Dollar gegen Euro

Von Georg Kolb

Der plötzliche und starke Rückgang des Wirtschaftswachstums in den USA im letzten Vierteljahr des Jahres 2000 zeigt, daß dort eine gut zehnjährige und damit beispiellos lange Aufschwungphase zu Ende gegangen ist; zu dem unerwartet schnellen Rückgang dieser Phase hat erheblich auch die Geldpolitik der US-Notenbank beigetragen, denn sie erhöhte aus Sorge vor den Folgen des starken Aufschwungs zwischen Juni 1999 und Mai 2000 die Leitzinsen um 1,75 % auf 6,5 %; die negativen Folgen des Wirtschaftswachstums mit nur noch einer Arbeitslosenrate von 4 % waren bisher stets Anstieg der Lohnkosten und damit Belebung der Inflation. Die bei noch niedrigen Inflationszahlen ungewöhnlich hohen Zinsen sollten diese Folgen verhindern.

Eine weitere Sorge der Notenbank gilt dem, was als Leistungsbilanzdefizit bezeichnet wird und als Begriff bedenklich negativ klingt, in diesem Fall aber grundsätzlich und zunächst für die US-Wirtschaft einen großen Vorteil bedeutet. Denn dieses Defizit kommt dadurch zustande, daß aufgrund der blühenden US-Wirtschaft Kapitalanleger aus dem Ausland ihr Kapital in den USA anlegen, weil sie berechtigte Hoffnung haben, es werde ihnen hier besonders viel Gewinn bringen. Diese Rechnung schien bisher wunderbar aufzugehen, denn allein mit diesem Geldstrom verteuerte sich gegenüber anderen Währungen (besonders aber gegen den Euro) der Dollar, so daß schon aufgrund dieser Wechselkursveränderung das in den USA angelegte Geld an Wert zunahm. Je mehr Auslandsgeld in die USA gelangt, um so mehr steht dort als Kapital für die Modernisierung der Wirtschaft zur Verfügung und um so mehr kann der eigene Markt mit preiswerten und modernen Produkten versorgt werden, so daß die wirtschaftliche Vormachtstellung der USA in einem sich selbst verstärkenden Prozeß noch verbessert wird.

Aber auch dieser kann nicht endlos weitergehen, denn jeder Markt hat Sättigungsgrenzen, auf die sich die Produktion einstellen muß, was das Ende von Wirtschaftswachstum bedeutet. Erst in einer solchen Phase kann das Leistungsbilanzdefizit zu einem Problem werden; falls nämlich an anderer Stelle auf der Welt eine Volkswirtschaft schnell wächst, kann das ausländische Kapitalanleger bewegen, ihr Geld gerade dort anzulegen und es aus den USA abzuziehen, wo sie es zuvor angelegt hatten. In diesem Falle würde sich die zuvor nach oben gerichtete, sich selbst verstärkende Spirale der Verbesserung umkehren: Das, was die US-Wirtschaft beflügelt hat, würde sie nun lähmen, denn es stünde für Investitionen immer weniger Geld zur Verfügung, der Dollarkurs würde sich abschwächen und damit würde - weitere Selbstverstärkung - noch mehr Geld abwandern.

Gerade die neuen Technologien, die wesentlich mit zum Wirtschaftswachstum beitrugen, banden und binden auch in Zukunft viel Kapital, denn es muß im Hinblick auf erst in einigen Jahren zu erhoffende Gewinne viel investiert werden. Wenn aber das Wagniskapital ausbleibt, dann droht gerade im Bereich der modernsten Techniken ein Dominoeffekt von Pleiten. Diese Entwicklung hat sich Ende des vergangenen Jahres durch einen scharfen Rückgang der zuvor stark überhöhten Aktienkurse der Technologiewerte angekündigt. Weil aber inzwischen fast jeder zweite Haushalt in den USA Aktienbesitzer ist, bildete sich eine noch engere Verbindung als zuvor zwischen Finanzmarkt und Wirtschaft heraus, denn durch die Aktienhausse wurde die Konsumneigung gefördert, die im Augenblick fallender Aktienkurse gebremst wird und damit zusätzlich den wirtschaftlichen Abschwung noch beschleunigt. Diese sich selbst verstärkenden Prozesse hat die amerikanische Notenbank zu Beginn des Jahres 2001 durch eine kräftige Leitzinssenkung um 0,5 % entschärfen wollen.

Vielleicht hat Notenbankpräsident Greenspan damit zu spät reagiert, denn Entscheidungen auf seinem Gebiet sind in ihren Folgen schwer voraussehbar, weil sie die Psychologie der unterschiedlichsten menschlichen Existenzen berücksichtigen müssen. Das Gesetz des Trends ist schwer zu ermessen. Greenspan genießt zwar großes Ansehen, weil er die wirtschaftliche Entwicklung oft richtig eingeschätzt hat, ihm sind aber auch schon schwere Fehlurteile unterlaufen. Das läßt sich vielleicht auch mit den genauesten Daten und Statistiken in der Hand nicht verhindern, weil die Maßnahmen der Notenbank stets auf zukünftige Entwicklungen steuernd einwirken sollen - und so war es schon immer in der Welt der Menschen: Prognosen sind dann schwer, wenn sie die Zukunft betreffen. Doch was auch immer die nächsten Schritte der Notenbank sein werden, sie mögen für die US-Wirtschaft richtig sein oder falsch, sie haben ganz sicher das Ziel, eine sogenannte harte Landung der Wirtschaft, also eine Rezession zu verhindern. Und auf noch etwas kann man sich verlassen, nämlich auf das Machtbewußtsein Greenspans. Anfang Dezember, als man an der Börse schon sehnlich auf Zinssenkungen wartete, damit die Kurse nicht zu sehr abstürzten und die neuen Technologien sich, um zu überleben, zinsgünstig verschulden könnten, hatte Greenspan eine leider kaum beachtete Bemerkung gemacht: Er werde zu verhindern wissen, daß das in den USA angelegte Auslandskapital wieder abwandern würde. Dies droht dann zu geschehen, wenn die Aktienwerte zu tief sinken werden.

Inzwischen haben »Experten« aus den Begleitumständen der Zinssenkung durch die Notenbank den Schluß gezogen, Greenspan werde tatsächlich eine weitere deutliche Zinsenkung schon Ende Januar nicht scheuen, um die amerikanischen Aktienkurse vor einem Sturz zu bewahren. Es ist klar: Es kann nicht im Interesse der amerikanischen Wirtschaft sein, Auslandskapital, das ihr dienstbar ist, zu verlieren. Was könnte denn auch in einer Zeit von Massendemokratie und Massenkonsum, in der die Politik der Wirtschaft dienen muß, wichtiger sein, als hilfreiches Kapital an sich zu binden?

Dieses wurde und wird freiwillig zur Verfügung gestellt, es wird nicht etwa von Unterworfenen oder dienstbaren Vasallen zwangsweise eingetrieben, (obwohl es auch das gibt, wie man erst in jüngster Zeit wieder gesehen hat). Außerdem ist es eindeutig so, daß starke nationale Wirtschaften, also solche, die neue Produkte anbieten können, vom freien Markt am besten profitieren. Die Lehre von der freien Marktwirtschaft ist insofern eine Siegerideologie - auch wenn sie das nicht von Anfang an war.

Wenn vom »freien Markt« die Rede ist, denkt man an einen möglichst ungehinderten Austausch von Kapital und Produkten, so wie es Adam Smith mit seiner Lehre von der »unsichtbaren Hand« Gottes einst gefordert hatte. Smith wollte die Wohleingerichtetheit der Schöpfung bekanntlich am Beispiel des freien Marktes beweisen. Denn da folge jeder nur seinem Egoismus, wenn er nämlich genau das produziere, was er am besten kann, um es möglichst zu dem für ihn günstigsten Preis auf den Markt zu bringen. Durch die Konkurrenz mit anderen werde er aber gezwungen, sein Produkt möglichst kostengünstig und von guter Qualität anzubieten. Auf diese Weise, indem jemand einem Egoismus folgt und doch der Allgemeinheit dient, wird eine Paradoxie sichtbar; und was könnte Gottes Wirken mit unsichtbarer Hand besser beweisen als eine Paradoxie? Unter den Bedingungen des freien Marktes würde der Egoist zu einem Wohltäter der Mitmenschen!

Mit Wundererklärungen dieser Art kann man heute niemanden mehr den Nutzen des freien Marktes erklären. Seine Vorteile scheinen für uns bisher so groß gewesen zu sein, daß sich die Frage nach Begründungen nicht stellte. In armen afrikanischen oder asiatischen Ländern sieht es mit der Antwort auf diese Frage allerdings anders aus, denn wer z. B. nur landwirtschaftliche Produkte oder solche der »alten Industrie« anzubieten hat, wird nie auf einen grünen Zweig kommen. Für ihn bedeutet es, für den »freien Markt« zu produzieren, billig zu verkaufen und teuer einkaufen zu müssen, denn je moderner ein Produkt ist, um so relativ teurer kann es verkauft werden. Je größer und leistungsfähiger eine Volkswirtschaft oder diese im Verbund mit anderen ist, um so mehr kann im Prinzip in Neuentwicklungen investiert werden, der »freie Markt« macht also in der Regel den Starken stärker und schwächt den Schwachen; wenn nur genügend Kapital vorhanden ist, und nur der Starke hat genügend, können auch Mängel ausgeglichen werden. Die Schwächen eines schlechten Schulsystems können z. B. dadurch gemildert werden, daß Wissenschaftler konkurrenzlos gut bezahlt werden. Wissenschaftliche Entwicklungen, die verschlafen wurden, aber lassen sich manchmal nicht mehr einholen; z. B. hinkt Europa in der vielversprechenden Biotechnologie 10 Jahre hinter der amerikanischen Forschung hinterher, und je qualifizierter jemand auf diesem Gebiet ist, um so stärker ist die Verlockung, in den USA an der Spitze der Entwicklung dabeizusein. Also ist nicht alles nur eine Frage der Kapitalausstattung, wenn nur die richtigen Entwicklungsentscheidungen getroffen werden (z. B. konnte so der europäische Airbus zu einer erfolgreichen Konkurrenz für die übermächtige amerikanische Flugzeugindustrie werden.)

Der Wachstumsrückgang der amerikanischen Wirtschaft verhalf dem Euro zu einer Erholung, so daß die Prognostiker, die den Euro im letzten Jahr schon vor dem Dollar sahen, behaupten, ihre Voraussagen würden nur mit Verspätung doch noch eintreten. Wenn sie aber im letzten Jahr so sehr irrten, dann ist die Prognose auch jetzt nichts wert - der Euro sollte stärker werden als sein Anfangskurs zum Dollar, er gab aber davon bis über 25 % ab. Als er besonders tief lag, tauchte die Frage auf, ob die Ursache dafür nicht in der beabsichtigten Osterweiterung der EU zu suchen sei. Die Probleme die durch sie entstehen, wurden im letzten Jahr in den deutschsprachigen Medien nur oberflächlich geführt, man hielt sich weitgehend an etwas, das wie eine Sprachregelung aussah, nämlich wesentliche Kosten würden nicht eintreten. Das kann nicht sein. es stellt sich nur die Frage, wer hier zahlen muß und wieviel. So weit ich selbst es beobachten konnte, gab es - und das sagt alles - eine außerhalb der Medien geführte Diskussion, ob der tiefe Eurokurs nicht mit der EU-Osterweiterung zusammenhänge. Alles, was sich jetzt als sichere Prognose mit einem Eurokurs über Parität hervortut, steht auf dem wackeligen Boden all der wackeligen politischen Entscheidungen, die Europas Zukunft sichern sollen, aber nur zu oft auf kurzsichtigen einzelstaatlichen oder parteipolitischen Egoismen beharren.