Von Gerd Rühle
Ein Zusammenprall von Kulturen führt nicht zum Krieg; der Eindruck, kulturelle Gegensätze schüfen Konflikte, kann nur entstehen, wenn diese Unterschiede vorgeschoben werden, etwa um die Massen mitreißen zu können oder Völker gleicher Kultur oder Religion für eine bestimmte Aufgabe zusammenzuführen, bei der es dann um existentielle Anliegen geht. So versucht Bin Ladin über eine kulturell-religiös motivierte aggressive Gegnerschaft zu der Macht, die von der Globalisierung am meisten profitiert, die islamische Welt zu einigen. Diese Gemeinsamkeit soll längerfristig für den existentiellen Kampf um die Ressourcen der Erde verbinden, bei dem die Armen die schlechteste Ausgangsposition haben. Die Hervorhebung von Verbindendem schafft auch die Abgrenzung gegen den Gegner. »Abgrenzung heißt indes in der heutigen Welt notgedrungen nicht hermetische Abkapselung, die dem geschichtlichen Selbstmord gleichkäme. Vielmehr soll sie eine möglichst günstige Ausgangsposition im Hinblick auf einen Verteilungskampf planetarischen Ausmaßes schaffen. ( ) Die kulturelle Differenz wird dann aufgeboten, wenn der äußere Hauptfeind einem fremden Kulturkreis angehört oder wenn es zweckmäßig erscheint, den inneren Feind zur Marionette eines solchen äußeren Feindes abzustempeln. Soziologische Untersuchungen haben erwiesen, daß sich die fundamentalistische Avantgarde in den muslimischen Ländern größtenteils aus der Intelligenz, auch der technischen, rekrutiert. Zur Mobilisierung der Massen benutzt sie übrigens die Kulturkampfparolen ähnlich wie früher die leninistische Avantgarde die Schlagworte des Klassenkampfes. ( ) Erfolg vorausgesetzt, kommt die Berufung auf Kultur dem Anspruch gleich, als autonomes Subjekt zu gelten und nicht mehr als - koloniales - Objekt.« (Panajotis Kondylis, »Das Politische im 20. Jahrhundert. Von den Utopien zur Globalisierung«, Heidelberg 2001, S. 92f.)
Mit seiner Aggressivität hat Bin Ladin in den islamischen Ländern bisher vor allem stille Sympathie gefunden; er ist für die Mehrheit in vielen dieser Länder zum Helden, ja zum Heiligen geworden. Doch die Tatsache, daß Demonstrationen der großen Massen auf den Straßen für ihn bislang ausgeblieben sind, zeigt, daß nur die Fanatiker seine Sache nicht verloren geben. Die Anschläge in New York haben zwar auch materiell schwere Schäden verursacht (ca. 30 Milliarden Dollar), doch die nachfolgenden seitherigen Milzbrandattentate (bis heute, den 20. 10. jedenfalls, wobei noch nicht sicher ist, ob sie überhaupt von islamistischen Terroristen verübt wurden -) werden erst (nach Abklingen der Hysterien) mit etwas zeitlichem Abstand in ihrer relativen Bedeutungslosigkeit erkennbar werden. Ganz anders sähe es aus, wenn es seinen Anhängern gelungen wäre, die in den letzten 20 Jahren stärker gewordene Abhängigkeit der Industrieländer von den Öllieferungen der nahöstlichen Länder, aller Welt durch Zerstören der entsprechenden Ölverladungseinrichtungen vor Augen zu führen. Zu schützen sind sie nicht weniger schlecht als es das World Trade Center war, doch von seiner Ideologie her mußte Bin Ladin Amerika als den »großen Satan« direkt in den Symbolen der Macht treffen; die religiöse Einkleidung seiner Ideologie brachte die Selbstmordattentäter hervor, die auch aus der Position der Schwäche weltweiten Schrecken auslösen können. Dagegen wäre die Unterbrechung der Öllieferungen der Beginn des direkten offenen Kampfes um die Vorräte der Erde, den in seiner politischen Lage Bin Ladin als Ideologe so (noch) nicht formulieren kann.
Er hat, so wie es aussieht, keine Chance, aber sein Angriff auf den Westen wird in der islamischen Welt in absehbarer Zeit Nachahmer finden, denn der Verteilungskampf kann mit zunehmender Weltbevölkerung nur schärfer werden. Bin Ladin hat keine Chance, denn auch wenn er Kämpfer hätte oder hat wie die Bezwinger der sowjetischen Truppen, so fehlt ihm doch das, was auch Tapferkeit nicht ersetzen kann, nämlich der Nachschub an wirkungsvollen Waffen.
Der Haß eines kämpferischen Islamismus auf die westliche Welt und die Hinwendung zu einer religiös geprägten Gesellschaft wird niemals ein Hinderungsgrund sein, auch die modernsten Waffen einzusetzen, wie der Iran Khomeinys seinerzeit weiterhin an Atomkraftwerken interessiert war; kulturelle Gegensätze werden nur für die Ideologie zweckdienlich eingesetzt, reichen aber nicht bis ins Existentielle - und damit ist die These vom Zusammenprall der Kulturen relativiert. Eine religiös-kulturelle Motivierung kann nur taktische Maßnahme sein, denn die Notwendigkeit eines modernen Wirtschaftens zur Verbesserung der Konkurrenzfähigkeit zwingt zu den entsprechenden sozialen Veränderungen. Gäbe es z. B. in Iran aufgrund eines wirtschaftlichen Aufschwungs und abnehmender Geburtenrate einen Mangel an qualifizierten Arbeitnehmern, würden den Frauen auch notwendigerweise mehr Rechte zugestanden, doch diese (wirtschaftliche) Voraussetzung muß erst vorhanden sein, schließlich konnte sich die Emanzipation der Frauen in der westlichen Kultur auch erst mit der Entwicklung der Wirtschaft so entwickeln, wie sie sich vollzogen hat. Dies muß man etwa Udo Steinbach (Direktor des Deutschen Orient-Instituts Hamburg in seinem Beitrag in der Nr. 30 von »WeltTrends«) entgegenhalten, denn er unterstellt in ideologischer Befangenheit eine Eigengesetzlichkeit westlicher Wertvorstellungen als handele es sich bei diesen - Freiheit, Gerechtigkeit, Demokratie, Rolle der Frau - um universal gültige Werte. So kann nur der reden, der diese Werte nicht in ihrer historischen Entwicklung versteht.
Man muß die eigene ideologische Befangenheit ablegen, nur dann kann man die Position des anderen und die eigene in ihrer Bedingtheit begreifen. Mit der westlichen Ideologie im Kopf läßt sich davon träumen, daß mit der Öffnung der Märkte und westlicher Wirtschaftsweise Demokratie und »Menschenrechte« auch überall dort Einzug halten werden, wo sie das bislang nicht getan haben, wobei man durch ideologische Scheuklappen vergißt, daß auf dieser Erde weder zwei, drei noch gar sechs Milliarden Menschen auch nur annähernd so werden leben können wie wir, denn unser Überfluß, wenn er denn längere Zeit dauern soll, setzt aufgrund der Beschränktheit der Vorräte die Armut der anderen voraus.
Lehrreich ist in dieser Sache das Verhalten von einigen Mitgliedern der deutschen Regierung, die nach ihren jugendlichen Ideologie-Aktivitäten unter einem anderen Stern nun als Etablierte die Ideologie der Sieger so übernommen haben, als seien sie mit ihr geboren worden. »Zu jeder Zeit liefert die Ideologie der Sieger den Besiegten einen Rahmen zur Interpretation der Wirklichkeit, ihre Niederlage wird gewissermaßen mit der Übernahme des Siegerstandpunktes besiegelt. Jene, die zum Beispiel den ,nationalen Befreiungskampf des vietnamesischen Volkes' bejubelten, Kerzen vor dem Bild Che Guevaras aufstellten und kein Wort aus dem Lager der ,blinden Antikommunisten' hören wollten, verdammen heute alle nationalen Bewegungen', anstatt den Imperialismus anzuprangern, und machen sich für die Interpretation der Wirklichkeit die Parolen der Sieger zu eigen: die Globalisierung durch den internationalen Markt und durch die ,Menschenrechte'. ( ) Die ,Linke' hat sich zum Schlußlicht oder zum Rottenschließer des Amerikanismus gewandelt; sie schöpft nicht mehr aus einer lebendigen marxistischen Tradition, ( ) sondern sie nährt sich von einer Gesellschaftstheorie, die zum einen die realen Beziehungen in den westlichen Massendemokratien widerspiegelt, sie zum anderen aber auch idealisierend verschleiert. ( ) Der ideologische Charakter dieser Gesellschaftstheorien, die zwischen den Polen Individualismus und Globalismus schweben, zeigt sich vor allem durch die Tatsache, daß keine einzige dieser Theorien bisher als - zumindest begrifflicher - Rahmen einer ernsthaften Analyse der gegenwärtigen und künftigen Weltbevölkerung herangezogen wurde. ( ) Die globalistischen Ideologien sagen keinen weltweiten realen Übergang zu einer gleichberechtigten Existenz von Individuum und Kollektiv voraus. Theoretisch gelten sie zwar für alle Menschen, in der Praxis aber werden sie von den Machthabern bindend ausgelegt und öffnen ihnen Tür und Tor für jede Intervention, die sie, wo auch immer auf dieser Welt, für zweckmäßig halten.« (P. Kondylis, S. 7ff.) Ideologien sind zu allen Zeiten nun einmal Waffen, die auf die jeweiligen aktuellen Bedürfnisse der Lage hin zurechtgehauen werden; die Amerikaner haben es bisher immer verstanden, unter der Parole der Verteidigung der »Menschenrechte« ihre alleinigen Interessen durchzusetzen und schon Thukydides bemerkte, daß Spartaner und Athener gleichermaßen für die »Verteidigung der Freiheit« gegeneinander kämpften.
Die geringe Eignung (wirtschafts-)liberal inspirierter Begrifflichkeit in bisherigen Konfliktgebieten hat sich im Kosovo, in Bosnien, Osttimor, Kambodscha, Namibia, Gazastreifen usw. gezeigt, doch jetzt bereits wird über die zukünftige Gestaltung Afghanistans mit den gleichen, seinerzeit unbrauchbaren Begriffen wie »nation building«, Demokratisierung, Pluralismus, Blauhelmtruppe und großzügigen Wiederaufbauhilfen, Aufbau einer zivilen Übergangsregierung usw. gefabelt, als kenne man nicht aus Erfahrung die Wirklichkeitsfremdheit solcher Modelle, die unfähig sind, auf die soziale und historische Lage des Landes mehr als nur oberflächlich Rücksicht zu nehmen.
Jeder, der mitreden will, muß es in der Sprache der Ideologie tun, sonst wird er nicht oder nur von wenigen verstanden oder er wird - das muß so sein und liegt jenseits moralischer Wertungen - als Störenfried oder gar Feind wahrgenommen. Dies wird z. B. im Falle der linken bzw. linksliberalen Kolumnistin Susan Sontag deutlich, die nach ihren ersten nichtkonformen Bemerkungen zu den Ereignissen vom 11. 9. in der zweiten Auslassung, die sie nach ihrer Rückkehr in die USA verfaßte, sich stromlinienförmig und mit der Mehrheitsmeinung übereinstimmend gibt. Unter dem Titel »Amerika hat den Islam nicht provoziert« (FAZ, 11. 10. 2001) beklagt sie zunächst, daß nach den Ereignissen Selbstzensur um sich greife, welche die wirksamste Form der Zensur sei und in Amerika Diskussionen zum Thema bereits mit einer als illoyal empfundenen Opposition gleichgesetzt würden. Damit relativiert sie ungewollt ihren eigenen Beitrag, in welchem sie vor allem moralisch argumentiert und auf diese Weise geradezu beispielhaft das existentielle Problem, um das es eigentlich geht, umschweigen kann: »Ich glaube nicht, daß Amerika die islamische Welt seit Jahren provoziert. Amerika ist in vielen Ländern brutal und imperialistisch aufgetreten, aber es unternimmt keine breitangelegte Operation gegen die islamische Welt'. Und bei aller Kritik an der Außenpolitik und der imperialen Arroganz Amerikas darf nicht vergessen werden, daß die Anschläge vom 11. September ein abscheuliches Verbrechen waren. ( ) Inakzeptabel erscheint mir auch die Ansicht, daß Terrorismus - dieser Terrorismus - nichts anderes sei als Durchsetzung legitimer Forderungen mit den falschen Mitteln. Ich möchte es ganz deutlich sagen: Würde sich Israel morgen einseitig aus dem Westjordanland und dem Gazastreifen zurückziehen und würde tags darauf ein eigener palästinensischer Staat ausgerufen, der sich auf umfassende israelische Hilfs- und Kooperationsgarantien stützen könnte - an den terroristischen Projekten, die gegenwärtig geplant werden, dürfte das nichts ändern. Salman Rushdie hat darauf hingewiesen, daß Terroristen sich gern in legitime Forderungen hüllen. Der Kampf gegen Unrecht ist nicht ihr Ziel - nur unverschämter Vorwand.« Frau Sontag erklärt also, die Attentäter handelten irrational und ihre politischen Forderungen seien nur Vorwand. Damit und mit der Behauptung, nur eine breite Provokation sei auch eine für die »islamische Welt«, erübrigt sich jede Diskussion der israelischen Politik gegenüber den Palästinensern und deren Duldung durch die USA, eine Diskussion, die aufgrund des starken Einflusses pro-israelischer Kreise in den USA stets nur höchst zurückhaltend geführt wurde.
Frau Sontags Sinneswandel steht beispielhaft für den gegenwärtigen und von ihr selbst beklagten starken Konformitätsdruck, der alle liberalen Bekenntnisse sofort vergessen läßt, wenn der Anschein entsteht, es könne ernst werden. In dem Moment beginnender innerer und äußerer Verteilungskämpfe, wenn das Bedürfnis nach innerer und äußerer Sicherheit stärker wird, hat der Liberalismus keine Stimme mehr.
So ermittelte das demoskopische Institut Allensbach (FAZ, 17. 10. 2001), daß etwa 2/3 der Bevölkerung auf Schwächen im Bereich innerer und äußerer Sicherheit aufmerksam geworden sind, indem sie in der Sicherheits- wie in der Ausländerpolitik einen Kurswechsel erwarten. Dieser werde, so die Annahme, in der Ausländergesetzgebung bedeuten, daß der Zuzug von Ausländern beschränkt werde. Ende des letzten Jahres waren 47% der Bevölkerung davon überzeugt, im Sommer dieses Jahres 53%, heute 61%. Diese Erwartungen werden zunehmen, wenn die Anschlagserien länger anhalten sollten. Bin Ladin hat als Ideologe nicht nur den wirtschaftlichen Konflikt zwischen dem Westen und der islamischen Welt als Kriegserklärung genommen und damit den Zusammenhalt der letzteren gefördert, sondern innerhalb der ersteren lenkt er die Aufmerksamkeit darauf, daß die ideologischen Reden von der multikulturellen Welt des globalisierten Dorfes die bereits bestehenden tiefgreifenden Konflikte nur verbargen, (z. B. gibt es seit langem in den westlichen Ländern ein Wohlstandsrauschgiftproblem, erst Bin Ladin als Produzent und Großhändler von Opium und Heroin macht es dem Westen wieder bewußt, wie er auch erste Zweifel an einer »friedlichen multikulturellen Welt« weckt, was ein Leserbrief zeigt - NZZ, 19. 10. 2001, S. 57 -, der das sagt, was die Mehrheit denkt. »( ) Tatsächlich scheint der Islam mehr und mehr das Gesicht einer friedliebenden Religion zu verlieren. Dabei besteht die Tragik darin, daß der Aufruf ( ) zum heiligen Krieg selbst ehemals verfeindete islamische Staaten zum gemeinsamen Kampf gegen einen neu definierten Feind zu einen vermag. ( ) Die Frage scheint zunehmend berechtigt, inwieweit die fundamentalistisch ausgerichteten Koranlehrer in die Terrorbekämpfung mit einbezogen werden sollten«.
Wenn die Verteilungskämpfe beginnen, hat der Liberalismus ausgedient, in der Ausnahmesituation der ersten Tage nach den Anschlägen war das Wort »Menschenrechte« ausrangiert. Hat das vergangene Jahrhundert die kommunistische Ideologie entlarvt, so wird dieses Jahrhundert den Liberalismus entlarven.