Ein eigener Mensch werden - Frauen um Jesus

Kirchliches Bemühen in heutiger Zeit um Schadensbegrenzung

Von Dorothee Warnecke

Die Zeit der Aufklärung und Industrialisierung brach die Vormachtstellung der Kirche, besonders aber ihre Macht über die Frau. Dank Luthers einmalig großer Tat der Übersetzung der Bibel aus dem Lateinischen in unsere Muttersprache und der Gutembergischen Buchdruckerfindung konnte nun jeder selbst lesen und kritisch beurteilen, was in der Bibel geschrieben stand. Wir dürfen nun aber nicht wähnen, daß die Kirche tatenlos zusehen wird, wie ihr die Frauen verloren gehen durch die aus der Bibel herausgelesene Minderbewertung der Frau. Eine der großen Beschönigerinnen der Frauen-Bibel-Texte ist Frau Elisabeth Moltmann-Wendel.

»Frauen um Jesus waren anders. In ihrem neuen Buch (2) zeigt die bedeutendste Frauenpublizistin des deutschen Protestantismus nicht die sündigen Magdalenas, die demütigen, im Verborgenen wirkenden Frauen. Hinter den verstaubten Bildern der Theologie werden Frauen sichtbar - redegewandte, selbständige, eigenwillige Frauen, die Jesus aus traditionellen Rollen herausreißt und belegen diese ursprüngliche, ungewohnte Frauentradition; Bilder von predigenden, schönen, selbstbewußten Frauen. Ein mit Lesetexten, Kommentaren, geschichtlichen Rückblenden didaktisch aufgearbeitetes Lese- und Arbeitsbuch.«

Und so wollen wir uns einmal anhören, was die Theologin Woltmann-Wendel da gefunden hat und wieso »Die Bibel eine in der Welt einzigartige Geschichte von Größe, Souveränität, Weisheit und Mut von Frauen« enthält und sie »vielleicht das interessanteste Buch einer Frauenemanzipation« ist! Und das, obwohl Frau Woltmann-Wendel selbst sagt, daß es vielen Frauen nicht möglich sei, die Bibel als Befreiungsbuch anzusehen, »denn nach ihr schweigt ,das Weib' in der Gemeinde, wird ,selig durch Kinderkriegen', hat den Mann ,verführt' und ,zuerst gesündigt'«, die Bibel werde »als Hauptinstrument der Unterdrückung der Frau'« von vielen Frauen empfunden (1, S. 10). Jedoch, so schreibt sie weiter, habe in den letzten Jahren die Frauenforschung, vor allem in den USA, Erstaunliches zutage gebracht, nämlich das »die Einmaligkeit der Beziehung Jesu zu Frauen und die Einzigartigkeit einer daraus folgenden sozialen Gleichstellung von Mann und Frau in vielen frühen Gemeinden als gesichert angesehen werden kann« (S. 10). Leider erfahren wir nicht wo, wann und wie diese Gleichstellung war. Sie fährt fort: »Die psychoanalytische Forschung hat in Jesu den einzigen ,nicht animosen'1) Mann, den integrierten Menschen (Hanna Wolff) entdeckt, d. h. einen Menschen, der die in jedem Menschen angelegten männlichen und weiblichen Verhaltensweisen integriert und zur Reife gebracht hat. Von daher war er imstande, mit Frauen in absoluter Partnerschaftlichkeit umzugehen«... (S. 11).

Nicht zu übersehende und zu leugnende Tatsachen

Aber zunächst einmal räumt Frau Woltmann-Wendel ein, daß Schwierigkeiten mit den patriarchalischen Traditionen und auch progressiven (fortschrittlichen) Frauengruppen entstehen. Denn:

  1. Enthält die Bibel viele die Frau unterdrückende Aussagen.
  2. Diese frauenfeindliche Einstellung hat das Leben geprägt. »Frauen wurden auf Sexualität und Sünde (Maria Magdalena), auf Küche und Haushalt (Martha), auf Mütterlichkeit (Maria) festgelegt. Die biblischen Frauen wurden ihrer Schönheit, Selbständigkeit und Originalität entkleidet und zum erwünschten christlichen Frauenbild umfunktioniert. Wo dies nicht gelang - wie z. B. bei den politisch handelnden, geschichtemachenden Frauen des Alten Testaments, Debora, Judith, Mirjam - wanderten sie in die Literatur ab und gingen der kirchlichen Tradition verloren« (S. 15/16).
  3. Auch heute predige man das Frauenbild: »empfangend wie Maria, tätig wie Martha, zurückhaltend wie Maria von Bethanien« (S. 16).
  4. »Bisher wurde die Bibel benutzt, um Herrschaft zu stabilisieren, Ordnungen zu bestätigen und die Frau im Hause zu halten.«

Was rät Frau Woltmann-Wendel den Frauen?

Sie mögen ihre Phantasie für die Theologie entdecken! »Theophantasie ist in einer frauenfremden Theologie und Kirche notwendig, um das Evangelium von der Befreiung wieder lebendig zu machen« (S. 17).

Möglichkeiten solcher Theophantasie sind, um einige anzuführen:

  1. »In der Kunst und Kultur frauenfreundliche Tradition aufzudecken: Maria auf dem Löwen reitend; Maria Magdalena, die schöne Freundin Jesu; Martha, die Drachensiegerin.«
  2. »Die in die Literatur abgewanderten alttestamentarischen Frauen wieder in die kirchliche und gesellschaftliche Wirklichkeit zu integrieren versuchen« (S. 17).
  3. »Die biblischen Erzählungen von Frauen nach menschlichen Eigenheiten, Biographie, Persönlichkeit wiedererstehen lassen.«
  4. »Mut um frauenfeindliche Stellen in der Bibel offen abzulehnen, männliche Schriftsteller wie Paulus, Lukas, Johannes, so schildern und nach dem beurteilen, wie sie die Befreiung der Frau erlebten und wie sie in ihren Gemeinden umsetzten« (S. 18).
  5. »Patriarchalische Metaphern in weibliche zu verwandeln: Sohn durch Tochter, Vater durch Mutter, neue Metaphern entdecken« (S. 18).

Und so sagt die Verfasserin: »Dies Buch versucht an einem kleinen Ausschnitt des Neuen Testaments die Last der patriarchalischen Vergangenheit abzuwerfen.«

Martha, Maria von Bethanien, Maria Magdalena, Die Unbekannte, die Jesus salbte, die Frauengruppe des Markus, Matthäus und die Mütter, Johanna, eine Dame des Lukas, all diese Frauen werden dem Leser vorgestellt. Greifen wir uns die interessanteste und meiner Meinung nach aussagekräftigste Beispiel-Frau aus diesem Buch heraus, um daran nachzuvollziehen, ob:

Jesus mit Frauen Partnerschaftlichkeit pflegt,

ob - wie angekündigt - hier Größe, Souveränität, Weisheit, Mut und Emanzipation zu finden bzw. abzuleiten sind.

Martha

»Wenn ich an ,Martha' denke, taucht ein Bild aus einer Kinderbibel vor mir auf. Maria sitzt zu Jesu Füßen und hört ihm zu, und im Hintergrund an der Küchentür lehnt Martha mit bösem, mißgünstigem Blick.

Wer Martha hieß, tat mir als Kind immer leid. Der Name verpflichtete, besonders rührig, aktiv, irdisch, fleißig, fröhlich und tüchtig zu sein.

Noch heute hört man ältere Menschen manchmal sagen: die hat eine Marthaseele, und das heißt, die ist besonders praktisch, tüchtig, nüchtern. Oder: die hat eine Marienseele, und das heißt dann: die ist still, zurückhaltend, kann gut zuhören und ist immer offen für andere« (S. 27).

Martha ist die Patronin der Hausfrauen und Köche, der 29. Juli ist ihr Heiligentag, sie wurde Ordensheilige für Krankenpflegerinnen; Kirchen wurden nach ihr aber nur selten benannt. Mit dieser Tradition jedoch sei ihr ein großes Unrecht geschehen, daß es wieder gut zu machen gelte.

In »zwei ganz verschiedenen Evangelien und von ganz verschiedenen Männern«, nämlich Lukas und zehn Jahre später von Johannes, werden »zwei ganz verschiedene Marthageschichten« erzählt (S. 30). Und nun müssen wir wohl oder Übel diese beiden Erzählungen wörtlich wiedergeben, damit die Begründungen verstanden werden:

Zwei biblische Martha Schilderungen

»Als Jesus und seine Jünger weiterzogen, kamen sie in ein Dorf, in dem er von einer Frau mit Namen Martha gastlich aufgenommen wurde. Sie hatte eine Schwester mit Namen Maria, die setzte sich Jesus zu Füßen und hörte ihm zu. Martha dagegen machte sich viel zu schaffen mit der Bedienung. Sie trat zu Jesus und sagte: ,Herr, merkst du nicht, daß meine Schwester mich alleine dienen läßt? Sag ihr doch, daß sie mir helfen soll!' Aber Jesus antwortete: ,Martha, Martha, du machst dir Sorge und Mühe um viele Dinge. Eins aber ist not. Maria, hat das gute Teil erwählt, und das soll ihr nicht weggenommen werden' (Lk. 10,38-42).

Es war aber einer krank, Lazarus von Bethanien aus dem Dorf der Maria und ihrer Schwester Martha... Die Schwester ließen Jesus sagen: ,Dein Freund ist krank.' Als Jesus das hörte, sagte er: ,Die Krankheit wird nicht zum Tode führen, sondern zur Ehre Gottes. Durch sie wird Gott die Herrlichkeit seines Sohnes sichtbar machen.'

Jesus liebte Martha und ihre Schwester und Lazarus. Aber als er die Nachricht erhielt, daß Lazarus krank sei, blieb er noch zwei Tage an demselben Ort. Dann sagte er zu seinen Jüngern: ,Wir gehen nach Judäa zurück'... Er fügte hinzu: ,Unser Freund Lazarus ist eingeschlafen. Aber ich werde hingehen und ihn aufwecken.'... Als Jesus nach Bethanien kam, lag Lazarus schon vier Tage im Grab. Das Dorf war keine drei Kilometer von Jerusalem entfernt, und viele Juden hatten Martha und Maria aufgesucht, um die beiden zu trösten. Als Martha hörte, daß Jesus sich dem Dorfe näherte, ging sie ihm entgegen. Maria blieb im Haus. Martha sagte zu Jesus: ,Herr, wenn du bei uns gewesen wärest, hätte mein Bruder nicht sterben müssen. Aber ich weiß, daß Gott dir auch jetzt keine Bitte abschlägt.'

,Dein Bruder wird auferstehen', sagte Jesus zu ihr. ,Ich weiß', erwiderte sie, ,am letzten Tag, wenn alle auferstehen, wird auch er ins Leben zurückkehren.' Jesus sagte zu ihr: ,Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird nie sterben. Glaubst du das?' Sie sagte zu ihm: ,Ja Herr, ich glaube, daß du Christus bist, der Sohn Gottes, der in die Welt gekommen ist.' Als sie dies gesagt hatte, ging sie weg, nahm ihre Schwester Maria beiseite und sagte: ,Der Lehrer ist da und ruft dich.' Als Maria das hörte, stand sie schnell auf und lief zu ihm hinaus... Als Maria zu Jesus kam und ihn sah, warf die sich ihm zu Füßen und sagte: ,Herr, wenn du bei uns gewesen wärest, hätte mein Bruder nicht sterben müssen.' Jesus sah sie weinen ... er wurde zornig und war sehr erregt. ,Wo liegt er?' fragte er. Er ging zum Grab. Es bestand aus einer Höhle, und der Eingang war mit einem Stein verschlossen. ,Nehmt den Stein weg', befahl er. Martha, die Schwester des Toten, wandte ein: ,Herr, er stinkt schon. Er liegt schon vier Tage im Grab.' Jesus sagte: ,Ich habe dir doch gesagt, daß du die Herrlichkeit Gottes sehen wirst, wenn du nur glaubst.' Sie nahmen den Stein weg. Jesus blickte zum Himmel auf und sagte: ,Ich danke dir, Vater, daß du meine Bitte erfüllst. Aber wegen der Leute hier spreche ich es aus - damit sie glauben, daß du mich gesandt hast.' Nach diesen Worten rief er laut: ,Lazarus, komm heraus.' Und der Verstorbene kam heraus (Joh. 11,144, gekürzt)« (S. 24/25).

Die aus diesen Bibelfiguren herauszulesenden Eigenschaften

Anhand der Johannesgeschichte skizziert Elisabeth Woltmann-Wendel Martha etwa so: Martha hört im überfüllten Trauerhaus, daß Jesus gekommen ist, sie ergreift die Initiative und geht zu ihm, überfällt ihn mit all ihrem Schmerz, Zorn und all ihrer Enttäuschung der letzten Tage, entfacht dabei ein leidenschaftliches Glaubensgespräch. Anders als Maria, weint sie nicht, sie wirft sich ihm nicht zu Füßen, ergibt sich nicht, ist kein »Weib, das in der Gemeinde schweigt«, sie debattiert heftig. »...eine zähe, kluge, streitlustige, tüchtige, emanzipierte Frau mit vielen praktischen Tätigkeiten in der Gemeinde - realitätsbewußt (die Leiche stinkt schon!) - klug organisierend, ,Der Lehrer ist da und ruft dich', sagt sie zu Maria, obwohl er gar nicht gerufen hat!« (S. 34)

Wahrscheinlich ergeht es dem Leser wie mir, all diese Prädikate hätte ich in diese Geschichte nicht hineininterpretieren können und gar die Auszeichnung: »klug organisierend, ,der Lehrer ist da und ruft dich', ..., obwohl er gar nicht gerufen hat«, empfinde ich als Unwahrhaftigkeit.

Das Martha-Bild im Mittelalter

Um 1300 entwirft der Mystiker und Dominikanermönch Meister Eckart an Martha »das Bild der verantwortlich handelnden Frau, die voll der Welt und ihren Aufgaben zugekehrt ist« (S. 37). Seine Marthapredigt »wurde programmatisch für eine Frauentradition des Spätmittelalters, die die Frau aufwertete. Das Mittelalter, bekannt als Zeit der Hexenverfolgung, war vielseitiger, als wir ahnen.«

Mit dieser Feststellung ist dies brisante Thema, auch noch in der Überzeugung positiv zu wirken, umgangen! Vielleicht könnte sich ja sonst auch eine Leserin eher mit einer »Hexe« identifizieren, denn mit einer Prostituierten, einer Ehebrecherin oder was auch immer die biblischen Frauengestalten auszeichnet!

Religiöse Frauenbewegungen entstehen in Europa im 12. Jahrhundert, der Grund dafür: Frauenüberschuß, die Sterblichkeitsrate der Männer war hoch infolge von Krankheiten und Kreuzzügen. Veränderte Familienstrukturen durch das Aufkommen der Geldwirtschaft und Anfängen der Industrie und der Zunahme der Stadtbevölkerung. Änderung der Erbfolge des Adels (um den Grundbesitz zu erhalten, wurden Töchter von ihr ausgeschlossen). Dies drängte die Frauen zu neuen Aktivitäten, neuen Lebenszielen. Ein anderes Leitbild war vonnöten.

Verklärung durch den Künstler

»Hier ist der Sitz im Leben für das neue Marthabild. Die praxisorientierte Martha bot Identifikationsmöglichkeiten« (S. 41). »Die Kunst des 14. und 15. Jahrhunderts ist voll von Lob der tüchtigen und geistlichen Martha« (S. 43). In der Kirche Santa Croce in Florenz malt sie Giovanni di Milano »wie von einem inneren Licht erhellt«, in der St. Marthakirche bei Lugano (14. Jh.) »steht sie in geistlicher Würde wie eine Schutzmantelmadonna«, »auf einem Bild im Foligno-Kloster sitzt sie ermüdet, aber gedankenversunken und vergeistigt neben dem Herd« (15. Jh.). In Tiefenbronn bei Pforzheim (1431) »... steht sie ... in schöner Gelassenheit und geistiger Souveränität« und »strahlt Ruhe und Sicherheit aus« (S. 43).

Elisabeth Woltmann-Wendel meint: »Das war eine Umkehrung aller bisherigen Werte« (S. 43/44). Ich bin eher geneigt zu behaupten, daß sich hier alte Wertvorstellungen, gesundes Empfinden an dürftigen Bibeltexten stimulierten bzw. ein umdichten der Seele des Künstlers stattgefunden hat.

Martha - Die Drachensiegerin

»Ein anderes mittelalterliches Martha-Bild, das den Aufbruch der mittelalterlichen Frau anzeigt und noch tiefere Bewußtseinsschichten aufdeckt, ist Martha, die Drachensiegerin«(S. 46).

Martha, zu ihren Füßen ein Drachen, gemalt von Berhardino Luini, Antonio Corregio, Bartholomäus Zeitblom - diese Martha »strahlt nicht nur Ruhe und Überlegenheit aus: sie ist stolz, siegessicher, selbstbewußt« (S. 47).

Martha besiegt den Drachen mit bloßen Füßen, in wallendem Gewand, mit Weihwasser und Kreuz und erst das Volk tötet in der Legende den Drachen. Eine Frau - oder selbst als Schlange bezeichnet, sprichwörtlich als »Hausdrache« verunglimpft, häufig als Kopf eines Drachens gemalt - »symbolisiert jetzt den Sieg über das Unbewußte, den Tod, das Bedrohende, und sie hat den Drachen auch auf neue Weise besiegt: nicht zertreten (wie bei Georg dem Drachensieger), sondern gebändigt« (S. 53). Dies Martha-Drachenmotiv erblühte in der Frauenkultur der Renaissance, mit der Reformation und Gegenreformation endete »die Emanzipation der Martha zur Drachensiegerin.«

»Heute, wo weibliche Verhaltensweisen und alternative Lebensstile wieder im Vorrücken sind, bekommt das Marthasymbol neue Ausdruckskraft.« Mit diesem Satz endet die Martha-Beweisführung. Wir wollen uns die anderen Frauenschilderungen ersparen, zumal schon anfangs gesagt wurde, das Martha die interessanteste und aussagekräftigste biblische Frauengestalt dieses Buches ist.

Schlußbetrachtung

Kommen wir auf die Ausgangsfrage zurück: Wo ist hier »eine in der Welt einzigartige Geschichte von Größe, Souveränität, Weisheit und Mut von Frauen«? Ein stilistisch dürftiger Text - eine anklagende und Unmögliches fordernde Frau (»... wärest du da gewesen, dann ... aber ich weiß, daß Gott dir auch jetzt keine Bitte abschlägt...«), eine lügende Frau (»... der Lehrer ruft dich«) aber es war gar nicht so, eine wider die Naturgesetze stehende Begebenheit (»... gestorben vor 4 Tagen«, am 5. Tag wieder lebendig!), sollen zur Identifikation anregen. Und wie sehen die erstrebenswerten Wesenszüge aus?

Hier sind es ohnehin Eigenschaften, die Elisabeth Woltmann-Wendel in Martha hineindenkt: zäh, klug, streitlustig, tüchtig, emanzipiert. Es sind überwiegend verstandesmäßige Eigenschaften. Klug zu sein ist kein Wertmaß, da es der Einzelpersönlichkeit mehr oder weniger in die Wiege gelegt ist. Streitlustig ist schon von der Wortbildung her: Lust am Streit, nicht positiv - vielleicht meint die Verfasserin auch eher streitbar im Sinne von nicht widerspruchslos hinnehmend. Tüchtig, nun, für sich und die Seinen zu sorgen ist selbstverständlich, also amoralisch, es zu unterlassen oder zu übertreiben unmoralisch. Und emanzipiert? Martha bittet Jesus, Maria zur Mithilfe aufzufordern. Eine emanzipierte Frau kann das allein! Ja, wie sie darauf reagiert, als ihr diese Bitte abgeschlagen wird, erfahren wir nicht oder ist nur Spekulation. Und die Antwort Jesus, sein Verhalten, ist das etwa hier partnerschaftlich?!

Legendenbildung und künstlerische Schaffenskraft, von der wir wissen, daß sie versucht, den Einklang zwischen der im Bewußtsein liegenden, aufgezwungenen christlichen Religion und dem im Erbgut festgelegten andersartigen Gemütswerten dadurch herzustellen, daß sie diese Religion umdichtet, umdeutet, verklärt, werden also bemüht, um Identifikation zu ermöglichen.

Der dürftigen, nichtssagenden Martha-Figur gibt der Künstler eine von innerem Licht erhellte Gestalt oder eine geistliche Würde oder ein gedankenversunkenes, vergeistigtes Aussehen, eine schöne Gelassenheit, ja sogar Stolz, Siegessicherheit und Selbstbewußtsein. Aber dies ist das Verklären des Künstlers, geduldet von der Kirche, um schließlich mit der Reformation wieder zu versinken. Heute, in einer Zeit neuen Wertesuchens, will die Kirche wieder »am Ball bleiben«, lockert die Bande und fördert das Bemühen überzeugter Christen (s. E. M.-Wendel).

Daneben jedoch bleiben die alten Wertvorstellungen bestehen, um zu gegebener Zeit hervorgekramt zu werden, ganz nach Belieben. So weigerte sich laut Hannoversche Allgemeine Zeitung vom 15. April 1987 noch in Braunschweig Pastor Gozek, mit einer weiblichen Theologin die Ordination zu empfangen. Begründung: das Weib schweige in der Gemeinde. Hierbei handelte es sich nicht etwa um eine fanatische Einzelaktion, denn die Braunschweigische Landeskirche gab dem Pastor Recht.

Aus den vorangegangenen Beispielen der Bibel im Buch »Ein eigener Mensch werden - Frauen um Jesus« erwächst dem Emanzipierungsbemühungen keine Hilfe. Es werden nur wieder einmal ehrliches Mühen vergeudet und fehlgeleitet. Wenn dann die Verfasserin auch noch alte Verleumdungen unserer Vorfahren publiziert, indem sie schreibt: »Für die sittenstrenge, um ihre moralische Reinheit bemühte Kirche, die sich gegenüber heidnischer Sinnlichkeit und Sittenlosigkeit abgrenzen zu müssen meinte, ...« (S. 72), dann verweisen wir auf die Schrift von Kurt von Zydowitz: »Glaubensumbruch ein Verhängnis«. In dieser Schrift wird klar und einleuchtend aufgezeigt, wer sittenstreng war und wer Sittenlosigkeit bewirkte und daß es des Germanen bzw. des Deutschen Wesensart war, »die dem Gebäude der Kirche später wieder einen gewissen sittlichen Inhalt verlieh« (2, S. 55/56).


Schrifttum:

  1. Moltmann-Wendel, Elisabeth: Ein eigener Mensch werden - Frauen um Jesus, Gütersloher Taschenbuch Verlag Siebenstern.
  2. Zydowitz, Kurt von: Glaubensumbruch ein Verhängnis. 700 Jahre germanisch-deutsche Geschichte, Teil 1, 6. bis 9. Jahrhundert. Verlag »Mein Standpunkt«, Westerstede, 1. Aufl. 1974, 2. Aufl. 1979.

Fußnoten:

  1. feindselig