Zur Klärung philosophischer, religiöser und seelenkundlicher Grundbegriffe

(Fortsetzung und Schluß)

Von Dr. Gunther Duda

Mystik

Das Wort leitet sich nach dem Theologen Rudolf Otto (1869-1937) wahrscheinlich von einem Stamm ab, der im Sanskrit mus noch erhalten ist. Mus heißt »Verborgenes, Verstecktes geheim treiben«. Das griechische mystikos oder myein bedeutet »geheimnisvoll«, »die Augen schließen«, um alle sinnliche Wahrnehmung auszuschließen. Ursprünglich war es der Name für Geheimverbände und religiöse Geheimgruppen, in die nur Auserwählte eingeweiht wurden. Später hieß Mystik das Bestreben, »Übersinnliches« durch Abkehr von der Sinnenwelt und »Versenkung in die Tiefe des eigenen Seins (Meditation) zu erfassen und durch das Aufgeben des eigenen Bewußtseins in Gott mit diesem eins zu werden«. Durch eigenartige innere Erfahrungen, nicht durch die Wahrnehmung oder das Denken soll »Übersinnliches« und »Göttliches« erfaßt und eine »innere Gottvereinigung« erzielt werden.

Die Mystik ist in den verschiedensten Formen weltweit verbreitet: In China im Taoismus, in Indien im Buddhismus, im Islam als Sufismus, im alten Griechenland in den ekstatischen Kulten des Dionysos/Bacchus, der Demeter in Eleusis, des Mithras, der Isis, der Vorläuferin der biblischen Maria und in Europa bei J. Böhme, Bonaventura, Eckehart, Angelus Silesius. Die Kabbala gilt als jüdische Mystik...

Hoffmeister faßt Mystik im engeren Sinne zusammen als »die durch kultische Handlungen und ihnen entsprechende seelische Erlebnisse erstrebte und erreichte Berührung mit dem Göttlichen. Zu den kultischen Mitteln, mit denen diese Vereinigung mit der Gottheit erreicht wird, gehören die heiligen Mahlzeiten mit ihrem Essen und Trinken der göttlichen Substanz, die heilige Hochzeit (hierós gámos), in der die Gottheit als der ‚Seelenbräutigam' erscheint; auch die Verwendung von Erregungs- und Berauschungsmitteln, von Musik und Tanz kann dem Wunsch nach Erreichung der Ekstase dienen. Der edlere, seelische Weg zur Herbeiführung mystischen Erlebens ist die Übung in Askese, Kontemplation und Meditation. Zur Weltanschauung wird die Mystik dadurch, daß in ihr die Stellung des Menschen zur Welt in derselben Weise wie die zur Gottheit eine besondere wird. Der Mensch wird sich der Einheit seines Wesens mit dem der Welt bewußt, er hebt die Spaltung in Subjekt und Objekt auf. Das göttliche Wesen, das die Welt als deren Geist und Leben durchströmt, lebt und offenbart sich auch im Menschen als ein Glied des großen Gesamtorganismus der Welt. Nicht mehr er lebt, denkt, will, handelt, sondern Gott als das Leben der Welt lebt, denkt, will, handelt in ihm und durch ihn. Die ‚Erleuchtung' des Mystikers tritt in dem Augenblick ein, wo er dieses erkennt und damit sein Leben in Gott und Gott sein Leben in ihm beginnt. Dies führt zur mystischen Metaphysik, in der das Geheimnis des Zusammenhanges von Gott, Mensch und Welt aus unmittelbarem religiösen Erleben heraus erschaut und in Bildern und Symbolen dargestellt wird...

Die von dem Mystiker erstrebte und erreichte Eingliederung des eigenen Selbst in den Weltprozeß und das göttliche Weltleben fordert von ihm, sich dem in ihm wirkenden Willen nicht entgegenzustemmen, sondern sich ihm hinzugeben und ihn in sich wirken zu lassen. Nicht das persönliche Wollen, Handeln und Streben führt zur Vollendung, sondern das wesentliche Sein, das Ruhen in Gott und in seinem Willen.«

Diese Mystik löst also durch bewußtseinseinengende oder bewußtseinsausschaltende Verfahren die schon erwähnten ungewohnten »Erfahrungen« aus. Eingebettet in Heilslehren gleich welcher Art, werden diese als »unmittelbar göttlich« oder als »Einswerden« mit einem persönlich gedachten Gott oder anderen übersinnliche Kräften mißdeutet und gepflegt. In solche Zustände können Bewußtseinsinhalte aber auch solche der Übergangszone zum Unterbewußtsein mit ihren abgeklungenen Erlebnissen und ererbten Eigenschaften einfließen. Die jenseitigen Werte des Rasseerbgutes lassen sich dagegen durch solches »Entrücktsein«, z. B. mittels buddhistischer Om-Silben oder christlicher Versenkung vor dem Gekreuzigten, nicht bewußt machen. Dem unterbewußten Mitklingen fehlt das weckende Wacherleben. Ähnlich wie die Hypnose das Bewußtsein im Großhirn offensichtlich über Botenstoffe für Schmerzwahrnehmungen ausschalten kann, so auch hier un- und unterbewußte Einflüsse. Schöpferische Leistungen durch ekstatische Zustände sind m. W. nicht bekannt geworden. Ausnahmen müßten im Einzelfall geprüft werden. Künstlerische Fähigkeiten im hypnotischen Zustand der Unterbewußtheit dürften durch den Hypnotiseur erweckt worden sein.

Gott, das Wesen der Schöpfung, kann nur spontan erlebt werden. Kunstgriffe erzeugen bloß Scheingotterleben.

Die Deutsche Mystik

Auch sie wurzelt in diesem mystischen Erleben der »Vereinigung der Seele mit Gott« und einer grüblerischen christlichen Weltdeutung. In Meister Eckehart (um 1260-1327) erreichte sie ihren ersten Höhepunkt. Ihm folgten Jakob Böhme (1575-1624), Angelus Silesius (1624-1677) und in der Romantik Franz v. Baader (1765-1677). Die Mystik stand von Anbeginn an mit der altchristlichen und diese wiederum mit dem Neuplatonismus und der Gnosis (»Gotteserkenntnis« und Erlösungsgläubigkeit durch mythische Spekulationen des 2. Jahrhunderts) in Zusammenhang.

Meister Eckhart lehrte, allein die »Abgeschiedenheit«, und das »kein Gesicht haben auf die Geschaffenheit« könne »Gott erkennen«. Dadurch erst werde es dem »Eigentlichen im Menschen«, dem »Innersten der Seele«, dem »Licht des Geistes« möglich, zum Vorschein zu kommen.

»Gott liegt verborgen in dem Grund der Seele.« Wer zur »vollkommenen Abgeschiedenheit« gelangt, der kommt in der Tat »in die Nähe Gottes«. »Gott und ich, wir sind eins.« »Eine solche... Einung mit Gott ist freilich nur möglich im völligen Untergang des Ichs; aber dieser ist keine absolute Vernichtung, sondern ein Untergang in Gott; die Seele wird zunichte, die in der Gottheit begraben wird.«

Weischedel schreibt hierzu:

»Wie dies freilich geschehen kann, läßt sich nicht mehr begreifen. Die Seele ‚empfindet wohl, daß es ist, weiß aber nicht, wie und was es ist'; der Mensch ‚muß arm sein, alles seines eigenen Wissens, als der da kein Ding weiß, weder Gott noch Kreatur noch sich selber.' Hier bleibt also nur das ‚Unwissen', das ‚unerkannte Erkennen'. Aber ‚wiewohl es doch ein Unwissen heißen mag und eine Unerkanntheit, so hat es doch mehr in sich als alles Wissen und Erkennen außerhalb seiner'; es ist sogar die ‚oberste Vollkommenheit' der Seele. Denn dieses Nichtwissen ist das eigentliche Wissen von Gott. ‚Vom Wissen soll man kommen in ein Unwissen, und dann wird unser Unwissen mit dem übernatürlichen Wissen geadelt und geziert'«.

Über das »Wesen Gottes« lehrt Eckhart:

»Gott ist der Ursprung aller Dinge«, »alle Dinge... sind Gott selber... Alle Kreaturen sind ein Sprecher Gottes... Alle Kreaturen möchten Gott nachsprechen in allen ihren Werken... Gottes Wesen ist mein Leben. Ist mein Leben Gottes Wesen, so muß das Sein Gottes meines sein und Gottes Wesenheit meine Wesenheit; der Mensch ist Gott in Gott«.

Noch einmal Weisschedel:

»Die Philosophische Theologie Eckarts gelangt so dahin, daß sie - ganz im Sinne der negativen Theologie des Dionysos Areopagita (5. Jh.), auf den sich Eckhart häufig beruft - von der ‚Unerkanntheit der verborgenen Gottheit', von der ‚verborgenen Finsternis der ewigen Verborgenheit' redet. ‚Gott ist namenlos, denn von ihm kann niemand etwas sagen noch verstehen; was man von ihm nicht sagt, das ist er eigentlicher, als was man sagt, daß er sei.' Ja, das Denken, das das Äußerste erfassen will, muß auch noch über den Begriff Gottes hinausdringen. Denn Gott ist ‚ein überschwebendes Wesen und eine überwesende Nichtigkeit'.«

Um Gott zu erkennen muß man »,Gottes ledig werden'. ‚Wenn du Gott liebst, wie er Gott ist, wie er Geist ist, wie er Person ist, wie er Bild ist, - es muß alles weg... Du sollst ihn lieben, wie er ist: ein Nichtgott, ein Nichtgeist, eine Nichtperson, ein Nichtbild; mehr noch: wie er ein lauteres, reines, klares Eines ist, gesondert von aller Zweiheit, und in diesem Einen sollen wir ewiglich versinken von Nichts zu Nichts'.«

 »Hier ist«, so der Kritiker, »‚die Abgeschiedenheit in ihre äußerste Möglichkeit gelangt; denn das Höchste und das Nächste, was der Mensch lassen kann, das ist, daß er Gott lasse wegen Gott'.«

Eckharts suggerierendes Grübeln über eigene wie fremde mystische Erlebnisse sind hier klar faßbar. Der mit der Gotterkenntnis Ludendorff Vertraute, weiß, daß »Untergang des Ichs«, d. h. die selbsthypnotische Ausschaltung des Bewußtseins, nichts anderes als Trance bedeutet. »Abgeschiedenheit«, »kein Gesichthaben auf die Geschaffenheit« und »Unwissenheit«, führen keineswegs zu Gott. Diese Weltflucht will die Bewußtseinsfähigkeiten Wahrnehmen und Denken, wenn nicht sogar das Wollen, als sündhaft ausschalten, um zur Erlösung zu gelangen.

Einige aus der Philosophie bekannte Worte und bestechende Ausführungen bergen sogar die Gefahr, hier etwas heraus zu lesen, was gar nicht darin steht, weil ein Jenseitserleben nicht die Feder führte. Zur Frage durchaus möglicher »Strahlen der Einsicht« in der Mystik Eckharts wären jedoch eigene Untersuchungen nötig.

Mathilde Ludendorff nennt Eckhart in ihrem Werk m. W. nur ein einziges Mal. Nämlich bei der bis heute fortschreitenden Anpassung des Bibelglaubens an die Umwelt. Sie besteht darin: »gewisse Vorstellungen, die im Einklang mit dem Rasseerbgut stehen, obschon sie eine vereinzelte und gänzlich untergeordnete Rolle in dem angenommenen Glauben spielen, aus dem Zusammenhang herauszugreifen, sie allein als Glaubensüberzeugung zu lehren, ihren Inhalt durch Zutat eigenen Geistes zu bereichern und zu vertiefen und so allmählich eine völlige Umdichtung der angenommenen Lehre im Sinne des Rasseerbgutes vorzunehmen. Von dem Tag an, als die letzten Hinrichtungen der Germanen, die die Taufe verweigerten, erfolgt waren, begann in unserem Volk dieser Weg und führte zu einem artanderen Glauben (z. B. der des Mystikers Eckehart), als er in der Quelle, in der Bibel, überhaupt erwähnt ist.«

Ekstase und Vision

Auch diese Bezeichnungen sind griechisches Erbe. Sie orten sich durch ihren Sinn wie das »Heraustreten«, das »Aussichherausgesetztsein«, das »Außersichsein«, die »Erhebung über sich selbst«. Als bedeutungsgleich gelten Trance, Verzückung, Entrücktheit. Die Lehre der Geisteskrankheiten und Geistesstörungen bezeichnet Ekstase nüchtern als einen vom Gesunden abweichenden Bewußtseinszustand, in dem die Grenzen der persönlichen Eigenart (Individualität) aufgehoben scheinen. Sie ist eine traumhafte Entrückung in eine andere Welt, in Vorstellungen von religiöser oder unnatürlicher Art. Ekstase spielt im religiösen Erlebnis eine grundlegende Rolle und wird als »höchste Aufgipfelung des Lebensgefühls« im Gegensatz zur Angst erfahren. Hoffmeister nennt weiter ein völliges Verlöschen des Gegenstandsbewußtseins und den Abbau der Ichkräfte. Das buddhistische Nirwana vereint mit Brahman und der griechische Enthusiasmus erfüllt mit göttlichem Geist.

Durch Kunstgriffe wie Askese (streng enthaltsame Lebensweise, Bußübungen), Fasten, Musik, meditativen Tanz, Alkohol und Tabak könne »die Seele (ebenfalls) vom Körper« gelöst und Verbindung zum »Übersinnlichen« oder seine Aneignung erreicht werden. In den Religionskulten dienten »Heilige Drogen« wie Haschisch, Peyotl, Opium, später LSD und andere moderne Gifte schon sehr früh dazu, Ekstasen, Visionen, Träume und rauschartige Zustände hervorzurufen. Visionen und Halluzinationen sind Trugwahrnehmungen. Das »Auge des Geistes« sieht Gesichte, z. B. leuchtende Gestalten, »Gott«, Christus, Maria, Engel, Teufel und szenische Abläufe, denen meist religiöse Bedeutung zugerechnet wird.

Religion, Philosophie und Religionsphilosophie bei M. Ludendorff

Wir können voraussetzen, daß die Philosophin bei ihrer Wortwahl keineswegs philosophische Fachwerke nachschlug. Ihr Werk entstand aus Wesensschau und Wissen. Es zeigt in seinem Werden von 1920 bis 1962 eine wachsende Vertiefung ihrer Gotteinsicht. Diese ging mit einer immer klareren und eigenständigeren Sprache einher. Sie war sich dabei bewußt, daß auch »die Wortgestaltung das religiöse Erleben ihres Schöpfers in Klarheit und Fülle wiedergeben muß«, um »dem göttlichen Wollen im Menschen eine gewaltige Kraft« zu verleihen, d. h. »Brücke des ‚Jenseits' werden zu können (Triumph des Unsterblichkeitwillens, S. 96f.). Auch vor dem »von Wahn überschattete(n) Wort« Gott warnte sie.

Die Vertiefung ihrer Sprache zeigt der Vergleich der folgenden Sätze aus der ersten und letzten Auflage ihres Erstlingswerkes: »Triumph des Unsterblichkeitwillens«.

Hieß es 1921:
»... und die Religion, die sich auf einer ganz neuen Basis des Todbegreifens aufbaut, ist nicht nur eine neue Form oder neue Stufe der Vergeistigung, sondern eine auf prinzipiell neuer Basis aufgebaute Religion der Zukunft,«

sodann 1936:
»... und die Erkenntnis, die sich auf einer ganz neuen Grundlage des Todesbegreifens aufbaut, ist nicht nur eine neue Form oder neue Stufe der Vergeistigung, sondern eine grundsätzlich andere, die Gotterkenntnis der Zukunft.«

Gerade weil M. Ludendorff sich von vornherein voll bewußt war, daß ihre »Synthese naturwissenschaftlicher Tatsachen und... philosophischer Erkenntnisse... zu einem wunderbaren Erkennen geführt (hatte), zu einer Gotterkenntnis nicht nur dem Namen, sondern dem Inhalt nach«, behielt sie zunächst auch den herrschenden Begriff »Religion« bei. Damit sagte sie nur, grundsätzlich Neues geschaffen zu haben. Und zwar auf dem den Völkern heiligsten Gebiete, das herkömmlich nun einmal »Religion« hieß, also »Beziehung zum Göttlichen«.

Jahre später, 1927, schrieb Mathilde Ludendorff in ihrer »religionpsychologischen Schrift« (H. Kopp) »Deutscher Gottglaube« zur »Eigenart deutschen Gotterlebens«:

»Das Wort Religion ist ein Fremdwort; wir haben dafür kein deutsches und zwar aus einem sehr ernsten Grunde. Es heißt Bindung mit dem ,Ding an sich', mit Gott, und wir Deutschen kennen nach der Art unseres Blutes weder eine Bindung, noch einen Bund, noch mehrere Bünde mit Gott wie andere Rassen. Wir kennen nur Gotterleben und Gottweisheit und den aus diesen geborenen Gottglauben. Der aber wird in allen Geschlechtern unserer Rasse alle Jahrtausende hindurch artverwandt sein, denn er wird als heiliges Erbgut mit uns geboren. Er steigt als Gottahnen im Bewußtsein des einzelnen auf und jeder Deutsche muß ihn sich erwerben, um ihn zu besitzen. Ein gleiches Gesetz herrscht in jeder Rasse.«

Im Vorwort der Neuauflage von 1930 spricht sie dann ausdrücklich und mehrfach von ihrer »Gesamterkenntnis«, die sie »in ihren religionsphilosophischen Werken niedergelegt hat«. Im gleichen Jahr nannte sich M. Ludendorff in ihrem Schriftsatz gegen die Anklage des »Religionsvergehens« als eine »positiv gottgläubige Religionsphilosophin«.

Einen weiteren Beleg für die Verwendung des Begriffs »Religionsphilosophie« - Philosophie des Lebensbereiches bisher der Religion - gibt auch ihre zweite der sieben »Thesen der Gotterkenntnis« von 1947:

»Da behördlicherseits behauptet wurde, meine Werke gäben keine Religion, sondern Philosophie, und sie könnte nicht als Religion gelten, da Religion den Glauben an ein Weiterleben im Jenseits und den Glauben an eine Verantwortung nach dem Tode lehren müsse, stelle ich solcher Begriffswandlung und Einengung die folgenden Thesen entgegen:

1. Religion bedeutet seit Jahrhunderten in der Wissenschaft und im praktischen Gebrauche Beziehung oder Bindung zum Göttlichen.

2. Viele religiöse Lehren wurden von einzelnen Menschen gegeben oder aber von vielen Generationen allmählich auf- und ausgebaut. Manche religiöse Lehren erachten die Gründer als Gottessohn und ihre Lehre als unantastbare Gottoffenbarung. Andere religiöse Lehren wurden auf philosophischem Wege, d. h. unter Verwertung der beiden Erkenntniswege des Menschen, nämlich des Gottahnens und Gotterleben der Seele einerseits und der Vernunfterkenntnis der Erscheinungswelt andererseits, gewonnen. Sie heißen mit Recht Religionsphilosophien. Zu ihnen gehört die Gotterkenntnis meiner Werke. Sie gibt den Menschen Gotteinsicht, zeigt ihm den göttlichen Sinn des Menschenlebens, des Todesmuß und der eingeborenen Unvollkommenheit, sie enthüllt aber auch die Gesetze des Werdens des Weltalls und die Seelengesetze...

Philosophie erfaßt die Wirklichkeit dem Wesen nach, während die Naturwissenschaft sie der Erscheinung nach erfaßt.«

Auch 1949, und zwar in den »Mitteilungen aus dem religiösen Leben« 9/1949, S. 1, schrieb die Philosophin von der »aus unserer religiösen Weltanschauung geborenen Überzeugung« und Erich Ludendorff im 2. Band seiner Lebenserinnerungen (S. 123), von den »in den religionsphilosophischen Werken meiner Frau gegebenen richtigen Grundlagen des völkischen Freiheitskampfes«.

Innerhalb der Ludendorff-Bewegung wurde der fragliche Begriff ebenfalls verwendet. Beispielsweise in der Festschrift von 1957, im Flugblatt des Bundes für Gotterkenntnis um 1960, im Vorwort des Herausgebers des 6. Bandes der Lebenserinnerungen der Philosophin von 1968 oder in den Verlagsanzeigen ihrer Werke 1934.

In dem Beitrag »Die Gotterkenntnis Mathilde Ludendorffs: Religion, Weltanschauung, Philosophie?« in Mensch und Maß 9/1967 betonte auch Franz v. Bebenburg:

Nach der neuen Deutung des Begriffs der Religionsphilosophie - anstelle des heutigen, wonach Religionsphilosophie nur eine philosophische Betrachtung religiöser Glaubenssätze sei - kann hier die Gotterkenntnis durchaus angeführt werden. »Denn sie ist eine philosophisch gewonnene religiöse Erkenntnis, die Gott, die Schöpfung und den Menschen zu einer Gesamtschau verknüpft.«

Anzumerken wäre noch, daß Mathilde Ludendorff fast nur dort von Religionsphilosophie schreibt, wo sie sich an Menschen wendet, die mit ihrer Philosophie überhaupt nicht oder noch zu wenig vertraut waren, dort als, wo das Gebiet der Religion klar betont werden mußte.

Wie ist nun das »Deutschvolk e. V.« bzw. sein Nachfolger, der »Bund für Gotterkenntnis Ludendorff e. V.« einzuordnen? Etwa als Religionsgemeinschaft? Der Bund für Gotterkenntnis Ludendorff e. V. selbst nennt sich in seiner Satzung »Weltanschauungsgemeinschaft im Sinne der Artikel 140 des Grundgesetzes und des Artikels 137 der Verfassung des Deutschen Reiches« von 1919. Er ist keine Religionsgemeinschaft, schon weil die Gotterkenntnis keine Religion, sondern Erkenntnis ist. Auch der Artikel 137 Abs. 7 spricht nur von rechtlicher Gleichstellung und nicht von Gleichheit.

Ergebnis

Das wissenschaftliche Schrifttum führt die Bezeichnung Religionsphilosophie keineswegs einheitlich, doch tatsächlich meist als »Philosophie der Religionen«. Hoffmeister sieht ihren Ursprung außerdem in der »Philosophie der Grundfragen der Religionen« und Hegel nennt Gott einmal als Aufgabe der Religionsphilosophie.

Mathilde Ludendorff verwendet Religionsphilosophie sehr selten, und wenn, dann für das Gesamtwerk der Gotterkenntnis und im schlichten Sinn des Wortes: Philosophisches Erkennen auf dem Lebensbereich, das Religion heißt. Der Name Religion steht bei ihr aber ganz allgemein für Beziehungen zu Gott, unabhängig von herkömmlichem Gehalt und Wortbedeutung. Sie gebrauchte Religionsphilosophie aber fast nur dort, wo es galt, die Umwelt vor dem Irrtum zu bewahren, ihre Gotterkenntnis sei »bloße Philosophie ohne religiösen Bezug«.

Die unterschiedliche umschreibende Wortwahl des Werkes, z. B. für Gott, durch »das Wesen der Dinge«, »das Absolute«, »das Geheimnis«, soll den eigentlichen Gehalt klarer übermitteln und vor Einengung schützen. Hier gilt ebenfalls:

»Die Schöpfungsgeschichte des vergänglichen Einzelwesens ist, soweit sie der philosophischen Schau entstammt, unantastbar (absolut) und für alle Zeiten unerschütterlich. Sofern wir sie mit Tatsachen der Wissenschaft verbanden und in Worte faßten, tritt sie (aber) in das Reich des Antastbaren (Relativen, Bedingten)...«

Die Philosophin begrüßte tatsächlich, wenn selbstverständlich nicht lückenlos, überall echte Wesensschau: in der Edda, den Veden, bei Chinesen, Zoroaster, Griechen, Bach, Beethoven, Schiller, Schleiermacher. Schon im »Triumph des Unsterblichkeitwillens« spricht sie von der »ew'gen, erhabenen Wahrheit im gläubigen Chor der Menschen« oder von »den wahnreichen Mythen, in deren bunten Gesichten das Licht der Erleuchtung sanft erstrahlt oder blitzartig auflodert«. Über die Deutsche Mystik jedoch urteilte sie m. W. derart nirgends. Sie hätte das gewiß getan, wenn sie hier im eigenen Volk »Strahlen der Weisheit« wie anderswo erfaßt hätte. Ihr Nichterwähnen bedeutet jedoch keineswegs, daß Eckhart solche, trotz aller seiner »bunten Gesichte«, nicht kannte.

Mein Überblick der Begriffe aus Philosophie, Seelenkunde und Religion soll nicht nur eine Art »Ortsbestimmung« vermitteln; er will auch aufzeigen, wie klärend Gotterkenntnis hier wirken wird.

Die verschiedenen »Stichworte«, von »Gott« bis zu den krankhaften Bewußtseinszuständen, sollen ebenfalls der Klärung dienen.

Das »Geheimnis«

In ihrem Werk »Das Jenseitsgut der Menschenseele« (I, 1960, S. 8f.) schreibt M. Ludendorff über das »Geheimnis aller aus schöpferischem Erleben geborenen Wortgestaltung«:

»Spontan weckt intuitive Schau das Schaffen, doch es gibt dieses Schauen zunächst nur die Blickrichtung auf Wunder Gottes. Alles was dann im Schaffen der Seele selbst klar enthüllt werden wird, liegt zunächst nur wie ein verheißungsvolles Leuchten über dem umsonnenen Wunder. Im Schaffen selbst erst erwacht das geschaute Geheimnis zu vollster Klarheit, erschließt sich reicher und reicher, offenbart sich tiefer und tiefer. Und je mehr sich die Seele im Schaffen selbst in Gottes Wesen erhob, ward ihr nicht nur die Erkenntnis so sehr befruchtet, ward nicht nur ihr neues Werk zu reichster Enthüllung Gottes, nein, der Standort, den sie in diesem neuen Schaffen erreichte, ward ihr von nun an zur Heimat der Seele für das ganze weitere Leben. Wie sollte da je der unvermeidliche Verlust durch die Wortgestaltung des Werkes oder aber Mißdeutung gottmatter Menschen die Schaffenskraft hemmen, wie sollte nicht das Schaffen zur höchsten Verantwortung und zugleich zur tiefsten Erfüllung des ganzen Lebens werden? ...

Da der Philosoph, der diesen Namen verdient, immer in dem Zusammenhang mit dem Wesen der Schöpfung steht, so fragt, so sinnt und antwortet er auch immer in dem Zusammenhang mit dem Wesen der Schöpfung. Da er ferner bei seinem Schaffen nicht allein das intuitive Schauen des Ichs seiner Seele die Antwort erteilen läßt, sondern die Vernunft stets den Einklang mit allem Wissen über die Gesetze der Erscheinungen melden läßt, so stehen alle seine Werke... in tiefster Verwebung miteinander.«

Dieses »Geheimnis - die göttliche Erleuchtung während des Schaffens« - ist der Ursprung auch ihrer philosophischen Wortwahl und Wortgestaltung. Es ist aber ebenso die Quelle allen Nacherlebens.

Der treffendste Name für die in den Werken Mathilde Ludendorffs gegebene Philosophie ist und bleibt: Gotterkenntnis, »Erkenntnis des Gott erlebenden Ichs«. Die Begriffe Religionsphilosophie oder Erkenntnisphilosophie sind selbstverständlich ebenfalls geeignete Worte, aber ärmer an wesentlichem Gehalt.