Der Terror und Armagedon

Von Elke und Dr. Gundolf Fuchs

»Größer werden die Menschen nicht, aber größer und größer unter den Menschen wächst die Welt der Gedanken.« Diese Zeilen in einem Gedicht von Theodor Storm beinhalten ernste Erkenntnis, aber auch hoffnungsvolle Zuversicht. Sie zeigen einmal, daß der Mensch immer in moralischer Hinsicht unzulänglich bleiben wird. Ja, er muß von Natur aus unzulänglich bleiben, weil es der Sinn des Lebens ist, in freier Entscheidung einen würdigen Lebensweg zu wählen. Freiheit der Entscheidung bedeutet aber auch die Möglichkeit gegenteiliger Entscheidung. Insofern ist Nietzsches Hoffnung, daß sich der Mensch zu einem Übermenschen entwickeln werde, damit es all das Niederträchtige nicht mehr gäbe, ein Wunschtraum. So müssen wir also erkennen, daß von der Veranlagung des Menschen her das grauenvolle Geschehen im Mittelalter, das hauptsächlich aus religiösem Sendungsbewußtsein und Haß auf Andersgläubige entstand, heute durchaus noch möglich sind. Und leider nicht nur das. Sie sind auch Wirklichkeit in den Konzentrationslagern und sonstigen Folterstätten, in denen die jeweils Mächtigen die »Andersdenkenden« mißhandelten und mißhandeln.

Diese Denkungsart, die die Menschen früher in »Heilige und Teufel« einteilte, spiegelt sich heute in einer Art Politreligiosität bei der Einteilung in »Gutmenschen« und »Schlechtmenschen« wider. Der Maßstab ist aber kein absoluter, sondern wird aus den Wunschvorstellungen von Menschen geboren, was in dieser Welt als wert angesehen werden sollte und was als unwert zu verdammen ist. Was haben diese Überlegungen nun mit den Terrorakten zu tun?

Unter »Danach« heißt es in einer Betrachtung von Günther Nonnenmacher, FAZ vom 13. 9. 2001, S. 1: »Der 11. September des Jahres 2001 wird als jener Tag in die Weltgeschichte eingehen, an dem die westliche Zivilisation eine Ahnung davon bekommen hat, was die Vision vom Endkampf zwischen Gut und Böse vor dem Tag des Jüngsten Gerichtes, was der biblische Ortsname ,Armagedon' bedeuten könnte.«

Hier wird der Bezug zu biblischen, genauer gesagt zu alttestamentarischen Gedanken hergestellt. Und da die eine »Partei« im Nahen Osten, Israel, eine Politik auf der Grundlage des Alten Testamentes führt (z. B. sollen sich die Grenzen Israels aus der Bibel ergeben und nicht durch UNO- Beschlüsse bestimmt werden, und demgemäß wurden bereits öfter UNO-Beschlüsse nicht beachtet) und die andere Partei, die Palästinenser, für ihre tatsächlichen, z. T. auch vermeintlichen Rechte im Namen »Allahs« kämpft, trägt der Kampf deutlich religiös-politische Züge. Daher ist es wichtig, die Bedeutung des Stichwortes »Armagedon« etwas näher zu beleuchten. In dem Heft Nr. 246, Juni 1957 »Judenchristliche Gemeinde - Die Botschaft vom Reich« wird zunächst eine ernste Mahnung christlicher Kreise wiedergegeben, keine Massenvernichtungsmittel anzuwenden. Danach heißt es unter »Harmagedon« (einer anderen Schreibweise dieses biblischen Ortes): »Wir freuen uns, daß es christliche Kreise gibt, die, wie obige Pressemeldungen zeigen, klar und entschieden gegen die Atomrüstung Stellung nehmen. Gott wird sie dafür segnen, doch wird ihren Bemühungen kein Erfolg beschieden sein. Die Atombombe liegt im Gerichtsplan Gottes auf dem Wege nach Harmagedon.« Und dann wird auf die Offenbarung Johannes hingewiesen, in der von an »einem Tage« kommenden »Plagen« berichtet wird. In einer Stunde sind große Städte und Flotten vernichtet. Die Schlußfolgerung: »So schließen wir aus dem 18. Kapitel der Offenbarung Johannes, daß in den nächsten Kriegen Atombomben benutzt werden. Indessen werden sie nicht nur auf Babylon fallen, sondern auch auf andere Hafenstädte (New York, London, Hamburg usw.) und nicht nur auf Hafenstädte.«

Kreise, die an einen solchen Gott glauben, könnten auch die fanatisierten Todesflieger als Werkzeuge Gottes ansehen, die den »Endkampf« einleiten sollen. Und solche Gedanken scheinen bei höchsten Politikern im Spiel zu sein, wenn in Verbindung mit berechtigter Empörung und Abscheu über die Attentate Kriegsmaßnahmen von einem Ausmaß ins Auge gefaßt werden, daß der »Bündnisfall« gegeben sein soll. Auf einen solchen Gedanken können eigentlich nur »Endkampfgläubige« kommen. Ein Krieg wird ein Vielfaches an genauso unschuldigen Menschen wie die Opfer von New York und Washington kosten und könnte den Dritten Weltkrieg bedeuten. Er kann dadurch entstehen, daß das Ausmaß der »Vergeltung« von immer noch mächtigen Staaten wie Rußland und unberechenbaren Staaten wie China sogar zu Recht als unangemessen angesehen wird und sie dann ihrerseits im »Namen der Menschlichkeit« eingreifen. Es könnte aber auch ein Partisanenkrieg schauerlichsten Ausmaßes in Gang gesetzt werden. Wir hätten es doch mit Feinden zu tun, unter denen potentielle Selbstopferkämpfer keine Seltenheit sind. Das würde sich auf das gesamte NATO-Gebiet erstrecken. Auch ohne Flugzeuge könnte furchtbares Unheil durch Attentate angerichtet werden. Sage niemand, wir müßten um des Rechtes und der Freiheit willen solche Gefahren in Kauf nehmen. In der Bundesrepublik sind Demonstrationen von »Rechten« verboten worden, nicht weil sie rechtswidrig waren, sondern weil man die Störung der öffentlichen Ordnung durch ihrerseits rechtswidrige, nämlich gewalttätige Gegendemonstranten befürchtete. Die Gefährdung der öffentlichen Ordnung ist ungleich schwerwiegender, wenn hier massenhaft lebende Menschen aus Ländern, die von der NATO mit Krieg überzogen werden, erfahren, daß ihre ganz unschuldigen Verwandten umgekommen sind.

Auf den Anfang zurückzukommen: Die Gefahr, daß religiöser, heute insbesondere politreligiöser Wahn zu mittelalterlicher Inquisitionsmentalität führt - aufgebaut auf dem Gemisch vom Glauben an die eigene Auserwähltheit (Gutmenschen) und die Verachtung von Menschen mit anderer religiöser oder weltanschaulicher Einstellung (Schlechtmenschen) - bleibt bei der Grundveranlagung des Menschen bestehen. Aber die »wachsende Welt des Gedankens« vermittelt den Menschen Erkenntnisse, die solche gefährlichen Fehlvorstellungen überwinden und wahren Völkerfrieden schaffen könnten.

Von Natur aus ist jedem die Freiheit der religiösen Überzeugung gegeben, denn die Gedanken sind frei. Es könnte höchstens das Äußern von Glaubensinhalten verboten werden, die anderen Menschen schweres Unrecht androhen. Aber in diesem Punkte ist unser Grundgesetz sehr freiheitlich. Art. 4 GG sichert das Recht auf religiöse bzw. weltanschauliche Überzeugung ohne Wenn und Aber. Und das ist auch gut so. Allein schon die Erkenntnis, daß die Umsetzung gewisser Überzeugungen in die Politik zu Unheil führt und sogar Verbrechen, ja Schwerstverbrechen bedeuten kann, kann die Anzahl derer verringern, die durch verhängnisvolle Glaubensinhalte zu Untaten verführt werden. Wichtig ist nur, daß Auserwähltheitsgedanken und Alleinvertretungsansprüche als Ursache vieler Mißstände und Gefahren, heute höchster Kriegsgefahr, erkannt werden. Wenn jetzt die Frage gestellt wird, ob es denn eine Weltanschauung gibt, die frei von jeglichem Glaubenshaß ist, die also die Gefahren vom Grundsatz her abwehren kann, dann sei auf die Weltanschauung Mathilde Ludendorffs hingewiesen. Aber es gibt auch eine Reihe anderer Persönlichkeiten aus neuerer und älterer Zeit: Alexander Solschenizyn, Konrad Lorenz, Albert Schweitzer, der bereits erwähnte Theodor Storm und Friedrich Schiller, deren Gedanken Abwehrkraft gegen Unduldsamkeit und Fanatismus geben. Schiller hat bereits in jungen Jahren das Wesen von Glaubenshaß in seinem »Don Carlos« in den Worten des Großinquisitors gekennzeichnet: »Der Verwesung lieber als der Freiheit.« Und in seinen philosophischen Schriften stellt er den hohen Wert der Freiheit dagegen, wobei er den Menschen bewußtmacht: »Nichts ist des Menschen so unwürdig, als Gewalt zu erleiden. Wer sie uns antut, macht uns nichts Geringeres als die Menschheit streitig. Wer sie feigerweise erleidet, wirft seine Menschheit hinweg.«

Zum »Gewaltantun« neigen die Regierungen mächtiger Staaten gegenüber schwächeren Staaten leicht. Die Forderung, Gewalt nicht zu erleiden, rechtfertigt zwar nicht Terrorakte mit Tausenden von Toten, aber die Ursache darf nicht übersehen werden, wenn die Gefahr gebannt werden soll. Gemäß FAZ-Bericht vom 15. 9. 2001, S. 45: »Feige waren die Mörder nicht - Amerika unter Schock: Die falsche Einstimmigkeit der Kommentare« vergleicht die Amerikanerin Susan Sontag, die sich am 11. 9. 2001 in Berlin aufhielt, z. B. die US-Bombenflieger über dem Irak mit den Selbstopferfliegern. Die ersteren töteten mindestens so viele Zivilisten wie die letztgenannten. Die Selbstopferflieger nahmen dabei den sicheren Tod in Kauf. Man kann in der Bewertung unterschiedlicher Meinung sein, aber bei Beachtung auch dieser Blickrichtung kann die Antwort auf die Anschläge weniger einseitig gefühlsmäßig ausfallen.

Auf jeden Fall gilt es zu erkennen, daß auch in demokratischen Staatsformen die Freiheit anderer nicht immer geachtet wird, obwohl das nach den Richtlinien (Menschenrechtsakte und Völkerrechtsbestimmungen) gesichert sein sollte. Die Einhaltung solcher Richtlinien muß von verantwortungsbewußten Menschen überwacht werden.