Der Terror

Von Karl Münch

Gewiß, der 11. September wird uns allen in Erinnerung bleiben! Als die ersten Meldungen über die Katastrophe in Washington und New York durch das Internet rasten und sich in den Radiosendern die Nachrichten überschlugen, lernte die Welt einmal mehr, daß die Wirklichkeit allemal phantastischer ist, als Hollywood sie sich ausdenken kann.

Mit einer Mischung aus Ungläubigkeit, Entsetzen und Faszination sah man die Bilder: Zwei Flugzeuge, die mit atemberaubender Präzision in die Zwillingstürme des World Trade Centers gerammt wurden. Danach Menschen in Panik, Verzweifelte, die sich aus den Fenstern der brennenden Hochhäuser in die Tiefe stürzten. Und schließlich wie die über 400 Meter hohen Gebäude gleich einem Kartenhaus in sich zusammenstürzten. Parallel dazu zeigten die Fernsehkanäle die Bilder vom brennenden US-Verteidigungsministerium in Washington. Auch hier Panik und fehlende Klarheit über das, was wirklich geschehen war. Der Amtssitz des Präsidenten, das weiße Haus, in einer hektischen Aktion geräumt, das Außenministerium von einer Autobombe getroffen.

Kein Zweifel: So etwas hatte die Welt noch nicht gesehen! Bei terroristischen Akten dachten wir bisher an Geiselnahmen, einen Bombenanschlag, die Entführung eines Flugzeuges. Was hier geschah, hat eine neue Qualität. Wer hätte je gedacht, daß es einer Terrororganisation gelingen könnte, mindestens vier Maschinen gleichzeitig in ihre Gewalt zu bekommen? Wer hätte es bis dato geglaubt, daß sich Verkehrsflugzeuge auch als fliegende Bomben einsetzen lassen?

Sowohl Ausmaß als auch Planung dieses Angriffs haben eine neue Qualität erreicht. Wann wäre es Terroristen je gelungen, mehrere tausend Menschen auf einen Streich mit sich in den Tod zu reißen? Zurecht herrscht über das Geschehen Fassungslosigkeit.

»America under Attack«

Mit dem den US-Amerikanern eigenen Hang zum Symbolismus griffen CNN und andere Nachrichtsender bei der Beschreibung des Geschehens zu Superlativen. Nicht nur daß die USA »unter Beschuß« stünden, nein, von einem neuen »Pearl Harbor« war die Rede, schließlich sogar von Krieg. Und war es zunächst nur Amerika, daß sich im Kriegszustand befinden sollte, so reichte auch diese Beschreibung Stunden später nicht mehr aus. Ein Krieg gegen die Demokratien, dann gegen den Westen und schließlich gegen die gesamte zivilisierte Welt, sollte es sein.

Das Trauma, das die Anschläge in den USA ausgelöst haben, mag man nachvollziehen. Bisher galt der nordamerikanische Kontinent gleichsam als eine Insel der Glückseligen. Der letzte kriegerische Angriff von außen, den die USA zu erdulden hatten, liegt so weit im Dunkel der Geschichte, daß der nicht mehr real ist (1820 brannte die britische Armee Washington nieder). Und selbst Pearl Harbor, jener Stützpunkt der amerikanischen Pazifik-Flotte auf Hawaii, ist so weit vom Festland entfernt, daß der japanische Angriff von 1941 nicht als unmittelbare, physische Bedrohung empfunden werden konnte. Doch diesmal liegen die Dinge anders. Pentagon und World Trade Center liegen im Herzen der USA, den wichtigsten Städten an der Ostküste. Washington als Hauptstadt und Symbol für die weltumspannende Hegemonie des amerikanischen Machtprinzips und New York als der fleischgewordene amerikanische Traum. In dieser Festung wähnte man sich unangreifbar, sicher vor dem, was immer amerikanische Politik im Rest der Welt auch für Reaktionen hervorrufen mochte.

Ulrich Raulff schreibt in der Süddeutschen Zeitung vom 13. September unter Anspielung auf einen Hemmingway-Titel in »Als die Stunde schlug«:

»Pearl Harbor, sagten die Kommentatoren immer wieder, es sei wie Pearl Harbor. Dabei ist der Schlag für Amerika noch viel beschämender. Weil er nicht einen fernen Militärstützpunkt traf, sondern die Zentren des politischen und wirtschaftlichen Lebens: das Herz der Vereinigten Staaten. Und weil der Gegner unsichtbar und unerkannt blieb.

Seit Dienstag abend steht der Westen im Krieg … Unwillkürlich fragt man sich, wie die Menschen in Europa den Juli 1914 erlebt haben mögen. Wie empfanden sie die sonnenschweren Tage des Hochsommers, in denen das Unfaßliche heranschlich? Wie jene ersten Augusttage, als die Welt begriff, daß der Lauf der Dinge unumkehrbar geworden war? Was wissen wir an Bord unseres Vergnügungsdampfers noch vom Gefühl des Unumkehrbaren? Lag es an diesem Dienstag schon in der Luft? Oder lauert es noch wie ein Tier im Dunkeln, um uns anzuspringen, wenn wir nicht mehr damit rechnen, dumpf, schwer und heimtückisch? War die Luft vor dem Ereignis wieder unheilschwanger wie im Sommer 1914, ahnte jemand, daß der Dampfer auf den Katarakt zuglitt?Und wie nah ist seit Dienstag die Welt dem Krieg?

Seit diesem Tag interessieren sich nicht mehr nur Historiker und Polemologen1) dafür, wie Kriege beginnen. Jedermann will es wissen, jeder lauscht auf Ahnungen. Aber das Gefühl bleibt stumm. So als hätten wir den Sinn für den Einbruch des Tragischen in die Geschichte, das Gespür für die dramatischen Augenblicke der Weltgeschichte verloren. Und niemand weiß, ob Zeit sein wird, diesen Sinn wieder zu schärfen. Zugleich lehrt die Erfahrung vom Fall der Berliner Mauer, daß er vermutlich auf immer stumpf bleiben wird: Irgendwie ist der Zeitgenosse immer vorbereitet auf den Eintritt des Ereignisses, und irgendwie bleibt es ihm letztlich unvorstellbar. Auch diesmal hatte niemand etwas vorausgesehen.«

Kriegserklärung an die freie Welt

Was als Terrorangriff begonnen hatte, weitete sich im Jargon von Politik und Journalismus in Windeseile zu einer Kriegserklärung an die USA, die »zivilisierte Welt« und schließlich gar an die »freie Welt« aus. Vor allem die europäischen Regierungen beeilten sich, den Amerikanern ihre Solidarität zu versichern. Man fühle sich von diesem Angriff gleichfalls getroffen. Schließlich gipfelte die Anteilnahme in dem Satz: »Wir sind alle Amerikaner!«

Wen mag es da wundern, wenn man sich beim Ergreifen der nächsten Schritte gegenseitig überbot? Bei der Verwendung so vieler Superlative lag es nicht fern, auch bei den politisch ergriffenen Maßnahmen zu einem Mittel zu greifen, das ebenfalls eine gewisse »Einmaligkeit« widerspiegelt. In diesen allgemeinen Taumel von Mitgefühl und Ohnmacht hinein, erklärte die NATO zum ersten Mal in ihrer Geschichte den »Verteidigungsfall« nach Art. 5 des NATO-Vertrages. Dieser regelt:

»Die Parteien vereinbaren, daß ein bewaffneter Angriff gegen eine oder mehrere von ihnen in Europa oder Nordamerika als ein Angriff gegen sie alle angesehen wird; sie vereinbaren daher, daß im Falle eines solchen bewaffneten Angriffs jede von ihnen in Ausübung des in Artikel 51 der Satzung der Vereinten Nationen anerkannten Rechts der individuellen oder kollektiven Selbstverteidigung der Partei oder den Parteien, die angegriffen werden, Beistand leistet, indem jede von ihnen unverzüglich für sich und im Zusammenwirken mit den anderen Parteien die Maßnahmen, einschließlich der Anwendung von Waffengewalt, trifft, die sie für erforderlich erachtet, um die Sicherheit des nordatlantischen Gebiets wiederherzustellen und zu erhalten …«

Bundeskanzler Schröder gab zu, daß im Vorfeld der Entscheidung konkrete Beschlüsse über das weitere Vorgehen noch nicht gefaßt worden seien. Über militärische Schritte habe man noch zu sprechen. Also ein Blankoscheck, den die Europäer der US-Regierung ausgestellt haben! Wer will den Amerikanern nun noch etwas abgeschlagen, wenn es um die Festlegung militärischer Gegenmaßnahmen geht. Unmöglich, sich nach dieser voreilig erklärten Beistandsverpflichtung wieder zurückzunehmen. Man ist nun auf Gedeih und Verderb an Bush jun. und seine Mannen gekettet.

Franziska Augstein hat diesen Mechanismus in Beziehung zur biblischen Apokalypse gesetzt. Sie schreibt:

»Als auf den Fernsehschirmen der Welt die beiden Türme des World Trade Center in sich zusammensanken - unerwartet leise, wie eine Augenzeugin berichtete - vollzog sich ein Weltuntergang: Die von Kühlschränken und Klimaanlagen flankierte Zuversicht, daß auch am folgenden Tag die Sonne aufgehen werde, wurde von einer Wolke aus Staub und stummen Schreien zugedeckt. Der Glaube an das Andauern der Alltäglichkeit, das Vertrauen in die Kontinuität und die ihr zugehörigen Mechanismen der Verrechtlichung sind in der westlichen Welt erschüttert. Und weil es kein Gott war, der das bewirkt hat, ergibt sich zwingend, daß der Westen sich an die Stelle dieses abwesenden Gottes setzen wird: Er zieht Gerechtigkeit an wie einen Panzer und setzt den Helm des Heils auf sein Haupt und zieht an das Gewand der Rache und kleidet sich mit Eifer wie mit einem Mantel.

Das ist nicht bloß die Prophezeiung des Jesaja, das ist das politische Programm der nächsten Zukunft. Die Leitartikler haben es übernommen und entsetzten sich - mit Eifer, aber gedankenlos - über die ,Feigheit' der Selbstmord-Attentäter. Präsident Bush hat es auch übernommen. Nicht nur hat er die amerikanischen Streitkräfte weltweit in Bereitschaft versetzen lassen, zudem schickte er noch am Dienstag Kriegsschiffe los. Weil das Bedürfnis nach Rache zum Zeitpunkt dieser Ordre noch gar kein Ziel hatte, hieß Bush vorerst die Schiffe Kurs auf New York nehmen. Irgendwann wird ihr Ruder in eine andere Richtung umgelegt werden. Irgend jemand wird büßen müssen, es ist fast egal wer. Die Rache der Apokalypse richtet sich nicht nach Gerechtigkeit, sie ist die Gerechtigkeit und deshalb unfehlbar … Europa für sein Teil lernt jetzt, was es lange vergessen hatte: Daß es einen Punkt gibt, an dem die in vielen Jahrhunderten erarbeiteten Verfahrensregeln der Zivilisation unter der Macht des Vergeltungsdrangs zusammenbrechen. George Bush hat es angekündigt: ,Wir werden diejenigen, die für diese feige Tat verantwortlich sind, zur Strecke bringen und bestrafen.' Außerdem hat der Präsident gebetet. Beides, das Beten und das auch von Staats wegen praktizierte Hassen, ist in den Vereinigten Staaten - wo es noch nicht so lange her ist, daß Kain den Abel erschlug - lebhafter ausgeprägt als im westlichen Europa. Als der Attentäter Timothy McVeigh exekutiert wurde, zeigten viele Amerikaner sich mit der Vollstreckung unzufrieden: Sie hätten es durchaus gebilligt, wäre McVeigh vor seinem Tod von Staats wegen gefoltert worden. In Europa ist das anders. Und auf diesen Unterschied hat man sich bisher auch einiges eingebildet. Der neuerlich aufgeflammte Antiamerikanismus geht mit der Wahrnehmung einher, sowohl kulturell als auch in der Rechtspraxis ,weiter', irgendwie zivilisierter zu sein als die Vereinigten Staaten.

Damit ist es fürs erste vorbei. Europa wird sich dem Bedürfnis nach Rache nicht verschließen: Im Angesicht der Apokalypse ist die Zivilisation mit ihrem Latein am Ende. Ein Riß hat sich aufgetan, und die europäischen Staaten haben sich beeilt, auf der Seite der Amerikaner zu stehen. Im Namen des deutschen Volkes erklärte Gerhard Schröder, man werde ,rückhaltlos' zu den Vereinigten Staaten halten.

Wer je die Nato kritisierte, wer je die amerikanische Politik bemäkelte, ist jetzt zum Schweigen gebracht. Der Staub wird sich legen, aber die Stille bleibt. Alle, die immer schon Gerechtigkeit wie einen Panzer angelegt hatten, sind bestätigt worden. Es bricht an die Zeit des staatlich praktizierten Mißtrauens, der eisernen Sicherheitsverschärfungen. Die Demokratien entdecken, daß sie nie wehrhaft gewesen seien und daß der Raketenabwehrschild, dessen sie bedürften, nicht bloß in den Äther, sondern gegen den Nächsten gerichtet sein wird.

Und indem Europa - aus Mitgefühl und Horror, aus politischer Notwendigkeit und großer Angst - den Mantel der Rache anlegt und im Schulterschluß mit den Vereinigten Staaten jede gewünschte Vergeltungsaktion mitmachen wird, vollendet sich eine Entwicklung, die der Kontinent noch vor drei Tagen nicht für möglich gehalten hätte: Alle amerikanischen Eigenheiten, heißt es, hielten über kurz oder lang - im Schnitt nach etwa zwanzig Jahren - auch in den europäischen Ländern Einzug. Das möchte für die Burger-Kultur zutreffen, hieß es. Das möchte gelten für Musik und Kino und das militante Nichtraucherwesen, vielleicht sogar für spirituelle Bewegungen wie New Age oder den konsumfreundlichen Wohlfühl-Buddhismus, aber damit, so dachte man, sei es genug. Die Wirklichkeit hat diese Hoffnung Lügen gestraft. Jetzt kehrt, ob wir es wollen oder nicht, die Rache nach Europa zurück: Und sie vollzieht sich an uns, indem wir meinen, sie auszuüben. Schuldige müssen gefunden, sie müssen furchtbar gestraft werden. Das Gleichgewicht der Welt steht auf dem Spiel. Der Globus kann von Glück sagen, wenn die Wahl der Schuldigen so ausfällt, daß die Rache, der sie anheim fallen müssen, nicht einen großen Krieg auslöst.«

Ja, nun sind wir alle Amerikaner - irgendwie!

Der Nahe Osten

Die Spuren der Attentäter scheinen in die islamische Welt zu deuten. Man verdächtigt den saudischen Millionär Usama bin Ladin zumindest der Drahtzieherschaft. Sein religöser Fanatismus, sein Haß auf die USA und seine Bereitschaft, in diesem Kampf vor nichts zurückzuschrecken, sind seit langem bekannt. Doch dieser Haß wurde nicht irgendwo geboren. Er hat seinen Ursprung im Nahen Osten.

Während die Welt gebannt nach Amerika blickte, hatte die israelische Regierung nichts besseres zu tun, als ihren andauernden Terror gegen die palästinensischen Gebiete weiter fortzusetzen. Gleichsam in der Deckung des fernen Geschehens, auf das die Augen der Weltöffentlichkeit gerichtet waren, rollten israelische Panzer tief in die Autonomiegebiete des West-Jordanlandes hinein. Jörg Bremer schreibt in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 14. 9. 2001 unter dem Titel: »Scharon und Arafat vor der Wasserscheide«:

»Die Palästinenser sehen … mit Erschrecken, daß die israelische Armee seitdem womöglich noch härter gegen sie vorgeht. Nach dem Einmarsch in die autonome Stadt Dschenin zu Beginn der Woche rückte sie am frühen Donnerstag in Jericho ein. Dschenin und Salfit wurden bombardiert. Arafats Sprecher Abu Rudeineh fürchtet ein ,Massaker im Schatten der amerikanischen Ereignisse'. ,Niemand in Washington wird etwas für uns tun, weil wir von Israel als Terroristen abgestempelt sind. Israel sieht sich nun eins mit Washington, und wir werden zu Anhängern Ibn Ladins gemacht,' sagte er dieser Zeitung.«

Wie so oft blieb den Palästinensern wieder nur die ohnmächtige Wut, während die Panzerketten alles niederwalzten, was palästinensischen Eigenständigkeitswillen symbolisiert.

Eine der wenigen mahnenden Stimmen Israels war es, die am 13. September die Zusammenhänge andeutete. Der Schriftsteller Amos Oz schreibt:

»Die Opfer des arabischen und muslimischen Fundamentalismus zu sein, macht uns oft so blind, daß wir dazu neigen, die Verbreitung eines chauvinistischen und religiösen Extremismus zu ignorieren, der nicht nur im Bereich des Islam stattfindet, sondern auch in Teilen der christlichen Welt und auch innerhalb des jüdischen Volkes. Wenn sich herausstellen sollte, daß Amerikas schreckliche Qual aus der Tatsache zu erklären ist, daß Mullahs und Ayatollahs sie kontinuierlich als den ,Großen Satan' darstellen, dann muß sich Amerika - ebenso wie Israel, der ,Kleine Satan' - auf einen langen, harten Kampf gefaßt machen.

Vielleicht ist es nur menschlich, daß neben all dem Schock und dem Schmerz immer noch eine kleine Stimme in einigen von uns in Israel erklingt, die sagt: ,Immerhin wissen sie jetzt alle, was wir hier durchmachen' oder ,Jetzt sind sie zumindest alle auf unserer Seite'.

Aber diese kleine Stimme ist für uns sehr gefährlich: Sie könnte sehr leicht vergessen machen, daß es mit oder ohne islamischen Fundamentalismus, mit oder ohne arabischen Terrorismus keine irgendwie geartete Rechtfertigung gibt für die anhaltende Besetzung und Unterdrückung des palästinensischen Volkes durch Israel. Wir haben kein Recht, den Palästinensern ihr natürliches Recht auf Selbstbestimmung zu verweigern. Zwei riesige Ozeane konnten Amerika keinen Schutz vor dem Terrorismus bieten. Das Westjordanland und Gaza, die von Israel besetzt sind, schützen Israel mit Sicherheit nicht - im Gegenteil, sie machen unsere Selbstverteidigung viel schwieriger und komplizierter. Um so früher diese Besetzung endet, um so besser für die Unterdrückten wie auch die Unterdrücker …«

Leider wird diese vernünftige Stimme, die die Ursache des Übels erkannt hat, ohne Einfluß bleiben. Es war Außenminister Peres, der im Angesicht der neuerlich rollenden israelischen Panzer die NATO aufforderte, nun gemeinsam den »Terrorismus« zu bekämpfen. NATO-Truppen an die Westbank? Das wäre die absolute Eskalation, die genau das Gegenteil von Befriedung erreichen würde.

Wolfgang G. Lerch betonte in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 15. 9. 2001: »Die Art und Weise, wie die Demokratie Israel - vielleicht der pluralistischste Staat der Welt - als Besatzungsmacht den Palästinensern gegenübertritt, vermag unter diesen, wie in der übrigen Nachbarschaft auch, keine starke Überzeugung von der grundsätzlichen Überlegenheit der Demokratie zu erwecken. Man darf auch - bei aller fragwürdigen Instrumentalisierung des ,Kolonialismus' - nicht unterschätzen, daß für die arabische Welt all jene, die die Demokratien anpreisen, vor noch nicht allzu langer Zeit in Gestalt von Soldaten und Kolonial- oder Protektoratsverwaltungen auftraten. Das Verhältnis zum Westen, die Amerikaner eingeschlossen, ist daher zwiespältig.«

Wenn die USA in den Augen der radikal-islamischen Kräfte der »Große Satan« sind, dann deshalb, weil sie als Schutzmacht Israels seit Jahrzehnten ihre Hand schützend über einen Staat halten, der die palästinensischen Glaubensbrüder terrorisiert, sie konsequent ihrer Lebensgrundlagen beraubt, ihnen das Selbstbestimmungsrecht und einen eigenen Staat vorenthält. Dies alles ist Israel nur möglich, weil die USA die Israelis gewähren lassen, ja sich bedingungslos hinter sie stellen. Ohne militärische und politische Unterstützung wäre ein derartiges Schreckensregime in den besetzten Gebieten kaum aufrecht zu erhalten. Dessen ist sich die arabische Welt bewußt. Und dafür schlägt den USA ihr Haß entgegen.

Kampf der Kulturen?

Der amerikanische Politologe Samuel Huntington, Verfasser des viel beachteten Buches »Clash of Civilizations« (Kampf der Kulturen) ist von der Wochenzeitung DIE ZEIT für ihre Extra-Ausgabe vom 17. 9. 2001 befragt worden, ob die Terrorangriffe der Beginn jenes Kampfes der Kulturen seien, den er vorausgesagt habe. Huntington hat diese Frage fürs erste verneint. Ein Schlüsselfaktor sei jedoch »die Haltung islamischer Regierungen und Völker zum Terrorismus«. Unmißverständlich gibt Huntington aber zu verstehen, daß die Bedingungen, unter denen über die Interpretation dieser Haltung entschieden wird, wieder einmal allein von den USA gesetzt werden: »Ob der echte Zusammenprall verhindert werden wird - das hängt davon ab, ob islamische Staaten mit den USA bei der Bekämpfung dieses Terrors zusammenarbeiten werden.« Und es macht sich bei ihm eine erstaunliche Hilflosigkeit breit, wenn es um die Frage geht, wie man mit religösen Fanatikern umgehen soll, bei denen die klassische Abschreckung mit Gewalt nicht wirkt: »Man macht sie ausfindig und schaltet sie aus«, so Huntingtons unmißverständliche Antwort. Mehr fällt selbst dem anerkannten Wissenschaftler anscheinend nicht ein.

Selbstmordattentäter

Huntingtons naive Äußerungen zeigen, wie wenig die Welt begriffen hat, was für Menschen sich dort mit den gekaperten Flugzeugen in den Tod gestürzt haben. Einige Tage nach dem Anschlag brachte der Sender »VOX« in einer Ausgabe von »Spiegel-TV« eine Reportage über Selbstmordattentäter, die nach ihrem mißglückten Anschlag nun in israelischen oder palästinensischen Gefängnissen einsitzen. Den verhinderten Attentätern war gemein, daß sie ihr Scheitern einhellig bedauerten. Die ungläubige Frage des Reporters, ob sie nicht etwa froh seien, noch zu leben, wurde ablehnend quittiert: Wenn alles glatt gegangen wäre, befände man sich jetzt im Paradies, hätte 72 Frauen um sich und würde dem Propheten begegnen. Auch die Frage, ob man Angst vorm Sterben gehabt habe, die Nacht vorher schlecht geschlafen oder gar nervös gewesen sei, wurde immer wieder mit demselben klaren Nein beantwortet. Angst habe man nicht gehabt, da man als Märtyrer schließlich das Vorrecht genossen hätte, auf unmittelbarem Wege ins Paradies gelangen zu können. Nervosität dürfe ein Selbstmordattentäter weder haben noch zeigen. Schließlich hänge das Gelingen des Attentats entscheidend davon ab, das weder Familie noch Umwelt auch nur das geringste vom Vorhaben spürten.

Ein israelischer Geheimdienstoffizier berichtete von einem Attentäter, bei dessen Anschlagsversuch zwar die Zündkapsel explodiert sei, der eigentliche Sprengsatz jedoch nicht gezündet hätte. Die Zündkapsel habe den Selbstmörder nur verletzt und das Bewußtsein verlieren lassen. Als der Attentäter in einem israelischen Krankenhaus wieder aufwachte, war er felsenfest davon überzeugt, im Paradies angelangt zu sein. Nichts schien ihn vom Gegenteil überzeugen zu können. Erst als er von den israelischen Sicherheitsbeamten gefragt wurde, ob es denn im Paradies auch Israelis gebe, wurde dem Attentäter seine wahre Lage klar.

Wer um die seelischen Wirkungen religiöser Suggestionen weiß, wer die seelischen Zustände induziert irregemachter Menschen kennt, den kann das Verhalten solcher Attentäter nicht verwundern. Es fällt auch nicht schwer, die Präzision, mit der die Attentate von New York und Washington abliefen, nachzuvollziehen. Man wird auch schnell begreifen, daß ein »Ausschalten« zwar einzelner solcher Täter möglich sein mag. Doch Erfolg verspricht eine solche Strategie insgesamt nicht. Nur wer das Übel von der Wurzel her packt, also den Zuständen abhilft, unter denen solche Fanatisierung und Induzierung gedeihen kann, wird dauerhaft Erfolg haben. Amerikanische Bomben werden nur das Gegenteil erreichen: Ohne eine wirkliche Veränderung der Ursachen züchten sie weitere Selbstmordattentäter heran.

»Die falsche Einstimmigkeit der Kommentare«

Die amerikanische Schriftstellerin Susan Sontag hat die Oberflächlichkeit und Wirkungslosigkeit der augenblicklichen Reaktionen in einem Kommentar in der Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 15. 9. 2001 zum Ausdruck gebracht. Unter dem Titel: »Feige waren die Mörder nicht« setzt sie sich vor allem mit der amerikanischen Variante derartiger Massensuggestion auseinander:

»Als entsetzte und traurige Amerikanerin und New Yorkerin scheint es mir, als sei Amerika niemals weiter von der Wirklichkeit entfernt gewesen als am letzten Dienstag, dem Tag, an dem ein Übermaß an Wirklichkeit auf uns einstürzte. Das Mißverhältnis zwischen den Ereignissen und der Art und Weise, wie sie aufgenommen und verarbeitet wurden, auf der einen Seite und dem selbstgerechten Blödsinn und den dreisten Täuschungen praktisch aller Politiker (mit Ausnahme von Bürgermeister Giuliani) und Fernsehkommentatoren (ausgenommen Peter Jennings) auf der anderen Seite, ist alarmierend und deprimierend. Die Stimmen, die zuständig sind, wenn es gilt, ein solches Ereignis zu kommentieren, schienen sich zu einer Kampagne verschworen zu haben. Ihr Ziel: die Öffentlichkeit noch mehr zu verdummen.

Wo ist das Eingeständnis, daß es sich nicht um einen ,feigen' Angriff auf die ,Zivilisation', die ,Freiheit', die ,Menschlichkeit' oder die ,freie Welt' gehandelt hat, sondern um einen Angriff auf die Vereinigten Staaten, die einzige selbsternannte Supermacht der Welt; um einen Angriff, der als Konsequenz der Politik, Interessen und Handlungen der Vereinigten Staaten unternommen wurde? Wie vielen Amerikanern ist bewußt, daß die Amerikaner immer noch Bomben auf den Irak werfen? Und wenn man das Wort ,feige' in den Mund nimmt, dann sollte es besser auf jene angewandt werden, die Vergeltungsschläge aus dem Himmel ausführen, und nicht auf jene, die bereit sind, selbst zu sterben, um andere zu töten. Wenn wir von Mut sprechen, der einzigen moralisch neutralen Tugend, dann kann man den Attentätern - was immer sonst auch über sie zu sagen wäre - eines nicht vorwerfen: daß sie Feiglinge seien.

Unsere politische Führung redet uns entschlossen ein, alles sei in Ordnung. Amerika fürchtet sich nicht. Unser Geist ist ungebrochen. ,Sie' werden aufgespürt und bestraft werden (wer immer ,sie' sind). Wir haben einen Präsidenten, der uns wie ein Roboter immer wieder versichert, daß Amerika nach wie vor aufrecht steht. Von vielen Personen des öffentlichen Lebens, die die Außenpolitik der Regierung Bush noch vor kurzem heftig kritisiert haben, ist jetzt nur noch eines zu hören: daß sie, gemeinsam mit dem gesamten amerikanischen Volk, vereint und furchtlos hinter dem Präsidenten stehen. Die Kommentatoren berichten, daß man sich in psychologischen Zentren um die Trauernden kümmert. Natürlich werden uns keine gräßlichen Bilder davon gezeigt, was den Menschen zugestoßen ist, die im World Trade Center gearbeitet haben. Solche Bilder könnten uns ja entmutigen. Erst zwei Tage später, am Donnerstag (auch hier bildete Bürgermeister Giuliani wieder eine Ausnahme), wurden erste öffentliche Schätzungen über die Zahl der Opfer gewagt.

Es ist uns gesagt worden, daß alles in Ordnung ist oder zumindest wieder in Ordnung kommen wird, obwohl der Dienstag als Tag der Niedertracht in die Geschichte eingehen wird und Amerika sich nun im Krieg befindet. Nichts ist in Ordnung. Und nichts hat dieses Ereignis mit Pearl Harbor gemein. Es wird sehr gründlich nachgedacht werden müssen - und vielleicht hat man ja damit in Washington und anderswo schon begonnen - über das kolossale Versagen der amerikanischen Geheimdienste, die Zukunft der amerikanischen Politik besonders im Nahen Osten und über vernünftige militärische Verteidigungsprogramme für dieses Land. Es ist aber klar zu erkennen, daß unsere Führer - jene, die im Amt sind; jene, die ein Amt begehren; jene, die einmal im Amt waren - sich mit der willfährigen Unterstützung der Medien dazu entschlossen haben, der Öffentlichkeit nicht zuviel Wirklichkeit zuzumuten. Früher haben wir die einstimmig beklatschten und selbstgerechten Platitüden sowjetischer Parteitage verachtet. Die Einstimmigkeit der frömmlerischen, realitätsverzerrenden Rhetorik fast aller Politiker und Kommentatoren in den Medien in diesen letzten Tagen ist einer Demokratie unwürdig.

Unsere politischen Häupter haben uns auch wissen lassen, daß sie ihre Aufgabe als Auftrag zur Manipulation begreifen: Vertrauensbildung und Management von Trauer und Leid. Politik, die Politik einer Demokratie - die Uneinigkeit und Widerspruch zur Folge hat und Offenheit fördert, ist durch Psychotherapie abgelöst worden. Laßt uns gemeinsam trauern. Aber laßt nicht zu, daß wir uns gemeinsam der Dummheit ergeben. Ein Körnchen historischen Bewußtseins könnte uns dabei helfen, das Geschehene und das Kommende zu verstehen. ,Unser Land ist stark', wird uns wieder und wieder gesagt. Ich finde dies nicht unbedingt tröstlich. Wer könnte bezweifeln, daß Amerika stark ist? Aber Stärke ist nicht alles, was Amerika jetzt zeigen muß.«

Scharade?

Susan Sontags nachdenkliche Worte lenken den Blick auf einen anderen Umstand der Ereignisse. In der Flut von Bildern und Berichten droht er fast unterzugehen. Was ist wahr an dem, was berichtet wird? Nun, niemand wird ernsthaft an dem Faktum zweifeln, daß ein Terrorangriff das World Trade Center und Teile des Pentagon in Schutt und Asche gelegt hat. Aber dennoch geisterten in der Anfangszeit Meldungen durch den Äther, die dann einfach sang- und klanglos verschwanden: Keine Bestätigung, kein Dementi - schlichtes Schweigen in der Nachrichtenwelt.

Noch am Dienstag wurde von einem fünften Flugzeug berichtet, das möglicherweise entführt worden sei. Falschmeldung? Das große Schweigen. Und am Mittwoch früh erwähnte man über die bei Pittsburg abgestürzte vierte Maschine, ein Passagier habe via Handy eine Notrufzentrale über die Entführung informiert. Das Personal habe berichtet, daß während des Gesprächs eine Explosion zu hören gewesen sei. Der Mann habe dann von Rauch außerhalb des Flugzeuges berichtet. Kurz darauf sei der Kontakt abgerissen. Die Schilderung hört sich nach einem gezielten Abschuß der Boing 757 an. Auch hier keinerlei weitere Meldungen.

Der amerikanische Philosoph Richard Rorty schreibt im ZEIT-Extra vom 17. 9. 2001, er glaube nicht, daß die Bush-Administration die Öffentlichkeit wahrheitsgemäß informiere. »In den kommenden Monaten sollten wir mit sehr viel mehr Lügen rechnen und mit der vielleicht noch stärkeren Verfolgung derer, die diese Lügen aufzudecken versuchen.« Was immer nun geschehe - sicher sei, daß sich Amerika noch stärker militarisieren werde, als es ohnehin schon sei. »Der ,militärisch-industrielle Komplex' wird noch mehr Macht erhalten … Der John-Wayne-Machismo, der uns dazu brachte, weiterhin Menschen in Vietnam zu töten, obwohl wir längst wußten, daß wir diesen Krieg nicht würden gewinnen können, beherrscht nach wie vor die Politik in Washington.«

Und wenn die Welt heute von jubelden Palästinensern erfährt, dann sollte sie auch zur Kenntnis nehmen, was Jörg Bremer in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 14. 9. 2001 hierüber zu berichten weiß:

»Die Freudentänze verirrter Palästinenser werden im israelischen Fernsehen immer wieder gezeigt. Dabei sagen zum Beispiel deutsche Augenzeugen in Nablus, nur einige hundert Personen hätten dort für kurze Zeit gejubelt, bis Passanten und Arafats Polizei gegen sie einschritten. Die Augenzeugen sagen zudem, ,Kollaborateure' hätten den Jubel vor den Kameras angeheizt. Die israelische Zeitung ,Haaretz' schreibt, die Armee habe Kamerateams für ,Propagandazwecke' ausgesandt, und mahnt zu Weitblick.«

Am Scheideweg

Ohne Frage steht die Welt heute an einem gefährlichen Scheideweg. Präsident Bush hat den Terrorangriff auf Amerika als die »erste Schlacht im Krieg des 21. Jahrhunderts« bezeichnet, die geschlagen worden sei. Niemand will hoffen, daß diese Worte ernste Wirklichkeit werden. Und doch herrscht augenblicklich in den Schaltzentren der Macht allem Anschein nach die Stunde der Falken.

Militärische Schläge mögen vielleicht zu gewissen Erfolgen führen, wenn denn überhaupt die richtigen Ziele getroffen werden. Doch egal wie glanzvoll die westliche Propaganda ihr Werk darstellen wird: Am Ende wird es in diesem Kampf kein Feld der Ehre geben, das man als strahlender Sieger verlassen könnte. Die Welt außerhalb des »zivilisierten Westens« wird dieses neuerliche Zerstörungswerk als Zeichen der Hilflosigkeit begreifen, getragen von blinder Rachsucht. Dann bleibt nichts mehr vom hehren moralischen Anspruch und seiner gepriesenen Überlegenheit.

Und die europäischen Völker selber hätten das Schicksal ihres weiteren Weges für lange Zeit fest und unausweichlich an die Vereinigten Staaten gekettet. Wenn es den europäischen Nationen ernst ist mit ihrem Wunsch nach mehr Eigenständigkeit, Unabhängigkeit von den USA, dann muß jetzt die Stunde der Besonnenen schlagen.

»Was also ist zu tun?«, fragt Dr. Peter Altreuther in einem Leserbrief an die Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 15. 9. 2001. »Terrorismus ist unter keinen Umständen als Mittel der Politik zu begreifen oder gar zu unterstützen. Die Gründe für Terrorismus sind zu beseitigen; sie sind nicht religiöser Natur, auch nicht im Islam, trotz Irak und Palästina, Libyen und Syrien. Der Schlüssel dazu liegt in Israel. Keine Vergeltung und Gewalt gegen die Zivilbevölkerung, die deren Elend und Haß noch steigern. Drohgebärden des Goliaths Nato mögen psychologisch helfen, in Amerika und vielleicht auch bei den Verbündeten; im Rest der Welt lösen sie Angst aus, aber keine Liebe zum Westen und seinen zivilisatorischen Errungenschaften. Und am Ende blieb David.«


Fußnoten:

  1. Konflikt-, Kriegsforscher