Von Dr. Gunther Duda
| »Nicht mehr Befehl und religiöser |
| Anstaltsgehorsam, sondern religiöse |
| Selbstbestimmung ist gefragt.« |
| Michael Ebertz, Religionssoziologe |
Anläßlich des Evangelischen Kirchentages vom 13. bis 17. Juni in Frankfurt/Main veröffentlichte »Die Woche« vom 15.6.2001 drei bemerkenswerte Beiträge, die hier in ihren Kernaussagen zusammengefaßt werden sollen. Gerd Lüdemann (54)1), Professor für Neues Testament an der Universität Göttingen, schrieb über »Jesus ohne Chance – Sollte er tatsächlich heute wiederkehren, würde er nicht erkannt. Über die Umbildung des Menschen Jesus zum himmlischen Christus durch die Kirchen«. Der Beitrag: »Vom Kopf ins Herz – Wer heute noch religiös ist, glaubt nicht mehr an Dogmen der Kirchen, sondern will Spiritualität hautnah erfahren. Theologen fürchten die Privatisierung des Glaubens« stammt von Hartmut Meesmann. Und Ursula Ott schrieb über »Pfarrer in Strapsen – Gottesdienst in der Spaßgesellschaft: Um die Kirche zu füllen, werden Events im Gotteshaus veranstaltet – mit Fitness, Filmen und Fernfahrern«.
Lebendige Kraft strahlt der Christenglaube keineswegs mehr aus. Das erweisen nicht nur diese Berichte, noch stärker zeugen davon die erhobenen Zahlen von jungen Menschen im Alter von 14 bis 25 Jahren, bei aller Vorsicht gegenüber Befragungen.2) Die Jugend bestimmt ja die Zukunft. In dieser Umfrage bekannten sich insgesamt 35% zur evangelischen Kirche, davon 37% im Westen und 24% im Osten; 33% waren römisch-katholisch, West 41%, Ost 7%. Keiner Konfession gehörten 22% an, 10% West und 65% Ost. Die anderen religiösen Vereinigungen lagen zwischen 1% und 4% und werden hier vernachlässigt. Auf die Frage »Glauben Sie an Gott?«, sagten 60% Ja, (West 70%, Ost 27%) und 37% Nein (West 28%, Ost 72%); 51% glauben an ein Leben nach dem Tode, 44% verneinten das. Bei der weiteren Frage: »Was hat für Sie einen höheren Stellenwert?«, religiöse Gebote oder staatliche Gesetze, entschieden sich 10% für die ersteren und 46% für die letzteren. Die Häufigkeit der Gottesdienstbesuche wurde von 16% als »regelmäßig«, von 31% als »selten« und von 53% als »fast nie« oder »nie« angegeben. Auf die Frage »Gehört Religion zu einem erfüllten Leben dazu?«, meinten 29% Ja und 69% Nein; 29% glauben, das Leben sei »vorherbestimmt«, 61% verneinten das: »Es ist durch den Zufall oder andere Menschen geprägt«.
Nach dem evangelischen Theologen Hans-Peter Jörns bekennen sich »nur 65% der katholischen und gar nur 54% der evangelischen Kirchenmitglieder zu einem persönlich vorgestellten Gott, wie ihn die christliche Tradition überliefert«. Die Zahlen der regelmäßigen und meist überalterten Gottesdienstbesucher – insgesamt 5 bis 7% – sollen zumindest im Raum Bonn seit 30 Jahren gleich geblieben sein.
»Wie komme ich dazu, ausgerechnet im Gottesdienst beim Sprechen der Glaubensbekenntnisse vor allen Leuten regelmäßig zu lügen. Ich kann doch nicht glauben, daß Jesus vom Heiligen Geist gezeugt wurde. Ich kann nicht glauben, daß Maria Jesus als Jungfrau zur Welt gebracht hat. Ich kann nicht glauben, daß Jesus nach drei Tagen körperlich auferstanden ist.«
Mit diesem erschütternden Eingeständnis wehrt sich Martin Dolde, der Präsident des Frankfurter Kirchentages, »die jahrhundertealten Sätze des kirchlichen Credos wortwörtlich glauben zu müssen, so wie es die Traditionalisten in den Kirchen beharrlich fordern«. (Meesmann)
Auch Ulrich Fischer, Bischof der evangelischen Landeskirche von Baden, fügt sich notgedrungen der »unumkehrbaren Pluralisierung« christlicher Glaubensüberzeugungen. Die alten Bekenntnisformeln bedeuten ihm nur noch eine Richtschnur, die dem einzelnen hilft, »sich der Gemeinschaft der Glaubenden verbunden zu wissen«. »Kirchliche Bekenntnisbildung lebt von einer gewissen Häresie«, muß er heute eingestehen. Und so paßt sich die evangelische Kirche mehr und mehr sehr zeitnah, wenn auch nicht unumstritten, durch sogenannte »Richtungsgemeinden« der Entwicklung weg von der Religion an. Für jeden etwas: Solche für die herkömmlich Frommen, experimentierende für die Kritischen und Suchenden und billigste, ja nicht selten abstoßende Unterhaltung für die völlig Genügsamen. Tatsächlich, es wird immer schwerer, den biblischen »Auftrag« durchzuführen.
»Die Gesellschaft funktioniert auch ohne Religion. Die Leute sind auch ohne Religion zufrieden«, muß auch Eberhard Tiefensee, Priester und Philosoph, eingestehen. Diese »Privatisierung des Glaubens« bedeutet aber nichts anderes als einen Fortschritt, hin zur religiösen Selbstbestimmung und Befreiung vom überholten Priestertum. Genau das aber hatte Erich Ludendorff schon in den 30er Jahren empfohlen.
Lüdemann verweist auch hier auf die erbitterten wissenschaftlichen Auseinandersetzungen, den historischen Jesus vom Christus des Dogmas zu befreien. Heute weiß man, daß das meiste von dem, was in den Evangelien steht, Jesus erst nachträglich in den Mund gelegt wurde. Der Rest von ungefähr 15% reiche aus, den Umriß seines Tuns und seiner Botschaft zu erkennen. Der geschichtliche Jesus selbst bleibe die gewaltigste Macht gegen das Christentum. Dies ließe sich eindeutig am Apostolischen Glaubensbekenntnis (s. o.) erweisen, in dem aus gutem Grund der Jesus aus Fleisch und Blut zwischen Geburt und Tod fehlt.
»Er hatte, so wie er als Mensch war, keinerlei Bedeutung. Der Verdacht drängt sich auf: Nicht um dessen willen, was er war, sondern um dessen willen, was er nicht war, haben Paulus und seine Nachfolger Jesus zum Mittelpunkt der Kirche gemacht.
Nun besteht die Ironie dieses Vorgangs religiöser Selbsttäuschung darin, daß die Bibel selbst die Mittel für seine Aufdeckung bereitstellt. Denn die Kirche mußte ein Interesse daran haben, Weltenherr und Wanderprediger als ein und dieselbe Person dingfest zu machen. Ohne diese begriffliche Fixierung und historische Verankerung des mythischen Christus keine Autorität und Macht für die Kirche auf dieser Erde! Daher bewahrte sie in ihren Reihen auch die Traditionen vom historischen Jesus und nahm sie – dogmatisch geschönt – in den Kanon heiliger Schriften auf. Das gereichte ihr in der Neuzeit unter den Gebildeten zur Schande, weil man erkannte: Jesus hat diese Kirche nicht gewollt. Er hat ihr nicht die Bindegewalt zugeschrieben, die ihre Vertreter für sich beanspruchen.«
Der Glaube, er ist tot, nicht etwa Gott. Das bestätigen grauenhaft genug alle derzeitigen Rettungsversuche, die nichts anderes sind als Verhöhnung Gottes wie der Menschen und Völker.
Events, Ereignisse – Veranstaltungen, sie sollen retten, die Kirchen wieder zu füllen oder an anderen »locations« neue Schäflein anzusprechen, vom Bierzelt bis zum Parkhaus (und Autobahnkapelle), vom Zirkus, Kino, Varieté bis zur »Musical Hall«. Die Individualisierung der Gesellschaft macht »Zielgruppen-Gottesdienste« notwendig. Begonnen hatte es schon in der 70ern mit den »Beat-Gottesdiensten«. Es folgten Familiengottesdienste, Krabbelgottesdienste, Tiergottesdienst, oft mit Hund und Katz, und Thomasmessen für Zweifler. In den 90er Jahren warben Techno-Messen und neuerdings soll die Erlebnis-, Spaß- und Mediengesellschaft der »Erlösung« dienen. Auch mit Kabarettszenen, zeitgenössischer Musik, Tanz und »pointierten Ansprachen«, selbst außerhalb der Tempel, wird gelockt. Den »Herrn« vergegenwärtigt man heute in »Quiz shows«, »Fitneß«-Gottesdiensten, »Aerobic-Übungen«, »Dancefloor«-Musik, Ernährungstipps und lockeren Predigten, nicht etwa von der Kanzel, sondern vom »Hometrainer« aus.
»,Kölle alaaf!', brüllt die Gemeinde regelmäßig beim Karnevalsgottesdienst in der Kölner Martin-Luther-Kirche. In Teletubbis-Kostümen kommen die Kinder, mit Pappnasen die Muttis und Papas, um Pfarrer Mötters zu lauschen, der in Netzstrümpfen und Strapsen op Kölsch' predigt: gegen Düsseldorf und den Kardinal Meisner.«
Die Pfarrer wissen, was sie tun. Wieder heiligt der Zweck die Mittel. »Wir machen das aus der Not heraus, mit dem normalen Gottesdienst erreichen wir nur einen Teil der Gemeindemitglieder«, verrät Quirin Gruber in Nürnberg. Statt der 50 Gläubigen des herkömmlichen Sonntagsgottesdienstes lockte sein »Fitneß-Event« 200 Leute an, und vor allem die Medien. »Wenn Gruber zur Predigt anhebt, tut er es fast nie ohne Beobachtung von mindesten zwei Kamerateams.« (Die Welt) Sie biedern sich oft allzu platt an und kupfern auch ab. »Salbung und Handauflegen« wie in der Ayurveda-Klinik, »Dunkelheitsfeste« wie einstmal im Frauenzentrum, »Zen-Meditation« und »Manda-Malen« wie bei den Buddhisten. Und so wird eifrig Mystik, »Spiritualität«, »Vertrauen, in Gottes Hand zu stehen« und hautnahe »Glaubenserfahrung« suggeriert. »Die Leute wollen unser Zeugnis«: auch durch Scheidungsrituale, Segnung gleichgeschlechtlicher Paare, Geburten- und Sterbebegleitung...
»,Inkulturation' nennen Theologen die Einpflanzung des Glaubens in ungläubiger Umgebung. Kirchenleute meinen, auch in den alten Bundesländern müßten sie das Feld wieder bestellen, auch hier gerate die christliche Botschaft in Vergessenheit. Die Wahrer der Kirchenlehre fürchten, daß ihre Predigt schlicht verdunstet.« (Meesmann)
»Lebenshilfe« oder gar Wahrheitsvermittlung bedeutet das alles nicht, im Gegenteil. Die Mißerfolge liegen auch auf der Hand. »Viele dieser Gottesdienste sind eine flüchtige Sache, die schwimmen auf einer Welle und sind dann wieder vorbei«, meinte der Bonner Theologe Eberhard Hauschild.
Drewermann wies in seinen »Klerikern« ebenfalls den toten »Gott« in den Priestern selbst nach. Bislang hat sich, so weit bekannt ist, noch keine Frau zur »Event-Pfarrerin« und billigen Unterhalterin entwürdigt. Trotzdem, auch sie fördert den von Lüdemann angeprangerten Nihilismus. Angesichts der Tatsache, daß seit sieben Jahrzehnten Gotterkenntnis geschaffen ist, macht aber auch er sich mitschuldig an dieser Krise.