Der gefährlichste Feind der Schlechten

Von Dr. Mathilde Ludendorff

In meinen Werken der Gotterkenntnis zeigte ich, daß das Erleben des Stolzes in dem unvollkommen geborenen Menschen gar leicht entstellt werden kann. Eitelkeit und Hochmut sind die traurigen Zerrbilder dieses herrlichen Seelengutes. Ja, es kann bei vielen Menschen zu dessen völligem Verkümmern und seiner Abkehr in Knechtsinn, erbärmlicher Demütigung vor Mitmenschen und ängstlicher Furcht vor all denen, die eine Machtstellung innehaben, kommen. In noch unveröffentlichten Werken wurde die heilige Bedeutung des Stolzes, der in einer Menschenseele, die ihn täglich unverzerrt erlebt, höchste Verantwortung für alles Tun und Lassen und Unverletzbarkeit der Menschenwürde fordert, besonders belichtet. Es wurde auch dargetan, daß dieser mit Gott im Einklang bleibende, auch Gottesstolz von mir benannte Stolz, Beginn und Vollender der Überwindung der eingeborenen Unvollkommenheit ist.

In dieser kurzen Betrachtung unserer Zeitschrift bei Beginn des Jahres, das so große Entscheidungen für unser deutsches Vaterland zu bringen verheißt1), können wir auf diese hier erwähnte Einsicht nicht eingehen. Doch ist es möglich, kurz zu belichten, was alles an Gefährdung dem göttlichen Seelengut in unvollkommener Umwelt droht. Der Stolz ist schon dem Kinde eingeboren. Diese Tatsache erklärt es, daß der Mensch von Beginn seines Lebens an das Wissen in seiner Seele trägt, daß er nur in Freiheit leben kann und auch ein Recht auf Freiheit hat. Unterschiedlich ist allerdings der Grad, in dem sein Rasseerbgut dieses Wissen und dieses Fordern nach Erfüllung diese Rechtes unterstützt. Ich habe in unserer Zeitschrift die Worte des Russen Dostojewski wiedergegeben (s. Folge 17/1956), in denen er dem deutschen Volke das Ringen um die Freiheit mit Recht so hoch anrechnet. Und tatsächlich gab es in unserem Volke vor der Entwurzelung aus der eingeborenen Art des Gotterlebens eine erfreuliche Selbstverständlichkeit des Mutes, die Freiheit zu verteidigen und nach innerseelischem Entscheide für sie zu ringen. »Lieber tot als Sklave« war das Wort unserer Ahnen, und Siegfried hatte das Fürchten noch nicht gelernt! Mehr noch als anderwärts wurde von gottfernen, gewaltgierigen Geschichtsgestaltern dieser heilige Wille, für die Freiheit zu kämpfen, mißbraucht. Sie wußten sich immer erneut den Kampf ihrer Mitmenschen für ihre eigenen Ziele durch die Verheißung, daß für die Freiheit und gegen die Gewalt gekämpft werde, zu sichern. In erschütternder Eintönigkeit berichtet denn auch die Geschichte von dem immer erneuten Betrug an den solche Kämpfe überlebenden Menschen. Zu spät erkannten sie, daß man ihnen nicht die verheißene Freiheit bot.

Aber wir brauchen nur an die reichen Möglichkeiten zu denken, in denen der göttliche Stolz in der Menschenseele wirken kann, um zu wissen, daß die Gottwidrigen es nicht etwa bei diesem geradezu teuflischen Mißbrauch des Freiheitswillens der Menschen bewenden ließen. Was alles schuf dieses Erleben nicht an Widerstand der Menschen gegen ihr Treiben! Was alles erreicht er nicht in allen gottwachen Menschen an Kraft und Verantwortung, stets die Würde zu wahren und gälte es um deswillen auch schweres Leid auf sich zu nehmen! Wo aber bliebe die einfache Verwertung der Leidangst und Lustgier für alle die Menschenmißbraucher, wenn solche ganz für sie unbrauchbare Forderung der Menschenwürde nicht nur in seltensten Fällen, nein, auch in den im übrigen recht durchschnittlichen unvollkommenen Menschen anzutreffen wäre und unerwünschten Widerstand entgegensetzte! --

Wenn wir überdies hinaus ja aber noch wissen, daß alles göttliche Erleben im Ich der Menschenseele durch diesen göttlichen Strahl des Stolzes erst möglich wird, weil es ja alles im Zustande der Spontaneität, der Freiheit allein nur erlebt und erfüllt werden kann und eben dieses heilige Können das Geschenk des göttlichen Stolzes ist, so erwarten wir auch noch in allen Fällen, wo es sich um derartiges Erleben und seine Auswirkungen in Menschenseelen handelt, eine von den Gottwidrigen oft ganz unerwartet, andersartige »Reaktion«, will sagen Antwort auf ihre Ansinnen an diese Menschen!

Wie einfach und wie erfolgreich sind alle jene Berechnungen, die sie mit der Leidangst und der Lustgier der Menschen anstellen! Je verkümmerter das Ich einer Menschenseele ist, die sie ausnützen, deren Handeln sie verwerten wollen, um so sicherer sind ihre Erwartungen, ihre Berechnungen und um so siegeszuversichtlicher wird ihre berechnende Seelenbehandlung, ihre »Psychagogie«. Blicken wir aber näher auf die Wirklichkeit, so sind sie nur dann siegessicher, wenn sie nahezu abgestorbene Seelen vor sich haben. Aber schon bei denen, die, wenn auch nur selten, göttliches Erleben wählen und ihrem Gottesstolze nicht nur diese herrlichen Früchte danken, nein, auch Verantwortung wenigstens hin und wieder in sich spüren, Würde zu wahren, stoßen die Menschen-Mißbraucher auf unerwarteten Widerstand. Denn es gibt in ihrem Leben Stunden, in denen sie noch erhaben sind über alle Lockungen und Drohungen. Die Berechnung der Seelenmißbraucher war in solchen Stunden keineswegs eine richtige. Wenn immer also - und es gibt keine Pausen in solchem Bemühen - von seiten der Weltmachtgierigen, Gottwidrigen zuverlässige Sklavenseelen für ihren Dienst gesucht werden, wo immer sie dieselben erziehen oder gar abrichten, stoßen sie auf solche Unwägbarkeiten, auf solches Anders-Handeln, als sie es vorausberechnet haben. Wenn solches Anders-Handeln als vorausberechnet war ausgeschaltet sein soll, dann haben sie richtig geahnt, daß es sich keineswegs so sehr darum handelt, jedes göttliche Leben zu ersticken, nein, daß der Kern der Gottkraft im Ich, der göttliche Stolz wenn es irgend möglich ist, vernichtet werden muß!

So waren denn auch der Mißbrauch der Todesangst und der Mißbrauch des vom Gottesstolz geschenkten Freiheitserlebens und vom Wissen um das Menschenanrecht auf Freiheit als Lebensluft nicht die einzigen Mittel, die sich die Machtgierigen seit je ersannen. Sie wußten sich auch gar sehr zu bemühen, den Stolz in der Seele des Menschen zu brechen, ihn zu demütigen, um so grenzenloser über die Fähigkeiten des Bewußtseins der Menschen zu herrschen und deren Einzeltat zu bestimmen. In besonderen Werken, so zum Beispiel in dem Werk »Das Geheimnis der Jesuitenmacht und ihr Ende« und in der Schrift »Induziertes Irresein durch Okkultlehren« zeigte ich die Wege, die zum »Heile der Menschenseele« beschritten wurden, um aus den Menschen blindgefügige Werkzeuge zu machen, die den Forderungen eines »blinden Gehorsams« keinen Widerstand mehr entgegensetzten. Wie recht ahnten hier die Seelenmißbraucher bei solchen Abrichtungsplänen, daß sie schon dem Kinde gegenüber mit solcher »Schulung« beginnen müssen, da dieses noch nicht die göttliche Widerstandskraft im Ich, die Richtkraft nach den göttlichen Wünschen, entfaltet hat und seinen Erziehern Vertrauen entgegenbringt. Wie recht ahnten sie aber auch, daß, wenn alle ihre furchtbar demütigenden, den Stolze zertretenden Abrichtungsmittel in einer Menschenseele Erfolg haben, wenn ihr Rückgrat bricht, es ihr auch unmöglich wurde, sich selbst zu einer unantastbaren, geschlossenen Persönlichkeit zu entfalten. Wir haben in dem Werk »Das Geheimnis der Jesuitenmacht und ihr Ende« auch die übrigen Hilfsmittel zu solcher Zerstörung betrachtet und haben das furchtbare, so oft erreichte Ziel der Abrichtung die »Ertötung«, das Werden zum »Leichname« in der Hand des Befehlenden für die Klugheit solcher Abrichtungswege zeugen sehen. Aber wir dürfen nicht vergessen, daß solches Ziel keineswegs überall erreicht werden kann. Es ist im Gegenteil trotz höchster Bedrohung noch der freie Entscheid dessen, der da abgerichtet wird, ob er wirklich sein freies, der Umwelt tief verborgenes Eigenleben des Ichs trotz aller Erschwernisse dennoch weiterführt und seinen Stolz rettet. Tut er dies, so nimmt dieses Ich an all den aufgezwungenen Demütigungen nur soweit teil, als es sie alle mit tiefem Leid beantwortet, aber es gibt das Eigenleben und damit auch die innere Würde nicht preis, um nicht mehr leiden zu müssen! Da dieser Mensch diese Demütigungen hinnehmen muß, sich ihnen gar nicht entziehen kann, ist er nicht mitverantwortlich für sie, und so ermattet sein Stolz auch nicht. Der ganze »Erfolg« der Abrichtung ist dann nicht ein zerbrochener Gottesstolz, ein lebendiger »Leichnam« mit gelähmtem Willen, sondern nur ein unsagbar leidender, aber noch aufrechter, lebendiger Mensch, der sich auch reiches, niemand erkennbares, von der Umgebung nicht geahntes göttliches Eigenleben retten konnte.

Ein anderer weit flacherer, zudem auch sehr häufig erfolgreicher Weg, den Gottesstolz in der Menschenseele, ja, ihren freien Entscheid für oder wider Gott zu zerstören, und den Menschen zum blinden Werkzeug zu machen, ist die grauenvollste Abart des schon oben angedeuteten Mißbrauchs der Leidangst. Es ist der seit je von Machtgierigen beschrittene Weg der Verängstigung mit Todesstrafe, der die Menschen zu blindem Gehorsam bringt, die noch der Leidangst verfallen sind und dem Gehorsam Erfolg, Lohn, Glück, kurz die Häufung der Lust verspricht, die noch in seinem Bewußtsein als ersehntes Ziel herrscht.

Furchtbar ist die Auswirkung dieser Art der Abrichtungen, wie sie in fast allen geheimen Männerbünden eingeführt ist. Sie zerbricht, wenn sie Erfolg hat, den Stolz der Menschenseele und ersetzt diesen Verlust durch Schmeicheln der Eitelkeit, daß der Geheimorden den Bundesbr. in eine auserwählte Schar besonders weiser Menschen erhebe. Diese Abrichtung hebt, wenn sie Erfolg hat, in einer Menschenseele die Freiheit der Wahl für oder wider Gott praktisch auf, denn der einzelne hat, wenn er nicht Mordstrafe erleiden soll, den Befehlen, wie immer sie auch geartet sind, blind zu gehorchen. Dem so Geknechteten wird dann Leitung wichtiger Ämter anvertraut! Dabei wird solches Unheil den Opfern solcher Abrichtungen völlig verschleiert, denn das dem betreffenden Geheimorden ungefährliche Eigenleben des Ichs, so zum Beispiel auch manches göttliche Erleben im Kunstgenuß bleibt ihm erhalten. Oft wird dieser sogar besonders gepflegt und der Befehl zur Tat setzt auch nur selten und nur dann ein, wenn dies für den Geheimorden wichtig ist. Hat solcher Mißbrauch mit der Leidangst unvollkommener Menschen oder aber mit dem guten Wollen, Gott zu dienen wirklich Erfolg, dann allerdings war dieser dem eigenen Entscheid des Willens zu danken, denn das Ich wäre jederzeit in der Lage, die Leidangst zu überwinden, sich dem Gottesstolz und den göttlichen Wünschen ohne Wanken hinzugeben und die unwürdigen Fesseln unbekümmert um die Todesgefahr, die dann drohen, abzustreifen, wie es einst Mozart tat!

Wenn es aber in Verkennung der Seelengesetze und dem heiligen Sinne des Gottesstolzes in den Völkern der Erde einmal soweit gekommen war, daß man nicht nur Menschen in zartester Kindheit so behandelte, daß ihr Stolz zerbrach, um sie zu verlässigen gehorsamen Knechten zu machen und zudem unzählige mit Hilfe von Morddrohungen von einer geheimen Gerichtsbarkeit zum blinden Gehorsam vereidigt wurden, dann ist ein so zentrales Verbrechen an dem heiligen Sinn des freien Entscheides für oder wider Gott, die die Menschenunvollkommenheit trotz all ihrer leidreichen Auswirkungen notwendig machte, daß es nur noch eines weiteren Unheiles bedarf, um Todesnot des Gottesbewußtseins auf Erden zu verwirklichen. Dies weitere Unheil ist, daß an allen verantwortlichen Stellen jedes Volkes Menschen wirken und entscheiden, die sich selbst die Sklavenfesseln der Eidgelübde zu blindem Gehorsam aus Todesangst nicht abstreifen werden, und die es dennoch wagen in so gefesseltem Zustande anderen befehlen zu wollen!

Wenn wir aber die Unabhängigkeit freier, in sich geschlossener Persönlichkeiten von allen gottwidrigen Versuchen, sie zu bändigen und in ihre Hörigkeit zu bringen, oder sie zu vernichten bedenken, so darf es uns nicht wundern, daß sich hier die ganze Wucht des Angriffes der Gottwidrigkeit sammelt und entlädt, in der stets von der Geschichte widerlegten, aber immer aufs neue wieder erwachten Hoffnung, endlich doch so weit zu sein in der Schar der suggestiblen Massen, die von zuverlässig zu Gehorsam vereidigten Hörigen nach den Befehlen, die man ihnen gibt, gelenkt werden, keine widerstandsfähigen Persönlichkeiten mehr zu finden.

Mögen die Gefahren, bei solchem Mißbrauch dem Mensch auch noch so groß sein, hier wie dort sehen wir den letzten Entscheid dennoch im Ich vorbehalten. Je kraftvoller es sich in seinem Eigenleben die Gottkräfte, alle die Jenseitsgaben vor allem den Gottesstolz entfaltet, um so unmöglicher wird der Mißbrauch, um so sieghafter leuchtet trotz aller Gefahren das Jenseitslicht im Auge eines solchen Menschen wieder auf und beweist die sinnvollen Grenzen, die hier in der großen Fährnis gesetzt sind.

Die wunderbaren Seelengesetze aber, die das köstliche Gut der Menschenseele schirmen, können wir hier im einzelnen nicht enthüllen und erweisen! In einem meiner philosophischen Werke wird dies Wunder dargetan! Die Art dieses Schutzes entspricht ganz der Größe der Verantwortung, die die Menschenseele selbst für ihre eigene Wahl der Selbstschöpfung hat und verurteilt die Gottwidrigen gerade dann und da zu einer völligen Ohnmacht, wo ihr Sieg wirklich wichtig für sie wäre, nämlich zu Gott hin entfalteten Persönlichkeiten gegenüber.


Fußnoten:

  1. Veröffentlicht in »Der Quell« am 11.1.1957