Historische Dokumente und ihre (Miß-) Deutung

Von Dietwart Kurz

In Folge 14 vom 23. 7. 2001 brachte »Mensch und Maß« eine Meldung des Dienstes »Vertrauliche Mitteilungen« vom 10. 7. 2001. Unter dem Titel: »Wann wußte der Westen von Hitlers Holocaust? Plänen?«, war von einem Dokument berichtet worden, in dem »eindeutig von einem Beschluß der deutschen Regierung, ,alle Juden auszulöschen', die Sprache« gewesen sei. Dieses Dokument habe britischen und amerikani-schen Nachrichtendiensten bereits im März 1942 vorgelegen. Ihm liege eine Note des chilenischen Gesandten in der Tschechoslowakei vom 24. 11. 1941 zugrunde, in der »ausführlich über die menschenverachtenden Pläne der Reichsregierung« berichtet werde.

Ein Leserbrief von G. B., abgedruckt in Folge 17 vom 9. 9. 2001, S. 815 hat zu diesem Sachverhalt Zweifel angemeldet. Der Leser meint: Bekanntlich gab es 1941 »keine Tschechoslowakei mehr, sondern nur ein ,Protektorat Böhmen und Mähren' und eine selbständige Slowakei, die sich vertraglich unter den Schutz des Großdeutschen Reiches gestellt hatte.« Dieser »Irrtum« werfe »ein bezeichnendes Licht auf die Echtheit«.

Eine Rückfrage bei der Redaktion von »Vertrauliche Mitteilungen« ergab, daß man sich dort auf eine Agentur-Meldung der »Associated Press (ap)« vom 2. 7. 2001 bezogen hatte, die von einem Mitarbeiter aus dem Englischen ins Deutsche übertragen worden war.

Nach dieser AP-Meldung handelt es sich bei den angesprochenen Dokumenten um eine Veröffentlichung der »National Archives and Record Administration« (deutsch: Nationale Archiv- und Unterlagen-Verwaltung) in den USA durch die »Nazi War Crimes and Japanese Imperial Government Records Interagency Working Group (IWG)« (deutsch: Behördenübergreifende Arbeitsgruppe für Unterlagen über Nazi-Kriegsverbrechen und die japanisch-kaiserliche Regierung). Diese Arbeitsgruppe ist von der US-Regierung aufgrund des »Nazi War Crimes Disclosure Act« (deutsch: Nazikriegsverbrechensmitteilungsgesetz) von 1998 eingerichtet worden.

»Nazi War Crimes Disclosure Act«

Unter der Präsidentschaft von Bill Clinton hat der amerikanische Kongreß am 8. Oktober 1998 das »Nazikriegsverbrechensmitteilungsgesetz« verabschiedet.

Das Gesetz sieht eine umfangreiche Veröffentlichung von bisher geheimen Dokumenten vor. Demnach soll die IWG »… alle gesperrten Nazikriegsverbrechensaufzeichnungen der Vereinigten Staaten ausfindig machen, identifizieren, inventarisieren und für die Freigabe an die Öffentlichkeit empfehlen, die bei den nationalen Archiven und Aufzeichnungsbehörden verfügbar sind.«

Die Dokumente betreffen jede Person, von der »die US-Regierung Grund zur Annahme hat, daß unter ihrer Leitung oder Mitwirkung befohlen, aufgehetzt, geholfen, oder auf andere Weise teilgenommen wurde an der Verfolgung von Personen wegen deren Rasse, Religion, nationalem Ursprung oder politischer Meinung während der Zeit, die am 23. März 1933 beginnt und am 8. Mai 1945 endet.«

Die Überbehördliche Arbeitsgruppe (IWG) wurde von US-Präsident Clinton am 11. Januar 1999 nach dem erwähnten »Nazi War Crimes Disclosure Act« in Dienst gestellt. Die Gruppe ist mit öffentlichen Persönlichkeiten und amerikanischen Bundesbehördenvertretern besetzt, die beauftragt sind, alle bisher unter Verschluß gehaltenen Aufzeichnungen über nationalsozialistische Kriegsverbrechen ausfindig zu machen, zu inventarisieren, für die Freigabe zu empfehlen und verfügbar zu machen. Zu diesem Zweck soll die Gruppe die Arbeit der Bundesbehörden koordinieren, um eine größtmögliche Anzahl von Dokumenten der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Zum Ursprung der Dokumente

Das Hauptdokument ist Teil einer Freigabe vom Juni 2000 von 400 000 Seiten Aufzeichnungen des Büros für Strategische Dienste (OSS), die im US-Nationalarchiv lagern. Am 20. März 1942 erscheint ein Dokument in den Akten des Koordinators für Information der Vereinigten Staaten (COI), ein Vorgänger des OSS und der Central Intelligence Agency (CIA). Das Dokument ist die übersetzte Kopie eines von einem chilenischen Diplomaten am 24. November 1941 erstellten Berichts, die das COI einige Zeit später von britischem Geheimdienst erhielt. Das Dokument wurde an David Bruce übermittelt, den Leiter der Geheimdienstabteilung des COI, der es an einen Verwaltungsassistenten von William J. Donovan weiterleitete, der als Koordinator für Information arbeitete, bevor er die Leitung des OSS übernahm. Auf dem Dokument gibt es keinen Hinweis, ob es auch andere Amerikaner gesehen haben.

Richard Breitman, Professor für Geschichte und Direktor der IWG, hat unter dem Titel »What Chilean Diplomats Learned about the Holocaust« (deutsch: Was chilenische Diplomaten über den Holocaust erfahren haben) eine Darstellung über den Hintergrund dieser Dokumente veröffentlicht, die im Internet unter http://www.nara.gov/iwg abrufbar ist.

Zu der Frage, wieso es im Jahr 1941 einen chilenischen Konsul in Prag geben konnte, führt Breitman aus:

»Prag war jedoch nicht mehr die Hauptstadt eines Landes, und die meisten ausländischen Diplomaten waren lange vorher freiwillig oder nicht, abgereist. Wie kam ein chilenischer Konsul dazu, in Prag zu bleiben? Das Standardwerk über chilenischer Diplomatie während des zweiten Weltkriegs erwähnt, daß Deutschland im Jahr 1940 die Schließung der chilenischen Konsulaten in Paris, Brüssel, Den Haag, Kopenhagen und Prag forderte. Der chilenische Generalkonsul in Hamburg, Eugenio Palacios, übernahm die Leitung der Arbeit der geschlossenen Konsulate, aber in 1941 war er in der Lage, das Konsulat in Prag wiederzueröffnen. Es scheint, daß die Nazieinstellung zu Chile mehr als korrekt war - sie wurde als freundlich charakterisiert - und der frühere chilenische Konsul in Prag, Gonzalo Montt Rivas war in der Lage, seinen Posten wiederaufzunehmen.«1)

Nach Breitman handelt es sich bei Montt um einen 48-jährigen Karrierediplomaten, der zuvor in Bolivien, Brasilien, Paraguay, Uruguay, Großbritannien und den USA gedient habe. Er kämpfte während des Chacokrieges2) auch in der paraguayischen Armee und ihm wurde hierfür ein Orden verliehen. Nach dem II. Weltkrieg habe Montt seine sehr erfolgreiche Karriere als chilenischer Delegierter bei den Vereinten Nationen und als Botschafter in Ägypten fortgesetzt. Seine Aktivitäten während der NS-Zeit seien jedoch nie studiert worden. Auch Walter Schellenberg, Leiter der Abteilung für ausländische Geheimdienste im Reichssicherheitshauptamt (RSHA), hat nach dem Krieg erwähnt, daß sein Nachrichtendienst eine Anzahl von südamerikanischen Diplomaten auf seiner Gehaltsliste geführt habe. Er erwähnte einen chilenischen Diplomaten names »Monte«.

Überhaupt scheint es einige Verwirrung über die korrekte namentliche Identifizierung der chilenischen Quelle zu geben. Breitman schreibt:

»Viele der dem COI gegebenen britischen Geheimdienstberichte benennen den chilenischen Diplomaten einfach nicht, aber es gibt einige Ausnahmen. Ein britischer Bericht vom 13. September 1941, der sich an einem chilenischen Bericht vom 24. Juni 1941 orientiert, gab dem Chilenen den Namen E. Morin. Ein britischer Bericht vom 4. Februar 1942, den chilenischen Bericht vom 15. November 1941 zusammenzufassend, listete ihn als E. C. Conti auf. Die Unterschrift sieht tatsächlich mehr wie EC Conti als wie Montt aus, aber niemand mit dem Namen Conti diente jemals als ein chilenischer Diplomat. Der Mann in Prag war immer derselbe, das heißt, Montt.

Die Fehler beim Lesen der Unterschrift zeigen, daß jemand mit Verbindungen zu den Briten Zugang zu den tatsächlichen Papierberichten hatte. Funknachrichten hätten den Namen wiedergegeben - in codierter Form, um sicher zu sein - aber sogar durcheinandergebrachte britische Entschlüsselungen hätte eine einheitlichere Version von Montts Namen produziert. Es scheint, daß der britische Geheimdienst es verstand, einen Zugang zu dem aus Prag versandten chilenischen Diplomatengepäck zu bekommen - und zu dem aus anderen europäischen Städten.

Gab es einen britischen Spion im chilenischen Außenministerium? Oder vielleicht ein Spion auf dem Schiff oder Flugzeug, das das Diplomatengepäck in die westliche Hemisphäre transportierte? Weitete die Zensur für private Korrespondenz über den Atlantik auf den Bermudas ihre Spionageoperation auf den diplomatischen Verkehr aus? Es gibt in diesem Punkt keine klaren Antworten.«

Zoom Dokument

Quellenkritik

Was beweisen die Dokumente? Im Grunde nicht viel. Es handelt sich um zusammenfassende britische Übersetzungen von Berichten, die der chilenische Botschafter in Prag an sein Außenministerium gesandt haben könnte. Die in Großbritannien lagernden Pendants zu den an die Amerikaner übergebenen Kopien sind von den britischen Behörden noch nicht freigegeben worden, wie Breitman berichtet. Folglich läßt sich gegenwärtig auch nicht rekonstruieren, wie die Briten mit diesen Informationen umgegangen sind. Auch hinsichtlich des Verfassers dieser Übersetzungen gibt es derzeit nur Vermutungen. Es könnte sich um einen Mitarbeiter des MI-5 handeln, der mit der überseeischen Zensurbehörde zusammengearbeitet hat.

Zwar scheinen sich einige von Montts Originalberichten tatsächlich im Chilenischen Nationalarchiv zu finden, wie dies aus den Anmerkungen in Breitmans Aufsatz zu entnehmen ist, für die hier erwähnten Schlüsseldokumente scheint dies jedoch nicht der Fall zu sein.

Folglich kann man nur mutmaßen, was an den britischen Berichten möglicherweise im Zuge der zusammenfassenden Übersetzung an Wortlaut hinzugefügt, weggelassen oder vom Verfasser selbst interpretiert worden ist. Bei genauer Durchsicht der britischen Texte stellt man auch fest, daß »von einem Beschluß der deutschen Regierung, ,alle Juden auszulöschen'« nicht die Rede ist, wie »Vertrauliche Mitteilungen« berichteten.

Anlaß zu der Notiz vom 24. November 1941 war die 11. Verordnung zum Reichsstaatsbürgerschaftsgesetz, die einen Tag später veröffentlicht werden sollte. Montt beschrieb zunächst die wesentlichen Regelungen dieser neuen Verordnung und gab dann eine persönliche Einschätzung über die Judenpolitik des Reiches ab. In der britischen Version liest sich diese wie folgt:

»Das jüdische Problem ist im Protektorat teilweise gelöst, da es entschieden worden ist, alle Juden völlig zu vernichten und einige nach Polen und andere nach Theresienstadt zu schicken, während des Suchens nach einem abgelegeneren Platz.

Der deutsche Triumph [im Krieg] wird Europa von Semiten befreit lassen. Jene [Juden], die mit ihren Leben aus dieser Prüfung entkommen, werden sicher nach Sibirien deportiert, wo sie nicht viel Gelegenheit haben, ihre finanziellen Begabungen zu nutzen.

In dem Maße wie die USA ihre Angriffe auf das Reich steigern, wird Deutschland die Zerstörung des Semitismus beschleunigen, wie sie das internationale Judentum wegen aller Schicksalsschläge anklagt, die der Welt widerfahren sind.

Der Exodus von Juden aus dem Reich hat nicht die von Deutschlands Feinden vorhergesagten Folgen: im Gegenteil: sie sind durch Arier ersetzt worden, mit offensichtlichem Vorteil zu allem und in allem, außer im Wuchergeschäft, in dem sie einstige Meister sind.«

Der Text enthält einige Hinweise darauf, daß von Montt zu diesem Zeitpunkt nicht etwa von einer »Endlösung« im Sinne industrieller Massentötung ausgegangen wurde, sondern mit »eradicate« (deutsch: ausrotten, völlig vernichten) eine Vernichtung des europäischen Judentums durch Deportation nach Rußland gemeint ist. Bekanntlich ging man auf deutscher Seite noch im November 1941 davon aus, daß der Rußlandfeldzug in Kürze siegreich beendet sein würde. Daß eine Deportation nach Osten zu diesem Zeitpunkt zur bevorzugten Lösungsmöglichkeit zählte, ist allgemein bekannt. Damit beweist das Dokument nichts Neues.


Fußnoten:

  1. in der entsprechenden Fußnote heißt es bei Breitman: »9. Mario Barros van Buren, La Diplomacia Chilena en la Segunda Guerra Mundial, (Santiago, 1998) 83, 118-120. Montt's Name ist aufgelistet in ,Jahrbuch für Auswärtige Politik 1940'. Vielen Dank an Gerhard Weinberg für diesen Hinweis.«
  2. Krieg zwischen Bolivien und Paraguay von 1932-1935 und das erdölreiche Chaco-Gebiet, aus dem Paraguay als Sieger hervorging.