Eine Betrachtung
Von Heinz-Jürgen Dietrich
Neben Schillers Abhandlung über naive und sentimentalische Dichtung können seine Gedanken über die aesthetische Erziehung des Menschen, die in Form von 27 Briefen niedergeschrieben sind, als die bedeutendste Offenbarung seiner Philosophie gelten. Die beiden Schriften sind sogar zu seinen Hauptwerken zu rechnen, weil ihre Kenntnis erst das vollständige Bild seiner umfassenden Begabung gewinnen läßt und die Voraussetzung ist zum tieferen Verständnis seines dramatischen und poetischen Schaffens, das in allem und jedem der kämpferische Ausdruck ist seines edlen Wollens, seiner erhabenen Weltanschauung. Friedrich Schiller - der Philosoph. Wer kennt ihn, wer weiß um dessen Bedeutung für den »deutschen Idealismus«?
Bevor wir seine »Briefe« betrachten, wollen wir zum besseren Verständnis ein wenig verweilen in dem Lebensabschnitt Schillers, welchem sie ihre Entstehung verdanken:
Der Dichter hatte wechselreiche, unruhige Wanderjahre hinter sich, als er an einem Juliabend des Jahres 1787 in Weimar anlangte und in einem Gasthofe abstieg. Er stand im 28. Lebensjahr. Durch sein geniales Jugendwerk »Die Räuber« war er in ganz Deutschland und über dessen Grenzen hinaus bekannt geworden. Die folgenden Bühnenwerke, der »Fiesko« und »Kabale und Liebe«, hatten seinen Ruhm befestigt. und neuerdings hatte die Veröffentlichung seines »Dramatisches Gedicht« genannten »Don Carlos« nebst einigen Aufsätzen und Abhandlungen in der Zeitschrift »Thalia« die Aufmerksamkeit der literarisch-beflissenen Welt gefunden.
In Weimar war man recht neugierig auf ihn geworden; das auch deshalb, weil Goethe, damals schon der geistige Mittelpunkt der Herzogsresidenz, seine vielberedete Italienreise angetreten hatte. Während seiner Abwesenheit fiel die Rolle des literarischen Präzeptors dem Dichter Christoph Wieland zu, der ebenso wie die anderen Weimarer Schöngeister darauf brannte, den jungen Genius kennen zu lernen, dessen schwäbischer Stern gleichauf neben demjenigen des Frankurters hell zu leuchten begann. Wieland war es auch, der den Ankömmling herzlich in seinem Hause willkommen hieß. Dort lernte Schiller den Philosophen Karl Reinhold, den Schwiegersohn Wielands, kennen. Der war soeben im Begriff, eine Professur an der Universität der benachbarten Stadt Jena anzutreten. Er hatte sich mit den Theorien Immanuel Kants beschäftigt, setzte sich mit all seiner Kraft und Begeisterung für die Verbreitung der Gedanken Kants ein und machte auch Schiller damit bekannt.
Schillers umfassender Geist hatte sich bald mit den die gesamte Philosophie umwälzenden Erkenntnissen des großen Denkers aus dem fernen Königsberg vertraut gemacht; vornehmlich fesselte ihn seine in der »Kritik der Urteilskraft« und der »Metaphysik der Sitten« dargestellte Auffassung vom aesthetisch Schönen und Erhabenen. Reinholds Anregung ist es ferner zu verdanken, daß Schiller sich allmählich mit dem Gedanken trug, ob es nicht ratsam sei, sich ebenfalls um eine Stellung als Hochschullehrer in Jena zu bemühen im Fach Geschichte. Geschichte deshalb, weil er sich stets auch mit geschichtlichen Themen befaßte; er arbeitete soeben an seiner Abhandlung über den Abfall der Niederlande; sie war sozusagen das Nebenprodukt seiner Beschäftigung mit der Persönlichkeit Philipps II von Spanien und dessen Infanten Carlos. Eine mit Reinhold nach Jena unternommene Reise bestärkte Schiller in seinem Entschluß, es dort zu versuchen; die Stadt und ihr Umfeld sagten ihm zu. Dabei war wohl auch sein Bestreben maßgebend, endlich ein festes Unterkommen zu finden, seßhaft zu werden.
Kurzum - wir überspringen zwei Jahre - : Nach der Aufsehen erregenden Veröffentlichung des »Abfalls der Niederlande« war der Weg zum Geschichtsprofessor in Jena frei und Schiller hielt seine vielbejubelte Antrittsrede am 26. Mai 1789 zum Thema: »Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte?« Ende 1788 hatte auf Vorschlag des aus Italien zurück gekehrten Goethe die Regierung des Herzogs die Bestallung Schillers verfügt. Sein Amt war zunächst ein unbesoldetes. Schiller war arm; er lebte vom kargen Ertrag seiner Veröffentlichungen; den Schutz des Gedankenguts, das Urheberrecht, gab es damals nicht; jedes Theater beispielsweise konnte seine Bühnenstücke aufführen, ohne ihm Tantiemen zahlen zu müssen. Ich überlasse es der Beurteilung eines jeden, wenn ich aus dem Emfehlungsschreiben des Ministers Goethe an den Herzog zitiere:
»Ein Herr Friedrich Schiller, welcher sich durch die Geschichte des Abfalls der Niederlande bekannt gemacht hat, soll geneigt sein, sich an der Universität Jena zu habilitieren. Die Möglichkeit dieser Akquisition dürfte um so mehr zu beachten sein, als man sie gratis haben könnte.«
Um gerecht urteilen zu sollen, muß man allerdings auch wissen, daß die beiden sich damals noch recht fremd gegenüber standen und daß es beiderseits starke Vorbehalte gab; und soll man jemanden - Goethe - schon deshalb tadeln, weil er seit seiner Geburt immer auf der Sonnenseite des Lebens gestanden hat, nie in Geldsorgen war, in einem Grade persönlich unwissend ist, was eigentlich materielle Not bedeuten kann?
Im folgenden Jahr kommt Schiller um eine Besoldung an und erhält nunmehr ein Jahresgehalt (!) von 200 Talern; mehr, so hatte der Herzog mit Bedauern gemeint, könne er der knappen Mittel wegen nicht bewilligen. Mit 450 Talern jährlich, so hatte Schiller sich ausgerechnet, werde er wohl auskommen können, und was die bewilligten 200 angeht, bemerkte der damals kränkelnde Dichter, er überlege, ob er sie in die Küche oder die Apotheke schicken solle.
Gleichwohl: Die Dürftigkeit der äußeren Lebensumstände ist kein Hindernis für das Lebensglück. Schiller heiratet.
Die Beschäftigung mit der (aus damaliger Sicht) neueren europäischen Geschichte führt ihn ins 17. Jahrhundert und damit zwangsläufig zum 30jährigen Krieg und zu dessen überragenden geschichtsmächtigen Gestalten:
Gustav Adolf von Schweden und Wallenstein. Die Früchte dieser Beschäftigung sind: Die Abhandlung über den Krieg und das großartigste und gedankentiefste aller Dramen, das je in deutscher Sprache geschrieben wurde: sein »Wallenstein«.
Ja, tiefsinnig war Schiller geworden im Umgang mit der Philosophie Kants, die ihn immer wieder in den Bann zieht, der er einerseits mit Überzeugung nunmehr anhängt, die aber auch für ihn im Bereich des Aesthetischen der Ergänzung bedarf. Die von Kant streng geforderte Herrschaft der Vernunft und ihrer Tugenden, der Moral und der Pflicht, kann für ihn allein nicht den Menschen ausmachen und mit der Auffassung, das Schöne sei »Zweckmäßigkeit ohne Zweck« und die Einstellung zum Schönen definiere sich als bloßes (»uninreressiertes«) Wohlgefallen, vermag er sich nicht abzufinden. Die wahre menschliche Existenz bedeutet für ihn, den leidenschaftlich Hochgestimmten, Warmherzigen, das allzeitige Streben zur Schönheit. Für ihn braucht der Mensch auf der höchsten Stufe seiner Entwicklung das »Aesthetische«, den »Schmuck« wie das tägliche Brot.
Schiller ist in diesen Jahren auf der Höhe seines Denkens und Schaffens angelangt. Er hat sich seine eigene Anschauung der Dinge gebildet. Im Winter 1792/93 liest er in Jena nichtöffentlich über »Aesthetik« und es erscheint als Ergebnis seiner Beschäftigung mit diesem Thema seine Abhandlung »Über Anmut und Würde«. Von Kant heißt es, er habe sie als »mit Meisterhand verfaßt« genannt und Johannes Scherr hat sie eindrucksvoll in seiner Schillerbiographie so gewürdigt:
»Mit dem Grundsatz der Freiheit hat er (Schiller) den der Menschlichkeit verbunden. Würde und Anmut sind die Erscheinungsformen dieser Grundsätze. Auf dem harmonischen Wechselspiel der sinnlichen und sittlichen Kräfte des Menschen beruht die Schönheit der Seele, deren unwillkürlicher Ausdruck in der Erscheinung die Anmut ist. Aber nicht immer verhalten sich die sinnlichen und sittlichen Kräfte ebenmäßig oder, m. a. W. stimmen Natur und Vernunft überein. Wenn nun der Mensch in diesem Widerstreit die Natur der Vernunft, seine Neigung der Pflicht unterwirft, handelt er erhaben, und die Erscheinungsform dieser sittlichen Kraft ist die Würde.«
Die Abhandlung »Über Anmut und Würde« ist die Vorstufe zu Schillers Briefen über die aesthetische Erziehung des Menschen. Die »Briefe« - es sind in Wirklichkeit gedanklich zusammenhängende Aufsätze über ein Generalthema - sind 1793 und 1794 entstanden. Sie sind dem am dänischen Hof in Kopenhagen lebenden Erbprinzen Friedrich Christian von Holstein - Augustenburg gewidmet. Diese Widmung hat eine Vorgeschichte, die man dem Leser nicht vorenthalten möchte, weil sie ein seltenes Zeugnis edlen Menschentums ist:
Im Winter 1791 hatte Schiller ernstlich krank darnieder gelegen, so ernstlich, daß an seinem Aufkommen gezweifelt werden mußte. Die Nachricht verbreitete sich, und wie es bei solchen Umständen begreiflich erscheint, war sie die Keimzelle für das Gerücht, Schiller sei bereits verstorben. Als dies nach Dänemark gelangte, veranstaltete der von Schiller enthusiasmierte Dichter Jens Baggesen sogar eine Totenfeier. Um so freudiger nahm er die Nachricht seines Irrtums entgegen, eilte zu Mitgliedern des dänischen Hofes, berichtete dort, und dies war der Anlaß zu einem denkwürdigen, vom Prinzen Augustenburg und einem Grafen Schimmelmann unterzeichneten Briefe, den Scherr eines der schönsten kulturgeschichtlichen Dokumente des 18. Jahrhunderts nennt und der auszugsweise lautet:
»Zwei Freunde... erlassen dieses Schreiben an Sie, edler Mann. Beide sind Ihnen unbekannt, aber beide verehren und lieben Sie. Beide bewundern den hohen Flug Ihres Genius, der verschiedene Ihrer neueren Werke zu den erhabensten unter allen menschlichen stempeln konnte... Dieses lebhafte Interesse, welches Sie uns einflößen, verteidige uns bei Ihnen gegen den Schein von unbescheidener Zudringlichkeit! Es entferne jede Verkennung der Absicht dieses Schreibens. Wir faßten es ab in einer ehrerbietigen Schüchternheit. ...
Ihre durch allzuhäufige Anstrengung und Arbeit zerrüttete Gesundheit bedarf, so sagt man uns, für einige Zeit der Ruhe, wenn sie wiederhergestellt und die Ihrem Leben drohende Gefahr abgewendet werden soll. Allein Ihre Verhältnisse, Ihre Glücksumstände verhindern Sie, sich dieser Ruhe zu überlassen. Wollen Sie uns wohl die Freude gönnen, Ihnen den Genuß derselben zu erleichtern? Wir bieten Ihnen... auf drei Jahre ein jährliches Geschenk von tausend Talern an. Nehmen Sie dieses Anerbieten an, edler Mann! Der Anblick unserer Titel bewege Sie nicht, es abzulehnen... Es wird von Ihnen abhängen, wo Sie dieser Ruhe Ihres Geistes genießen wollen. Hier bei uns würde es Ihnen nicht an Befriedigung der Bedürfnisse Ihres Geistes fehlen. Hochachtung und Freundschaft würden von mehreren Seiten wetteifern, Ihnen den Aufenthalt in Dänemark angenehm zu machen... Doch sind wir nicht so klein eigennützig, diese Veränderung Ihres Aufenthalts zur Bedingung zu machen. Wir überlassen dies lhrer eigenen freien Wahl. Der Menschheit wünschen wir einen ihrer Lehrer zu erhalten und diesem Wunsche muß jede andere Betrachtung nachstehen.«
Schiller blieb, wie wir wissen, in Deutschland; seinen Dank für das großzügige Geschenk, das ihn für die nächsten Jahre der wirtschaftlichen Not enthob und dessen sich der Weimarer Hof unendlich hätte schämen sollen, stattete er auf seine Weise dem Prinzen ab, indem er ihm jene philosophischen Exkurse widmete, die wir jetzt näher betrachten wollen.
Wir werden dabei bemerkenswertes erfahren, um so mehr, wenn wir berücksichtigen, daß Schillers Erkenntnisse aus einer Zeit stammen, die vor den Ergebnissen der bahnbrechenden naturwissenschaftlichen Forschungen des 19. Jahrhunderts lag, welche Ergebnisse erst das heutige Weltbild nachhaltig prägen und ebenso erst die Voraussetzung für eine Gotterkenntnis im Sinne der großen Philosophin geschaffen haben. Schiller hatte als Rüstzeug seiner gedanklichen Arbeit nur das, was man die vorurteilsfreie Vernunft nennt. Er gebrauchte, wie Kant es gelehrt hatte, seinen Verstand; das ist die Fähigkeit der kühlen Betrachtung, der logischen Verknüpfung und Abstraktion, was das Denken im strengen und eigentlichen Sinn ausmacht. Auch der Verstand indessen wird nur in den Schranken tätig, welche ihm die Welt der Erscheinung setzt; er ist ferner angewiesen auf das, was die Forschung im Bereich der exakten Wissenschaften über die Abläufe und Gesetzmäßigkeiten innerhalb der Erscheinungswelt nach dem jeweiligen Stand auszusagen vermag, demnach also durchaus irrfähig.
Schiller stand nicht der große Schatz des heute als gesichert geltenden Wissens von der Abkunft und Natur menschlichen Wesens zur Verfügung. So sagt er auch zu Beginn seiner Abhandlung (gleich im 1. Brief), er habe seine Erkenntnisse »mehr aus dem einförmigen Umgange mit sich selbst als aus der reichen Welterfahrung geschöpft« und betont, daß er als gehorsamer Schüler Kants voranschreiten wolle mit dem Vorsatz, erst das Objekt seiner Betrachtung zergliedern (er sagt sogar: zerstören) zu müssen, um es sich zu eigen zu machen. Es geht Schiller allerdings nicht um eine bloße Kritik der Allerweltsdinge; die hatte ja in überzeugender Weise bereits der große Kant geliefert. Schiller widersteht auch der Versuchung, die aufregenden politischen Schauplätze der Zeit (»wo das Schicksal der Menschheit verhandelt wird«) kritisch zu beleuchten - die französische Revolution wankte ja soeben ihrem grausigen Umschwung entgegen - . Er untersucht »das Schöne und die Kunst« und forscht nach den Gesetzen für die aesthetische Welt.
Hier will er dasjenige erkunden, von dem es in seinem um diese Zeit verfaßten Gedicht »Die Künstler« heißt, es finde sich »in den heitern Regionen, wo die reinen Formen wohnen, wo des Jammers trüber Strom nicht rauscht«.
Die Kunst - so sagt er im 2. Brief - ist die Tochter der Freiheit und von der Notwendigkeit der Geister, nicht von der Notdurft der Materie will sie ihre Vorschrift empfangen (welch herrliches Wort!). Hier schon wird deutlich: Nicht ein Mehr an Erkenntnis der Vernunft über die Welt der Erscheinung will der Dichter gewinnen, ihn beflügelt das Streben nach dem Schönen, Zweckerhabenen dem »Idealen«, wie er es später nennen wird. Ja, das Schöne gehe sogar der Freiheit voran, weil »die Schönheit es ist, durch die man zur Freiheit wandelt«.
Um dahin zu gelangen, müssen etliche Schritte gewagt werden, sowohl von Staats wegen als auch vom Einzelnen selbst (3. bis 5. Brief). Der Mensch in seinem Naturzustand ist ebenso wie die menschliche Gemeinschaft, die sich im Staate versammelt hat, amoralisch. Mit Hilfe der Erkenntnisse der Vernunft sollen beide zum Moralischen umgestaltet werden unter der Voraussetzung, daß das sittliche Betragen als natürlich erscheint (d .h. vor allem nicht »erzwungen« wird), daß der Wille frei bleibt zwischen Pflicht und Neigung und die Mannigfaltigkeit der Natur nicht verletzt wird. Pflicht wird hier als das durch die Einsicht (Vernunft) gebotene moralische Verhalten, Neigung als der natürliche Trieb verstanden. Aus der Übereinstimmung beider erwächst die »Tauglichkeit zur universalen Gesetzgebung« (das ist der kategorische Imperativ Kants). In dieser Hinsicht hat die Vernunft (sprich: hier die Philosophie Kants), bereits geleistet, was sie konnte (8. Brief). Woran liegt es aber, daß, nachdem diese sich »von den Täuschungen der Sinne und einer betrüglichen Sophistik gereinigt hat«, die Menschheit gleichwohl noch im Zustande der Barbarei verharrt?
Es liegt - meint Schiller - an den »Gemütern« ! Die Forderung Kants: sapere aude (wage zu denken) erreicht denjenigen mehrheitlichen Teil der Menschheit nicht, der durch den Kampf mit der Not viel zu ermüdet ist, als daß er sich zum Kampf mit dem Irrtum aufzuraffen vermöchte, den übrigen aber deshalb nicht, weil er zufrieden mit seinem Lose, um selbst der sauren Mühe des Denkens zu entgehen, andere die Vormundschaft führen läßt. Regen sich höhere Bedürfnisse, so »ergreift er mit durstigem Glauben die Formeln, welche Staat und das Priestertum in Bereitschaft halten«. Die Aufklärung Verstandes (hier vornehmlich im Sinne einer Ausprägung gemeint) geht »vom Charakter aus, weil der Weg zum Kopf durch das Herz geöffnet wird«, und daher ist die Charakterbildung, Schiller nennt sie hier die Ausbildung des Empfindungsvermögens, das dringende Bedürfnis. Das aber ist die Frage der Erziehung des Menschen und somit die Frage des Wie? und Wozu?.
Die zweite Frage nach dem Wozu wird schnell beantwortet. Schon im Eingang des nächsten (9.) Briefes heißt es: Alle Verbesserung im Politischen soll von der Veredelung des Charakters ausgehen.
Aber: Wie kann sich unter dem Einfluß der noch immer herrschenden barbarischen Staatsverfassung (gemeint ist hier keine Verfassungsurkunde, sondern der Zustand der menschlichen Gemeinschaft) der Charakter veredeln? Der Staat - sprich: die Gesellschaft - gibt das Werkzeug dafür nicht. Wohl aber gibt das Mittel die Kunst.
Die Kunst wie die (echte) Wissenschaft sind frei von den Fesseln menschlicher Willkür. Zwar kann der politische Gesetzgeber ihr Gebiet »sperren« (d. h. die Ausübung untersagen oder behindern), aber herrschen kann er hier nicht. Er kann den Wahrheitsfreund ächten, aber die Wahrheit besteht (trotzdem); er kann den Künstler erniedrigen (sogar töten lassen), aber die Kunst kann er nicht verfälschen. Wie aber, wenn der Künstler selbst dem Geist des Zeitalters huldigt, wenn sein Schaffen »das Gesetz vom Urteil der Menge empfängt«? Er wird »hinabstürzen in die Tiefen gemeiner Menschlichkeit«. Deshalb muß er den Mut aufbringen, das Urteil einer verderbten Zeit zu verachten. Er blicke aufwärts nach seiner Würde, nicht niederwärts nach dem (äußeren) Glück, dem »Erfolg«. Selbst nach Jahrhunderten der Dunkelheit ringen sich Wahrheit und Schönheit (man beachte die Gleichsetzung) mit unzerstörbarer Lebenskraft wieder empor.
p align=justify>»Gib also, werde ich dem jungen Freunde der Wahrheit und Schönheit zur Antwort geben, der wissen will, wie er dem edlen Triebe in seiner Brust bei allem Widerstand seines Jahrhunderts Genüge zu tun habe, gib der Welt, auf die du wirkst, die Richtung zum Guten, so wird der ruhige Rhythmus der Zeit die Entwicklung bringen.« (Man beachte wiederum eine Gleichsetzung: schön - wahr - gut)Kann nun, so fragt Schiller weiter (10. Brief) die schöne Kunst die gewaltige Aufgabe der Menschheitsveredelung bewältigen? Zweifel erscheinen ihm angebracht, weil der Geschmack, die Mode, nur auf die Form, nicht aber auf den Inhalt achten und die »verführerische Macht des Schönen« (hier wohl im Sinne des Gefälligen aufzufassen) dazu verleiten könnte, von der schweren Aufgabe abzulassen. Muß es nicht, und das wird anhand mehrerer Beispiele belegt, nachdenklich machen, daß, soweit es eine geschichtliche Überlieferung gibt, beinahe in jeder Epoche der Menschheit, in welcher die Künste blühten und der Geschmack regierte, die bürgerlichen Tugenden sanken, ein hoher Grad der aesthetischen Kultur kein Gradmesser war für die politische Freiheit, »die schönen Sitten nicht immer Hand in Hand gingen mit der Freiheit«? Daher gilt es, den Begriff des Schönen neu »aus der Vernunft heraus« zu definieren.
Dieser Versuch wird in den folgenden Briefen unternommen und nach einer längeren Diskussion, in welcher Schiller sich mit den beiden Dimensionen des Menschlichen, dem durch die Natur der Sinne und deren Empfindungen gelenkten, auf Wandel angelegten »Stofftrieb« und dem durch die Vernunft auf Beharrung und Behauptung der Persönlichkeit dringenden »Formtrieb« und ihren Wechselwirkungen auseinander gesetzt hat, fordert er die Notwendigkeit einer dritten Erscheinung: des »Spieltriebs«. Dessen Aufgabe sieht er darin, die beiden anderen harmonisch in Übereinstimmung zu bringen. Gegenstand des sinnlichen Triebes (der Materie) ist das »Leben«; Gegenstand der Gesetze und Ideen der Vernunft ist die »Gestalt«. Diese werden durch das Wirken der dritten Kraft zur »lebenden Gestalt«, das aber ist die »Schönheit«. Nur in der Einheit der Wirklichkeit (Natur) mit der Form (Gesetz, Sitte, Moral) vollendet sich der Begriff »Menschsein«, und nur in der glücklichen Mitte zwischen dem natürlichen Bedürfnis und den Forderungen der Vernunft (Moral, Sitte, Gesetz) ist der Mensch beiden Zwängen entzogen, also wahrhaft frei:
»Der Mensch ist nur ganz Mensch dort, wo er spielt, er soll aber nur mit der Schönheit spielen« (15. Brief).
Schönheit und Freiheit werden gleichgesetzt und mit dem Ideal der Menschheit wird zugleich das Ideal der Schönheit aufgestellt (16. bis 18. Brief): Die Schönheit geleitet den sinnlichen Menschen zum Nachdenken und moralischen Handeln, den geistigen führt sie zur Sinnenwelt zurück und verknüpft in diesem glücklichen »mittleren Zustand«, den Schiller das »Aesthetische« nennt, das Thema seiner Arbeit, die zwei entgegengesetzten Zustände, die »niemals eins werden können«, so, daß sie dennoch aufgehoben werden. Das Wesen der Schönheit ist »Freiheit«; Freiheit aber ist nicht Gesetzlosigkeit, sondern Harmonie - nicht Willkür, sondern innere Notwendigkeit, womit das zwanglose, nicht abgenötigte Bekenntnis zum moralischen Handeln gemeint ist. Die Harmonie der im Menschen wirkenden Grundtriebe nennt Schiller den »aesthetischen Zustand«, und über die Erziehung zur Aesthetik muß der Mensch nach dem Ziel, dem Ideal seines Menschseins, zum Schönen, zur Freiheit gelangen (20. Brief). Die als Voraussetzung dafür erforderliche aesthetische Stimmung ist eine Seelenverfassung in der »Nullage«, welche den Ausgleich der leidenden und tätigen Kräfte schafft, den hohen Gleichmut und die Freiheit des Geistes mit körperlicher Kraft und Rüstigkeit verbindet.
Diese Aufgabe vertraut Schiller - im 23. Brief - wiederum vornehmlich der Kunst an, und es muß nicht eigens betont werden, daß Schiller nicht diejenige »Kunst« gemeint haben kann, die sich nicht (mehr) dem Ideal des Schönen verpflichtet glaubt. Die Kunst, in welcher Gattung auch immer, sei es Musik, Poesie, bildliche Darstellung, kann jene erhebende, ja erhabene Wirkung auf das Gemüt entfalten, welche die oben beschriebene aesthetische Stimmung vorzüglich herbeizuführen geeignet ist. Der unausbleibliche Effekt dieses Eintauchens in die Welt des Schönen (man darf ohne Not hinzufügen: auch die Welt des Wahren und Guten) ist die »Freiheit von verzerrenden Leidenschaften und Tendenzen«. Durch die aesthetische Gemütslage wird der sinnliche Mensch auf den ihn vor Torheit bewahrenden Pfad der Vernunft geleitet, er wird veredelt, daß er sich nunmehr als geistige und moralische Persönlichkeit nach den Gesetzen der Freiheit entwickeln kann. Der Weg führt von der Schönheit zur Wahrheit und Pflicht! »Schönheit ist der einzig mögliche Ausdruck der Freiheit in der Erscheinung«! (Welches Wort! Man muß es mehrfach überdenken und stellt dann seine innige Verwandtschaft zu Teilen der Gotterkenntnis Mathilde Ludendorffs fest.)
Der Vorgang des Veredelns durch Streben nach aesthetischer Harmonie zwingt den Neigungen und Trieben das Gesetz seines (wie man hinzufügen darf nunmehr vollkommenen) Willens auf: Er wird lernen, »edler begehren zu wollen«. Das ist die Aufgabe der Kulturarbeit.
Im folgenden (24. Brief) erörtert Schiller die Gefahren, welche denjenigen bedrohen, der sich ausschließlich der Herrschaft des Verstandes überläßt. Ohne die Hinwendung zum Aesthetischen wird er sich nicht aus den Fesseln des Zweckmäßigkeitsdenkens befreien können. Was ist der denkende Mensch, ehe »die Schönheit ihm die freie Lust entlockt und die ruhige Form das wilde Leben besänftigt«? Das Statthaben an der Vernunft ist noch nicht der Anfang seines (wahren) Menschentums. Das wird erst durch die Freiheit (wie sie oben in ihrem Wesen bestimmt wurde) entschieden. Losgelöst von den engen Schranken der Tierheit (im Sinne der Religionsphilosophie ist damit gemeint: »befreit« von den Fesseln des in seinem Selbsterhaltungswillen vollkommenen Unterbewußtseins), führt ihn die auf sich allein gestellte Vernunft von Irrtum zu Irrtum, in das Endlose, in die Gier nach dauernder Veränderung, das unbegrenzte Verlangen. Statt durch sie, die Vernunft, etwas zu gewinnen, verliert er »die glückliche Beschränktheit des Tieres«. Opfer seiner verstandesmäßig gesteuerten Sinnlichkeit kennt er keinen anderen Zweck als seinen Vorteil. Durch den unglückseligsten aller Irrtümer macht er das Wertvollste in sich, das »Unveränderliche und Ewige« (die Religionsphilosophie nennt es den Unsterblichkeitswillen) zum Spielball seiner Spekulationen, schreitet in der Erklärung einzelner Erscheinungen in der Natur (der Welt der Erscheinung) über die Grenzen der Vernunft ebenso hinaus wie in der Erklärung des Sittlichen. So gelangt er zu den verhängnisvollen Systemen der Religionen und ihren untauglichen Erklärungsversuchen über das Metaphysische. »Er verscherzt seine Menschheit, wenn er auf diese Weise seine Gottheit sucht.«
Und weiter: die so gefundene »Religion« vermag ihn nicht für immer zu binden; denn ihr Gottesbegriff ist derjenige von einem mächtigen Wesen, und so »wird seine Gottesverehrung Furcht, die ihn erniedrigt, und nicht Ehrfurcht, die ihn in seiner eigenen Schätzung erhebt«!
Es muß daher ein Anliegen der aesthetischen Erziehung sein, die Vernunft von den »verfälschenden Antworten der Sinnlichkeit« zu reinigen. Geschieht das nicht, bleibt letztendlich das Moralische Diener des bloß Sinnlichen und ist der Mensch »nur ein vernünftiges Tier«.
Die letzten drei Briefe verhalten sich über das Entstehen der von Schiller so genannten aesthetischen Stimmung und ihre Auswirkung auf den Einzelnen und die Gemeinschaft, den Staat.
Die Betrachtung erst, das ist die Anschauung der Dinge losgelöst von den sinnlichen Wünschen und Begierden, schafft den notwendigen Wandel als die Grundlage für das »freie Verhältnis zur Natur«. Hat das Objekt der Betrachtung keine Gewalt mehr über den Menschen, beginnt seine Selbständigkeit, gewinnt er seine Würde. »Zum Göttlichen richtet er sich in edler Freiheit auf und das Monstrum des Morgenländers, das mit der blinden Stärke des Raubtiers die Welt verwaltet, ist... gebändigt... (da), wo der Mensch in eigner Hütte still mit sich spricht, ... wo ein leichter Aether (!) die Sinne jeder leisen Berührung öffnet und; die siegende Form auch die niedrigsten Naturen veredelt, wo aus dem Leben selbst die heilige Ordnung quillt und aus dem Gesetz der Ordnung sich das Leben entwickelt...«
Wodurch nun kündigt sich diese Wandlung im Betrachter - Schiller nennt sie: den Eintritt in die Menschheit - an? Seine Antwort lautet: Durch die Hinwendung zur Welt des (aesthetischen) »Scheins«, so nämlich benennt er das Zweckerhabene. Für ihn ist das gleichzeitig der entscheidende Schritt vom Zustand der Barbarei zur Kultur. Der den Bedrängnissen der Lebenswirklichkeit, des »Seins«, Entstiegene empfindet nicht mehr die Fesseln der materiellen Not, so gelangt er zur äußeren Freiheit - zur inneren, indem er hier, im Reiche der Einbildungskraft, die Gestalt vom Wesen trennt und so das »Ideal« gewinnt. Diesem gesteht er nunmehr eine eigene Bedeutung (Schiller nennt sie »Persönlichkeit«) für sein Leben zu. Der Bindung an das Materielle entronnen, kann das Ideal nunmehr seinen eigenen Zwecken dienen, was Schiller am Beispiel des »Schönen« erläutert: Es wird, wo der aesthetische Wille waltet, für sich allein Objekt des Strebens, als Schönheitswille in die Zahl der Bedürfnisse aufgenommen; die »Form« - als Gegensatz zum »Stoff« gemeint - nimmt nunmehr vom Menschen Besitz, verwandelt erst den äußeren, dann den inneren Menschen zum Träger der Kultur. So entstehen die Kunst und ein höheres Bewußtsein: Laut wird zur Musik, Sprache zur Poesie, der ungebärdige Sprung zum Tanz, die Begierde erhebt sich zur Liebe. Ja, den Schönheitswillen der Schöpfung entdeckt Schiller überall da, wo nach der Verschönerung des Daseins selbst auf die Gefahr der »sinnlichen« (materiellen) Verschlechterung getrachtet wird; er sieht ihn verwirklicht bereits im »toten« Stoff (dem Mineral) und im unterbewußt lebenden Tier.
Dem Reich der Kräfte (Materie, Sinne) und der Gesetze (Vernunft, Moral), dem Sein, gesellt sich das »fröhliche Reich des Spiels und Scheins« hinzu. Hier ist man gelöst von den Zwängen im Physischen und Moralischen, »Freiheit wird durch Freiheit gewährt«. Der Einzelpersönlichkeit, dem »Betrachter«, ist der Eintritt in dieses Reich nicht verwehrt, er kann ihn sich durch den »Wandel« schaffen, wie es oben dargestellt wurde.
Kann es aber auch die menschliche Gemeinschaft, kann es der Staat?
Schiller läßt die Frage offen, er stellt uns eine ideale menschliche Gemeinschaft nur vor Augen. Das. Leben in der Gesellschaft ist nur möglich durch die notfalls gewaltsame Bezähmung der Natur und die Unterwerfung des einzelnen Willens zugunsten des allgemeinen. In einem nach dem aesthetischen Prinzip aufgebauten Gemeinwesen müßte sich zwanglos der Wille des Ganzen durch die Natur des Einzelnen vollziehen - dort, »im Reiche des schönen Scheins«, würde einzig die »Harmonie der geselligen Geister« regieren. Wo solches existiert? Schiller denkt wirklichkeitsnah genug, um so abzuschließen: Dem Bedürfnisse nach in jeder feingestimmten Seele, in der Wirklichkeit allenfalls in einigen »auserlesenen Zirkeln«, »wo... eigne schöne Natur das Betragen lenkt,... der Mensch... weder nötig hat, fremde Freiheit zu kränken, um die seinige zu behaupten, noch seine Würde wegzuwerfen, um Anmut zu zeigen«.
Eine zusammenfassenden Beurteilung darf lauten:
Die Abhandlungen sind in der dem Dichter eigenen pathetischen Sprache (es gibt für »Pathos« m. W. kein gleichbedeutendes deutsches Wort) geschrieben. Uns Nachfahren ist dieser Stil fremd geworden, zumal wir Schillers Dramen und Gedichte unverfälscht ursprünglich kaum mehr auf der Theaterbühne, geschweige denn in den Medien erleben können. Und: Hand auf’s Herz!: Wann lesen wir sie noch? Der Arbeit des Nachvollziehens seiner anspruchsvollen Denkvorgänge sind wir daher entwöhnt, viele werden sagen: dieser Last enthoben. Wer sich indessen mit dieser wundervoll anschaulichen, im besten Sinne kunstvollen Sprache (wieder) vertraut gemacht hat, dem muß sie erscheinen wie ein Wunder der Vielfalt des Ausdrucks und des Reichtums der überquellenden Gedanken. Ja, zuweilen hat hier der Dichter den Vortritt vor dem Denker, überwältigt der leidenschaftliche und kühne Schwung des Ausdrucks die sachliche Aussage. Auch ist die Wahl der verwendeten Wörter für die Begriffe, die Zuordnung nicht immer folgerichtig streng, so daß mitunter ein Innehalten geboten ist; denn in dem üppigen Zustrom der Gedanken findet, erfindet er immer neue Möglichkeiten, sie mit dem Zaubermantel seiner poetischen Sprachkunst zu umgeben.
Auch damit vertraut, erhöht sich der Genuß im Umgang mit dem ausgebreiteten Gedankengut und man wird es ist oben zuweilen angedeutet worden - in manchem bald den wohltuenden Gleichklang zu den Anschauungen Mathilde Ludendorffs feststellen können. Dies in den Einzelheiten auszuführen, würde den Umfang dieser Darstellung sprengen, ist aber einer näheren Untersuchung würdig. Gleichwohl darf in der Kürze einiges angemerkt werden:
Die Abhandlung enthält Erkenntnisse, die nicht allein aus einem vermeintlich rein verstandesmäßigem Voranschreiten gewonnen sein können. Gewiß: Friedrich Schiller gebraucht das Werkzeug seiner Vernunft und weiß um deren Grenzen. Seine »Begeisterung« (hier in der eigentlichen Bedeutung des Wortes gemeint) indessen läßt ihn unversehens über die Grenzen in das Metaphysische stürmen und seine gleichsam seherische Erkenntnisquelle ist hier, wie man im Sinne der Religionsphilosophie als sicher annehmen darf, die »überbewußte Schau und Eingebung des gottnahen Ich«. Wir sind belehrt, daß dies zu allen Zeiten unabhängig vom Stande des Wissens über die Welt der Erscheinung möglich war, bevor noch die naturwissenschaftliche Erforschung der Entwicklungsgeschichte das Walten der seelischen Gesetzmäßigkeiten und damit auch das Rätsel Menschsein als Schöpfungsziel zu enthüllen vermochte.
Menschsein bedeutet für Schiller nicht nur, gemäß der Stufe seines Bewußtseins zu leben, also im Sinne Kants die Vernunft zu gebrauchen. Das führt »nur« zu moralischem Handeln, und so gewichtig dieser »erste Schritt aus der Barbarei in die Zivilisation« auch sein mag: Der kategorische Imperativ führt über die bürgerlichen Tugenden der Gesetzgebung und Pflichterfüllung nicht hinaus; denn was ist Pflichterfüllung letztendlich anders als »des Dienstes immer gleichgetellte Uhr«, wie arm bleibt »Tugend«, wenn auch sie nichts als (abgenötigte) Pflicht ist? Und schließlich bleibt bloßes »Gefallen« am Schönen unverbindlich; der Schönheitswille ist es, worauf es Schiller ankommt. Für ihn beginnt das Menschsein in seiner höchsten Bedeutung da, wo der den Zwang der Lebensumstände abgestreift Habende hinstrebt in den Bereich, der im Sinne der Religionsphilosophie das Jenseitserleben der Menschenseele im Diesseits ermöglicht, da, wo Wesenszüge des Göttlichen erschaut werden können. Das ist für ihn das Reich der Freiheit, die Welt des Guten, Wahren und Schönen, des Erhabenen, wo Anmut sich mit Würde paart. Und gelangt der von ihm erstrebte Idealzustand des Menschseins durch »Wandel zum Aesthetischen« nicht in eine erstaunliche Nähe zu dem, was die Philosophin mit dem von ihr geprägten Begriff der »Selbstschöpfung« erfaßt hat?
Schiller hat den elenden Zustand der Menschheit beklagt. In einem Brief an seinen Gönner, den Prinzen Augustenburg, hat er betont, daß die Besserung der Menschheit eine Aufgabe sei »für mehr als ein Jahrhundert«. Wir, die wir heute nach einem Jahrhundert des nicht für möglich gehaltenen Rückfalls in barbarische Verhältnisse von solchem Ziel weiter davon entfernt sind als zu Schillers Zeit, wir wissen, daß die menschliche Unvollkommenheit dieser Aufgabe als das gewaltigste aller Hindernisse im Wege steht. Mag auch der Einzelne sie überwinden können durch den »Wandel«, der großen Mehrheit der Menschen wird das nie gelingen, und so muß das Verlangen nach einer besseren Welt, einer idealen menschlichen Gesellschaft der ewige Wunschtraum bleiben. Schiller ist - seine »Briefe« erweisen es - sich des utopischen Charakters einer solchen Menschheitserwartung auch durchaus bewußt gewesen. Der Versuchung, sich mit Hilfe einer Heilslehre, Ideologie das Modell einer idealen menschlichen Gesellschaft zurecht zu zimmern, wie es andere erfolglos unternommen haben und mutmaßlich immer wieder konstruieren werden, dieser Versuchung ist er nicht erlegen, was allein schon die Überlegenheit seiner Gedanken erweist. Wir werden allerdings nicht erwarten dürfen, daß die menschliche Unvollkommenheit sich ihm als unabdingbar zum Erreichen des Schöpfungsziels offenbart hätte. Dem Gewicht seiner Erkenntnis tut das keinen Abbruch.