Wie trotz Wahn über Gott das Ahnen des Menschenamtes stets möglich war

Von Dr. Mathilde Ludendorff

Immer waren es nur wenige Menschen, die über das Notwendigste für ihre eigene Erhaltung hinaus die Erscheinungen betrachteten und ihre Gesetze ergründen wollten. Und immer waren es auch nur Gruppen der lebenden Menschen und der kommenden Geschlechterfolgen, die freudig die Früchte dieser Forschung aufgriffen und sie begriffen. Die meisten haben stets nur das, was ihrem eigenen Selbsterhaltungswillen wichtig schien aus dem Reichtum dessen, was sie hätten aufnehmen und begreifen können, erfaßt. Die meisten sanken daher tiefer als die unterbewußten Tiere, denn was sie da wählten war nicht das Notwendigste, war meist nur das, was ihrer Lustgier oder Leidangst wesentlich dünkte. So lernten wir es in den Werken »Triumph des Unsterblichkeitwillens«, »Des Menschen Seele« und »Selbstschöpfung« erkennen und wußten auch, es war die Folge dessen, daß ihnen der so wesentliche Entscheid für oder wider Gott belassen war, ein freier Entscheid, der mit einem hohen Menschenamte innig verwoben war.

Aber was gab denn dann das Forschen und Begreifen des Weltalls der Wenigen dennoch allen Menschen? Es gab ihnen Befreiung von Ängsten, die das flüchtige, kleine, unscheinbare Lebewesen beschleichen, wenn es sich durch selbständiges Handeln in tausend Gefahren sein Leben erhalten soll, ohne wie die Tiere durch weise Zwangstaten gesichert zu sein. Dies Geschöpf, dem die höhere Wachheit, dem das Bewußtsein die Erinnerung an erlittene Qual und das Vorauserkennen drohender Qualen gebracht hatte, bangte nun nicht mehr so oft. Ruhe, Sicherheit schenkte das Amt, das Bewußtsein des Weltalls der Erscheinungen zu sein, je mehr es im Laufe der Jahrtausende erfüllt wurde. Doch es brachte auch großes Unheil, denn es ließ, je größer die Erfolge der Forschung wurden, um so öfter die Grenzen des Vernunfterkennens übersehen, so daß der Mensch anfing sich selbst zu bewundern, sich selbst zu vergotten, sich, statt Bewußtsein des Weltalls zu sein, als Herrn dieses Weltalls zu sehen, weil er statt nur Begreifer der Gesetze des Alls zu werden, ihr Beherrscher zu sein wähnte, wenn er sich den Gesetzen einfügte, um sie zu seinem Nutzen zu verwerten. Und weil das Wollen seines Selbsterhaltungwillens so töricht war, so hat er denn auch sein Begreifen der Gesetze der Erscheinungen so töricht verwertet, daß all sein Entdecken dem höheren Amte, das ihm noch anvertraut ist, zuwiderläuft. Dient sein Weltallbegreifen nicht der Daseinserhaltung der Menschen, so ist es fast überall nur törichte Hilfe zur Menschenzerstörung oder Hilfe zur Häufung der Lust und Meiden des Leids, fast niemals aber, sinnvoll für des Menschen höchstes Amt gewesen, das er nie klar erkannte!

Ja, dies höchste Amt, das das erschütterndste Wunder dieses Weltalls ist, blieb den Menschenmassen stets unerkannt, wenn zwar Seltene es seit je zu erfüllen begannen und es im Laufe der Hunderttausende von Jahren, da Menschen lebten, wieder und wieder auch in Vollkommenheit ausgeübt wurde. Es blieb dies höchste Amt vor allem unerkannt, weil zu des Menschen großem Segen göttliche Fürsorge in Gestalt seiner vollkommenen Seelengesetze eine Tröstung schon in all diesen Zeiten gewährt hatte. Der Mensch war zwar Hunderttausende der Jahre des Menschseins auf dieser Erde nur ein erster Beginn eines Bewußtseins dieser Erscheinungswelt. Er erkannte so wenige der herrschenden Naturgesetze, sah sich fast hilflos so vielen größten Gefahren von seiten der unerkannten Naturgewalten gegenüber, daß er wohl verzagen mußte. Aber die gleiche Vernunft, die ihre Aufgabe, Bewußtsein der Erscheinungswelt zu werden, noch so mangelhaft erfüllen konnte, ersann für seine Angst und seine Zaghaftigkeit den lieben Wahn von der väterlichen Hilfe allmächtiger Götter, von Göttern, die die Bitten der armen Menschen erfüllen. Ein hilfloses, von Leid gequältes Geschöpf, so hatte sich der Mensch in dieser Schöpfung gesehen. Nun er aber an hilfreiche Gottheiten glaubte, denen er seine Altäre errichten, denen er opfern, zu denen er beten konnte, da war seine Angst zeitweise etwas gebannt. Darüber vergaß er immer wieder, daß bei jedem neuen Leide, wenn sein Vertrauen und sein Hoffen auf Hilfe der Gottheit erneut zerschlagen wurde, er doppelt tief der Verzagtheit, ja der Verzweiflung verfiel. Wie hätte bei solcher Art Tröstungen ein klares Wissen des höchsten Amtes der Menschen, einziges Gottesbewußtsein im Diesseits und Jenseits durch eigene Tat werden zu können, aufflammen sollen? Und wenn es Abertausende von Jahren des Lebens der Menschen auf dem bewohnbaren Sterne noch nicht in Klarheit in Menschenseelen bewußt werden konnte, so mußte es doch wohl erahnbar sein. Ja, wenn diese Schöpfung im Einklange mit der Vollkommenheit Gottes sein sollte, so mußte das höchste Amt der Menschengeschlechter, der göttliche Sinn ihres Werdens und Seins, auch dann schon erreichbar, dann schon sogar in Vollendung erfüllbar sein, wenn klare Erkenntnis über diesen göttlichen Sinn ihres Lebens noch gar nicht in ihnen erwacht war! Und dennoch erwartet unser Blick auf diese Menschengeschlechter einen gar köstlichen Wandel dank dieser klaren Erkenntnis, erwartet von ihr eine reiche Entfaltung zur höchsten Möglichkeit des göttlichen Sinnes des Menschenlebens bis hin zu den Grenzen, die mit Gottes Erhabenheit über die Schöpfung eben noch vereinbar ist!

Fürwahr unser Sinnen lockt uns in ein neues Gefilde tiefer Einsicht in Wunder der Schöpfung! Denn als wir in meinen philosophischen Werken »Des Menschen Seele« und »Selbstschöpfung« die Seelengesetze und die Gesetze aller Selbstgestaltung erschauen wollten, da mußten wir jenen köstlichen Aufstieg durch die Erkenntnis, den das Werk »Triumph des Unsterblichkeitwillens« schon gekündet, aber in seinem »Wie« des Geschehens nur angedeutet hat, wieder vergessen! Niemals hätten sich und die vollkommenen Seelengesetze all der Menschenseelen aller Zeiten erschlossen, wenn wir nicht die Seele an sich, losgelöst von dem Grade gewonnener Gotteinsicht, umsonnen und geschaut hätten. Nun aber dürfen wir uns in die Wirkung der Gotterkenntnis in der Menschenseele vertiefen und um die Seele für solches Schauen sinnvoll bereit zu machen, zuvor einen kurzen Blick auf die Seelenkräfte werfen, die es uns erkennbar machen, was denn den Menschengeschlechtern an Ahnung und Erfüllung des göttlichen Amtes erreichbar war, ehe sie die Gotterkenntnis in Klarheit gewannen. Dann erst öffnet sich unsere Seele ganz für die Schau des Wunders einer Erlösung in der Erkenntnis, die dem Menschen nach seinem freien Entscheide erreichbar wird, und die auf artandere Wege und Weisen zum Schöpfungsziele führt, als die Ahnung vom göttlichen Amte dies zuvor schon ermöglicht hat.

Diese Schöpfung ist Erscheinung Gottes, daher vollkommen, So ward die Erfüllung des göttlichen Amtes dank der im Ich der Seele erwachten Gottkräfte den Menschengeschlechtern schon seit je möglich. Ja, diese Gottoffenbarungen haben auch in gar manchen Menschen ein Ahnen erwachen lassen, das wie ein segnendes Licht der klaren Erkenntnis Hunderttausende von Jahren voranleuchtete. Der göttliche Strahl des Stolzes im Ich der Seele war es, der den Menschen seit je ein so sicheres Wissen der Freiheit und Rechte, sich solche Freiheit zu wahren, sie als sein köstlichstes Gut zu verteidigen, schenkte. Aus diesem Wissen um die Freiheit der Seele ward all jenen Ängsten vor dem Schicksal, all jener Todesfurcht, die den Sinn des Todes nicht erkannte, eine köstliche Gegenkraft und ließ gar oft eine Haltung und ein Handeln der Menschen zu, das ein Ahnen eines gar hohen Sinnes des Menschenlebens gleichnishaft kündete. Denn es war Gott in den Menschen entflammt, die ihre sittliche Freiheit als noch höheres Gut, denn ihr Leben, verteidigten und in jenen, die anderen Menschen sittliche Freiheit schirmten oder retteten. Und in solchem Geschehen ward in ihrem Blick, in ihrer Haltung, in ihren Worten und Taten der Umwelt eine Erscheinung erkennbar, die hoch über anderem Menschengebaren stand. Die Menschen nannten sie gar manchmal »göttlich«. Ja, aus solchem Erleben und solchem Erfahren ward ihnen der Mythos ihrer Götter bereichert durch ihren Glauben, daß die Menschen selbst den Göttern entstammten.

War dies nicht ein reiches Ahnen der erhabenen Wahrheit, daß der Mensch vor seinem Tode und bis hin zu ihm das einzige Gottesbewußtsein im Diesseits und Jenseits des Weltalls werden kann? Aber dennoch fehlte ihm gerade die Einsicht, die ihm zur unerhörten Schöpferkraft der Lebensgestaltung der eigenen Seele zu werden vermag. Denn ist nicht das »Kind Gottes«, als das er sich sah, ohne Freiheit des Entscheides zu dem geboren, was es ist? Ist nicht das »Erbe« seine »Bestimmung«, da nicht beachtet wurde, daß die Menschenseele sich nach eigener Wahl von dem Widergöttlichen und dem Göttlichen in ihr auch völlig »erlösen«, sich restlos von beiden loslösen kann? Schreiben nicht die Menschengeschlechter die Vollendung ihrer Seele statt der eigenen entschlossenen Leistung der Gnade ihres Gottes zu? Doch für alle die Seltenen, die Gottstarken, war seit je das aus dem göttlichen Stolze und dem aus ihm geborenen Wissen um das Recht auf Freiheit geschenkte Ahnen der Wahrheit des hohen Menschenamtes wie eine frohe, sieghafte Bestätigung dessen, was ihnen dies Leben lebenswert, ja köstlich machte, und was ihnen das Menschengeschlecht, um der seltenen »göttergleichen« Menschen willen, die es gab und gibt, ertragbar bleiben ließ. Für alle die unzähligen Gottmatten aber war das Wissen um die Freiheit des Ichs der Menschenseele, mit der jeder Mensch geboren ist, wenn nichts Höheres, so doch das kraftvolle Gegengewicht gegen die Todesangst, die ja als größte aller Leidängste von den Priestern aller Jahrtausende so sorgfältig gepflegt und geschürt wurde und wird. Ja, dieses eingeborene Wissen des Anrechts auf Freiheit war die unerläßlich notwendige und oft einzige segensreiche Schutzkraft, die es immer wieder erneut verhütet hat, daß nicht nur die meisten, nein, alle Menschen in jeder Geschlechterfolge wieder zu Sklaven gewaltgieriger Herrscher und machtlüsterner Priester wurden und werden.

Doch weitere Strahlen der Gottheit erlebte das Ich der Menschenseele seit dem Erwachen des Menschen. Strahlen, die es wohl hätten befähigen können und auch tatsächlich seit je seltene Menschen befähigt haben, das hehrste Amt, den Sinn des Menschenlebens zu ahnen. Aber diese göttlichen Strahlen, das haben wir erkannt, sind nicht wie das Wissen der Freiheit klar und hell diesem Ich eingeboren, sondern nur wie ein Sehnen, ein Ahnen, ein göttliches Wünschen, und wurden durch des Menschen eigenen Entscheid in vielen Seelen im Laufe des Lebens matter und matter, bis sie erlöschen. In anderen aber wurden sie immer stärker und klarer, je öfter sie solchem Wünschen und Sehnen mit Hilfe der Fähigkeiten des Bewußtseins Erfüllung verschafften. Denn jeder dieser Wünsche, jedes solches Sehnen nach göttlichen Zielen beleuchtet und erleuchtet eine der Fähigkeiten des Bewußtseins. Ja, das Wünschen des Wahren kündete seine hohe Bedeutung für den Sinn des Menschenlebens schon von Anbeginn des Werdens der Menschengeschlechter dadurch an, daß es das Denken und als Wille zur Wahrhaftigkeit auch noch das Handeln erleuchtet und adelt.

Aber wie all dieses Ahnen erst durch des Menschen freien Entscheid innerhalb des Lebens zur Klarheit erstarkt, so konnte des Menschen Denken über all dies göttliche Wollen so irren, daß der Menschen Wahnlehren über ihre Götter, sogar das widergöttlichste Wahrnehmen, Denken, Handeln und Fühlen von ihnen als Erfüllung von Gottesgeboten angesehen wurde und Richtschnur war. Nur die Gottstarken, in denen göttliche Klarheit durch Erfüllen all dieses Sehnens allmählich im Leben geworden war, strahlten in allen Geschlechterfolgen in ihren Worten, Taten und Werken das Göttliche aus, ohne daß es von den meisten so genannt worden wäre. Sie hielten nicht selten gerade diese Gottstarken für die Abtrünnigen, manchmal sogar für die Gottwidrigen.

Aber möchten und mögen die Menschen auch noch so über das Wesen der göttlichen Wünsche irren, mag noch so viel Unheil am göttlichen Sinn des Menschenlebens und an einzelnen Menschenseelen geschehen sein, die segensreiche Kraft dieser Wünsche wirkte doch in jeder Menschenseele, auch in der der Gottmatten, So wie die eingeborene Freiheit des Ichs zu seinem von der Umwelt unabhängigen Eigenleben sich in jeder Menschenseele gegen die Leidangst stemmt und sie daher auch gar manchmal vor Versklavung durch Angst vor Morddrohung der Tyrannen behütet, so stand und steht seit je das göttliche Wünschen in jeder unvollkommenen Menschenseele als segensreiches Gegengewicht der Lustgier, also dem zweiten »Einsarger« der unvollkommenen Seele (siehe »Selbstschöpfung«) entgegen. Aber hier kann es auch nur ein segensreiches Gegengewicht sein. Im Gottstarken jedoch, der des Lebens göttlichen Sinn ahnt, erweckt dies Ahnen Gestaltungskraft in der Richtung dieses Sinnes und die Stärke der Willensrichtungen in seinem Bewußtsein können sich dann sinnvoll wandeln.

So sehen wir denn diese Schöpfung vor der Unvollkommenheit wahrlich bewahrt, daß der höchste Sinn unseres Seins erst nach klarster Erkenntnis dieses Sinnes und der Wesenzüge Gottes erfüllt werden konnte! Wenn auch der Wahn über Gott und die Gesetze der Menschenseele sich verhüllend zwischen die Menschenseelen und Gott in all den Tausenden von Jahren, seit Menschenseelen auf diesem Sterne zum Leben erwachten, stellten und viel törichte Lebensvergeudung, sinnwidrige Lebensgestaltung, frevelhafte Bedrohung der Freiheit der Menschen, frevelhaften Mißbrauch mit ihrer Todesangst auslösten, die segnenden göttlichen Strahlen im Ich der Menschenseelen ihre Worte, Taten und Werke leuchteten seit je in alles Unheil der Menschengeschichte wie ein unvergängliches göttliches Gut, Segen wirkend in der Mitwelt und Kultur schaffend für die Nachwelt!

Und solches heilige Gesetz gilt auf für das Heute, das ein Höchstmaß an Unheil für die Völker brachte, zugleich aber auch klares Erkennen erwachen ließ!

(veröffentlicht 1951 im Der Quell Folge 8)