Von Elke und Dr. Gundolf Fuchs
Die Erziehungsfrage ist recht vielschichtig, entsprechend viele Fehlvorstellungen bzw. Fehlwege gibt es. Die schulische Erziehung nimmt dabei einen großen Raum ein. Damit beschäftigen sich ein Beitrag in der Dithmarscher Landeszeitung sowie ein Beitrag und eine längere Abhandlung in der FAZ. Zuvor sei aber noch auf einen Beitrag in der Märkischen Allgemeinen (MAZ) vom 14. 3. 01, S. V3, »Flippige Mütter - echt ätzend - Wenn Eltern auf Kumpel machen, haben sie schlechte Karten« hingewiesen. Schon zu Platons Zeiten hat es die alberne Unsitte gegeben, daß Eltern die Dummheiten ihrer Kinder mitmachten, um noch recht jung zu erscheinen, denn Platon hatte bereits Anlaß, diese Unsitte scharf zu kritisieren. In dem genannten Beitrag wird gleich zu Beginn die Hauptursache für falsche Erziehung festgestellt: »Jugendlichkeit, Kaufkraft und Anpassungsfähigkeit werden von der Gesellschaft übertrieben hofiert.« Daher versuchen selbst Großeltern ihren Enkeln gegenüber so jugendlich zu wirken, »daß die Anrede ,Oma' und ,Opa' wie ein Griff in die Mottenkiste erscheint.« 1) Kleinere Kinder finden eine Gleichstellung der Eltern mit ihnen meist noch als angenehm, weil ihren törichten Wünschen weniger Grenzen gesetzt werden, aber »Teenager« »honorieren es keineswegs, wenn sich Eltern übertrieben jugendlich und flippig geben. Da hilft auch nicht, wenn diese sich durch übertriebenes Entgegenkommen anbiedern oder sich gar auf eine Stufe mit Sohn oder Tochter stellen.«
Die traurige Anbiederung gibt es auch auf sprachlichem Gebiet, wie eine Stelle in dem MAZ-Bericht zeigt: »Eltern begeben sich auf das sprachliche Niveau der Freunde ihrer Kinder, indem sie mit diesen über coole Sounds oder ihr Feeling für Hits fachsimpeln.« Die Umgangssprache selbst von Gymnasiasten steht heute auf einer so tiefen Stufe und enthält auch viele Ausdrücke mit zersetzendem Inhalt, daß man zweifeln kann, ob es sich noch um Vertreter eines Kulturvolkes handelt. Das ist kein Vorwurf gegen einzelne, denn der Gruppenzwang und die Gewöhnung erfordern schon eine starke Gegenkraft, wenn man sich nicht in den Strudel der Sprachverhunzung hineinziehen lassen will. Aber ein kleiner Denkanstoß soll hiermit gegeben werden.
Unter der Zwischenüberschrift »Kinder brauchen Grenzen zum Reiben« findet man sogar eine wichtige Erkenntnis: »So selbstsicher sie sich auch geben mögen, unbewußt vertrauen sie den Erfahrungen der Älteren und erwarten Grenzen, an denen sie rütteln können, um auf diese Weise selbst erwachsen zu werden.«
»Kinder sind ein Geschenk auf Zeit« heißt ein Buch von Hans Bahrs. Es erinnert gleich im Titel daran, daß das unmittelbare Erziehungsamt an Heranwachsenden ein Ende hat. Mittelbar können die Eltern durch ihre Lebenshaltung und auch durch ihre Stellungnahme zu »Unternehmungen« oder Handlungsweisen der schon »jugendlich erwachsenen« Kinder diesen allerdings noch Halt und Hilfe geben.
Dann werden in schlichten Worten einige Richtlinien aufgeführt, die zu »beherzigen« sind.
Gerade für einfache Gemüter, die durch die teils sehr dialektisch geführte Diskussion verwirrt und verunsichert sind, sind solche Mahnungen und Hinweise sehr wichtig. Abschließend wird auch noch der wichtige Gedanke erwähnt, daß »Heranwachsende erst straffer, mit zunehmender Reife lockerer geführt werden sollten.« Diesen Gedanken findet man auch im »Erziehungswerk« Mathilde Ludendorffs »Des Kindes Seele und der Eltern Amt« philosophisch begründet. Das Spannungsfeld zwischen notwendigem Zwang bei der Erziehung und dem Achten des Freiheitswillens des Kindes wird erheblich geringer, wenn im Kleinkind durch straffe Willenszucht der törichte ungebremste Lustwille keine unumschränkte Herrschaft erringen kann. Heranwachsenden, die bereits an Beherrschung dieses Lustwillens gewöhnt sind, kann viel mehr Freiraum gewährt werden.
Nun zur schulischen Erziehung: Seit einiger Zeit hört man immer wieder von »internationalen Leistungsvergleichen« bei Schülern. Bei diesen Vergleichen schneiden die deutschen Schüler nur mittelmäßig und schlechter ab. Dabei hatten wir in Deutschland ein vorbildliches und erfolgreiches Bildungssystem, auch wenn mancher Ballast gelehrt wurde, der nur Gedächtnisbelastung war. Die Grundrichtung stimmte aber, und es verließen gut ausgebildete und fähige junge Menschen die Schulen aller Stufen. Wie kam es nur, daß sich das Bild nun bereits seit einiger Zeit so sehr zum Nachteil verändert hat? Die Überschrift eines Berichtes in der (DLZ), 21. 02. 01, S. 9, gibt bereits einen wichtigen Hinweis. Sie lautet »,Spaßgesellschaft' verdirbt viele Schüler«. Über diese Frage wurde auf einem Treffen von Lehrern mit dem Unternehmensverband Unterelbe-Westküste gesprochen. Wie üblich wurde u. a. die traurige Feststellung getroffen: »,Es fällt inzwischen auf, wieviele Schüler Probleme mit Rechnen und der Rechtschreibung, selbst bei ihren Bewerbungen haben.'« Aber es wird auch betont: »,Viel schwerwiegender ist jedoch, daß die soziale Kompetenz vielfach fehlt, und gerade in einer Druckerei ist Teamarbeit gefragt.'« Nun wird einerseits »Teamarbeit« als wichtiges Erziehungsziel herausgestellt, aber wohl mehr als verordnete Hilfe der Lernstärkeren gegenüber den Lernschwächeren und nicht als freiwillige gute Zusammenarbeit auf gleicher Leistungsstufe. Da wurde durch ein übersteigertes »Individualitätsideal« die Ichsucht hochgezüchtet. So heißt es an anderer Stelle des Berichtes »,Viele Schüler sehen nur ihre eigenen Ziele. Das Lustprinzip herrscht vor, ... die Schüler sind zu sehr auf die Spaßgesellschaft getrimmt.'«
Nun kann Leistungsfähigkeit selbst bei guter Begabung nur dann gewonnen werden, wenn die Schüler angehalten, ja notfalls gezwungen werden, sich der Mühe des Lernens zu unterziehen. Mit solchem Zwang wird den Schülern kein »freudloses« Leben verordnet. Einem Schüler, der eine Schule entsprechend seiner geistigen Begabung besucht, hat neben dem Lernen noch Freizeit, in der er seinen Freuden nachgehen kann. Er gewinnt letztlich sogar mehr Freizeit, wenn er die alte Regel einhält: »Erst die Arbeit, dann das Vergnügen«. Jeder Versuch, notwendige Arbeiten erst einmal zu verschieben oder zu unterbrechen, wenn sich ein Schüler unbeobachtet fühlt, mit der stillen Hoffnung, sich ganz davor drücken zu können, kostet mehr Zeit.
Der Vertreter einer Druckerei schließt die kritische Betrachtung über Ausbildungsmängel bei Schülern mit der Aussage ab: Mit den derzeitigen Lehrlingen »gibt es keine Probleme. Wir waren auch in der glücklichen Lage, daß es ausreichend Bewerber gab.'« D. h. aber, daß eine Reihe von Schülern nicht den Leistungsstandard und die Leistungsbereitschaft zeigten, die ein Ausbildungsbetrieb verlangen muß.
Läßt sich mancher doch überzeugen, daß die Schule keine reine »Spaßgesellschaft« sein kann, so verwirrt eine andere Behauptung, daß die Schule »angstfrei« sein müsse, doch viele Gemüter. Hier muß erst einmal ein wichtiger Unterschied herausgestellt werden. Wer mangels Begabung ein Lernziel nicht erreichen kann, darf nicht bestraft werden. Geschieht das doch - was früher häufiger vorkam so entsteht berechtigte Schulangst, die unbedingt zu beseitigen ist. Rührt die Angst vor zurechtweisenden Eingriffen von Lehrern aber daher, daß ein Schüler seine Aufgaben nicht ernstnimmt oder gar den Unterricht stört, dann dürfen diese Eingriffe nicht unterbleiben, weil Schule »angstfrei« sein muß. Notwendige Eingriffe in die »persönliche Freiheit« des Schülers sind umso leichter zu ertragen, je selbstverständlicher gewisse Regeln des Zusammenlebens anerkannt werden. Das Hinterfragen solcher Richtlinien hat die heutige mißliche Lage ganz wesentlich herbeigeführt. Darauf wird in einem FAZ-Beitrag v. 27. 2. 01, S. 16 »Angstfreie Schule« sehr deutlich hingewiesen. Er beginnt: »Etliche Schülergenerationen sind mit einer Pädagogik aufgewachsen, die die Vermittlung elementarer Anstandsregeln für überholt hielt. Gebote und Verbote waren nach vorherrschender Lehre ursächlich für Untertanengeist und Autoritätsgläubigkeit und überdies nicht mit der gewünschten ,angstfreien Schule' zusammenzubringen.« Und wie sieht nun der Erfolg einer von scheinbarer Menschenliebe getragenen Schulerziehung aus? »Man hätte sich denken können«, so heißt es in dem Bericht über die »angstfreie Schule« weiter, »daß eine ganz auf die Förderung individueller Persönlichkeitsentfaltung setzende Erziehung einem Rückfall ins vordemokratische Faustrecht Vorschub leisten würde. Soweit ist es inzwischen auf vielen Schulhöfen gekommen. Nicht mehr der Lehrer flößt Angst ein, sondern Mitschüler.« Warum aber hat »man« - und dazu gehören doch auch die Presseleute - die Entwicklung nicht vorausgesehen? Oder wurde diese Fehlentwicklung wider besseres Wissen zugelassen? Einige Ideologen, die z. B. auch die moderne Musik »erfanden«, um die Jugend aus althergebrachten, natürlichen Bindungen herauszuerlösen, wollten das so. Ein weiterer Teil sah die Folgen zwar voraus, wollte aber gegen die mächtigen Ideologen keinen Widerstand leisten, die Mehrheit wurde jedoch von der »Scheinfreiheit« verlockt und erkannte erst spät, daß es sich um verderbliche Zügellosigkeit handelte. Als den meisten doch ungemütlich wurde, hatte sich die Fehlentwicklung so gefestigt, daß viele vor der Macht des bereits entstandenen »Faktischen« ängstlich die Waffen streckten. Nun mußte es erst unerträglich werden, bevor sich warnende Stimmen meldeten. Unmittelbarer Auslöser war das Erschrecken »über das martialische Auftreten von Skinheads«, daher »hat der Bundeselternrat jetzt gefordert, Jugendlichen klarzumachen, daß bestimmte Grenzen nicht überschritten werden dürften. Der Elternrat empfiehlt das Beispiel einer nordrhein-westfälischen Gesamtschule, an der das Tragen von Springerstiefeln und Bomberjacken verboten ist.« Da Skinheads ihre allgemeine Gewaltbereitschaft oft mit nationalistischem Mantel umgeben, wird mit der Ablehnung der Gewalt auch gleich wieder ein Abscheu vor nationalem Denken überhaupt erweckt. Am Schluß des Berichtes findet man aber die richtige Erkenntnis, daß Verbote von Symbolen allein nicht genügen, sondern daß sich die Denkungsart ändern müsse, denn es heißt: »Auf Dauer kann nur eine Rehabilitierung des Erziehungsgedankens den verlorenen Frieden an die Schulen zurückbringen.«
In einer weiteren Abhandlung in der FAZ v. 1. 3. 01, S. 50, »Stark versetzungsgefährdet - Unser Kinderbild: Der Unterricht an deutschen Schulen leidet unter Gleichheitsidealen«, von Sonja Margolina, wird die Frage einmal unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten, aber auch im Hinblick auf erstrebte Chancengleichheit betrachtet. Gleich zu Beginn wird festgestellt, daß nicht nur das Allgemeinwissen deutscher Schüler im europäischen Vergleich höchstens mittelmäßig ist, sondern es wurde auch betont: »Im Verhältnis zu den europäischen Nachbarn zeigten die Deutschen nur unzureichende Ansätze selbständigen Denkens und im Umgang mit mathematischer Logik mangelt es ihnen an Phantasie. Da gute mathematische Fertigkeiten in anderen naturwissenschaftlichen Fächern von grundlegender Bedeutung sind, gehört auch die Physik zu den Leidensfächern deutscher Schüler. Vor dem Hintergrund der Globalisierung erscheint ein derartiger Rückstand als Standortnachteil. Selbst wenn es gelänge, die Devise der ewig Gestrigen, ,Kinder statt Inder', in die Praxis umzusetzen, könnte der deutsche Nachwuchs mit den Ausländern schwerlich mithalten.«
Die ideologische Abqualifizierung des Schlagwortes »Kinder statt Inder« ist offensichtlich eine Verbeugung vor dem Zeitgeist, denn im weiteren wird mehrfach darauf hingewiesen, daß sozialistische Theorien und »Glaubenssätze« die Ursache für Mißstände auf dem Gebiet des Bildungswesens sind. Zunächst ein fachlicher Hinweis: »Der Entwicklung mathematischen Denkens liegen zwei Eckpfeiler zugrunde: Die Einübung in die Beweisführung und die Findigkeit in Bezug auf mögliche Lösungen. Für das Erlernen der Beweisführung in den frühen Lernstufen gelten die Textaufgaben - meist Entfernungs- und Geschwindigkeitsaufgaben - als besonders geeignet. Wer mit den einfachen Übungen dieser Art vertraut wird, gewinnt an Vermögen, vom Text zu abstrakten Formeln überzugehen, und verinnerlicht die Mechanismen der schrittweisen Beweisführung. Die Fähigkeit, sich in der Welt der einfachen Abstraktion eigenständig zu bewegen, spornt die Schüler zum Herangehen an kompliziertere Aufgaben an und eröffnet ihnen die Logik und Schönheit der Mathematik.«
Sicher werden nun viele sagen, wie kann man von einer »Schönheit« bei der streng logischen eher nüchternen Mathematik sprechen? Liest man dagegen Lebensbeschreibungen von Kepler, dann erkennt man, wie sich der Blick in die Weltallweite der Sternenwelt mit dem Erkennen mathematischer Beziehungen zwischen dem Lauf der Gestirne, hier der Planeten, zu einer »Spährenmusik« zusammenfügte.
In Bezug auf die deutschen Verhältnisse fallen harte Worte wie »Einfallslosigkeit«, wodurch »Mathematik und naturwissenschaftliche Fächer ... als Ansammlung unzusammenhängender Begriffe und sinnloser Informationen präsentiert« werden.
Danach folgt der traurige Schluß: »Dabei ist der naturwissenschaftliche Zyklus in seiner Ödnis vermutlich keine Ausnahme unter den Schulfächern, nur ihre Ergebnisse sind, im Unterschied etwa zum Deutschunterricht, international meßbar.« Nach dem Hinweis, daß es sich bei den kritisierten Zuständen nicht um »methodische Mängel der schulischen Vermittlung der Naturwissenschaften als Problem von Fachgremien« handelt, heißt es: »Die Didaktik der einzelnen Disziplinen wird in hohem Maße von einer Ideologie beeinflußt, die gesellschaftliche Vorstellungen von Bildung, Erziehung und Kindheit widerspiegelt. Dem sozialdemokratischen Bildungsauftrag lag das Gebot der Chancengleichheit, der Erziehung zum mündigen Bürger zugrunde. Die autoritären Verhältnisse der bürgerlichen Bildungsanstalt ... hatten in der öffentlichen Erziehung nichts mehr zu suchen. Dem neuen Bildungsziel entsprach eine libertär-therapeutische Vorstellung vom Kind als potentiellen Opfer der Kapitalismus: einer konzentrations- und lernunfähigen und durch jeden noch so kleinen Druck seelisch gefährdeten Pflanze.« Weiter wird ausgeführt: »Die weitgehende Befreiung der Kleinen von Mühe und Anstrengung, die mit dem Lernen verbunden sind, wird oft durch pädagogisch-psychologische Theorien sowie durch den ideologischen Glaubenssatz der Chancengleichheit begründet.«
Wie immer verfallen Ideologen gern extremen Ansichten. Die reinen Nützlichkeitsapostel sehen in der besonderen Lernfähigkeit des Kleinkindes die Chance bereits viel Rüstzeug für einen erfolgreichen Daseinskampf zu erwerben. Dagegen steht die richtige Erkenntnis, »daß man Kindern nicht zu viel Lernen zumuten sollte, weil sie schnell überfordert würden.« Treibt man die letztgenannte Erkenntnis bis ins Extreme, so »inszeniert man einen erweiterten Kindergarten, in der Annahme, die Schüler würden sich selbst finden und ohne Druck entfalten«. Gerade die schwächeren Schüler, »aus bildungsarmen Familien« die »kein kulturelle Kapital mit in die Schule« bringen, sind die Leidtragenden solcher Fehlvorstellungen. Zwar lernen auch die besseren Schüler bei einem »Kindergarten-Spiel-Schulunterricht« zu wenig dazu, aber den schwächeren Schülern wird die Möglichkeit genommen, überhaupt eine Stufe zu erreichen, auf der später sinnvoll weiter aufgebaut werden kann. Läßt sich später eine Steigerung der Anforderungen nicht mehr vermeiden, dann ist das Versagen der schwächeren Schüler vorprogrammiert. Auch das haben sicher einige Ideologen erkannt und gewollt, denn mit Unzufriedenen, die von der Hilfe des »Sozialstaates« abhängig sind, kann man gewünschte Umwälzungen im Gemeinschaftsgefüge gut durchführen. Nach Erreichen des Zieles - und die Umgestaltung im sozialistischen und weltbürgerlichen Sinne ist ja weitestgehend erreicht! - ändert sich die Zielrichtung natürlich wieder. Daher kann man es sich jetzt leisten, den Sozialstaat schrittweise abzubauen. Beim Durchschnittsbürger fängt das mit erhöhten Steuern - die Mehrwertsteuer beträgt inzwischen 16 Prozent - erhöhten Abgaben und Streichung von Beihilfen an. Aber auch die Sozialhilfeempfänger werden den »Sparzwang« zu fühlen bekommen, zumindest über schärfere Kontrollen ob die Bedingungen für die Sozialhilfe auch wirklich vorliegen.
Sicher waren nicht alle Fehlwege leicht zu erkennen. Das Gleichheitsideal verlangt ja eigentlich, daß den Schwächeren auf Kosten der Stärkeren geholfen wird. Da die Gleichmacherei aber ebenso unsittlich wie undurchführbar ist, kommt manchmal sogar das Gegenteil heraus: »Durch das unaufrichtige Ideal der Chancengleichheit hat man Konkurrenz und Leistung aus der Schule verbannt, hat sie zur Sache individuellen Erfolgs oder Scheiterns gemacht. Anders konnte es auch in einem System nicht kommen, in dem das Gleichheitsprinzip tagtäglich mit dem marktwirtschaftlichen Individualismus kollidiert.« Auch wenn die Lehrer und die besseren Schüler nach den sozialistischen Vorgaben »verpflichtet« werden, den schwächeren uneigennützig zu helfen, führt das nicht zu wirklicher Hilfe, denn zugleich formt die Schule zum Individualismus, der jeden seine »Besitzstände« verteidigen läßt. So entsteht trotz der sehr »mitmenschlich« erscheinenden Vorgaben eine »soziale Kälte und Gleichgültigkeit in der Schule«.
Unter der Zwischenüberschrift »Der Nutzen der Klamottenkiste« heißt es »Die Krise der Schulbildung ist auf zwei Annahmen zurückzuführen: daß das Kind Opfer der Außenwelt ist und es vor deren Herausforderungen möglichst lange zu schützen sei und daß Chancengleichheit durch niedrigere Ansprüche zu gewährleisten sei. Eine sonderbare Mischung aus Überforderung und Unterforderung ist das Ergebnis. Das niedrige Niveau der verlangten Kenntnisse und Fertigkeiten macht auch die didaktischen Ansätze nichtig, die zur Hebung des Lernniveaus und damit des ,Outputs' des Unterrichts beitragen könnten.« Dabei bleiben die Schwachen hoffnungslos auf der Strecke. Sehr richtig folgert Sonja Margolina: »Man hat Ihretwegen« (der Schwachen wegen) »die Anforderungen gesenkt, und sie schaffen es trotzdem nicht.«
Chancengleichheit wird so zur Gleichheit im Scheitern. Auch wird dem Wahn entgegengetreten, man könne den Lernerfolg durch Einsatz moderner Mittel wie dem »Internet« verbessern. So paradox es klingt, »gerade in einer sich immer schneller wandelnden Welt« muß die Schule »konservativ« bleiben: »Das bedeutet aber, daß sie sich bei der Wissensvermittlung auf ihre eigentliche Aufgabe besinnen muß: auf die Entwicklung des Denkvermögens und das Verstehen der Außenwelt«. Mathilde Ludendorff hat bereits vor über 70 Jahren auf die Wichtigkeit hingewiesen, daß in der Schule neben der Vermittlung von Grundwissen in erster Linie die Denk- und Urteilskraft gestärkt werden muß, wenn der Schüler zu einem selbstverantwortlichen Erwachsenen heranwachsen soll. Nur auf einer solchen Ausbildungsgrundlage ist ein Schüler fähig, sich im heutigen Wust der »Innovationen« zurechtzufinden, sonst fällt er auf viele Unsinnigkeiten herein, nur weil die Reklame sie als begehrenswert anpreist.
Die besten Methoden nützen allerdings nichts, wenn die das Gesellschaftsleben bestimmenden Kräfte der Schule das Grundbild vom Schulkind »oktroyieren« können, nämlich »einen verspielten, konzentrationsunfähigen, ewig pubertierenden kleinen Tyrannen, dem man keine Grenzen setzen und nichts zumuten kann und der möglichst lange vor Selbstverantwortung und Pflichterfüllung zu schonen ist.«
Das sind fürwahr wichtige Gedanken über die unbefriedigende Lage in den Schulen, die in diesem FAZ-Beitrag zusammengestellt sind, Und man fragt sich immer wieder, wie so lange Fehlwege beschritten werden können. Eine Antwort auf diese Frage ist, daß es in der Nachkriegszeit besonders versäumt wurde, die Denk- und Urteilskraft zu stählen. Scheinbar hat man sich diesem Thema ja sehr gewidmet. Statt des Lernens nahm das »Diskutieren«, insbesondere das »Hinterfragen« altbewährter Regeln einen großen Raum ein. Da müßten doch gute Voraussetzungen für die Entwicklung der Denk- und Urteilskraft bestanden haben. In Wirklichkeit bestand die Auseinandersetzung mit Problemen im Wiederkauen einer von den Zersetzungsideologen vorgekauten These. Man kann nämlich ohne ein bestimmtes Sachwissen, einfach aus einem Gefühl heraus, nur sehr selten eine vernünftige Schlußfolgerung ziehen und es wurde über Themen diskutiert, für die den Schülern das Sachwissen, aber auch oft die Beurteilungsfähigkeit fehlte. Merkten die Menschen in reiferen Jahren, daß sie als diskutierende Schüler viel Unsinn verzapft haben, dann wagt ein Teil später überhaupt keine Beurteilungen mehr abzugeben. Das aber führt dazu, daß der kleinen Minderheit der bestimmenden Ideologen zu wenig Widerstand entgegengesetzt wird und diese ihre Herrschaft ausbauen können.
Abhilfe kann eine Beherzigung der Aufforderung Immanuel Kants schaffen: »Wage dich deines Verstandes zu bedienen.« Das schützt sowohl vor fahrlässiger Besserwisserei wie vor abwehrarmer Hinnahme von gefährlichen ideologischen Fehlvorstellungen.