Von Gudrun Matthies
Diese Worte finden sich am Wallenstein-Haus in Eger, im Sudetenland. Ihr Urheber, Felix Dahn, dachte und schrieb als ein Deutschdenkender, dessen Bewußtsein lebhaften Anteil am Schicksal seines Volkes nahm. Sein Geist spiegelt politische Erfahrung wider, unter der er ebenso gelitten hat wie das Volk. Dahn lebte von 1854 bis 1917. Er hat sich als Historiker, Rechtsgelehrter und als Schriftsteller einen Namen gemacht. Hier die zwei Strophen seiner Dichtung:
| »Deutsch unsere Sprache, |
| Sitte, Sinn und Art - |
| So war es und so sei es stets gewahrt, |
| in Lieb und treue unserem Volk geweiht - |
| So waren wir und bleiben es allzeit, |
| zum ewigen deutschen Geiste voll Vertrauen: |
| So helfen wir Alldeutschlands Zukunft bauen. |
| Das höchste Gut des Mannes ist sein Volk, |
| das höchste Gut des Volkes ist sein Recht. |
| Des Volkes Seele lebt in seiner Sprache! |
| Dem Volk, dem Recht und |
| seiner Sprache treu |
| fand uns der Tag, |
| wird jeder Lag uns finden.« |
Eine solche Zuversicht mag heute überholt, sogar veraltet sein; der Zeitgeist jedenfalls hat sie nicht in seinem Repertoire. Wer will schon sein Heim mit Fremden teilen oder Gewohnheit preisgeben, gar die eigene Sprache vernachlässigen? Etwa, weil »Globalisierung« im Raume steht? Dieser Begriff findet sich zwar nicht im deutschen Wortschatz, auch spielt er im Denken des Menschen kaum eine Rolle. Aber er beschäftigt die öffentliche Meinung. Dagegen wirkt die Zeile unserer Nationalhymne »Einigkeit und Recht und Freiheit«, die bei feierlichen Anlässen angestimmt wird, wie etwas Vergangenes, das Fremdes, Vielvölkerei und Globalisierung vergessen macht.
Auch Sprachen bilden das höchste Gut eines jeden Volkes. Wesen und Eigenart eines Volkes weisen dessen Hoheit aus. Die Zeile »Einigkeit und Recht und Freiheit« preist das Erbe unserer Vorfahren und kündet von deutscher Wesensart. In Mitteleuropa wären Sprache, Kultur und Gesinnung ohne Deutsches kaum denkbar. Gewisse Einengungsversuche werden daran nichts ändern, obwohl nach 1945 viel Fremdes einströmen konnte. Neben Wiederaufbau und Alltagssorgen ist den Menschen damals die Veränderung im kulturellen und zivilen Bereich nicht gleich aufgefallen. Im Unterhaltungswesen klangen fremde Töne auf, die nach und nach vermarktet worden sind. Immer stärkeren Einfluß gewannen auch die Medien. Allgemeines veränderte sich zugunsten von »Aufklärung« und technischem Fortschritt. Wer jedoch weniger ideologisch, religiös oder gar mystisch beeinflußt worden ist, vermochte nach wie vor zwischen gültigem (Natur-) Recht und geltendem (Zivil- und Straf-) Recht zu unterscheiden und entsprechend zu antworten.
Mathilde Ludendorff schenkte den Völkern Grunderkenntnis über den Sinn des Lebens. Ein wesentliches Merkmal tritt aus der Tatsache hervor, daß das Weltall frei ist von Engeln, Teufeln und Dämonen. Auch persönliche Götter gibt es nicht als sogenannte Weltenlenker. Mathilde Ludendorff spricht von unseligen Fehlgriffen der Vernunft; diese kann sich täuschen, auch täuschen lassen. Allerdings verleiht die Vernunft dem Menschen die Möglichkeit, sich aus jeder geistigen Enge zu befreien. Klar, daß das leichter gesagt als getan ist. Die eigene Erfahrung lehrt, wie Zweifel und Gewissensfragen Gedanken und Schlüsse erschweren können.
Das philosophische Werk Mathilde Ludendorffs führt den Leser auf den Ursprung im geistig-seelischen Bereich zurück, d. h. Denken, Fühlen und Wollen des Menschen wird auf seine Quellen hin beleuchtet. Solche Ziele und Wege ordnen sich wie von selbst einer philosophischen Bestandsaufnahme zu.
Schlichte Lebens- und Seinserfahrung, Spruchweisheit und Literatur begleiten die Quintessenz Mathilde Ludendorffs, menschliches Wesen in seiner Stellung zwischen Natur und Erleben, zwischen Welt und Gott zu sehen. Ein hohes Niveau seelischer Kraft und Erkenntnisfähigkeit krönt die Sichtweise und läßt Zweifel gar nicht aufkommen.
Recht muß Recht bleiben, heißt es im Volksmund. Es berührt, was Recht außer Kraft setzen könnte, nämlich Willkür oder Zwang, Notwehr oder Gewalt u. a.. Was der Volksmund verheißt, umschließt die Bedeutung im Ganzen. Eine besondere Stellung kennzeichnet Volk nämlich als Persönlichkeit und betont damit den Unterschied zu anderen Völkern, z. B. als Heimat im Hinblick auf Fremdheit, als Schutzschild im Hinblick auf Bedrohung oder Angriff und endlich als Nation im Sinne von Staatsmacht.
Das Gedächtnis der Völker ist indes so kurz wie die Vergangenheit lang ist. Dennoch stellt sich die Frage, warum unser Land seinen Ruf als geistig hochstehend verlieren mußte, als es zum Bildungsnotstand kam und der Wohlstand gleichsam seinen Status umkehrte, indem z. B. Unrat und Kritzeleien zum öffentlichen Ärgernis geworden sind. Wie demokratisch gibt sich unser Land, wenn Beliebigkeit, Leistungsabfall oder Lernresistenz zur Regel werden und Jugendliche ohne Ausbildungsplatz und Berufsaussicht allein gelassen werden?
Abgesehen vom Recht jedes einzelnen Volkes, gingen bei uns anspruchsvolle Begriffe schlicht über Bord, als die modische »Selbstverwirklichung« und die neumodische »Gesellschaft« das überlieferte Vokabular übertönten. Unter den Farben gesellschaftlicher Anstriche und extremer Begrifflichkeit sind die Grundlagen geistig-seelischer Ausrichtung auf das persönliche, völkische und staatliche Leben fast vergessen worden.
Wer kennt nicht die Redensart vom Unmöglichen, das sofort erledigt wird! Was darin zum Ausdruck kommt, zeigt doch, daß dem Wollen oder dem Willen eigentlich gar nichts entgegenstehen kann, sofern es vor allem rechtens ist und überzeugt. Aus der Erziehung weiß man, wie fruchtbar Hilfe und Lehre, Beispiel und Vorbild wirken können, wenn willensmäßige Impulse zwischen Lernenden und Lehrenden stimmen.
Seit einigen Jahrzehnten sprudelt eine neue Quelle Kraft in den vielfältigen Strom des Seins: Die Philosophie der Gotterkenntnis. Was Forschung und Geisteskraft bisher an Wissen und Können bieten, unterstützt den Rahmen, den die Philosophie Mathilde Ludendorffs darüberhinaus absolut setzt. Eine geniale Erkenntnis weist z. T. Kirchenlehre, Religionen und Glauben auf ihre Plätze, die noch stets von ihren Einrichtungen geschützt werden. Das Ludendorff'sche Werk aber leuchtet dem natürlichen und wissenschaftlich erforschten Weltbild entgegen. Mittelbar wird es zweifellos anerkannt, aber von der allgemeinen Wissenschaft nach wie vor verschwiegen, unmittelbar heiligt bekanntlich ein Glaube die Mittel. Ob alsdann das Recht gleichsam entheiligt wird, steht meist in Gottes Hand, wie es ein Priester ausdrücken würde.
Nebenbei gesagt: in unserem heutigen losen Verhältnis zwischen Obrigkeit und Untertan, zwischen Regierung und Volk, zwischen Staatsmacht und Nationalgefühl bekämen Machtfragen eine andere Dimension, wenn Anspruch oder Verzicht auf Recht sowie Schuld und Sühne auf dem Hintergrund von Geistesfreiheit geregelt werden, und zwar auf der Grundlage von volksverbundener Gemeinschaft und Administration.
Deutschland hat fremde Menschen und fremde Lehren hingenommen und seinem Volke damit einen Bärendienst geleistet. Die heimische Bevölkerung erträgt die Veränderungen erstaunlich geduldig und sucht sie zu verkraften. Kultur und Staatshoheit gehen indes eigene Wege. Eine zunehmende Scheu vor Mutterschaft, ein schwindender Wehrwille fallen wie taube Früchte ins Bodenlose, d. h. ins Faß der Gleichheit. Glaubensgemeinschaften verzeichnen teils regen Zulauf und die Parteien im Staate sorgen für die Verteilung der Interessen, um diese späterhin bündeln zu können.
Inwieweit derartige Umbrüche im Volkskörper Nachteile für diesen oder mögliche Vorteile für die Obrigkeit bringen, wird die Nachwelt beschäftigen, je nach dem Grad der Selbstbestimmung und Handlungsstärke des Volkes. Beides mündet zumeist in künstliche Schicksalsgemeinschaften, in denen die Menschen Partei zu ergreifen suchen. Volkstreue Bürger Befinden sich dagegen in der Minderheit, sie halten sich mehr oder weniger zurück von der Geschäftigkeit in der Öffentlichkeit.
Im Hinblick auf das Ludendorff'sche Weltbild läßt sich nur vermuten, ob und wann es in größerem Rahmen Zustimmung finden wird. Wer es sich zu eigen gemacht hat, verfügt über ein Tor zur Weltsicht, das auf dem Hintergrund von Heim, Familie und Vaterland ins Leben weist. Politische und weltanschauliche Belange zum Wohle des Volksganzen aber ergeben sich aus Forschung, Lehre und Wissenschaft, vielfach auch mit Unterstützung von Parteien und Verbänden.
Die Seelenlehre Mathilde Ludendorffs spannt den Bogen vom Einzelwesen bis in die Gemeinschaft des Volkes. Sie beleuchtet dessen Persönlichkeit im Verhältnis zum Sinn des Seins. Die Schau erhellt ein weites Feld, dessen Boden jene Saat reifen läßt, die den Zusammenhang von Welt und Leben umfaßt. Volk wird demnach als Persönlichkeit erläutert und gewertet. In ihr ruht jene Kraft, ohne die die Spur des Seins nicht wahrgenommen werden kann. Leben drängt stets nach Erfüllung und zollt dabei dem Sein jenen Tribut, der vorgegeben ist bzw. der erhofft wird: die Welt der Pflanzen lebt, gedeiht und verblüht auf dem Niveau des Unbewußten. Im Tierreich herrscht unterbewußtes Leben. Im Menschen ist Bewußtheit erwacht und hat jener Kraft Geltung verschafft, die der Wille freizusetzen vermag, teils gebündelt in jeweils eigenes geistig-seelisches Vermögen teils nach außen gerichtet auf die Felder von Wirtschaft, Wissenschaft und Technik.
Ein Wille verhilft jeder Kraft sich zu entfalten: Die Blume wächst, das Mäuschen nascht und das Kind schreit, wenn ihm etwas fehlt. Jeder erwachsene Mensch kennt Probleme, die mit Willensentscheidungen verbunden sind.
»Wenn auch der Wahn über Gott und die Gesetze der Menschenseele sich verhüllend zwischen die Menschenseelen und Gott in all den tausenden von Jahren ... stellte und viel törichte Lebensvergeudung, sinnwidrige Lebensgestaltung, frevelhafte Bedrohung der Freiheit des Menschen ... auslösten: die segnenden göttlichen Strahlen im Ich der Menschenseele ließen ... dennoch den göttlichen Sinn ihres Seins ahnen, und ihre Worte, Taten und Werke leuchteten seit je in alles Unheil der Menschengeschichte wie ein unvergängliches göttliches Gut, Segen wirkend in der Mitwelt und Kultur schaffend für die Nachwelt.« (S. 14 Mathilde Ludendorff, Vom wahren Leben)
So gab Mathilde Ludendorff die Sicht frei für das Phänomen des Ichs, jenes wunderreiche Instrument voller Tragweite und Bedeutung, vor allem hinsichtlich des Willens.
In unserer Welt von heute lassen sich z. B. Entwicklung und Folgen von Überfremdung erkennen und deuten, vornehmlich dank des philosophischen Werkes. Mathilde Ludendorff war zu ihrer Zeit nicht mit Fremdheit im eigenen Land konfrontiert. Ihr philosophischer Blick für Volk und Menschen, für Naturzustand oder Veränderung, wie auch immer, umschließt, was Menschen und Völker überall auf dieser Erde betrifft, und zwar unabhängig von , Rasse oder Religion. Ebenso kommt dem Rechtsbegriff eine neutrale Deutung zugute.
Volkes Recht an höchster Stelle heißt nichts anderes als den Begriff Volk in ehrendem Sinn zu erfassen. Inwieweit er gelehrt, erlebt und gepflegt, d. h. während der Schulzeit und Ausbildung beachtet und gewürdigt wird, läßt manches zu wünschen übrig.
Bezüglich des gesellschaftlichen Gleises, auf welches Volk und Nation heute geschoben werden, kommen die Menschen gar nicht in Zweifel, ob für oder gegen Volk entschieden wird, wenn sie in den Wahllokalen auf den Stimmzetteln Partei ergreifen. Kaum jemandem kämen dabei Rechtsfragen oder Volkstum in den Sinn. Die örtliche politische Lage gibt den Ausschlag für das Kreuz auf dem Wahlzettel, allenfalls begleitet vom Wissen um die Pflicht des Staatsbürgers.
Nicht anders erging es Felix Dahn mit seinem Hinweis auf den Zusammenhang von Volk und Sprache: Jeder Generation sollte er bewußt gemacht werden. Kultur und Geschichte des Landes bilden dafür die Grundlage, diese gewährleistet erst den Zusammenhalt zwischen jung und alt wie zwischen hoch und niedrig.
Sprache bildet mitunter als Krisenpunkt im Dasein den Auslöser für den Helfer in der Not. Im Alltag dient Sprache der Verständigung; in Schule und Unterricht als Bildungs- und im künstlerischen Bereich als Ausdrucksmittel. Was demnach richtig, d. h. rechtens ausgesprochen wird, das versteht man, dgl. was namentlich erwähnt wird.
Wenn politische oder religiöse Ideologen sprachliche Mittel zwecks Beeinflussung nutzen, denkt kaum jemand an die Nähe der Sprache zur Seele des Menschen. Eine solche Wirkung zu erleben, stellt gewöhnlich eine Hürde für Fremde dar, weniger das technische Erlernen. Sprachliche Eigenart läßt sich nur über einen längeren Zeitraum erfahren. Ihre Tiefe und Eigenart wurzelt nämlich im jeweiligen Gemütserleben, welches die völkische Eigenart kennzeichnet und prägt. Die läßt sich kaum gleichmachen ... allenfalls eindämmen.
Auch Glaubenslehren nehmen Einfluß auf das Gemütserleben. Aber jeder Mensch kann sich sein Freisein innerseelisch wahren, falls nicht der gottverlassene Selbsterhaltungswille als stärkere Kraft ins Spiel kommt. Der steuert nämlich mit an den Fähigkeiten des Bewußtseins, mischt sich also in das Streben nach Recht, nach Freiheit, ja auch nach Gleichheit und Beliebigkeit u. ä..
An dem Punkt aber scheiden sich die Geister. Im Werk Mathilde Ludendorffs findet sich die Lösung. Der Philosophin ist es bekanntlich gelungen, Weltall und Menschenseele auf ihren Ursprung hin zu betrachten, zu deuten und wissenschaftlich unanfechtbar darzulegen. Durchdrungen vom Ahnen um das höchste Menschenamt, dem Erleben des göttlichen Stolzes und der göttlichen Wünsche im Ich der Seele, hat Mathilde Ludendorff seelisches Wirken und Gestalten als etwas erkannt, das machtvoll und umfassend menschliches Wesen trägt. Wo Gegenkräfte einsetzen, die als Ängste vor dem Schicksal oder vor Todesfurcht die Freiheit der Seele zu bändigen suchen, spricht Mathilde Ludendorff von seltenen Menschen, die in der Lage sind, Schicksalsschläge zu meistern. Sie schöpfen ihre Kraft aus dem Ich der Seele, dem gottgewollten Gegner des Selbsterhaltungswillens. Solchen Gottstarken
»... war seit je das dem göttlichen Stolze und dem aus ihm geborenen Wissen um das Recht auf Freiheit geschenkte Ahnen der Wahrheit des hohen Menschenamtes wie eine frohe, sieghafte Bestätigung dessen, was ihnen dies Leben lebenswert, ja köstlich machte, und was ihnen das Menschengeschlecht ... ertragbar bleiben ließ.« (S. 13, Vom wahren Leben)
»So wie die eingeborene Freiheit des Ichs ... sich in jeder Menschenseele gegen die Leidangst stemmt, ... so steht seit je das köstliche Wünschen in jeder unvollkommenen Menschenseele als segensreiches Gegengewicht der Lustgier ... der unvollkommenen Seele entgegen.« (S. 15 Vom wahren Leben)
Mathilde Ludendorffs Wortschöpfung »Gotterkenntnis« steht für die erschaute Wirklickikeit des Verhältnisses um die Berührung der Seele zwischen Mensch und Weltall. Das heißt weder Religionen noch Sekten oder ähnliche Bünde schaffen Tatsachen, nämlich seelisch mit der Wirklichkeit übereinzustimmen. Etwas zu glauben stiftet lediglich Ersatz dafür, was wissenschaftlich ungesichert oder gar nicht vorhanden ist. Rechtliche Überlegungen mit Glauben zu verbinden, verstellt den geraden Weg, lenkt vielleicht ab oder verlängert das Hoffen auf eine Entscheidung.
»Gotterkenntnis weiß ..., daß das bewußte Lebewesen nicht nur das einzige Gottesbewußtsein dieser Schöpfung, sondern im Diesseits u n d Jenseits dieser Erscheinungswelt ist ... im Jenseits der Erscheinungswelt herrscht nur göttliche Unbegrenztheit ... Das Köstlichste aber an dieser Wirklichkeit ist, daß der Mensch nur die Möglichkeit angeboren in sich trägt, solch ein Gottesbewußtsein durch eigene Gestaltungskraft seiner Seele zu werden.« (S. 19 Vom wahren Leben)
Bei der Gotterkenntnis Mathilde Ludendorffs handelt es sich also um »... einen Aufstieg zu immer tieferen und reicheren Einsichten, die nicht etwa von einander, sondern im tiefsten Zusammenhang miteinander stehen. Das ... hat natürlich zur Folge, daß aus einem solchen Bau nicht einzelne Steine herausgerissen werden können.« (S. 39/40 Vom wahren Leben)
Was Mathilde Ludendorff in dem Zusammenhang bekundet, nennt sie Gottverantwortung, also eine hohe, ja erhabene Auffassung von Verantwortung. Ihr wird sogar göttliche Kraft zugemessen, wenn eine edle Gesinnung als Triebfeder wirkt.
»Verantwortungsfreudigkeit ist daher zu allen Zeiten ein vertrauenerweckendes Zeugnis des Edelsinnes eines Menschen gewesen.« (S. 68 Vom wahren Leben)
Wo Klarheit über den Sinn des Lebens herrscht und die Gestaltungskraft des Menschen zum Maß der eigenen Seele geworden ist, waltet Wesentliches über das, »was er tut und unterläßt, was er aus der Umwelt unbeachtet läßt oder was er aufnimmt, weil er es für wesentlich erachtet, was er im Denken erfaßt, was er im Sinnen erschaut. Vor allem aber erlebt er eine Richtkraft seiner Liebe und seines Hasses, die nun mit dem göttlichen Sinn seines Lebens in Einklang steht.« (S. 68 Vom wahren Leben)
Solange es aber in den Morallehren aller Religionen nur Weniges gibt, was allgemein dem Sein und Nichtsein entspricht, unterbleibt eine klare Erkenntnis über den göttlichen Sinn des Menschenlebens.
Was die Wünsche zum Wahren, Guten und Schönen betrifft, das sollte vor allem in Klarheit gebettet sein, weil sie vornehmlich das Ich der Seele ahnend erlebt. Auch darin geben Religionen unterschiedliche Antwort. »Am leichtesten läßt sich dies an dem Verbot des Tötens, seiner Begründung und seiner Art der Begrenzung oder Nichtbegrenzung erkennen, wie die Rechtsprechung der Völker sie einerseits entwickelt und die Religionen andererseits sie gegeben und geübt haben.« (S.73 Vom wahren Leben)
Nach wie vor bestätigen widersprüchliche Inhalte in Religion und Rechtsfragen, wie nachteilig diese sich für die Gemeinschaft des Volkes auswirken können. Mißmut oder Empörung, sogar Gewalt endet häufig damit, daß die Menschen gleichgültig werden oder abstumpfen gegenüber staatlicher Nacht. Was nicht zu ändern ist, muß eben ertragen werden, heißt dann die Folgerung. Darin macht sich seelisches Beharrungsvermögen bemerkbar. Parlamentarier sollten es wissen und beherzigen können, falls sich der Raum zwischen Regierenden und Volk zu sehr weitet.
Bedenklich stimmt die Belastung des Volkes durch die zahlreichen Fremden in Lande. Noch verhält sich Gegenwehr in Grenzen, wahrscheinlich eine Folge von Maßgaben, die einst die Umerziehung »demokratisch« eingebracht hat. Eine sinnvolle Abgrenzung zwischen Freiheit und Zwang, zwischen Pflicht und Neigung sowie zwischen Recht und Unrecht, Arbeit und Ruhe oder zwischen persönlichem Besitz und Allgemeingut usw. ist schwierig, seitdem sittliche und moralische Wertungen an Gewicht verloren haben bzw. dem einzelnen im Zuge von »Selbstverwirklichung« und »Gesellschaftlichkeit« überlassen werden. Das begünstigt weitere Isolierung, verwischt überdies die Spuren von Überlieferung und überläßt das Modische und Zeitgemäße den »Trendsettern«.
So wird den jüngeren Menschen gleichsam der Hof gemacht, während der ältere sich befremdet oder unwillig zurücknimmt. Die Konfessionen unternehmen kaum etwas dagegen (Mohammedaner, Mosaismus, Christentum); sie huldigen jeweils der Unsterblichkeit ihres »auserwählten« Volkes. Andersgläubige Völker werden häufig genug in kriegerische Auseinandersetzungen verwickelt.
Die Widersinnigkeit zwischen »göttlicher Auserwähltheit« und völkischer Wirklichkeit bildet das Ausrufezeichen im weltanschaulichen Ringen schlechthin. Dagegen bietet die Philosophie Mathilde Ludendorffs lebenswichtige und praktische Ergebnisse, die den Tatsachen entsprechen, weil sie Grundfragen des Lebens berücksichtigen. Sein und Nichtsein bestimmt im ursprünglichsten Sinne das Ebenmaß in der Natur. Die Eindeutigkeit der Ludendorff'schen Erkenntnisse z. B. über den Sinn der menschlichen Unvollkommenheit wie über die Wahnlehren des Gewissens gibt wohl den Ausschlag für das allgemeine öffentliche Schweigen über die schöpferische Großtat auf dem Gebiet der Philosophie.
Erinnert sei ferner daran, daß gemäß Grundgesetz alle Macht vom Volke ausgehen soll. Im Hinblick auf die Parteien-Dominanz kann davon eigentlich kaum die Rede sein. Selbst Verwaltung und Rechtswesen sind mehr oder weniger parteiabhängig. Viele Menschen suchen überdies ihr Heil im Glücksspiel oder in Reisen. Andere bangen um ihren Arbeitsplatz. Nicht zuletzt treibt jene hochgelobte Globalisierung bzw. Europäisierung manche Menschen in Zwangslagen, vor allem, wenn Firmen ins Ausland verlegt werden.
Die Presse läßt sich seit geraumer Zeit von dem Modewort Globalisierung leiten. Der Begriff überdeckt vieles und macht die herkömmliche Begrenzung zwischen den Völkerschaften unscharf.
Bekanntlich wird in der Naturwissenschaft auf Artenschutz großer Wert gelegt. Gleiches gibt für die artgerechte Haltung von Tier und Pflanze. Nur der Mensch kann offenbar tun und lassen, was den gewohnten Rahmen sprengt. Um keinen Schiffbruch zu erleiden, werden mitunter gute Geister oder Dämonen berufen, die angeblich Schicksal zu besänftigen vermögen.
Sicherlich werden die Naturgesetze weder mißachtet noch bekämpft. Sie ernst zu nehmen, ihnen gerecht zu werden, ja sie zu schützen, ist das Hauptanliegen vieler Naturfreunde wie dem Naturschutzbund.
Aber jenen Menschen, die unser Schicksal bestimmen und gestalten wollen, leisten wir ggf. Widerstand, sollte deren Wirken mit den göttlichen Wünschen und der Volkserhaltung Widersprüche hervorrufen.
»Da Gott aber nicht nur vollkommen, sondern erhaben über jedwede Grenzen ist, so weiß Gotterkenntnis auch, daß das bewußte Lebewesen nicht nur das einzige Gottesbewußtsein in dieser Schöpfung, sondern im Diesseits und Jenseits dieser Erscheinungswelt ist.« (S. 19 Vom Wahren Leben)
Diese philosophische Schlußfolgerung von Mathilde Ludendorff steht nicht nur im Einklang mit der Naturwissenschaft, sie gibt auch jedem Menschen den Schlüssel in die Hand, mit dessen Hilfe er sein Leben wie das seines Umfeldes erschließen kann. Der Dienst an der Wahrheit krönt gewissermaßen künftige Ergebnisse im Ringen um den Lebenssinn. Das philosophische Werk hat den Nachweis erbracht, »daß die Völker nicht, wie der einzelne Mensch, dem Todesmuß unterworfen sind, daß ihr Aussterben an seelischer Entartung, die auch eine Schwächung des Mutterschaftswillens und damit Geburtenrückgang mit sich bringt, eben Krankheitstod ist.« (S. 18, Mathilde Ludendorff, Aus der Gotterkenntnis meiner Werke)
Untaugliche Lehren der Lebensführung (Empfängnisverhütung, Egoismus) sowie untaugliche sittliche Wertungen (Luxus, Waghalsigkeit) können unter Umständen seelisches Leid nach sich ziehen.
Philosophische Lehren stehen an sich dem praktischen Leben fern. Aber sie dienen eben auch der Wahrheit, wie es sich am philosophischen Werk Mathilde Ludendorffs nachvollziehen läßt. Es hat sich der letzten Rätsel des Lebens verschrieben und diese unmißverständlich erkannt. Insofern steht »Gotterkenntnis« über den Lehren der Religionen. Dieses Wissen müßte genügen, um es gelegentlich anzuwenden, das heißt wenigstens in Andeutungen anderen Menschen zu übermitteln, »denen der unerbittliche Kampf ums Dasein oder andere wichtige Wirksamkeit für das Volk buchstäblich ,keine Zeit läßt', sich mit den Werken selbst zu befassen.« (S. 22, Aus der Gotterkenntnis meiner Werke)
Nun ist aber die Geschichte der Völker voll vom Hin und Her zwischen Freiheit und Zwang. Das Los vieler Völker und Kulturen läßt sich an ihrem Untergang in vergangener Zeit ablesen. Häufig ist Abstumpfung bzw. Gewöhnung die Ursache für ein unabwendbares Schicksal gewesen. Die Völker duldeten eben vieles, auch wenn es ihnen gegen den Strich ging und sie nichts an ihrer Lage zu ändern vermochten. Mit der Zeit legt sich dann Verbitterung oder Empörung - der Selbsterhaltungswille verlangt sein Recht - im Alltag nimmt sanftes Vergessen von Unbill oder Übel die Zügel wieder in die Hand.
Ein innerseelischer Zustand kann sich aber auch wandeln. Eigenes Besinnen liefert dann den Ausschlag, z. B. einer drohenden Selbstversklavung zu entrinnen. Erkennt man die Umstände, die sie auslösen, obsiegt spätere Einsicht über eine, wie auch immer getroffene Entscheidung. Vor allem, wenn das Ich im Willen erwacht und törichte Willensrichtung im Bewußtsein beendet, wenn auch manchmal nur vorübergehend. Anderes schickt die Erinnerung vielleicht spontan in das Bewußtsein, öffnet den Gedanken eine neue Richtung, die Vertrauen weckt, z. B. die Verantwortungsfreude. Diese bildet oft das Zünglein an der Waage, wenn es um Rechtsprechung geht, die die Völker auf der einen Seite entwickelt haben, die aber von den Religionen andererseits zu ihren Gunsten abgewandelt worden sind.
In diesen Widerstreit, der kaum nach außen in Erscheinung tritt, der aber intern eine Rolle spielt, regelt, wägt und handelt Politik mit Kraft und Gegenkraft und denkt per Wahl auch einmal an das Volk. Dahinter regeln Parteien die Anordnungen auf der politischen Bühne, sowohl nach links und rechts, wobei die Mitte beide Richtungen beobachtet. Dort sorgen zumeist Wohlwollende für das nötige Gleichgewicht der Kräfte. Die unmittelbare Berührung mit Politik läuft also über einige Hürden: Parteien, Fraktionen, Gremien, Kommentatoren, Presse, Rundfunk u. u....
Das Ludendorff'sche Werk gibt hinreichenden Aufschluß über den Lebenssinn schlechthin. Wo es aber das Wesen gottnaher Menschen umsinnt, in denen Freiheit als ein unerläßliches Lebensgut wirkt, wird der Leser sozusagen persönlich angesprochen. Vielleicht wird er kritischer, handelt besonnener und begeistert sich am Wort Friedrich von Schillers:
| »Der Mensch ist das einzige Wesen, das will, |
| eben deswegen ist des Menschen nichts so unwürdig |
| als Gewalt zu erleiden, denn |
| Gewalt hebt ihn auf. Wer sie uns antut, |
| macht uns nichts Geringeres als die Menschheit |
| streitig; wer sie feigerweise erleidet, wirft |
| seine Menschheit hinweg.« |