Von Mathilde Ludendorff
Der folgende Aufsatz wird aus Anlaß des 210. Todestages von W. A. Mozart der Zeitschrift »Der Quell« des Jahres 1953 entnommen. (Er ist dort erschienen unter dem Namen Johann Langenberg, Folge 22, 23. 11. 1953, S. 1040–1043). Der Neuabdruck sei zugleich als Anregung aufgefaßt, seinen Inhalt bei künftigen Neuauflagen des 1936 erstmalig erschienenen Werkes von Mathilde Ludendorff »Mozarts Leben und gewaltsamer Tod« zu berücksichtigen. Dies geschah bei der »Archiv-Edition« des Verlages für ganzheitliche Forschung von 1999 leider nicht, würde aber eigentlich ganz im Sinne der Verfasserin gewesen sein! E. M.
Am 5. 12. um Mitternacht starb im Jahre 1791 Mozart, 35 Jahre alt. Jäh brach da ein überreiches Schaffen ab. Unser Gedenken an Mozart und seinen frühen Tod ist noch inniger geworden für alle die, denen das seit einem Jahrzehnt vergriffene Buch: »Mozarts Leben und gewaltsamer Tod« je zu Gesicht kam. Aus kaum mehr erreichbaren, zuverlässigen Quellen und Briefen wurde uns das Schicksal Mozarts bewiesen und heute wird uns ein spät entdecktes Kinderbild Mozarts für unsere Zeitschrift übergeben, das für uns im innigen Zusammenhang mit dem ersten Teil jenes Buches zu stehen scheint. Mit großer Sorgfalt wird uns die Weltberühmtheit des »Wunderkindes« an Hand der Briefe seines Vaters hell belichtet und hierdurch wird das spätere Schicksal des großen Musikers, vor allem auch sein Begräbnis und das Schicksal seiner Gebeine in der Ungeheuerlichkeit der Vorgänge doppelt bewußt gemacht.
Im Lichte der Moral des Werkes »Das Gottlied der Völker« steht das Handeln des Vaters an diesem hochbegabten Kinde etwas anders vor unseren Augen, als die Literatur es uns bezeichnet. Gewiß hätte eine solche Schöpferkraft sich bei jeder Art Erziehung durchgesetzt. Schuf doch Mozart u. a. 28 Sonaten für Klavier, 45 Sonaten für Violine und Klavier, 28 Streichquartette, 26 Duos, Trios und Quintette, 151 Orchesterwerke, darunter 48 Symphonien, 114 Lieder, Arien und Oratorien etc., 70 Werke der Kirchenmusik (darunter 15 Orchestermessen) und endlich 20 Opern. Wie sollten wir da seinem Vater Leopold Mozart nicht so dankbar sein wie sein Kind selbst, daß er es schon im dritten Lebensjahr in das Reich der Töne und sehr bald in die Gesetze der Harmonielehre einführte. Nun war er in seiner Welt, in der seine Heimat war. Sogar seine Kinderspiele wurden nun mit Liedern und Märschen begleitet. Ja, bald wagte er sich schon daran, ein Konzert zu komponieren! Wenn wir aber dann hören, daß sein Vater das Unterrichten nur aufgab, um Mozart und seine Schwester möglichst bald als Wunderkinder in der ganzen Welt bewundern lassen zu können, stimmt uns das sehr ernst; zumal nun diese armen Kinder durch ihre Leistungen nach anstrengenden Reisen und Teilnahme an Festlichkeiten und Bällen, ganze Nächte hindurch, das Geld für die Unternehmungen aufzubringen hatten. Immer wieder sprechen Leopolds Briefe von der Sorge, daß das Geld genügend einfließe und der Hoffnung, daß die Geschenke an die Kinder gutes Geld einbrächten. Wenn die Moral des Werkes: »Das Gottlied der Völker« über solches Treiben urteilt, muß sie von »Mißbrauch« der hohen Begabung sprechen. Zumal wir davon erfahren, daß die sich wohl manchmal sehr langweilenden Hofgesellschaften das Kind nötigen, läppische Kunststücke vorzuführen. Man legt ihm Tücher auf die Tasten und zwingt das Kind, dennoch gut zu spielen. Man verlangt von ihm, mit einem Finger zu musizieren. Und der Vater? Berichtet entzückt über die Zärtlichkeiten, die das Kind von den Fürstinnen empfängt, ja, daß es nach solchen Leistungen noch neben einer Kaiserin beim Abendfestessen stehen muß, um von ihr von Zeit zu Zeit einen Leckerbissen zu erhalten. Sogar der damalige geringe Schutz vor ansteckenden Krankheiten läßt den Vater nicht bedenklich werden. Zweimal muß er von schwerer Erkrankung Wolfgangs berichten. Und dennoch mußten die armen Kinder vor der völligen Erholung zwei Konzerte geben. Im Jahre 1767 holen sie sich in Wien sogar die Blattern. Der arme Wolfgang liegt in Olmütz neun Tage blind und mehrere Wochen mußte er dann noch die Augen schonen. Ein andermal hat er Scharlach, seine Krankheit kostet, wie Leopold Mozart beklagt, 50 Dukaten und er fügt hinzu:
»Wenn der kranke Wolfgang nicht schon bald 14 Tage zuhause gewesen, so würde es nicht ohne Geschenke abgegangen sein. Jetzt müssen wir sehen, daß die Sache wieder in Gang kommt, die rechtschaffen gut war.«
Ein Jugendbildnis Mozarts
1766 in Paris gemalt von J. B. Greuze
Etwas später meldet er:
»Wir müssen mit Geduld abwarten, unsere Sache in guten alten Gang zu bringen. Es fürchtet sich nämlich die hiesige Noblesse vor Blattern und allen Gattungen des Ausschlages. Folglich hat uns die Krankheit des Buben fast vier Wochen zurückgeschlagen.«
Und dennoch gehen die Reisen mit den Wunderkindern weiter, und immer wieder steht in den Briefen die Bitte um das einzige Schutzmittel:
»Ich bitte vier heilige Messen zu Maria Plain und eine heilige Messe bei dem heiligen Kinde zu Loretto, sobald es sein kann, lesen zu lassen. Wir haben sie wegen meines lieben Wolfgangerls und der Nannerl, die beide krank waren, versprochen. Ich würde wenigstens 12 Louisdors mehr haben, wenn meine Kinder nicht einige Tage das Haus hätten hüten müssen!«
Nun ist unsere Ablehnung fast zur Empörung geworden! Daß ein Kind, das man so oft und so lange in den Wachstumsjahren vom 6. Lebensjahre an von der gesunden Nachtruhe abhält, wie den armen Wolfgang, während 18 Monaten dieser Reise beinahe nicht gewachsen ist und während des langen Aufenthaltes in Italien nur etwas gewachsen ist, das scheint uns die natürliche Folge auf die Unvernunft, wir sind aber entsetzt, wie das alles auf den Vater wirkt. Er schreibt am 11. Mai 1768:
»Es ist im Gegenteil dieses dasjenige, was mir eine Erlaubnis zu einer Reise nach Italien erleichtert: Eine Reise, die, wenn man alle Umstände in Erwägung zieht, nicht mehr kann verschoben werden oder sollte ich vielleicht in Salzburg sitzen, in leerer Hoffnung nach einem besseren Glücke seufzen, den Wolfgang groß werden und mich und meine Kinder bei der Nase herum führen lassen, bis ich zu Jahren komme, die mich eine Reise zu machen verhindern und bis der Wolfgang in die Jahre und das Wachstum kömmt, die seinen Diensten die Bewunderung entziehen? «
Hier sind wir bedenklich nahe an die Eltern gekommen, die bei ihren Kindern das Wachstum verhindern, damit sie als Wunderkinder auf den Jahrmärkten viel Geld einbringen. Aber noch ein zweites Werk leuchtet mit seiner Weisheit auf jenes vergriffene Buch. Ich meine das vergriffene1) Werk: »Des Kindes Seele und der Eltern Amt«. Alles wird aus den Briefquellen etc. herangeholt, um uns zu zeigen, wie die starke Genialität dieses Kindes sich nun selbst mit allen Kräften der Kinderseele rettet. Seine innige Liebe zum Vater weckt in ihm selbst Freude an Geschenken, mit denen er noch gar nichts anfangen kann, und an des Vaters Glück über Ehrungen an Fürstenhöfen und Erfolgen. Er selbst bleibt völlig kindhaft:
»Als der Knabe einst bey der Kaiserin war, führten ihn zwey Erzherzoginnen, unter welchen die nachmalige unglückliche Königin von Frankreich, Antoinette, war, herum. Er fiel auf den, ihm ungewohnten, geglätteten Fußboden. Die eine der Prinzessinnen machte sich nichts daraus: die andere, Marie Antoinette, hob ihn auf und that ihm gütig. Er sagte zu ihr: Sie sind brav; ich will Sie heirathen.' Sie erzählte das der Mutter, und als diese den Wolfgang fragte, wie ihm dieser Entschluß käme, antwortete er: Aus Dankbarkeit; sie war gut gegen mich, während ihre Schwester sich um nichts kümmerte.'«
Es bleibt in ihm auch völlig die gesunde Wahlkraft des Kindes erhalten. Die Unmusikalischen sind ihm völlig gleichgültig, ganz unbekümmert, welche Kronen sie auf dem Haupte tragen, während er einen gleichaltrigen hochmusikalischen englischen Knaben, den er in Italien antrifft, ebenso unablässig und beglückt von neuem umarmt, wie dieser ihn. In dem Werke »Des Kindes Seele und der Eltern Amt« wird uns das Kinderparadies der Phantasie als der Schutz vor größten Seelengefahren gepriesen. Auch Mozart flüchtete erfolgreich in dies Reich. Davon haben wir ein liebes Zeugnis in der Mitteilung der Schwester aus dem Jahre 1764:
»Da die Reisen (erzählt seine Schwester), die wir machten, ihn in so manche verschiedene Länder führten, so sann er, während wir von einem Orte zum anderen zogen, sich ein Königreich aus, welches er, ich weiß nicht mehr warum, das Königreich Rücken nannte. Dieses Reich und dessen Einwohner wurden mit Allem begabt, was sie zu guten und fröhlichen Kindern machen konnte. Er war der König des Reichs. Und diese Idee haftete so in ihm und wurde von ihm soweit verfolgt, daß unser Bedienter, der ein wenig zeichnen konnte, eine Carte davon machen mußte, wozu er ihm die Namen der Städte, Märkte und Dörfer dictierte.«
Wenn wir all dies in der Gedenkstunde des Todestages an uns noch einmal vorüber gleiten ließen, so geschah dies, weil die wertvollen Stiche, die in dem genannten Werke von Mozart im Alter von sechs und von vierzehn Jahren, eine solche Art der Kindheit mit allen der Genialität bereiteten und von ihr überwundenen Gefahren nicht so ergreifend wiedergeben, wie dies spät entdeckte Kinderbild, besonders wenn wir es mit den Berichten von dem eingeborenen Frohsinn des Kindes vergleichen.