Mathilde Ludendorff und die Frauenfrage

Von Adelheid Duppel

Heute können wir uns kaum mehr vorstellen, daß es einmal eine Zeit gab, in der man ernsthaft glaubte, daß geistige Arbeit Frauen für die Mutterschaft untauglich machen und ihre Kinder schädigen würde sowie sie früh altern ließe. Oder daß behauptet wurde, daß Frauen zu geistiger Arbeit überhaupt nicht fähig wären. Aber diese Zeit gab es noch vor gut hundert Jahren. Und in einer solchen Zeit wuchs die 1877 geborene Mathilde Ludendorff auf.

Als waches, das heißt den Eindrücken aus ihrer Umgebung sehr aufgeschlossenes Mädchen mit einem ausgeprägten Stolz, der jede Verletzung tief empfand, sah sie sehr bald die Widersprüche zwischen der allgemeinen Einstellung zur Frau und derjenigen, die ihr Vater seiner Frau gegenüber hatte. (Sie stand nämlich als ebenbürtige Kameradin neben ihrem Mann.) Auch fühlte sie sich bei jeder Zurücksetzung persönlich als weibliches Wesen tief betroffen, wehrte sich dagegen, fühlte das Unrecht und die Demütigung und versuchte, den Gegenbeweis anzutreten.

Mit 18 Jahren war Mathilde Spieß bereits Lehrerin an einer Privatschule. Auch hier litt sie unter der Geringschätzung dieses doch so wichtigen, vor allem von Frauen ausgeübten Berufes. Dazu kamen der Zwang, einen Lehrstoff vortragen zu müssen, von dem sie nicht überzeugt war und Demütigungen der Leiterin, die diesen unbedingt durchsetzen wollte. Das Bedürfnis, nicht nur für sich, sondern für alle Frauen einen Wandel zu schaffen, erfaßte sie immer wieder. Da gab die Begegnung mit einer Ärztin, die in der Schweiz studiert hatte, ihrem Leben eine entscheidende Wendung. Gegen den Widerstand der ganzen Familie, die ihr weder das Abitur geschweige denn ein Studium zutraute, mit einem zwanzigstel der Studienkosten, die auf sie zukommen würden, im Gepäck, aber mit einem eisernen Willen und viel Selbstvertrauen machte sie sich auf diesen langen Weg. Selbstverständlich war für sie dabei, die notwendigen Kosten durch Unterrichtsstunden selbst zu erarbeiten, um den Vater nicht noch zusätzlich zu belasten.

Zuerst einmal mußte sie das Abitur nachholen. Dazu bewarb sie sich an einem humanistischen Gymnasium in Karlsruhe und bestand ein Jahr später unter größten Entbehrungen das Abitur.

Im Oktober desselben Jahres wurde sie zum Medizinstudium in Freiburg zugelassen. Bei Studienbeginn erlebte sie, wie sie als eine der ersten Studentinnen wie eine Art Wundertier bestaunt und herumgereicht wurde. Im Fach Medizin befanden sich vier junge Frauen unter hunderten von Männern. Für letztere war es zunächst unvorstellbar, daß Frauen aus einem anderen Beweggrund studieren wollten, als sich einen Mann zu suchen oder weit weg vom Elternhaus ohne dessen Aufsicht ein lustiges oder lockeres Leben zu führen. Diese Einstellung führte dazu, daß deren Benehmen den jungen Frauen gegenüber anfangs sehr zu wünschen übrig ließ. Mathilde Spieß schrieb jedoch, daß die meisten der männlichen Studenten dann doch sehr froh gewesen wären, ihnen nach einer Zurechtweisung dieselbe Achtung entgegenbringen zu können wie den eigenen Müttern und Schwestern. Es war so, als wären sie froh, »in einer verworrenen Zeit mit merkwürdigen Vorstellungen vom anderen Geschlecht doch noch ein klares Ideal zu erleben«. (2/52).

Im Februar 1904, nun 27jährig, bestand sie das Physikum mit guten Noten. Diese waren ihr schon deshalb wichtig, weil sie – wie auch beim Abitur – mit ihren eigenen Leistungen das gängige Vorurteil von der geringen geistigen Leistungskraft der Frau widerlegen wollte. Die sich daran anschließenden klinischen Semester begann sie im Oktober in Berlin. Im gleichen Monat fand die Eheschließung mit Gustav Adolf von Kemnitz statt. Danach siedelte sie nach München um und unterbrach wegen einer möglicherweise eintretenden Mutterschaft ihr eigenes Studium. Sie wollte in der Schwangerschaft nicht mit den abstoßenden Seiten des Arztberufes in einer Großstadt in Berührung kommen, sondern ganz alles Schöne genießen und sich auf ihr Kind freuen können. Jedoch belegte sie gemeinsam mit ihrem Mann naturwissenschaftliche Fächer.

Nach mehr als fünfjähriger Studienpause, bedingt durch die Geburten ihrer Kinder, beschloß sie 1910, nun als Mutter von drei Kindern, zur Absicherung der eigenen unsicheren wirtschaftlichen Lage ihr abgebrochenes Studium wieder aufzunehmen.

Mit Hilfe einer zuverlässigen Betreuerin für die Kinder und eines nur halbtägigen Studiums glaubte sie, das verantworten und bewältigen zu können. Es fehlten ihr nur noch drei Semester, für die sie sich drei Jahre Zeit ließ. Im Jahre 1913, nun 36jährig, bestand sie ihr Staatsexamen.

Danach begann sie halbtags ihre Zeit als Assistenzärztin. Für die Psychiatrie und gegen Frauenheilkunde oder Chirurgie entschied sie sich aus Neigung und weil sie dieses medizinische Fachgebiet eher mit ihren familiären Verpflichtungen vereinbaren konnte als die anderen, die Bereitschaft Tag und Nacht verlangten.

In diese Zeit fiel auch ihre Entscheidung über das Thema ihrer Doktorarbeit.

Die Doktorarbeit

Es war nach wie vor ihr größtes Anliegen, die Behauptung wissenschaftlich zu widerlegen, daß die geistige und schöpferische Tätigkeit einer Frau ihre Gesundheit schwächen, sowie ihre Fähigkeit, Kinder zu bekommen, herabsetzen und diese schädigen würde. Sie erkannte, daß durch eine solche starr festgelegte und allgemeingültig gewordene Ansicht jede geistige Tätigkeit einer Frau als Unrecht ausgelegt werden konnte. Es muß nicht noch betont werden, daß besonders der Kirche an der Aufrechterhaltung dieser Einstellung lag, die deshalb ein absoluter Gegner der Freiheitsbewegung der Frauen war.

Das Thema ihrer Dissertation lautete: »Der asthenische Infantilismus des Weibes in seinen Beziehungen zur Fortpflanzungstätigkeit und geistigen Betätigung«. Darin definierte sie zuerst die Begriffe »Asthenie« und »Infantilismus«, beschrieb deren wichtigste Merkmale, erwähnte, daß auch andere Wissenschaftler schon festgestellt hatten, daß beide vererbbar und als eine Krankheit anzusehen sind, und daß gerade die davon betroffenen Frauen keine Neigung zu Ehe und Familie hätten. Gemäß den gesellschaftlichen Sitten der damaligen Zeit ließen die Väter nur die Töchter einen Beruf lernen oder ein Studium beginnen, bei denen keine Aussicht auf eine Ehe bestand. Das waren vorwiegend solche asthenisch infantilen Frauen. Da aber die Ausübung eines Vollberufs für diese tatsächlich eine Überanstrengung bedeutete – wie sie nachgewiesen hatte – wurde aus den richtig beobachteten Krankheitszeichen der falsche Schluß gezogen, nämlich, daß grundsätzlich alle Frauen, auch die gesunden, zu geistiger Tätigkeit dauerhaft unfähig seien, leicht ermüden würden und früh alterten.

Zum Schluß fügte die Verfasserin noch hinzu, daß man über die geistige Leistungsfähigkeit der Frauen erst dann wissenschaftlich begründete Aussagen machen könne, wenn man gesunde Frauen vermehrt zum Studium zuließe und deren Fähigkeiten über einige Generationen hinweg beobachten würde.

Von der Frauenbewegung wurde diese Arbeit ignoriert. Eine Erklärung dafür ist wahrscheinlich, daß man zu Beginn des 20. Jahrhunderts unter Emanzipation nicht nur den Wunsch der Frau nach Teilnahme an Wissenschaft, höherer Kultur und Staatsarbeit verstand, sondern gleichzeitig auch die ideelle Befreiung vom Mutterberuf.

Nach ihrer Zeit als Assistenzärztin eröffnete sie eine eigene psychiatrische Praxis, die sie aber bei Kriegsbeginn mangels Patienten wieder schließen mußte.

Erste Bücher

Die Frauenfrage beschäftigte sie weiterhin. Da es damals noch kein sachliches Fachbuch über die seelischen Eigenarten der Frau gab, ihr aber klar geworden war, daß hierin bedeutende Unterschiede zwischen Mann und Frau bestehen, wollte sie als nächstes darüber eine wissenschaftliche Abhandlung schreiben. Noch während der Arbeit an diesem Buch mußte sie, da ihr kleines Vermögen durch falsche Ratschläge plötzlich verloren gegangen, und ihr Mann durch sein verspätetes Studium dazu noch nicht in der Lage war, selbst durch Berufstätigkeit für die Sicherung des Lebensunterhaltes ihrer Familie sorgen. Trotz familiärer und beruflicher Überlastung beendete sie 1917 ihr erstes Buch »Das Weib und seine Bestimmung«. Sie hatte es, wie sie selbst schreibt, »der Überarbeitung und aller Müdigkeit durch Berufsarbeit abgetrotzt«. Schon allein dadurch, daß ihr das unter diesen Schwierigkeiten gelungen war, gewann sie größeres Zutrauen zu ihren eigenen geistigen Fähigkeiten.

Zunächst befaßte sie sich mit der Emotionalität. Sie stellte fest, daß die Neigung zu einem stärkeren Gefühlsleben bei Frauen um 14% häufiger auftritt, als bei den Männern. Übersteigen die Gefühls- und Gemütsbewegungen einen gewissen Stärkegrad, beeinflussen sie das Bewußtsein. Aber auch aus dem Unterbewußtsein steigen angeborene, erworbene oder verdrängte Regungen auf und kennzeichnen das Verhalten. Vergangenes wirkt länger nach. Liebe, Freundschaft, Freude, Haß und Trauer bestimmen beharrlicher das Gemütsleben. Logische Denkarbeit wird erschwert, wenn eigene Gefühle oder das Gemüt angesprochen werden. Mit einem ausgeprägten Gefühlsleben ist häufig ein lebhaftes Vorstellungsvermögen verbunden, hohe geistige Beweglichkeit, Freude an der Abwechslung, die Fähigkeit, sich rasch in eine andere Vorstellungswelt hineinzuversetzen, sowie eine Mehrbegabung für intuitives Erkennen.

Auf der anderen Seite kann es aber auch durch krankhafte Übersteigerung zu einem Hang zum Mystischen, einer Neigung zur Hysterie und Phantastereien kommen.

Zu den Eigenschaften, die ein starkes Gefühlsleben begleiten, gehören außerdem oft eine geringer ausgeprägte Beharrlichkeit, Mangel an Zeiteinteilung, Hang zur Weitschweifigkeit, Impulsivität, eine Vorliebe für extreme Richtungen, Neigung zur Klatschsucht und ein Mangel an Verschwiegenheit, geringere Freude an Selbsthilfe, sowie Eitelkeit als eine Abart des Ehrgeizes, verursacht durch eine einseitige Überbewertung der Schönheit.

Da nur 60% der Frauen und 46% der Männer eine verstärkte Emotionalität zeigen, kann man nicht grundsätzlich das männliche Geschlecht als das kühle, verstandesmäßig begabte und das weibliche als das grundsätzlich gefühlsmäßig ausgerichtete bezeichnen. Alle Eigenschaften, die stark mit dem Gefühlsleben verbunden sind, kommen beim emotionalen Mann genauso vor wie bei der Frau mit der entsprechenden Veranlagung.

Warum glaubte man dann immer, daß Frauen grundsätzlich emotionaler wären als Männer?

Weil den ungünstigen Begleiteigenschaften der Emotionalität in den Kinderjahren erzieherisch nicht genügend entgegengewirkt wurde. Weil Eltern wohl bei ihren Jungen dafür sorgten, daß diese den Ausdruck ihrer Gefühlsregungen mäßigen lernten, also Selbstbeherrschung übten, aber dies meistens bei den Mädchen vernachlässigten. Dadurch hatte man bei der Erziehung der Mädchen in der vergangenen Zeit deren Entwicklung zur inneren Selbständigkeit erschwert oder sogar verhindert. Dies wiederum hatte ein völlig falsches Bild von der weiblichen Wesensart entstehen lassen.

Eine nun tatsächlich ausgeprägt weibliche Eigenschaft, die in keinem Zusammenhang mit dem Gefühlsleben steht, ist die Bereitschaft, unangenehme Arbeiten eher zu erledigen. Männer neigen dazu, diese aufzuschieben. Frauen haben zudem ein ausgeprägteres Pflichtgefühl und eine höhere Aktivität.

Häufiger als die Emotionalität tritt ein Unterschied in der Interessenrichtung auf. Dabei ist die Aufgeschlossenheit für Personen, Konkretes und Individuelles eine ganz besonders weibliche Eigenart, während sich das Interesse des Mannes eher auf Sachen, Abstraktes und Allgemeines richtet. Die Frau hat dadurch eine Mehrbegabung für Psychologie und für Pädagogik, sowie für die psychologische Seite der Staats- und Rechtswissenschaften, der Mann für die exakten Naturwissenschaften, die Technik sowie die Staats- und Rechtswissenschaften, soweit sich letztere auf das Allgemeine beziehen. Hierbei kann man auch die Gefahren erkennen, die bei ausschließlicher Gestaltung durch ein Geschlecht entstehen. Der Mann verliert leicht den Zusammenhang mit der Person, die Frau neigt dazu, sich in Einzelfälle zu verzetteln und den großen Zusammenhang aus den Augen zu verlieren.

Diese Unterschiedlichkeit kann als ausgesprochen weibliche bzw. männliche Eigenschaft bezeichnet werden. Sie wurde bis dahin weder in Schulen noch an Universitäten berücksichtigt. Zudem speichert das Gedächtnis der Frau visuelle Eindrücke besser, das des Mannes die akustischen. Auch das wurde selten beachtet. Da alle Arbeitsweise von männlichem Denken geprägt war, mußten geistig arbeitende Frauen sich in eine Art Wissensdarbietung einarbeiten, die nicht ihrer Veranlagung entsprach, nicht ihre Aufmerksamkeit fesselte und nicht ihre geistige Anteilnahme weckte. Außerdem bestimmten die Kindheitssuggestionen von der Minderwertigkeit der Frau aus dem Unterbewußtsein heraus ihr Verhalten: Sie führten zu Mißtrauen den eigenen Stärken gegenüber und hemmten ihren Tätigkeitsdrang, so daß sowohl die geistige als auch die schöpferische Leistungsfähigkeit bis auf Ausnahmefälle nicht entwickelt werden konnte. Da ohne das Wecken eines geistigen Interesses eine wertvolle Leistung ausgeschlossen ist, und eine Kultur nur »dann blühen kann, wenn alle im Volke schlummernden Kräfte möglichst günstig zur Entfaltung gebracht werden können«, (7/19) war durch den jahrhundertelangen Ausschluß der Frauen ein wertvoller Teil verloren gegangen.

Eine weitere angeborene Willensrichtung der Frau, die nichts mit der Emotionalität zu tun hat, ist der Altruismus. Durch diese Veranlagung zur Selbstlosigkeit wird die seelische Eignung zum Mutterberuf gesichert. Für das Versorgen eines Kindes, eines anfangs noch hilflosen Lebewesens, muß sie so ausnahmslos und unbedingt dasein, daß sie ohne nachzudenken ihre eigenen Bedürfnisse in solchen Zeiten zurückstellt. Sie setzt sich manchmal sogar bis an die Grenzen der Erschöpfung für ihr Kind ein. Das ist für die meisten Mütter so selbstverständlich und entspricht so ihrer Wesensart, daß ihnen das überhaupt nicht oder erst nach vielen Jahren bewußt wird.

Mit dem Mutteramt verbunden ist eine erhöhte Feinfühligkeit, ein intuitives Ahnen drohender Gefahren (10/137). Diese Veranlagung bezieht sich nicht nur auf Kind und Familie, sondern darüber hinaus auch auf ihr eigenes Volk. Dieses blitzartige Erkennen von Einsichten und Zusammenhängen als zweite Erkenntnismöglichkeit neben der Vernunft, dringt bei Gefahr aus dem Unterbewußtsein ins Bewußtsein und erzwingt sich ein weises Handeln. Aber auch in Zeiten, in denen keine Gefahr besteht, schwingt die Volksseele in der Frau durch ein gemütstieferes Erleben stärker mit als beim Mann, bei dem dagegen die egoistische Willensrichtung vorherrscht. Deshalb ist die Befriedigung der vitalen Triebe, also des körperlichen Wohlbefindens, für ihn auch wichtiger als für die Frau, bei der das Glück und Geschick der nächsten Angehörigen im Vordergrund steht.

Am Ende des Buches setzte sich Mathilde von Kemnitz noch mit der Frage auseinander, inwieweit eine doppelte Berufstätigkeit der Mütter erstrebenswert wäre. Hierbei forderte sie vor allem die wirtschaftliche Unabhängigkeit der Mütter durch eine Entlohnung vom Staat. Ein Müttergehalt (Hier ist nicht das Kindergeld gemeint) würde sie nicht nur davon befreien, in Notsituationen arbeiten und die Kinder fremder Hilfe anvertrauen zu müssen, sondern es würde ihr die volle Verantwortlichkeit bewußt machen und so ihr Selbstbewußtsein stärken. Auf diese Weise würde sie gleichwertig dem verdienenden Manne gegenüberstehen.

Für die Jahre der Mutterschaft sprach sie sich grundsätzlich gegen eine doppelte Berufstätigkeit aus, zeigte jedoch auch die Gefahren, die entstehen, wenn die Kinder zu sehr und zu lange behütet und so von einer Entwicklung zur Selbständigkeit abgehalten werden. Ein Halbtagesberuf der Mutter würde in solchen Fällen auch für die Erziehung vorteilhaft sein. Auch wenn die Verfasserin keine grundsätzliche Empfehlung geben wollte, ergänzte sie noch, daß die größere Beweglichkeit des Geistes und die bessere Anpassungsfähigkeit der Frau den doppelten Beruf erleichtern würden. Eine abwechslungsreiche Tätigkeit sei erholsamer und führe zu größerer Leistungsfähigkeit als eine gleichförmige, den ganzen Tag dauernde Arbeit. Außerdem würde jede Frau aus ihrer Mutterzeit Vorteile ziehen, denn sie würde mit größerer Erfahrung und Reife an eine erneute Berufstätigkeit gehen.

Der Forderung des Verlegers, dieses Buch unter dem Namen Dr. M. von Kemnitz erscheinen zu lassen, gab sie nur in der ersten Auflage nach. In der Annahme, daß es sich bei dem Verfasser um einen Mann handeln würde, wurde dieses Buch unbefangen gewürdigt und auch von den meisten führenden Frauen der Frauenbewegung anerkannt. Zur Enttäuschung der Verfasserin gab ihr Buch dieser aber nicht die notwendige Vertiefung. Mit ihren Forderungen wollten die Frauenrechtlerinnen den zweiten Schritt vor dem ersten tun. Ohne Kenntnis der sich vom Manne unterscheidenden weiblichen Wesensart stellten sie Forderungen auf, die sich nur an den Rechten und Fähigkeiten des Mannes orientierten. Zudem entwickelte diese Bewegung immer mehr machtpolitisch ausgerichtete Züge und sah auf Mutterschaft überlegen herab. Jedoch viele der außerhalb dieser politischen Bewegung stehenden Frauen begannen zu ahnen, wieviel mehr sie durch ein Begreifen und richtiges Würdigen der weiblichen Eigenart gewinnen würden.

Durch die Arbeit an diesem Buch und die zahlreichen Krankheitsfälle ihrer Praxis erkannte sie die Notwendigkeit, ausgehend von der nun erkannten weiblichen Andersart, Grundsätzliches zur Geschlechterbeziehung auszuarbeiten.

Für die seelisch verankerte Liebe zwischen Mann und Frau verwendete sie dabei das mittelalterlich wirkende Wort Minne. Darunter verstand sie eine mit allen seelischen Fähigkeiten verwobene Sexualität. Das griechische Wort für Minne ist übrigens Erotik. Dieses Wort verwendete sie jedoch nur anfangs und kehrte dann zu dem deutschen Wort zurück. Bei diesem zweiten Buch ging sie nicht mehr von wissenschaftlichen Beweisführungen und Statistiken aus, sondern von den Tatsachen der Entwicklungsgeschichte. Sie schrieb in ihren Lebenserinnerungen, daß dieses Buch während ihres Schaffens über ihr eigentliches Wollen hinauswuchs, daß sie – bereichert durch intuitives Erkennen, das aber immer einer kritischen Nachprüfung standhielt – zu Ergebnissen kam, die sie vorher nicht erwartet hatte, und die ihr den Weg zu ihrer späteren Philosophie wiesen. Nun zu dem Buch:

Sie hatte mehrere Verhaltensweisen bei den Einzellern beobachtet, die nichts mit der Fortpflanzung zu tun hatten, nämlich ein zeitweises Beieinanderweilen, zu anderen Zeiten eine Verschmelzung der Zellkerne und eine anschließende Trennung. Bei weiteren höheren Einzellern sah sie neben geschlechtlicher und ungeschlechtlicher Vermehrung eine Dauerverschmelzung zweier Zellen, die sich vorher in zwei Arten einfacherer Urzellen zurückgebildet hatten. Diese Vorgänge erkannte sie als Ausdruck eines Willens, das eigene Erbgut mit dem eines anderen Einzelwesens gleicher Art auszutauschen und zu ergänzen, oder in seiner höchsten Form, dauerhaft mit dem anderen zu verschmelzen. Da alle Willensäußerungen von Einzellern an Vielzeller weitergegeben werden, da alle einmal von der Natur eingeführten Gesetzmäßigkeiten nie mehr völlig verschwinden (6/24), so ist diese Willensäußerung in gewisser Form auch beim Menschen zu erkennen.

So ist der Wunsch nach Nähe auch eines der ersten Bedürfnisse, wenn ein Mann und eine Frau sich zueinander hingezogen fühlen. Der beim Einzeller körperliche Vorgang wird beim Menschen zu einem auf die Seele des anderen gerichteten Wollen. (sollte!) Der unbewußte Wille im Einzeller ist ein Gleichnis für die seelischen Gesetzmäßigkeiten der Minne, nämlich ein Sehnen, Eigenart auszutauschen, wobei sich die Wesensart von Mann und Frau weise ergänzt. Man will einander bereichern und gibt soviel Wertvolles, wie man bekommt. Dabei spielen die Sinneswahrnehmungen eine große Rolle, ebenso die Seelenfähigkeiten, die Art und Weise, wie gedacht und gehandelt wird und die seelische Verwebung all dieser Eigenarten mit den göttlichen Wünschen. Die innere Begeisterung für einen anderen Menschen ist auch vom Erbgut, und da besonders vom im Unterbewußtsein verankerten Gemütsleben abhängig. Übereinstimmung hierbei ermöglicht erst vollkommenes Verstehen des anderen. Diese seelische Begeisterung überträgt sich dann auf den Paarungswillen. Sie muß sich also vor diesem entwickeln können, wenn die Dauerhaftigkeit einer Beziehung oder Ehe gesichert sein soll.

Ausgehend von der Unterschiedlichkeit der körperlichen Entwicklung von Jungen und Mädchen geht Mathilde von Kemnitz auf die besonders große moralische Verantwortung der Frau ein. Denn sie ist durch die natürliche Anfangskälte und durch ihre Veranlagung einer höheren seelischen Empfindsamkeit wesentlich besser vor einem zu frühen Erwachen des Paarungswillen vor Erreichen einer seelischen Reife geschützt. Dadurch ist die Gefahr der Überreizung oder geistiger bzw. seelischer Genügsamkeit oder auch einer Hörigkeit bei ihr geringer als beim Mann (6/192). Sie ist in den meisten Fällen erst einmal bestrebt, den Charakter eines Menschen kennenzulernen und seine Art, auf alle Ereignisse im Leben zu antworten, bevor sie sich für die körperliche Gemeinschaft entscheidet. Da alle Erlebnisse in der Seele Spuren hinterlassen, also auch solche, die es nicht wert waren, oder denen kein Wert beigemessen wurde, kann und sollte jede Frau, der im allgemeinen das eigene seelische Wohl sehr viel wichtiger ist als dem Mann, dafür sorgen, daß vollkommene seelische Übereinstimmung und Gleichklang zwischen ihr und dem Mann besteht, bevor es zur körperlichen Gemeinschaft kommt. Auch dem Vorleben dieses Mannes gegenüber sollte sie nicht gleichgültig sein. Denn auch in seiner Seele haben unwürdige oder zu zahlreiche Erlebnisse ihre Spuren hinterlassen. Außerdem kann sie daraus Rückschlüsse ziehen auf seine Einstellung zur Frau und die mögliche Dauerhaftigkeit ihrer Gemeinschaft.

Aus der Tatsache, daß der Mann vom Anblick einer Frau, diese jedoch durch die Werbung eines Mannes um sie angesprochen wird, der Anblick also häufiger und leichter erreichbar ist als die Werbung, ergibt sich eine größere Abhängigkeit des Mannes von der Frau. Dies widerspricht aber seiner Wesensart. Um diesem Zwiespalt zu entkommen, versucht er, über den Menschen, der die Ursache für seine Abhängigkeit ist, Macht auszuüben, also ihn zu unterdrücken. Da kam ihm die christliche Einstellung von der Minderwertigkeit der Frau sehr entgegen. Es ist klar, daß ein Verhältnis, das so ungleichgewichtig ist, Achtung voreinander und Ebenbürtigkeit verhindert.

Wird die Abhängigkeit des Mannes von der Frau bewußt ausgenützt, verliert er nicht nur die Achtung vor ihr, sondern jene wird noch gesteigert: er wird hörig oder er sucht nach erneuter Erfüllung anderswo. Das Bedürfnis nach anderen neuen Reizen entsteht. Da dieses auf purer Oberflächlichkeit beruht und viel zu leicht erfüllt wird, befriedigt es durch die leichte Erfüllung wieder nicht oder nur kurz und so geht die Suche weiter. Solche Männer werden dann auf die Dauer unfähig zu einer tiefen in der Seele verankerten Zuneigung und somit unfähig zur Einehe.

So liegt eine weitere wichtige Aufgabe der Frau darin, dafür zu sorgen, daß die größere Anregbarkeit des männlichen Geschlechtes durch Sinneswahrnehmungen nicht ausgenutzt wird. Hierbei kann und muß sie auf ihre eigenen Geschlechtsgenossinnen einwirken und sie abhalten, durch aufreizendes Benehmen oder eine dem entsprechende Kleidung Männer zu beeindrucken oder sogar zu erregen. Die Mode z. B. nimmt darauf keine Rücksicht. Oft hat man sogar den Eindruck, als wolle sie gerade diese Schwäche ausnutzen.

Aus der vorwiegend weiblichen Veranlagung der anfänglich geringen sexuellen Ansprechbarkeit, sowie den eben genannten wichtigen Aufgaben der Frau in der Geschlechterbeziehung, ergeben sich ganz andere Forderungen an die Erziehung von Mädchen als sie jahrhundertelang üblich waren. Denn früher behütete man die Mädchen und ließ sie nicht selbständig werden, wobei die meisten doch durch ihre natürliche Veranlagung wesentlich besser als die Jungen vor zu frühen Erlebnissen geschützt waren. Bei diesen ist die Fähigkeit zum körperlichen Erleben noch vor der seelischen Reife entwickelt. Dadurch ist die Gefahr viel größer als bei den Mädchen, daß sie durch ein flaches, genügsames Ersterlebnis geprägt werden, das sich »mit allen Einzelheiten für das ganze Leben tief in die Seele eingräbt« (11/6). Ein solches weist den Weg in eine Gemeinschaft, die sich mit oberflächlicher Befriedigung der Triebe begnügt und nicht durch gegenseitiges inniges seelisches Erleben und Achtung zusammengehalten wird.

Der beste Schutz für ein Mädchen besteht in einer großen inneren Selbständigkeit, einem gesunden Selbstbewußtsein, einer hohen Widerstandskraft seelischer Beeinflussung gegenüber und einer Erziehung zur Ehrlichkeit gegen sich selbst. Und natürlich in der Kenntnis der oben erwähnten Tatsachen.

Das Buch »Erotische Wiedergeburt«, in dem die eben erwähnten Erkenntnisse für Klarheit auf dem Gebiet der Geschlechterbeziehung sorgten, wurde 1919 herausgegeben. Während es vom Volk begeistert aufgenommen wurde, zog die Fachpresse vor, es totzuschweigen. Die Verfasserin selbst spürte, daß ihr bei diesem Buch, da, wo es um die Grundlage ging, noch Klarheit fehlte. Eine gewisse Dürftigkeit ihrer moralischen Richtlinien wurde auch von Kritikern festgestellt. Dieses einstweilige Unvermögen ließ sie nicht zur Ruhe kommen und als sie dann wenig später vollendete Klarheit darüber erlangt hatte, fügte sie diesem zweiten Buch noch eine Ergänzung an, in der sie betonte, wie wichtig die richtige Wahl für die seelische Entwicklung eines Menschen ist. Denn wahrhafte Minne hat einen so starken Einfluß auf die Seele eines Menschen, daß diese sich auf einen Höhenflug begeben, oder bei falscher Wahl in bodenlose Tiefe stürzen kann. Sie kann ein wichtiger Schritt zur Erfüllung des Lebenssinnes werden, aber auch »seelenmordendes Gift«.

Darüber hinaus forderte Mathilde von Kemnitz Ehrfurcht vor dem Willen zur Wahlverschmelzung, da seine Verwirklichung zur Schaffung eines Menschen führen kann (6/200), der die Möglichkeit in sich trägt, durch Überwindung des unvollkommenen Selbsterhaltungswillens dauernden Einklang mit dem Göttlichen zu erreichen.

Die zweite überarbeitete Ausgabe dieses Buches erschien dann 1931 unter dem uns heute geläufigen Titel »Der Minne Genesung« (3/55).

Das Frauenkonzil

Nachdem Mathilde von Kemnitz in ihren Büchern die wesentlichsten psychologischen Unterschiede von Mann und Frau sowie die Grundlagen für ein gesundes und erfülltes Geschlechterverhältnis erarbeitet hatte, begann sie damit, ihre Erkenntnisse an die Öffentlichkeit zu tragen. Sie führte Vortragsreisen durch und berief 1920 ein dreitägiges sogenanntes Frauenkonzil ein. Auf diesem ging sie noch einmal auf die besonderen unterschiedlichen seelischen Eigenarten von Mann und Frau ein und legte dar, welche Aufgaben diese bei der Staatsführung und der Kulturgestaltung erfüllen müßten, um durch den Einsatz beider einen wehrhaften, sittlich gesunden, in Frieden lebenden und kulturell hochstehenden Staat zu erhalten.

Die Rednerin war sich sicher, daß sich durch weibliche Mitarbeit, die im Einklang mit weiblicher Eigenart steht, ein anderer Staat als der damals bestehende, ergeben würde. Das hierzu wichtigste Forschungsgebiet sei die Psychologie. Neben dieser Vorliebe für das Allgemeine und Abstrakte beim Mann und der für das Persönliche bei der Frau gibt es weitere Unterschiede, die sich aus der verschiedenartigen seelischen Struktur beider Geschlechter ergeben.

Besonders die den Männern angeborene Willensrichtung des Egoismus führt in einem reinen Männerstaat immer zu Ungerechtigkeiten bestimmten Gruppen gegenüber sowie zu Bevorzugungen anderer. Hier kann und muß die Frau entgegen steuern. Dabei darf sie sich aber nicht auf die soziale Hilfe im Staat beschränken (lassen).

Die Neigung zu kämpfen, die mit der egoistischen Willensrichtung des Mannes eng verbunden ist, hat sich im Laufe der Entwicklungsgeschichte verlagert. Aus dem Kampf mit dem Rivalen um das Revier oder um ein Weibchen verschob sich dieser, nachdem er so nicht mehr notwendig war, auf den Kampf um Besitz und alle Gebiete des Geisteslebens.

Der gesunde Wille der Frau dagegen ist durch das Fehlen des Kampfes um Macht gekennzeichnet. Durch ihre Anlage zur Selbstlosigkeit, einem wichtigen Bestandteil der Mütterlichkeit, ist sie beseelt von einem Sehnen nach Frieden. Sie möchte nicht mit einer Waffe siegen, sondern auf friedliche Weise mit Hilfe der Wahrheit überzeugen. Dadurch, daß ihr der männliche Egoismus und Machtwille fehlt, strebt sie nach Wahrheit ohne Rücksicht auf andere Interessengruppen. Damit dieser Kampf des Mannes um Macht nicht ausartet, ist eine Begrenzung nötig, die durch die sittliche Notwendigkeit erfolgt. Hier liegt die Aufgabe der Frauen, und zwar der Frauen aller Völker, dafür zu sorgen, daß keine unheilvollen Lügen und keine Hetzereien diese vortäuschen. Unter Umständen muß ein diesbezügliches sittliches Ideal von der Frau auch erst geschaffen werden. Erst dann werden Männer zu Mördern, wenn sie sich nicht von diesem leiten lassen und nicht die Rechte anderer Völker achten. Das heißt, die Frau muß auch Hintergründe durchschauen und Beweggründe erkennen können. Mit Hilfe ihrer psychologischen Begabung und des damit verknüpften Einfühlungsvermögens sowie ihrer Fähigkeit, Feinde intuitiv zu erkennen, fällt ihr das nicht so schwer, wie man zuerst meinen möchte. Dabei darf man aber nicht vergessen, daß die Kampfeslust des männlichen Machtwillens genauso angeboren ist wie der Friedenswille der Frau. Beides sind wertvolle Eigenschaften und müssen geachtet werden, jedoch ist eine ständige sittliche Überprüfung beider notwendig, da sie sonst entarten.

Mathilde von Kemnitz lehnte Parteienmitarbeit von Frauen ab, da diese sich hier in die Machtfelder der Männer begeben würden. Schutzwälle könnten jedoch nur von außen aufgerichtet werden. Andernfalls wären sie gezwungen, wie Männer zu kämpfen.

In ihrem zweiten Vortrag über weibliche Staatsarbeit rief Mathilde von Kemnitz zu einer weiblichen Politik auf. Hierzu gründete sie einen politischen Bund, einen Weltbund nationaler Frauen, mit hohen ideellen Zielen, von denen alle Mitglieder überzeugt sein und denen sie sich unbedingt verpflichtet fühlen mußten. Dadurch sollte ein rücksichtsloser Wahlkampf mit all seinen unschönen Begleiterscheinungen vermieden werden.

Es waren dies die folgende fünf Punkte (3/147):

1. Ich verwerfe die doppelte Moral der politischen Arbeit und der sittlichen Forderungen und bekenne, daß ich meine politischen Worte und Werke in Einklang stehen lasse mit meinem sittlichen Ideal. Daher stelle ich all mein politisches Denken und Handeln vor allem in den ausschließlichen Dienst der Wahrheit, die da verlangt, daß ich nichts verschweige und nichts hinzufüge.

2. Ich bekenne mich zu der Erkenntnis, daß die Verstandesbegabung des weiblichen Geschlechtes auf allen Gebieten des psychologischen Denkens die Frau verpflichtet, den Wissens- und Staatsbau kritisch zu prüfen und ergänzend zu befruchten, unbeeinflußt von männlicher Denkweise, aber auch eingedenk derBegabung des männlichen Geistes.

3. Ich bekenne mich zu der Erkenntnis, daß die weibliche Eigenart des Willens die Welt befreien kann und soll von dem atemlosen Kampfe entarteten Machtwillens. Daher wirke ich jedem Imperialismus (zur Machtgier entarteter Machtwille) entgegen, ganz unabhängig von der Idee, der er dient. Ich wirke entgegen dem Imperialismus des Schwertes, des Besitzes und des unwahrhaften Wortes, wie sie einzeln oder gemeinsam verwertet werden im Kampfe der Nationen, der politischen Parteien, der Stände, der Geschlechter, der Rassen und der religiösen Überzeugungen. Niemals aber soll dies Entgegenwirken ein Kampf mit geistigen Waffen, also Mannesarbeit werden: niemals soll es zur Unterschätzung des hohen ethischen Wertes eines starken Nationalbewußtseins und einer starken Liebe zur eigenen Rasse führen.

4. Ich bekenne mich zu der Erkenntnis, daß weibliche Eigenart des Willens die Welt befreien kann und soll von der Triebentartung, insonderheit von dem Tiefstand des Sexuallebens. Ich werde ohne moralische Überhebung und ohne Verblendung gegenüber den Schwächen des eigenen Geschlechtes besonders aber auch für die kulturgemäße Vergeistigung und Versittlichung des Sexuallebens wirken.

5. Ich bekenne mich frei von jedem Ehrgeiz und verpflichte mich, die Gemeinschaft zu verlassen, wenn ich inne werde, daß ich in irgendeinem Punkte das Bekenntnis nicht bejahen und verwirklichen kann.

Mathilde Ludendorff unterschied deutlich die Notwendigkeit der Existenzsicherung eines Volkes von Macht- und Eroberungsgelüsten und lehnte einen dies nicht berücksichtigenden allgemeinen Pazifismus ab. Sie erwähnte hierbei die besondere Aufgabe der Mütter bei der Erziehung der Jungen, die sie aus ihrer Veranlagung heraus besser erfüllen können als die Väter: Sie müssen für eine Begrenzung der ungezügelten Rauflust sorgen, den möglichen Mißbrauch dieser Veranlagung zum Kampf an den zahlreichen Beispielen in der Geschichte zeigen, Mißtrauen gegen das geschriebene Wort wecken sowie unbedingte Wahrhaftigkeit und Ehrfurcht vor dem Daseinsrecht anderer Völker fordern.

Außerdem betonte sie, daß dieser Weltbund nationaler Frauen sich von den Weltverbrüderungsideen der Männer durch die Pflege des Nationalgefühls unterscheidet. Die Liebe zur eigenen Art sah sie als wertvolle Grundlage für die Weltgemeinschaft. Diese Liebe in Verbindung mit der Veranlagung zum intuitiven Erkennen von Volksgefahren, und einem stärker ausgeprägten Bedürfnis des Bewahrens und Erhaltens des Eigenen läßt die Frau die Volksseele stärker erleben, als den Mann, bei dem der Wille zur Macht vorherrscht. Somit wird eine Frau, der das bewußt ist, auf ganz andere Art im Volk wirken als ein Mann. Sie wird von der Philosophin Mathilde Ludendorff deshalb auch als mittelbare Geschichtegestalterin bezeichnet, im Gegensatz zum Mann, der eher der unmittlbare Geschichtegestalter ist.

Zur Zeit der Gründung dieses Weltbundes nationaler Frauen glaubte Mathilde von Kemnitz noch, wie sie in ihren Lebenserinnerungen schrieb (3/147), einen Kampf ohne geistige Waffen führen zu können, indem sie sich auf ein nur der Wahrheit verpflichtetes Wirken beschränkte. Später erkannte sie, daß dies wohl in einem Idealstaat möglich gewesen wäre, aber nicht unter den Verhältnissen der damaligen Zeit.

Durch ihr Erkennen, wie sehr der Ausschluß der ausgleichenden weiblichen Eigenart im Wollen und Handeln von der unmittelbaren Tätigkeit für den Staat volksvernichtende Wirkung hat, durch ihr Erkennen, daß die Frauenfrage deshalb eigentlich eine nationale Frage war, kam sie bald mit der damaligen völkischen Bewegung in Berührung. Im Herbst des gleichen Jahres (1923) lernte sie den General Erich Ludendorff kennen, der ihr spontan die wichtige Aufgabe übertrug, einen Entwurf für neue Richtlinien für das Kultusministerium auszuarbeiten. Er selbst sagte (4/114), daß er nie über die Frauenfrage nachgedacht hätte und nie die Gelegenheit gehabt habe, in deren Freiheitskampf und in ihre besondere geistige Leistungskraft Einblick zu gewinnen, daß er aber beim ersten Gegenüberstehen einen so starken Eindruck von ihrer Begabung erhalten hätte, daß ihm klar gewesen wäre, daß sie das weit besser als die Männer machen würde.

Das sich in der weiblichen und männlichen Eigenart harmonisch ergänzende Zusammenwirken erkannte sie selbst später auch bei der gemeinsamen Arbeit. Sie, die Philosophin, die ursprünglich nur auf die Wirkung der Wahrheit einer Idee vertrauen wollte, die anfangs eine geistige Auseinandersetzung ablehnte und glaubte, diese Gedanken würden sich, wenn nicht gleich, so doch in einem anderen Jahrhundert durchsetzen, wurde vom General von der unmittelbaren Notwendigkeit eines Kampfes überzeugt. Und er lernte den Wert des psychologischen Eingehens auf den Gegner kennen.

Und wie sieht es heute aus?

Die Erkenntnisse Mathilde Ludendorffs werden – wenn sich auch vieles gebessert hat – immer noch nicht in der richtigen Weise berücksichtigt. Immer noch glaubt man, die Hälfte der Stellen mit sogenannten Quotenfrauen besetzen zu müssen, das heißt, man geht von einem festen Prozentsatz aus, der grundsätzlich erfüllt werden muß, und der sich nicht nach der Notwendigkeit einer besonderen weiblichen Begabung richtet. Immer mehr wird die Frauenfrage als Machtfrage gesehen und nicht ihre Bedeutung für das Volk und seine Erhaltung erkannt. Immer noch berücksichtigt man die psychologischen Geschlechtsunterschiede bei der Berufswahl zu wenig. Auch die Frage, ob Frauen grundsätzlich so wie Männer Dienst mit der Waffe leisten sollen, gehört dazu. Immer noch wird von Feminismus und Antifeminismus geredet, ohne mit einem Wort auf die unterschiedliche Wesensart mit ihren Stärken und Schwächen einzugehen. Daß es dabei nicht zu Höchstleistungen für Staat, Volk und Kultur kommen kann, versteht sich von selbst. »Denn nicht darum darf es sich handeln, ob die Frau irgend etwas ebensogut leisten kann wie der Mann, sondern darum, ob sie es ganz anders, aber ebenso wertvoll und wertvoller ausführt.« (7/12)

Selbstbewußtsein besitzen die jungen Mädchen und Frauen heute schon in wesentlich höherem Maße, aber erst dann wird dieses wertvoll, wenn es von Selbstkritik und einer genauen Kenntnis der eigenen Stärken und Schwächen begleitet wird.

Frau sein heißt also: sein gehöriges Maß an Verantwortung gegenüber dem Mann, der eigenen Familie und damit für sein Volk zu tragen.

Zusammengefaßt kann man sagen:

Die ganz besondere Aufgabe der Frau ist es, für die Rückkehr zu einem gesunden Geschlechterverhältnis zu sorgen, in Achtung vor den Sinnen des anderen zu leben, ihre Kinder so zu erziehen, daß die Nachteile der seelisch bedingten Geschlechtsunterschiede berücksichtigt und ausgeglichen werden. Sie muß die sittlichen und moralischen Ideale in ihrer näheren und weiteren Umgebung errichten und deren Hüterin sein.

Darüber hinaus ist sie von ihrer Begabung und Wesensart her auch für das verantwortlich, was dem Leben abseits vom Daseinskampf seinen eigentlichen Wert gibt: der Pflege der Gemüts- und Kulturwerte. Damit bringt sie ein tief in der Seele ruhendes Sehnen zum Schwingen, das ein Band zu ihren Nächsten bildet. Dieses fördert nicht nur das Zusammengehörigkeitsgefühl in der Familie, sondern wird von den Menschen, die ein ähnliches oder gleiches Sehnen nach dem Guten, Wahren und Schönen in sich tragen, verstanden und in der gleichen Art beantwortet. Auch das hängt mit der Volksseele zusammen und kann besonders von der Frau mit weiblicher Eigenart erfüllt werden.

Das ist ihre im Stillen und eher im Hintergrund wirkende, aber doch so unendlich bedeutsame Aufgabe für ihr Volk.


Literatur: Mathilde Ludendorff

  1. »Lebenserinnerungen Band 1«
  2. »Lebenserinnerungen Band 2«
  3. »Lebenserinnerungen Band 3«
  4. »Lebenserinnerungen Band 4«
  5. »Lebenserinnerungen Band 5«
  6. »Der Minne Genesung«
  7. »Das Weib und seine Bestimmung«
  8. »Des Weibes Kulturtat«
  9. »Der asthenische Infantilismus des Weibes« (Archiv für Rassen- und Gesellschaftsbiologie, 10. Jahrg. 1913)
  10. »Die Volkseele und ihre Machtgestalter«
  11. »Ein Wort an die weibl. Jugend«, südd. Monatshefte, Okt. 1920, bzw. »Froschteich oder Höhenluft«