deutschen war er eigenem Eingeständnisse nach nur »wie ein Kutscher« mächtig, seine deutsche Rechtschreibung ist grausam!), bevorzugte er französische Wissenschaftler, die er zu Präsidenten der Akademien ernannte; seine Bekanntschaft und der Briefwechsel mit Voltaire sind Geschichte. Das Französische hinderte ihn, die Fortschritte in der deutschen Literatur zu würdigen (im Falle Lessings ist das besonders schmerzlich), er hoffte hier nur und sah für die Zeit nach seinem Ableben »wie Moses das Gelobte Land«.6) Auf anderen Gebieten war Friedrich dem Deutschen gegenüber weniger blind, so im Bereich der Mathematik, die er schätzte, »weil sie keine Sekten erzeugt«, der Naturwissenschaften und der Medizin; die Bedeutung Kants muß er mindestens geahnt haben; denn er installierte ihn 1770 als Professor in Königsberg.
Die Blüte seiner Kultur erlebte Preußen in der Zeit nach dem Tode Friedrichs; sie ist im Bereich der Geisteswissenschaften und Literatur geknüpft an die Namen Kant, Fichte, Hegel, Kleist, E.T.A. Hoffmann, Brentano, Eichendorff, Schleiermacher, Gebrüder Humboldt, Arndt, Gebrüder Grimm, eine unvollständige Liste. Nach den Befreiungskriegen wurden auf einen Schlag gleich drei neue Universitäten gegründet: Berlin, Breslau und Bonn, alle auf den Namen des regierenden Königs Friedrich Wilhelm. Seine Gattin Luise, hochherzig und kunstsinnig, hatte unter Vermittlung des Geheimen Kabinettrats Beyme, Friedrich Schiller 1804 um eine Übersiedlung nach Berlin ersucht und ihm eine mit 3 000 Talern Jahresgehalt fürstlich dotierte Stellung am Hofe nebst dem Platz in der Akademie der Wissenschaften angeboten. Schiller lehnte ab. Darf man sagen, daß ihm eine Zusage das traurige Schicksal des frühen Todes erspart hätte?
Das lenkt uns hin zum Verhältnis Preußens zu den Künsten:
Es ist nicht von ungefähr: Was von Preußen heute noch »lebendig« ist, wird als Stiftung »Preußischer Kulturbesitz« gehegt. Nimmt man das Wort vom Militärstaat für bare Münze, hätte Preußen eine riesige Kaserne, eine gewaltige Ziehanstalt für Rekruten inmitten einer kulturellen Öde sein müssen, ein deutsches Sparta, karg, schmucklos, prosaisch. Das traf in Gestalt seiner Herrscher allenfalls für den Soldatenkönig zu, der, von der Prunksucht seines Vaters abgestoßen, für »alfanzereyen« wie das Flötenspiel seines Sohnes nichts übrig hatte und glaubte, nur Zeit zu haben für »nützliche« Dinge.7) Sein Vater war den Künsten sehr geneigt gewesen, tatkräftig unterstützt durch seine Gattin, die schöngeistige Sophie Charlotte. Durch seine Baumeister Schlüter und Eosander schuf der König ein neues Berlin, das Bild einer wirklichen Residenz (Umbau des Schlosses, Zeughaus, Schloß Charlottenburg, usw.). Der Große König muß als Freund und Förderer der Künste nicht erst vorgestellt werden, war er doch sozusagen in Person beteiligt. Das Gemälde Adolf Menzels »Flötenkonzert in Sanssouci« zeigt ihn inmitten seiner Hofkapelle, der berühmte Musiker und Tonschöpfer angehörten wie Carl Philipp Emmanuel Bach (am Cembalo sitzend), der Konzertmeister Franz Benda (am Violinpult) und (daneben stehend) Johann Gottlieb Graun und Johann Joachim Quantz. Der König komponierte selbst im galanten Stil der Zeit; das Musiklexikon zählt auf: 121 Flötensonaten, 4 Flötenkonzerte, 1 Symphonie, Kantaten und Märsche. Seine Beziehungen zur bildenden und zur Baukunst waren nicht weniger ausgeprägt; er beschäftigte schon als Kronprinz in Rheinsberg den Maler Pesne und den Baumeister Knobelsdorff, der nicht nur dort gestaltete, sondern nach der Thronbesteigung in die Geschichte der Baukunst einging durch das Opernhaus, die Neugestaltung des Stadtschlosses in Potsdam und schließlich das Schlößchen »Ohne Sorgen« nach Wunsch und Plan des Königs. Mehr zur Demonstration der Macht
|
als zur Erbauung entstand nach dem Siebenjährigen Krieg das gewaltige Neue Palais in Potsdam. Spätestens jetzt konnte in Deutschland, wer von Baukunst, von Kunst überhaupt sprach, an den Hohenzollern nicht mehr vorbeigehen; sie hatten die Wettiner, die Wittelsbacher und Habsburger herausgefordert. | Adolph von Menzel: Das Flötenkonzert, 1852 |
Von Friedrichs Nachfolger auf dem Thron, dem zweiten Friedrich
|
Wilhelm, war bisher noch nicht die Rede, weil zu den berührten Themen (die große Politik und die Kriege sind ausgeklammert) insofern nichts zu berichten ist. Dieser Herrscher, seiner Leibesfülle wegen der »dicke König« genannt, gilt wegen seiner okkulten Neigung (er war Rosenkreuzer) und seiner Frauengeschichten eher als Negativfigur. | Friedrich Wilhelm II. |
Was seine Förderung der Künste, seine Begeisterung für das Schöne angeht, tritt er hervor. Die Deutschen verdanken ihm das Symbol ihrer Einheit, das von Gotthard Langhans erbaute Brandenburger Tor. Er war wie sein großer Oheim ein vorzüglicher Instrumentalist, auf dem Violoncello virtuos. Er lud Mozart nach Berlin ein, Mozart kam auch, war aber zum Bleiben nicht zu bewegen, obwohl der König in seiner großzügigen Art ihm das verlockendste Angebot machte. Der Preußenbiograph Sebastian Haffner macht zu diesem Entschluß Mozarts eine Bemerkung; er fragt, ob eine Zusage, Mozarts baldigen Tod vielleicht verhindert hätte. Spricht hier ein »Wissender«? Mozart hat dem König dann drei seiner späten Streichquartette gewidmet, die sogenannten preußischen. Einen anderen weltbekannten Tonschöpfer seiner Zeit, den in Spanien lebenden Italiener Luigi Boccherini, ernannte der König (1787) zu seinem Hofkapellmeister; Boccherini kam nie nach Deutschland, komponierte aber fortan nur noch für den König. Dessen Vetter, der Prinz Louis Ferdinand von Preußen, war ebenfalls ein vorzüglicher Musiker, ein glänzender Klaviervirtuose, der auch komponierte, und mit seinem Stil den Beifall des großen Beethoven fand; Louis Ferdinand war vielseitig und ähnlich veranlagt wie sein Oheim Friedrich: Krieger und Künstler zugleich, ein politisch denkender Kopf außerdem. Bei Saalfeld ist er im Kampf gegen Napoleon 1806 mit 34 Jahren gefallen; nicht auszudenken, welchen Einfluß er bei seinen Talenten als Herrscher auf die Geschicke des Staates hätte nehmen können.
In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts erlebte Preußen den Höhepunkt des Kulturschaffens auch im Bereich der bildenden Kunst. Es entstand das, was man den klassischen preußischen Stil nennt. Bedeutender Auftraggeber war jetzt auch das Bürgertum. Es seien aus diesem Bereich nur die berühmtesten Namen genannt: Schinkel, Rauch, Blechen, Lenné, Schadow, Menzel. Dem Architekturmaler Gärtner verdanken wir eine Reihe vorzüglicher Prospekte des damaligen Berlins, die uns veranschaulichen: Berlin war als Metropole jetzt auch eine »schöne« Stadt. Ja ...
»... mit Schinkels Bauten (Neue Wache, Altes Museum, Schauspielhaus, Bauakademie) wird Berlin die eigentlich klassische Stadt auf deutschem Boden und zugleich das Vorbild für ein halbes Dutzend weiterer deutscher Residenzstädte.«8)
Vieles, ja das meiste ging durch Krieg oder Fanatismus zu Bruch. In Berlins Mitte gähnt, durch das von Ulbricht zu verantwortende Sprengen des im Kriege nur beschädigten königlichen Schlosses, eine Leere. Einen Eindruck des Früheren vermittelt heute nur der ehemalige Gendarmenmarkt mit seinem inzwischen restaurierten königlichen Schauspielhaus nebst Schillerdenkmal inmitten der beiden Dome. Das ehemals nicht minder großartige Panorama Potsdams hingegen gehört ganz der Vergangenheit an; Stadtschloß und Garnisonskirche, obwohl gleichfalls nur beschädigt gewesen, sind abgerissen und die Kuppel der Nikolaikirche grüßt den Herankommenden inmitten einer Kulturwüste.
»Die Rolle der preußischen Könige als Bauherrn geht weit über das übliche Maß hinaus. Sie beginnt mit dem holländischen Entwurf des Soldatenkönigs für das Jagdschloß ,Stern', setzt sich fort in den Handskizzen Friedrichs für fast alle seine Bauten und dem Hinweis Friedrich Wilhelms II., Langhans solle sich für das Brandenburger Tor die Athener Propyläen als Vorbild nehmen, und endet mit den Entwürfen Friedrich Wilhelms IV., der seine an den oberitalienischen Kirchen geschulten Vorstellungen mitunter kräftiger zu Papier bringt als seine Baumeister«.9)
Das schönste Denkmal, so meine ich, schuf sich Preußen aber in jener Parklandschaft um Potsdam, Glienicke und Babelsberg mit ihrem Ensemble kleiner Schlösser, Tempel, Kirchen und Gartenanlagen, die sich unvergleichlich und wundervoll der Seen- und Flußlandschaft anschmiegen. Sie ist heute als »Weltkulturerbe« ausgezeichnet. Drei Könige haben sie gestalten lassen, seine Vollendung erfahren hat sie in der Zeit des kunstsinnigen vierten Friedrich Wilhelm, des liebenswürdigsten und menschlich anrührendsten aller preußischen Herrscher.
Daß zum Thema noch lange nicht alles gesagt, vielmehr einiges nur angedeutet wurde, muß nicht betont werden.
Wann ging Preußen unter? Die Frage wurde eingangs gestellt und soll nunmehr beantwortet werden.
In Geschichtsbüchern steht der Satz: Preußen ist in Deutschland aufgegangen. Womit das zweite deutsche Kaiserreich gemeint ist. Soweit damit gesagt sein sollte, der preußische Staat und die Politik seiner Könige seien von Anfang an auf dieses Ziel ausgerichtet gewesen, wird man dem nicht beipflichten können. Preußen blieb selbst als europäische Großmacht ein Gliedstaat innerhalb des alten Reichs, es war wie die andere Großmacht Österreich/Habsburg Teil des mit dem Wiener Kongreß geschaffenen Deutschen Bundes, einer Vereinigung von über 30 selbständigen deutschen Gebietsstaaten, die wegen ihrer Winzigkeit teilweise diesen Namen nicht einmal verdienten und deren Aufzählung immer wieder Heiterkeit hervorruft. Es war aber damals traurige Wirklichkeit, die von Patrioten als bedrückend empfunden wurde: Die napoleonische Zeit mit ihren Kämpfen hatte das deutsche Nationalgefühl aufgerüttelt, die Sehnsucht nach einem einigen Vaterland, einem deutschen Nationalstaat (ein Volk – ein Staat) geweckt. Es hat vieler Mühen, dreier Kriege und der Kunst eines überragenden Lenkers bedurft, ihn nach mehr als 50 Jahren endlich zu verwirklichen. Dabei mußten die Deutschösterreicher vorher ausgegrenzt werden; nicht weil sie dagegen gewesen wären; aber das Völkergemisch ihrer Monarchie vertrug sich mit dem Begriff eines »Deutschland« nicht (mehr). Die anderen Gebietsstaaten des neuen Reichs gingen selbstverständlich auch in ihm auf, und doch war es anders als in Preußen, das ja, wenn auch in ungleich geringerem Maße als Habsburg, ebenfalls ein Nationalitätenproblem hatte. Der Sprecher der polnischen Fraktion im Reichsgründungsparlament, Krzyanowski, brachte es in der 9. Sitzung auf den Punkt: »Wir wollen, meine Herren, bis Gott anders entscheidet, unter preußischer Herrschaft bleiben, und dies viel lieber als dem Deutschen Reiche einverleibt zu werden«.10) Was in Preußen möglich gewesen war, im neuen Deutschland ging es nicht mehr. Der Nationalstaat verträgt keine assimilierungsfeindlichen völkischen Minderheiten. Die polnische Frage lastete bis zum Weltkrieg ungelöst auf dem Kaiserreich, dessen Bemühungen um ein Eindeutschen der Polen wie selbstverständlich erfolglos bleiben mußten. Sie ist im folgenden Jahrhundert durch böses Unrecht und Siegerwillkür, unter Verletzung des Völkerrechts, zu Lasten der Deutschen entschieden worden.
Preußen, das alte Preußen seiner Könige, sank aber noch aus anderen Gründen mit der Reichsgründung ins Grab: Preußen als selbständigen europäischen Machfaktor gab es fortan nicht mehr. In der neuen Reichsverfassung übernahm es als Gliedstaat gemäß seiner beherrschenden Stellung innerhalb des Reichs – es gab ja jetzt in Deutschland keine zweite Großmacht mehr – und unbeschadet der einigen Gliedstaaten wie Bayern, Sachsen und Württemberg verbleibenden Sonderrechte, die Reichsgewalt in den entscheidenden Funktionen wie Außenpolitik und Verteidigung. Preußens Politik war jetzt zugleich auch Reichspolitik, was durch die Verklammerung der Führungsämter verdeutlicht wurde: Der Reichskanzler war zugleich der Ministerpräsident Preußens und Reichsaußenminister, der preußische Kriegsminister zuständig für die Reichsverteidigung, der preußische Generalstab jetzt der deutsche, usw. Es ist für den Historiker reizvoll und Anlaß genug für eine besondere Abhandlung, darzustellen, daß Bismarck nach der Reichsgründung die alte, auf Friedensbewahrung durch europäischen Ausgleich abgestellte preußische Politik fortgeführt hat. Für Preußen als der kleinsten der fünf europäischen Großmächte wäre das allemal richtig gewesen, aber auch für das nunmehr als zentrale und erste Großmacht Europas erstandene Reich?
Der alte König Wilhelm hat gespürt, daß sein geliebtes Preußen mit der Kaiserproklamation dahinschwand; er hat sich bis zuletzt gewehrt. Man kann ihm das nachfühlen.
Geschichte, sagt Hellmut Diwald, ist der peinlichste Charaktertest für die Gegenwart. Das gilt nicht nur für den Umgang mit ihr; der steht derzeit ohnehin auf dem Tiefpunkt (weithin wird der Stoff dem vorgegebenen Zweck untergeordnet, er dient nur noch einer Demonstration). Er gilt in erster Linie für den Vergleich von damals gegen heute unter Berücksichtigung der Zeitumstände. Und da sieht es ebenso finster aus, in jedem Belang. Ulrich Scheuner hat als die klassischen Tugenden des Preußentums hervorgehoben: Pflichtbewußtsein, Rechtsbewußtsein, Denkfreiheit, Bescheidenheit, Opfermut, strenge Sitte und gute Wirtschaft. Erübrigt sich nicht die Frage, welche dieser Tugenden in der Deutschen Bundesrepublik noch gepflegt werden? (Ja, mußten wir nicht neulich aus dem Munde einer Politprominenz vernehmen, daß diese als »sekundär« geradezu verspottet wurden?) Am Beispiel der ehemals bürokratischen Elite verdeutlicht: Gibt es noch den Amtsträger (Minister, Beamten, Abgeordneten), der um seiner Aufgabe im Dienste des allgemeinen Wohls willen unbestechlich und frei von Erwerbsgier, treu seinem Gelöbnis, pünktlich, fleißig, befähigt und sachkundig sein Tagewerk in nie erlahmendem Pflichtbewußtsein bewältigt? Es gab ihn noch nach 1945. Aber wo fände man ihn heute in der führenden Schicht? Hätten wir noch eine Monarchie, könnte man mit Goethe sagen »raubt der König doch selber...«! Muß man noch deutlicher werden und daran erinnern, daß es in Preußen undenkbar war, ehemaligen Kriminellen ohne Vorbildung und Berufserfahrung Ministerämter anzuvertrauen? Hätte der König etwa dazu gute Miene gemacht wie heute Präsident und Kanzler? Das derzeitige Herrschaftssystem wimmelt von »catilinarischen Existenzen« – wo ist der lebende deutsche Cicero, der ihnen entgegen donnert: »Quousque tandem ubutere patientia nostra«?! (Wielange noch wollt ihr unsere Geduld mißbrauchen!)
Dazu im Zusammenhang: Ist es überhaupt denkbar, daß man in Preußen die gleichgeschlechtliche Ehe abgesegnet, Toleranz mit Dekadenz verwechselt und gezielt den Unterschied vom Kranken zum Gesunden eingeebnet hätte?
Kann man sich für Preußen einen § 130 des heute geltenden Strafgesetzbuchs vorstellen, der mißliebige Behauptungen mit Kerker bedroht und Ergebnisse ernster Geschichtsforschung vom Staatsanwalt kontrollieren läßt?
Die preußischen Könige hätten – dessen darf man sicher sein – ihrem übervölkerten und von Arbeitslosigkeit heimgesuchtem Lande nicht die Tore geöffnet für ungebetene Gäste, die außer dem »Diplom der offenen Hand« nichts mitbringen und durch Plünderung der Sozialkassen den Staat mit ruinieren.
Sich ein Preußen der überbordenden Kriminalität vorzustellen, als einen Staat, der als Folge ideologischer Verblendung seiner Verantwortlichen außerstande ist, seine Bevölkerung mit aller Energie und unnachgiebiger Härte vor dem Verbrechen zu schützen, ist unmöglich.
Niemand wird in Kenntnis seiner Geschichte behaupten wollen, daß man in Preußen nach einer langen und von Prosperität gekennzeichneten Friedenszeit die Staatsverschuldung als ungedeckten Wechsel auf die Zukunft ins Astronomische hätte anwachsen lassen und außerdem noch die Steuerlast mit teilweiser grotesker Begründung vervielfältigt hätte. Der große König senkte die während des Siebenjährigen Krieges auf 12 Goldmark pro Kopf und Jahr angewachsene Steuerlast nach dem Ende der Feinseligkeiten sofort um die Hälfte; unter seinem Nachfolger ging sie in der Friedenszeit noch weiter zurück; ähnlich war es nach dem Ende der napoleonischen Kriege.11)
Und endlich: Kann man sich vorstellen, daß Preußen nach einem verlorenen Kriege noch mehr als 50 Jahre tributpflichtig geblieben wäre, daß die Könige ihre Armee fremdem Kommando unterstellt und ihren Einsatz für fremde Interessen zugelassen haben würden (neuerdings für völkerrechtswidrigen Angriffskrieg!)?
Genug der Vergleiche! Preußen gehört heute der Geschichte an. Es ist tot und kann nicht wiederbelebt werden (was Hans-Joachim Schoeps noch gehofft hatte). Es gibt schließlich keine Könige mehr! Ein demokratisches Preußen »im Geiste« (im Territorialen ohnehin nicht)
| erschiene mir zwar denkbar, aber wo fände man in unserem mittlerweile heruntergewirtschafteten Gemeinwesen einen mit preußischen Tugenden ausgestatteten Staatsmann, der ohne Rücksicht auf sein und seiner Genossen Wohlergehen nur um der Sache willen zum Wohle aller zu regieren vermöchte? Und würde dies nicht auch eine Bevölkerung voraussetzen, die, anstatt westwärts über das Meer zu schielen und das moderne goldene Kalb, die Börse, anzubeten, sich auf sich selbst und die Zugehörigkeit zu einer alten Kulturgemeinschaft besänne? |
|
Preußen muß sich seiner Geschichte nicht schämen, wohl aber müssen sich diejenigen schämen, die seinen Namen verunehren und seine Taten verfälschen.