Von Gunther Duda
Das derzeitige heillose Durcheinander um den Begriff Leitkultur ließ trotzdem - oder gerade deswegen - manch einen nachdenklichen Zeitgenossen zu auffallenden Aussagen kommen. Offensichtlich weckte dieser geistlose Notstand Einsichten, selbst dort, wo man sie kaum vermutete Es sind teilweise verblüffende Feststellungen, die zu Ende gedacht, die bisher eifrig gehegte Weltbilder fragwürdig machen könnten. Ein treffliches Beispiel hierfür bietet das Beiblatt der »Die Zeit« vom 23.11.2000, ein Blatt, das ja nicht gerade als rechts gilt. Hier stellten nämlich Jan Ross' »Anmerkungen zum Nationalismus als globaler Leitkultur« wohl nicht gerade erfreut fest:
»Aus dem Schiffbruch der Ideologien ist die Vergötzung des eigenen Volkes überraschend heil davongekommen.«
Der Aufruhr um den Begriff »Leitkultur«, sei sie nun deutsch, europäisch, christlich oder jüdisch, scheint auch ihn herausgefordert zu haben. Jedenfalls empfindet er es ebenfalls als ärgerlich, daß Freunde wie Feinde es sich hier zu leicht machten. Die Leitkulturanführer heuchelten, wenn sie ihrem Schlagwort nachträglich einen vollkommen harmlosen, aufgeklärten Sinn geben und lediglich Sprachkenntnis und Rechtsgehorsam darunter verstanden wissen wollen. Bemerkenswert, weil Tatsächlichkeit richtig geahnt wird, nun seine Begründung:
»Ihre Kraft zieht die Parole aus anderen, nicht ganz so taghellen Zonen - aus dem schon etwas dämmerigen Reich konkurrierender Werte' oder, noch dunkler, aus gleichsam verhaltensbiologischen Aversionen (Abneigungen) gegen Fremdheitssignale... Daher ist es freilich auch töricht, wenn die Gegenseite das Thema als folkloristische Marotte abtut, nach der Art von Joschka Fischers Frage, ob Entenhausen nun zur deutschen oder zur amerikanischen Leitkultur zähle. Es geht nicht um Gartenzwerge mit Pickelhaube, die Sauerkraut und Eisbein essen. Es geht um kollektive Selbstbehauptungsbedürfnisse, die ebenso tief ins Unterbewußtsein hinabreichen wie weit über die deutschen Grenzen hinaus.«
Seelenkundlich hat Jan Ross hier Tatsächlichkeit erfaßt und das im Gegensatz zur spottenden Wirklichkeitsfremdheit. Er nennt zu Recht die unterbewußte Seelenstufe des Menschen und seiner Gemeinschaften ein »dämmeriges Reich«. Er spricht von einem (angeborenen) Verhalten im Sinne der Selbstbehauptung und ihrer Abgrenzung. Außerdem ahnt er unbestimmt mit ihr verwobene Werte. Deshalb weiß er auch wie töricht (und volksvergessen) der Hohn mittels dem englischen Wort Folklore ist. Folklore bedeutet »Wissen des Volkes«, heißt Volksüberlieferung wie Lied, Tracht, Brauchtum, Volkskunst. Diese zutreffende Beobachtungen und Erfahrungen sind jedoch zu wenig geortet. Zum richtigen Verständnis wäre es nötig, den herrschenden vordergründigen Nationalismus - den Ismus gewaltbereiter und geistloser Schreihälse wie der SA der dreißiger Jahre - von einem durch die jeweiligen Gemüts- oder Erbwerte des Unterbewußtseins oder der Volksseele voll getragenen Volksbewußtsein zu unterscheiden.
Die Bildung neuer Nationalstaaten durch den Selbsterhaltungswillen der Völker ist ein weltweiter und - völkerpsychologisch gesehen - folgerichtiger Vorgang. Dieses bedeutsame Geschehen kann als »globale« Antwort auf die wirklichkeitsfernen, also ideologischen Absichten, einen Welteinheitsstaat errichten zu wollen, bewertet werden. »Schiffbruch«, sagt Roß! Deshalb kämpfen die Palästinenser (und Israelis) erbittert für einen eigenen souveränen Nationalstaat und deshalb scheiterte sogar der Einwelt-Krieg gegen Jugoslawien an der Kraft seiner Völkerschaften. Ein multiethnischer Kosovo wurde zum Hirngespinst. Auch in Bosnien entschieden sich die verschiedenen Landesteile bei den Wahlen überwiegend für ihre eigenen Volksgruppenparteien. Und Serbien? Nun, es bleibt mehr denn je serbisch.
Die »Allgegenwart des Nationalismus in der Welt des beginnenden 21. Jahrhunderts ist erstaunlich. Die Standardbefürchtung für das Schicksal der Türken lautet, daß sie den Islamisten in die Hände fallen könnte; aber was das Land derzeit zu einem schwierigen Partner macht, ist ein höchst reizbarer, ganz diesseitiger Nationalismus.« Selbst China vereinigte sich nach dem Bombenangriff auf seine Botschaft in Belgrad »zu einem einzigen gedemütigten und zornigen Volk«. »Das japanische Auftrumpfen in den achtziger Jahren hatte unverkennbare nationalistische Züge, das amerikanische heute ebenfalls; trotz des missionarischen Anspruchs, eine Universalzivilisation zu vertreten.«
Auch Polen, Ungarn, Tschechien, die Slowakei Kroatien, Slowenien, Mazedonien, Litauen, Estland, Lettland und die Ukraine wurden frei. »Und auch im Westen spricht fast niemand mehr von einem europäischen Bundesstaat. Die Nationen werden bleiben, und zwar nicht als Traditionsvereine oder Freilichtmuseen, sondern als maßgebliche politische Instanzen und Akteure.«
Natürlich gibt es neben dem Nationalbewußtsein weitere Identitätsbestrebungen und Abgrenzungsforderungen, die ihm teilweise widersprechen: Beispielsweise die der islamischen »Umah« oder die »Asiatischen Werte«. »Aber wie auch immer die identitätsstiftenden Clubs und ihre Satzungen beschaffen sein mögen - der Klassiker unter ihnen, der Prototyp, das Modell ist die Nation, als Inbegriff einer geschichts-, Sitten-, Sprachgemeinschaft, in die man hineingeboren wird.«
Die Integrations-Unpolitik Brüssels, ja, sie dürfte »in ungewisser Zukunft« liegen: Aus dem »Schiffbruch der Ideologien« erwächst tatsächlich überall sichtbar neues Nationalbewußtsein. Diesem »dämmerigen Reich« mit seinen »Aversionen gegen Fremdheitssignale« drohen jedoch ernste Gefahren. Jan Roß sieht sie zu Recht in der »Vergötzung des eigenen Volkes«. Verantwortlich z. . für solchen rassistischen Auserwähltheitsdünkel ist dann jedoch nicht das Erbgut, sondern der Mißbrauch des volkhaften »Selbstbehauptungsbedürfnisses«. Ihm kann deshalb wenig gesteuert werden, weil das philosophische Wissen über die transzendenten Willenskräfte und Erbwerte des Unterbewußtseins (noch) fehlt. Dieser aufwuchernde Ismus wird gleich dem menschenmißachtenden Globalismus der Feind des eigenen Volkes und der fremden Völker. Er wird, wie Erich Ludendorff 1932 in seiner »Volkswarte« warnte, »zum Grab der Freiheit jeden Volkes«.
In seinen Anmerkungen spricht Jan Ross, wie gesagt, von einer »Vergötzung des eigenen Volkes«, aber ebenso von der »verbreiteten Unterschätzung des Nationalismus«. Auch das ist Wirklichkeit. Solche ambivalente Wertung des »dämmerig«-unterbwußten Fühlens und Wollens durch die hier notgedrungen irrende Vernunft entstammt nämlich dem Bewußtsein. Vergötzung wie Unterschätzung und nicht minder die verbreitete Verteufelung des Volksbewußtseins sind Früchte solch fehlgeleiteten Liebens und Hassens. Sie entstehen, weil das Wesen der Völker unterbewußt wirkt. Es beeinflußt nur dann das Bewußtsein, - fast unbemerkt - wenn entsprechende transzendente Werte erlebt oder die Selbstbehauptungsbestrebungen des »Kollektivs«: Volk betroffen werden. Beispielsweise beim »Sturz der kommunistischen Herrschaft und beim Zerfall des sowjetischen Imperiums... (als) das nationale Motiv eine so große Rolle spielte«.
Diese Unterbewußtheit ist es auch, die die unersetzliche, weil werterhaltende Aufgabe der mannigfaltigen Völker der Welt für die Welt- und Kulturgeschichte verkennen läßt. Das geschieht dann, wenn sogar ein durch die Gemütswerte geklärtes Volksbewußtsein als extremistisch verdammt wird. Der Kritik am oben gekennzeichneten Nationalismus muß dagegen zustimmen:
»Der Grund für die verbreitete Unterschätzung des Nationalismus ist in Wahrheit zugleich der Grund seiner Stärke. Der Nationalismus ist intellektuell anspruchslos, inhaltsleer, ohne Idee. Die Großideologien des 20. Jahrhunderts waren Glaubenslehren, der Kommunismus sowieso, aber auch die Nazis hegten parareligiöse Welterlösungsgedanken. Zum Nationalismus dagegen braucht es keinen Glauben. Nicht weil es für etwas steht, gilt dem Nationalisten sein Volk als das Höchste, sondern einfach, weil es da ist und er dazugehört. Diese Leugnung bewußter Wahl steckt hinter den Natur- und Familienmetaphern, die für die nationalistische Rhetorik so typisch sind - die Rede vom Blut, von der Muttererde, von den Volksangehörigen als Brüdern und Schwestern.
Daß der Nationalismus ohne Glauben auskommt, bedeutet keineswegs, daß er sich nicht religiöse Attribute zuzulegen oder mit der Religion zu verbünden vermöchte. Er kann sich im Gegenteil, das ist sein Erfolgsgeheimnis, überall anhängen und alles in seinen Kreis ziehen, er kann Konfessionsgegensätze oder soziale Spannungen völkisch einfärben und aufladen, er kann ein deutsches Christentum' kreieren oder einen Nationalbolschewismus. Der Nationalismus ist das Chamäleon unter den Weltanschauungen, ein Wunderwerk an unheimlicher Flexibilität, ein global markgängiges Produkt, das in jedem Klima und an jeder Stelle des Erdballs seine Dienste tut. Gebrauchsanleitungen in der jeweiligen Landessprache sind rasch hergestellt.
Der unideologische Charakter diese Ideologie macht ihre besondere Anziehungskraft in einem nachideologischen Zeitalter aus. Spät- und postkommunistischen Regime, denen die alte Legitimation verloren gegangen ist, bietet der Nationalismus eine bequeme Rückzugsposition. Aber auch die Völker selbst, die gebrannten Kinder der Glaubenskriege des 20. Jahrhunderts, können sich hier einer politischen Passion ergeben, zu der es keiner neuerlichen Gesinnungsanstrengung bedarf. Der brandenburgische Skinhead, der stolz darauf ist, ein Deutscher zu sein, beruft sich damit nicht nur, wie die sozialarbeiterhafte Deutung lautet, auf den einzigen Vorzug, der ihn in seiner sonstigen Misere auszeichnen mag. Er gibt vor allem auch ein Bekenntnis zu Protokoll, das ihm keine Überzeugung abverlangt.
Die Leitkulturwächter halten die Frage Was ist deutsch?' und überhaupt das gesamte Herkunfts- und Landessittengetös für anachronistisch. So einfach ist es nicht. Der Nationalismus und die ganze Palette der Wir-Gefühle, die sich an seinem Muster orientieren, sind durchaus modern, die zeitgemäßen Restleidenschaften einer ideologisch desillusionierten Epoche. Von Vorgestrigkeit kann keine Rede sein. Nur macht das die Sache nicht unbedingt besser.«
Die Völker leben heute in einer Umbruchszeit. Sie ringen um ihre Standortbestimmung, ihre Freiheit, ihre Selbstbehauptung. Was ihnen fehlt, das ist das notwendige Grundlagenwissen. Dies aber liegt seit beinahe acht Jahrzehnten in der Gotterkenntnis Ludendorff bereit. Man wage sie zu prüfen!