Von Uta Göllner
Die folgende Abhandlung über Formen und Inhalte der Meditation geht das Thema ausgehend von den Erkenntnissen M. Ludendorffs an. Von daher nimmt schon die Überschrift ausdrücklich vorweg, daß Meditation hier kritisch - als Psychotechnik - betrachtet wird. Mit dem Begriff »Psychotechnik« assoziiert man manipulative Gehirnwäsche, wie sie bei modernen Sekten und Psychogruppen vorkommt. Psychotechniken sind ungewöhnliche Methoden seelischer Beeinflussung mit ideologischer oder religiöser Zielsetzung. Sie dienen zum einen der Erzeugung ungewöhnlicher Bewußtseinszustände und Erfahrungen, zum anderen der Schaffung einer Bindung des einzelnen bis hin zur Abhängigkeit gegenüber der entsprechenden religiöse Gemeinschaft.1)
Das fachliche Urteil M. Ludendorffs lautet bekanntlich: »Induziertes Irresein durch Occultlehren«. In ihrer gleichnamigen Schrift vertritt die Nervenärztin den Standpunkt, daß die verschiedenen religiösen Heilslehren die Psyche der Gläubigen beeinträchtigen - und zwar so, daß regelrecht von Induktion (d. h. von Übertragung) psychischer Krankheiten auf diesem Wege gesprochen werden muß. Dieses »Induzierte Irresein« werde ausgelöst einerseits durch die sinn- und vernunftwidrigen Inhalte der Heilslehren, andererseits durch die praktischen Übungen, die solche Heilslehren ihren Gläubigen anempfehlen. Und zu diesen Heilsübungen zählen eben all jene Versenkungsübungen, die heutzutage unter dem Begriff »Meditation« zusammengefaßt sind. - Der häufigste Einwand gegen M. Ludendorffs These von der ungesunden, »induziert irre machenden« Wirkung der Meditation bezieht sich auf das Alter ihrer medizinischen Arbeit. In den 1930er Jahren verfaßt, könne sie die neuesten, aktuellsten Ergebnisse der modernen Forschung nicht enthalten. Die Frage muß demnach lauten, ob die These M. Ludendorffs den neusten wissenschaftlichen Erkenntnissen standhält und ob sie sachlich noch heute vertreten werden kann. Wir werden uns dieser Frage zuwenden, nachdem zunächst ausführlich geklärt wird: Was ist Meditation?
Meditation heißt nicht: nachdenken
Das Wort Meditation stammt zwar von lat. meditari (nachdenken), bezeichnet hingegen etwas anderes: Es handelt sich um einen Sammelbegriff für unterschiedliche »geistig-religiöse Übungen«, die beinahe in allen Religionen und zu allen Zeiten von gläubigen Menschen praktiziert worden sind. Meditation hat verschiedene Formen und Inhalte, daher auch verschiedene Namen. Meditation begegnet uns heute z. B. im Angebot der Volkshochschulen, da heißt es in einem Kurs »Meditation«: »In der Meditation lernen wir den Alltag hinter uns zu lassen, abzuschalten und umzuschalten auf Ruhe... Wir lernen Sitzhaltungen kennen, konzentrieren uns auf Körper und Atembewegung, entdecken einen inneren Raum - das Hara2): unsere Mitte, unser Zentrum, ein Ort der Ruhe in uns selbst.«3) Dieser Beschreibung entnimmt man bereits die wesentlichen Stichworte, die allerdings allen Formen von Meditation gemeinsam sind: Es geht um Rückzug, Abschalten, Konzentration, Körperhaltung, Atemkontrolle - und irgendwo tauchen dabei immer wieder Begriffe des indischen Sanskrit/Pali auf. Kein Wunder, denn am meisten verbreitet ist bis heute die Form der Meditation, die sich von Indien aus auf alle Kontinente verbreitet hat.
Die hinduistischen und buddhistischen Meditationsübungen heißen »Yoga«, sanskrit für Joch. Der Begriff bringt zum Ausdruck, daß mit diesen Übung das »Anschirren an das Göttliche/Absolute « erreicht werden soll. Yoga ist dabei wiederum der Oberbegriff für ein ganzes System von Anleitungen zu seelisch-körperlichen Übungen, die zu höchster religiöser Weisheit führen sollen. - In Form eines Lehrbuchs, der Yoga-Sutra, gibt es dazu eine genaue Anleitung. Sie wird einem gewissen Patanjali zugeschrieben, der sie um das Jahr 150 v. u. Z. verfaßt haben soll. Die Yoga-Sutras beschreiben, wie der Yogi über acht Stufen zum angestrebten Ziel gelangt, zur sinnlichen Unempfindlichkeit, zum Zustand des Nichtbewußtseins. Der Yogi soll erstens seine Begierden bezwingen, damit sein Geist nicht abgelenkt ist und für das Vorhaben keine Kräfte vergeudet werden. Dann soll er zweitens eifrig die heiligen Texte studieren und dabei bestimmte Grundsilben und Laute (Mantras) beständig rhythmisch wiederholen; nach dem Glauben wird ihm nämlich auf diese Weise alles Wissen zugänglich, das Worte durch Laute und Silben übermitteln. Drittens soll der Yogi eine entspannte Sitzhaltung mit gekreuzten Beinen einnehmen. Viertens soll er seinen Atem beobachten und kontrollieren. Patanjali empfiehlt in seiner Anleitung sogar, überhaupt nicht zu atmen. Da dies freilich schnell den Tod zur Folge hätte, dürfen wir annehmen, daß der Yogi sich täuscht, wenn er glaubt, nicht zu atmen - wie überhaupt viele Illusionen und Halluzinationen bei der Meditation entstehen. (vgl. »Lichtnahrung«: Der Wahn, sich nur von kosmischem Licht ernähren zu können, wobei davon auszugehen ist, daß diese Gläubigen nur deshalb nicht verhungern, weil sie sich durch Meditation suggeriert haben, nichts essen zu müssen und sie ihre Mahlzeiten offenbar in geistiger Umnachtung, unbewußt, ohne es zu merken, zu sich nehmen.4) Auf der fünften Stufe jedenfalls soll der Yogi dann seine Sinne von allen äußeren Reizen zurückziehen, um sie auf der sechsten Stufe auf etwas Bestimmtes zu konzentrieren. Siebtens soll er ununterbrochen und zielgerichtet über diesen Gegenstand nachsinnen, bis er achtens und letztens in diesem Gegenstand aufgeht und die Selbstwahrnehmung aufhört. Dann also sind ihm die Sinne entschwunden, und er hat den angestrebten Zustand der Unbewußtheit, die Trance, erreicht.5)
Neben dieser achtstufigen Grundform des Yoga gibt es verschiedene Wege, dieses Ziel zu erreichen. Dies sind die verschiedenen Yoga-Systeme. Da gibt es Karma-Yoga, Bhakti-Yoga, Mantra-Yoga, Kundalini-Yoga, Raja-Yoga, tantrischen Yoga u. v. m. In all diesen Yoga-Systemen werden die genannten acht Stufen lediglich unterschiedlich gewichtet und verschiedene Techniken empfohlen. Jeder Meditationsschüler kann und soll sich aus diesen Systemen nach seiner persönlichen Neigung das für ihn günstigste Meditationsverfahren auswählen, d. h. jeder Yogi sucht sich seinen passenden Guru, der ihm ein bestimmtes Meditationssystem lehrt.
Im Westen wohl am bekanntesten ist der Hatha-Yoga. Eine Volkshochschule bietet im Frühjahr 2000 dazu entsprechend der Nachfrage 11 Grundkurse, 6 Aufbaukurse und 3 Fortgeschrittenenkurse an.6) Der Hatha-Yoga legt den Schwerpunkt auf die richtige Körperhaltung und Atemkontrolle. Dahinter steht der Gedanke, daß die geistige Sammlung sich besser erreichen läßt, wenn der Körper mindestens drei Stunden ohne Ermüdung oder Verkrampfung in einer Stellung verharren kann. Der Atem soll fortschreitend und rhythmisch verlangsamt, die Atmung insgesamt verringert werden, bis der Yogi deutlich veränderte Bewußtseinszustände erfährt.7) Mit anderen Worten, beim Hatha-Yoga wird die meditative Trance durch körperliche Überanstrengung und Sauerstoffunterversorgung eingeleitet. - Wer das Hatha-Yoga beherrscht, kann anschließend zum Kundalini-Yoga übergehen. Im Programm der Volkshochschule heißt der Kurs »Chakren - Energiezentren im menschlichen Körper«.8) Hier geht es um den Glauben, daß im Beckenbereich des Körpers eine kosmische Energie, ein Feuer bzw. die Schlange »Kundalini« schlummert. Diese soll durch die Übungen geweckt werden und entlang der Wirbelsäule über die sogenannten chakren (Energiezentren) bis zum Scheitel aufsteigen. Das Kundalini-Yoga ist eine körperbetonte Meditationstechnik, bei welcher der Yogi innere Hitzewallungen empfindet, die sehr schmerzhaft sein können, die der Yogi jedoch für reinigend und befreiend hält. - Der Mantra-Yoga hingegen setzt auf die Wirkung des Klangs von Silben. Vor allem der Klang der höchstheiligen Silbe Om (Aum), soll angeblich alle Weisheit der Veden vermitteln. Am besten der Gläubige umschreitet beim Rezitieren einen heiligen Ort.9) Beim Mantra-Yoga ist es also die »Murmelmeditation«, die lautliche Monotonie, das Summen des nasalen m im Kopfe, welches die Trance auslöst. - Es gibt noch zahlreiche andere Yoga-Systeme, die jeweils den Schwerpunkt auf verschiedene Sinneswahrnehmungen legen. Es würde zu weit führen, sie hier alle zu erläutern. Bezeichnenderweise kommen hierzulande besonders diejenigen Yoga-Systeme an, die man als Gymnastik verkaufen kann. Auch im Zusammenhang mit indischen Kochkursen bieten die Volkshochschulen Meditationseinführungen an. Daß der Yoga ein religiöser Heilsweg ist, der eigentlich aus Glaubensgründen beschritten wird und immer die gleiche inhaltliche Zielsetzung des nicht-bewußten Trance-Zustandes hat, bleibt unerwähnt.
Um einen Eindruck zu vermitteln, wie sich die vernunftwidrige Meditationserfahrung aus dem Munde eines original-buddhistischen Yogi der Gegenwart anhört, hier ein Abschnitt aus dem Lebensbericht eine tibetischen Lamas: (Versuchen Sie bitte gar nicht erst zu verstehen, was der Yogi und sagen will. Es geht nur um einen ungefähren Eindruck davon, was so ein Yogi mit sich anstellt.)
» (...) Zu Beginn der Meditation konzentrierte ich mich Punkt für Punkt auf die Stufen der Ansammlung... Zur Praxis der ,Stufenweisen Ansammlung' gehört auch die Übung der Visualisierung. Manchmal erlebte ich bei dieser Übung das ungewöhnliche Erscheinen eines Lichts. Ich hatte meine Augen geschlossen und sah ein Licht. Es erlosch nicht, ja es wurde sogar noch intensiver, da es eine geistige Erscheinung in mir und nicht vor meinen Augen war. Ich beobachtete die Erscheinung und sah, daß sie ein leerer, von alldurchscheinendem Licht und Blumen erfüllter Raum war. Dieses Erleben ist nicht zu beschreiben. - Etwa am 10. Tag des 10. Monats des tibetischen Kalenders, während ich die gedankliche Rezitation der Vajra Yogini übte, erwuchs in meinem Körper zum ersten Mal eine starke Hitze, eine selige Wärme, die meinen ganzen Körper durchdrang. Die Hitze - ich empfand sie wie sprühende Funken - breitete sich zuerst in der Nabelgegend aus. - Ich meditierte nun über das Licht. Ich konnte es ausdehnen oder zu einem winzigen Punkt zusammenziehen. Manchmal meditierte ich über das von der Nabelgegend ausgehende Licht. (...) Die Meditation mit dem Licht als Objekt, das vom Geist fokussiert und verändert werden kann, sind der Grund der Meditation. Ich konnte nun die Lichtenergie problemlos bewegen, wohin ich wollte. (...) Damals hatte ich noch wenig Erfahrung und setzte die Übungen mit zunehmender Intensität fort. Nachdem ich diese Übungen ein Jahr lang praktiziert hatte, konnte ich bemerkenswerte Fortschritte in meiner religiösen Praxis feststellen. [Es folgt eine Beschreibung des Yogi über seine Erfahrungen mit dem o. g. Kundalini-Yoga:] Ich ließ mich nicht entmutigen. Zog sich die Windenergie nicht in die Richtung der Vitalpunkte (= Chakren), sondern verteilte sie sich, um sich dann in der rechten oder linken Hüfte zu sammeln, litt ich unter heftigen Schmerzen. Dieses Problem trat innerhalb der nächsten zwei, drei Jahre immer wieder auf, doch im Laufe der Jahre wurde meine Praxis immer stabiler. Mein Meditationssystem bezeichnet man als die ;Ansammlung der Hitze des Entzückens'. (...) Außer meinen Schmerzen hatte mir die Aktivität der Geister der Gegend zu schaffen gemacht. Ich muß sagen, diese dunklen Kräfte waren ziemlich machtvoll. In dieser Region schien ein Meister der dunklen Kraft am Werk gewesen zu sein, der mir manche Probleme bereitete...«. 10)
Man sieht, die zunehmenden Halluzinationen sind erwünscht, und es wird geübt die auftauchenden Bilder zu steuern. Das nennt der Yogi »religiöse Fortschritte«. Die heftigen Schmerzen über Jahre sind dem Yogi selbstverständlich, anstatt daß sie ihm signalisieren, daß er sich schonen sollte, stumpft er sich gegen die Schmerzen ab - und hält das für einen Ausdruck seines Könnens. Daß er auch noch an böse Geister glaubt, verwundert da nicht mehr.
Obwohl alle Yogameditation dieselben indischen Wurzeln hat, haben Hinduismus und Buddhismus unterschiedliche Ziele entwickelt. Im Hinduismus will der Yogi sein Bewußtsein ganz aufgeben, seine sinnliche Wahrnehmung völlig abschalten. Er glaubt nämlich, nur so mit der verborgenen, alles durchdringenden Gottheit Brahman) einswerden zu können. Bei hinduistischen Formen der Meditation wird also als Endzustand die völlige Bewußtlosigkeit, der hypnotische Tiefschlaf, angestrebt. Für den hinduistischen Yogi ist das Versinken im traumlosen Schlaf, sind seine Ohnmachtsanfälle also Erfolgserlebnisse.
Anders die buddhistische Meditation. Buddha wollte die von den Yogis so gefürchteten Zerstreuungen, das Abschweifen der Gedanken, überwinden durch das Festhalten der Konzentration an dem Gegenstand. Für ihn ist der ideale Endzustand der Halbschlaf, die Wachhypnose. Spürt der Buddhist, daß er zu tief in seine Trance versinkt, versucht er sich wieder etwas zu beleben, indem er z. B. wieder zu Rezitieren anfängt.
Mit dem indischen Yoga sind die Grundformen der Meditation besprochen. Aber auch die anderen Religionen haben einen vergleichbaren Wunsch nach Begegnung und Einswerden mit Gott. Die Mystik der verschiedenen Religionen lehrt die Gläubigen bestimmte meditative Techniken und Übungen. Sie alle glauben, ihrem Gott in dem unterbewußten Trancezustand begegnen zu können. Und weil die indische Religion den großen Weltreligionen Judaismus, Christentum und Islam als Vorbild diente, sind auch ihre Meditationstechniken dem Yoga deutlich verwandt.
In der christlichen Mystik erfolgt die Versenkung über vier Stufen: Lesung, meditatives Nachsinnen, Gebet, Kontemplation. Die Gottvorstellung ist in den monotheistischen Religionen eine persönliche, ehrfurchtgebietende - deshalb gilt der indische Gedanke, mit Gott einswerden zu können, hier als Anmaßung oder gar Teufelswerk. Das christliche Ziel der Meditation wird dagegen formuliert als demütige, hingebungsvolle Begegnung mit Gott.11) Dennoch ist die christliche Mystik eine genauso ungegenständliche Kontemplation, eine Versenkung ins Leere, die Ausblendung aller Willensimpulse als Eintauchen in die »Wolke des Nichtwissens« (nach dem Mystiker Johannes vom Kreuz). Der Christ versenkt sein Bewußtsein also mit der gleichen Technik wie der Buddhist: durch intensives, konzentriertes Betrachten, durch Murmeln von Litaneien und Gesängen. Beim Hesychasmus z. B., einer im frühen christlichen Mönchtum entwickelten Meditationstechnik, wird das Jesusgebet unter ständiger Atemkontrolle wiederholt. Genau wie beim Mantra-Yoga kommt es auch beim Abbeten des Rosenkranzes, des »Ave Maria«, des »Vater unser« oder der Psalmen nicht auf das Verstehen der Worte an, sondern auf die Ausschließlichkeit der Hingabe an das Tun. Das kennt Christentum auch bestimmte Körperhaltungen, das Abschreiten heiliger Orte auf Knien oder das zu Boden werfen des ganzen Körpers. All diese Techniken haben schon die Inder angewandt, um durch Erschöpfung von Körper und Geist das Einleiten der meditativen Trancen unterstützen. - Die jüdische Mystik kennt als besondere Körperhaltung, das Sitzen mit dem Kopf zwischen den Knien. Gegenstand der Meditation ist hier die Buchstaben- und Zahlensymbolik der Tora mit der Murmelmeditation. Die islamische Mystik, der Sufismus, verfolgt die Methode des ständigen Gedenkens, des dhikr. Es folgt dem Gebot des Koran »Gedenket Gottes oft« (Koran 33, 41). So soll eine »Koranisierung des Gedächtnisses« erreicht werden. Die 33 Gebetsperlen des Rosenkranzes müssen dreimal abgebetet werden, bis alle 99 schönen Namen Gottes ausgesprochen sind. Der sufistische Novize muß einen kurzen Gebetsspruch Tausende von Malen Tag um Tag wiederholen, bis - so heißt es - selbst seine Blutstropfen das Wort »Allah« auf den Boden schreiben. Der Sufismus arbeitet dabei mit dem langen Anhaltenkönnen des Atems und mit der körperlichen Erschöpfung, wie sie z. B. der Derwisch-Orden durch ekstatische Wirbeltänze herbeiführt. - Auch die verschiedensten Sekten der Religionen und die Misch-Masch-Religionen wie Theosophie, Anthroposophie und die gesamte New-Age-Bewegung enthalten den Yoga in der ein oder anderen Form als Meditationsübung.
Man kennt die yogische Meditation aber auch in nichtreligiöser Form. Dabei ist das Ziel dann die Selbstbeeinflussung in einer gewünschten Hinsicht. (Daß der Mensch in der Trance höchst suggestibel, d. h. beeinflußbar ist, weiß man von der Hypnose.) Das Autogene Training ist eine weitverbreitete, nichtreligiöse Meditationsform, die auf selbsteingeredeten Suggestionen beruht: eine Selbstentspannungsübung, die der Berliner Neurologe Johannes Heinrich Schultz in den 1920er Jahren entwickelte. Der Übende soll sich in ruhiger Umgebung, mit geschlossenen Augen, in bequemer Körperhaltung wiederholt Selbstbefehle erteilen. Dabei suggeriert er sich zunächst Schwere-, Wärme- und Kälteempfinden in einzelnen Gliedmaßen, um dann über Farbkreisen und Ringen zu meditieren. Ziel der Übung ist die Beeinflussung körperlicher und seelischer Funktionen.. Erst kürzlich las man in der Zeitung, daß »Meditation« nachweislich das Herzinfarktrisiko senkt. Forscher in Los Angeles belegten dies mit einer Studie: 60 Patienten mit Bluthochdruck ließ man ein halbes Jahr spirituelle Übungen machen und nach einiger Zeit normalsierte sich ihr Blutdruck. - Nichts gegen derartige gesundheitliche Erfolge. Jedoch, man fühlt sich an die Steinzeit erinnert: Die Rückkehr der Medizinmännern, die durch Besprechung Krankheiten heilen und somit gleichzeitig den Glauben an geheimnisvolle Mächte fördern. Die Ärzte fragen nicht nach Risiken und Nebenwirkungen, kennen sie vermutlich auch genauso wenig, wie ihre ahnungslosen Patienten.
Die Frage, wie man sich in der Trance eigentlich fühlt, beantwortet uns der Chefarzt eines Hypnosekrankenhauses, der mit der nun folgenden Beschreibung seinen Lesern eigentlich die Vorbehalte gegenüber der Hypnose nehmen will (Fragen Sie sich selbst, ob Sie das gern erleben möchten.): »Während der tiefen Entspannung kommt es gelegentlich vor, daß man intensive Hitze, eisige Kälte oder ein Brennen verspürt. In Teilen des Körpers kann ein Kribbeln oder sogar zeitweilig Empfindungslosigkeit auftreten oder ein Vibrieren, das durch den ganzen Körper oder durch den Kopf geht. Häufig sind das angenehme Empfindungen. Gelegentlich sind sie beunruhigend, als `passiere ein elektrischer Strom den Körper oder als habe man ein `Stahlband´ um den Kopf oder als fühle man eine plötzliche Verhärtung in bestimmten Teilen des Körpers. Zuweilen schwitzen die entspannten Menschen stark, frösteln oder zittern. Wenn die Spannungsabfuhr besonders aktiv ist, kann man Herzklopfen haben oder sehr schnell atmen. (...) Wer sich im Zustand höchster Entspannung befindet, kann auch noch andere Erfahrungen machen. Er kann den Eindruck haben, als röche er einen bestimmten Geruch... In diesem Zustand können Gerüche - angenehme, unangenehme oder neutrale - überraschend real sein. Ebenso kann der tief entspannte Mensch lebhafte Geschmacksempfindungen haben (...) Während der tiefen Entspannung kann sich auch die Vorstellung vom eigenen Körper ändern; man kann das Gefühl haben als seien die Hände zu groß oder der Kopf sei ein aufgeblasener Ballon. Man kann sogar die Empfindung verspüren, als seien die Beine, Arme oder der Kopf abgetrennt oder als habe man gar keinen Leib. Man kann sich auch als unglaublich winzig erfahren. Derartige Empfindungen werden häufig als angenehme Reize aufgefaßt. Andererseits kann der entspannte Mensch vorübergehend auch Beschwerden bekommen, wie Schmerzen, Kopfschmerzen z.B., ein Stechen im Zeh, im Finger oder anderswo. Er kann plötzlich das Empfinden haben, sein Hals sei entzündet. Die Speicheldrüsenfunktion kann so angeregt sein, daß er unaufhörlich schlucken muß. Sein Mund kann trocken werden, seine Nase laufen oder er muß niesen und husten. Einige Seufzen, ohne es zu wollen, gähnen wiederholt oder machen automatische Saugbewegungen mit den Lippen oder ihr Magen knurrt. In seltenen Fällen extremer Spannungsabfuhr geschieht es, daß einzelne Brechreiz oder starken Harndrang verspüren. - Der sich entspannende Mensch kann vielleicht auch leichte Muskelzuckungen oder ungewollte Bewegungen bei sich feststellen oder kann alle möglichen faszinierenden Bilder `sehen`. Er kann innere Geräusche hören, ein Summen im Kopf, ein Sausen, Surren oder Klingen. Häufig werden diese Geräusche als schön empfunden, so als zirpten tausend Grillen.«12) - Nun versteht man wohl, wie viele Gründe die indischen Yogi fanden, solcherlei für sie unerklärlichen Vorgänge religiös zu deuten. All diese Trance-Empfindungen sind ja in die Yoga-Systeme eingebaut: die innere Hitze, das Summen im Kopf, die Bilder usw. Es wundert nun auch nicht mehr, warum manche Yogis behaupteten, sie könnten schweben oder fliegen, wie das z. B. die Anhänger der »Transzendentalen Meditation« von sich glauben machen wollen.
(wird fortgesetzt)