Von Gerd Rühle
Die Terroranschläge von New York und Washington sind so folgenreich, daß die westliche Welt sie nicht mehr wie vorangehende Attentate von islamistischen Extremisten gegen amerikanische Einrichtungen vergessen oder verdrängen kann; der Anschlag von 1993 gegen das World Trade Center wurde nicht als Warnung vor aggressiven Extremisten und der erschreckenden Verletzbarkeit der modernen Industrie- und Verwaltungswelt wahrgenommen.
In den ersten Reaktionen der Menschen gerade in Deutschland kamen die bisherigen blinden Flecken in der Wahrnehmung allgemein und die speziell deutschen Verdrängungsgründe zum Vorschein. Sie zeigten sich im Nichtbegreifen dessen, daß junge, gut ausgebildete Leute ihr Wissen nicht dazu einsetzen, Geld zu verdienen und dadurch an der Konsumwelt, am allgemeinen Hedonismus teilzuhaben, sondern daß sie ihre technischen Fertigkeiten nur erworben haben, um die größtmögliche Zerstörung in den USA bzw. in der westlichen Industriewelt anzurichten und möglichst viele Menschen mit sich in den Tod zu reißen. Den Rektor der Technischen Universität in Hamburg, an der einige der Attentäter und deren Mitwisser (oder vielleicht auch Hintermänner) studierten, verwunderte es in der ersten Stellungnahme sehr, daß diese nicht durch radikales Verhalten aufgefallen seien; andere können nicht verstehen, wie man so fanatisch sein könne, für eine Überzeugung, einen Glauben, sein Leben zu opfern. Doch ein Fanatiker als potentieller Attentäter ist gerade auch darin noch entschlossen, daß er nicht auffällt, im Dunkel bleibt, bis er für den kurzen Moment der Tat als ein moderner Partisan sichtbar wird.
Aus den ersten Äußerungen spricht in naiver Friedfertigkeit die alles umfassende, zum Glaubenssatz geronnene Konsumhaltung, wie sie sich in Deutschland nach dem Kriege ausbreiten konnte: Weil man sich selbst außenpolitisch entmündigte und das, was den Deutschen so viel Schmach gebracht hatte, anderen überließ, glaubte man im Wirtschaften endlich den sündelosen Bereich gefunden zu haben, in dem man nur Gutes und nichts wirklich Böses tun konnte. Den Bereich der militärischen Sicherung überließ man als Schmutzbereich deshalb anderen; nun wird man mühsam umlernen müssen, denn es ist ausgeschlossen, daß Deutschland nochmals wie beim Golfkrieg vor zehn Jahren die teure und eigentlich nicht zu meisternde Zahlmeisterrolle (damals 17 Milliarden DM) übernimmt, diese läßt sich bei knappen Kassen nicht mehr durchhalten.
Ist die Wirtschaft die Welt des Heils, dann ist eine Pardieseswelt erreicht, denn schon das Konsumieren ist hier eine gute Tat, weil sie der Produktion den notwendigen Impuls gibt. (Geradezu beschwörend werden die Amerikaner in diesen Tagen aufgefordert, nach den Anschlägen nicht etwa zu sparen, was die Menschen vor drohenden Notzeiten seit alters her tun, sondern nicht im Konsum nachzulassen, damit die Rezession nicht zu tief und zu lang werde, was unabsehbare weltwirtschaftliche Folgen haben kann.) Die Verlockung einer solchen Welt ist groß, denn die gute Tat verlangt keine Überwindung, keinen Verzicht, keine disziplinierende Askese mehr. Sie war das Kennzeichen des Guten seit Beginn der Menschheitsgeschichte und ist es noch in allen Mangelgesellschaften. Nur in den Überflußgesellschaften, wie sie die moderne Industrie vor etwa 50 Jahren in den westlichen bzw. nördlichen Ländern der Erde hervorgebracht hat, ist es dagegen schon eine gute Tat, wenn man hedonistisch stets neue Konsumwünsche entdeckt und sie auch befriedigt: Indem man sich eine Freude macht, hilft man der Wirtschaft und damit auch allen. In einer solchen Welt sind alle Menschen gleich - Wirtschaftssubjekte, unterschieden nur in ihrer individuellen Konsummöglichkeit, und jeder, der, wo auch immer auf der Welt, teilnehmen möchte am Konsum, dem sollen - so möchte es die Konsumideologie - die Grenzen geöffnet werden. Die Frage der inneren Sicherheit stellt sich bei einer solchen Sichtweise nicht mehr, denn die Wirtschaft, die möglichst viele am Genuß teilhaben lassen muß, um wachsen zu können, kennt nur friedliche Menschen in friedlicher Konkurrenz, nämlich um Konsummöglichkeiten. So wurde die Sicherheitsfrage als eine Frage der Gesellschaftspolitik verstanden, durch finanzielle Maßnahmen (Konsummöglichkeiten) für die Ruhigstellung von Problemfällen zu sorgen. Auf diese Weise werden aber keine Probleme gelöst, sondern nur für den begrenzten Zeitraum steigender Zahlungen verdeckt; das Wahlergebnis von Hamburg zeigt, daß die Bürger dies begriffen haben, sonst hätten sie nicht einem von den Medien angefeindeten Kandidaten, der diesen Mißstand anprangert, ihre Stimme gegeben.
Täglich erfährt man inzwischen, wie sorglos in Fragen der inneren Sicherheit verfahren wurde, falsch verstandene persönliche Rechte (Datenschutz) sollten nicht zugunsten von Sicherheit geopfert werden, als würden Rechte nicht mit schwindender Sicherheit bedeutungslos werden. Die Terroristen von Al Qaida fühlten sich in Deutschland und Großbritannien z. B. viel sicherer als in Frankreich. »Die Ursache dafür ist ein lässiger Umgang mit der inneren Sicherheit, ungefähr so lässig wie der mit der äußeren. Das eine mag mit dem anderen nur insofern zusammenhängen, daß Konfliktlösung hierzulande sowohl in der Außen- wie in der Innenpolitik nicht der Klugheitslehre, sondern gutgemeinter Integrations- und Sozialphilosophie überlassen wurde. ( ) Der Eifer, mit dem Otto Schily die innere Sicherheitspolitik auf Vordermann zu bringen sucht, wirkt nicht von ungefähr so, als sei der Minister zum Innen-, Außen- und Verteidigungsminister in einem gewachsen. Die Glaubwürdigkeit deutscher Außenpolitik entscheidet sich plötzlich nicht mehr nur am ramponierten Verteidigungshaushalt, sondern am Stichwort ,Hamburg', am Erfolg des Generalbundesanwalts, des Verfassungsschutzes, am Datenschutz, an der Duchsetzungsfähigkeit von Recht und Ordnung.« (Jasper von Altenbockum im Leitartikel der FAZ vom 27. 9. 01.) Plötzlich hört man von Recht und Ordnung sprechen, bis vor einigen Wochen gab es öffentlich nur die englische Vokabel in ironischem Gestus für eine Notwendigkeit, die oft nicht mehr wahrgenommen wurde.
Noch zu Zeiten des Kalten Krieges wurde in Deutschland mehr Geld für Urlaubsreisen als für die äußere Sicherheit ausgegeben, inzwischen überfordert das militärische Kontingent der Bundeswehr auf dem Balkan schon deren Kräfte. Es ist bezeichnend, daß die aufgrund des Geschehenen unabweislich dringendsten Nachbesserungen für innere und äußere Sicherheit von 3 Milliarden DM bei einem Haushalt von 500 Milliarden DM durch Steuererhöhungen aufgebracht werden müssen.
Die von Bin Ladin als geistigem Vater verübten Anschläge sind nicht der Anfang eines Krieges der Kulturen, in letzter Konsequenz handelt es sich um einen sozialen Konflikt. Dieser kann von den Moslems, weil sie Anhänger einer Weltreligion sind und der Glaube die Klammer verschiedener Völker bildet, mit den Augen der Benachteiligten als ein globaler wahrgenommen werden, denn die große Mehrheit der Gläubigen in den meisten der islamischen Länder gehört zu den Modernisierungsverlierern. Sie haben nicht teil an den Reichtümern der (westlichen) Welt und sehen auch keine Chance, daß sich das ändern könnte, denn die auf Globalisierung zielende (westliche) Wirtschaftsordnung ist nicht gerecht, sie begünstigt die Länder mit großen Volkswirtschaften, (mit großen (multi-)nationalen Konzernen, modernen Erzeugnissen, hohen Erneuerungsmöglichkeiten, kaufkräftigem Binnenmarkt) also der Kraft zur Expansion. Sie haben die wirtschaftliche Macht. Benachteiligt dagegen werden auch bei weltweit schwindenden Rohstoffreserven die Rohstofflieferländer, die Länder, die wenig moderne Produkte kaufen können, denn sie müssen billig liefern und teuer einkaufen. Innerhalb der einzelnen Industrieländer können soziale Ungleichgewichte durch umfangreiche Hilfen des jeweiligen Staates abgemildert werden, doch einen angemessenen überstaatlichen Ausgleich für die durch das Wirtschaftssystem bedingten Ungleichheiten, die reiche Staaten begünstigen und arme schwächen, gibt es nicht. (Entwicklungshilfe und private Hilfen für arme Länder sind oft bemerkenswert, doch reichen sie nicht an die Dimension der nötigen Ausgleichshilfen heran. Man denke nur daran, welche schweren Strukturprobleme selbst in einem hoch industrialisierten Europa bestehen, seit die USA am Ende des 19. Jahrhunderts begannen im großen Maßstab als Exporteur von landwirtschaftlichen Produkten aufzutreten; die Folgen wirken bis heute, denn ein beträchtlicher Teil des EU-Haushaltes wird für landwirtschaftliche Hilfen benötigt, um die niedrigen Weltmarktpreise für landwirtschaftliche Produkte, für Rohstoffe, aufzufangen.) Zusätzlich durch die vom Wirtschaftssystem bedingten Faktoren kommen davon abhängige und verstärkende Folgefaktoren hinzu; für arme Länder sind das z. B. Bevölkerungsexplosion, Zerstörung landwirtschaftlicher Nutzfläche durch Raubbau usw.
Diejenigen, die sich Vorteile von der wirtschaftlichen Globalisierung versprechen, werden sie nicht schmähen. »Von materiell interessierter Seite, aber auch von Gutgläubigen, die sich neigungsgemäß für die hoffnungsvolleren Perspektiven erwärmen, wird propagiert, wachsende Globalisierung würde zunehmende Egalisierung der kollektiven Lebensverhältnisse und -ziele nach sich ziehen und somit Gemeinsamkeiten zwischen den Menschen schaffen, die blutige Konflikte obsolet machen müßten; Globalisierung soll ja eben die vermeintlichen Urheber solcher Konflikte, d. h. Nationen und Staaten abschwächen oder gar auflösen. Diese Auffassung avancierte vor allem nach dem Zusammenbruch des Kommunismus zum Glaubenssatz, so daß ihre Prämissen und ihre innere Schlüssigkeit nicht ausreichend hinterfragt werden.
Als Vehikel der Globalisierung und der Egalisierung gilt nicht irgendeine beliebige Tätigkeit, z. B. das Predigen über Verbrüderung und Liebe, sondern eine ganz konkrete: die expandierende Wirtschaft.« Mit diesen sarkastisch-ironischen Sätzen beginnt Panajotis Kondylis innerhalb einer lesenswerten Aufsatzsammlung zur Politik eine knappe Analyse zur globalen Wirtschaft; für ihn steht fest, daß durch sie keineswegs die Zahl der Konflikte abnehmen wird. Darauf hoffen oder wollen andere glauben machen, diejenigen, die an die Vorteile denken. (P. K.: Das Politische im 20. Jahrhundert - Von den Utopien zur Globalisierung, Heidelberg 2001, S. 69) Die Bedeutung von Staaten und Nationen kann wegen der in der Folge der Globalisierung entstandenen Unterschiede nicht geringer werden.
Die in ihrer Schwere bisher nicht vorstellbaren Anschläge sind als gegen die Globalisierung und die amerikanische Hegemonie gerichtet zu verstehen. Mit der Zerstörung der Symbole dieser Wirtschaftsweise wollten die Attentäter den »großen Teufel« Amerika treffen, die als größte Wirtschaftsmacht von dieser Wirtschaftsweise wohl am meisten Vorteil ziehen kann und diese durch politische Maßnahmen unterstützt. Dies ist grundsätzlich kein Grund für eine moralische Bewertung, wenngleich sie beim Versuch, die Attentate zu erklären, naheliegt, wie etwa bei dem von Martin Amis: »Es wird im übrigen für die Amerikaner entsetzlich schwierig und schmerzhaft werden, sich mit dem Gedanken vertraut zu machen, daß man sie haßt - und zwar auf eine von der Vernunft durchaus nachvollziehbare Weise. Wieviele wissen beispielsweise, daß ihre Regierung fünf Prozent der irakischen Bevölkerung vernichtet hat? Wieviele rechnen sich das Äquivalent in den USA aus (und kommen auf vierzehn Millionen)? Diverse nationale Züge - der Unabhängigkeitsstolz, ein leidenschaftlicherer Patriotismus als in Westeuropa, eine entschiedene Ignoranz anderen Ländern gegenüber - haben dazu geführt, daß es den Vereinigten Staaten an der Fähigkeit mangelt, das Leid von ferne lebenden Menschen mitzuempfinden. Entscheidend - und jetzt besonders schmerzhaft - ist der Umstand, daß es für das amerikanische Bewußtsein auf fast tautologische Weise feststeht, daß Amerika im Recht ist und daß Amerika gut ist. Amerikaner haben Recht und sind gut, da sie Amerikaner sind. Saul Bellows Begriff für diese Denkgewohnheit ist ,Angelisierung': Selbstwahrnehmung als Engel. Auf der von den USA angeführten Seite braucht es also nicht nur eine Bewußtseinsrevolution, sondern eine Umformung des Nationalcharakters vielleicht das Werk einer Generation.« (FAZ, 21. 9. 2001, S. 53)
Die wenigen arabischen Länder, die durch Erdöl zu Reichtum gekommen sind, unterstützen zwar arme arabische Länder, doch ändert das nichts daran, daß ihre Regierungen in der übrigen arabischen Welt, wie vor allem das Saudi-Arabische Herrscherhaus von Islamisten und deren einflußreichsten Vertreter Bin Ladin als korrupte und hassenswerte Regime gesehen werden, denn sie seien vor allem amerikahörig und verkauften das Erdöl viel zu billig, betrieben keinerlei Zukunftssicherung für die Zeit nach dem Erdöl, was alles damit zu tun habe, daß »auf der heiligen arabischen Erde« Truppen von Ungläubigen, nämlich Amerikanern, zum Schutz dieses Herrscherhauses stationiert seien; darauf zielt Bin Ladins Kritik an Saudi-Arabiens Herrschern, die für ihn Lakaien der Amerikaner sind. Hinter der religiösen Überformung werden die wirtschaftlichen Forderungen erkennbar.
Der andere brennende Konflikt, nicht nur für die Anhänger Bin Ladins, sondern für die gesamte arabische Welt, ist der zwischen Israel und den Palästinensern. Auch dieser Konflikt ist vor allem ein sozialer. Während der ein Jahr dauernden »Intifada« kamen 800 Menschen ums Leben, 15 000 wurden verletzt, die meisten davon Palästinenser. Israel glaubt es sich aufgrund seines starken Rückhalts durch die USA leisten zu können, daß seine Soldaten unter den Augen der Weltöffentlichkeit Jugendliche erschießen, nur weil sie Steine gegen gepanzerte Fahrzeuge werfen. Dieser Schwelbrand, der den Westen trotz der bestürzenden Fernsehbilder mehr oder weniger kalt läßt, erbittert durch das israelische Vorgehen die arabische Welt mehr als es sie einschüchtert und bringt immer neue Selbstmordattentäter hervor. Sollten sich Attentate mit großer Wirkung wie die am 11. 9. nicht verhindern lassen, wäre die gegenwärtige israelische Politik in eine Sackgasse geraten, weil sie nicht mehr mit amerikanischer Rückendeckung rechnen könnte.
Der aberwitzige Protest palästinensischer Steinewerfer ist Ausdruck der Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung, denn die Palästinenser sind wirtschaftlich abhängig von Israel, sie müssen in Israel arbeiten dürfen, nur so hätte ein Palästinenserstaat eine ökonomische Basis. Die billigen Arbeitskräfte stellen für Israel zwar einen wirtschaftlichen Vorteil dar, aber die Abneigung oder Angst vor den Habenichtsen mit hohem Bevölkerungswachstum, zahlenmäßiger Übermacht und minimalen Chancen für eine wirtschaftliche Entwicklung aus eigener Kraft können die Vorteile aus israelischer Sicht nicht aufwiegen. Je länger der Konflikt dauert, um so tiefer werden die Gräben, um so berechtigter wird diese Angst vor den Armen, die, darauf zielt die Politik Scharons ab, ganz aus Israel verschwinden sollen. Israel will nicht teilen, nicht beim Land, wie die Landnahme radikaler Israelis zeigt, nicht beim Wasser, nicht in der Wirtschaft. Israel müßte in letzter Konsequenz der jetzigen Politik, u. a. einem rücksichtslosen Kampf um Ressourcen, mit einer für Palästinenser undurchlässigen Grenze, einer Art Eisernem Vorhang umgeben werden: Die Armen sollen draußen bleiben, sie sind wirtschaftlich uninteressant und ein durch Armut und Hoffnungslosigkeit wachsendes Sicherheitsrisko. Nirgendwo sonst ist der soziale Konflikt zwischen einem armen und einem reichen Land so sichtbar und scheinbar dennoch ohne Aussicht auf eine friedliche Lösung. Der Umgang mit dem sozialen Konflikt hat hier eine ausgeprägt ethnische Komponente, vor der die Befürworter der Globalisierung die Augen verschließen.
Diesen aller Welt sichtbaren Konflikt hat Bin Ladin durch die Attentate in bis dahin nicht vorstellbarer Weise zugeschärft. Ihm ist es gelungen, den moslemischen Glauben als ideologisches Kampfinstrument der armen islamischen Welt gegen den reichen Westen zu instrumentalisieren und mehr oder weniger eigengesetzliche wirtschaftliche Wirkungskräfte als religiös-moralisch verdammenswert darzustellen, die soziale Dimension wird dabei unsichtbar. Ganz ähnlich treten die entscheidenden sozialen Probleme in einem Afghanistan der Taliban in den Hintergrund, weil die vom Regime geschaffene Wirklichkeit den Eindruck von einem im Entstehen begriffenen Gottesstaat vermittelt. Doch darin wird nur die Unfähigkeit sichtbar, die ungeheure Armut dieses von langen Kriegen zerstörten Landes wirksam durch eine gezielte wirtschaftliche Aufbauarbeit anzugehen. An seine Stelle treten Verheißungen, man kennt das bei ähnlicher Ausgangslage aus dem Kambodscha Polpots, dem China Maos beim »großen Sprung nach vorn«, dem Iran Khomeinis: in allen Fällen braucht es Utopien, verbunden mit mehr oder weniger ausgeprägten terroristischen Verfolgungen, um die soziale Realität und die Unfähigkeit, sie zu ändern, zu kaschieren. Die zahlreichen Verbote, wie z. B. zu filmen, Radio (ausländische Nachrichten) oder überhaupt Musik zu hören, die Demütigung der Frauen usw., werden religös oder mit Haß auf den Westen begründet, vor allem aber sind sie Folge der Unfähigkeit zu jeglicher ziviler Aufbau- und Verwaltungsarbeit. Spirituelle Gründe, etwa daß westliche Lebensart die überkommene Kultur auflösen könnte, in denen der Islam verankert zu sein scheint (soziale Strukturen wie traditionelle Geschlechterrollen usw.), sind in einem derartig zerstörten Land unwirklich. Es sind die extremen sozialen Gegebenheiten, die derartige Terrorregime möglich machen.
Im Westen werden die von tiefem Glauben zeugenden letzten Aufzeichnungen der Attentäter veröffentlicht, doch der soziale Anstoß zu diesem Fanatismus wird nicht gesehen, wohl auch nicht von diesen selbst. Bei ihnen handelt es sich, das ist das Besondere und Folgenreiche der Glaubensinstrumentalisierung durch Bin Ladin, um Angehörige der relativ wohlhabenden Schichten, die durch die Möglichkeit guter technischer Bildung überhaupt derartige Anschläge durchführen konnten. Die bisherigen Anschläge aus den Reihen der Palästinenser hatten dagegen einen Umfang, der stets durch israelische Einschüchterung überboten werden konnte.
Die Instrumentalisierung des Glaubens schafft erst diese Selbstmordattentäter, sie ist in die Welt getreten und hat sich von ihrem Schöpfer emanzipiert, deshalb kann die Tötung des Initiators nicht das einmal geschaffene ideologische Mittel zerstören, dessen sich weiterhin Anhänger bedienen werden, zumal die Anschläge durch ihre Auswirkungen Fanatisierte zur Nachahmung geradezu aufreizen können. Geld und Ausbildungslager bzw. technische Ausbildungen sind für die Realisierung der Attentate Bedingung, doch inzwischen weiß man, daß das Geld aus vielen Quellen geflossen ist, auch solchen, die von westlichen Ländern in erschreckender Sorglosigkeit gefördert oder geduldet wurden; es hat sich als sehr aufwendig erwiesen, die verschlungenen Finanzierungswege zu verbauen. In der Vergangenheit ist es nicht einmal gelungen, Einkünfte der Taliban aus dem afghanischen Opiumhandel zu unterbinden.
Daß es so schwer sein wird, die möglichen Nachfolgetäter, die »Schläfer« dingfest zu machen, hat zum einen mit der Herkunft dieser Täter zu tun, die mit Landsleuten der gleichen Schicht in westlichen Ländern studieren und deren Studium als eine Lebensrestplanung schon zur Vorbereitung der Anschläge dazugehört, die um ihres Zieles willen nicht auffallen werden. Zum anderen wirkt sich bei der mangelhaften Sicherheitsvorsorge die mit dem Geist westlichen Wirtschaftens verbundene Gleichheitsideologie aus, die ethnische und religiöse Unterschiede nicht gelten lassen will (von den Grünen immer wieder formuliert). Bei jedem größeren Unglück, zumindest in der nächsten Zeit (wie bei der Explosion einer chemischen Fabrik in Toulouse), wird es die Frage geben, ob es auf menschliches Versagen zurückgeht oder ob es vorsätzlich ausgelöst wurde. Wenn es weitere Attentate geben sollte, würde die bisher aufrechterhaltene Trennung zwischen Islam und Islamisten nicht zu halten sein. Vor allem wird der Glaube an die gerechte Teilhabemöglichkeit aller Wirtschaftssubjekte, dem herrschaftsfreien Diskurs zur Lösung aller Streitigkeiten usw. erschüttert werden.
Innenpolitisch stehen längerfristige Änderungen an. Die Partei mit dem höchsten Anteil am zur Ideologie verfeinerten Wohlstandsdenken, die nur noch friedlich um Konsum konkurrierende Menschen kennt, wird am meisten unter den von den Anschlägen veränderten Bedingungen leiden. Die Folgen können unabsehbar sein, wenn sie zu Spannungen verschiedener Ethnien untereinander führen, die aufgrund der globalen Wanderungsbewegungen längst pauschal zu Mitbürgern erklärt wurden, egal ob sie eingebürgert wurden oder nicht. Das extreme Beispiel dafür, wozu es unter besonders angespannten Bedingungen bei begrenzten Ressourcen führen kann, gibt die Politik Scharons; an die Stelle von Klassenkämpfen des vergangenen Jahrhunderts könnten Bürgerkriege oder ethnische Kriege treten.