Sprachfähigkeit – eine Einzigartigkeit des Menschen?

Vom Ursprung der Sprache (Fortsetzung und Schluß)

Von Dorothee Warnecke

Die Entwicklung der körperlichen Organe für Sprachfähigkeit

Die ersten Hominiden waren teilweise aufrechtgehende Menschenaffen mit langen Armen und gebogenen Fingern. Sie lebten vermutlich noch vorwiegend auf Bäumen. Diese frühen Hominiden und einige spätere Arten (der Australopithecus) hatten nur ein kleines Gehirn (s. Tabelle unten). Die Größe des Gehirns nahm erst mit der Gattung Homo über die Vergrößerung der Großhirnrinde (Neocortex) – einer dünnen Schicht aus Nervenzellen, die die Oberfläche unseres Gehirns bildet – zu. Aber nicht die gesamte Gehirnoberfläche dehnte sich aus, es waren die Stirnlappen, die mit der Planung und Voraussicht zu tun haben, die überproportional wuchsen. Auch das Kleinhirn – im hinteren unteren Teil des Schädels liegend – nahm beim Menschen unverhältnismäßig stark an Größe zu. Hier ist der Bereich für die automatisierte Handlung, zum Beispiel für die Bewegungen beim Auto- und Fahrradfahren oder beim Zuknöpfen einer Bluse oder eines Hemdes. »Diese typisch menschliche Größenverteilung der Gehirnbereiche gab es bei den Australopithecinen noch nicht; sie tauchte beim Homo habilis – dem ,geschickten Menschen‘ – auf, der erstmals Steinwerkzeuge herstellte« (1).

Die Entwicklung des Gehirnumfangs:
Art Jahre Gehirnumfang
erste Hominiden ca. 4,4 Mio. 400 ccm
Australopithecus 4,2 Mio. 400 ccm
Homo habilis 1 Mio. – 500.000 600 ccm (das entspricht einem Sprung um 50%)!
Homo erectus   850–1100 ccm
Homo sapiens 250.000–150.000 1350 ccm

Im Broca-Zentrum des Gehirns liegt der Bereich, der die Sprache ermöglicht. Es liegt in der Regel im linken Stirnlappen in der Nähe der Schläfe und ist leicht als Höcker zu erkennen. Als man bei einem 1,8 Mio. Jahre alten Homo-habilis-Schädel dieses Zentrum entdeckte, hielt man es als ein Zeichen für Sprachfähigkeit. Aber auch bei Tieren hat man dieses Broca-Zentrum gefunden, wie auch die anderen Gehirnteile, die am Verstehen und der Erzeugung von Sprache beteiligt sind: so das Wernicke-Zentrum (im linken Stirnlappen) und etwa ein Duzend verstreute Knoten im Stirnbereich – sie sind also nicht ausschließlich nur dem Menschen eigen! »Zwischen dem Gehirn von Menschenaffen und Menschen bestehen im wesentlichen nur quantitative Unterschiede« (1).

Obwohl das Gehirn nur zwei Prozent des Körpergewichtes beträgt, verbraucht es aber achtzehn Prozent der Energie. Welche Vorteile, wenn nicht die der Sprache, brachte nun dieses derart große Gehirn? So vermutet der Anthropologe Dean Falk, daß die Sprache das Wachstum des Gehirns verursachte. Der Neurologe Terrence Deacon gründet die gleiche Überzeugung aufgrund der unterschiedlichen Verdrahtung des Gehirns von Menschenaffen und Menschen, sowie auf Untersuchungen von Kleinaffengehirnen. Er sagt: »Die Strukturen und Schaltkreise, die sich während der Evolution des menschlichen Gehirns am stärksten verändert haben, spiegeln einige ungewöhnliche Anforderungen der natürlichen Sprachen wider.« (2)

Damit sind die Veränderungen der Stirnregion und ihre Leistungen – die willentliche Steuerung der Lautäußerungen – gemeint. Nun weiß man aber nicht, ob der archaische Homo sapiens wirklich sprachlich soweit entwickelt war wie wir.

Die Kehlkopfveränderung und ihre Auswirkung

Weitere anatomische Befunde des Stimmapparats, wie der Kehlkopf, der Rachen, die Nasenhöhle, die Zunge und die Lippen, bestätigen im wesentlichen das gleiche wie die Zunahme des Gehirns. Bei allen Säugetiere – nur nicht beim Menschen – liegt der Kehlkopf oben im Hals. Das hat dreierlei Folgen:

  1. kann sich der Kehlkopf im Hohlraum am hinteren Ende der Nasenhöhle »festsetzen« – dann wird ausschließlich durch die Nase geatmet, denn die Mundhöhle wird durch die Überlappung vom weichen Gaumen und Kehldeckel verschlossen.
  2. können zwar die Stimmorgane der Schimpansen und anderer Säugetiere die meisten Vokale ebenso hervorbringen wie der Mensch, aber in manchen Fällen nur unter Schwierigkeiten. So muß sich der Stimmapparat eines Menschenaffen sehr stark zusammenziehen, um ein langes e und ein langes u hervorzubringen. Und es ist für einen Schimpansen fast unmöglich, schnell von einem Vokal zum anderen zu wechseln.
  3. es fehlt ihnen das Geräuschspektrum, das Konsonaten hervorbringen kann, denn den Gaumensegel-Verschluß können Affen nicht zuwege bringen. Diese kurze Unterbrechung der Luftwege durch die Nase, die die Luft durch den Mund strömen läßt, ist die Grundlage zur Konsonatenbildung. Ermöglicht wird dies durch einen kurzen Luftwirbel und einer kurzzeitigen kleinen Luftstauung, es entstehen Geräusche und die Form des Stimmtraktes verändert sich so, daß bestimmte Frequenzen verstärkt oder abgeschwächt werden, was den durch die Stimmbänder erzeugten Klang moduliert. Durch solche schnellen Vorgänge ergibt sich verständliche Sprache.

Und diesen Stimmapparat, der Konsonanten erzeugen kann, besitzt nur der Mensch! Die Unterschiede der Stimmorgane zwischen Menschenaffen und Menschen sind zwar relativ gering, aber sehr bedeutsam. Die Fortentwicklung des aufrechten Ganges, mit der Notwendigkeit, den Kopf aufrecht zu halten, um im Gleichgewicht zu bleiben, waren der Auslöser dazu.

Aber, so fragt man sich, warum entwickelte sich bei den Hominiden kein menschenähnlicher Kehlkopf? Australopithecus, Homo erectus, der Neandertaler und andere archaische Vertreter des Homo sapiens, so vermutet man, gingen zwar aufrecht, aber nicht so vollfständig oder ausschließlich wie die Gattung Homo sapiens. In einer Modellrekonstruktion des Stimmorganes testete Edmund Crelin die Sprachfähigkeit ausgestorbener Arten. Seine Befunde ergaben, daß erst der archaische Homo sapiens, der vor etwa 250.000 Jahren lebte, die Fähigkeit zur Produktion von Vokalen und Konsonanten, die für die heutige Sprache charakteristisch sind, besaß. Sein Gehirn war ähnlich dem unsrigen.

»Wenn Crelin recht hat, kann die Sprache nicht die Ursache für die Entstehung des Homo sapiens gewesen sein. Seinen Befunden zufolge war die Entwicklung des Stimmapparates vielmehr ein nützlicher Nebeneffekt, als der Gang im Laufe der Evolution immer aufrechter wurde. Wie wir dann allerdings die neuroanatomische Feinsteuerung erworben haben, die zur Koordination der Artikulationsbewegungen und der Atemkontrolle im Stimmapparat erforderlich ist, bleibt ein Rätsel.« (1)

Welche Kräfte bewirkten Sprache?

Vermutet wird, daß die Verbesserung der motorischen Fähigkeiten eine Triebkraft der Evolution gewesen sein könnte. »Ein Hinweis auf die mutmaßliche neurologische Verknüpfung von Werkzeugbenutzung und Sprache ist die Tatsache, daß manche Gehirnbereiche, zum Beispiel das kleine Assoziationsfeld im Scheitelbereich, sowohl bei der Handhabung von Gegenständen als auch bei der Sprache mitwirken, und zwar insbesondere beim Benennen von Objekten und bei der Grammatik. Deutlich erkennt man solche Überschneidungen bei Patienten, deren Broca-Zentrum geschädigt ist...« Diese und andere Befunde legen die Vermutung nahe, daß Sprachfähigkeiten nicht neurologisch isoliert entstehen, … , sondern daß sie in den ersten Lebensjahren eng mit den Fähigkeiten zur Handhabung von Gegenständen verknüpft sind. «Die Fähigkeit zur Werkzeugbenutzung ist für ihre Entwicklung ebenso auf das Broca-Zentrum in der linken Gehirnhälfte angewiesen wie die Anfänge der Wortbildung, … »Das ist das entscheidende Argument zugunsten eines Zusammenhanges zwischen Werkzeugbenutzung und Sprache: Beide haben zu Beginn ihrer Ontogenese einen gemeinsamen Nährboden im Gehirn… Die Auseinanderentwicklung beginnt im Alter von zwei Jahren, wenn das Broca-Zentrum andere Verbindungen mit dem vorderen Teil der Großhirnrinde eingeht.« (1)

»Diese drei anatomischen Beweislinien – Gehirn, Stimmapparat und die Fähigkeit, Werkzeuge zu benutzen – sind die wichtigste Grundlage für die Vorstellung von einer langsamen, allmählichen Veränderung, die schließlich zur Sprache führte. Parallel zu den Veränderungen in Gehirn und Stimmapparat fanden nach und nach auch Umbildungen der Hände statt, die für die Herstellung und Verwendung von Werkzeugen zunehmend geeigneter wurden.« (1)

Sue Savage-Rumbaugh schreibt: »Was wir über die Fähigkeiten der Affen beim Sprachgebrauch und bei der Werkzeugherstellung erfahren haben, sagt uns zwar nicht, wie die Hominiden zu Menschen wurden, aber wir können daraus viel über den gemeinsamen geistigen Nährboden der Menschenaffen und unserer Hominidenvorfahren ableiten. Unser heutiger Verstand entwickelte sich aus diesem Vorläufer, und der wiederum hatte viele Eigenschaften mit Affen gemeinsam, die sich von ihren heutigen Vettern nicht allzusehr unterscheiden. … sie geben uns also einen kleinen Eindruck von dem Ausgangspunkt jener Evolution, die aus dem Menschen im Naturzustand den modernen Menschen machte.« (1)

Darwin spricht in seinem Buch »Die Abstammung des Menschen« von einem Unterschied zwischen der übrigen Tierwelt und dem Menschen von »höheren geistigen Fähigkeiten«. Worin bestehen nun diese höheren geistigen Fähigkeiten? Meistens werden Kultur und Sprache angeführt. Kultur als Wissensübermittlung von einer Generation zur nächsten definiert, und Sprache als ein Mittel dazu. »Aber der Homo sapiens mit seinem großen Gehirn und seinem vollständig aufrechten Gang tauchte vor hunderttausend Jahren auf, und erst vor vierzigtausend Jahren verbreitete sich explosionsartig die Kultur – was war in der dazwischenliegenden Periode?« (1)

Zur Übermittlung handwerklicher Kunst bedarf es nicht unbedingt der Sprache, das geschieht vor allem durch Zeigen und Nachmachen. Bei Versuchen mit dem Affen »Kanzi« erlernte dieser durch einen Mitarbeiter ohne Sprache die Steinbearbeitung und Kanzi entwickelte dann schließlich seine eigene ihm gerechte Vorgehensweise. Der Austausch von populären Dingen zwischen verschiedenen Kulturkreisen geschieht auch ohne gemeinsame Sprache: so ist die Musik weltweit stark vom Westen beeinflußt, Jeans erfreuen sich allerorts großer Beliebtheit usw.

Und so meint Sue Savage-Rumbaugh: »…, daß die Sprache ganz ähnlich wie die Landwirtschaft eine kulturelle Erfindung sein könnte. Die organisatorischen und technischen Tätigkeiten, die zur Nahrungsmittelproduktion und später zum Aufbau von Stadtstaaten erforderlich waren, überstiegen bei weitem die Anforderungen einer Jäger- und Sammler-Kultur. Und doch war es das Gehirn einer Spezies von Jägern und Sammlern, des Homo sapiens, das diese neuen Fähigkeiten schließlich beherrschte. Damit die Menschen vor zehntausend Jahren etwas tun konnten, wozu ihre Vorfahren nicht in der Lage waren, brauchte keine genetische Mutation stattzufinden. Ganz ähnlich ist es auch mit der Sprache: Man könnte sich durchaus vorstellen, daß der kognitive1) Apparat, der die Grundlage der Sprache bildet, sich ursprünglich zu anderen, verwandten Zwecken entwickelte, beispielsweise zur Planung zukünftiger Handlungen, zur Herstellung von Werkzeugen und zur zwischenmenschlichen Abstimmung. Die Tatsache, daß die Sprachzentren über einen großen Teil der vorderen Hirnrinde verteilt sind und sich in ihrer Lage zum Teil von einem Menschen zum nächsten unterscheiden, läßt jedenfalls darauf schließen, daß der Spracherwerb sich zu einem großen Teil oder vielleicht sogar ausschließlich durch Lernen vollzieht.

Im Gegensatz zu (Ian Davidson) glaube ich aber nicht, daß die Fähigkeit zur Kommunikation mit Symbolen unbedingt erst nach der Fähigkeit zum Abbilden entstanden sein muß. Aus der Affensprachforschung ergibt sich eine klare Aussage:

– Affen können nicht nur die Fähigkeit zur Kommunikation mit Symbolen erwerben, wenn man es ihnen systematisch beibringt, …

– sondern sie erwerben Sprache wie Menschenkinder auch spontan durch zwanglosen Umgang damit.« (1)

Sprache besteht nicht nur aus einem großen Lautspektrum, die nur der Mensch mit seinem einzigartigen Stimmapparat hervorbringen kann, sondern auch aus dem besonderen Wesen mancher Laute, das heißt der Fähigkeit, Konsonanten mit Vokalen zu verbinden. Da Kanzi gesprochene Worte versteht, ist anzunehmen, daß er Konsonanten entschlüsseln kann. »Wenn er sie ebenso wie Vokale auch hervorbringen könnte und dann noch das erforderliche Maß an motorischen Steuerungen besäße, könnte er sprechen, daran habe ich keinen Zweifel«, schreibt Sue Savage-Rumbaugh.

»Die Fähigkeit, eine gesprochene Sprache aus Symbolen zu erzeugen, war also abhängig von der Entwicklung des geeigneten Stimmapparats bei den Vorfahren des Menschen und nicht von der Evolution der kognitiven Voraussetzungen. Ein solches Kommunikationssystem stellt schon in primitiver Form einen beträchtlichen Überlebensvorteil dar, und nachdem die natürliche Selektion diesen Vorteil weiter ausbaute, wurde das System immer raffinierter. Warum das nach allen Hinweisen über Größe und Aufbau des Gehirns sowie über die Anatomie des Stimmapparats bei der Abstammungslinie des Homo geschah und nicht bei den Australopithecinen, ist eine wichtige Frage. Mit ziemlicher Sicherheit war die Fähigkeit zum Sprechen mit stärkerer sozialer Verflechtung verbunden, die ihrerseits mit komplizierteren Methoden zur Sicherung des Lebensunterhaltes zu tun hatte, also mit dem Anfang einer Entwicklung, die schließlich zur Lebensweise der Jäger und Sammler führte.

Durch unsere Arbeiten mit Austin und Shermann, sowie insbesondere mit Kanzi, eröffnete sich eine unabhängige Möglichkeit zur Bewertung der Theorien über den Ursprung der Sprache, die man aus den herkömmlichen Beweislinien abgeleitet hatte. Der unerwartete Befund, daß Affen die kognitiven Grundlagen für eine Symbolsprache besitzen, legt den Verdacht nahe, daß auch die ersten Mitglieder der Menschenfamilie mit größeren intellektuellen Sprachfähigkeiten ausgestattet waren, als man gemeinhin annimmt.« (1)

Die neuen Erkenntnisse erfordern ein umdenken

Die Annahme, Spracherwerb sei etwas ausschließlich Menschliches, kann nach den Erfahrungen mit Kanzi in der Affensprachforschung nicht mehr aufrechterhalten werden. Wir sind die Schwesterspezies der Schimpansen und stimmen mit ihnen in neunzig Prozent genetisch überein – und wir besitzen mit den Menschenaffen – wie wir hörten – auch einige Elemente der Sprachfähigkeiten gemeinsam. Um zum Ursprung der Sprache und ihrem Wesen vorzudringen, eignet sich das bisherige Denken über Sprachstruktur also nicht mehr. So wird man sich auch nicht wundern dürfen über die Behauptung, laut Sue Savage-Rumaugh, »daß Sprache (und ihre Syntax) an irgendeinem Punkt in der menschlichen Vergangenheit nicht gelernt, sondern erfunden wurde.« (1) Das heißt, wenn man unter dieser Voraussetzung nach Vorläufern der Sprachfähigkeit bei den Affen suchen wird, wird man nach den Fähigkeiten zum Erfinden von Regeln und nicht auf die bereits vorhandenen Kenntnisse von Gesetzmäßigkeiten achten müssen. Entwicklungsbedingte Anpassungen und Verhaltensweisen der Frühmenschen könnten sich in diesen Regeln widerspiegeln, die sie erfunden haben – das gleiche gilt für die Affen.

Die Frage, haben Affen eine Sprache? lautet natürlich: nein. Aber hat ein einjähriges Kind eine Sprache? Oder ein zweijähriges, ein fünfjähriges Kind? Sprache entsteht während des Heranwachsens des Kleinkindes. Und so gilt es nach Parallelen zwischen Affensprache und menschlicher Sprache im Entwicklungsstadium zu suchen, erst dann läßt sich sagen, wie weit die Affen auf dem Weg zur menschlichen Sprache vorankommen können. Ziel dieser Forschung war es also nicht, herauszufinden, ob Affen eine Sprache haben, sondern welche Sprachelemente es gibt und welche Elemente in dem jeweiligen Entwicklungsstadium fehlen.

Es muß natürlich bestimmte grammatikalische Regeln geben, die unabhängig von Verhaltensgesichtspunkten und Entwicklungsstadien gelten. Hierauf soll nicht genauer eingegangen werden, aber so viel sei gesagt, diese fünf Kriterien erfüllte Kanzi voll und ganz.

Um Sprache zu erlernen, müssen Kinder frühzeitig mit ihr in Kontakt kommen. »… aber wie sich dadurch Wissen einstellt, daß Wörter bestimmte Bedeutungen haben und in richtiger Zusammenstellung informationstragende Sätze bilden können, bleibt ein Rätsel.« (1)

Kanzi hatte also in zweieinhalb Jahren spontan Sprachfähigkeit erworben und sie sogar weiter entwickelt. Aber genau wie beim Menschen ist der frühe Kontakt mit der Sprache entscheidend. Die Affen gehen den Weg zur Sprache langsamer als Menschen und nicht so weit.

Diese Erkenntnis wird ein Umdenken bewirken. Wir müssen lernen, daß diese Tiere keine gefühl- und gedankenlose, von Reizen gesteuerte Geschöpfe aus Fleisch und Knochen sind, daß sie eine eigene Begriffswelt besitzen – ja, können wir diese Begriffswelt jemals verstehen?! Nach Sue Savage-Rumbaugh müßten wir uns »eine neue Ethik … ausdenken, die nicht nur unsere Mitmenschen und das empfindliche Ökosystem der Erde berücksichtigt, sondern auch die Wünsche und Bedürfnisse anderer fühlenden Lebewesen« Und sie fragt: »Kann man sich eine Zukunft vorstellen, in der nicht nur der Homo sapiens, sondern auch andere Wesen mit einem Bewußtsein die Erben der Erde sind? Nach wie vor sind wir diejenigen, die am weitesten vorausplanen, zumindest in einem bewußten Sinn. Was für eine Welt sollen wir mit unsern Planungsmöglichkeiten und dem neugewonnenen Wissen über den Geist der Menschenaffen erschaffen?« (1)

Brückenschlag zur Philosophie

Wieder ist uns der Blick in weit zurückliegende Zeiten ermöglicht. Er bestätigt die Aussage der Ludendorffschen Philosophie, daß schon in langen Zeitleuchten hindurch Eigenschaften oder auch Organe angelegt waren, bevor diese dann von einem bestimmten Grade ihrer Entfaltung an von der Selektion im darwinistischen Sinne unterstützt wurden.

Erinnert sei an den spindelförmigen, wurmähnlichen Amphioxus, der die Grundlage zum Zentralnervensystem in sich birgt und dem diese Anlage noch gar nichts »nützt«. Neueste wissenschaftliche Funde künden nun sogar von einem noch älteren Ahn, dem Chirolippis2), der auch schon eine Wirbelsäule besitzt. Die Wirbelsäule entschied ja dann über das weitere Schicksal der Fische, war aber auch die Grundlage (Rückenmark und Gehirn) für das Unterbewußtsein der »höheren« Tiere und das Bewußtsein im Menschen (3).

Erinnert sei weiter an die ersten Anfänge der fürsorglichen, mütterlichen Brutpflege bei den Vögeln und Säugetieren, womit die Liebe – definiert als persönliche Bindung – in die Welt kam. Die Reptilien zum Beispiel kennen nur andere, ein Wir-Gefühl gibt es bei ihnen noch nicht (4).

Erinnert sei ferner an die ersten Anfänge des Wunsches zum Schönen, der ohne »Zweck« bei den Einzellern in schwelgerischem Ausmaße anzutreffen ist und erst im Menschen seine einzigartige Bedeutung als Brücke zum göttlichen Erleben erreicht. Die Reihung ließe sich beliebig fortführen.

Nun haben wir ein weiteres Zeugnis in dieser Zusammenfassung der Forschungsergebnisse über den Ursprung der Sprache und dem ersten Aufleuchten des Bewußtseins.

Auch hier zeigt sich, das in frühester Zeit die Fähigkeit zum Spracherwerb angelegt war, die körperlichen Voraussetzungen sich langsam entwickelten, einmal durch den aufrechten Gang und vermutlich dann durch eine »geistige Revolution« (5) – über die man noch keine genaue Vorstellung hat – beim Homo sapiens sich dann zu dem vergeistigte, was das heutige Menschsein ausmacht!


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Schrifttum:

  1. Savage-Rumbaugh, Sue u. Roger Lewin: Kanzi - der sprechende Schimpanse. Was den tierischen vom menschlichen Verstand unterscheidet. Aus dem Amerikanischen von Sebastian Vogel. Droemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf., München 1995. ISBN 3-426-77311-2.
  2. Deacon, Terrence W.: Brain-Language Coevolution, in J.A. Hawkins und Murray Gell-Mann (Hg.), The Evolution of Human Languages, Reading, MA 1990, S. 4.
  3. Ludendorff, Mathilde: Der Seele Ursprung und Wesen. 1. Teil. Schöpfungsgeschichte 1954, 1. Auflage 1923.
  4. Eibl-Eibesfeld, Irenäus
  5. Münch, Karl: Das Erwachen des menschlichen Bewußtseins in der Entwicklungsgeschichte, Mensch und Maß, Folge 13 (2000), S. 592–597.

Fußnoten:

  1. kognitiv: 1. das Erkennen, das Wahrnehmen betreffend, auf ihm beruhend. 2. die Erkenntnis betreffend, auf ihr beruhend, erkenntnismäßig.
  2. ob die Schreibweise so korrekt ist, ist mir nicht bekannt, ich habe es so vom Hörensagen übernommen. Aus: Planet des Lebens. Abschied vom Ozean. ZDF Spezial 1996.