Ein »Zeugnis Gottes«
Von Gunther Duda
| Schönheit ist Freiheit in Erscheinung1) |
| Friedrich Schiller |
Das Wort »schön« stammt von dem altgermanischen Wort skau-ni, »schauenswert«, das selbst auf die Wurzel skau »schauen« zurückgeht. Schauen ist wesentlich etwas anderes als Sehen. In der gehobenen Sprache besagt es ein inneres, ein seelisches Wahrnehmen. Ein solches Wahrnehmen ist die Quelle der künstlerischen oder philosophische Schau als Welt-Anschauung und Erkenntnis. Weil etwas »wert« ist zu erschauen.
Befragt ein philosophisches Wörterbuch, dann erfahren wir: Das Schöne, die Schönheit, die unser Wohlgefallen hervorruft, ohne unsere Begierden zu reizen – »Kants ‚interesseloses Wohlgefallen‘« (oder m. E. M. Ludendorffs »Zeiten der Ruhe«), steht im Gegensatz zum Häßlichen. Dieses Wohlgefallen beruhe auf der Einheit im Mannigfaltigen, auf der Harmonie der Teile eines Ganzen oder auch auf der gelungenen Übereinstimmung zwischen Bild und Urbild, von Erscheinung und Wesen der Dinge. J. Hoffmeister schreibt weiter:
»Das Ideal des Schönen ist nach Völkern und Zeiten verschieden; so steht der vorwiegend formalen Schönheit der griechischen Plastik die germanische des Hochmittelalters mit ihrem weit stärkeren Ausdruck des Seelisch-Geistigen gegenüber.«
Ein Wörterbuch der Religionen belehrt uns, daß der Denker G. W. F. Hegel das griechische Weltbild als die »Religion des Schönen« erschaute. Ihr Gestaltungsdrang legte das Schöne in ihre Götter, ihre Kunst brachte sie zur Darstellung und ihr philosophisches Suchen gipfelte in der Weisheit, die »am Ende jenes Selbst, welches schön ist, erkennt«.
Der islamisch-mystische Sufismus seit dem 8. Jahrhundert schaut in seiner Gottheit - im Gegensatz zur der der Bibel - die »absolute Schönheit« von der alles Irdische nur ein Abbild ist: »Wer die Herrlichkeit Allahs schauen will, der schaue auf die rote Rose.« 2)
Auch Mathilde Ludendorff wußte:
»Wo immer man das Göttliche darzustellen wagte, wurde es ‚schön‘ gestaltet«.
Ihre Schau der Schöpfung erlebt das Schöne als einen göttlichen »Strahl der Erkenntnis« aller Zeiten und Völker. Sie erinnert an den uralten, gläubigen Sang des Reiches der Mitte: »Die Welt in ihrer unendlichen Vielheit ist eins mit dem Menschen, ein ewiger Wohlklang.« Und in Hegels »Religion des Schönen« der antiken Griechen erschaut sie »die jubelnde Stimme des Volkes, das einzig wagte zu singen: Das Schöne ist göttlich« oder »Schönheit als heilige Tugend« feierte.
Peter Scheurich betonte 1988 in einer Schrift der »Deutschen Akademie für Bildung und Kultur« in München:
»Wer dem Schönen lebt, lebt auch dem Guten. Und wer ihm schadet, schadet auch dem Guten.«
Auch Scheurich kann nicht an den klassischen Griechen vorbeigehen. Er schreibt weiter:
Bei ihnen »bestand... ein inniger Zusammenhang zwischen dem Rechten, dem Sittlichen und dem Schönen. Keines war vom anderen zu trennen. Und alles stand unter wechselseitigem Einfluß.
Aber der Einfluß des Schönen war der Größte. Denn das Schönheitsempfinden ist ursprünglicher und freier von allen Vorurteilen, als alle Empfindungen, die vom Verstand kontrolliert werden, es sein können. Der Einfluß des Schönen auf das Sittliche und auf das Rechte ist uns zwar am wenigsten bewußt, aber in der Wirkung doch der größte.
Die Macht des Schönen wird hier in ihrer ganzen Größe offenbar. Sie beeinflußt wesentlich sowohl die Empfindung für das Gute und Böse, als auch für Recht und Unrecht.
Der harmonische Zusammenklang aller drei Geistesmächte, des Schönen, des Rechten und des Guten3), ist unübersehbar. Aber das Schöne steuert weitgehend alle anderen Empfindungen – wenn auch der Verstand das meist nicht wahrhaben will. Es gehört zu dem Mutterboden, aus dem das Rechte und das Gute wachsen. Sein Einfluß ist so groß, daß man sagen kann: Die Macht des Schönen belebt und bezaubert darüber hinaus die geistigen Mächte, die der Mensch in sich mit dem Verstand für das Zusammenleben schafft.«
Wenn J. J. Winckelmann 1764 von der Schönheit sagte, »deren Wirkung wir sehen und alle empfinden, von deren Wesen aber ein allgemeiner, deutlicher Begriff unter die unerfundene Wahrheit gehört«, dann ahnte er ihr Wesen. »Strahlen der Erkenntnis« erfaßte auch F. W. Schelling, wenn er bekundete: »Das Vollkommene der Schönheit beruht im Göttlichen«. Adalbert Stifters Bekenntnis: »So ist die Kunst nicht nur eines der höchsten Dinge der Menschheit, sie ist ein Teil der menschlichen Bestimmung« und nicht anders Ernst Pentzolds Erfahrung, das Schöne ist »ein Abglanz Gottes«. Beide Aussagen sind wiederum Strahlen ewiger Weisheit. Das Schöne ist tatsächlich eine »Urkraft der Natur« (P. Scheuch) und sein Erleben eine »aesthetische Urerfahrung«. (M. R. Jaus, 1972, bei Richter).
Vielleicht spürte schon der Neandertaler vor 60.000 Jahren irgendwie ein solch merkwürdiges inneres Sehnen als er seinen Toten Blumen ins Grab legte. Die Gestaltungskraft des Schönen kannten spätesten aber die Menschen der jüngeren Altsteinzeit, im Aurinacien vor 30–40.000 Jahren. Die Höhlenmalereien in Chauvet, Altamira oder Lascaux künden davon. »Herrliche Zeugnisse Gottes« nannte sie Mathilde Ludendorff. Der Biologe Klaus Richter spricht hier von der »eigentlichen kulturellen Revolution in der Menschheitsgeschichte,« entgegen den ersten Gestaltungsschritten des Schönen, den Ritzmustern oder Verzierungen (Ornamenten) etwa 300 000 zuvor.
Bis heute blieb der Mensch in der sogenannten »Begriffsbestimmung der Wissenschaft vom Schönen« uneins, das heißt in seiner Wesensbestimmung. Und das trotz allem richtigen Ahnen. Die Urteile schwanken zwischen der »Schönheit als (bloß-subjektive) Deutung durch den Menschen« und »Schönheit als objektive, von ihm unabhängige Gegebenheit«.
Nun, diese Unsicherheit liegt im Ursprung und Wesen des Schönen selbst begründet, aber ebenso im noch zu wenig bekannten Wissen über das Wesen von Schöpfung und Mensch als »Erscheinung Gottes«.
Woher stammt nun das klar bewußte und auch oft kaum bewußte Wohlgefallen des Menschen an Anmut, an Ebenmaß und Erlesenheit? Die Freude an bestimmten Formen, Farben und Bewegungen, die das Auge wahrnimmt? Und an Tönen, Zusammenklängen und Rhythmen, die das Ohr dem Gehirn zuträgt? Wurde ihm dieses Wohlgefallen etwa anerzogen? Oder wurzelt es in seinem Innersten, wie das schon der unerfahrene Säugling zu verraten scheint? Die Gotterkenntnis beantwortet unser Fragen:
All dieses Erleben ist das Erfahren der Erscheinungen des »göttlichen Wunsches zum Schönen« in der Seele des Menschen. Doch »vergeblich hat seine Vernunft sich bemüht, diesen Wunsch begrifflich umfassend klarzulegen. Im Grunde kann er ihn immer nur umschreiben; er wählt dann andere Worte, spricht von Harmonie, von Rhythmus, von Übereinstimmung von Form und Inhalt, von Melodie usw... Das Schöne kann ebenso wie das Gute nur innerlich erlebt werden...« (Triumph...)
Woran liegt das? – Nun, die Denkkraft der Vernunft ist hier a priori nicht mehr zuständig, weil sie nicht befähigt ist, göttliche oder transzendente, jenseitige Werte, sei es das Gute oder Schöne, zu erkennen. Allein das gottahnende und gotterlebende Ich der Menschenseele wird hierzu fähig. Wie Friedrich Schiller schon erschaute und Mathilde Ludendorff vertiefte, ist das Schöne die Erscheinung eines Wesenszuges des Göttlichen.
Strahlen aus dem Jenseits, göttliche Strahlen, so nennen wir jenes Sehnen und Wünschen, das im Ich zunächst unklar auftaucht und durch seine Hingabe an die Wünsche innerhalb des Menschenlebens dann immer stärker und klarer - oder aber durch Nichtbeachtung immer unklarer und matter werden kann. (Von der Moral des Lebens)
Ursprung und Wesen des Schönen ist Gott. Diese Feststellung ist weder vernunftgeboren noch willkürlich; sondern allein vom Ich erlebbare Tatsächlichkeit. Die philosophische Schau (Intuition) erkannte die gesamte Schöpfung als Erscheinung Gottes. Deshalb erfüllt sein Wesenszug: Schönheit das gesamte Weltall. Damit wird die Frage nach der Übereinstimmung der »Menschendeutung« der Schönheit und dem von ihm unabhängigen Schönen der Erscheinungswelt klar beantwortet. Und weil der Mensch ebenfalls Erscheinung des Göttlichen ist, verkörpert er - das Ziel der Schöpfung - erst recht diesen göttlichen Wesenszug. In seiner Gestalt wie in seinen Fähigkeiten. Das jedoch bewußt, aber auch in der Freiheit, ihn zu mißachten. Die philosophische Schau der »Gotteinheit des Alls« erklärt das schönheitserfüllte Weltall wie das schönheitserfüllte Erleben und Gestalten der Seele des Menschen. Hier gilt das Schloß-Schlüsselbild oder schöner: das Goethewort von 1810:
»Wär’ nicht das Auge sonnenhaft, wie könnten wir das Licht erblicken? Lebt‘ nicht in uns des Gottes eigne Kraft, wie könnt‘ uns Göttliches entzücken?«
Der Dichter entnahm diese Einsicht von dem griechischen Denker Plotinos des 3. Jahrhunderts. Der lehrte:
»Man muß nämlich das Sehende dem Gesehenen verwandt und ähnlicher machen, wenn man sich auf die Schau richtet; kein Auge könnte je die Sonne sehen, wäre es nicht sonnenhaft; so sieht auch keine Seele das Schöne, welche nicht schön geworden ist. Es werde also einer zuerst gottähnlich und ganz schön, wer Gott und das Schöne schauen will.«
Das Weltall ist in allen seinen Erscheinungen »Erscheinung Gottes«. Damit ward es mitgestaltet durch den göttlichen Willen zum Schönen. Das gilt schon für das Werden des Kosmos im Äther kreisender Urwelten. Göttliche Harmonien sind es, die das Weltall erfüllen. Ähnlich wie schon früh die Pythagoräer vor über 500 Jahre v. d. Ztr. und später Johannes Kepler (1571-1630), erkannte auch die Physik: Die zahlenmäßige Ordnung der Erscheinungsweltist Ausdruck des göttlichen Wesenszuges zum Schönen. Das erweisen nicht nur das periodische System der Elemente, ein »Kunstwerk kosmisch harmonischer Ordnung« (Ludendorff), sondern ebenso die Gesetze der Harmonie der Musik. Sie drücken sich ebenso nach den gleichen Zahlen aus, nach denen der Kosmos geordnet ist. Ein Mathematiker bekannte: »Die einzige Motivation, Mathematik zu studieren, ist Ästhetik« (Korte 1993, bei Richter). Die Physik bekundet uns weiter: Alle elektromagnetischen Ätherwellen sind ganz den Oktaven der Musik entsprechend geordnet und nehmen in ihren Wellenlängen mit jeder Oktave gesetzlich in ganzen Zahlen zu.
Johannes Kepler war es, der in seinem Werk »Mysterium cosmographicum« – »Geheimnis der Welt«– intuitiv erkannte, das Weltall ist nicht planlos geschaffen, nein, vollendet gesetzliche Ordnung bestimmt die Bahnen der Gestirne. Mit den Werken »Astronomia nova« – »Neue Astronomie« und »Harmonices mundi« – »Harmonik der Welt«, beide 1619 entstanden, gewann er die Schau: Es sind die Schönheit, das Ebenmaß, die Symmetrie, das harmonische Zahlenverhältnis, wie in der Musik, die die Gesetze (der von ihm entdeckten) Planetenbahnen bestimmen. Jeder Planet »singt« beim Umkreisen der Sonne einen melodischen Intervall. Sie stehen auch in einem solchem Verhältnis der Bewegung zueinander, daß sie miteinander »musizieren«. Der Philosoph und Forscher schrieb:
»Es sind also die Himmelsbewegungen nichts anderes als eine fortwährende mehrstimmige Musik (durch den Verstand, nicht das Ohr faßbar), eine Musik, die durch dissonierende Spannungen, gleichsam durch Synkope und Kadenzen hindurch auf bestimmt vorgezeichnete je sechsgliedrige Klauseln lossteuert und dadurch in dem unermeßlichen Ablauf der Zeit unterscheidende Merkmale setzt.«
Mathilde Ludendorffs schließt ihren Beitrag »Göttliche Harmonien im Weltall der Erscheinungen« mit der Feststellung:
»Der Siegeszug der Physik und die Erleuchtung großer Mathematiker und Astronomen... schenkten uns die Beweise, wie sehr dieser göttliche Wille alle Erscheinungen beherrscht und wie er sich am vollendetsten in den Sternensystemen kundtut, die zur Zeit Träger des Schöpfungszieles dieses Weltalls sind: Das Fixsternsystem, dem die Sonne angehört, und vor allem unser Sonnensystem.«
Erste Enthüllungen des hier betrachteten allherrschenden Wesenszuges Gottes erfaßt man in der vollendeten Schönheit der Form. Schon in der steinernen Welt, »die noch keine Lebewesen kennen, auf den Gestirnen, die nichts als die gewaltigen Felsen und daran brandende, kochende Meere bieten, schaffte er sich seine vollkommene Erfüllung«. Dieser Wille trat mit dem Werden der ersten Elemente in Erscheinung, als nämlich in ihrem inneren Aufbau vollkommen geordnete arteigene Moleküle entstanden: »die festen kristallinischen Körper«, die schon den ersten Einzelwesen verwandt sind. Als erster Ausdruck göttlichen Strebens zur Schönheit entstand der Kohlenstoff, der »das vollendetste Ebenmaß in seinen kleinen kreisenden Teilen zeigt«. Der Wille zur Bewußtheit führte dann zur dritten Raumverwebung Gottes, nun nicht mehr in Weltallweite, sondern in einem kleinen Teil der »Materie«: zum »Kristall« und seiner Kraft, die eigene Gestalt zu bewahren. Hören wir die Philosophin:
»Als höchste Stufe der Raumverwebung des Göttlichen zeigte der Kristall zugleich vollkommene Erfüllung des göttlichen Willens zum Schönen, der von nun an alle höheren Stufen der Einzelwesen in ihrer Formgestaltung segnen wird. Mannigfaltigkeit dieses ersten Einzelwesens der Schöpfung läßt jedes Mineral seine ganz bestimmte Eigenart dieses Willens zur Form bekunden. Die inneren Kraftlinien der Richtkraft haben jeweils ihre ganz besonderen, ganz bestimmten und vollkommen erfüllten Gesetze. So vollendet wirkt diese Richtkraft, so vollkommen ordnen sich die Einheiten dieser ,Materie‘, daß ganz bestimmte Winkel den Verlauf der Grenzflächen regeln und diese Flächen spiegelglatt sind, als seien sie von Menschenhand kunstvoll geebnet! So voll erfüllt ist dieser Kristall von diesem Schönheitswillen der Formgestaltung, daß er sich zur Vollkommenheit seiner Form gestaltet, wo immer die Umwelt ihn nicht stört und, wenn er in seiner Gestaltung unterbrochen wird, er, sobald die Außenverhältnisse hierfür wieder günstig werden, beginnt sich zu vollenden. Zähen Widerstand aber setzt er jeder ihn in seiner Erhaltung der Form bedrohenden Kraft der Außenwelt entgegen. Er beweist uns:
Das erste Einzelwesen des Alls zeigt auch das erste matte Können des Selbsterhaltungswillens, doch ist es zugleich der Künder, daß der Wille zum Schönen in allen Einzelwesen der Schöpfung der allsiegende sein wird.« (Siegeszug der Physik)
Die Welt der Einzeller kennt noch nicht das Todesmuß, doch schon Sterbfähigkeit. Wo immer ihr Ringen mit den Todesgefahren es erlaubt, sind sie, weil einst »göttlich erleuchtet«, nicht nur allweise und vollkommen, sondern so schön wie nur irgend möglich. Es ist ihre nur mikroskopisch wahrnehmbare Gestalt, die die Forscher mit ihrer »ästhetischen Funktion« (A. Portmann) von »Kunstformen der Natur« (E. Haeckel) oder »Baukunst« sprechen ließen. »Weil (eben) Menschen in ihrem Werkeschaffen des Schönen, - ebenso gotterfüllt wie jene ersten lebendigen Wesen – gleiche Gestaltungsformen gewählt, lange ehe der Forscher die dem unbewaffneten Menschenauge unsichtbar kleinen Wesen entdeckte; ein herrliches Zeugnis der Gotteinheit im All!« (Schöpfungsgeschichte)
Da das weitere Auftauchen des hier umsonnenen göttlichen Wesenszuges in der »Schöpfung der Bewußtheit« nicht besser zu vermitteln ist als durch die Worte der Dichterin M. Ludendorff, möge sie selbst sprechen. Das unersetzliche Nacherleben der »Schöpfungsgeschichte« ihrer Erkenntnis wird dadurch nicht gestört, wie das in einem durch den Raster der Vernunft gehaltener Vortrag über das gesamte Werden nur zu leicht geschieht. Aus dem Abschnitt »Freiheit unvollkommener Seelen macht Gotterkenntnis möglich« erfahren wir:
»Geheimnisvoll ist diese Stufe des Werdens unterbewußter Tiere,
wie ein erstes Halb-Erwachen aus tiefem Schlummer,
Wie ein erstes staunendes Öffnen der Augen! ...
Und in welch unscheinbaren Wesen der Schöpfung hat sich solches ereignet!
Der Wille zur Schönheit ist in ihnen noch nicht siegreicher Gestalter
ihrer Erscheinung geworden, Ja, unendlich viele
der ewig schlummernden Wesen der Schöpfung
scheinen von diesem heiligen Willen weit stärker erleuchtet,
sie, die nicht Stufen zum hehren Ziel der Schöpfung gewesen.
Als die erste vergängliche Alge geworden und Wille zum Wandel
in allen den sterblichen Nachfahren nun so erstarkte,
da wurde die reiche Fülle der Arten von Pflanzen und Tieren.
Und siehe, die Pflanzen, die wie ‚verlassen‘ vom Schöpfungsziel erscheinen,
die trotz aller Entwicklung aus ihrem tiefen Schlummer der Seelen
niemals erwachen, sie zeigen die reichste Fülle der Schönheit,
sie haben dem wohnlichen Sterne die Erscheinung verliehen,
sie haben dem göttlichen Willen zum Herrscher der Erde gemacht,
sie sind in ihrer Erscheinung Gottgleichnis, Gottkünder geworden,
Jahrtausende ehe eine bewußte Seele erwachte und diese Kunde vernahm.
Auf kahlen Felsen, umspült von brodelnden Wassern
hatten wir einst auf einer ganz und gar starren steinernen Erde
das Werden erster unsterblicher Wesen in Wasserfluten erblickt,
gedachten all ihres reichen Gestaltens schönheitstrunkener Formen,
gedachten auch der Pracht ihrer Farben. Doch alle die kleinen,
dem bloßen Auge nicht sichtbaren, ersten zum Sterben schon fähige Wesen
vermochten trotz ihrer Tatkraft, trotz ihrer eigenen Schönheit
der Schönheitssehnsucht der Menschen noch nicht Erfüllung zu schenken!
Nun aber schufen vergängliche Wesen, seit Todesmuß ihre Wandelkraft stärkte,
eine neue, vom göttlichen Willen zum Schönen beherrschte Heimat des Lebens.
Sie schufen grünende Fluren, von Schönheitswillen gestaltete Blüten,
die Wälder und Matten, die in erhabener, farbenprächtiger Schönheit
Erd-Wüsten, Geröll und kahle Felsen bedecken.
All dieser Wohlklang der Farben und Wohlklang der Formen,
er ward gestaltet von jenen tief schlummernden Seelen, den Pflanzen,
die sich dem Schöpfungsziel selbst niemals zu nahen vermögen.
Doch ihnen, den Kühnen, die Aufstieg zur Wachheit wagen,
verhüllt sich in wachsender Todesnot oft dieser göttliche Wille...
Und dennoch waren die halbwachen Tiere, die höhere Stufe zur Wachheit,
göttlichen Wesenszügen nicht ferner als schlummernde Seelen.
Zwei heilige Flammen der Menschenseele
erleuchten mit mattem Schein das Dunkle der unterbewußten Wesen!
Sind einst sie im Menschen zur Bewußtheit erwacht und entfaltet,
so nennt er sie Elternliebe und Würde des Stolzes
und weiß, daß sie beide in beiden Geschlechtern zwar leben,
und weiß doch, daß im Manne der Stolz,
im Weibe die Mutterliebe stärker brennen.«
Der Mensch ist befähigt alle Schönheit, die Auge und Ohr ihm schenken, ihm wesensverwandt zu erleben. Er gibt sich ihr hin und erlebt sie als herrlichste Lebenserfüllung. Die Philosophie sagt uns:
Der Mensch »weiht sich ihr als dem heiligsten Gleichnis all dessen, was das Ich seiner Seele als Erfüllung göttlichen Lebens ahnt...
Wir nennen die Blume ‚schön‘, die meisten Tiere entsprechen in Form und Farbenspiel unserem göttlichen Willen zum Schönen. Die Landschaft in ihren Formen und Farben der Erscheinungen, die die Tiefe des Raumes uns bieten, alles wird uns zu Erfüllung des göttlichen Sehnens in uns. Auch die scheinbare Ruhe der Erscheinungen, die scheinbare Stille der Natur sind uns wiedererkennbar als Wesenszug des Göttlichen, die wir in uns bewußt erleben.« (Siegeszug der Physik)
Es verwundert keineswegs, wenn die Philosophin in ihren dichterischen Aussagen immer wieder Gleichnisse aus der »Bildschrift Gottes«, aus den von Schönheit gestalteten Naturerscheinungen als Brücken zur Tatsächlichkeit wählt. Ganz zu schweigen von der Schönheit ihrer Sprache, die uns ihren Gehalt erschließt. Seien es die »heiligen Höhen«, »der nächtliche Himmel«, der »heilige Strom«, »Felsen und Firne«, das »Silberlicht des Mondes«, die »Birkenhaine im Sonnenschein«, die »Lärchenwälder auf Bergeshöhn«.
Verweilen wir bei der Landschaft als Anschauung Gottes! Hier klingt das eingeborene Gotterleben des Unterbewußtseins besonders deutlich mit, seine Prägung beim frühen Werden dieses »Erhalters des Gotterlebens«. Die Sternennächte, die Naturverbundenheit, die Tierliebe, die Waldessehnsucht, Blumen, Wiesen, Quellen, Bäche, Flüsse, Seen, das Meer, die Felsen, sie wecken uns unersetzliche Gemütswerte. Der Biologe spricht von einem »Urbedürfnis« der Seele, von einer »ästhetischen Erlebniswirkung der Natur« und ihrer »Universalität«. Falsch wäre jedoch dieses Erleben des Schönen überall als gleichartig zu erwarten. Jedes Volk erfährt es auf seine ureigenste Art. Das überlieferte Wohlgefühl des Sokrates (469-399) anläßlich eines Spazierganges war wohl etwas anders als das unsrige.
»...dies ist ein schöner Anblick. Denn die Plantane selbst ist prächtig belaubt und hoch, und des Gesträuches Höhe und Umschattung gar schön, und so steht es in voller Blüte, daß es den Ort mit Wohlgeruch ganz erfüllt. Und unter der Plantane fließt die lieblichste Quelle des kühlsten Wassers, auch die Luft weht hier willkommen und süß und säuselt sommerlich und lieblich in den Chor der Zikaden. Unter allem am herrlichsten aber ist das Gras am sanften Abhang in solcher Fülle, daß man hingestreckt das Haupt gemächlich kann ruhen lassen.«
Friedrich Schiller, sicher auch sprachbegabter und tiefer, spricht er uns nicht mehr an?
»Nichts ist reizvoller in der Natur als eine schöne Landschaft in der Abendröte. Die reiche Mannigfaltigkeit und der milde Umriß der Gestalten, das unendlich wechselnde Spiel des Lichtes, der leichte Flor, der die fernen Objekte umkleidet, alles wirkt zusammen, unsere Sinne zu ergötzen. Das sanfte Geräusch eines Wasserfalls, das Schlagen der Nachtigallen, eine angenehme Musik soll dazu kommen, unser Vergnügen zu vermehren. Wir sind aufgelöst in süße Empfindung von Ruhe, und indem unsere Sinne von der Harmonie der Farben, der Gestalten und Töne auf das angenehmste gerührt werden, ergötzt sich das Gemüt an einem leichten und geistreichen Ideengang und das Herz an einem Strom von Gefühlen.« (Philos. Unters. der Ästhetik.)
Auch Adolf Portmann, der Biologe, erschaute die Schönheit um uns, aber nicht minder wußte er von der Freiheit der Menschenseele, sich ihr zu verschließen. Diese Willensfreiheit ist es, die die Erhabenheit des Göttlichen gewährleistet.
»Daß die Naturformen rings um uns ein weit offenes Schatzhaus sind, wie wenige erleben es – wie wenige sehen die Beglückungen in den Variationen der Herbstfarben, die ein einziger Spitzahorn uns mitten in der Großstadt während des Herbstes ausgestreut hat. Daß die Fülle der Blattgestalten, der Früchte, der Flug der Vögel oder deren Gesang Freudenquellen sind, die allen zugänglich wären – wie wenige wissen es. Daß jeder perlmutterfarbene Abendhimmel ein Fest ist, jeder Blick durch das Blättergold besonnter Buchen in das kühle Blau des Herbsthimmels ein erregendes Schauspiel, das von der schlichten Sinnenfreude bis zu schwindelnden Phantasien des Welterfahrens sich steigern kann! Gar nicht zu reden vom Reichtum der allen zugänglichen Menschendinge, vor allem der Kunst. Wie sollen die Vielen diese Möglichkeiten erleben, genießen, da doch die Quelle des Genusses, die ästhetische Funktion, so geringgeachtet, so wenig geübt wird, und meist einer traurigen Verkümmerung ausgesetzt ist. Da nützen die technischen Mittel gar wenig, die uns alle die Kunstschätze näherbringen, wenn das Herz nicht wach ist, das allein diese Freude erfühlen kann.«
Was sagt uns hierzu die Gotterkenntnis?
»In eine solche Welt gestellt und mit solchen für die Wahrnehmung des Schönen vollendet geeigneten Sinnesorganen muß der Mensch, der nicht all seinen Seelenfähigkeiten zum Trotz sich selbst so stumpf wie das Tier für diese reiche Offenbarung des göttlichen Wunsches zum Schönen in dieser Schöpfung macht, durch die Erscheinungswelt selbst eine klare Deutung des göttlichen Wunsches zum Schönen erfahren. Das aber ist die herrliche Sonderstellung dieses Wunsches!
Alle übrigen Wünsche, die sein Ich von Geburt an ahnen kann, treten ihm in der Schöpfung selbst nicht als vollkommene Erscheinung geworden gegenüber! Von ihnen erfährt er keineswegs eine klare Deutung! Nein, unklarer noch, als er ihr Ahnen im eigenen Ich erlebt, treten sie ihm aus Worten, Taten und Unterlassungen anderer unvollkommener Menschen entgegen. So lernt er sie meist nur in Entstellung, in Verzerrung, jedenfalls in Unvollkommenheit durch andere Menschen vorgelebt kennen! Was Wunder denn, daß hier sein Ahnen in der größten Gefahr steht, in volle Wirrnis über diese göttlichen Wünsche zu geraten, statt sich zum Erkennen zu klären...
Indessen sehen wir das Menschenkind, wenn seine Füßchen es kaum sicher tragen lernten, auf die Blumenwiese eilen und sich mit ungeschickten Händchen eine ’schöne‘ Blume wählen, die es fest im Fäustchen hält und um alles in der Welt nicht wieder missen möchte! Der Wille zum Schönen hat sich dieser Kinderseele gedeutet! Die Schönheit der Schöpfung selbst offenbart sich in ihr, und hier steht sie nicht Unvollkommenheit, Verzerrung, Mißdeutung gegenüber, hier kann sich das Kind den Schönheitswillen kläre und stärken. Seine hierzu so sinnvollen die Eindrücke wählenden Augen werden ihm die Schönheit der Formen und Farben zuverlässig übermitteln!
So sehen wir denn in diesem göttlichen Wunsche eine gar herrliche Hilfe für die von so vielen Gefahren umlohte Menschenseele, doch wenigstens bei einem Gottahnen des Ichs einen zuverlässigen Führer zur Vollkommenheit, zu Gott zu besitzen! Die schwelgerische Erfüllung des Willens zum Schönen, die der heranwachsende Mensch dann immer umfassender, immer vertiefter wahrnimmt, wenn er die Landschaft in all ihren Gottoffenbarung auf sich wirken läßt, ohne jedoch die herrliche Schönheit einer Einzelerscheinung, einer Blüte, die seine Kinderseele einst entzückte, dabei zu übersehen, diese schwelgerische Erfüllung ist der unmittelbarste Weg zu Gottes Vollkommenheit. Steht dieser Weg allen Menschen offen, so können wir es nicht als eine Bevorzugung gewisser Begabungen erachten, wenn der zweite Weg zu Gott (über die seelenvolle Schönheit gottwacher Kulturwerke der Menschen) den Wunsch zum Schönen vor allem den Menschen deutet, die zugleich hierbei noch das Gotterleben des Kulturschaffenden im Gleichnis seines Werkes empfangen!
Haben wir diese Sonderstellung des göttlichen Wunsches zum Guten als eine zuverlässige Hilfe für die Menschenseele in all den gefahrreichen Eindrücken unvollkommener göttlicher Wunscherfüllungen durch die unvollkommene Mitwelt erkannt, dann wird es uns erst bewußt, welcher Gottsegen einem Volke gegeben ist, das diesen heiligen Willen hochstellt, seine Göttlichkeit erkennt, wie dies das Griechenvolk einst tat!« (Von der Moral des Lebens)
Zur »Schönheit in der Erscheinung« gehören selbstredend die schöne Gestalt des Menschen und noch mehr seine schöpferischen Fähigkeiten: Seine Kulturwerke der Tonkunst, Dichtkunst, bildenden Kunst und der Baukunst und nicht zuletzt seine schöpferische Selbstgestaltung. An all das gemahnen die »Runen des Seins«, die letzten der sterbenden »Ahne« an den »Träumer« im ersten Werk der Gotterkenntnis:
»Und halte dir kraftvoll und wach
die göttliche Liebe zum Schönen.
Dein Leben in der Erscheinung lasse
erfüllt sein von brennendem Sehnen,
nur Schönes zu sehen!
Dann trachtest auch du,
wenn dem häßlichen Götzen des Nutzens
die Opfer du bringst,
daß stets der beschämende Abweg nur klein sei!«
Um aber auch das unvollkommene »Diesseits« nicht völlig zu vergessen, sei mit einem Wort des schönheitsliebenden Wolfhard Pinder geendet:
»Mögen die Sturmvögel
des Niederganges uns auch
schreiend umkreisen, wir schulden
es unserer Würde und Sehnsucht
nach Schönheit und Tiefe,
daß wir das Ungestalte und Abstoßende
abdrängen und den Tempel
freihalten für das
Erhabene –
daß uns die stärksten und stolzesten
Zeugnisse menschlichen Schöpfertums
ständig wirksam gegenwärtig sind,
auf daß die Ehrfurcht
die Mitte des Daseins bleibe!«