Vom Ursprung der Sprache
Von Dorothee Warnecke
Im Jahre 1975 begann Sue Savage-Rumbaugh, Professorin für Biologie und Psychologie, am Sprachforschungszentrum der Georgia State University mit einer Studie über die Affensprachforschung, deren Ziel es war den, »Ablauf des Spracherwerbs bei Menschenaffen aufzuklären und mit dem spontanen Sprechenlernen der Menschenkinder zu vergleichen. Diese Fragestellung hatte praktische und theoretische Aspekte. Erstens bedeutete sie eine Weiterführung und Ausweitung der Bemühungen zur Entwicklung von Sprachunterrichtsmethoden, die schwer geistig behinderten Kindern helfen konnte, … Und zweitens ging es um die Frage, in welchem Sinne andere Arten als der Homo sapiens Sprache entwickeln können.« (1)
Bisher war man von der Annahme ausgegangen, wenn Affen eine Sprache besitzen, dann werde sich diese angeborene Syntaxfähigkeit - also die Fähigkeit eines regelgerechten Satzbaues - zeigen, weil dies genetisch festgelegt sein müsse. Sue Savage-Rumbaugh »interessierte (sich) für die Fähigkeit, der Tiere, zu verstehen und zu kommunizieren.« Sie wollte »… zum innersten Wesen der Sprache vor(…)dringen: zu der Fähigkeit, einem anderen etwas mitzuteilen, was dieser noch nicht weiß« (1, S. 76).
Zunächst entwickelten die Forscher eine abgewandelte Form der Computertastatur, auf der Symbole, Gegenstände oder Tätigkeiten angeordnet waren, in willkürlicher geometrischer Form, auf der Grundlage des Yekish - einer Sprache, die Ernst von Glaserfeld erfunden hatte. Zweihundert Symbole umfaßte diese Tastatur.
Anfangs waren es nur wenige Zeichen, mit denen man arbeitete, aber bei fortschreitendem Wortschatz wurden es immer mehr. Wurde die Tastatur gedrückt, leuchtete sie stark auf, so daß sie auffiel. Nach jeder Benutzung wurde die Tastaturanordnung verändert, um ein Auswendiglernen der Tasten zu verhindern und somit die Konzentration auf das Lernen des Symbols zu gewährleisten. Zusätzlich verwandte man aber auch das gesprochene Wort, um auch dadurch bestimmte Tätigkeiten zu veranlassen. Man nahm an, »die Grundlage solcher Lernvorgänge sei die Ausbildung konditionierter, durch Reize ausgelöster Assoziatonen, die Gegenstände und Symbole verbanden. Die eigentliche Sprachfähigkeit, so dachte man, werde sich erst dann erweisen, wenn sich zeigte, daß Affen aus den gelernten Wörtern auch Sätze zusammenfügen konnten« (1, S. 79).
Auf diese Art und Weise erlernen Erwachsene vielleicht eine Fremdsprache, sie entspricht aber nicht der des Kindes, wenn es seine Muttersprache erwirbt. Doch dies wußte man damals eben noch nicht.
Bei den beiden Schimpansen »Sherman« und »Austin«, mit denen Sue Savage-Rumbaugh arbeitete, funktionierte diese Methode nun überhaupt nicht. Stand nur ein Symbol zu Auswahl, lernten beide relativ schnell. Hielt man zum Beispiel eine Banane hoch und sie drückten das Bananensymbol (ein anderes gab es nicht), dann bekamen sie diese. Aber bei zwei Symbolen war schon sehr viel mehr Übung nötig. Schließlich klappte auch dies, doch bei mehr als zwei Zeichen wurden die Affen unsicher. Sie machten und machten keine Fortschritte, trotz vieler Übungen. Sie waren ganz offensichtlich verwirrt, wußten nicht, wie sie vorgehen sollten.
Nach langen Überlegungen kam Sue Savage-Rumbaugh darauf, daß die Sichtweise der Affen eine andere war. Sie interessierten sich nicht für das, was man ihnen zeigte, sondern für das, was sie anschließend bekamen. Zum Beispiel, ob sie gekrault oder gefüttert wurden - sie konzentrierten sich also auf das, was nach der Symbolauswahl geschah und nicht auf den Reiz, der vorher gegeben wurde. Bisher glaubte man, die Affen hätten die Namen gelernt, weil man ihnen die Gegenstände zeigte. Und wenn man das oberflächlich betrachtet, sieht es wie Sprache aus, aber zu denken, der Affe kenne die Namen, weil er sie - wie es den Anschein hatte - »benennen« konnte, trügte, denn in Wirklichkeit wählte der Affe doch nur das entsprechende Symbol aus, weil er vorher wußte, daß er dann den Gegenstand bekommen würde.
Nun da erkannt war, »daß die Ereignissen nach der Symbolverwendung das Entscheidende waren, änderten wir unsere Unterrichtsmethode. Wir zeigten dem Schimpansen eine Banane, und wenn er das Banenensymbol wählte, durfte er sie essen. Jetzt hatte der Vorgang die Form ,Ich zeige dir X, du wählst das Lexigramm, das zu X gehört, und dann gebe ich dir X‘. Wir bezeichneten es als Forderungsübung« (1, S. 81).
So ganz nebenbei erfanden Sherman und Austin eine Vorgehensweise, mit der sie anhand der Tastatur besondere Leckerbissen oder bestimmtes Futter auswählten, um so die Futtergabe zu beeinflussen. Erste Anfänge einer Kommunikation waren gegeben!
Etwas zu fordern ist ja eine von drei Komponenten, die zusammenkommen müssen, um eine Verständigung entstehen zu lassen. Die beiden weiteren Fähigkeiten sind die, Gegenstände und Symbole als Stellvertreter für diese Gegenstände benennen zu können. Es gelang im Laufe der Zeit, den Affen das Benennen mit Hilfe der Symbole ohne das Erwarten einer Belobigung beizubringen. Dies war wichtig, weil sie nun in der Lage waren und wußten, daß es einen Unterschied gab.
Aber der Weg zu wechselseitigem Verstehen war noch weit. Um miteinander reden zu können, mußten die beiden Affen nicht nur zu Sprechern, sondern auch zu verstehenden Zuhörern werden. Bisher hatte man das Zuhörenkönnen als selbstverständlich vorausgesetzt. Wenn ein Affe ein Wort verwenden konnte, so mußte er es doch sicherlich auch verstehen. Aber das war nicht so einfach wie gedacht. Bei Versuchen dieser Art stellte sich heraus: die Namen kannten sie, jedoch vom Zuhörern oder Zusammenarbeiten waren sie noch meilenweit entfernt.
»Ich wußte, daß es nicht einfach sein würde, Verstehen zu lehren und zu überprüfen, unter anderem, weil es ich dabei um einen 'inneren' Vorgang handelt«, schrieb Sue Savage-Rumbaugh
Auch das lernten die Affen, ja, schließlich waren sie sogar in der Lage, einander selbständig Wünsche mitzuteilen. Es war der erste belegte Fall eines wechselseitigen Verstehens zwischen zwei Tieren und beinhaltete auch einen Grad an Verständnisfähigkeit, die bisher in anderen Projekten nicht beobachtet waren.
Aber der Wortschatz der beiden Affen Sherman und Austin war noch recht klein. Es galt ihn zu erweitern. Das »Wie« kann in diesem eng gesetzten Rahmen nicht erörtert werden, aber wichtig ist festzuhalten, daß die Affen, bevor sie etwas geben oder tun wollten, dies vorher ankündigten. Zum Beispiel hantierte einer mit einem Schraubenschlüssel, so als denke er nach, sagte dann mit Hilfe der Tastatur: »Schraubenschlüssel«, ließ seine Blicke zwischen Sue Savage-Rumbaugh und dem Schraubenschlüssel hin und her gehen, so als prüfe er, ob sie das Werkzeug auch bemerke. Oder ein anderer kündigte mit Hilfe der Tastatur an, daß er ein »lustiges Gesicht« machen werde, um anschließend die Zunge herauszustrecken und die Unterlippe über das Kinn zu ziehen. Dies ist nicht nur witzig, sondern zeigt auch ein wichtiges Verhalten: »Die Ankündigung einer beabsichtigten Handlung ist eine der ersten Arten, wie Menschenkinder Symbole verwenden, und hier tauchte sie spontan« bei den Affen auf (1, S. 103).
»Es war keine komplexe Sprache mit einer Syntax, sondern eher eine pragmatische Sprache, eine vielschichtige Ansammlung von Verhaltensweisen, die das Leben der Schimpansen im Labor ausmachten. Es erinnerte an Menschen ohne hochentwickelte gesprochene Sprache - intelligente, einfühlsame Lebewesen, die kommunizieren und ihr Verhalten in dem Bestreben um gemeinsame Versorgung koordinieren können. Das heißt nicht, daß Sherman und Austin ein genaues Abbild eines Stadiums der menschlichen Evolution darstellen, aber man kann an ihnen leicht erkennen, wie soziale und kommunikative Fähigkeiten, die bei unseren nächsten Verwandten, den Schimpansen, offenkundig vorhanden sind, bei unseren ersten menschlichen Vorfahren in einem neuen Zusammenhang von sozialem Umfeld und Versorgung aufgetaucht sein könnten« (1, S. 103).
Die anfangs gestellte Frage: »In welchem Sinne können andere Arten als der Homo sapiens eine Sprache entwickeln?«, läßt sich so beantworten: »Sherman und Austin besaßen eindeutig eine Sprachfähigkeit menschlicher Art, auch wenn sie in vielerlei Hinsicht eingeschränkt war. Diese Schlußfolgerung gilt jenen Linguisten als Ketzerei, die allen Arten außer dem Homo sapiens jegliche Sprachfähigkeit absprechen. Als zweite Beobachtung ergab sich aus dem Projekt, daß die Sprachfähigkeit der Schimpansen Stück für Stück zusammengesetzt werden muß; sie entsteht nicht in einem bruchlosen Entwicklungsablauf wie bei Menschenkindern. … Diese Schlußfolgerung … war, wie ich später herausfinden sollte, falsch!« (1, S. 111), schreibt Sue Savage-Rumbaugh.
»Der Bonobo, auch Zwergschimpanse genannt, ist ein ungewöhnliches Tier. Er war der letzte Menschenaffe, der als eigene biologische Art identifiziert wurde; bis vor kurzem verwechselte man ihn ständig mit dem Schimpansen, Tatsächlich sind Bonobos und Schimpansen eng verwandt. Vor etwa fünf Millionen Jahren spalteten sich die Nachkommen einer heute ausgestorbenen Menschenaffenart in zwei Abstammungslinie auf: Die eine führte schließlich zum Homo sapiens, aus der anderen gingen die heutigen Bonobos und Schimpansen hervor.
Der Schimpanse ist viel besser bekannt, aber der Bonobo ähnelt dem Menschen stärker als alle anderen Menschenaffen. In Anatomie, Sozialverhalten, Lautäußerungen, sexuellen Vorlieben, Kinderfürsorge und geistigen Fähigkeiten zeigen die Bonobos geradezu beängstigend menschliche Züge« (1, S. 112).
Seit dem 17. Jahrhundert sind die Menschenaffen bekannt. Die erste wissenschaftliche Beschreibung über sie stammt vom Ende des 18. Jh. Und weitere eineinhalb Jahrhunderte blieben die Bonobos unbekannt, ihre Entdeckung ist »eines der wichtigsten zoologischen Ereignisse des 20. Jahrhunderts« (1) so formuliert es der Belgier Dirk Thys von den Audenaerde.
In den sechziger Jahren richtete Jane Goodall die Forschungsstation am Gombe-Fluß in Tansania ein, um die Schimpansen zu beobachten; Dian Fossey gründete die Karisoke-Station in Ruande, um sich mit den Gorillas zu beschäftigen und Birute Galdikas ging in den Tanjung-Putin-Nationalpark auf Borneo, wo sie die Orang-Utans studierte. Mit den Bonobos beschäftigte man sich erst etwa zehn Jahre später - eine Ursache der Verzögerung waren Bürgerkriege in jenem Gebiet. Bedenkt man nun, daß dieser Zwergschimpanse als der beste »Prototyp für den Vorfahren der Hominiden« gilt, dann ist es fast tragisch, daß »der zuletzt entdeckte afrikanische Menschenaffe, … der auch als letzter wissenschaftlich untersucht wurde, … der erste Menschenaffe sein (könnte, der vom Menschen ausgerottet wird« (1, S. 121/122), denn die Bonobos leben nur noch in einem kleinen Teil Zaires, in wenigen Jahrzehnten hat sich ihre Population durch Jagd (zwecks Nahrung!) um ein Viertel der ursprünglichen Anzahl verringert - auf insgesamt höchstens zehntausend Tieren noch!
»Der Bonobo ist keine echte Zwergform des normalen Schimpansen. Er ist zwar geringfügig kleiner, und sein Gewicht liegt durchschnittlich bei 84,5 Prozent der großen Art, das wichtigste Unterscheidungsmerkmal ist aber seine Körpergestalt. Bonobos sind zartgliedriger und haben im Verhältnis zur Körpergröße längere Beine sowie einen kleineren Schädel mit hoher Stirn und einem höchst ausdrucksvollen dunklen Gesicht. Mit dem höher gelegenen Körperschwerpunkt, dem schmaleren Brustkorb und dem stärker senkrecht orientierten Kopf können die Bonobos leichter auf zwei Beinen gehen als normale Schimpansen, was erheblich zu ihrem menschenähnlichen Erscheinungsbild beiträgt. Vor allem wenn man sieht, wie ein Bonobo auf zwei Beinen geht, bekommt man einen deutlichen Eindruck davon, wie die Vorfahren des Menschen, … , ausgesehen haben könnten« (1, S. 116).
Sue Savage-Rumbaugh schreibt nun über den Umgang mit Bonobos: »Während dieser ganzen Zeit war ich fasziniert davon, wie leicht und genau die Bonobos Körpersprache und Gesichtsausdrücke interpretieren können. Ich hatte zwar normale Schimpansen mit ähnlichen Fähigkeiten kennengelernt, aber die waren in der Obhut menschlicher Pfleger aufgewachsen. Waren sie dagegen in freier Wildbahn oder in großen Gruppen von ihren Müttern großgezogen worden, konnten sie Lachen, Lächeln, Stirnrunzeln und viele andere Gesichtsausdrücke der Menschen offensichtlich nur schwer erkennen. Außerdem war aufrechtes Stehen für sie ebenso eine Bedrohung wie der direkte Blick in die Augen.
Diese wild eingefangenen Bonobos hatten dagegen keinerlei Schwierigkeiten, den Ausdruck solcher und auch komplizierterer Gefühle wie Bestürzung, Verblüffung oder Dankbarkeit zu verstehen, und ebensowenig konnte ich diese Gefühle bei ihnen übersehen. Von Anfang an hatten wir eine gemeinsame Sprache, die allerdings nicht bestimmte Gegenstände, sondern Stimmungen und Absichten wiedergab. Hätte uns dieser Weg der Kommunikation nicht zur Verfügung gestanden, wären meine Bemühungen, meine Gefühle mit ihren Befürchtungen in Verbindung zu bringen, zum Scheitern verurteilt gewesen. Nach dem ersten Kennenlernen hatte es zwei Wochen gedauert, bis ich in den Käfig gehen konnte, und in dieser Zeit hatte ich bereits gelernt, daß die nonverbale Sprache der Bonobos weitaus menschenähnlicher war als die der normalen Schimpansen« (1, S. 127).
Schimpansen haben ein viel aggressives Temperament, sie leben männlich dominiert, das hochrangige Tier hat bevorzugten Futterzugang und die Männchen schirmen die Sexualpartnerin vor anderen Männchen ab.
»Das Leben der Bonobos dreht sich um den Nachwuchs. Anders als bei den normalen Schimpansen helfen in einer Bonobo-Gruppe alle bei der Säuglingspflege mit, und sie teilen das Futter mit den Kleinen. Ein Bonobo-Säugling kann nichts falsch machen. Dieses hohe Ansehen der Jungen verschafft den Bonobo-Weibchen eine Stellung, die normale weibliche Schimpansen nicht besitzen, denn diese müssen die Last der Kinderpflege allein tragen. Bei den Bonobos bilden Weibchen und Junge den Kern der Gruppe, und die Männchen haben nur in dem Maße Zutritt, wie sie kooperativ und hilfsbereit sind. Hochrangige Männchen sind solche, die von den Weibchen akzeptiert werden, und männliche Aggression gegen Weibchen kommt nur selten vor, obwohl die Männchen als stärker gelten« (1, S 129).
Schimpansen-Väter töten oftmals ihren männlichen Nachwuchs, um die Konkurrenz klein zu halten. Ebenso das Kind eines Weibchens, wenn das Weibchen aus einer anderen Gruppe geraubt wurde oder wenn es freiwillig in ihre Gruppe wechselte. Dazu schaukeln sich die Schimpansen-Männchen in eine aggressive Grundstimmung hoch. Kindestötung wurde bei den Bonobos noch nie beobachtet.
»Die Sexualität hat sich bei Menschen und Bonobos zu einer Art vielschichtigem Bindungsverhalten entwickelt. Wenn man den Gesichtspunkt des Genitalkontaktes einmal beiseite läßt und sich die Sexualität der Bonobos als ,Ganzkörperumarmung‘ vorstellt, bekommt man einen kleinen Eindruck davon, wie viele Facetten der ,Sex‘ der Bonobos hat. Wir Menschen umarmen uns, weil wir zum Beispiel glücklich oder aufgeregt sind, weil wir andere trösten und stärken wollen, weil wir jemanden begrüßen oder verabschieden oder ihm zeigen wollen, daß wir ihn lieben oder uns von ihm angezogen fühlen; in allen diesen Situationen umarmen auch die Bonobos einander« (1, S. 129). Sex wird auch zum Streßabbau oder zur Aggressionsvermeidung in jeglicher nur denkbaren Form praktiziert.
»Ende der siebziger Jahre hatten sich die psychologischen Erkenntnisse über den Spracherwerb bei Kindern deutlich erweitert. Zuvor hatte eine stark vereinfachte Vorstellung von Süprache geherrscht, die übermäßiges Gewicht auf die Syntax 1) als unabdingbare Voraussetzung legte. Die neueren Theorien, die durch die Affensprachforschung und durch detaillierte Analysen der Wechselbeziehungen zwischen Eltern und Kindern entstanden waren, betrachteten Sprache stärker im sozialen Zusammenhang. Sprache galt nun als ,höchst komplexe Abfolge von Verhaltensweisen die durch gemeinsame Interaktaktionen 2) erworben wird, wobei Worte und Handlungen von zwei oder mehr Individuen miteinander verflochten sind‘« (1, S. 148).
»Wie sich zeigte, waren das Verstehen und das Hervorbringen von Sprache zwei ganz unterschiedliche Dinge. Wenn Affen Symbole erzeugen, versuchen sie, das Verhalten eines anderen zu beeinflussen - zum Beispiel, wenn sie um eine Banane bitten. Verstehen sie dagegen Symbole, die sich an sie richten, dann wird von ihnen erwartet, daß sie die Handlung ausführen, die der Absender der Symbole im Sinn hat« (1, S. 148/149).
Kanzi, das Bonobo-Männchen, wurde am 28. Oktober 1980 geboren. Als er sechs Monate alt war kam er mit seiner Zieh-Mutter Matata, mit der Sue schon gearbeitet hatte, zu ihr. Kanzi war noch zu jung für ein systematisches Arbeiten, er blieb aber den ganzen Tag bei Matata und tat alles mögliche, um sich die Zeit zu vertreiben. Matatas Leistungen bezüglich des Lernens waren nicht berauschend, aber dafür bewies sie eine unendliche Geduld mit dem überaktiven Kanzi. Ja, sie zeigte deutlich, daß sie mit einer Zurechtweisung Kanzis, wenn die Forscher meinten, nun sei er zu weit gegangen, nicht einverstanden war. Mit vier Monaten zeigte Kanzi Interesse für die Tastatur. Er drückte die Tasten, lief zum Futterautomaten, so als habe er begriffen, daß es nach dem Tastendruck etwas zu essen gab. Er benutzte aber die Symbole und Tasten nur gelegentlich und spielerisch.
Eines Tages kam Matata wieder in das Institut zurück, aus dem sie geliehen war, weil sie erneut schwanger werden sollte. Kanzi durchlebte eine bewegende Entwöhnungsphase und am ersten Tag nach Matatas Abreise wollte man nun mit Kanzis Spracherwerb beginnen - vorausgesetzt er konnte lange genug an einer Stelle sitzenbleiben.
»Aber Kanzi hatte darüber seine eigene Meinung, und die tat er sofort kund, indem er die Tastatur gleich am ersten Tag über hundertzwanzigmal benutzte. Ich konnte zunächst nicht glauben, was ich da sah. Kanzi bediente sich der Tasten nicht nur zur Kommunikation, sondern er wußte auch, was die Symbole bedeuteten - obwohl seine Mutter das nie gelernt hatte. Eine seiner ersten Tätigkeiten am Morgen bestand zu Beispiel darin, daß er erst auf 'Apfel' und dann auf 'Fangen' drückte. Dann nahm er einen Apfel, blickte mich an und lief mit spielerischem Grinsen weg. Mehrmals betätigte er die Tasten für Futter, und als ich ihn mit zum Kühlschrank nahm, wählte er diejenigen Lebensmittel, die er zuvor benannt hatte.
Kanzi benutzte bestimmte Lexigramme zum Fordern, zum Benennen und um seine Absichten anzukündigen - alles wichtige Fähigkeiten des Symbolgebrauchs, die wir bisher bei ihm nicht erkannt hatten.
Wie konnte das sein? Zwei jahre lang hatten wir systematisch versucht, Matata eine Reihe von Symbolen beizubringen, und das nur mit spärlichem Erfolg. Kanzi dagegen schien alles zu wissen, was wir Matata zu lehren versucht hatten, obwohl wir uns nicht einmal um ihn gekümmert hatten - abgesehen davon, daß wir ihm die Zeit vertrieben hatten. Konnte er seine Kenntnisse einfach durch den Sozialkontakt erworben haben wie ein Menschenkind? Es schien unmöglich.« (1, S. 158).
Es war eine spannende Zeit. Sollte sich das als richtig erweisen, was Sue Savage-Rumbaugh glaubte, dann bedeutete das eine Umwälzung der Kenntnisse über den Spracherwerb. »Und, was ebenso bedeutsam war: Es konnte einen zentralen Lehrsatz jenes Wissens in Frage stellen, das den Kern der Sozial- und der Naturwissenschaften bildet - den Glauben an die Einzigartigkeit des menschlichen Geistes.
Wir würden unsere Sichtweise für das Lebewesen Affe revidieren müssen. Wenn Affen Sprache auf die gleiche Art wie Menschen - das heißt ohne besonderen Unterricht - erwerben können, dann bedeutete das, daß der Mensch keine einzigartige Form von Intelligenz besitzt, die sich grundlegend von der aller Tiere unterscheidet. Vielleicht war es für den Homo sapiens ein besonderes Geschein, daß er sprachähnliche Laute hervorbringen oder Werkzeuge herstellen konnte, aber das bedeute nicht, daß er die Dinge auf einer ganz anderen Ebene verstand als die übrigen Lebewesen« (1, S. 159).
Spracherwerb war dann zuerst und vor allem eine Frage des Verstehens: das Hervorbringen der Laute ist dann nur noch von den richtigen körperlichen Hilfsmitteln abhängig!
Siebzehn Monate lang wurden Kanzis Äußerungen im Computer aufgezeichnet. Im ersten Monat kannte er fünfzig Symbole und im ersten Monat nach der Trennung von Matata brachte er Wortkombinationen zustande. Andere Affen brachten auch Wortkombinationen zuwege, aber Kanzis waren anders: »Sie spiegelten eine Fähigkeit wider, die aus dem Verstehen erwuchs, und nicht aus der Notwendigkeit, zur Beantwortung von Fragen längere Symbolgruppen zu bilden, wie bei anderen Affen. Fast alle (über neunzig Prozent) Mehr-Wort-Äußerungen von Kanzi erfolgten spontan, das heißt, sie waren weder Reaktionen auf Forderungen des Lehrers, noch Nachahmungen seiner Äußerungen. … Die Spontanität der Äußerungen ist ein sehr viel wichtigerer Gesichtspunkt der Sprachbenutzung als ihr Häufigkeit, denn gerade die spontanen Äußerungen teilen uns etwas darüber mit, was unser Gegenüber denkt« (1, S. 168).
Während der siebzehn Monate erkannten Sue Savage-Rumbaugh und ihre Mitarbeiter, daß Kanzi die Symbole verstand bevor er sie benutzte. Nach dem gleichen Prinzip erwerben auch Menschen ihre Sprache. Damit war aber die bisher angenommene Theorie, Sprachfähigkeit bei den Affen müsse Stück für Stück zusammengesetzt werden als falsch erwiesen!
Ferner waren die Wissenschaftler davon überzeugt, daß Kanzi auch gesprochene Worte verstand. Dies »Verstehen« ist ein schwieriges, mit feststehenden Ansichten überfrachtetes Thema, auf das wir hier nicht näher eingehen können. Jedenfalls zeigte sich immer mehr, daß Kanzi auch das gesprochene Wort verstand, ja, Kanzi war schließlich so geübt darin, daß er auch bei Unterhaltungen zuhörte, die nicht für ihn bestimmt waren - dies wurde den Forschern klar, als Kanzi anfing einige der aufgeschnappten Wörter auf der Tastatur zu übersetzten.
So erzählte jemand, Sherman und Austin hätten sich gestritten. Kanzi hatte zugehört und lief daraufhin zur Tastatur und sagte: »Austin« und gleichzeitig signalisierte er mit einer Geste, er wolle zu den beiden gehen. Oder ein anderes Mal berichtete jemand, Kanzi könne den Lichtschalter bedienen. Kanzi lief sofort zur Tastatur, drückte die Taste »Licht« und gestikulierte in Richtung des Lichtschalters.
Die Folge all dessen war: jetzt mußte das Team, wie Eltern, die sich von ihrem Kind belauscht fühlen, die Worte buchstabieren, wenn sie nicht wollten, daß Kanzi sie verstehen sollte.