Religionsfreiheit und Menschenwürde

von Dr. Gunther Duda

Religionsfreiheit als Grundrecht

Die Religionsfreiheit ist durch eine Reihe von Gesetzen und Konventionen eindeutig bestimmt. Die Kenntnis dieser Bestimmungen ist zur Wahrung der Religionsfreiheit und eines demokratischen Rechtsstaates wichtig.

Die Nationalversammlung des deutschen Volkes verabschiedete am 11.08.1919 die erste demokratische Verfassung des Deutschen Reiches.

Ihr Artikel 135 besagt:
»Alle Bewohner des Reichs genießen volle Glaubens- und Gewissensfreiheit. Die ungestörte Religionsausübung wird durch die Verfassung gewährleistet und steht unter staatlichem Schutze. Die allgemeinen Staatsgesetze bleiben hiervon unberührt«

Artikel 136, Absatz 2 lautet:
»Der Genuß bürgerlicher und staatsbürgerlicher Rechte sowie die Zulassung zu öffentlichen Ämtern sind unabhängig von dem religiösen Bekenntnis.«

Artikel 137 sagt:
»Es besteht keine Staatskirche. Die Freiheit der Vereinigungen zu Religionsgesellschaften wird gewährleistet.«

Unter Absatz 7 wird erläutert:
»Den Religionsgesellschaften werden die Vereinigungen gleichgestellt, die sich die gemeinschaftliche Pflege einer Weltanschauung zur Aufgabe machen.«

In der »Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen« vom 10.12.1948, die fast wörtlich in der »Menschenrechtserklärung« der Pariser Nationalversammlung von 1789 wurzelt, heißt es in
Artikel 1:
»Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geist der Brüderlichkeit begegnen.«

Artikel 18:
»Jeder Mensch hat Anspruch auf Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit; dieses Recht umfaßt die Freiheit, seine Religion oder seine Überzeugung zu wechseln, sowie die Freiheit, seine Religion oder seine Überzeugung allein oder in Gemeinschaft mit anderen, in der Öffentlichkeit oder privat, durch Lehre, Ausübung, Gottesdienst und Vollziehungen von Riten zu bekunden.«

Artikel 19 betont das Recht auf Meinungsfreiheit:

Am 08.05.1949 beschloß der »Parlamentarische Rat« in Bonn das »Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland.«

Artikel 3 erklärt:
»Niemand darf wegen seines Geschlechts, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauung benachteiligt oder bevorzugt werden.«

Artikel 5 bestimmt:
»(1) Jeder hat das Recht seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.

(2) Diese Rechte finden ihre Schranken in den Vorschriften der allgemeinen Gesetze, den gesetzlichen Bestimmungen zum Schutz der Jugend und in dem Recht der persönlichen Ehre...«

Gemäß Artikel 19 dürfen die Grundrechte der Artikel 1-19 in keinem Fall im »Wesensgehalt angetastet werden.«

Artikel 140 legt folgendes fest:
»Die Bestimmungen der Artikel 136,137,138,139 und 141 der deutschen Verfassung vom 11.08.1919 sind Bestandteil des Grundgesetzes.«

Am 3.9.1953 trat die »Konvention zum Schutz der Menschenrechte und Grundfreiheiten, Gewissens- und Religionsfreiheit« in Kraft.

1958 wurde die Europäische Kommission für Menschenrechte und der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg gegründet.

Am 16.12.1966 beschloß die Generalversammlung der UNO die »Konventionen über bürgerliche und politische Rechte«, die sowohl von der BRD wie von der DDR unterschrieben wurden.

Wiederum bekannte sich die BRD feierlich zu
Artikel 18:
»1. Jedermann hat Anspruch auf Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit. Dieses Recht umfaßt die Freiheit, eine Religion oder Weltanschauung zu haben oder anzunehmen, und die Freiheit, entweder einzeln oder in Gemeinschaft mit anderen öffentlich oder privat, seine Religion oder Weltanschauung durch Gottesdienst, Andachten oder Unterricht auszuüben.

2. Die Religions- und Bekenntnisfreiheit darf nur solchen Beschränkungen unterliegen, die zum Schutze der öffentlichen Ordnung, Gesundheit, Moral oder der Grundrechte und Freiheiten anderer erforderlich sind.«

Artikel 19:
»Jeder hat das Recht, seine Meinung frei zu sagen«

Die Schlußakte von Helsinki, der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) hielt 1975 im Grundsatz VII des 1. Korbes fest:
»In diesem Rahmen werden die Teilnehmerstaaten die Freiheit des Individuums anerkennen und achten, sich allein oder in Gemeinschaft mit anderen zu einer Religion oder einer Überzeugung in Übereinstimmung mit dem, was sein Gewissen ihm gebietet, zu bekennen und sie auszuüben.«

Im Jahr 1976 trat der auch völkerrechtswirksame »Internationale Pakt über bürgerliche und politische Rechte« (IPBPR), sowie der »Internationale Pakt über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte« in Kraft. Diese beiden Pakte bilden mit der »Erklärung der Menschenrechte« den »Internationalen Menschenrechtskatalog«.

Jeder der 138 Vertragspartner verpflichtet sich hier gesetzlich, Einzelne vor religiöser Verächtlichmachung zu schützen. Dieser Schutz muß also vom Staat und seinen Organen, z.B. auch durch Bürgermeister gewährleistet werden.

Artikel 17 des Internationalen Menschenrechtskatalogs
»schützt die Mitglieder ethnischer, religiöser und sprachlicher Minderheiten davor, daß ihnen die Freude an ihrer eigenen Kultur verwehrt wird oder ihnen das Recht verweigert wird, ihre eigene Religion zu bekennen und auszuüben.«

Artikel 20 verbietet jedes »Eintreten für nationalen, rassistischen oder religiösen Haß«

Im März 1989 pochte das OSZE-Treffen in Punkt 16/6 erneut auf das Recht der Religionsfreiheit.

Was heißt »Freiheit der Religion«?

Die Menschenrechtskonventionen und der Europäische Gerichtshof mußten wegen der staatlichen Verletzungen der Glaubensfreiheit mehrfach zu dem Begriff Religion Stellung nehmen. Nachdem einige europäische Regierungen willkürlich entschieden, was »echte Religion« sei und was nicht, um dann jene herabzusetzen, die man als »keine Religion« einstufte, fällte der Europäische Gerichtshof 1996 z.B. gegen Griechenland eine bedeutsames Urteil. Er befand, der Staat hat nicht das Recht zu entscheiden, was eine »echte oder unechte Religion« ist.

Die Regierungen unterstehen der Menschenrechtskonvention und der darin gewährleisteten Religionsfreiheit. Sie sind verpflichtet, einen »wirklichen religiösen Pluralismus sicherzustellen.«

»Das Recht auf Religionsfreiheit, wie es von der Konvention garantiert wird, schließt jegliches Ermessen seitens des Staates aus, zu entscheiden, ob religiöse Überzeugungen oder die Mittel diese Überzeugungen zu äußern, legitim sind.«

Ausdrücklich betont auch die Europäische Union, »die Beurteilung, was Religion ist oder nicht, obliegt nicht dem Staat. Wenn Religionsfreiheit vollständig garantiert wird, dann trägt sie zu einer stabileren, freien und friedlicheren Gesellschaft bei. Dies ist eines der Ziele des gesamten OSZE- Prozesses.«

Die von der Konvention und dem IPBPR verwendete Bestimmung von Religion ist »so weitreichend wie möglich und umfaßt sowohl theistische (an einen persönlichen Gott glaubende) wie auch nicht-theistische Religionen« und ebenso »seltene und praktisch unbekannte Glaubensbekenntnisse.«

Im Urteil des Ersten Senates des Bundesverfassungsgerichtes von 1995 zur
»Frage der Anbringung eines Kreuzes in den Unterrichtsstunden einer staatlichen Pflichtschule« wurde in diesem Sinne folgendes entschieden:

»Artikel 4, Absatz 1 GG schützt die Glaubensfreiheit. Die Entscheidung für oder gegen einen Glauben ist demnach Sache des Einzelnen, nicht des Staates. Der Staat darf ihm einen Glauben oder eine Religion weder vorschreiben noch verbieten. Zur Glaubensfreiheit gehört aber nicht nur die Freiheit, einen Glauben zu haben, sondern auch die Freiheit nach der eigenen Glaubensüberzeugung zu leben und zu handeln...

Artikel 4, Absatz 1 GG beschränkt sich allerdings nicht darauf, dem Staat eine Einmischung in die Glaubensüberzeugungen, -handlungen und -darstellungen zu verwehren. Er erlegt ihm vielmehr die Pflicht auf, den Staatsbürgern einen Betätigungsraum zu sichern, in dem sich die Persönlichkeit auf weltanschaulich-religiösem Gebiet entfalten kann und sie vor Angriffen oder Behinderungen von Anhängern anderer Glaubensrichtungen oder konkurrierender Religionsgruppen zu schützen...

Der Staat hat vielmehr auf eine am Gleichheitssatz orientierte Behandlung der verschiedenen Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften zu achten.«
(Hervorhebungen vom Verfasser)

Auch die Bayerische Staatsregierung erklärte 1980:
»Das Prinzip religiös-weltanschaulicher Neutralität macht es dem Staat als Heimstatt aller Bürger zur Pflicht, sich in weltanschaulichen Dingen des Urteils und der Parteinahme zu enthalten.«

Nicht zuletzt sei noch auf den Bericht der Enquete-Kommission zu den sogenannten Sekten von 1998 verwiesen. Hier wird ebenfalls ausdrücklich betont, »Glaubens-, Gewissens- und Bekenntnisfreiheit sind zentrale und unveräußerliche Menschenrechte,« zu denen sich die Kommission uneingeschränkt und nachdrücklich bekennt. »Sie hat sich in ihrer Arbeit immer vom Gebot staatlicher Neutralität und Toleranz im Sinne von Artikel 4 unseres Grundgesetzes leiten lassen.«

Sie lehnt wegen der erheblichen Gefahr einer Diskriminierung (»pauschalen Stigmatisierung«) die Bewertung neuer religiöser und ideologischer Gemeinschaften und Psychogruppen und sogar die Verwendung des Begriffes »Sekte« wegen seines negativen Beiklanges ab. »Vielmehr hat der Staat die Entscheidung eines jeden Einzelnen und sein Bekenntnis zu dem von ihm gewählten Glauben zu respektieren.«

Weiter heißt es sittlich zu recht:
»Wo Gesetze verletzt werden, wo gegen Grundrechte verstoßen wird, wo gar unter dem Deckmantel der Religiosität strafbare Handlungen begangen werden, kann der Staat nicht untätig bleiben. Deshalb geht es um die ihm obliegende Aufgabe des Schutzes des Einzelnen vor Eingriffen in seine geschützten Rechte und des Schutzes der Gesellschaft.«

Als unerlaubte Eingriffe werden hier erwähnt:
»Isolation, psychische Manipulation des Einzelnen durch totalitäre Binnenstrukturen und Einsatz von problematischen Beeinflussungstechniken, Betrug, Ausbeutung, schwere seelische Schädigungen des Mitglieds und seiner Angehörigen, aber auch der Entwurf antidemokratischer Gesellschaftssysteme.«

Selbst die Weltreligionen: Islam, Katholizismus und Protestantismus sahen sich nach 1945 gezwungen, die ihrem Alleinseligmachungsanspruch widersprechende »Religionsfreiheit« anzuerkennen.

So also lauten unsere Freiheitsrechte, aber ebenso die staatlichen Pflichten und Rechte. Am Volk liegt es, an jedem Einzelnen, über ihre Erfüllung zu wachen.

Papier ist geduldig

Verfassungstheorie und Verfassungswirklichkeit klaffen gerade in der BRD weit auseinander. Eine umfangreiche Untersuchung der Universität Essex in England von 1997 befand beispielsweise:
»In Deutschland wird Demokratie als eine Ideologie benutzt, um Konformität aufzuzwingen. Bestürzend war es, festzustellen, daß der Staat und einige seiner Politiker sowie andere Leute sich genau dessen bedienen, was wir aus der Vergangenheit als vielbegangene Wege der Diskriminierung und Intoleranz nur zu gut kennen...«

Die USA, die die Glaubensfreiheit über alles schützen, werfen Deutschland eine in seiner (christlichen) Geschichte verwurzelte Unduldsamkeit vor.

Im Journal of Church and State 1998 schreibt H. Davis:
Die Geschichte zeigt, daß die »Erfahrung mit Deutschland in der Beständigkeit und in der zyklischen Natur einer Verfolgung Andersdenkender liegt, die nicht nur geschichtliche Perioden überspannt, sondern auch eine Reihe verschiedener politischer Strukturen: territorialer Staatenbund, Monarchie, Nationalsozialismus, faschistische Diktatur und moderne Demokratie. Für die deutsche Bevölkerung ist es deshalb unmöglich, einen Vergleich zu ziehen zwischen einer auf Toleranz gründenden sozialen Stabilität und einer gesellschaftlichen Ordnung, die auf staatlich unterstützter Nötigung basiert. Weite Teile der Gesellschaft akzeptieren Religion als etwas ‚Nichtfreiwilliges'«.

Denkt man an die Kreuzzüge, die Hexenverbrennungen, die Vertreibung der Salzburger Protestanten, Bismarcks Schwierigkeiten bei seinem Kulturkampf oder die Verächtlichmachung der Gotterkenntnis Ludendorff seit 1930, dann muß man dem zustimmen.

Betrachtet man freilich die Geschichte anderer Staaten und Völker, ließe sich ähnliches sagen. Denn auch die französische Revolution war von Machtgier und Intoleranz geprägt, wie auch die kommunistischen Revolutionen in Rußland und anderswo. Auch die USA zeigten noch in diesem Jahrhundert starke Rassendiskriminierung bis zur Zwangssterilisation von Indianern und radioaktiven Versuchen an Eskimos. Dies spielt aber hier keine Rolle.

Hat nun Religion keine Schranken und darf sie, wie z.B. zu Zeiten der Inquisition unbegrenzte Macht und Gewalt ausüben? Es stellt sich die Frage, nach den notwendigen sittlichen Grenzen der Religionsfreiheit.

Sittliche Schranken der Freiheit - Das Sittengesetz

In allen Völkern lebt die Erkenntnis, daß als Richtmaß für das Handeln gilt: »Was Du nicht willst, das man Dir tu, das füg auch keinem andern zu.« Dies ist die Grundlage für das Sittengesetz.

Trotzdem herrscht eine verwirrende Unklarheit darüber, wo die Grenzen der Freiheit und damit auch die Grenzen der Religionsfreiheit liegen.

Die Philosophie Mathilde Ludendorffs gibt uns hier Klarheit. Ihre Erkenntnis unterscheidet das Sittengesetz, welches gebietet, nichts zu tun, was die Mitmenschen, die Mitvölker oder die Natur schädigt, von der Moral des Lebens. Die Aufgabe des Sittengesetzes ist es, allen Menschen das Dasein zu sichern und ihnen dadurch die Möglichkeit zu einem sinnerfüllten Leben zu geben. Der Staat ist deshalb berechtigt und verpflichtet, Übertretungen des Sittengesetzes sittlich zu ahnden.

Ein ganz anderer Bereich des menschlichen Daseins, nämlich die Moral des Lebens unterliegt dagegen keinerlei Zwängen. Hier herrscht die unbedingte Freiheit des Einzelnen. Dazu gehört die Bekenntnis- und Glaubensfreiheit, die dort ihre Grenze findet, wo sie andere bedrängt oder durch Gewaltanwendung auf körperlichem oder seelischem Wege die eigene Glaubensvorstellung anderen aufzuzwingen versucht.

Im übrigen ist es die ureigenste Angelegenheit jedes Einzelnen, ob und auf welchem Wege er sich transzendenten Erlebniswerten zuwendet und dort Erfüllung und Gotterleben findet.

Die »göttlichen Wünsche« des Ichs der Seele zum Wahren, Guten und Schönen, Elternliebe und Gottesstolz als Ausdruck von Würde und Verantwortung, unterliegen somit keiner Begrenzung.

Mathilde Ludendorff faßte diese Gedanken in folgende Worte:
»Es hat aber auch die Freiheit selbst für das Gemeinschaftsleben der Völker eine sittliche Grenze gefunden! Sie darf nur dann, ja sie muß dann begrenzt werden, wenn irgendeine politische oder religiöse Richtung sich grundsätzlich das Recht zuspricht, den Menschen gegenüber irgendwann einmal Gewalt anzuwenden, um sie zum Gehorsam zu bringen...«

Die als »Gotterkenntis« bezeichnete Philosophie Mathilde Ludendorffs gab das Wissen, »daß Verbote nur gegenüber den Ideologien sittlich berechtigt sind, die politische Gewaltstaaten oder Gewaltgottesstaaten erstreben und eingerichtet haben. Vom Sittengesetz muß dieser Übergriff abgewehrt werden... Niemals aber haben zu einer solchen Abwehr diejenigen ein Recht, die selbst Gewalt ausüben oder Gewaltausübung vorbereiten und für sich rechtfertigen wollen.«

Die wahre Achtung vor andersdenkenden Menschen zeigt sich in folgenden Gedanken der Religionsphilosophie M. Ludendorffs:
»Die Gotterkenntnis... lehnt Gottesvorstellungen als Übergriffe der Vernunft ab und wäre völlig außerstande, sie nun gar Menschen als ‚Glauben' zu gebieten! Sie betont die Freiheit der Überzeugung und betont immer wieder, daß keine Religion die einzelne Menschenseele hindern könnte zu Gott zu finden, daß aber keine religiöse Überzeugung verhüten kann, daß der Mensch sich von Gott mehr und mehr löst...

Dementsprechend wertet die Gotterkenntnis niemals die Menschen nach ihrer Glaubenszugehörigkeit zu einem Dogma oder nach der Zugehörigkeit zu ihr selbst. Einzig und allein das Handeln der Menschen macht ihren Wert aus. Einzig und allein dieses entscheidet auch darüber, ob wir uns einem Menschen nahe oder innerseelisch verwandt fühlen, oder weltfern von ihm stehen!«

Was ist die Würde des Menschen?

Im Jahre 1793 nannte Friedrich Schiller die Würde: »Ausdruck einer erhabenen Gesinnung«. Weiter sagte er: »Beherrschung der Triebe durch moralische Kraft ist Geistesfreiheit und Würde heißt ihr Ausdruck in der Erscheinung«

Somit erkannte Schiller in der Würde den Ausdruck der Geistesfreiheit. Er schrieb:
»Würde gibt sich bei der Tugend von selbst, setzt sie doch schon ihrem Inhalt nach die Herrschaft des Menschen über seine Triebe voraus.«

Schillers »Würde«, Kants »moralische Stärke« und Mathilde Ludendorffs »göttliche Wünsche« des Ichs sind alle Ausdruck für das Gotterleben der Menschenseele.

Das Gotterleben beseelt das Denken durch Wahrhaftigkeit, das Handeln durch Güte, die Wahrnehmung durch das Schöne und das Fühlen durch edle Liebe und edlen Haß gegen alles Gemeine und Schlechte. Das Bewußtsein der eigenen Würde nennt Mathilde Ludendorff den »Gottesstolz«. »Der Gottesstolz ist das Ahnen des hohen Amtes des Menschen. Der Vollkommene, der den Gottesstolz in Reinheit und Unverzerrtheit in sich erlebt, weiß um das hehre Amt des Menschen, Träger der Gottesbewußtheit zu sein... Der reine Gottesstolz ist am besten gekennzeichnet durch die Worte: Erhabene Würde und ernste Verantwortung... Meist wird er aber von der Vernunft, die das Wesen Gottes und somit auch den Sinn des Menschenlebens nicht fassen kann... sehr verkannt.«

Hier wird klar, daß Menschenwürde Freiheitsrechte einfordern muß.

Der Menschenwürde nahmen sich deshalb auch Gesetze und Konventionen an.

Die Geschichte der Menschenwürde

Artikel 1 des deutschen Grundgesetzes lautet:
»(1) Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.
(2) Das deutsche Volk bekennt sich darum zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeglicher menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit der Welt.
(3) Die nachfolgenden Grundrechte binden Gesetzgebung, vollziehende Gewalt und Rechtsprechung als unmittelbar geltendes Recht.«

Artikel 2:
»(1) Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit so weit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt.
(2) Jeder hat das Recht auf körperliche Unversehrtheit. Die Freiheit der Person ist unverletzlich. In diese Rechte darf nur auf Grund eines Gesetzes eingegriffen werden.«

Das Grundrecht der Menschenwürde ist jung. Das heißt aber nicht, daß sie vorher nicht geachtet wurde. Erst nach der Einführung des Christentums kam es zur Verachtung, Verfolgung und Ermordung religiös Andersdenkender. Dies trug dazu bei, daß die sittliche Haltung und Achtung gegenüber Menschen und Völkern im Laufe der Jahrhunderte verloren ging.

Auch in der Menschenrechtserklärung der französischen Revolution von 1789 fehlt noch die Menschenwürde. Erstmals findet sich u.W. der Begriff der Menschenwürde in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen vom 10.12. 1948.

Diese von fast allen Staaten unterschriebene Erklärung stellte zunächst keinen völkerrechtlich bindenden Vertrag dar, sondern nur eine Empfehlung der Generalversammlung. Im Laufe der Zeit wurde sie aber durch verschiedene Menschenrechtskonventionen zu einer für fast alle Staaten verbindlichen Verpflichtung.

Die Menschenrechte laufen damit aber auch Gefahr, als politisches Mittel mißbräuchlich angewandt zu werden. Dienten angebliche oder wirkliche Verstöße doch zu gewalttätigen Einmischungen in die inneren Angelegenheiten von Staaten, z.B. von Jugoslawien und dem Irak, was bislang unzulässig war. Bedenkt man dabei, daß diese Einmischungen immer nur dort erfolgen, wo damit gleichzeitig lohnende politische Ziele der Eingreifer erreicht werden, so haben solche Maßnahmen mit der wahren Achtung der Menschenrechte nichts zu tun. Außerdem verstoßen sie gegen die noch 1975 von der OSZE verkündete:
»Nichteinmischung in innere Angelegenheiten eines Staates« und »Gleichberechtigung und Selbstbestimmungsrecht der Völker«.

Während das Menschenrecht also in Konventionen und Gesetzen sich zu verbindlichen Normen entwickelte, blieb das Völker- und Volksgruppenrecht auf seinem Stand stehen. »Freiheit, Eigentum, Sicherheit und Widerstand gegen Bedrückung« gelten meist nur dem Einzelnen, nicht aber der natürlichen Lebensgemeinschaft des Menschen.

Dabei hieß es in der Erklärung von 1789 in Artikel III:
»Jegliche Souveränität liegt im Prinzip und ihrem Wesen nach in der Nation.«

Die Menschenrechtserklärung der UN von 1948 sprach von »Völkern, Nationen und Gemeinschaften, in denen allein die freie und volle Entwicklung der Persönlichkeit möglich ist.« Dies ist erkenntnisphilosophisch richtig. Es berücksichtigt die Erkenntnis, daß Menschen unterschiedlicher Grundmentalität sich in Völker sondern. In dem Zusammenleben mit Menschen gleichen Gemütserlebens findet der Einzelne die Kraft und Geborgenheit zur Entfaltung.

In der Jüdischen Allgemeinen vom 5.9.96 wird dies so ausgedrückt: Das wesentliche Ziel einer jüdischen Schule in Deutschland sei es, »alle Kinder- die schwachen genauso wie die starken - bei der Entwicklung einer selbstbewußten jüdischen Identität zu begleiten und zu fördern... Noch wichtiger ist die Einbindung des Kindes in eine jüdische Gemeinschaft... das Zugehörigkeitsgefühl jedoch entsteht durch gemeinsames Erleben...

Der Freund und Banknachbar entstammt der gleichen Lebenswelt wie man selbst. Diese Übereinstimmung erleichtert dem Kind die Übernahme dieser Werte... Unsere Kinder sollen sich später tatkräftig und selbstbewußt als mündige Bürger in die Gesellschaft einbringen können - als selbstbewußte Juden. Das wird ihnen umso besser gelingen, je selbstverständlicher sie ihr eigenes Jüdisch-Sein annehmen und je gefestigter ihre innere Verbindung zu unserer Gemeinschaft ist...«

Schlußbetrachtung

Durch die Gotterkenntnis Mathilde Ludendorffs werden die »Menschenrechte«, das ewig notwendige Ringen um sittliche Freiheit begründet und erweitert. Sie gibt die Erkenntnis, daß jeder Mensch in einzigartigem Selbstbestimmungsrecht die Freiheit der Wahl hat, sein Denken und Handeln mit den Wünschen zum Guten, Wahren und Schönen in Einklang zu bringen. Aber ebenso hat er die Freiheit, sein Leben ganz bewußt im Gegensatz zu diesen göttlichen Wünschen zu führen.

Der Gottesstolz, das »bessere Ich« im Menschen, den jeder selbst entfalten oder verkümmern lassen kann, ist eine Hilfe bei der Entscheidung, ob der Mensch sein Leben in innerer Freiheit und in Übereinstimmung mit den göttlichen Wünschen oder nach reinen Nützlichkeitserwägungen gestaltet.

Die Philosophin schreibt dazu: »Dieser Gottesstolz ist heilige Wirklichkeit, die erst der Menschenseele das Jenseits (die Transzendenz) erschließt, denn er schenkt dem Ich die göttliche Heimat, das Jenseits aller Kausalität, schenkt ihm den Wesenszug Gottes, der es überhaupt erst fähig macht, Göttliches bewußt zu leben und zu erleben, nämlich die Freiheit. Er also ist es, der den Menschen diese Freiheit als sein unantastbares, heiliges Recht beanspruchen und verteidigen läßt. Er ist es, der sogar auch unzählige, noch unvollkommene Menschen seit je entflammt hat, Freiheit zu verteidigen und zu retten. Er hat sie seit je dazu befähigt, sogar ihr Leben in Gefahr zu bringen im Kampfe um die Freiheit, wenn sie durch andere Menschen bedroht ward.«

Die philosophischen Erkenntnisse Mathilde Ludendorffs zur klaren Trennung von Sittengesetz und Moral geben einem sittlichen Rechtsstaat unantastbare Grundlagen. Die Freiheit des Einzelnen und der Völker findet seine Grenzen im Sittengesetz. Auf dem Gebiet des Gotterlebens und der religiösen bzw. weltanschaulichen Überzeugung darf es keinen Zwang geben. Jeder Staat, der ein sittlicher Rechtsstaat sein will, muß sich an diesen absoluten Erkenntnissen messen lassen.